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	<title>Neue Rundschau &#187; Essay</title>
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		<title>„Den Dalai Lama als gewaltlos zu bezeichnen, ist ein Witz“</title>
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		<pubDate>Tue, 31 Jan 2012 20:27:43 +0000</pubDate>
		<dc:creator>admin</dc:creator>
				<category><![CDATA[Allgemein]]></category>
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		<category><![CDATA[Zeitgeschehen]]></category>

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		<description><![CDATA[Nach unserer Rezension des im Alibri Verlag erschienenen, hervorragend recherchierten Buches von Colin Goldner „Dalei Lama &#8211; Fall eines Gottkönigs“ hagelte es &#8211; oft anonyme &#8211; Proteste und teilweise unflätige Beschimpfungen deutschsprachiger Nachbeter. Bibliographische Angaben zu diesem Titel und den Link zu unerer Besprechung finden Sie am Ende dieses aktuellen Beitrags aus der FAZ: Wieder [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Nach unserer Rezension des im Alibri Verlag erschienenen, hervorragend recherchierten Buches von Colin Goldner „Dalei Lama &#8211; Fall eines Gottkönigs“ hagelte es &#8211; oft anonyme &#8211; Proteste und teilweise unflätige Beschimpfungen deutschsprachiger Nachbeter. Bibliographische Angaben zu diesem Titel und den Link zu unerer Besprechung finden Sie am Ende dieses aktuellen Beitrags aus der FAZ:<span id="more-7189"></span><br />
Wieder kommt es zu tödlichen Auseinandersetzungen zwischen Chinesen und Tibetern. Bei Protesten sind wohl mehrere Menschen ums Leben gekommen. Der Dalai Lama spricht schon länger von „Genozid“. Nun äußert sich der zuständige Minister für Tibet.<br />
Immer wieder kommt es in Tibet zu Selbstverbrennungen. Exiltibetischen Angaben zufolge waren es schon 15 Selbstverbrennungen in weniger als einem Jahr. Sie seien Ausdruck der Verzweiflung, sagt der Dalai Lama. Die Tibeter wollten dadurch auf die Unterdrückung in den Klöstern der Region aufmerksam machen.<br />
Zhu Weiqun kann bei solchen Aussagen nur den Kopf schütteln. „Das ist doch billige Propaganda“, sagt Zhu. „Wir respektieren und schützen die Religionsfreiheit.“ Mit „wir“ meint Zhu die chinesische Regierung in Peking. Denn Zhu Weiqun ist Vizeminister der Einheitsfront im Zentralkomitee der Kommunistischen Partei China und innerhalb der chinesischen Regierung zuständig für Tibet. Regelmäßig reist Zhu nach Tibet, erst vergangene Woche war er wieder dort und machte sich selbst ein Bild von der Lage.</p>
<p>An diesem nasskalten Tag ist Zhu jedoch nach Berlin gekommen. Mit im Gepäck hat er viele Zahlen und Statistiken, die allesamt seine Aussagen belegen sollen. Er lehnt sich zurück und zählt auf: Allein in den Jahren von 2006 bis 2010 habe die Regierung 137 Milliarden Yuan (umgerechnet knapp 17 Milliarden Euro) in Tibet investiert. Und im nächsten Fünfjahresplan von 2011 an seien gar Investitionen von 330 Milliarden Yuan geplant. „Das Bruttoinlandsprodukt, das Durchschnittseinkommen und die Lebenserwartung der Tibeter sind allesamt gestiegen.“ Wie könne der Dalai Lama da ernsthaft behaupten, die Lage in Tibet sei schlecht, die tibetische Bevölkerung würde gar aussterben. „Im Gegenteil. Die Bevölkerungszahl stieg seit der Befreiung 1951 von einer Million auf drei Millionen an.“ Den Einwand, dies seien vor allem zugezogene Han-Chinesen, lässt Zhu nicht gelten. In erster Linie handele es sich um Tibeter, aber natürlich auch um andere ethnische Gruppen wie Han oder Hui. So genau könne man das nicht trennen, schließlich lebten zehn verschiedene Ethnien in Tibet.</p>
