Alle Jahre wieder kommt nicht nur (worauf jedenfalls wir – älter gewordenen – gerne verzichten täten) das das aus der unbefleckten Maria entsprungene Jesulein aus dem Stall in unsere Wohnzimmer. Hernach geben (in allen Dritten Glotzenprogrammen) uns die Ehre: Miss Sophie und James. Sylvester lieber ohne anderes Knallzeug, denn ohne diese Beiden …Wie immer wird James sie mit der vollendeten Höflichkeit eines in ihren Diensten alt gewordenen Butlers zu Tische geleiten.
Wie immmer wird Miss Sophie ihre abwesenden, aber von James galant vertretenen alten Freunde – Sir Toby, Admiral von Schneider, Mr. Pommeroy und vor allem ihren «sehr lieben» Mr. Winterbottom – zu ihrer Tafelrunde begrüssen.
Wie immmer wird James servieren und stellvertretend für das Quartett die Gläser leeren.
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Und wie in den vergangenen Jahren wird er Mal für Mal über den ausgestopften Tigerkopf stolpern.
Wie im letzten Jahr wird James Miss Sophie immer wieder fragen, im Ganzen nicht weniger als fünfmal, ob «die Prozedur» die gleiche sein solle «wie im letzten Jahr» («the same procedure as last year»).
Wie im letzten Jahr wird Miss Sophie ihn korrigieren, dass «die Prozedur» die gleiche sein solle «wie jedes Jahr» («as every year») – einschliesslich ihres von James begleiteten Ganges zu Bett.
Und wie jedes Jahr werden wir Fernsehzuschauer Miss Sophie alias May Warden und vor allem James alias Freddy Frinton dabei zusehen, wie es ist, wenn «die Prozedur» wie «jedes Jahr» ist.
Längst ist dies Stück Ritual geworden, ist dieses Stück in seiner Fernsehfassung zu sehen, das ein Ritual inszeniert: «Dinner for one». Mindestens einmal muss man es zum Silvesterabend sehen. Und wenn man an einem Mal noch nicht genug hat, schaltet man auch diverse andere Kanäle zur Wiederholung an. Allerdings, allzu häufig darf man das auch nicht tun. Sonst macht man bald die Erfahrung, dass selbst die ewige Wiederkehr sich besser nicht zu oft ereignet.
Was aber erheitert, erfreut uns so daran, dass es auch dieses Jahr wieder wie letztes, wenn nicht wie jedes Jahr zu Silvester wird? Natürlich ist James alias Freddy Frinton der Matchwinner. Als höflicher Butler, nicht ganz sattelfester Trinker, eleganter Stolperer, galanter Stellvertreter von Sir Toby, Admiral von Schneider, Mr. Pommeroy und vor allem von dem «sehr lieben» Mr. Winterbottom spielt er alle anderen und auch Miss Sophie an die Wand. Insofern ist das Stück, das eigentlich ein «Dinner for five» ist, tatsächlich eines «for one». Ein virtuos inszenierter Slapstick, an dessen Ende silvestergerecht, aber auch etwas forciert der Gang ins Bett steht.
Aber es gibt auch noch eine andere Ebene des Stücks. Miss Sophie feiert ihren Geburtstag, den neunzigsten. Das klein geschriebene «happy new year», das ihr wiederholt von James gewünscht wird, meint zunächst ihr neues Lebensjahr, erst dann Neujahr. James ist ausserordentlich charmant, wenn er der gerade genesenen Miss Sophie («I am feeling much better») an diesem Abend ein fabelhaftes Aussehen, ja schönste Jugendfrische («you look younger than ever, love!») bescheinigt.
Dann vergewissert sich Miss Sophie, ob zu ihrem Geburtstag auch «alle hier sind». «Alle», das sind die abwesenden vier, deren tatsächlich «hier seiender» Stellvertreter James ist.
Warum die vier nur dank James’ Stellvertreterschaft anwesend sind, erfährt man nicht. Vielleicht sind es ehemalige Freunde, Liebhaber der offenbar unverheiratet gebliebenen Miss Sophie, bevorzugt der nach wie vor «sehr liebe» Mister Winterbottom. Wahrscheinlicher ist indessen, dass sie gestorben sind – was das einundneunzigste «happy new year» von Miss Sophie selber nach dem überstandenen Unwohlsein etwas gefährdet erscheinen lässt. Ob es «wie jedes Jahr», ob es nicht vielmehr «wie das letzte» sein wird, das ist womöglich die Frage.
Eben diese der guten Laune wegen selbstverständlich unausgesprochene Frage ist es, die «Dinner for one» nicht beantwortet, aber auf die es reagiert. Gerade weil es wie «das letzte Jahr» sein könnte, kommt alles darauf an, dass es «wie jedes Jahr» ist.
Das Ritual mag stehen als Gegenmittel für das Verrinnen und Vergehen der Zeit. Im Ritual steht die Zeit still. Deswegen ist die Zeitform des «every year» stattfindenden Rituals ein immerwährendes Präsens, das die nicht vergangene Vergangenheit mit Gegenwart und Zukunft zusammenfasst, während es das «last year» nur zu einer Wiederholung der Vergangenheit bringt.
Die Stillstellung der Zeit gilt auch für das Ritual der Fernsehzuschauer, auch wenn ihre Geburtstage noch nicht so weit fortgeschritten wie der von Miss Sophie sind. «Dinner for one», Dinner for two, Dinner for five, Dinner for all am Fernsehsilvester möglichst mehrfach zu sehen – das ist das Ritual eines Rituals, das der Freude an der Wiederholung, der tunlichst ewigen Wiederkehr des Gleichen entspricht und die Vergänglichkeit für die Dauer eines so heiteren wie hintergründigen Stücks aufhebt. Es bringt, selbst wenn Sir Toby, Admiral von Schneider, Mr. Pommeroy und der «sehr liebe» Mr. Winterbottom für alle Zeiten entschwunden sind, Miss Sophie mit ihrem James und den Zuschauern für einen und hoffentlich viele weitere Silvesterabende zusammen. Jedes neue Jahr ist (ist das so ? ,naja) ein glückliches Jahr, wenn es wie jedes Jahr ist. «The same procedure as last year? The same procedure as every year.» tno



