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	<title>Neue Rundschau &#187; Bildung</title>
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		<title>Silvester: Nicht ohne &#8220;Dinner For One&#8221;!</title>
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		<pubDate>Sat, 31 Dec 2011 07:35:54 +0000</pubDate>
		<dc:creator>admin</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Nonsens vom Feinsten in der Rundschau Kritik Wie alle bedeutenden Stücke Drama, ist auch &#8220;Dinner For One&#8221;  an Facetten ungemein reich. Allein die Vielzahl unterschiedlicher Interpretationen zeigt, wie in jedem Betrachter eine Saite zum Schwingen, eine andere zum Schweigen gebracht wird. Auf diesem 90. Geburtstag der Miss Sophie gibt es nichts Letzthinniges und nichts Ein-für-Allemaliges, [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><strong>Nonsens vom Feinsten in der Rundschau Kritik</strong></p>
<p><a href="http://www.rundschau-hd.de/wp-content/uploads/2011/12/weg-da-du-da.jpg"><img class="alignleft size-full wp-image-7077" title="weg da, du da" src="http://www.rundschau-hd.de/wp-content/uploads/2011/12/weg-da-du-da.jpg" alt="" width="150" height="187" /></a>Wie alle bedeutenden Stücke Drama, ist auch &#8220;Dinner For One&#8221;  an Facetten ungemein reich. Allein die Vielzahl unterschiedlicher Interpretationen zeigt, wie in jedem Betrachter eine Saite zum Schwingen, eine andere zum Schweigen gebracht wird.</p>
<p>Auf diesem 90. Geburtstag der Miss Sophie gibt es nichts Letzthinniges und nichts Ein-für-Allemaliges, und wenn die überwiegende Mehrzahl der Kunstsachverständigen, Essayisten und Liebhaber, die Interesse an einer Kategorisierung des Gesamtstückes oder an einer Analyse einzelner Komponenten haben, für ihre Varianten jeweils Alleinvertretungsansprüche geltend machen, dann ist das erschütternd-bedauerlich.<span id="more-7068"></span></p>
<div id="attachment_7072" class="wp-caption alignright" style="width: 260px"><a href="http://www.rundschau-hd.de/wp-content/uploads/2011/12/dinner-for-one.jpg"><img class="size-full wp-image-7072" title="dinner for one" src="http://www.rundschau-hd.de/wp-content/uploads/2011/12/dinner-for-one.jpg" alt="" width="250" height="335" /></a><p class="wp-caption-text">&quot;Well - I´ll do my very best!&quot;</p></div>
<p>Wiewohl wir nun im folgenden durchaus mit dem Butler (Freddie Frinton gibt ihn unnachahmlich) mitzuhalten versuchen und unsere Interpretationsansätze durchaus auch von gutem Wein begleiten lassen, wollen wir dem Betrachter weder dies mitzutun, noch ein bestimmtes Verständnis vorschreiben.</p>
<p>Wenn wir dabei auf einen wissenschaftlichen Anmerkungsapparat verzichten, tun wir das für diesmal der besseren Lesbarkeit wegen ebenso nicht, wie Verzicht zu üben auf die Darstellung einiger eher abseitiger Lesarten, die nur für Experten von Interesse wären. Lediglich sei hier die Polemik einiger selbsternannter Gourmets erwähnt, welche die Zusammenstellung des Menus kritisieren, vornehmlich die Kombination von Huhn und Champagner.  Ein Stück, das solche gastrosophischen Verbrechen auf die Bühne bringe, könne nichts wert sein? Diese Kritiker haben offenbar ihre Identitätsbildung so entschieden hochgezüchtet, daß sie &#8211; pardon &#8211; offenbar schon wieder auf den guten,  albernen Pawlowschen Hund gekommen zu sein scheinen.</p>
<p><strong>Lehrstick oder Slapstück?</strong></p>
<p>Weder noch, hier lassen sich zwei Richtungen fühlen: ein Lehrstück fast im Sinne Brechts, das, um die &#8211; oder irgendeine &#8211; Situation, Problematik oder Lösung herauszuarbeiten, die Mittel der Farce einsetzt: von Elementen des Slapstücks (Butler James trinkt Blumenwasser), bis hin zu jener Distanzierung des Schauspielers von der Rolle, die sich so fassen lässt, dass er im Verlauf deutlich sichtbar in die Rollen der vier abwesenden Personen schlüpft. Aus gestalttherapeutischer Sicht heraus betrachtet, bietet dieser 90. Geburtstag eine in sich geschlossene Realität.</p>
<p>Hier wird reine Form Inhalt, die Funktion der Darstellung ist hier einzig die Darstellung. Jede Frage nach einem überschreitenden Sinn würde in diesem Sinn selbst zu einer Farce.</p>
<p><strong>Lachen an und für sich</strong></p>
<p>Das zweifelsohne von allen Zuschauern ausgeübte Lachen mag als zeitgeistig coole Distanznahme im Sinne jener Studie über das Lachen verstanden werden, die zum Ergebnis kommt, das Lachen habe keinen größeren Feind als die Emotion. Hiernach wäre unser Lachen also nichts anderes als ein Aus-sich- und Aus-jenem-Herausgehen, das zu etwas sowohl führen will wie auch soll: zur Selbsterkenntnis oder zur Einsicht in die Dekadenz der alternden Oberschicht oder zu dem, was Eugène Ionesco dem Humor zumißt: &#8220;sich der Absurdität bewußt werden und doch in der Absurdität weiterleben&#8221;.</p>
<p>Auch,  dass dies Stück nicht mehr mit einer Differenz zwischen Sein und Sollen arbeitet &#8211; wohingegen ein ungenannt bleiben wollender Heidelberger Philosoph offenbar japanischer Abstammung in seiner unter dem Pseudonym &#8220;Tenno&#8221; veröffentlichten Arbeit über diesen 90. Geburtstag die Frage nach &#8220;Sein oder Haben?&#8221; vermißt, mithin ein Ideal weder propagiere noch fordere, darf wohl so verstanden werden, daß hier Lachen nur als Parodie auf das eigene Selbst gemeint sein könne &#8211; als sozusagen erkanntermaßen ritualisierter Effekt.</p>
<p><strong>Arrangement mit den Herrschenden</strong></p>
<p>Wir haben hier ein zutiefst klassenkämpferisches Portrait einer untergehenden Welt, einer ländlich-städtischen Mittelschicht nebst militärischem und couponschneidendem Anhang, die sich in ihrer Zukunftslosigkeit allenfalls noch an sinnentleerten Festen, am Alkohol und am Traumgebilde  einer längst vergangenen Vergangenheit festhalten kann. Dazu eine nicht minder dekadente Schicht dienender Berufe: der Butler James, entwürdigt von seiner Herrin bis hin zum &#8220;Letzten&#8221; &#8211; eine anglifizierte Variante des Woyzeck also -, der in all seiner Demütigung doch nur das Arrangement mit den Herrschenden sucht, ja nur noch suchen kann, und seinen Stolz unlöslich an die Rationalität des herrschaftlichen Wohlergehens in Börse, Tisch und Bett bindet.</p>
<p><strong>Seele baumelt? Analyse?</strong></p>
<p>Derweil bei etwa Goethe man sich über verschiedene analytische und psychiatrische Interpretationsweisen ja noch streiten könnte, ließe dies Dinner, solcherweise betrachtet, doch ausschließlich das klinische Lesen, Hören und Sehen insofern zu, als Madame vorgeführt werden in frei flottierender Angst mit hypochondrischen Neigungen. Es agieren hier Mischzustände von Wut, Ohnmacht und Hilflosigkeit, Angst vor Liebe ebenso, wie rasches Schwanken zwischen Idealisierung und Entwertung von Objekten. Und, wo die bedauernswerte Frau ihre Scheinwelt am Tisch nicht erkennt, verdrängt sie &#8211; was ja schlimmer ist als beinahe alles Andere.<br />
Und Butler James, der Spiegeltrinker, der sein überhöhtes Alkoholquantum gleichsam gleichmäßig über den Abend verteilt und weitgehend ohne größere Kontrollverluste zu sich nimmt? Ein Deltatyp, der zwangweise wie zwanghaft zugleich in die Situation des Gammatyps versetzt wird, in den Alkoholexzeß. Hier erleben wir einen Menschen, der unmittelbar an der Flasche am Vollbringen eines Selbstopfers zur Befriedigung kommt: an der Überwindung nämlich des Bedürfnisses nach Versagen im oralen Bereich. Eine gefährliche Methode im Gegensatz zu der meist gelebten Form klassischen Asketentums, innerhalb welcher Lust nicht aus der Versagung körperlicher als vielmehr aus der Opferung geistig-seelischer Bedürfnisse gewonnen wird.<br />
Auf also der Grenze zwischen Lehrstück und abgeschlossener Realität gelangen wir hier mit den Protagonisten  in die Rolle von vier vermutlich gestorbenen Personen, die erfolgreich ausgefüllt werden, um deren Welt zur Unsterblichkeit zu versteinern. Schauriger kann die apriorische Trostlosigkeit menschlicher Grundbefindlichkeit kaum deutlich gemacht werden: Kein Weg führt zum Du, keiner zu Sinn und Eigentlichkeit, es bleibt die Einzementierung ständigen Zerfließens in ein dennoch abgeschlossenes Ich in einer isolierenden Vorstellung von Welt, ein sich Überliefern an eine geronnene Aufenthaltslosigkeit.</p>
<p><strong>Des  Essens philosophischer Aspekt</strong></p>
<p>Betrachten wir den Text populärwissenschaftlich, so finden wir hier einen geprüften Willen zu gesellschaftlichem Sein des dem alles überhaupt keine Grenzen Setzenden. Und: Nehmen wir eine Bemerkung Ernst Blochs (Band 3, &#8220;Prinzip Hoffnung&#8221;) über die geglaubte Mechanik im Universum, die sich für ihn, gleichwohl ohne Spaß, wie auch ohne Pantheismus, aber dennoch befriedigend vollzieht, sind wir eher geneigt, in der &#8220;miss-sophischen Verstetigung“ ihrer Freunde einen so freilich nur in der Aristokratie, nicht aber dem bürgerlich geeinzelten Individuum möglichen objektiv-utopischen Vorgriff auf jene von Bloch bezeichnete So-Welt,  als Verschwinden sozusagen des Nichts im sozialistischen Bewußtsein zu sehen.<br />
Dem unüberschreitbaren Zwiespalt durch den  selbstaktiven und eigenkontrollierten Schritt über den Tigerkopf in eine systematische Besessenheit werden wir eine künftige Arbeit widmen.</p>
<p><strong>Emanzipatorische … </strong></p>
<p>Das Verhalten Miss Sophies ist als selbstbewußt-folgerichtiger Schritt zu einer  -  zwar &#8211; in die Jahre gekommenen, zum Selbstbewußtsein erwachten Frau zu verstehen, die Stellung bezieht gegen die Verderbnis und das Reguläre, gegen das Leben sowohl wie auch gegen den Tod, gegen den zu-fälligen (oder haben wir den Butler je fallen gesehen?) Verlauf, all der Drohungen, die einsickernde Perfidie gegen den langsamen Fraß innen und gegen das Verschlungenwerden von draußen. Eine Frau, die alle Enttäuschungsmöglichkeiten hinter sich läßt und auf das klägliche Bild verzichtet, das jene Bindung der Seelenphantasie an die empirische Mannes- oder überhaupt Menschenform, wie sie ja in der sogenannten Wirklichkeit vorkommt, bietet. Nur mehr einer mageren Kulisse bedürftig, die ihr Butler James mit seinen vier Rollen baut, erweist Miss Sophie sich erfolgreich in dem Versuch, einen nichtreligiösen Weg der Liebe zu einem Objekt herzustellen, dem sie sich ohne Beschädigung ihres Ichs, ja gleichsam in Verwirklichung ihrer Autonomie, ganz hingeben kann und &#8211; selbst aus strengst feministischer Sicht, der wir uns ausdrücklich nicht anschließen &#8211; wohl auch möchte dürfen können!</p>
<p><strong>… und komödiantische Aspekte</strong></p>
<p>Gegebenen Anlasses wegen sei hier direkt im Anschluß die Verwandtschaft des &#8220;Dinner For One&#8221; mit der Commedia dell&#8217;arte behandelt. Wir sehen hier einen Entstehungszusammenhang, ja eine &#8211; allenfalls durch Konzessionen an britische Mentalität abgemilderte &#8211; große Übereinstimmung. Wenngleich das Spiel als Spiel nicht durch Masken kenntlich gemacht wird, liegt hier dennoch fast ein (hassenswert wie all solches) Plagiat vor, jedenfalls ist die Rollenverteilung eindeutig: Butler James sei Brighella, Sir Toby Pulcinella, Admiral von Schneider der Capitano, Mr. Pommeroy Tartaglia, Mr. Winterbottom der Dottore, Miss Sophie hingegen &#8211; Frau natürlich &#8211; hat einen superben Hauch von Originalität.</p>
<p><strong>Das Dinner als Gesamtkunstwerk</strong></p>
<p>Was nun aber das Gesamtkunstwerk angeht, meinen wir, dass &#8211; vom Autor zwar wahrscheinlich ungewollt, aber eben darum ganz besonders ernst zu nehmen &#8211; dieser Text in seiner zumal technischen Reproduzierbarkeit, vergleichbar mit Anton Bruckners Generalpause zu interpretieren sein dürfte.<br />
Dies freilich erkennen zu können, setzt voraus jenes Stocken, das uns schwindelnd tragen soll über das Gewohnte hinweg; jener Rhythmus eines uns ureigenen Pulsierens, der nur in einer von allen Zufälligkeiten gereinigten Stille hörbar ist; der vordergründige Lärm, der hier &#8211; einem Saunagang vergleichbar &#8211; nichts anderes als sein Gegenteil herausarbeiten soll; die Bedingung der Möglichkeit zum In-Sich-Gehen also!</p>
<p>Dies alles dürfen wir Zusehenden  am Silvesterabend &#8211; bittet Euch <strong>Jürgen Gottschling</strong> &#8211; nicht vernichten durch vulgäres Lachen, käme dies auch noch so sardonisch oder gar (in memoriam Hans-Georg Gadamer) hermeneutisch verkleidet einher.</p>
<h2><em>Alle Sendetermine am 31. Dezember 2011:</em></h2>
<p><em><strong>15 Uhr 40 DAS ERSTE</strong></em></p>
<p><em><strong>18 Uhr 50 (Original) 21 Uhr 45 (Schweizer Version)  WDR</strong></em></p>
<p><em><strong>19 Uhr 40 und 23 Uhr 35 NDR</strong></em></p>
<p><em><strong>19 Uhr und  am I. Januar 2012 um 0 Uhr 05 BAYERN</strong></em></p>
<p><em><strong>19 Uhr und am 1. Januar 2012 um 3 Uhr 00 SWR/SR</strong></em></p>
<p><em><strong>14 Uhr 55 (Hessisch) 18 Uhr 40 (Hessisch) 21 Uhr 45 (Nordhessisch) HESSEN<br />
</strong></em></p>
<p><em><strong>19 Uhr 00 MDR</strong></em></p>
<p><strong>19 Uhr 05 RBB</strong></p>
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		<title>Haben wir einen freien Willen? – Singer zum 23. Heidelberger Symposium in Heidelberg</title>
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		<pubDate>Fri, 06 May 2011 09:08:21 +0000</pubDate>
		<dc:creator>admin</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Prof. Wolf Singer sprach in Heidelberg im Rahmen einer Podiumsdiskussion zum  Thema: „Willensfreiheit vs. Determinismus&#8221; mit dem Rechtswissenschaftler Prof. Dr. Reinhard Merkel über &#8220;Die Schuldfrage im deutschen Rechtssystem&#8221;.  Singer hat mit seiner Theorie, Entscheidungen würden bereits unbewusst getroffen, bevor wir sie wissentlich wahrgenommen haben und kontrollieren können, für einiges Aufsehen gesorgt. Wir halten, Singer zum [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p style="text-align: left;"><a href="http://www.rundschau-hd.de/wp-content/uploads/2011/05/singer.JPG1_.jpeg"><img class="alignright size-full wp-image-6478" title="singer.JPG1" src="http://www.rundschau-hd.de/wp-content/uploads/2011/05/singer.JPG1_.jpeg" alt="" width="100" height="120" /></a>Prof. Wolf Singer sprach in Heidelberg im Rahmen einer Podiumsdiskussion zum  Thema: „Willensfreiheit vs. Determinismus&#8221; mit dem Rechtswissenschaftler Prof. Dr. Reinhard Merkel über &#8220;Die Schuldfrage im deutschen Rechtssystem&#8221;.  Singer hat mit seiner Theorie, Entscheidungen würden bereits unbewusst getroffen, bevor wir sie wissentlich wahrgenommen haben und kontrollieren können, für einiges Aufsehen gesorgt. Wir halten, Singer zum Trotz, dagegen:  Der Wille des Menschen ist frei …<span id="more-6477"></span></p>
<div id="attachment_6479" class="wp-caption alignleft" style="width: 260px"><a href="http://www.rundschau-hd.de/wp-content/uploads/2011/05/synapsen1.jpg"><img class="size-full wp-image-6479" title="synapsen1" src="http://www.rundschau-hd.de/wp-content/uploads/2011/05/synapsen1.jpg" alt="" width="250" height="247" /></a><p class="wp-caption-text">&quot;Der Wille des Menschen ist frei&quot; - &quot;und wär er in&quot; synaptischen &quot;Ketten geboren …&quot;</p></div>
<p style="text-align: left;">Wir bedürfen keiner begründeten Willensfreiheit. Wir haben sie längst im Besitz und bedürfen keiner amtsärztlichen Genehmigung Was hat es mit Geist, Gehirn und Bewußtsein auf sich, was unterscheidet den Menschen vom Affen (Er kann lügen!) und welche Rolle spielt (hallo VWL-ler Clemens) die Spieltheorie in der Evolution („Ob ich angreifen oder fliehen oder vielleicht auch nur drohen oder bluffen soll, hängt – außer von meinem Handlungspotential – auch von dem Gegenhandlungspotential des Partners ab.“) Und seien Wolf Singer und Gerhard Roth beschieden, die gezwungen sind, den freien Willen zu bestreiten: Was wäre das doch für ein Scheißspiel, bei dem man selber keinen Zug machen dürfte … Wodurch unterscheidet sich der Mensch vom Tier? Von allen vermeintlich oder wirklich einzigartig menschentypischen Eigenschaften sind eigentlich nur drei bis vier wesentliche Phänomene übriggeblieben, die überdies auch noch eng miteinander verbunden ein psychobiologisches Syndrom bilden, das zusammen den Menschen physisch und psychisch einzigartig macht. Sprache, Einfühlungsvermögen, Bewußtseinund damit verbunden: Selbsterfahrung von Willensfreiheit. Bedauerlicherweise sind allerdings nicht alle gleichermaßen einer objektiv-externen Analyse zugänglich, wie dies für die Sprache zutrifft, die wir von außen an Mitmenschen wahrnehmen und erforschen können. Selbst sie kann man sich jedoch nicht ohne Einfühlungsvermögen vorstellen, mittels dessen einem anderen Lebewesen, ja sogar manchmal unbelebten Naturereignissen Ziele, Absichten, Wünsche und Gefühle zugeschrieben werden. Wir wissen natürlich aus Selbsterfahrung, daß wir solches nicht nur können, sondern gar nicht anders können, als dies gegenüber Mitmenschen so zu tun, doch haben ausgeklügelte Verhaltensversuche bei Tieren nichts davon oder allenfalls bei Menschenaffen Ansätze dazu erkennbar gemacht.</p>
<p><strong>Evolution des Bewußtseins</strong></p>
<p>Vielleicht ist dies ein Weg, die Evolution menschlichen Bewußtseins, menschlichen Denk- und Sprachvermögens, menschlicher Gedankenlesekunst als einen spieltheoretischen Anpassungsprozeß zu verstehen, der wie alle biologischen Anpassungsvorgänge am Ende sehr viel mehr geliefert hat, als von der natürlichen Selektion bestellt war: das unerschöpflich kreative menschliche Gehirn und das, was es hervorzubringen vermag; bewußten menschlichen Geist, eingebettet in bewußte und unbewußte Antriebe, Wünsche, Hoffnungen und Ängste. Damit wüßten wir zwar noch immer nicht, was Bewußtsein ist, aber wir verstünden etwas besser, was es macht und wozu wir es nutzen. Geben wir es zu: Geht es uns denn bei altbekannten physikalischen Erklärungsprinzipien der unbelebten Welt so viel anders? Schwerkraft, elektromagnetische Felder, schwache oder starke Wechselwirkung oder gar Zeit: Wer weiß denn wirklich, was das wirklich ist? Wir müssen doch froh sein, zu verstehen, was sie wie bewirken.</p>