<p><strong>Der Westen hänge an den Lippen des Dalai Lama</strong></p>
<p>Schon zu Beginn des Gesprächs mit dem chinesischen Vizeminister wird klar, neben allerlei Statistiken hat er vor allem eines dabei: Zeit. Immer wieder wird der chinesischen Regierung vorgeworfen, sich zu den Themen Tibet oder Dalai Lama nur widerwillig und äußerst einsilbig zu äußern. Zhu will das ändern. Es sei dringend notwendig, so Zhu, endlich einige Dinge richtig zu stellen. Der Westen hänge zu sehr an den Lippen des Dalai Lama. Dabei sei dessen Strategie doch sehr durchschaubar.<br />
Jahrzehntelang war der Dalai Lama politischer und geistiger Führer der Tibeter. In den 60er und 70er Jahren hat er immer wieder lautstark die Unabhängigkeit Tibets gefordert, doch seit 1988 spricht er von einer „Politik des Mittelwegs“. Das Wort „Unabhängigkeit“ ist aus seinen Reden verschwunden, sein Ziel ist nunmehr eine „kulturelle Autonomie“ für Tibet. Für Zhu ist das reine Wortspielerei, der Dalai Lama verfolge nach wie vor die Unabhängigkeit.</p>
<p>Zhu beugt sich über den Tisch, hebt die rechte Hand und zählt an den Finger auf: Erstens lehne es der Dalai Lama auch heute noch ab, dass Tibet ein Teil Chinas sei. Er behauptet, Tibet sei 1951 erobert worden. „Das entspricht nicht der historischen Wahrheit.“ Zweitens spreche der Dalai Lama immer von Groß-Tibet und meine damit alle Regionen, in denen Tibeter leben, also zum Beispiel auch die Provinz Qinghai. „Doch diese Region hat noch nie zu Tibet gehört. Das heutige Tibet umfasst 1,2 Millionen Quadratkilometer. Das Gebiet von dem der Dalai Lama spricht, beträgt 2,5 Millionen Quadratkilometer. Das ist ein Viertel Chinas.“ Drittens fordere der Dalai Lama, sämtliche Soldaten aus jenem Groß-Tibet abzuziehen, um eine „internationale Friedenszone“ einzurichten. Viertens: Würde es nach den Vorstellungen des Dalai Lama gehen, sollten alle anderen in Groß-Tibet lebenden Nationalitäten vertrieben werden. 7,5 Millionen Han-Chinesen wären davon betroffen. Und fünftens wolle der Dalai Lama, dass auf besagten 2,5 Millionen Quadratkilometern neben Militär und Außenpolitik alles unter seiner Kontrolle stehe. Nirgends dürfe sich die Zentralregierung einmischen.</p>
<p><strong>Der Dalai Lama hat „immer wieder Gewalt angewandt“</strong></p>
<p>„Und das nennt er dann Autonomie. Würde Deutschland eine solche Autonomie über ein Viertel des Landes je akzeptieren?“, fragt Zhu und lehnt sich zurück. Er verschränkt die Arme und schaut seinem Gegenüber tief in die Augen. „Sie sehen, die Autonomie des Dalai Lama ist in Wirklichkeit die Unabhängigkeit Tibets.“ Tibet sei schon immer ein fester Bestandteil Chinas gewesen. „Und das wird auch so bleiben“, stellt der Vizeminister klar.<br />
Im Westen ist der Dalai Lama Sympathieträger. Seine Veranstaltungen füllen ganze Stadien. Vor allem sein Eintreten für Gewaltfreiheit verleiht ihm in Zeiten globalen Terrorismus eine Art moralische Autorität. Doch für Zhu ist das eine Farce. „Seit der Dalai Lama sich mit Politik befasst, hat er immer wieder Gewalt angewandt.“ Ob in den 60er, Ende der 80er Jahre oder jüngst 2008, als es zu Plünderungen in Lhasa kam – diese Ereignisse seien allesamt mit Wissen des Dalai Lama organisiert worden. Manchmal sei sie sogar direkt von ihm angestiftet worden. „Den Dalai Lama als gewaltlose Person zu bezeichnen: Das ist ein Witz.“<br />
