Als der Bundestrainer seinen WM-Kader präsentierte, schüttelte ein ganzes Land kollektiv den Kopf. Jetzt steht die DFB-Elf im WM-Halbfinale – mit Lukas Podolski und Miroslav Klose. news de beleuchtet die wegweisende Entscheidungen des Bundestrainers.
Umstrukturierung nach der EM: Keine Altstars mehr!
Es muss irgendwann nach der Europameisterschaft 2008 gewesen sein. In Österreich und der Schweiz war die deutsche Mannschaft zwar bis ins Finale gekommen, doch im Endspiel war Europameister Spanien der deutschen Elf in allen Belangen überlegen. Anstatt mit den alten Recken wie Jens Lehmann, Torsten Frings oder Thomas Hitzlsperger bis zur WM 2010 weiter zu machen, entwickelte der Bundestrainer ein Spielkonzept, das derzeit das erfrischendste der Welt ist und vor allem auf dem Engagement von jungen Spielern wie Thomas Müller und Mesut Ötil fußt. Genau die richtige Entscheidung!
Vertragsverlängerung: Entscheidung erst nach der WM!
Als im Januar und Februar die vorzeitige Vertragsverlängerung von Jogi Löw und seinem Team platzte, herrschte für eine Weile Funkstille zwischen der Spitze des Deutschen Fußballbundes (DFB) und der Führung der Nationalmannschaft. Weil beide Seiten Fehler gemacht hatten, entschieden Löw, Bierhoff & Co., das Thema auf die Zeit nach der WM zu verschieben. Das hätte für Unruhe in der Mannschaft sorgen können – es kam aber genau umgekehrt. Vielleicht geben die Spieler in Südafrika sogar noch ein paar Prozent mehr, um den erfolgreichen Weg auch nach der Weltmeisterschaft weiter mit Löw gehen zu können. Und auch für den Bundestrainer war es sicher eine Extramotivation, sich im Falle eines Scheiterns der Verhandlungen mit einem hervorragenden Ergebnis aus dem Amt verabschieden zu können. Aktuell sind die Sympathiewerte für Löw in der Mannschaft und vor allem in der Bevölkerung so hoch, dass der DFB gar nicht anders kann, als Löws Forderungen zu erfüllen. Wieder genau die richtige Entscheidung!
Der WM-Kader: Poldi und Klose, kein Kevin Kuranyi!

Danke, Trainer, dass du mich mitgenommen hast: Lukas Podolski und Jogi Löw in inniger Umarmung. Am 6. Mai präsentierte Löw in Stuttgart seinen vorläufigen WM-Kader - und ein ganzes Land schlug kollektiv die Hände über dem Kopf zusammen. Lukas Podolski und Miroslav Klose, die gemeinsam in einer ganzen Bundesligasaison magere fünf Törchen erzielt hatten, sollten Deutschland zur Weltmeisterschaft schießen. Kevin Kuranyi, der Schalke mit 18 Toren auf den zweiten Platz der Tabelle befördert hatte, wurde hingegen nicht berücksichtigt. Dann kann das DFB-Team gleich zu Hause bleiben, dachten viele. Doch Löw hatte genug Vertrauen in das Leistungspotenzial seiner beiden Stürmer - und noch viel mehr in seine eigenen Fähigkeiten. In intensiver Trainingsarbeit sowie durch taktisch kluge Ausrichtung und viele Gespräche ist es ihm gelungen, seine geknickten Topstars wieder aufzurichten. Richtig entschieden, ihre Leistungen auf dem Platz sprechen für sich!
Ballack, Träsch und Westermann verletzt: Keine Nachnominierung!