<p><strong>Bewußtsein hat seinen Preis</strong></p>
<p>Natürlich kommt auch eine solche Errungenschaft wie Bewußtsein nicht ohne ihren Preis. Wir sind ja nicht nur Homo imaginativus, (der einfallsreiche Mensch), der in seinem Weltmodell agiert und es ständig durch Erfahrungen in der Wirklichkeit – selbständig und durch soziales Lernen – zu verbessern sucht, sondern auch Homo imaginarius (der wahngeplagte Mensch). Es geht dabei nicht etwa nur um Traumwelten, die kennen wir auch, aber die kennt vielleicht auch unser Hund. Wir können uns – allein oder gemeinschaftlich – auch alle möglichen Welten ausdenken und sie sogar für ganz real halten und fanatisch daran festhalten, sogar bis zur Aufopferung des eigenen Lebens: nicht zuletzt metaphysische Welten, wie Gläubige von Religionen; es reicht, daß wir – allein oder gemeinschaftlich – ganz fest daran glauben. Glauben: Dies ist das für wahr erachtete, gedachte Weltmodell, so wie es sich der Weltanschauung darstellt.</p>
<p><strong>Entscheidungsvermögen</strong></p>
<p>Aber da bleibt noch etwas zu bedenken, das sich aus solcher Beschreibung und Analyse eigentlich wie von selbst ergibt, als sei es ein weiteres unvermeidliches Zusatzprodukt solcher Evolution: Entscheidungsvermögen. Als Verhaltenscharakteristik können wir es weder der sammelnden Honigbiene noch dem jagenden Fuchs, weder dem dominierenden Alpha-Gorilla noch gar einem Menschen absprechen. Hinter solch scheinbarer Selbstverständlichkeit verbirgt sich jedoch nicht nur ein „schröckliches“ Ungeheuer, nämlich die Willensfreiheit, sondern es lauern hier auch mehr als zweitausend Jahre abendländische Philosophie, mehr als zweihundert Jahre neurobiologische, kausalanalytische Forschung und sogar eine scharfzüngige Feuilletonphalanx.</p>
<p><strong>Willensfreiheit abstreiten</strong></p>
<p>Aus der schier unübersehbaren Fülle an wissenschaftlich-literarischen Versuchen, mit dem Problem der Willensfreiheit umzugehen, will ich hier nur auf Gunther Stent, Daniel Wegner, Gerhard Roth, Daniel Dennett und Benjamin Libet verweisen und natürlich auch Wolf Singers gewichtige Beiträge dazu nicht außer acht lassen. Ich gestehe, daß mich die evolutionäre Emergenzperspektivevon Daniel Dennett besonders anzieht. Ich will hier jedoch nicht nachzeichnen, was andere anderswo viel besser dargelegt haben, sondern mich ganz auf die hochaktuelle Diskussion beschränken, in der hervorragende Neurowissenschaftler wie Gerhard Roth oder Wolf Singer genauso wie Benjamin Libet dem Menschen Willensfreiheit rundweg abstreiten zu müssen meinen und zwar, wenn die Contradictio in adjecto erlaubt ist, sogar einigermaßen »widerwillig«, vermeintlich durch unwiderlegliche naturwissenschaftliche Erkenntnisse dazu gezwungen.</p>
<p><strong>Freiheit ist Wahlfreiheit</strong></p>
<p>Nun möchte ich der Letzte sein, der die Gültigkeit der Naturgesetze im Bereich des Lebendigen – etwa gar unter Bezug auf metaphysisch – vitalistische Sondergesetzlichkeiten des Lebendigen – bestreiten wollte. Zwar sind wir über das mechanistisch-deterministische Naturverständnis eines Newton oder Laplace hinaus und akzeptieren nicht nur fundamentale Zufälligkeit, sondern auch die prinzipielle Nichtvorhersagbarkeit (sehr wohl jedoch oft Hinterhersagbarkeit) des Verhaltens nichtlinear dynamisch-komplexer Systeme, obwohl auch in ihnen lückenlose Kausalität aller Wirkungen und Entwicklungen gilt: zwar determiniert, aber unvorhersehbar.</p>
<p>Wer Entscheidungsfreiheit des Willens ernst nimmt, muß deshalb noch lange nicht die Gültigkeit der Naturgesetze im allgemeinen und des Kausalgesetzes im besonderen auch für tierische und menschliche Gehirne bestreiten. Dessen könnte nur ein epistemologischer Strohmann bezichtigt werden. Freiheit ist Wahlfreiheit, nicht Kausalfreiheit.</p>
<p><strong>„Unverursacht, also frei …“</strong></p>
<p>Es kann also nicht um die – tatsächlich physisch und metaphysisch – unsinnige Forderung nach Ursachenlosigkeit menschlichenHandelns zum Nachweis von Willensfreiheit gehen. (»Unverursacht, also frei«, so Wolf Singer!) Eine solche Killerhypothese soll sich kein wissenschaftlich Gebildeter zu eigen machen (von metaphysischen Interpretationen von Willensfreiheit sei hier grundsätzlich nicht die Rede). Aber selbst wenn wir die uneingeschränkte Gültigkeit des Kausalgesetzes auch für den handlungsentscheidenden Menschen voll anerkennen, bleibt doch reichlich Argumentationsraum für einen Begriff freien Willens, der nicht aus sozialpolitischen oder moralischen Gründen, wie bei Immanuel Kant, dafür Zuflucht zu einem Postulat der praktischen Vernunft nehmen muß, da es ohne Annahme freien Willens einfach nicht möglich wäre, ein moralisch verantwortliches, menschliches Leben zu führen; weil sozusagen also nicht sein kann, was nicht sein darf.</p>
<p>Dabei gilt erneut, wie schon für den Begriff Bewußtsein ausgeführt: Der sprachpsychologisch nahegelegten Verdinglichung von Bewußtsein, Geist und freiem Willen als einer Sache oder Substanz braucht keine Realität zu entsprechen; es kann sich geradesogut um einen Prozeß, um eine Leistung – nämlich hochkomplexer Gehirne – handeln, die wir essentialistisch zu einer Sache hypostasieren: man höre …</p>
<p><strong>Irrtum vorbehalten!</strong></p>
<p>Ich möchte zwei Gruppen von Argumenten gegen freien Willen hervorheben, die ich keineswegs bestreiten will. Erstens Benjamin Libets Nachweis, daß bereits vor unserem freien Entschluß zu einer Willkürbewegung im Gehirn neurophysiologische Vorbereitungen getroffen worden sind, ehe wir also einen solchen Beschluß überhaupt bewußt gefaßt haben (sehr wohl aber vorher zu fassen erwogen!).</p>
<p>Zweitens die ebenfalls nicht zu bestreitende Fähigkeit unseres Gehirns/Bewußtseins, nachweislich von einem Experimentator von außen, zum Beispiel durch elektrische Reize, gleichsam aufgezwungene Gehirnaktivitäten so zu interpretieren, als entstammten sie unserem eigenen, spontanen Wollen. Dies wird allerdings nur den erstaunen, der sich eine allzu einfache Vorstellung von der abbildungshaften Entstehung der Repräsentationen von Erfahrungen im Gehirn macht. Es sind ja nicht nur Sinnestäuschungen, die uns darüber belehren, daß das Gehirn/Bewußtsein eine Einrichtung ist, die aus unzureichenden, lückenhaften, oftmals sogar verfälschten sensorischen oder neuralen Inputdaten etwas möglichst Wahrscheinliches, Sinnvolles zu konstruieren vermag, um angemessen darauf reagieren zu können: Irrtümer vorbehalten – wozu und wodurch könnten wir denn sonst lernen?</p>
<p><strong>Gewißheit von Freiheit</strong></p>
<p>Auf zwei aber ebenfalls unabweisbare Gründe möchte ich eingehen, die mich veranlassen, an dem geistigen Konstrukt eines freien Willens oder unserer Fähigkeit zu Willensentscheidungen festzuhalten. Erstens ist es für Ego, also einen selbst, phänomenologisch so wenig möglich, den zumindest zeitweisen Besitz von Bewußtsein zu verkennen, zu leugnen oder auch nur zu ignorieren, wie dies für die Befähigung zu insoweit freien, das heißt mit der Gewißheit von Freiheit verbundenen Willensentscheidungen gelingt – nicht absolut, aber in Freiheit gewährenden Grenzen. Willensfreiheit ist eine primäre Erfahrungstatsache, unfreie Vorbestimmtheit, eine Theorie über die Wirklichkeit. Seit wann können Theorien Tatsachen widerlegen, die sie doch eigentlich erst erklären sollen?</p>
<p><strong>Morgens geht die Sonne auf …</strong></p>
<p>Ein manchmal gehörter Einwand, dann müsse man ja auch an die Bewegung der Sonne um die Erde glauben, weil man doch unbestreitbar die Sonne jeden Morgen aufgehen sehen könne, ist hier unzutreffend. Gesehen wird – und dies ist wieder primäre, indisputable Erfahrung – die Tatsache der Relativbewegung zwischen Erde und Sonne. Deren ptolemäische oder kopernikanische Erklärung ist ein theoretisches – prüfbares – Konstrukt aus solcher Erfahrung. Habe ich Kopernikus verstanden, dann hält meine Erfahrung keineswegs unbeirrbar an Ptolemäus fest, nur an der Gewißheit der Relativbewegung. Habe ich aber Gerhard Roth oder Wolf Singer noch so oft gelesen, dann habe ich immer noch die subjektive Primärerfahrungsgewißheit, daß ich mich entscheiden kann, ihren Argumenten zu folgen oder nicht. Was immer die physikalisch vorgeblich erzwungene Widerlegung von Willensfreiheit vorzubringen hat, es ändert nicht ein Jota daran, daß wir in dem Bewußtsein befangen bleiben, ja daß wir darauf angewiesen sind und nur so leben können, tagtäglich ununterbrochen Entscheidungen treffen zu können. Und treffen zu müssen.</p>
<p><strong>Gewißheit ohne Genehmigung</strong></p>
<p>Ehe Neurophysiologen, Psychologen, Physiker, Metaphysiker, Pataphysiker oder Neurophilosophen uns hochwissenschaftlich begründet Willensfreiheit zuteilen oder aberkennen wollen, haben wir sie doch schon längst in Besitz und handeln in ihrer Gewißheit, ohne dafür eine amtsärztliche Genehmigung zu brauchen. Vielleicht ist die Selbsterfahrung von Willensund Entscheidungsfreiheit sogar eine zwangsläufige Folge von Bewußtseinsvermögen im vollen, menschlichen Sinne! Dies ist mein erstes (nicht eben neues) Argument: das der subjektiven Primärevidenz von Entscheidungsfreiheit. Wie das Nervensystem es zustande bringt, daß wir in diesem sicheren Bewußtsein leben, ist freilich eine andere Frage, die ich gerne berufeneren zu beantworten überlasse. Wozu wir über diese Bewußtseinseigenschaft „Entscheidungsfähigkeit“ verfügen, dies ergibt sich sozusagen fast zwingend aus evolutionsspieltheoretischen Überlegungen, ergeben. Hart gesagt: Das wäre doch ein Scheißspiel, bei dem man selber keinen Zug machen dürfte!</p>
<p><strong>Aber ich, ich bins doch gar nicht, der sich betrinken will …</strong></p>
<p>Noch ein Argument für menschliche Entscheidungsfreiheit, das ich als das Argument des ganzen Ich bezeichnen möchte. Stellen Sie sich einmal vor, es würde einer sagen, er gehe jetzt mit seinem Kumpel, in dem er wohne, nämlich seinem Gehirn, ein Bierchen zischen, weil der arme Kerl doch selbst keines bestellen könne und unbedingt eine Blutverdünnung brauche: Ego – der Geist – kaufe seinem Vermieter – dem Körper – ein Bier! Das Ich ist aber kein parasitischer Mitesser oder Mitwisser des Es, sondern eigentlich dessen Besitzer, genauer: Es selbst! Eine Persönlichkeitsspaltung zwischen beiden sollte uns doch sehr befremden. Bei manchen Autoren, die über Willensfreiheit beziehungsweise über deren Nichtvorhandensein schreiben, scheint solche Persönlichkeitsspaltung jedoch gang und gäbe. Sie wollen uns nämlich glauben machen, ein Mensch sei für seine Handlungen nicht verantwortlich, weil er nämlich dafür selbst gar nicht zuständig sei; das mache alles ein unbewußtes Gehirn für ihn.</p>
<p><strong>Keiner kann anders, als er ist ?</strong></p>
<p>Wolf Singer hat solche Behauptungen kürzlich auf folgende verstörende Sätze gebracht: »Keiner kann anders als er ist« und »Eine Person tat, was sie tat, weil sie nicht anders konnte – denn sonst hätte sie anders gehandelt«; eine erstaunlich zirkuläre Beweisführung und darüber hinaus die Kapitulation jeder – auch der selbst bewirkten – Bildungs- und Erziehungsfähigkeit des Menschen. Selbst wenn ich einem anderen den Schädel einschlage, war ich es also gar nicht, das war doch mein Kumpel, das Gehirn. Sein Körper, der tumbe Klotz, bei dem ich lediglich als geistiger Untermieter hause, der mich sozusagen post factum von seinen Taten unterrichtet.</p>
<p><strong>Der bewußtlose Körper</strong></p>
<p>Wenn ich das aber nicht war: wer denn dann sonst? Was soll dies für ein seltsamer Leib-Seele/Körper- Geist-Dualismus sein, der dem Teil, der bewußt denken kann, die Handlungskompetenz abspricht, während er dem bewußtlosen Körper volle Prokura erteilt? Ich bin doch nur ein Individuum, ein ganzer Mensch, selbst wenn Biologen und Psychologen auf getrennten Wegen an mir herumforschen. Wer könnte denn behaupten, daß ich für Handlungen, an deren Vorbereitung und Ausführung mein Unbewußtes mitwirkt, keine Verantwortung trage? Uns ist doch sehr genau bekannt, daß es vermutlich keine Handlung und vielleicht nicht einmal einen Gedanken, geschweige denn ein Gefühl oder eine Willensregun gibt, in die nicht auch unbewußte, akute und erinnerte, sensorische, zentralneurale, rekursive und alle möglichen Impulse eingehen, die erst zusammen mit dem, was davon in meinem Bewußtsein angelangt, das ganze Handeln ,Wollen, Fühlen des ganzen Menschen ausmachen.</p>
<p><strong>Wer schläft? Schlafe ich ?</strong></p>
<p>Wenn einer bewußtlos schläft, heißt das etwa, daß dann niemand bei ihm zu Hause ist? Daß Er am Ende gar nicht schläft, sondern Es, sein Leibesgehäuse ohne dessen Ich, das im Traum davonspaziert ist? Das Ich ist immer der ganze Mensch, Leib und Seele, Unbewußtes und Bewußtsein, selbst wenn nur das von seinem gesamten senso-neuro-motorischen Leben in sein Bewußtsein dringt, was in der Entwicklung unseres Monstergehirns für nötig gehalten wurde, um ihm in den Evolutionsspielen der Wechselwirkung mit anderen Spielern Fitnesschancen, Erfolg, Befriedigung, Lust zu ermöglichen – was immer es ist, wozu das Ich mit seinem Handeln strebt. Die Ursachen seines Verhaltens mögen in den Gründen seines Handelns weder vollständig aufgehen noch eins zu eins abbildbar sein, aber sie sind beide zusammen die Antriebe der Daseinsverwirklichung und Lebensbewältigung.</p>
<p><strong>“Der Mensch ist frei – und wär er in Ketten geboren …”</strong></p>
<p>Being No One – da ist kein bewußtes Ich, das sich vom restlichen Organismus abtrennen ließe; aber das bringt doch nicht gleich das ganze In-Dividuum, das unzerteilbare Ich, zum Verschwinden! Daß das selbstbewußte Ich sich allerdings niemals ganz selbst durchschauen kann, ist ebenso einsichtig, denn es kann keine Repräsentation des Ich geben, die auch die Repräsentation dieser Repräsentation und weiter ad infinitum enthielte: individuum est ineffabile . Daraus entspringt des Menschen Freiheit!</p>
<p><strong>Moralische Verantwortung</strong></p>
<p>Was schließlich die moralische Verantwortung für unser Handeln angeht: Das neurobiologische »Ohne-Ich« wird schnell zum moralisch-verantwortungslosen »Ohne-Mich«, wenn nur noch das Es, der unbewußte Körper-Tölpel, die Regie führt. Dies hätte in der Tat dramatische Folgen. Des  Menschen Willensfreiheit, nämlich seine Entscheidungsfreiheit in eigener Verantwortung zu bestreiten, nähme ihm gleichzeitig alles, was seine Menschenwürde ausmachen kann. So wie ich das Bewußtsein nur verlieren kann, wenn ich vorher eines hatte, so kann ein Mensch im Vollrausch nur deshalb nicht mehr frei entscheiden, weil er nüchtern von solcher Entscheidungsfreiheit Gebrauch machen kann. Wer Täter damit exkulpieren wollte – nicht nur Untäter, sondern genauso Wohltäter, kreative Erfinder, Schöpfer ihrer Werke –, daß sie ja alle nichts dafür können, würde damit nicht etwa bemitleidenswerte Straffällige vor unfairer Verantwortlichkeit und Verurteilung schützen: Er behandelte sie nicht anders als einen beißwütigen Hund, als jede beliebige Kreatur, die für ihr Verhalten nicht verantwortlich gemacht werden kann. Menschenwürde bedeutet immer Entscheidungsfreiheit und damit Zurechnungsfähigkeit von Handlungen.</p>
<p><strong>Menschenwürde des Täters</strong></p>
<p>Andersherum: Wer Mensch ist und im Bewußtsein der Strafwürdigkeit seiner Tat dennoch Böses tut, trägt dafür die Verantwortung und muß auch die Folgen, zum Beispiel soziale Strafen, übernehmen – weil er auch als Straftäter eben ein Mensch ist und kein Zombie, kein Roboter, keine tollwütige Bestie und auch keine rein physikalische Monsterwelle. Verantwortlich ist für sein Handeln, wer imstande ist, Gründe und Folgen von Alternativen abzuwägen, nicht etwa nur, wer ursachenlos handeln könnte – was wäre dies für eine Unsinnsforderung, was für eine Karikatur von Willensfreiheit. Bewußtsein erlaubt eben dies: zwar nicht alle Gründe und alle Folgen abzuwägen, aber doch im Rahmen des Menschenmöglichen abzuwägen – und dann die Entscheidung des ganzen Ich für das Gewollte zu treffen. Erst diese Freiheitszuschreibung respektiert auch die Menschenwürde des Verbrechers. Zu befreien wäre dann von den Folgen seiner Taten nur, wer durch schwere neurale und geistige Störungen, also etwa Psychosen, Demenz, Wahnvorstellungen usw. als unfähig beurteilt wird, die Strafwürdigkeit, das moralisch und rechtlich Verwerfliche und Verbotene seines Handelns zu begreifen; wer solchem Wissen deshalb also keinen Einfluß auf die Ursachen seines Handelns geben kann.</p>
<p><strong>Glaube</strong></p>
<p>Es sind vor allem drei Vorstellungen, die vielen Menschen helfen, ihrem Leben tieferen Sinn zu geben: der Glaube an die Existenz eines persönlichen, belohnenden und bestrafenden Gottes; der Glaube an die Unsterblichkeit der Seele; der Glaube an die Willensfreiheit des Menschen in sittlicher Autonomie. Immanuel Kant, durch David Hume unsanft aus dogmatischem Schlummer erweckt, hat uns diese drei Schlaftabletten als Postulate praktischer Vernunft wiederverordnet. Die ersten beiden Glaubensvorstellungen sind wissenschaftlicher Überprüfung nicht zugänglich.</p>
<p><strong>Des Kaisers Kleider</strong></p>
<p>Was die Willensfreiheit betrifft, kann sich Wissen von Glauben emanzipieren, da nicht Glaubenslehren, sondern primäre Selbsterfahrung deren Grundlage ist – und als eine einzigartige Leistung unseres Gehirns auch wissenschaftlicher Befassung zugänglich.</p>
<p>Das Problem der Willensfreiheit – einer Aporie, mit der wir wie mit dem Begriff des Unendlichen leben müssen – ist keineswegs gelöst. Wer sich nur ein wenig über das orientiert, was seit mehr als zweitausend Jahren über Willensfreiheit gedacht und geschrieben worden ist, weiß, daß es schwer ist, Neues darüber zu denken oder zu sagen. Manchmal hat man allerdings den Eindruck, daß dabei des Kaisers neueste Kleider doch des Kaisers ganz alte Kleider sind.<strong></strong></p>