Der Vizeminister verweist auf die Selbstverbrennungen. „Der Dalai Lama hat gesagt, diese Menschen seien Helden. Er bewundere ihren Mut.“ Durch solche Aussagen würden die Menschen doch ermutigt, solche Gewalt gegen sich selbst anzuwenden. „Das hat nichts mit Gewaltfreiheit zu tun. Der Dalai Lama ist nicht nur kriminell, er versucht auch noch aus dem Buddhismus, einer Religion des Friedens und der Zurückhaltung, eine gewaltsame Religion zu machen“, stellt Zhu klar. „Was wir tun, was wir bekämpfen, ist gerecht. Und unsere Bemühungen werden vom Volk unterstützt. Das ist das Allerwichtigste.“<br />
Angesichts solch verhärteter Positionen erscheint es fast als Chance, dass der Dalai Lama vor einigen Monaten offiziell von seinen politischen Ämtern zurückgetreten ist. In diesem Moment muss Zhu schmunzeln. „Also da muss ich mich doch sehr wundern. Haben die westlichen Politiker, und auch die Medien, nicht bei jedem Empfang des Dalai Lama behauptet, es sei nichts Politisches?! Die chinesische Regierung solle sich nicht aufregen, schließlich sei der Dalai Lama lediglich das religiöse Oberhaupt der Tibeter?! Wie kann er dann jetzt von all seinen politischen Ämtern zurücktreten?“ Zhu scheint geradezu froh zu sein, dass dieser Punkt angesprochen wurde. Für ihn und die chinesische Regierung ist es wichtig, auf solche Unstimmigkeiten hinzuweisen.<br />
Zhu beugt sich herunter und kramt in seiner Aktentasche. Es dauert nur ein paar Momente, schon hält er ein mehrseitiges weißes Dokument in seinen Händen: die aktuelle „Verfassung“ der tibetischen Exilregierung um den Dalai Lama. „Hier steht: Der Dalai Lama ist der allerhöchste Führer und Lehrer der Tibeter. Er leitet die tibetische Nationalität bei dem moralischen Benehmen, der Religion und Kultur sowie der wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Entwicklung an. Er darf selbst oder durch einen „demokratisch gewählten Führer“ die „Tibet-Frage“ lösen. Er hat das Recht, mit internationalen Spitzenpolitikern und Persönlichkeiten aller Kreise zusammenzutreffen und weiterhin Vertreter der Ausland-Büros und Sonderbeauftragte der Exilregierung zu benennen.“ Zhu lässt die Worte einige Momente wirken. Dann fragt er: „Kann man angesichts solcher Aufgaben von einem Rücktritt von allen politischen Ämtern sprechen? Ich finde nicht.“</p>
<p><strong>Ein Land, zwei Systeme </strong></p>
<p>Offiziell hat der Dalai Lama den Harvard-Absolventen Lobsang Sangay als neuen politischen Führer der Tibeter benannt. Wenn schon nicht mit dem Dalai Lama, so könnte doch zumindest mit Lobsang Sangay eine Lösung erzielt werden. Und der scheint die Chance eines Neubeginns nutzen zu wollen. Geht es nach Sangay soll „Ein Land, zwei Systeme“ nach Hongkong und Macau nun auch für Tibet die Lösung sein. „Lobsang Sangay ist Jurist und daher kann man seinen Vorschlag nicht mit Unwissenheit erklären“, erwidert Zhu. „Er kennt die Umstände in Tibet sehr genau und wollte daher mit seinem Vorschlag nur die chinesische Regierung provozieren.“ Für die chinesische Regierung ist „Ein Land, zwei Systeme“ nicht auf Tibet übertragbar. Unter den tibetischen Bedingungen könne dieser Ansatz einfach nicht funktionieren, erklärt Zhu. „Hongkong, wie auch Macau, waren jahrelang von einer westlichen Macht besetzt. Beide waren von China getrennt. Tibet hingegen war nie von China getrennt, es war und wird immer fester Bestandteil des chinesischen Territoriums sein.“<br />