Nach den Ausfällen von René Adler und Simon Rolfes ging wieder ein kollektiver Aufschrei durch die Republik. Kevin-Prince Boateng hatte Michael Ballack ins Krankenhaus getreten und ein ganzes Land war sich erneut sicher, dass das deutsche Team in der Vorrunde ausscheiden würde. Ohne den «Capitano» machte das ganze WM-Vorhaben kaum noch Sinn. Doch Löw blieb cool. Insgeheim – und diese Entscheidung wurde ihm ausnahmsweise einmal abgenommen – war er wohl ganz froh, nun im defensiven Mittelfeld auf seine jüngeren und wendigeren Lieblingsschüler Sami Khedira und Bastian Schweinsteiger setzen zu können. Als dann auch noch Christian Träsch und Heiko Westermann ausfielen, war es jedoch wieder am Bundestrainer, eine Entscheidung zu treffen. Viele Übungsleiter hätten sicher einen erfahrenen Sechser nachnominiert, vielleicht doch Hitzlsperger, Fabian Ernst oder Sebastian Kehl. Doch Löw blieb seiner Linie treu und mutete seiner homogenen Mannschaft keinen Fremdkörper zu. Heute kann man sagen: gut so!
Die Trainingsinhalte: Spielen statt Standards !
Es gab einmal eine Zeit, da war das deutsche Spiel eher statisch. Kampf, Wille und Disziplin – die sogenannten deutschen Tugenden – zeichneten das DFB-Team aus. Und wenn das über 90 Minuten hinweg nichts brachte, dann half zur Not eine Standardsituation. In Löws Spielauffassung spielen Standardsituationen allerdings eine eher untergeordnete Rolle. So untergeordnet, dass er in all den Wochen vor und während der Weltmeisterschaft keine einzige Trainingseinheit darauf verwendete. Stattdessen übte er das Verschieben im Raum und das Spiel ohne Ball, bis es seine Spieler verinnerlicht hatten. Gute Entscheidung, denn Tore durch Standardsituationen sind unnötig, wenn die deutsche Mannschaft den Ball auch spielerisch ins Tor befördern kann. Sieht auch viel schöner aus!
Vom Sportmacker Ullrich Kroemer
sgo/news.de



05.Jul.2010, 06:21
Interessante Beobachtungen im Beitrag oben zur Frage, was Jogi Löw alles richtig gemacht hat. Sehr aufschlussreiche Hintergründe! Chapeau dem Experten!
Ich würde gerne noch eine “Strategie” Löws hinzusetzen, von der ich allerdings nicht weiß, ob Löw sie unbewusst-intuitiv oder ganz gezielt auf der Grundlage seiner “Fussballtheorie” ins Konzept genommen, ja zum Konzept per se gemacht hat.
Sie scheint mir auf jeden Fall ein klares Alleinstellungsmerkmal der Deutschen Mannschaft im Ranking der 16 beteiligten Mannschaften zu sein, das sie zu den bisherigen, außerordentlichen Siegen befähigt haben dürfte.
Man könnte – resümierend – von einem Ansatz “Zwei in Eins” sprechen, den so konsequent, kohärent und doch divers keine Mannschaft des Turniers spielen kann, denke ich (Argentinien-Spiel war Messi-Spiel, England war veraltetes Spiel, Honduras war reines Latino-Spiel auf schwachem Nievau, Brasilien und Spanien, na ja, auch zu durchsichtig). Ich meine damit die gelungene Integration zweier verschiedener Spielsysteme mit zwei verschiedenen Spielträgertypen zu einer einzigartigen Spielweise.
Sodass irgendjemand aus der Presse sogar behauptete, die ersten 6 Minuten des Argentinien-Spiels… so gekonnt sei überhaupt noch niemals gespielt worden, in der gesamten Fußballgeschichte nicht!? Was man so alles “weiß”…
Der Fußball, wie ihn die Deutsche Elf früher nach den glorreichen 70er Jahren gespielt hat, war – wie oben im Beitrag auch richtig bemerkt – vergleichsweise von einer gewissen Starre geprägt, die prioritär auf lange Pässe, harte Zweikämpfe mit versuchter körperlicher Überlegenheit, Pressing und das Nutzen von Standardsituationen inkl. viele Fernschüsse setzte.