<p style="text-align: right;"><strong>Jürgen Gottschling</strong></p>
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		<title>in vino veritas: &#8220;Same procedure as every year&#8221; &#8211;  Silvester, nicht ohne des 90. Geburtstag der Miss Sophie zu gedenken</title>
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		<pubDate>Wed, 29 Dec 2010 23:24:21 +0000</pubDate>
		<dc:creator>admin</dc:creator>
				<category><![CDATA[Allgemein]]></category>
		<category><![CDATA[Bildung]]></category>
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		<description><![CDATA[Wie alle &#8211; bedeutenden &#8211; Dramen, ist auch &#8220;Dinner For One&#8221;  an Facetten ungemein reich. Allein die Vielzahl unterschiedlicher Interpretationen (Foto: Rothe) zeigt, wie in jedem Betrachter eine Saite zum Schwingen, eine andere zum Schweigen gebracht wird.Auf diesem 90. Geburtstag der Miss Sophie gibt es nichts Letzthinniges und nichts Ein-für-Allemaliges, und wenn die überwiegende Mehrzahl [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<div id="attachment_6002" class="wp-caption alignright" style="width: 130px"><a href="http://www.rundschau-hd.de/wp-content/uploads/2010/12/Jürgen-Gottschling-in_vino_veritas1.jpg"><img class="size-full wp-image-6002" title="Jürgen Gottschling-in_vino_veritas" src="http://www.rundschau-hd.de/wp-content/uploads/2010/12/Jürgen-Gottschling-in_vino_veritas1.jpg" alt="" width="120" height="99" /></a><p class="wp-caption-text">Jürgen Gottschling. </p></div>
<p>Wie alle &#8211; bedeutenden &#8211; Dramen, ist auch &#8220;Dinner For One&#8221;  an Facetten ungemein reich. Allein die Vielzahl unterschiedlicher Interpretationen (Foto: Rothe) zeigt, wie in jedem Betrachter eine Saite zum Schwingen, eine andere zum Schweigen gebracht wird.Auf diesem 90. Geburtstag der Miss Sophie gibt es nichts Letzthinniges und nichts Ein-für-Allemaliges, und wenn die überwiegende Mehrzahl der Kunstsachverständigen, Essayisten und Liebhaber, die Interesse an einer Kategorisierung des …<span id="more-5997"></span> … Gesamtstückes oder an einer Analyse einzelner Komponenten haben, für ihre Varianten jeweils Alleinvertretungsansprüche geltend machen, dann ist das erschütternd-bedauerlich.<br />
Wiewohl wir nun im folgenden durchaus mit dem Butler (Freddie Frinton gibt ihn unnachahmlich) mitzuhalten versuchen und unsere Interpretationsansätze durchaus auch von gutem Wein begleiten lassen, wollen wir dem Betrachter weder dies mitzutun, noch ein bestimmtes Verständnis vorschreiben.<br />
Wenn wir dabei auf einen &#8211; eigentlich nötigen &#8211; wissenschaftlichen Anmerkungsapparat verzichten, tun wir das für diesmal der besseren Lesbarkeit wegen ebenso, wie Verzicht zu üben auf die Darstellung einiger eher abseitiger Lesarten, die nur für Experten von Interesse wären. Lediglich sei hier die Polemik einiger selbsternannter Gourmets erwähnt, welche die Zusammenstellung des Menus kritisieren, vornehmlich die Kombination von Huhn und Champagner.  Ein Stück, das solche gastrosophischen Verbrechen auf die Bühne bringt, könne nichts wert sein? Diese Kritiker haben offenbar ihre Identitätsbildung so entschieden hochgezüchtet, daß sie &#8211; pardon &#8211; offenbar schon wieder auf den (zwar) guten, (aber) albernen Pawlowschen Hund gekommen zu sein scheinen.</p>
<p><strong>Lehrstick oder Slapstück?</strong></p>
<p>Weder noch, hier lassen sich zwei Richtungen fühlen: ein Lehrstück fast im Sinne Brechts, das, um die &#8211; oder irgendeine &#8211; Situation, Problematik oder Lösung herauszuarbeiten, die Mittel der Farce einsetzt: von Elementen des Slapsticks (Butler James trinkt Blumenwasser) bis hin zu jener Distanzierung des Schauspielers von der Rolle, die sich so fassen lässt, dass er im Verlauf deutlich sichtbar in die Rollen der vier abwesenden Personen schlüpft. Aus gestalttherapeutischer Sicht heraus betrachtet, bietet dieser 90. Geburtstag eine in sich geschlossene Realität. Hier wird reine Form Inhalt, die Funktion der Darstellung ist hier einzig die Darstellung. Jede Frage nach einem überschreitenden Sinn würde in diesem Sinn selbst zu einer Farce.</p>
<p><strong>Lachen an und für sich</strong></p>
<p>Das zweifelsohne von allen Zuschauern ausgeübte Lachen mag als zeitgeistig coole Distanznahme im Sinne jener Studie über das Lachen verstanden werden, die zum Ergebnis kommt, das Lachen habe keinen größeren Feind als die Emotion. Hiernach wäre unser Lachen also nichts anderes als ein Aus-sich- und Aus-jenem-Herausgehen, das zu etwas führen will wie soll: zur Selbsterkenntnis oder zur Einsicht in die Dekadenz der alternden Oberschicht oder zu dem, was Eugène Ionesco dem Humor zumißt: &#8220;sich der Absurdität bewußt werden und doch in der Absurdität weiterleben&#8221;.<br />
Auch,  dass dies Stück nicht mehr mit einer Differenz zwischen Sein und Sollen arbeitet &#8211; wohingegen der (mittlerweile schon beinahe chinesische) Konkretialphilosoph Dizep Tue Tal in seiner Arbeit über diesen 90. Geburtstag die Frage nach &#8220;Sein oder Haben?&#8221; vermißt, mithin ein Ideal weder propagiert noch fordert, darf wohl so verstanden werden, daß hier Lachen nur als Parodie auf das eigene Selbst gemeint sein könne &#8211; als sozusagen erkanntermaßen ritualisierter Effekt.</p>
<p><strong>Arrangement mit den Herrschenden</strong></p>
<p>Wir haben hier ein zutiefst klassenkämpferisches Portrait einer untergehenden Welt, einer ländlich-städtischen Mittelschicht nebst militärischem und couponschneidendem Anhang, die sich in ihrer Zukunftslosigkeit allenfalls noch an sinnentleerten Festen, am Alkohol und am Traumgebilde  einer längst vergangenen Vergangenheit festhalten kann. Dazu eine nicht minder dekadente Schicht dienender Berufe: der Butler James, entwürdigt von seiner Herrin bis hin zum &#8220;Letzten&#8221; &#8211; eine anglifizierte Variante des Woyzeck also -, der in all seiner Demütigung doch nur das Arrangement mit den Herrschenden sucht, ja nur noch suchen kann, und seinen Stolz unlöslich an die Rationalität des herrschaftlichen Wohlergehens in Börse, Tisch und Bett bindet.</p>
<p><strong>Seele baumelt? Analyse!</strong></p>
<p>Derweil wie bei etwa Goethe man sich über verschiedene analytische und psychiatrische Interpretationsweisen ja noch streiten könnte, ließe dies Dinner, solcherweise betrachtet, doch ausschließlich das klinische Lesen, Hören und Sehen insofern zu, als Madame vorgeführt werden in frei flottierender Angst mit hypochondrischen Neigungen. Es agieren hier Mischzustände von Wut, Ohnmacht und Hilflosigkeit, Angst vor Liebe ebenso, wie rasches Schwanken zwischen Idealisierung und Entwertung von Objekten. Und, wo die bedauernswerte Frau ihre Scheinwelt am Tisch nicht erkennt, verdrängt sie &#8211; was ja schlimmer ist als beinahe alles Andere.<br />
Und Butler James, der Spiegeltrinker, der sein überhöhtes Alkoholquantum gleichsam gleichmäßig über den Abend verteilt und weitgehend ohne größere Kontrollverluste zu sich nimmt? Ein Deltatyp, der zwangweise wie zwanghaft zugleich in die Situation des Gammatyps versetzt wird, in den Alkoholexzeß. Hier erleben wir einen Menschen, der unmittelbar an der Flasche am Vollbringen eines Selbstopfers zur Befriedigung kommt: an der Überwindung nämlich des Bedürfnisses nach Versagen im oralen Bereich. Eine gefährliche Methode im Gegensatz zu der meist gelebten Form klassischen Asketentums, innerhalb welcher Lust nicht aus der Versagung körperlicher als vielmehr aus der Opferung geistig-seelischer Bedürfnisse gewonnen wird.<br />
Auf also der Grenze zwischen Lehrstück und abgeschlossener Realität gelangen wir hier mit den Protagonisten  in die Rolle von vier vermutlich gestorbenen Personen, die erfolgreich ausgefüllt werden, um deren Welt zur Unsterblichkeit zu versteinern. Schauriger kann die apriorische Trostlosigkeit menschlicher Grundbefindlichkeit kaum deutlich gemacht werden: Kein Weg führt zum Du, keiner zu Sinn und Eigentlichkeit, es bleibt die Einzementierung ständigen Zerfließens in ein dennoch abgeschlossenes Ich in einer isolierenden Vorstellung von Welt, ein quasi sich Überliefern an eine geronnene Aufenthaltslosigkeit.</p>
<p><strong>Des  Essens philosophischer Aspekt</strong></p>
<p>Betrachten wir den Text populärwissenschaftlich, so finden wir hier einen geprüften Willen zu gesellschaftlichem Sein des dem alles überhaupt keine Grenzen Setzenden. Und: Nehmen wir eine Bemerkung Ernst Blochs (Band 3, &#8220;Prinzip Hoffnung&#8221;) über die geglaubte Mechanik im Universum, die sich für ihn, gleichwohl ohne Spaß, wie auch ohne Pantheismus, aber dennoch befriedigend vollzieht, sind wir eher geneigt, in der &#8220;miss-sophischen Verstetigung“ ihrer Freunde einen so freilich nur in der Aristokratie, nicht aber dem bürgerlich geeinzelten Individuum möglichen objektiv-utopischen Vorgriff auf jene von Bloch bezeichnete So-Welt,  als Verschwinden sozusagen des Nichts im sozialistischen Bewußtsein zu sehen.<br />
Dem unüberschreitbaren Zwiespalt durch den  selbstaktiven und eigenkontrollierten Schritt über den Tigerkopf in eine systematische Besessenheit werden wir eine künftige Arbeit widmen.</p>
<p><strong>Emanzipatorische …</strong></p>
<p>Das Verhalten Miss Sophies ist als selbstbewußt-folgerichtiger Schritt zu einer  -  zwar &#8211; in die Jahre gekommenen, zum Selbstbewußtsein erwachten Frau zu verstehen, die Stellung bezieht gegen die Verderbnis und das Reguläre, gegen das Leben sowohl wie auch den Tod, gegen den zu-fälligen (oder haben wir den Butler je fallen gesehen?) Verlauf, all der Drohungen, die einsickernde Perfidie gegen den langsamen Fraß innen und gegen das Verschlungenwerden von draußen. Eine Frau, die alle Enttäuschungsmöglichkeiten hinter sich läßt und auf das klägliche Bild verzichtet, das jene Bindung der Seelenphantasie an die empirische Mannes- oder überhaupt Menschenform, wie sie ja in der sogenannten Wirklichkeit vorkommt, bietet. Nur mehr einer mageren Kulisse bedürftig, die ihr Butler James mit seinen vier Rollen baut, erweist Miss Sophie sich erfolgreich in dem Versuch, einen nichtreligiösen Weg der Liebe zu einem Objekt herzustellen, dem sie sich ohne Beschädigung ihres Ichs, ja gleichsam in Verwirklichung ihrer Autonomie, ganz hingeben kann und &#8211; selbst aus strengst feministischer Sicht &#8211; wohl auch muß dürfen können!</p>
<p><strong>… und komödiantische Aspekte</strong></p>
<p><a href="http://www.rundschau-hd.de/wp-content/uploads/2010/12/DinnerforOne.jpg"><img class="alignright size-full wp-image-5999" title="7859896" src="http://www.rundschau-hd.de/wp-content/uploads/2010/12/DinnerforOne.jpg" alt="" width="271" height="415" /></a></p>
<p>Gegebenen Anlasses wegen sei hier direkt im Anschluß die Verwandtschaft des &#8220;Dinner For One&#8221; mit der Commedia dell&#8217;arte behandelt. Wir sehen hier einen Entstehungszusammenhang, ja eine &#8211; allenfalls durch Konzessionen an britische Mentalität abgemilderte &#8211; große Übereinstimmung. Wenngleich das Spiel als Spiel nicht durch Masken kenntlich gemacht wird, liegt hier dennoch fast ein (hassenswert wie all solches) Plagiat vor, jedenfalls ist die Rollenverteilung eindeutig: Butler James sei Brighella, Sir Toby Pulcinella, Admiral von Schneider der Capitano, Mr. Pommeroy Tartaglia, Mr. Winterbottom der Dottore, Miss Sophie hingegen &#8211; Frau natürlich &#8211; hat einen superben Hauch von Originalität.</p>
<p><strong>Das Dinner als Gesamtkunstwerk</strong></p>
<p>Was nun aber das Gesamtkunstwerk angeht, meinen wir, dass &#8211; vom Autor zwar wahrscheinlich ungewollt, aber eben darum ganz besonders ernst zu nehmen &#8211; dieser Text in seiner zumal mittlerweile technischen Reproduzierbarkeit, vergleichbar mit Anton Bruckners Generalpause zu interpretieren sein dürfte.<br />
Dies freilich erkennen zu können, setzt voraus jenes Stocken, das uns schwindelnd tragen soll über das Gewohnte hinweg; jener Rhythmus eines uns ureigenen Pulsierens, der nur in einer von allen Zufälligkeiten gereinigten Stille hörbar ist; der vordergründige Lärm, der hier &#8211; einem Saunagang vergleichbar &#8211; nichts anderes als sein Gegenteil herausarbeiten soll; die Bedingung der Möglichkeit zum In-Sich-Gehen also! Dies alles dürfen wir Zusehenden  am Silvesterabend um 20.15 Uhr im &#8220;Dritten&#8221; nicht vernichten durch vulgäres Lachen, käme dies auch noch so sardonisch oder &#8211; in Memoriam Hans-Georg Gadamer &#8211; hermeneutisch verkleidet einher.</p>
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		<title>Babyflaute als eine kommende Katastrophe &#8211; Schreck ohne Wirkung</title>
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		<pubDate>Sun, 24 Oct 2010 21:10:16 +0000</pubDate>
		<dc:creator>admin</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Wie ein erschreckender Sekundenblick erreicht die deutsche Gesellschaft von Zeit zu Zeit die Botschaft, dass sie immer weniger Kinder bekommt und, in der Dynamik der demographischen Entwicklung gerechnet, in zwei, drei Generationen mehr oder weniger kinderlos sein wird. Die Botschaft hört man wohl &#8211; und der Botschaft folgen regelmäßig ein halbes Dutzend Erklärungen für den [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<div id="attachment_5759" class="wp-caption alignleft" style="width: 130px"><a href="http://www.rundschau-hd.de/wp-content/uploads/2010/10/kinder.jpg"><img class="size-full wp-image-5759" title="kinder" src="http://www.rundschau-hd.de/wp-content/uploads/2010/10/kinder.jpg" alt="" width="120" height="60" /></a><p class="wp-caption-text">&quot;KanzleigassenKita&quot; </p></div>
<p>Wie ein erschreckender Sekundenblick erreicht die deutsche Gesellschaft von Zeit zu Zeit die Botschaft, dass sie immer weniger Kinder bekommt und, in der Dynamik der demographischen Entwicklung gerechnet, in zwei, drei Generationen mehr oder weniger kinderlos sein wird.</p>
<p><span id="more-5748"></span></p>
<p>Die Botschaft hört man wohl &#8211; und der Botschaft folgen regelmäßig ein halbes Dutzend Erklärungen für den radikalen Geburtenrückgang: Der hohe Berufswunsch und der hohe Bildungsgrad von Frauen, überlange Ausbildungszeiten, mangelhaftes System der Kinderbeaufsichtigung, daraus folgende Unvereinbarkeit von Beruf und Familie, der hohe Anteil Unverheirateter, Alleinlebender,<br />
Das &#8211; wenngleich nicht, dass fundamentalistische Retterinnen ungeborenen Lebens weshalb auch immer abtreibende Frauen dafür verantwortlich machen, das mag ja alles richtig sein, seinen Anteil daran haben. Aber in ihrem Wesen gleichen diese Erklärungsversuche den tröstenden Ausreden, die man dem unvorteilhaften Spiegelbild zuflüstert: schlecht geschlafen, schlechtes Licht, schlechter Spiegel. Die Wahrheit ist einfach: Man wird älter.</p>
<p><strong>Kinder bedeuten nicht auch Anerkennung </strong></p>
<p>Die demographische Entwicklung der deutschen Gesellschaft ist ebenfalls sehr einfach zu begründen: Kinder zu haben, stellt ihr einen immer geringeren Wert da. Wenn &#8211; ist das Ergebnis einer von der Familienministerin in Auftrag gegebenen Studie &#8211; ein Viertel aller jungen Männer und 15 Prozent aller jungen Frauen  erklären, ihr Leben ohne Kinder führen zu wollen, dann lässt das in zweiter Linie Rückschlüsse auf die komplizierte Soziologie ihres Lebens zu. In erster Linie jedoch auf die Gewichtung ihrer Lebenswünsche. Und in diesen spielt Nachwuchs einfach keine oder eine sehr untergeordnete Rolle. Kurzum: Sie haben keine Lust auf Kinder.</p>
<p><strong>Unruhe sei die erste Bürgerpflcht</strong></p>
<p>Das wirklich Beunruhigende am rätselhaften Nachwuchsmangel liegt darin, dass er kein Rätsel ist. Er ist evident. Allenfalls ist er es insofern, als ein Leben ohne Kinder den bewussten und unbewussten Daseinsidealen einer modernen Gesellschaft angemessener ist, als ein Leben mit Kindern.<br />
Machen wir uns nichts vor: Kinder gelten als Faktoren der Einschränkung. Nicht der Bereicherung. Kinder gelten als Ursache von Verzicht und eben nicht als Gewinn. Kinder tragen heute nicht mehr zum sozialen Prestige bei, ebendies gilt für das Prestige der Elternschaft.</p>
<div id="attachment_5749" class="wp-caption alignnone" style="width: 510px"><a href="http://www.rundschau-hd.de/wp-content/uploads/2010/10/Da-gehn-wir-mal-jetzt-schon-rein.jpg"><img class="size-full wp-image-5749" title="Da gehn wir mal jetzt schon rein" src="http://www.rundschau-hd.de/wp-content/uploads/2010/10/Da-gehn-wir-mal-jetzt-schon-rein.jpg" alt="" width="500" height="375" /></a>Da gehen wir jetzt mal ganz still rein. Keine Angst, die Klassen sind da drin, wenn Ihr später mal reinkommt, nicht mehr so groß wie heute noch bei Euch &#8211; und wie jetzt noch bei denen …  Fotos: got </dt>
</dl>
</div>
<p>Warum sonst würden vor allem Akademiker, Menschen also, die sehr viel Energie auf ihre gesellschaftliche Anerkennung verwenden, auf Kinder verzichten? Sie wollen frei sein. Und dieser Wunsch steht nicht im Widerspruch, sondern im Einklang mit den Normen, an denen sie sich messen. Wenn sie sich Kinder wünschen, dann aus persönlichen, psychologischen Motiven. Aber sie brauchen keineKinder, um gesellschaftlichen Normen gerecht zu werden.<br />
Wäre es anders, würden sie als Kinderlose bedauert, ja im Extremfall ausgegrenzt ins Außenseitertum. Um das zu vermeiden, würden sie schleunigst zwei, drei Kinder zu bekommen versuchen &#8211; was dann in der Regel ja auch klappt &#8211; und zwar ohne Rücksicht auf eine verpaßte Promotionsarbeiten, ohne Rücksicht auf abendliches Zuhausesitzen, ohne Rücksicht auf Kindergartenplätze.</p>
<p><strong>Ein Schreck, der ohne ohne Wirkung bleibt</strong></p>