In Hongkong und Macau hätten sich die Menschen, die Kultur und die Wirtschaft durch den fremden Einfluss sehr stark verändert. Oder die wirtschaftliche Ordnung: Während in China Sozialismus herrschte, entstand in Hongkong ein kapitalistisches System britischen Vorbilds. „Um das wieder zusammenzuführen, haben wir den Ansatz Ein Land, zwei Kulturen entwickelt. Im Falle Tibets würde das bedeuten, dass wir wieder die Leibeigenschaft einführen würden. Das kann doch ernsthaft niemand wollen. Die Tibeter und wir wollen das jedenfalls nicht.“</p>
<p><strong>„Unsere Tür steht offen“</strong></p>
<p>Nicht nur die Idee „Ein Land, zwei Systeme“ lehnt die chinesische Regierung ab, sondern auch den Führungsanspruch von Lobsang Sangay. „Lobsang Sangay ist Anführer einer separatistischen politischen Gruppe ohne Legitimität. Wir wollen keinen Kontakt zu ihm, geschweige mit ihm verhandeln.“<br />
Leise öffnet sich die Tür und eine Angestellte der chinesischen Botschaft in Berlin gießt Tee nach, grüner Tee. Er dufte zart und hat eine beruhigende Wirkung. Das Gespräch mit Herrn Zhu verdeutlicht, dass die chinesische Regierung um mehr Verständnis werben will. Der Vorwurf, man würde den westlichen Medien nicht Rede und Antwort stehen, wird an diesem Tag eindeutig widerlegt.<br />
Doch ebenso treten immer wieder die verhärteten Fronten zwischen der chinesischen Regierung und der tibetischen Exilregierung offen zu Tage. Ist unter diesen Voraussetzungen überhaupt eine Lösung möglich? „Wir haben nie die Verhandlungen abgebrochen, das war die Gruppe um den Dalai Lama.“ Der Dalai Lama müsse lediglich seinen Separatismus aufgeben, Tibet als Teil von China betrachten und aufhören, von einem Groß-Tibet zu sprechen. „Unsere Tür steht nach wie vor offen.“</p>
<p><em>Colin Goldner Dalei Lama &#8211; Fall eines Gottkönigs. 733 Seiten, 40 Fotos, 34 €</em><br />
<em>ISBN  978-3-86569-021-0</em><br />
<em>Alibri Verlag, 2008</em><br />
<a href="http://www.rundschau-hd.de/archives/1551/"><em>Hier finden Sie die Besprechung in der Neuen Rundschau</em></a></p>
<p><strong>Aus dem Inhalt</strong><br />
Vorsätzliche Geschichtsfälschung * Religiöser Wahnwitz * Diktatur der Gelbmützen * Verbrechen an Kindern *  Braune Aura * Verdrehung von Fakten * Wahrsagen als Politik * Phallokratie der Lamas * Leere der Leere * Roter Teppich für Terroristen * Esoterischer Firlefanz * Magie und Wunderheilung * Zwischen Politik und Speichelschlürfen * Ozean der Weisheit * Everybodies Darling * Leben auf Kosten anderer * Buddhistischer Dschihad * Fäkalien und tote Hühner &#8211; und vieles mehr …</p>
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		<title>&#8220;Sapere aude &#8211; wage zu wissen&#8221; …</title>
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		<pubDate>Tue, 03 Jan 2012 09:00:36 +0000</pubDate>
		<dc:creator>admin</dc:creator>
				<category><![CDATA[Allgemein]]></category>
		<category><![CDATA[Essay]]></category>
		<category><![CDATA[In vino veritas]]></category>
		<category><![CDATA[Sapere aude]]></category>
		<category><![CDATA[Zeitgeschehen]]></category>

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		<description><![CDATA[… ein Artikel unter dieser Überschrift (dem Rundschau-Motto) hat heute (3. Januar 2012) folgenden Kommentar provoziert, den wir ausnahmsweise dem (deshalb) jetzt &#8220;nach vorn geholten&#8221;, älteren Artikel voranstellen wollen: &#60;&#8221;Autor  : Muslim (IP: (die IP-Adresse veröffentlichen wir natürlich nicht). Kommentar: Ihre Ahnungslosigkeit fremder Kulturen, der islamischen ganz besonders, ist unterträglich und schreit gen Himmel. &#8220;&#8230; [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>… ein Artikel unter dieser Überschrift (dem <a href="http://www.rundschau-hd.de/archives/8/">Rundschau-Motto</a>) hat heute (3. Januar 2012) folgenden Kommentar provoziert, den wir ausnahmsweise dem (deshalb) jetzt &#8220;nach vorn geholten&#8221;, älteren Artikel voranstellen wollen:<br />