Hierfür stehen trotz ihrer durchaus vorhandenen Fähigkeit zu modernem Teamspiel und auch zu trickreichem Spiel nunmehr solche “älteren” oder länger schon dabei seienden Spieler wie Klose, Schweinsteiger, Podolski sowie natürlich die meisten Abwehrspieler (außer Lahm, der eine Sonderrolle hat). Das ist die Achse, das Gerippe des einen Systems.
Die andere Achse bzw. das andere Gerippe wird gebildet durch oberquirlige Spieler neuen Stils wie Özil, Müller, Boateng, Khedira, Marin, Cacau, auch wenn die beiden Letzteren kaum in Einsatz waren (dafür aber am gemeinsamen Training beteiligt). Diese pflegen ein System, das man früher als “lateinamerikanisch” eingestuft hätte. Nicht unbedingt Fernschüsse wie Podolski, sondern den Ball stark trickreich in den Strafraum tragen, sich über Doppel- und Dreifachpässe in Tornähe pirschen, filigrane Drehungen, rasche Wendungen und feingesteuerte Ballbehandlung vom Feinsten auf engstem Raum.
Aus beiden Systemen besteht bei dieser WM das Spiel der Deutschen Mannschaft. Und die große Leistung von Löw besteht m.E. darin, diese beiden Systeme geradezu ideal synthetisiert zu haben. So laufen die Spiele – abgesehen von schwarzen Tagen wie beim Serbien-Spiel – wie aus einem Guss und bescheren selten gekannten Torsegen.
Dies vor allem auch dehalb, weil der Gegner durch das Doppelsystem verwirrt wird. Stellt er sich nämlich auf das enge “Fuddelspiel” der Quirligen ein, dann kommt er durch Standardsistuationen oder irgendeinen Hammerschuss der lauernden “Alten” in höchste Gefahr (wobei der Schweinsteiger durchaus auch mal was Lateinamerikanisches” zelebriert, wie im Strafraum der Argentinier – mit Torvorlage am Ende).
Versucht der Gegner aber, wie z.B. die Engländer, den linearen, kräftigen Fußball der eher älteren Schule der Deutschen Mannschaft zu stoppen bzw. sich auf diesen zu konzentrieren, dann wirbeln sich Müller und Co. mit Trickreichtum bis vors Tor und treffen dann selbst oder lassen treffen. Ganz “lateinamerikanisch”!
Diese gut synthetisierte Zweiteiligkeit hat es in den letzten 30 Jahren nicht, ja vielleicht überhaupt noch nie, gegeben. Zusammen mit der hohen Teamfähigkeit der Mannschaft ist sie ein Novum, und ihr Spiritus rector ist ohne Zweifel Löw, der Jogi.
Es drängt sich ein Vergleich aus der Vogelwelt auf, der Vergleich mit Mauerseglern, die in de facto sehr geordneten, aber auf den Betrachter überraschend und unerwartet wirkenden schnellen Zügen durch die Luft gleiten und sogar die Falken, ihre starken Hauptfeinde in Europa, verwirren und trotz deren Stärke clever austricksen.
Die Deutsche Mannschaft tritt in Südafrika bisher wie ein Schwarm Mauersegler auf, die ihre Eier im Nest, will sagen: Tor gesichert ablegen. (In der Vogelwelt ist es allerdings so, dass der Mauersegler im Juni/Juli aus dem südlichen Afrika nach Mitteleuropa kommt. Bei der Fussball-WM treten wir aus Mitteleuropa zu dieser Saison in Südafrika auf. Und die Mauersegler-Eier sind länglich-elliptisch, der Ball ist jedoch rund!)
Wenn die Deutsche Mannschaft am Mittwoch und am Sonntag wieder unerkannt und ohne geeignetes Gegenrezept das beschriebene System vor den Fans demonstrieren kann, dann wird Deutschland Weltmeister…im Mauersegeln mit dem merkwürdigen Jabulani.
Im Mittwoch-Spiel noch ohne den neuen Müller, im Endspiel mit einem Müller-Tor (mindestens!).
Beste Grüße
Fritz Feder