<p>Natürlich erschrickt die Gesellschaft regelmäßig beim Blick in den Spiegel. Aber sie erschrickt nicht über die tiefgreifende anthropologische Wesensveränderung, die sich in ihrer Erscheinung abzeichnet. Hingegen erschrickt sie über ihre pragmatische Zukunft. Sie rechnet sich aus, dass es irgendwann nur noch uns alte Leute geben wird oder gar irgendwann keine Deutschen mehr. Aber dieser Schrecken hat keine Rückwirkung auf die gegenwärtige Mentalität. Wie sollte er auch. Eine anthropologische Entwicklung nämlich lässt sich nicht zurückdrehen. Und exakt um eine solche handelt es sich nun mal.<br />
Wenn ein Viertel aller jungen Männer im Jahr 2010 keinen Fortpflanzungsimpuls, keine Fortpflanzungsnotwendigkeit verspürt, ist die panikartige Einrichtung von Ganztagsschulen, die Erhöhung von Kindergeld bei Hartz4ern und was sonst noch denkbar wäre an politischen Strategien, zwar schön und gut und ehrenwert. Aber es sind Maßnahmen zur Behebung des Symptoms, die dessen Ursache nicht berühren.<br />
Diese indes ist alles andere als geheimnisvoll. Es ist eigentlich ganz einfach zu sagen: Die westliche Kultur der Spätmoderne privilegiert Normen und Wünsche, den Wunsch nach Bewegungsfreiheit, nach Erlebnisfreiheit, nach Ungebundenheit, nach privater Unstrukturiertheit, die den Wunsch nach Kindern automatisch zurückdrängen. Machen wir uns nichts vor: Als Zukunftsphänomen finden wir die Kinderlosigkeit etwas erschreckend, aber in der Gegenwart ein Leben ohne Kinder irgendwie längst sowohl besquem aals auch völlig normal.<br />
Die Diskussion um Babyflaute und Kinderfeindlichkeit deutscher Männer verstärkt eine Reihe von Klischees, die aktuelle Studien nur selten bestätigen.<br />
Eine Studie jagt die andere. Forscher präsentieren Ergebnisse zu Kinderwünschen, Partnerwahl und Lebensplanung. Kernpunkt der Diskussion ist die Babyflaute im Land: Warum bloß kriegen die Deutschen so wenig Kinder? Für den Noch-nicht-Vater sind die Zeiten verwirrend. Welche Annahmen bestätigen die Studien? Welche Lügen entlarven sie? Ein Überblick.</p>
<p><strong>“Deutsche Männer und Frauen sind egoistisch und karriereversessen” </strong></p>
<div class="mceTemp">
<dl id="attachment_5755" class="wp-caption alignleft" style="width: 310px;">
<dt class="wp-caption-dt"><a href="http://www.rundschau-hd.de/wp-content/uploads/2010/10/OB-und-Kinder.jpg"><img class="size-full wp-image-5755" title="OB -und Kinder" src="http://www.rundschau-hd.de/wp-content/uploads/2010/10/OB-und-Kinder.jpg" alt="" width="300" height="206" /></a><p class="wp-caption-text">Heidelbergs OB Würzner mit Künftigen …</p></div>
<p>Kaum sind die Zahlen veröffentlicht, schon scheint der Übeltäter erkannt. 26,3 Prozent der Männer und 14,6 Prozent der Frauen möchten gar kein Kind, hat das Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung verkündet. Der Wertewandel ist schuld, heißt es seither in Politiker- wie in Kirchenkreisen, wobei letztere ja immerhin mit einem Kondomverbot versuchen, das Schiff zu wenden … Nur: In der Studie steht gar nichts drin von veränderten Idealen. Im Gegenteil. Die Familie findet sich wie ehedem ganz oben auf der Werteskala, so lautet das Ergebnis. Nichts ist den Deutschen so wichtig wie “mit seinem Partner in Harmonie zusammenleben” und “seinen Kindern Liebe widmen”. Karriere machen, sich selbst verwirklichen, das dümpelt auf den Schlussrängen. Selbst unter den Unwilligen gibt jeder Zweite zu:<br />
Gäbe es mehr Teilzeitjobs, Kinderbetreuung und flexiblere Arbeitszeiten &#8211; ich würde mir das mit dem Baby nochmal überlegen. Der Möchtegern-Vater braucht also nicht zu bangen, dass seine Job-Ambitionen seine Babypläne stören, jedenfalls nicht, wenn er nach den Einschätzungen der Mehrheit geht. Er muss auch nicht nach jener einen von 20 Frauen fahnden, die am liebsten allein Hausfrau und Mutter wäre. Schwer hat es nur, wer von einer Drei-Kinder-Schar träumt, denn das tun zumindest in den alten Bundesländern mehr Männer als Frauen. Ansonsten gilt: Der Wessi möchte zwei Kinder oder gar keins, der Ostmann ist da flexibler. Statistisch gesehen hat also nicht der Mann ein Problem. Sondern die Frau, die einen Babyverweigerer aus dem Westen liebt.</p>
<p><strong>“Bildung ist der schlimmste Feind des Kinderkriegens” </strong></p>
<p>Längst ist es ein Standardargument in den Kinder-Debatten. Studierte Frauen erreichen viel &#8211; nur Mutter werden sie selten. Zwar sind wohl nicht 40 Prozent der Akademikerinnen kinderlos, wie oft gesagt wird, fußt die Angabe doch auf alten Zählmodi, die annehmen: Jenseits der 39 wird eine Frau nicht mehr Mutter. Der Trend aber ist unbestritten. Je gebildeter die Frau, desto häufiger bleibt sie kinderlos. Sollte der zeugungswillige Mann also Akademikerinnen meiden? Das wäre falsch. dass sich die studierte Frau seltener ein Kind wünscht als die Verkäuferin oder Arbeiterin, ist durch keine Umfrage belegt. Nur, dass es häufiger beim Wünschen bleibt. Als ein Hauptschuldiger gilt das “Drei-Phasen-Modell” &#8211; der deutsche Hang zum Nacheinander. So lautet zumindest die Quintessenz einer Allensbach-Studie. Erst Ausbildung, dann einige Berufsjahre, danach ein Kind, das ist das gängige Ideal. Die Folge: Gerade noch fünf bis zehn Jahre bleiben fürs Großprojekt Baby. Glücklich, wer dann gerade einen Partner an seiner Seite weiß.<br />
Zumal die studierte Deutsche ihren Mann sorgsam wählt. Nur jede zehnte ist bereit, auch einen Nichtakademiker zu ehelichen. Will Mann ganz sicher gehen, sollte er eine Frau aus den alten Bundesländern umwerben. Von ihnen kann sich nur jede Zwanzigste vorstellen, kein Kind zu gebären. Übrigens: Selbst wenn ein Mann an der Uni nicht die Mutter seiner Kinder findet &#8211; studieren sollte er schon. Denn das rentiert sich. Zwar sind Nichtakademiker zunächst erfolgreicher in Sachen Nachwuchs. Aber nur, bis sie 35 Jahre alt sind. Dann zieht der Studierte an ihnen vorbei, ergibt die Studie “männer leben” der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung: Es gibt weniger kinderlose Akademiker als Nichtakademiker. Noch folgenreicher als ein Uni-Abschluss ist der Kontoauszug. Wer über 2.500 Euro netto verdient, hat weit öfter als andere auch Frau und Kind.</p>
<p><strong>“Ein Mann kann in jedem Alter Vater werden” </strong></p>
<p>Diese Aussage hält sich zäh, trotz allen Statistikwissens: die Alterslüge. Der Mann wähnt sich gefeit vor der Baby-Uhr, die in der Mittdreißigerin tickt. Dabei lehrt die Realität anderes. Medizinisch gesehen spricht einiges gegen (ab wann ist Mann das?) den Greis im Kreißsaal &#8211; etwa das höhere Risiko, ein krankes Kind zu zeugen. Wichtiger freilich ist die Kluft zwischen Theorie und Praxis. Natürlich könnte  &#8211; in der Regel &#8211; auch ein Senior ein Kind zeugen. Nur tut er es selten. Sowohl die Allensbach- als auch die “männer leben”-Studie belegen: Jenseits der 35 verlässt Mann wie Frau der Wille zum Kind. Fehlt es am Mut? Hat man sich arrangiert in der Zweisamkeit? Noch ist das kaum erforscht, belegt ist nur: Fragt man Studierende, wollen neun von zehn später mal ein Kind. Unter Mittdreißigern ist die Quote viel niedriger.</p>
<p><strong>Wenns nicht mehr geht …</strong></p>
<p>Doch selbst wer Nachwuchs will &#8211; jenseits der vierzig scheitert das Wollen am Können. Der Greis und die junge Schöne, im wahren Leben ist das eine Rarität, weiß die “männer leben”-Studie. Nur einer von 25 Männern ist zehn oder mehr Jahre älter als seine Partnerin. Selbst der Senior freit meist unter seinesgleichen. Im Schnitt ist der Mann um die fünfzig mit eine Frau verbandelt, die gerade einmal 2,8 Jahre jünger ist. Wer also Vaterwünsche hegt, sollte den Aufschiebeplan begraben. Der Babyboom nach der Midlife Crisis &#8211; er ist eine Männerphantasie.</p>
<p><strong> Was folgt daraus?</strong></p>
<p>“Der wichtigste und schwerwiegendste Irrtum über die Natur der demographischen Veränderungen ist der Glaube”, sagt der Bevölkerungsforscher Herwig Birg, “dass uns ein rascher Wiederanstieg der Geburtenrate auf 1,6 oder 1,8 oder zwei Kinder pro Frau vor dem Schlimmsten bewahren könnte. Aber es ist dreißig Jahre nach Zwölf, heute kann selbst ein Anstieg der Geburtenrate auf die ideale Zahl von zwei Kindern je Frau die Alterung für Jahrzehnte nicht abwenden. dass es ein demographisches Momentum mit irreversiblen Folgen gibt, ist vielleicht die wichtigste Erkenntnis der Demographie. Wenn ein demographischer Prozeß ein Vierteljahrhundert in die falsche Richtung läuft, dauert es ein Dreivierteljahrhundert, um ihn zu stoppen.<br />
Wir befinden uns noch nicht einmal in der Phase des Bremswegs, noch läuft überhaupt erst der Countdown der Reaktionszeit. Haben wir schon reagiert? Werden wir reagieren? Wann werden wir reagieren? Politiker, die wissen, dass sie nicht mehr im Amt sein werden, wenn die demographischen Folgen zu unübersehbaren sozialen und urbanen Veränderungen geführt haben werden, planen eine Zukunft auf den Grundrissen eines Deutschland, das in den siebziger Jahren vielleicht einmal war, aber längst nicht mehr ist.<br />
Es sei nicht nur den Abstand zwischen Reaktionszeit und Bremsweg beschrieben, sondern auch von Fehlprognosen angesichts verheerender Datenfehler geredet, die in einzelnen Kommunen beispielsweise zu einem statistischen Verschwinden der Neunzigjährigen geführt haben.<br />
Schon hört man, wie einzelne Politiker, die heute am Umbau der Welt arbeiten, sich mokieren über Zeithorizonte wie den folgenden: “Der demographisch bedingte Problemdruck wird sich in den nächsten zehn Wahlperioden mit der irreversiblen demographischen Alterung kontinuierlich verstärken und Deutschland in eine permanente gesellschaftspolitische Großbaustelle verwandeln.”</p>
<p><strong>Reden wir über Kinder </strong></p>
<p>Der deutsche Selbsthaß hat in den letzten Jahrzehnten eine Diskussion über dieses Problem verhindert, weil, wer es aufgriff, sofort beschuldigt wurde, klassische Bevölkerungspolitik zu betreiben. Wir müssen nun erkennen, dass der Autonomen-Satz “Nie wieder Deutschland!” auf unheimliche Weise vollstreckt werden könnte. In der Tat, von Kindern profitieren in unserer Gesellschaft doch nur noch die, die sie nicht haben. Womit ein, nein, das Prinzip unseres politischen Diskurses benannt wäre.<br />
Was ein Mensch wirklich ist &#8211; so pathetisch dieses Satz klingen mag &#8211; , was also ein geborener Mensch wirklich wert ist, das werden wir alle jetzt erst erfahren. Es müßte uns gelingen, über etwas ganz Einfaches und Naheliegendes zu reden, etwas was nicht jeder hat, aber jeder einmal war. Reden wir über Kinder.</p>
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		<title>Melange aus Unsinn und Unbildung</title>
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		<pubDate>Sun, 03 Oct 2010 15:00:39 +0000</pubDate>
		<dc:creator>admin</dc:creator>
				<category><![CDATA[Abstimmung-Kontrovers]]></category>
		<category><![CDATA[Bildung]]></category>
		<category><![CDATA[Essay]]></category>
		<category><![CDATA[Sapere aude]]></category>
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		<description><![CDATA[Sprache &#8211; wir befinden uns derzeit in einem kulturellen Sinkflug, den heiklen Begriff Stil gilt es eher zu vermeiden &#8211; wird zerhackt. Keineswegs tut dasnur der immerzu böse Computer, wie die gängige Ausrede lautet. Anderswo, aber beispielsweise auch hierzulande, wird unter dem Motto &#8220;Könnten Sie den Namen Goethe buchstabieren?&#8221; der Niedergang des bürgerlichen Feuilletons beklagt. [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Sprache &#8211; wir befinden uns derzeit in einem kulturellen Sinkflug, den heiklen Begriff Stil gilt es eher zu vermeiden &#8211; wird zerhackt.</p>
<p><span id="more-4786"></span>Keineswegs tut dasnur der immerzu böse Computer, wie die gängige Ausrede lautet. Anderswo, aber beispielsweise auch hierzulande, wird unter dem Motto &#8220;Könnten Sie den Namen Goethe buchstabieren?&#8221; der Niedergang des bürgerlichen Feuilletons beklagt.</p>
<p>Und wenn der italienische Schriftsteller Antonio Tabucchi jüngst den &#8220;kulturellen Verfall&#8221; ausdrücklich mit dem Hinweis auf das &#8220;Vulgärerwerden&#8221; durch Sprache erklärte, ist ihm wahrlich beizupflichten. Dieses Hopp-Hopp wird allzu leicht zum Hepp-Hepp; egal, ob die Fakten stimmen. Die Werbung für einen Film über Leo Tolstoi verkündet: &#8220;Ein Film über das Leben des großen russischen Schauspielers&#8221;.</p>
<p>Ein anderes, geradezu preiswürdiges Beispiel für diese Melange aus Unsinn und Unbildung führt uns in einer großen deutschen Tageszeitung ein Mitarbeiter  (am 8. August 2010) vor &#8211; noch dazu unter der Überschrift &#8220;Dumm zu sein bedarf es wenig&#8221;. Da wird uns der Weggang von Marlene Dietrich als Endpunkt des deutschen Kabaretts präsentiert &#8211; nur, dass Marlene nie je mit Kabarett etwas zu tun hatte; schlimmer noch, der Autor will wissen, dass &#8220;Marlene Dietrich vor den Nazis ins Exil floh&#8221;. Was er offenbar nicht weiß: Marlene Dietrich unterschrieb am 13. Februar 1930 einen Vertrag mit der Paramount in Hollywood und verließ Deutschland noch vor der Weltpremiere des &#8220;Blauen Engel&#8221; auf einem eleganten Ozeanriesen im Blitzlichtgewitter der Fotografen, in viele Mikrofone Interviews gebend, und reiste in die USA. Genau so vage bis ungenau bezieht sich besagter Mitarbeiter auf einen Text von Kurt Tucholsky, von dem er schreibt, er sei &#8220;ersichtlich für das Publikum einer Kleinkunstbühne in den frühen Dreißigern verfasst&#8221;. Das ist ein apartes &#8220;ersichtlich&#8221; &#8211; nachgeprüft hat der Autor nicht, dass dieser Text in der &#8220;Weltbühne&#8221; vom 3. Mai 1932 erschien, und nachgedacht hat er auch nicht, ob Tucholsky denn je für &#8220;Kleinkunstbühnen&#8221; geschrieben hat (was er nicht tat). Übertroffen wird dieser Unfug allenfalls durch das jüngste Gelärme über das Gör Hegemann, dessen Zusammenkliererei allen Ernstes zu umfangreichen Feuilleton-Nachdenklichkeiten führte, dass ja auch Brecht oder Thomas Mann&#8230; Der schöne alte Spruch &#8220;Quod licet Jovi, non licet Bovi&#8221;: vergessen. Vergessen in der Eile ebenfalls, dass der als Plagiat-Künstler herbeigerufene Celan eben NICHT plagiiert hatte (was durch viele Prozess-Instanzen hindurch bewiesen wurde).</p>
<p>Die E-Mail- und Notebook-Rapidität löst Sprache auf, und das Denken ist Opfer der Löschtaste. So wird &#8211; rasch, rasch &#8211; Hubert Fichte gleich in Überschrift wie Unterzeile eines Gedenk-Artikels zum 75. Geburtstag als &#8220;Achtzigjähriger&#8221; gefeiert. Auf eine darob verärgerte E-Mail eines Lesers antwortete das Feuilleton wie folgt: &#8220;Wir bekamen sehr viele Briefe von Lesern, die sich darüber beschwerten. [...] Die Fehler sind nicht zuletzt auch ständigen Stellenstreichungen geschuldet, die leider zur Folge haben, dass auf die nötige Sorgfalt beim Redigieren nicht mehr so geachtet werden kann, wie das noch vor ein paar Jahren möglich war. Durch die aktuellen personellen Kürzungen der letzten Wochen und Monate wird es wohl leider nicht viel besser werden.&#8221;</p>
<p>Sogar im Kultur-TV-Kanal 3sat wird Simone Veil als &#8220;erste Frau&#8221; in der Académie Française gepriesen &#8211; so, als habe Marguerite Yourcenar nie gelebt. Und wozu sollen die Übersetzer des Papst-Hirtenbriefes noch lange darüber nachdenken, dass Benedikt XVI. den Missbrauch von Kindern nicht &#8220;aufrecht&#8221; bedauert haben wird, sondern eher &#8220;aufrichtig&#8221;? Beifällig möchte man des nüchternen Schweiz-Reporters Jürg Altwegg Schauder zitieren angesichts des &#8220;außer Rand und Band geratenen deutschen Kulturbetriebs, der alle paar Wochen eine bunte Sau durchs Dorf treibt&#8221;.</p>
<p>Wie aber soll &#8211; bleiben wir beim Rezipieren von Literatur &#8211; ein Sprachkunstwerk, Roman, Gedicht, Essay, Drama, auch nur beurteilt werden, wenn das Instrument dazu nicht mehr funktioniert? Dem Chirurgen würde man es sagen wir: verübeln, benutzte er eine schartige Säge. Da das gängige Ansinnen einer Redaktion aber lautet &#8220;Heute ist Dienstag, können Sie bis Donnerstag&#8230;&#8221; (im Glücksfall: bis Montag) ein 1000-Seiten-Buch auf 200 Zeilen rezensieren &#8211; ist Behutsamkeit, Nachdenken, Muße schon bei diesem Begehr ausgefiltert und ein sorgfältiges Lesen des Werkes von vornherein unmöglich gemacht; sofern das Buch oder die Fahnen überhaupt schon vorliegen &#8230; Ein befreundeter Theaterkritiker erzählt mir glaubwürdig, wie ein junger Kollege zu ihm kommt, er habe in seinem &#8220;Blog&#8221; etwas über ein Stück gelesen und darüber wolle er &#8220;gleich etwas schreiben&#8221;. Die Frage, ob er denn das Stück gelesen oder gesehen habe, rief ungläubige Verwunderung ob dieser Altmännerattitüde des Kritikers hervor.</p>
<p>Der Sinkflug der Kultur des Geistes ergreift inzwischen auch die Kultur des &#8220;Umgangs mit Menschen&#8221;, wovon auch die Journalisten nicht ausgenommen sind. Da ich hier Situationen nachzeichne aus einem Boot, in dem ich selber mitrudere, gehört es sich, etwas konkreter zu referieren. Zu mir reist an der Chef einer renommierten Kulturzeitschrift; er unterbreitet mir Vorschläge und Vorhaben für die kommenden zwölf Monate &#8211; so viele, dass ich ihn schon bremse; er bekommt hinterher einen Brief von mir mit einer Bestätigung unserer Vereinbarung und einigen festen Zusagen; nun war er an der Reihe mit Terminvorschlägen; ich habe von dem Mann nie wieder etwas gehört.</p>
<p>An mich wendet sich ein Funkhaus mit der Bitte um ein &#8220;ausführliches, langes Interview&#8221;; es erscheint ein freundlicher junger Mann; ich frage ihn, ob er mit meiner Arbeit vertraut ist, etwas von mir gelesen hat; &#8220;Nein&#8221;, lautet die erschrockene Antwort, &#8220;aber ich habe hier ein paar Fotokopien von Archivunterlagen über Sie&#8221;; Unverständnis über mein noch immer höfliches, aber kurzes &#8220;Damit ist unser Gespräch beendet&#8221;. Die vergnüglichere Variante ist leider selten: Eine reizvolle junge Dame erscheint zum Interview in meinem Amsterdamer Hotel; ihre Unterlagen hat sie vergessen; das Tonband funktioniert nicht; &#8220;dann machen wir eben was anderes&#8221;, meinte sie keck.</p>
<p>Nun muss ich in meinem Alter nicht mehr Karriere machen, ich kann mir leisten, ob solcher Pars pro toto erzählten Begebenheiten zu lachen; wenn auch nicht, frei nach Tucholsky, &#8220;ohne Bitter&#8221;. Indes frage ich mich, wie sich der Sinkflug auch der Arbeitsmoral in einigen Jahren auf die ohnehin immer eingeschränkteren Möglichkeiten der journalistischen Arbeit auswirken wird. Was aber, wenn derlei einem jungen Kritiker widerfährt, einem, der sich noch einen Zukunftshorizont ausgemalt hat? Einem vielleicht, der Kunst und Literatur zu seinem Lebensinhalt gemacht hat, der noch weitermachen will?</p>
<p>Es geht weniger um ein &#8220;Sire, geben Sie Zeilenfreiheit&#8221; für den Kritiker, als vielmehr um die Würde des Objekts, des Kunstwerks. Sein innerer Kern wird verletzt, wenn der Resonanzboden zerstört wird. Kann ein Kulturjournalist sich nicht mehr die Zeit nehmen, um sich der heiteren Spannung vor einem Bild von Velázquez oder Vermeer hinzugeben, die es ihm auferlegt; kann jemand nicht mehr dieser rätselhaft ziehenden Melancholie beim Anhören von Mischa Maiskys Spiel des Bachschen &#8220;Ave Maria&#8221; (wenn auch in der leicht kitschbepuderten Fassung von Gounod) nachsinnen; kann er nicht langsam versinken im Unauflöslichen von Rilkes Grabspruch: Wie soll er dann Kunde geben von den Wundern der Kunst? Das jedoch ist die Aufgabe des Kritikers.</p>
<p>Wer den Mittler roh behandelt, verweigert damit dem Produzenten pflegliche Sorgfalt. Beiden wird die Lust am Spiel &#8211; Grundlage aller Kunst &#8211; geraubt; und die Freude. Denn es muss Freude machen, wenn ich Stefan George noch einmal lese, das Gundolf-Buch, bevor ich eine George-Biografie rezensiere; es muss Freude machen, zumindest in Frank Wedekinds Tagebüchern zu schmökern, bevor ich mich an die Arbeit über Anatol Regniers Wedekind-Biografie setze.</p>
<p>&#8220;Etwas geht zu Ende&#8221;, summierte kürzlich der Schriftsteller Thomas Hettche seine Überlegungen darüber, dass die Erwartungen der Literaturkritik &#8220;sich vom Werk abwenden&#8221;. Meine Klage betrifft den unguten Umstand, dass das jeweilige Kunstwerk nach dem ihm innewohnenden Gesetz nicht befragt werden kann, lässt man dem Befrager &#8211; vulgo: Kritiker &#8211; nicht Raum noch Zeit für freies Ausschwingen eigener Fantasie.</p>
<p>&#8220;Bitte nicht mehr als 8000 Zeichen incl. Leer&#8230;&#8221; (ein &#8220;Zeichen&#8221; ist auch der Abstand hinter dem Komma) &#8211; und wer so großräumig nicht denken mag? Schnell schnell, kurz kurz &#8211; das ist wohl eine gute Anweisung für Flachbildschirmgehirne wie Harald Schmidt. Für Walter Benjamin wäre sie es nicht gewesen. Um einmal jemanden zu zitieren, der gleichsam am anderen Schreibtisch sitzt, den Verleger Egon Ammann mit seinem Abschied von der Buchmesse 2009: &#8220;Eine vornehm zurückhaltende Diplomatie hat Einzug gehalten, ganz mit der Gegenwart beschäftigt. Die leidenschaftlichen Debatten um politisches Engagement wie um literarische Formen fehlen; auf dem Feld der Literatur fehlt auffallend das historische Gedächtnis.&#8221; Traurig fügte er hinzu: &#8220;Es ist besser zu verschwinden als zu verwässern.&#8221; In einem Intellektual-ICE ist dies verlorengegangene Gedächtnis nicht einzuholen.</p>
<p><strong>Coda</strong></p>
<p>Leisten wir uns ergo zum guten bösen Ende ein paar Zeilen Gedächtnis. 1789 erschien Schillers Aufsatz &#8220;Über Bürgers Gedichte&#8221;, in der Werkausgabe wohlweislich rubriziert unter &#8220;Rezensionen&#8221;. Hélas. Es ist ganz außerordentlich, wie Schiller zuerst einmal die eigenen Kriterien darlegt. Das hatte er auch in jener &#8220;Egmont&#8221;-Besprechung getan, den wichtigen Unterschied zwischen historischer Wahrheit und literarischer Authentizität ausführlich analysiert, jene Differenz, die er von Goethe &#8220;zerstört&#8221; sah, um mit dem berühmt gewordenen Satz zu enden: &#8220;Rezensent gesteht, dass er gern einen witzigen Einfall entbehrt hätte, um eine Empfindung ungestört zu genießen.&#8221; Empfindung darf man wohl als das Plausible übersetzen. Schillers Einwand gegen Bürgers Gedichte &#8211; der Autor war tief gekränkt &#8211; ist nicht obenhin. Der Rezensent entwickelt eine eigene poetische Theorie. Die nun ist hochaktuell. Er erläutert nämlich, wann und wie die Integrität &#8211; &#8220;die höhere Schönheit&#8221; &#8211; eines literarischen Werks sich an die &#8220;Popularität&#8221; verrät; seine Interpretation läuft darauf hinaus, dass das Schielen auf Erfolg nicht nur ein ästhetisches Vergehen, sondern auch eine charakterliche Schwäche ist: &#8220;Alles, was der Dichter uns geben kann, ist seine Individualität. Diese muss es also wert sein, vor Welt und Nachwelt ausgestellt zu werden. Diese seine Individualität so sehr als möglich zu veredeln, zur reinsten herrlichsten Menschheit hinaufzuläutern, ist sein erstes und wichtigstes Geschäft, ehe er es unternehmen darf, die Vortrefflichen zu rühren. Der höchste Wert seines Gedichtes kann kein andrer sein, als dass es der reine vollendete Abdruck einer interessanten Gemütslage eines interessanten vollendeten Geistes ist. Nur ein solcher Geist soll sich uns in Kunstwerken ausprägen; er wird uns in seiner kleinsten Äußerung kenntlich sein, und umsonst wird, der es nicht ist, diesen wesentlichen Mangel durch Kunst zu verstecken suchen.&#8221;</p>
<p>Nun ließen sich darüber treffliche Disputationen führen. Diese Gleichsetzung von Moral und Ästhetik hat zumindest das 20. Jahrhundert ziemlich ins Wanken gebracht; Namen wie Pound oder Céline, Brecht oder Benn stünden als Gegenbeispiele parat. Kategorien der Kunst unterliegen dem Wandel. Wie die Urteile über ein Werk. Heinrich Heine schrieb nicht wie Gottfried von Straßburg, Matisse malte nicht wie Dürer, Mozart komponierte keine Gregorianik. Eben diese Unterschiede &#8211; das Gedächtnis! &#8211; hat der Kritiker zu bedenken, er, der ja Echo des einen großen Gesangs ist &#8211; oder zu sein habe &#8211; zu dem die Weltkultur sich fügt. Aber eben dazu soll man ihm Muße und Pfleglichkeit angedeihen lassen, vielleicht gar &#8211; pardon für (sollte dies denn eine solche sein) die Übertreibung &#8211; ein wenig Respekt.</p>
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		<title>Das Symposium</title>
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		<pubDate>Thu, 06 May 2010 04:53:15 +0000</pubDate>
		<dc:creator>admin</dc:creator>
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		<category><![CDATA[Bildung]]></category>
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		<description><![CDATA[Vom 6. bis 8. Mai 2010 veranstaltet der HCWK auf dem Universitätsplatz Heidelberg und in den umliegenden Universitätsgebäuden  das 22. Heidelberger Symposium zum Thema Fortschritt.Es  steht unter der Schirmherrschaft des Medizinnobelpreisträgers und Präsidenten des Deutschen Krebsforschungszentrums Prof. Dr. Dr. h.c. Harald zur Hausen sowie des Bundesministers für Wirtschaft und Technologie, Rainer Brüderle. Der Club Der Heidelberger [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Vom 6. bis 8. Mai 2010 veranstaltet der HCWK auf dem Universitätsplatz Heidelberg und in den umliegenden Universitätsgebäuden  das 22. Heidelberger Symposium zum Thema Fortschritt.<span id="more-4829"></span>Es  steht unter der Schirmherrschaft des Medizinnobelpreisträgers und Präsidenten des Deutschen Krebsforschungszentrums Prof. Dr. Dr. h.c. Harald zur Hausen sowie des Bundesministers für Wirtschaft und Technologie, Rainer Brüderle.</p>
<h2>Der Club</h2>
<p>Der Heidelberger Club für Wirtschaft und Kultur e.V. (HCWK) ist eine unabhängige, überparteiliche und fächerübergreifende Studenteninitiative an der Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg. Er wurde 1988 mit dem Ziel gegründet, die Ausbildung an der Universität durch Praxisbezug und interdisziplinären Austausch zu ergänzen. Zu diesem Zweck organisiert der Club in Heidelberg seit 1989 jährlich ein mehrtägiges Symposium zu einem aktuellen Thema von gesellschaftlicher Relevanz.</p>
<h2>Die Idee des Heidelberger Clubs</h2>
<p>In seinem 20jährigen Bestehen, hat sich das Symposium des Heidelberger Clubs für Wirtschaft und Kultur als fester Bestandteil des Heidelberger akademischen Jahres etabliert. Es leistet einen hervorragenden Beitrag zu einer lebendigen Universitätskultur, wie sie dem Heidelberger Selbstverständnis als traditionsreichste Volluniversität entspricht. Es drückt damit ein studentisches Verständnis der Leitmotive „Dem lebendigen Geist“ und „Semper Apertus“ aus.</p>
<p>Der Club ist zugleich ein Angebot an den engagierten Studenten und an die Bürger Universitätsstadt Heidelberg und Umgebung.<br />
Die Vorbereitung des Symposiums in der Zusammenarbeit mit dem Team soll jedem Studenten die Möglichkeit eröffnen, sein Studium mit einem Praxisbezug zu verbinden. Die Vorbereitung des Symposiums erstreckt sich über ein Jahr und deckt ein breites Spektrum an Tätigkeiten ab: von der Programmkonzeption, über PR-Arbeit und Spendenakquise, Referentenanwerbung und –betreuung, bishin zum Zeltaufbau und der Durchführung der dreitägigen Veranstaltung im Konkreten (und mit sehr wenig Schlaf). Die Organisation einer solchen mehrtägigen Großveranstaltung bedeutet für die beteiligten Organisatoren einen beträchtlichen Arbeitsaufwand, der sie/ihn über ein Jahr beansprucht und zeitlich neben dem Studium an der Universität erheblich einbindet. Mithin ist die Mitarbeit durchaus auch eine Belastungsprobe für manche Beteiligte. Entschädigt worden ist bisher aber noch jeder, durch das (an der Universität nicht selbstverständliche) Gefühl, etwas eigenes großes auf die Beine gestellt zu haben, durch die neuen Freundschaften, die man während der Arbeit geschlossen hat und den Spaß, den die dreitägige Veranstaltung an sich bietet.<br />
Gleichzeitig hat sich der Verein dem interdisziplinären bzw. transdisziplinären Dialog verschrieben. Besteht schon das Team regelmäßig aus Studenten aller Fachrichtungen, so geben die Referenten zumeist ein ähnlich buntes Bild ab. Kultur und Wirtschaft, das ist ein Paradoxon, das sind zwei Schlagwörter, unter die nach Belieben alles und nichts subsummiert werden kann und die doch vielfach als Antipoden verstanden werden. Bei uns sollen sie in einen Dialog treten. Da sollen Brücken gebaut werden, da darf es aber auch kontrovers zugehen. Das Forum, das mit dem Symposium dafür gestellt wird, soll eine Diskussionskultur pflegen, ein Bildungsideal vom ganzheitlichen Menschen erhalten und versteht Querdenken nicht als etwas Karrierehemmendes, sondern als etwas Mehrwert schaffendes, nämlich Zivilgesellschaft und Demokratie!</p>
<p><strong>„Krisen im Spiegel der Zeitgeschichte“</strong></p>
<p>Mit den Prof. Patzel-Mattern, von Thadden und Rapp konnten wir für die Podiumsdiskussion „Krisen im Spiegel der Zeitgeschichte“ drei herausragende Referenten mit unterschiedlichen Forschungsrichtungen gewinnen.</p>
<p>Prof. Dr. Patzel Mattern ist derzeit Professorin für Wirtschafts- und Sozialgeschichte an der Universität Heidelberg. Sie studierte Neuere und Neueste Geschichte, Publizistik und Politikwissenschaften an der WWU Münster, sowie an der Universidad de Barcelona. Sie hat 1998 an der WWU Münster promoviert und seit 2008 ist das Habilitationsverfahren durch die Universität Konstanz abgeschlossen. Ihre heutigen Forschungsschwerpunkte sind die Sozial- und Wirtschaftsgeschichte, Wissenschaftsgeschichte und Sozial- und Körpergeschichte.</p>
<p>Prof. Dr. Ernst-Ludwig von Thadden ist derzeit Professor für Volkswirtschaftslehre an der Universität Mannheim und Leiter der Mannheimer Graduiertenschule. Er studierte unter anderem an der Universität Heidelberg und an der London School of Economics. 1991 promovierte er im Fach Volkswirtschaftslehre an der Universität Bonn. 1995 habilitierte er an der Universität Basel. Seine heutigen Forschungsschwerpunkte sind Mikroökonomie, Kapitalmarkttheorie und Finanzintermediation.</p>
<p>Prof. Dr. Friedrich Rapp war bis 1997 Professor für Philosophie an der Universität Dortmund. Er studierte Physik und Mathematik an der TH Darmstadt sowie Philosophie an der Universität Fribourg. Für Philosophie promovierte er 1966 und seine Habilitation für Philosophie beendete er 1972 an der TU Berlin. Seine Forschungsschwerpunkte sind Technikphilosophie, Theorie des Fortschritts, zeitgenössische Philosophie sowie das Freiheitsverständnis der Moderne.</p>
<p><strong>Die Podiumsdiskussion „Krisen im Spiegel der Zeitgeschichte“</strong> wird am Freitag den 7. Mai von 14:00 Uhr bis 15:30 Uhr stattfinden. Darin soll beleuchtet werden, welche Auswirkungen Kriege, Revolutionen, Regierungskrisen und Wirtschaftliche Krisen auf den gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Fortschritt unseres Gemeinwesens haben. Bremsen oder verhindern diese den Fortschritt? Oder aber sind Krisen aber gar die Ursache des Fortschritts?</p>
<p>Nach zahlreichen Vorträgen und Diskussionsrunden um Fortschritt, Religion und Marginalien um all das herum wird am Samstag um 14 Uhr in der Peterskirche der „Fortschritt verantwortet“.  Nein, verantwortet wird er wohl nicht werden, jedoch wird heftig darüber diskutiert. Dafür bürgen Fritz Kuhn, die Generalsekretärin der Deutschen Gesellschaft für die Vereiinten Nationen Beate Wagner, der Umweltökonom  Timo Goeschl und der Pressesprecher des Bundesministeriums  für Entwicklung und WIrtschaftlliche Zusammenarbeit Rolf Steltemeier.</p>
<p>Wie in jedem Jahr gibt es neben den Vorträgen und Diskussionen sowie der traditionellen Verpflegung im Zelt auf dem Uniplatz auch wieder ein <strong>Abendprogramm.</strong><br />
Heute, am Donnerstag Abend wird zunächst das Improvisationstheater &#8220;Kopfsalat&#8221; die interessierten Symposiumsbesucher unterhalten. Am Freitag findet in den Abendstunden dann die Preisverleihung des 5. Heidelberger Kunst- und Kulturpreises statt, der für das Jahr 2010 zum Thema &#8220;Welten &#8211; Visionen&#8221; ausgeschrieben wurde.</p>
<p><strong>Die Abschlussparty</strong> am Samstag Abend findet in diesem Jahr im Nectar (obere Neckarstraße 5, 69117 Heidelberg) statt. Der Eintritt ist für alle Symposiumsgäste, wie auch die anderen Abendprogrammpunkte, frei! (nichtangemeldete Gäste: Kostenbeitrag 3 Euro)</p>
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		<title>Ich. Im Gespräch mit: Mich. Warum gibt es nicht nichts &#8211; und überhaupt …</title>
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		<pubDate>Sat, 01 May 2010 13:39:32 +0000</pubDate>
		<dc:creator>admin</dc:creator>
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		<category><![CDATA[Zeitgeschehen]]></category>

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		<description><![CDATA[Ich: Ernst Bloch &#8211; der von Heidelberg sagte, dies Dorf sei ein Mekka des Geschwätzes -  setzte die Katastrophe voraus, um in eine glorreiche Zukunft &#8230; Mich:  &#8230; nicht nur Bloch, auch Nietzsche und so weiter. Erst Tod, dann Verklärung.Ich: Demnach leben wir in prächtigen Zeiten. Mich:  Die meinten das. Aber Goldene Zeitalter sind Unfug, [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Ich: Ernst Bloch &#8211; der von Heidelberg sagte, dies Dorf sei ein Mekka des Geschwätzes -  setzte die Katastrophe voraus, um in eine glorreiche Zukunft &#8230;</p>
<p>Mich:  &#8230; nicht nur Bloch, auch Nietzsche und so weiter. Erst Tod, dann Verklärung.<span id="more-4790"></span>Ich: Demnach leben wir in prächtigen Zeiten.</p>
<p>Mich:  Die meinten das. Aber Goldene Zeitalter sind Unfug, wenn Sie mich fragen.</p>
<p>Ich: Es gab sie nicht? Müssen Sie doch wissen, als Schreiber …</p>
<p>Mich:  Manchmal sieht es nur später so aus. Es ist aber immer nur Eisen oder Blech.</p>
<p>Ich: Was würde Bloch sagen zur kapitalistischen Katastrophe?</p>
<p>Mich:  Ist es denn eine?</p>
<p>Ich: Würde er das fragen?</p>
<p>Mich:  Nein, das frage ich Sie. Nicht mal dass Bloch tot ist, ist eine Katastrophe.</p>
<p>Ich: Wenn viele Menschen Arbeit verlieren?</p>
<p>Mich:  Ich wehre mich gegen die Unterstellung, dies zu verharmlosen, nur weil ich frage, ob es eine Katastrophe ist. Wir haben eine Krise. Ein gewisses Chaos.</p>
<p>Ich: Was ist eine Katastrophe?</p>
<p>Mich:  Eine Katastrophe ist, was in ein paar Milliarden Jahren eintritt. Friedrich Engels nannte das den &#8220;notwendigen Fall der Erde in die Sonne&#8221;. Ich mag diesen kosmischen Darwinismus. Rezessionen sind so alt wie der Kapitalismus. Denken Sie an die niederländische Tulpenkrise!  Luftbuchungen gab es schon 1637. Das sind Tendenzen.</p>
<p>Ich: Tendenzen? Ein solches Chaos?</p>
<p>Mich:  Ich finde die Hysterie der Medien hoch abenteuerlich. Es wird übrigens auch in keinem Gewerbe so hochneurotisch auf das Chaos dieser Monate reagiert. Diese heiße Sehnsucht des Meinungsgewerbes entweder nach dem Himmelreich &#8211; oder eben nach dem Untergang.</p>
<p>Ich: Also, es hätte Bloch gefallen. Katastrophe bedeutet &#8220;Vernichtung&#8221;, aber eben auch &#8220;Wendung&#8221;.</p>
<p>Mich:  Wendung hin oder her, dem Universum ist es ja egal, wenn die Erde in die Sonne fällt. Da macht es in der Unendlichkeit irgendwo plopp. Diese rasende Sinnlosigkeit, die ist für viele von uns die eigentliche Katastrophe, nicht wahr?</p>
<p>Ich: Glauben Sie an Gott?</p>
<p>Mich:  Nein. Und Priester und Päpste sollten auch nicht immer sagen, dass sie an ihn glauben. Wenn sie sicher sind, dass es ihn gibt, so brauchen sie nicht an ihn zu glauben. Es gibt ihn oder eben nicht.</p>
<p>Ich: An Unsichtbares kann man halt nur glauben.</p>
<p>Mich:  Liebe, Hass, Triebe, Aktienwerte, alles unsichtbar. Und doch handfest.</p>
<p>Ich: Also: Gott gibt es nicht?</p>
<p>Mich:  Woher soll ich das wissen? Der französische Philosoph Michel Onfray sagte, wenn es Gott gibt, so hat er sich geirrt. Der trostspendende Gott ist jedenfalls ein Kindermärchen. Das Universum ist ein unendlicher Prozess. Kein Anfang. Kein Ende. Es gibt keinen Gott, der die Kugel ins Rollen brachte. Dieser stets Angeflehte ist eine Erfindung derer, die seiner als Machtmittel bedürfen. Oder eben als Trostmittel.</p>
<p>Ich: Die Menschen brauchen einen Sinn.</p>
<p>Mich:  Aber Sinn muss man erzeugen! Der wächst doch nicht aus der Erde, und er fällt auch nicht vom Himmel. Vergessen Sie mal den sinngebenden Gott …</p>
<p>Ich: Dann ist nicht mal Eric Clapton Gott?</p>
<p>Mich:  Nein, er schafft &#8211; an großen Abenden &#8211; innerweltliche Transzendenz. Aber das schafft der allein. Ohne Gott. Sogar ohne Papst! Das schaff&#8217; ich übrigens auch.</p>
<p>Ich: Ich auch?</p>
<p>Mich:  Sie auch.</p>
<p>Ich: Nie im Leben.</p>
<p>Mich:  Doch, doch.</p>
<p>Ich: Hilft Atheismus im Chaos?</p>
<p>Mich:  Das ist die falsche Frage.</p>
<p>Ich: Wieso das denn?</p>
<p>Mich:  Der Atheismus ist keine Trostindustrie! Die Kirche ist eine. Die Kulturindustrie ist eine. Vom Atheismus haben Sie nichts zu erwarten. Er erfordert Tapferkeit. Aber ich verurteile das Beten nicht. Und &#8211; zum Geburtstag des großen Volkswirtes Puppe seis nochmal gesagt &#8211; Altruismus gibt es auch nicht! Wir sind ja allesamt windelweich.</p>
<p>Ich: Ich nicht.</p>
<p>Mich:  Sie auch. Und Atheismus hin oder her. Was soll ich denn der armen katholischen Bauersfrau sagen? Deinen Gott gibt es nicht? Liest die trostsuchende Frau dann Spinoza und läuft zur Aufklärung über? Ich muss ja auch als Atheist Humanist sein, also Menschenfreund, oder?</p>
<p>Ich: Wieso spiegelt sich in der heutigen Popkultur nicht das Chaos der Wirklichkeit?</p>
<p>Mich:  Muss es das? Kunst tobt sich gerne aus, wenn die Wirtschaft boomt. Denken Sie an die furiosen 60er Jahre, an diesen Mix aus gesellschaftlicher Repression und wirtschaftlichem Boom. Wir hatten alle Freiheiten, auf den Putz zu hauen -haben das auch getan. Nur, ich sprach eben davon, dass es kein Goldenes Zeitalter gibt. Die 60er waren auch keins. Eisen und Blech!</p>
<p>Ich: Vor allem …</p>
<p>Mich:  Vor allem Blech. Ja. Das Biedermeier der Gegenwart ist dagegen eine rührende, trostsuchende Geschichte.</p>
<p>Ich: … da sind wir wieder bei Gott, oder?</p>
<p>Mich:  Beim Gottersatz einer Kulturindustrie, die psychische Bedürfnisse befriedigt. Indem sie Betten mit Versatzstücken der zerfallenden Hochkultur aufplustert. Marx hat auch das vorhergesagt. Ich finde diese Tendenzen uninteressant, aber nicht dramatisch. Über ihre Trostfunktionen hinaus sind sie historisch übrigens auch logisch.</p>
<p>Ich: Warum?</p>
<p>Mich:  Weil Bürokraten das &#8211; Klaus Staeck hat das eben gerade beklagt &#8211; Innovationspotential der Kunst zum Stillstand werden kommen lassen.</p>
<p>Ich: Der Kunst allgemein?</p>
<p>Mich:  Ja, vor allem aber das technische Innovationspotential der Musik.</p>
<p>Ich: Muss denn immer alles innovativ sein?</p>
<p>Mich:  Nein. Eben. Muss es nicht. Innovationen um der Innovationen willen sind Rennautos ohne Bremsen. Da folgt dann, wie man weiß, ein recht totaler Stillstand.</p>
<p>Ich: Woraus resultiert der Stillstand?</p>
<p>Mich:  In der Kunst aus einem System, das sich so lange mit ästhetischen und pseudowissenschaftlichen Versprechungen überladen hat, bis es zusammengekracht ist.</p>
<p>Ich: Eine Implosion?</p>
<p>Mich:  Ja. In der Ernsten Musik hat dies zu einer hanebüchenden Rationalisierung geführt und in der Unterhaltungsmusik zum reinen Hedonismus. Die eine zehrt von der Mathematik, die andere von der Psychologie. Beide Formen haben nur noch für den Apparat produziert, nicht mehr für den Menschen. Und sie tun es heute noch.</p>
<p>Ich: Erklären Sie das?</p>
<p>Mich:  Unterhaltungskünstler produzieren heute für einen Markt, der alle 60 Sekunden nach einer Innovation schreit. Die produzieren nur noch für den Supermarkt. Und, nochmal: Läuft das Produkt nicht sofort, fliegt es aus dem Regal. Ähnlich wie inzwischen auch im Literaturbetrieb. Die Folgen sind verheerend, weil die Unterhaltungsmusik so ihre Bindungs- und Trostfunktion verliert: Denken Sie an Bob Dylan, an Leonard Cohen, die Beatles, Pink Floyd, wie lange Hörer dieser Musik jeweils Zeit hatten, über die Krisen solcher Musiker hinweg, eine Bindung gedeihen zu lassen. Wie bei Bach, Schubert oder Mahler.</p>
<p>Ich: Und die Ernste Musik …</p>
<p>Mich:  &#8230; erging sich in Publikumsverachtung. Bei uns war die Religion ja nicht Gott, unsere Religion hieß: Theodor Wiesengrund Adorno!</p>
<p>Ich: Adorno?</p>
<p>Mich:  Die Amerikaner hatten sich tatsächlich von Adorno einreden lassen, dass eine emanzipierte Kunst eine emanzipierte Gesellschaft zur Folge haben würde &#8211; und dass eine Katastrophe, wie der Nationalsozialismus eine war, so verhindert werden könne. Adorno hatte in vielem recht, aber hier nicht. Auch Zwölftonmusik hätte Hitler nicht verhindert</p>
<p>Ich: Das klingt heute so sonderbar.</p>
<p>Mich:  Das ist sonderbar. Und das sieht das Publikum deshalb auch anders als etwa der Komponist Lachenmann. Es &#8211; ich auch &#8211; will nicht erzogen werden, nicht von Adorno, nicht von Lachenmann. Wer Musik auf Ratio reduziert, der verhindert nicht die Verblödung der Masse. Er verekelt den Menschen die Musik.</p>
<p>Ich: Wo steht sie heute, die Ernste Musik?</p>
<p>Mich:  Sie setzen mir zu.</p>
<p>Ich: Dennoch: Bitte, wo steht sie?</p>
<p>Mich:  Im Zentrum einer erstickenden Bürokratie. Das Ziel ist nicht mehr der Zuhörer, das Ziel ist die Erhaltung des Apparates um seiner selbst willen. Denken Sie nur an das Geschrei, wenn Kürzungen von Subventionen im Raum stehen.</p>
<p>Ich: Verlogen?</p>
<p>Mich:  Natürlich. Ich bezahle meinen Zahnarzt doch dafür, dass er ein Loch stopft, und nicht dafür, dass er Zahnarzt ist! Im Anspruch vieler E-Musik-Komponisten, vom Staat erhalten zu werden, steckt viel vom Heiligenkult des 19. Jahrhunderts. Der Subventions-Komponist degeneriert zum Staats-Komponisten. Und er degeneriert zur alten Betschwester, die von den jungen Huren vom Markt gevögelt wird. Zum Beispiel von Andrew Lloyd Webber oder Phil Glass. Das ham wa nu davon …</p>
<p>Ich: Wenn Sie sich die Gegenwart als Konzert vorstellen, was hören Sie?</p>
<p>Mich:  Ein bürgerliches Salonkonzert. Biedermeier. Blümchentapeten-Biedermeier.</p>
<p>Ich: Ist es nicht ulkig, dass das Chaos Biedermeier gebiert? In der Popmusik, scheue Mädchen mit weidwundem Blick …</p>
<p>Mich:  &#8230; auch in der Ernsten Musik gibt es eine schamlose Rückwendung. Großes Biedermeier in England. Junge Leute, die komponieren wie Richard Strauss. Der junge Robert Schumann war dabei übrigens immer ein Avantgardist. Der Held seines persönlichen Biedermeiertraums war der Komponist Friedrich Kalkbrenner. &#8220;Gedanken, wo seid ihr?&#8221; pfiff Kalkbrenner. Gute Frage, oder?</p>
<p>Ich: Ist es nicht aber so, dass die Leute selbst auf Skandale nicht mehr reagieren. Was ist nun mit der Umwertung aller Werte?</p>
<p>Mich:  Nietzsche ist nicht gefragt, vielleicht kommt das noch. Gerade geht es nicht um die Umwertung aller Werte, sondern um die Entwertung aller Umwertungen. Interessant finde ich übrigens die Analogie zwischen Avantgarde und Kapitalismus.</p>
<p>Ich: Welche?</p>
<p>Mich:  Diese Analogie ist doch Teil des ganzen großen Konzerts: kindlicher Glaube an pseudo-wissenschaftlichen Unsinn, mathematisch unterbaut. Der Kapitalismus ist die höchste Zivilisationsstufe, die wir je produziert haben. Wo wären wir ohne ihn?</p>
<p>Ich: In der deutschen Literatur gibt es grad auch diese Büttenpapierprosa …</p>
<p>Mich:  Der Grund ist derselbe wie in der Musik. Die ästhetischen Versprechungen wie technischen Möglichkeiten sind ausgereizt. Digitaler als digital geht halt nun mal nicht.</p>
<p>Ich: Und der Stillstand ist keine Katastrophe?</p>
<p>Mich:  Nein. Die Glücksversprechungen der Industrie, der Apparate, sie werden gerade auf ihre gesellschaftliche Anwendbarkeit hin überprüft. Da ist es logisch, dass wir einer Phase nicht der Be-, sondern der Entschleunigung entgegengehen.</p>
<p>Ich: Gesellschaftliche Anwendbarkeit? Das ist ja Marxismus! Weiche, Teufel!!</p>
<p>Mich:  Papperlapapp, Marxismus … Es gibt keinen Marxismus. Marx war doch kein Kirchenvater. Der englische Ökonom John Cassidy hat schon Jahren gesagt, wer Marx wieder zum Leben erwecke, müsste den Nobelpreis bekommen. Im dritten Band des &#8220;Kapitals&#8221; hat Marx die Fundamente der heutigen Finanzkrise schon haarfein analysiert. Auch das &#8220;Kreditkauderwelsch des Geldmarktes&#8221; und die &#8220;Kreditschwindel&#8221; derer, die wir heute Hedge-Fonds-Manager nennen.</p>
<p>Ich: Was, wenn das keine Entschleunigung ist, sondern das Ende vom Kapitalismus?</p>
<p>Mich:  Nein, nein, wie bereits gesagt &#8211; der Kapitalismus ist die höchste Zivilisationsstufe, die wir je produziert haben. Wo wären wir ohne ihn?</p>
<p>Ich: Na ja.</p>
<p>Mich:  Nix na ja! Wo wären wir denn ohne seine technischen und kulturellen Innovationen? Wenn wir nun gegenwärtig eine Art gesamtgesellschaftliche lahme Hüfte diagnostizieren &#8211; Morbus Biedermeier also &#8211; , so ist auch das nicht zu unterschätzen. Wer weiß, was daraus entsteht?</p>
<p>Ich: Vielleicht nichts? Was, wenn Ihre schöne Dialektik nicht aufgeht?</p>
<p>Mich:  Schauen Sie sich mal die orginale Biedermeierepoche an, die 30er und 40er Jahre des 19. Jahrhunderts. Was bitte ist aus dieser Sättigung nicht alles entstanden!<br />
Ein brüllender Biedermeier in grellem Gelände. Das versteinerte Top-Produkt der deutschen Unterhaltungsindustrie.</p>
<p>Ich: Hm, in Ordnung, der sehr wunderbare Robert Schumann …</p>
<p>Mich:  Na eben! Im Schatten dieser gigantischen Innovationen, der Eisenbahn, des Telegraphen, da komponierte Schumann seine abenteuerlichsten Werke, Balzac revolutionierte die Literatur, Turner die Malerei. Wie der Kapitalismus, ist auch die Geistesgeschichte eine Kette von Krisen. Und Phasen des vorgeblichen Stillstands waren immer nur ein &#8211; nicht unproduktives &#8211; Innehalten angesichts einer zu Ende gehenden Flut von Innovationen: in der Kunstwelt, und eben auch in der Welt technologischer und ökonomischer Raserei.</p>
<p>Ich: Wir leben demnach in chaotischen, aber unrevolutionären Zeiten.</p>
<p>Mich:  Der eingangs von mir zitierte Onfray sagt, es revolutioniert an allen Ecken und Enden, aber diese Revolution ist nicht mehr zentralisiert, monolithisch, sie ist stattdessen molekular und diffus. Ein Produkt der neuen Kommunikation: Globalisierung und Internet geben nur den Startschuss. Schauen Sie, wie lächerlich eingerostete kulturelle Institutionen heute wirken: Päpste, Pop-Helden, Fernsehanstalten, Gremien, Würdenträger aller Art …</p>
<p>Ich: Welche zum Beispiel?</p>
<p>Mich:  Nehmen Sie das öffentlich-rechtliche Fernsehen in Deutschland. Wie viel Gebühren kassieren diese Apparate?</p>
<p>Ich: Fast (denken wir an Griechenland in der Nacht …) acht Milliarden Euro im Jahr.</p>
<p>Mich:  Unglaublich. Damit subventionieren die Deutschen &#8211; brav wie Schafe &#8211; tumb-dumpfe Schlagersendungen, drittklassige Boxkämpfe, mediokre Serien. Und doch sind dieselben Apparate mit Kraft dabei, sich selbst überflüssig zu machen. Sie werden ihre Gebühren irgendwann nicht mehr mit dem hehren Anspruch, den sie in Wirklichkeit ja auch gar nicht haben, begründen können. Kriegt denn eigentlich die Rundschau Gebühren?</p>
<p>Ich: Danke für die Frage. Sie wünschen uns das wohl. Tun Sie was dafür: Wollen Sie nicht nochmal nach Berlin und in die Politik gehen?</p>
<p>Mich:  Ich habe mir hier in Heidelberg im Fernsehen den Auftritt dieses schlimmen Burschen beim, wie heißt es …</p>
<p>Ich: Reich-Ranicki? Beim Fernsehpreis?</p>
<p>Mich:  Ja.</p>
<p>Ich: So was schauen Sie?</p>
<p>Mich:  Ich liebe diesen Quatsch. Reich-Ranicki ist doch die fleischgewordene, die personifizierte Implosion des ganzen Systems: ein brüllender Biedermeier in grellem Gelände. Das versteinerte Top-Produkt der deutschen Unterhaltungsindustrie. Er hat sich doch von dieser Industrie immer verklären lassen &#8211; bis eben zu dem Moment, wo er sie nicht mehr bedienen konnte. Deshalb spuckt er nun allen, die sich da erheben und ihn beklatschen wollen, ins Gesicht. Ein lächerlicher Clown. Lache, Bajazzo!</p>
<p>Ich: Aber Fernsehen wie Industrie verklären ihn immer noch.</p>
<p>Mich:  Ein solch heiliger Ernst gedeiht aber nur in Apparaten, wie es sie nicht mehr lange geben wird. Das ist Gekakel im Hühnerstall. Reich-Ranicki ist insofern der Held im letzten Akt seiner eigenen Schmierenkomödie, sein eigener Fetisch. Schauen Sie, wie er sich in diesem letzten Akt nochmal der Reklamewirtschaft an den Hals wirft, zwischen kaputte Fernseher setzt und sich selbst als klugen Kopf bezeichnet. Welch ein Fetischismus! Doller als das Nachtleben in der Unteren Straße. Mit dem gleichen Recht könnte ich ich und mich für eine Travestie der Nibelungenfestspiele in Worms anmelden</p>
<p>Ich: &#8230; dazu passt der Gedanke aus Thomas Bernhards Kindheitserinnerungen, dass man die Möglichkeit des Selbstmords (was wir Freitod zu nennen belieben) bei jeder Entscheidung mitdenken sollte.</p>
<p>Mich:  Denken Sie nur an diese Freiheit! Ist es nicht wunderbar? Das ist wunderbar.</p>
<p>Ich: Und wer wird nun das Chaos, von dem wir sprachen, überleben?</p>
<p>Mich:  Die, die vieles können und nicht nur eines. Im Moment betet der eine, der Zweite denkt, der Dritte schaut, der Vierte schreibt, der Fünfte weint, der Sechste masturbiert. Eine Welt aus Fachidiotie.</p>
<p>Ich: Und, wie wollen Sie überleben? Mit in vino veritates in grabsteinernem Schrein?</p>
<p>Mich:  Das ist mir deutlich zu nekrophil.</p>
<p>Ich: Dann lieber gar nicht, oder?</p>
<p>Mich:  Sie sprachen eben vom Selbstmord &#8211; pardon, vom Freitod.</p>
<p>Ich: Der arme Schumann hat es ja mit dem Rhein versucht …  Am Rosenmontag.</p>
<p>Mich:  Aber es hat nicht hingehauen. Ich aber würde &#8211; mal eben nur zum Beispiel -  wenn meine Polemiken im Riders Digest oder so wo nachzulesen sind, einen zweiten Versuch wagen …</p>
<p style="text-align: right;"><strong>Gott &amp; Schling</strong></p>
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		<title>“Bildungsblockaden einreißen!“</title>
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		<pubDate>Wed, 28 Apr 2010 13:38:59 +0000</pubDate>
		<dc:creator>admin</dc:creator>
				<category><![CDATA[Allgemein]]></category>
		<category><![CDATA[Bildung]]></category>
		<category><![CDATA[In vino veritas]]></category>
		<category><![CDATA[Junge Rundschau]]></category>
		<category><![CDATA[Sapere aude]]></category>
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		<description><![CDATA[Mit dem Megaphon den Finger auf die Wunde gelegt: Landesweite Schülerdemo &#8211; Kundgebung in Heidelberg unter dem Motto “Bildungsblockaden einreißen!“. Eine der Organisatorinnen, die Jugendrätin der Stadt Heidelberg, Hannah Eberle bringt (einige) Ergebnisse verfehlter Bildungspolitik so auf den Punkt: “Kommerzialisierung, Chancenungleichheit, Ausstattungs,- und Lehrkräftemangel, oder zu große Klassen sind Folgen fehlender Investitionen und politischen Willens. [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Mit dem Megaphon den Finger auf die Wunde gelegt: Landesweite Schülerdemo &#8211; Kundgebung in Heidelberg unter dem Motto “Bildungsblockaden einreißen!“. <span id="more-2185"></span></p>
<div id="attachment_2188" class="wp-caption alignleft" style="width: 310px"><a href="http://www.rundschau-hd.de/wp-content/uploads/2008/11/raoulhannahleon2.jpg"><img class="size-full wp-image-2188" title="raoulhannahleon2" src="http://www.rundschau-hd.de/wp-content/uploads/2008/11/raoulhannahleon2.jpg" alt="Raoul, Hanna, das Megaphon und Leon" width="300" height="230" /></a><p class="wp-caption-text">Raoul, Hanna, das Megaphon und Leon …</p></div>
<p>Eine der Organisatorinnen, die Jugendrätin der Stadt Heidelberg, Hannah Eberle bringt (einige) Ergebnisse verfehlter Bildungspolitik so auf den Punkt:<br />
“Kommerzialisierung, Chancenungleichheit, Ausstattungs,- und Lehrkräftemangel, oder zu große Klassen sind Folgen fehlender Investitionen und politischen Willens. Die Mißstände häufen sich und vergangene Reformen sowie Diskussionsansätze reihen sich nur in die lange Liste der Fehlschläge ein“. Genau so ist es. Die streitbare Jugendrätin kratzt jedoch nicht nur an der Oberfläche sattsam bekannter Probleme, sondern geht ans Eingemachte:</p>
<p style="text-align: left;">“Wollen wir uns wirklich in Noten von eins bis sechs einteilen lassen“, fragt sie, und beklagt, man sei von der Gunst der Lehrer abhängig, die sich eines äußerst fülligen Arsenals an Strafen und anderer kurioser Druckmitel bedienen könnten, um &#8211; dem Lehrer gegenüber &#8211; unliebsames Verhalten an den Pranger zu stellen; und meint weiter:</p>
<div id="attachment_2191" class="wp-caption alignright" style="width: 310px"><a href="http://www.rundschau-hd.de/wp-content/uploads/2008/11/totale13.jpg"><img class="size-medium wp-image-2191" title="totale13" src="http://www.rundschau-hd.de/wp-content/uploads/2008/11/totale13.jpg" alt="Bei der Sache zwar, aber etwas abgelenkt …" width="300" height="225" /></a><p class="wp-caption-text">Bei der Sache zwar, die Drei, aber etwas abgelenkt. Bei Philines Rede waren sie dann aber wieder heftig dabei.</p></div>
<p>„Pseudoobjektive Bewertungssysteme wie Noten, Punkte und so weiter verhindern ehrliches Lernen.“ Sie förderten das „bulimische Vollstopfen mit Wissen kurz vor Klausuren, um es danach wieder auszukotzen“. Hartmut von Hentig hätte das weder drastischer und noch besser formulieren können als Hannah Eberle. Philine ergänzt in einer kurzen Rede, sie seien heute hier, &#8220;weil wir an die Möglichkeit einer anderen Schule glauben&#8221;, dass es eine Schule gäbe &#8211; geben müsse &#8211; in der Menschen individuell gefördert würden, sie glaubte an eine Schule, in der man selbstbestimmt lernen und leben könne, glaubte an eine Schule, in der der Mensch seine Lernbedürfnisse ausleben könne, nicht Mittel zum Zweck wäre, und, zu guter Letzt, an eine demokratische Schule. Soweit Philine, die den Bildungspolitikern in Stuttgart und Berlin auch dies vorhält: &#8220;Noten sind keineswegs objektiv&#8221;, sie seien allenfalls so lange gut, wie andere auch schlecht seien; und nur deshalb nur solange aussagekräftig, wie sie im Klassenkontext eine Rolle spielten. Philine sollte Lehrerin werden. Aber?</p>
<p><strong>Wir </strong>(pardon, haben auch eine Meinung)<strong> </strong> nehmen das zum Anlaß, uns polemisch zu beschäftigen mit der Bildungsreform, dem „Lehrer an sich“ und damit, dass der Lehrer, dass die Lehrerin besser sein müsse, als sie das in der Regel sind:</p>
<p>In der Tat kann keine Bildungsdebatte davon ablenken, dass jede Strukturreform leerläuft, wenn die Lehrer nicht gut sind. Was einen guten Lehrer (ein für alle mal: LehrerIn) ausmacht, wie zentral die Rolle als Wissensvermittler, Ansporner und Entflammer ist (sein kann), weiß eigentlich jeder, der eine(n) solchen hatte.</p>
<div id="attachment_2192" class="wp-caption alignleft" style="width: 310px"><a href="http://www.rundschau-hd.de/wp-content/uploads/2008/11/lesungmassea1.jpg"><img class="size-medium wp-image-2192" title="lesungmassea1" src="http://www.rundschau-hd.de/wp-content/uploads/2008/11/lesungmassea1.jpg" alt="… wir werden immer mehr. Im Frühjahr 2009 wird, so die Jugendgemeinderäte, rechtzeitig informiert." width="300" height="225" /></a><p class="wp-caption-text">&quot;… wir werden immer mehr. Im Frühjahr 2009 wird&quot;, so die Jugendgemeinderäte, &quot;rechtzeitiger informiert&quot;.  hdschulstreik@web.de   </p></div>
<p>Umso erstaunlicher, wie schnell man diese Grundwahrheit im Wust der Reformdiskussionen aus dem Auge verliert und sich mit wohlfeiler Lehrerschelte zufriedengibt. Man beschwört die Bildung als Ressource der Zukunft, Kanzlerin Merkel machen eine Bildungsreise durch Deutschland – alles schön und gut, aber wo ist ein Forum in Sicht, auf dem mit vergleichbarer Energie über die Verbesserung des Lehrerstands auch nur geredet worden wäre? Sachkundig, analytisch und konstruktiv, unter Verzicht aufs Abspulen der ewigen Pauker-Schüler-Klischees (wir kommen noch drauf und bedienen uns), in der Überzeugung, dass man an eine Zukunftsfrage der Gesellschaft rührt, die alle Aufmerksamkeit wert ist:</p>
<div id="attachment_2193" class="wp-caption alignright" style="width: 310px"><a href="http://www.rundschau-hd.de/wp-content/uploads/2008/11/massemasse2.jpg"><img class="size-full wp-image-2193" title="massemasse2" src="http://www.rundschau-hd.de/wp-content/uploads/2008/11/massemasse2.jpg" alt="&quot;Im Hölderlin haben die Lehrer auf die Kundgebung hinweisende Plake abgerissen, obgleich wir nach der Schule auf dem Bissi sein wollten.&quot; " width="300" height="225" /></a><p class="wp-caption-text">&quot;Im Hölderlin&quot; (anderswo aber bestimmt auch) &quot;haben die Lehrer auf die Kundgebung hinweisende Plake abgerissen, obgleich wir erst nach der Schule auf dem Bissi sein wollten.&quot; Anderswo: Schule fiel aus!</p></div>
<p>Eine zu führende Debatte stehe unter dem Slogan <strong>„Auf den Lehrer kommt es an“</strong>. Um ein Missverständnis zu vermeiden: Es geht nicht darum, aus der stets ein klein wenig mehr als gar nicht (beinahe ja schon charmant) verrückten Institution Schule plötzlich ein Arkanum der Bildung und Menschenliebe zaubern zu wollen. Hier gilt vielmehr, was Adorno in den „Tabus über den Lehrerberuf“ schreibt: „Prinzipiell bleibt, was in der Schule geschieht, weit hinter dem leidenschaftlich Erwarteten zurück.“ Gleichwohl muss der Defätismus durchbrochen werden, mit dem man die Schule als einen hoffnungslosen Fall, den Lehrer als einen unverbesserlichen Unterrichtsbeamten abtut, der (und, was Wunder die) ist es ja oft genug und leider in der Regel.</p>
<p>Derzeit werden Lehrer &#8211; wo sie es nicht selber tun &#8211; zum Dienstleister am Kind degradiert. Er steht ganz am Rande der Diskussion. Dass dies so ist, hat er auch seiner eigenen passiven Haltung zu verdanken. Psychisch gebeutelt zwar, aber eben doch mit stoischer Ruhe erträgt die Lehrerzunft die folgenlose Kritik. „Lehrer sollten lernen, auch politisch zu denken und zu handeln“,</p>
<p>Seien wir also mal &#8211; und weil diesem Thema, wie wir meinen, erst mal kaum anders beizukommen ist als &#8211; <strong>in vino veritas</strong>: polemisch-konstruktiv-analytisch:</p>
<div id="attachment_2200" class="wp-caption alignright" style="width: 160px"><a href="http://www.rundschau-hd.de/wp-content/uploads/2008/11/lehrerlaempel1.jpg"><img class="size-full wp-image-2200" title="lehrerlaempel1" src="http://www.rundschau-hd.de/wp-content/uploads/2008/11/lehrerlaempel1.jpg" alt="und überhaupt: &quot; Jetzt habt Ihr Pause" width="150" height="203" /></a><p class="wp-caption-text">… und überhaupt: &quot; Jetzt bin ich dran. Und Ihr habt erst mal Pause …</p></div>
<p><strong>Die schlimmste Plage der Schule ist die Langeweile</strong> &#8211; und sie wird nicht durch menschlicheren Umgangang aufgehoben. Vielleicht ist es ja sogar so, dass ein ebensolcher Umgang die Schüler gerade eines lange bewährten Exerzierfeldes ihrer tätlichen Phantasie  beraubt: ihrer sachlichen und sozialen Intelligenz des &#8220;Lehrerärgerns&#8221;, des listigen Widerstandes gegen den &#8220;Feind&#8221;, des ausgeklügelten Unterlaufens der lästigen Forderungen …</p>
<p>Wiewohl Lehrer von altersher die Rute als Standessymbol haben, hat fortschrittliche Schule Rohrstock, Rute und Prügelstrafe längst ersetzt. Gleich in welchem Fach &#8211; Ausnahmen sind die Ausnahme &#8211; haben Lehrer seit langem schon subtilere Gemeinheiten hervorgekramt, um ihren Frust abzulassen: Frust darüber, dass sie nicht begnadete Dirigenten, hochbegabte Physiker, nobelpreisverdächtige Chemiker, berühmte  Autoren, gut bestallte Mathematiker oder ihrer Zeit vorausgeeilte bildende Künstler haben werden können, weil sie wegen pekuniären oder welchen (wollen wir mal nicht weiter drauf eingehen) Mangels auch immer gezwungen waren, in die Niederungen des drögen Schulalltages hinabzusteigen. Lauter verkommene Genies des schnöden Broterwerbes, des Mammons wegen? Müssen einem da nicht die Tränen kommen? Den Schülern zumal?</p>
<p>Das eigentlich Infantile des Lehrers zeigt sich darin, dass er den Mikrokosmos Schule, der gegen die Gesellschaft der Erwachsenen (draußen) mehr oder minder abgeschottet ist &#8211; Elternbeiräte oder ähnliches sind verzweifelte Versuche, diese Mauer zu durchbrechen -, dass er die ummauerte Scheinwelt mit der Realität verwechselt. Nicht zuletzt darum  verteidigt die Schule so hartnäckig ihre Wälle.</p>
<p>Trivialer Beleg dafür mag (u. a.) sein, dass, sofern in Heiratsannoncen &#8211; das ist in wirklich lehrreich &#8211; Lehrer oder Lehrerinnen den „Partner fürs Leben“ suchen, betonen, sie seien keine Lehrer- keine Schulmeistertypen; diese beruhigende Versicherung ist meist dabei. Unverkennbar hat der Beruf des Lehrers, verglichen mit anderen akademischen Berufen, das Aroma des gesellschaftlich nicht ganz Vollgenommenen. Lehrer, wie es sie immer noch gibt, beweisen sich in (und Schüler können dem weder ausweichen, noch ein solches Verhalten, wie es Not täte, zu bestrafen. Ja: zu bestrafen!) Archaismen wie Keifen, Querulieren, Schelten und dergleichen &#8211; in Reaktionsweisen eben, die immer ebenso nahe an der physischen Gewalt sind, wie sie etwas von Unsicherheit und Schwäche verraten. An Richter, an Polizisten, an Verwaltungsbeamte an „Blaumänner“ sogar, ist einige &#8211; reale &#8211; Macht delegiert. Aber Lehrer, die zwar auch Macht, aber nur über Solche haben, die als nicht voll gleichberechtigt gelten &#8211; und das sind Kinder und Jugendliche nicht nur in der Schule -, werden im öffentlichen Bewußtsein nicht ernst genommen. Was Wunder, dass die Macht des Lehrers verübelt wird. Verübelt, weil sie &#8220;wirkliche&#8221; Macht, die vielleicht bewundert wird, allenfalls parodiert. Von älteren Schülern, spätestens aber in der &#8220;Abi-Zeitung&#8221;, werden die Lehrer dann festgenagelt als der Typ Pauker, der zwar irrational despotisch, dennoch aber nichts ist als ein Zerrbild des Despoten; kônnen sie doch nicht mehr Schaden anrichten (Psychologen sehen das anders, und haben leider oft genug auch recht), als irgendwelche armen Jugendliche &#8211; die Opfer &#8211; stundenweise zu arrestieren &#8211; wegen zuspätkommens etwa. Der angerichtete Schaden gilt dem Schüler unterer Klassen freilich kaum mehr, als das Damoklesschwert der Lehrer, den Numerus clausus zu Ungunsten der Lernenden auszunutzen: als späte Rache. So lernen Schüler dann zu guter Letzt in den oberen Klassen doch noch das Schleimen, Kriechen, Denunzieren und all das, was fürs Leben taugt … &#8220;Non scholae se vitae&#8221;, so werden Kinder auch heute immer noch ruiniert. Im Leben nämlich sind Spezialisten gefragt, die immer mehr über immer weniger wissen, währenddessen doch die Schule Menschen macht, die immer weniger über immer mehr wissen. Oder sollte mittlerweile etwa in Mathematik das Wissen darüber beigebracht werden, dass die Summe von Nullen eine gefährliche Zahl ist? Auch dies aber wäre doch etwas fürs Leben gelernt!</p>
<p><a href="http://www.rundschau-hd.de/wp-content/uploads/2008/11/das-waren-noch-zeiten1.jpg"><img class="alignright size-full wp-image-2217" title="das-waren-noch-zeiten1" src="http://www.rundschau-hd.de/wp-content/uploads/2008/11/das-waren-noch-zeiten1.jpg" alt="Heutige Methoden sind zwar weniger lächerlich, aber umso brutal-subtilder" /></a>Derzeit sind wir doch alle einträchtig gegen Gewalt<em> (subtilere Methoden heute sind nicht weniger beschissen)</em>, aber &#8211; zumal wie sie zustande kommen -  &#8220;Zensuren in der Schule: ist das nicht&#8221; (Hannah) &#8220;auch Gewalt?&#8221; Schüler erleben doch, welchen Zufälligkeiten Notengebung ihre Entstehung verdanken und mit welchem Zutrauen &#8211; von unreflektierter Naivität bis zur Selbstgerechtigkeit &#8211; in die Richtigkeit des Urteils sie mitunter noch erteilt werden. Da möchten wir doch empfehlen, sich Gedanken darüber zu machen, dass schließlich der Lehrer sich nicht mehr als  isolierter oder gar neutraler Fremdbeobachter sieht (sehen darf), sondern endlich zu merken hat, dass auch er in die sozialen Interaktionen integriert ist, und dass er ständig damit rechnen muss, selektiv wahrzunehmen. Jedenfalls sind Aussagen über die intellektuelle Kapazität von Schülern in Wirklichkeit allemal Aussagen über Anpassung an die Vorstellungen des Lehrers, über „gutes Betragen“ und „Fleiß und Mitarbeit“. Es bedarf der Erziehung der Erzieher &#8211; die aber wären (sollten sein) als Betroffene am ehesten in der Lage zu begründen: Erziehen soll man sein lassen! Das wissen doch Lehrer am ehesten, oder ?</p>
<div id="attachment_2195" class="wp-caption alignnone" style="width: 510px"><a href="http://www.rundschau-hd.de/wp-content/uploads/2008/11/ecole2.jpg"><img class="size-full wp-image-2195" title="ecole2" src="http://www.rundschau-hd.de/wp-content/uploads/2008/11/ecole2.jpg" alt="Damals war die Welt in der Schule noch in Ordnung. Da hatten die Schüler - Disziplin ist halt alles - während des Unterrichts noch zu stehen" width="500" height="300" /></a><p class="wp-caption-text">Damals war die Welt in der Schule noch in Ordnung. Da hatten die Schüler - Disziplin ist halt alles - während des Unterrichts noch zu stehen. So kommen keine tumben Gedanken auf …</p></div>
<p>Oder, provozieren wir mal die Damen und Herren Beamten und Beamtinnen und meinen, den Beamtenstatus abzuschaffen sei ein erster Schritt in die richtige Richtungt: Weg nämlich von falschen Privilegien und hin zu vermehrter Kontrolle. Mangelhafte Leistung müsse Sanktionen nach sich ziehen; nicht aber nur für den Schüler, sondern auch für den Lehrer.</p>
<p>Die Lehrerschaft müsse, denken wir mal,  Qualitätssicherung auch auf ihre eigenen Fahnen schreiben. Das „Weiter so“ der Unfähigen und die Verschleierung derer Inkompetenz darf nicht länger vom Beamtenstatus gedeckt werden.</p>
<p>Denn was wäre die Alternative? Steigen wir mal in dass Innenverhältnis Schule ein und schauen mal, wie „das System“ mit &#8211; so sie als solche erkannt werden, mit „schlechten“ Lehrern umgeht. Hier wird und ist klammheimlich Mobbing verordnet. Es ist ein Skandal, dass, um solche „Pädagogen loszuwerden, Schulleitern (und dem Kollegium) oft keine andere Wahl bleibt,  als sie rauszuekeln. Dabei  wird &#8211; was Wunder &#8211; das Problem aber nur (auf die nächste Schule) verschoben: Der unfähige Lehrer treibt dann dank seiner beamtlichen Unkündbarkeit vor anderen Schülern sein Unwesen. Das System Schule legt sich auf diese Weise selbst lahm. Die gute Arbeit, die zweifelsohne <strong>(und das sei hier ausdrücklich eingeräumt)</strong> von sehr vielen außerordentlich engagierten Lehrern geleistet wird, verpufft, ohne richtig genutzt zu werden. Wo nun aber gute Arbeit getan wird, wie soll die Qualität des Unterrichts bewertet werden?  Lehrproben helfen da deutlich nicht weiter..</p>
<p>Dabei nämlich bewerten in der Hierarchie höherstehende Lehrer untergeordnete Lehrer. Das ist einseitig Und: es sind ja keineswegs immer die „Höherchargierten“, die man nicht loswerden will.</p>
<div id="attachment_2203" class="wp-caption alignright" style="width: 490px"><a href="http://www.rundschau-hd.de/wp-content/uploads/2008/11/spickmich_dw_wirtsc_496030g.jpg"><img class="size-full wp-image-2203" title="spickmich_dw_wirtsc_496030g" src="http://www.rundschau-hd.de/wp-content/uploads/2008/11/spickmich_dw_wirtsc_496030g.jpg" alt="Spickmich muss sein dürfen, es geht aber auch anders" width="480" height="320" /></a><p class="wp-caption-text">Spickmich muss sein dürfen, es geht aber auch anders: Zusammen, nicht gegeneinander!</p></div>
<p>Wie wäre es damit, die Schüler in die Bewertung miteinzubeziehen – wäre es auch nur, um die oft kontraproduktive Benotung von Lehrern im Internet auf den einschlägigen Websites überflüssig zu machen. Dazu könnte ein jährlich auszufüllender, detaillierter Fragebogen entwickelt werden, der eine „geregelte Rückmeldung“ erlaubte.</p>
<p>In einem Gespräch zwischen Lehrer und Schulleiter (der freilich seine Erfahrung &#8211; mal konkret: Heidelberg, Hölderlin &#8211; nicht so gut wie ausschließlich in der (Karlsruher) Schulbürokratie gesammelt haben sollte, aber der ist ja jetzt pensioniert)  könnten dann die Ergebnisse der Auswertung solcher Fragebögen besprochen werden.</p>
<p>Dass das erstmal der Weisheit letzter Schluss gewiß nicht sein kann, aber vielleicht zu guter Letzt ein weiser Anfang, das muß dabei gern in Kauf genommen werden dürfen. Und wäre allemal mehr als nix!</p>
<p>Und so dann Lehrer, Schüler und Eltern  in ein Gespräch darüber kommen, was sie vom Unterricht erwarten und wie Leistung innerhalb dieses Unterrichts zu bewerten wäre. Bereits schon die Entwicklung solcher Fragebögen könnte hier ein erster Schritt sein. Effiziente Coaching-Kurse (die bekommt heute jeder Handy-Verkäufer mit auf seinen Weg) sollen es den Lehrern ermöglichen, aus Fehlern zu lernen. Das fordert starke Persönlichkeiten, die vom System Schule aus mancherlei Gründen nicht gerade begünstigt werden.</p>
<p>Wer sich einmal in einem Kurs für Referendare umgesehen hat, weiß, dass die  lockende Verbeamtung (wie ein 15 Punkte-Abi für die Entscheidung Medizin zu studieren)  Rattenfängerqualität hat. Zumal in  Zeiten der Generation „Praktikum“ und „Unsicherheit“ bietet der Lehrerberuf oft die einzige Aussicht auf ein halbwegs abgesichertes Leben, wird er mehr denn je zur Wärmestube.</p>
<p>Was &#8211; Charisma erwarten möcht man ja beinahe gar nicht mehr &#8211; ein Lehrer aber braucht, das sind Flexibilität, Mut, Durchsetzungkraft und Begeisterung für das zu vermittelnde (nicht nur) Fach.</p>
<p>Eigenschaften, die jemandem, der mit Vorliebe auf Nummer Sicher geht, völlig abgehen. Ein Mangelfach gewählt zu haben, gewährleistet dann eine beschleunigte Verbeamtung. Ein genuines Interesse für das Fach ist gemeinhin eher lästig.</p>
<p>Mit alledem nicht Vorhandenem aber geht Lehrern eben genau das verloren, was sie am nötigsten brauchen, um ein Minimum an pädagogischer Strahlkraft zu entwickeln: Die Achtung vor ihrem eigenen Beruf.</p>
<p style="text-align: right;"><strong>Jürgen Gottschling</strong></p>
<p style="text-align: left;"><em>Wären, nota bene, die Forderungen der Schüler und Schülerinnen trotz alledem (alle zwei Monate wollen sie gegen Mißstände im Bildungsweg landesweit demonstrieren) überzogen, sind  sie auf den falschen Dampfer aufgesprungen? Pisa III sagt: NEIN:</em></p>
<div id="attachment_2238" class="wp-caption alignright" style="width: 260px"><a href="http://www.rundschau-hd.de/wp-content/uploads/2008/11/besetzt.jpg"><img class="size-full wp-image-2238" title="besetzt" src="http://www.rundschau-hd.de/wp-content/uploads/2008/11/besetzt.jpg" alt="Gehet hin, woher Ihr gekommen seid !" width="250" height="329" /></a><p class="wp-caption-text">Gehet hin, von dannen Ihr gekommen seid !</p></div>
<p style="text-align: left;">
<p style="text-align: left;">Die ignorante Reaktion der baden-württembergischen Landesregierung  ist so konsequent, wie wir es aus Stuttgart gewohnt sind: Nach Pisa III soll sich in der Schulpolitik des Ländles nichts ändern, Schavans ehemaliger Staatssekretät Rau bleibt auch als Minister Erfüllungsgehilfe der schwäbisch-ideologisch verbohrten Schulpolitik. Leistungen wird es auch fürderhin für die „Guten“ geben, mit immer größeren Klassen werden die „Schlechten“ belohnt. Auch künftig soll an der Restschule &#8211; Hauptschule heißt das offiziell  &#8211; festgehalten werden, Ganztagesunterricht wird es nur vereinzelt geben, es wird früh aussortiert, die Abiquote bleibt (nicht zuletzt infolge all dessen) zu niedrig. In Heidelberg wie anderswo schlägt sich das so nieder, dass die Privatschulen, in welche betuchte Eltern ihre Sprößlinge einkaufen können, Konjunktur haben.</p>
<p style="text-align: left;">Entsozialisierung der Gesellschaft muss das genannt werden dürfen. <strong>got</strong></p>
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		<title>Internationale Berufsakademie mit dem Willy-Scharnow-Preis ausgezeichnet</title>
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		<pubDate>Wed, 14 Apr 2010 11:11:41 +0000</pubDate>
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		<description><![CDATA[Duales Bachelor-Studium überzeugt durch das innovative Konzept „Studium mit Berufspraxis in F+U-eigenen Ausbildungsbetrieben“ „Preisträger 2009 in der Kategorie Hochschulen und Bildungsträger ist die Internationale Berufsakademie der F+U Unternehmensgruppe Heidelberg.“ So hieß es bei der Verleihung des Willy-Scharnow-Preises vor kurzem auf der Internationalen Tourismus Börse (ITB) in Berlin. Die Jury dieses renommierten Preises, der auch als [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Duales Bachelor-Studium überzeugt durch das innovative Konzept „Studium mit Berufspraxis in F+U-eigenen Ausbildungsbetrieben“<span id="more-4716"></span></p>
<p>„Preisträger 2009 in der Kategorie Hochschulen und Bildungsträger ist die Internationale Berufsakademie der F+U Unternehmensgruppe Heidelberg.“ So hieß es bei der Verleihung des Willy-Scharnow-Preises vor kurzem auf der Internationalen Tourismus Börse (ITB) in Berlin.<br />
Die Jury dieses renommierten Preises, der auch als der „Oscar der Aus- und Weiterbildung“ in der Tourismusbranche bezeichnet wird, wählte das Heidelberger Projekt unter Bewerbungen aus dem gesamten Bundesgebiet aus. „Dabei“  &#8211; so Deutschlands oberster Touristiker Klaus Läpple bei der Preisübergabe in seiner Laudatio &#8211; „überzeugte besonders die enge Vernetzung von Studium und Praxiserfahrung“.</p>
<div id="attachment_4718" class="wp-caption alignnone" style="width: 510px"><a href="http://www.rundschau-hd.de/wp-content/uploads/2010/04/IBA_WillyScharnowPreis_2009.jpg"><img class="size-full wp-image-4718" title="IBA_WillyScharnowPreis_2009" src="http://www.rundschau-hd.de/wp-content/uploads/2010/04/IBA_WillyScharnowPreis_2009.jpg" alt="" width="500" height="333" /></a><p class="wp-caption-text">   von  links nach rechts: Klaus Laepple, Präsident des Deutschen Reiseverbandes DRV, Lucia Kleinhenz, Dozentin an der IBA, Raimund Gründler, Fachbereichsleiter an der IBA, Christina Wagner, stv. Betriebsleiterin Bayrischer Hof, drei Studentinnen vom Praxisbetrieb Bayrischer Hof, Daniela Höhn, Studentin an der IBA, Meltem Gören, Studentin an der IBA, Kristina Wolf, Studentin an der IBA und  Walter Krombach, Geschäftsführer der Willy-Scharnow-Stiftung.  </p></div>
<p>Der Präsident des Bundesverbandes der Deutschen Tourismuswirtschaft und des Deutschen Reise Verbandes stellte bei der Preisverleihung besonders die touristischen Eigenbetriebe der F+ U Unternehmensgruppe heraus: „Die Vernetzung von Theorie und Praxis, von Ausbildungsbetrieb und Hochschule, bieten alle Berufsakademien. Aber nur die Internationale Berufsakademie verfügt über eigene Ausbildungsbetriebe, in denen die Studierenden ihr erlerntes Wissen sofort umsetzen können“.</p>
<div id="attachment_4721" class="wp-caption alignleft" style="width: 260px"><a href="http://www.rundschau-hd.de/wp-content/uploads/2010/04/IBA_Willy-ScharnowUrkunde.jpg"><img class="size-full wp-image-4721" title="IBA_Willy-ScharnowUrkunde" src="http://www.rundschau-hd.de/wp-content/uploads/2010/04/IBA_Willy-ScharnowUrkunde.jpg" alt="" width="250" height="355" /></a><p class="wp-caption-text">Die Urkunde</p></div>
<p>Die eigenen Ausbildungsbetriebe sind das Hotel „Bayrischer Hof“ in Heidelberg und das „Academy Hotel“ in Berlin. Weite Teile des Hotelbetriebs laufen unter Anleitung eines Hotelmanagers komplett in der Regie der Studierenden. So sind beispielsweise die 20 Studierenden in Heidelberg komplett für alle Bereiche verantwortlich.<br />
Drei Studentinnen waren gemeinsam mit der stellvertretenden Hoteldirektorin und zwei Dozenten nach Berlin gereist, um den Preis entgegen zu nehmen. Gerade die Studierenden freuten sich besonders über die große Anerkennung, wurde doch damit auch ihr großer Einsatz in der täglichen Arbeit ausgezeichnet: Immerhin wöchentlich 20 Stunden im Betrieb und 20 Stunden an der Hochschule, wobei auch noch Klausurvorbereitungen und Hausarbeiten zu erledigen sind. Dieses Pensum erfordert Disziplin. Gleichzeitig bekommen die Studierenden aber eine sehr breite Basis für ihren Einstieg ins Berufsleben, die Erfahrungen der ersten Absolventinnen und Absolventen der Internationalen Berufsakademie zeigen dies. Im Herbst 2006 gestartet, konnten über 60 Studentinnen und Studenten im Herbst 2009 ihr Studium mit dem Bachelor abschließen. Und heute gehören einige von ihnen schon zum Führungsnachwuchs angesehener Unternehmen.<br />
Die Studierenden am „Bayrischer Hof Verwaltungsgesellschaft mbH“ studieren alle im Bachelorstudiengang Betriebswirtschaftslehre, Fachrichtung Hotel- und Tourismusmanagement, an den IBA-Studienorten Heidelberg oder Berlin. Weitere Studienorte der privaten Hochschule, die im Bereich Betriebswirtschaftslehre insgesamt acht Fachrichtungen, sowie den Studiengang Wirtschaftsinformatik und bald auch den Studiengang Wirtschaftsingenieurwesen anbietet, befinden sich in Darmstadt, Bochum, Erfurt, Hamburg, Köln und München.<br />
Verliehen wird der Willy-Scharnow-Preis jährlich in vier Kategorien. Zusätzlich werden regelmäßig Sonderpreise für Einzelprojekte vergeben. Neben Hochschulen und Bildungsträgern können sich in den einzelnen Kategorien beispielsweise Reisebüros, Reiseveranstalter, nationale und internationale Tourismusvertretungen oder Hotels bewerben. Neben der Internationalen Berufsakademie freuten sich so über ihre Preise: Die Reiseveranstalter TUI, DERTOUR und Studiosus Reisen sowie der Europapark Rust. <strong>biw</strong></p>
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		<title>„Dein Land. Dein Lied. Deine Stimme“. Wider Volksverblödung und die Bohlenisierung des deutschen Fernsehens</title>
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		<pubDate>Tue, 02 Feb 2010 15:31:48 +0000</pubDate>
		<dc:creator>admin</dc:creator>
				<category><![CDATA[Allgemein]]></category>
		<category><![CDATA[Bildung]]></category>
		<category><![CDATA[Feuilleton]]></category>
		<category><![CDATA[Zeitgeschehen]]></category>

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		<description><![CDATA[Dieter Bohlen kann mit seiner Arbeit bei &#8220;Deutschland sucht den Superstar&#8221; mehr als zufrieden sein. Die Castingshow fährt wieder einmal Traumquoten ein. Um Bohlen quotenmäßig auf Distanz halten zu können, muss sich &#8211; was sie oft genug auch tut &#8211; die traditionelle TV-Unterhaltung niederen Reizen öffnen, was sich hurtig in immer widerwärtigerer „Qualität“ niederschlägt. Bewundert, [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Dieter Bohlen kann mit seiner Arbeit bei &#8220;Deutschland sucht den Superstar&#8221; mehr als zufrieden sein. Die Castingshow fährt wieder einmal Traumquoten ein. Um Bohlen quotenmäßig auf Distanz halten zu können, muss sich &#8211; was sie oft genug auch tut &#8211; die traditionelle TV-Unterhaltung niederen Reizen öffnen, was sich hurtig in immer widerwärtigerer „Qualität“ niederschlägt.<br />
Bewundert, gehasst und immer im Gespräch &#8211; Dieter Bohlen ist seit Jahren eine nimmermüde Ein-Mann-Show, Deuschland sucht mal wieder den Superstar …<span id="more-4260"></span><br />
Die Tugendwächter der Republik sind wieder alarmiert. Ungeachtet heftiger Kritik an der von ihnen so apostrophierten menschenverachtenden Art, wie in der Castingshow „Deutschland sucht den Superstar“ (DSDS) auf RTL Möchtegern-Sangestalente heruntergeputzt werden, hat Ober-Juror Dieter Bohlen in der geerade laufenden Staffel sogar noch eine Schippe draufgelegt. Allen Drohungen mit dem Jugendschutzgesetz zum Trotz ätzt und höhnt Bohlen in DSDS, wo er mittlerweile der unbestrittene Alleinherrscher ist, fröhlicher und hemmungsloser denn je – und hat Erfolg damit. Bereits die ersten Sendungen, die lediglich Zusammenschnitte der ersten Kandidatensichtungen waren, erreichten Marktanteile von über sieben Millionen Zuschauern und hängten massiv beworbene Edelproduktionen des öffentlich-rechtlichen Fernsehens wie „Gier“ von Dieter Wedel locker ab.</p>
<p>Nur mit dem Vorhaben, Thomas Gottschalks Kultsendung „Wetten, dass ..?“ zu übertrumpfen, mit der DSDS  vor einigen Wochen zeitgleich konkurrierte, ist Bohlen einstweilen gescheitert. Dazu musste Gottschalk freilich einiges aufbieten: Heidi Klum etwa, die während der Sendung ein kleines Model-Casting zelebrierte, und die Schauspielerin Simone Thomalla, die ihre Nacktbilder aus dem „Playboy“ vorzeigen durfte.</p>
<p>Es scheint, als ob zumindest das jüngere Deutschland ohne den Superstar des Trivial-Entertainments nicht mehr auskommen mag. Kübel von Hohn und bildungsbürgerlicher Verachtung, die im Laufe seiner Karriere über den Selbstvermarktungsvirtuosen ausgegossen worden sind, haben ihm nichts anhaben können – ebenso wenig wie schlüpfrige Geschichten über sein Privat- und Sexleben, etwa über seine gerade einmal vierwöchige Ehe mit Verona Feldbusch, die ihn anschließend der Gewalttätigkeit bezichtigte.</p>
<p>Bohlen hat im Laufe der vergangenen anderthalb Jahrzehnte einen erstaunlichen Imagewandel vollzogen. Lange Zeit war der 1954 im niedersächsischen Berne geborene Dieter Günter Bohlen selbst als eine Art Dorftrottel vom Dienst durch den Kakao gezogen und durch die Talkshows gereicht worden, in denen er sich durch unfreiwillig komische Sprachunfälle im gedehnten norddeutschen Akzent dem Gelächter des Publikums preisgab, zu Zeiten war er so etwas wie der fleischgewordene Ostfriesenwitz. Sein breites, fletschendes Grinsen, das wohl an ein sprungbereites Raubtier erinnern soll, aber eher dem Hyänenlachen ähnelt, wurde einst als Ausdruck annähernder Debilität gewertet.</p>
<p>Heute wirkt es wie das triumphale Erkennungssignal eines Erfolgsmenschen, der sich in die Sphäre der Unantastbarkeit durchgebissen hat und sich von niemandem mehr einen Maulkorb anlegen lässt. Keiner kommt heute mehr um die Anerkenntnis herum, dass Bohlen ein gewiefter Selbstdarsteller und mit mächtigen Medienunternehmen bestens vernetzter Geschäftsmann ist, der aus wenig kreativem Talent das Maximum herausgeholt hat. Bohlens zu Welthits aufgestiegene Kompositionen für das Duo Modern Talking, das er zusammen mit Thomas Anders bildete, waren von solch provozierender Schlichtheit, dass es jeder Musikkritik die Sprache verschlagen musste.</p>
<p>Was unzählige Fans rund um den Globus an im Falsett vorgetragenen Retortenmelodien wie „You&#8217;re my heart, you&#8217;re my soul“ oder „Cheri Cheri Lady“ so sehr begeistert haben mag, wird wohl eines der dunklen Geheimnisse menschlicher Existenz bleiben. Stets hing auch der Verdacht des Plagiats über Bohlens musikalischem Schaffen, der sich allerdings nie erhärten ließ.</p>
<p>Bohlen aber lag von Anfang an nichts an künstlerischen Schönheitspreisen. Seine Stärke war, sich vor keiner Niveausenkung zu fürchten, wenn er sich nur ins Langzeitgedächtnis einer reizüberfluteten Medienöffentlichkeit eingraben konnte. Bohlens intellektuelle und pseudointellektuelle Kritiker hatten irrtümlicherweise geglaubt, er sei zu einfältig, um zu merken, wie sehr man sich über ihn lustig machte.</p>
<p>Tatsächlich nutzte er dies, um in einer Mischung aus Dreistigkeit und Selbstironie zum Helden des einfachen Konsumenten aufzusteigen, der auf das Urteil der „besseren Leute“ pfeift. Dabei stecken hinter Bohlens Sprüchen zuweilen eine geballte Portion Lebensweisheit und hintergründiger Witz. Etwa wenn er die resignierende Frage stellt: „Wie mache ich einem Bekloppten bloß klar, dass er bekloppt ist?“ Bohlen verkündet jetzt – so in seinem jüngsten Buch „Der Bohlenweg – Planieren statt Sanieren“ – mit durchaus pädagogischem Anspruch die Botschaft, dass nur härteste Arbeit zum Erfolg führen kann, und er wirkt dabei wie ein verspätetes Exemplar aus der Epoche des Wirtschaftswunders, als man es mit Ärmelaufkrempeln aus einfachsten Verhältnissen bis ganz nach oben schaffen konnte.</p>
<p>Und hart gearbeitet hat Bohlen jenseits aller Boulevard-Eskapaden in der Tat stets. So war er als Komponist und Produzent mehrmals beim Grand Prix Eurovision de la Chanson vertreten und steuerte eingängige Titelsongs für den „Tatort“ bei.</p>
<p>Seine eigene Geschichte verleiht der Gnadenlosigkeit, mit der er zuweilen über DSDS-Kandidaten herfällt, eine gewisse moralische Legitimation. Denn Bohlen weiß selbst, wie es sich anfühlt, zum Freak gestempelt zu werden. Das auszuhalten, ohne sich im eigenen Aufstiegswillen irritieren zu lassen, verlangt er auch von jungen Leuten, die sich in das Haifischbecken des Show-Business begeben wollen.<br />
Deutschland &#8211; wenngleich nicht das ganze &#8211; wird ihm wieder auf den Leim gehen: Auch in der siebten Staffel des RTL-Quotenbringers &#8220;Deutschland sucht den Superstar 2010&#8243; steht nicht die Suche von Talenten im Mittelpunkt, sondern effekthaschende Unterbietungen jeglichen Geschmacks durch den Musikproduzenten Dieter Bohlen.</p>
<p>Der Meister spricht: &#8220;Singet recht, sonst wird mir schlecht!&#8221;, so der Claim zur diesjährigen Werbekampagne von Deutschland sucht den Superstar 2010 als Auftakt zur ersten Castingrunde. Und für all jene Glückspilze, die weder den vorangegangenen Spot, noch die Plakate gesehen haben: Bohlen sitzt auf einer Wolke und spielt den Gott im Casting-Himmel. Halleluja!</p>
<p>Fakt ist, RTL und Dieter Bohlen, das ist TV-Deutschland 2010. Und bei 34.420 Kandidaten aus 20 deutschen Städten ist klar: Das wird ein sehr, sehr langes Jahr. Denn auch in der siebten Staffel DSDS ließ sich die Produktionsfirma Grundy Light Entertainment wieder ordentlich etwas einfallen, um den Zuschauer bei Laune zu halten.</p>
<p>Zum einen versprach der &#8220;Pop-Titan&#8221; bereits im Vorfeld der Sendung, reichlich Deppen in die nächsten Runden zu lassen, um folglich mehr Drama und Komik beim Recall zu garantieren. Der Recall, die zweite Veränderung, findet nicht wie früher in einem Theater, <a href="http://www.clipfish.de/special/dsds/video/3240388/urlaubsfeeling-im-dsds-recall/?utm_source=nl&amp;utm_medium=nl_m&amp;utm_term=nl_m_kw05&amp;utm_content=nl_m_kw05_videodt&amp;utm_campaign=">sondern in der Karibik</a> statt.</p>
<p>Ein Sparschwein soll auch diesmal wieder versuchen, den oftmals unflätigen Bohlen zu erziehen. Immer, wenn das Wort „Scheiße“ fällt, muss er einen Euro reinschmeißen, das Schwein wird schnell gefüllt sein; 5254 Euro sollen nach den ersten Vorausscheidungssendungen so bereits zusammengekommen sein.</p>
<p>Beispielsweise wegen Christian Brauner. Gesanglich zwar komplett talentfrei, aber die Zuschauer wissen nun wenigstens, dass der 22-jährige Dessauer noch niemals Sex hatte und gern mal Jurymitglied Nina Eichinger entkleiden würde.Direkt im Anschluss, ein musikalisches Highlight: Crazy Helmut singt schon sein ganzes Leben und träumt vom großen Durchbruch. Mit „Summer of 69“ überzeugte der 30-jährige Niedersachse die Jury sofort. Bohlen meinte sogar: „Endlich mal einer, der hier lacht!“<br />
Im stetigen Wechsel aus Peinlichkeit, Dreistigkeit und der ein oder anderen guten Stimme, wanderte der heiß umworbene Recall-Bogen zwischen Talenten und unterirdischen Erscheinungen hin und her.</p>
<p>Da wäre die Friseuse Isabelle, die ohne iPod nicht singen kann. Andreas, der nette Spinner von nebenan und seiner Ohrenkrebs erregenden Interpretation von Scooters „Wicked“. Oder der von Liebeskummer geplagte Maximilian, mit einem Justin-Timberlake-Versuch, der bereits nach 10 Sekunden den gelben Zettel nehmen durfte.</p>
<p>Klingt fast ein wenig gewöhnlich für DSDS. Doch für diesen Fall der Fälle ist Dieter schnell zur Stelle. Wie bei Kandidat Marcel Finette. Der junge Bonner hatte kaum den Raum betreten, als Bohlen die alles entscheidende Frage stellte: „Hast du etwa in die Hose gepieselt?“. So der Juror angesichts eines feuchten Flecks auf Finettes Jeans. Auftrag ausgeführt! Der 18-jährige war sofort außer Gefecht gesetzt und brachte kaum ein Wort mehr heraus.</p>
<p>Doch es geht noch schlimmer. Was folgte, war ein Bohlen wie er leibt und lebt: „Pass auf. Nach dem Rausholen musst du ihn gut abschütteln und wenn das noch immer nicht reicht: R-O-T-A-T-I-O-N!“ Übleres Trash-TV geht wirklich nimmer. Spätestens hier wird deutlich: Nicht die Kandidaten, sondern der Juror Dieter Bohlen ist peinlich.</p>
<p>Wer so primitiv kommentiert, der &#8211; wir verweisen auf Sigmund Freud &#8211; will, dass er kritisiert wird. Kritiker werfen Bohlen seit der ersten Staffel vor, er würde bewusst unfeine Sprüche lancieren, um begleitende Skandale zu fördern.</p>
<p>Die Kommission für Jugendmedienschutz, ging einen Schritt weiter und leitete bereits im Januar 2007 ein Prüfverfahren wegen möglicher sozialethischer Desorientierung von Kindern und Jugendlichen ein. Neben antisozialem Verhalten, wurden Identifikationsfiguren wie Dieter Bohlen auch der fehlende Respekt gegenüber den Kandidaten angeprangert.</p>
<p>RTL-Vertreter dementierten die Vorwürfe mit dem „Drang zur Selbstdarstellung der Kandidaten“ und verwiesen darauf, dass alle Teilnehmer über die redaktionelle Gestaltung ihres Auftritts umfassend aufgeklärt und informiert würden.</p>
<p>Nun denn, ob ein Mann, der gestern noch die gesangliche Qualität eines Kandidaten mit einem Froschfurz gleichstellte, nur ansatzweise versteht, was die Kritiker von ihm und des Formats schon seit Jahren verreißen, bleibt auch weiterehin fraglich.</p>
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