&lt;&#8221;Autor  : Muslim (IP: (die IP-Adresse veröffentlichen wir natürlich nicht).</p>
<p>Kommentar: <em>Ihre Ahnungslosigkeit fremder Kulturen, der islamischen ganz besonders, ist unterträglich und schreit gen Himmel.</em><em> &#8220;&#8230; Es muss an der Religion liegen – an dieser Religion!&#8221; Bis hierhin habe ich aufrichtige Sympathie und Mitgefühl für Sie und Ihre Kleinbürger empfunden. Von da an mögen Sie bis in alle Ewigkeit in Isolationshaft leben, fern ab von aller öffentlicher Aufmerksamkeit.&gt;</em></p>
<p>Die mir anempfohlene Isolationshaft zeigt, wie sehr wir auch in älteren Rundschau-Artikeln  (&#8220;linken&#8221;  Sie sich doch bitte im Folgenden mal durch) recht haben &#8211; jedoch ist die Scharia hierzulande (noch) nicht in unser Rechtssystem eingeführt!<span id="more-6527"></span></p>
<p>Die Debatte um die Integration geht nach  jüngsten Äußerungen von vielen Menschen und Politikern unvermittelt heftig weiter. Wir setzen uns pointiert mit der Haltung der Kleinbürger gegenüber dem Islam auseinander und sagen, wo Sarrazin Recht hat: &#8220;Die &#8216;anständigen Deutschen&#8217; fühlen sich ignoriert, missachtet und übergangen.&#8221;</p>
<p>Wer hat eigentlich Deutschland aufgebaut? Das Deutschland, in dem Wirtschaftswunder und Demokratiewunder gleichzeitig, ja gemeinsam Karriere machten; das Deutschland auch, das in der ganzen Welt als politisch, kulturell und finanziell großzügige Nation wahrgenommen wird; das Deutschland der vergangenen 61 Jahre; das Deutschland von heute.</p>
<p>Waren es nicht die kleinen Leute, die dieses Deutschland aus der Taufe gehoben haben und seitdem als dessen Paten dafür einstehen – mit ihrem Fleiß, ihrem Pflichtbewusstsein, ihrer Ordnungsliebe, vor allem auch mit ihrem ganz normalen Gemeinsinn nach innen wie nach außen? Garantieren nicht diese Kleinbürger und ihr kleiner Wohlstand den Erfolg der ersten gesicherten deutschen Demokratie? Haben nicht vor allem sie für dieses Deutschland gearbeitet, geschuftet und sogar gestritten, ohne dabei viel Aufheben von sich selbst zu machen?</p>
<p>Einfache Leute, kleine Leute, Kleinbürger, oft und gern als Spießbürger verächtlich gemacht – um sie geht es in diesem deutschen Herbst: Zu Tausenden, zu Hundertausenden melden sie sich plötzlich zu Wort, nachdem Thilo Sarrazin eine Bresche für sie geschlagen hat. Es sind Spießer, die morgens eilig zur Arbeit gehen, nachdem sie ihre Kinder in die Schule gebracht haben; die sich am Tag mit der Zeitung und am Abend beim Fernsehen ihre Meinung bilden über die öffentlichen Angelegenheiten; die sich sonntags im städtischen Park ergehen und sommers am nahen See; die danach ordentlich die Abfälle ihres Picknicks zusammenräumen und entsorgen.</p>
<p>Auffällig geworden sind diese kleinen Deutschen bislang nie, darum auch nicht nennenswert erschienen für Politik und Publizistik, wenngleich ihnen Martin Walser, der Honoré de Balzac unserer Tage, in seinem Werk manch wunderbare Passage gewidmet hat. Diese Bürgerinnen und Bürger haben in den vergangenen Jahrzehnten einfach nur still funktioniert. Und ebenso still ihre Stimme abgegeben: für SPD oder CDU/CSU oder FDP; nach dem Schock der 68er, denen sie zunächst nur erschrocken zuschauten, wählen sie mittlerweile auch die Grünen – neuerdings sogar die Linke.</p>
<p>Ja, die Kleinbürger sind Deutschlands Glück! Seit mehr als zwei Generationen. Das große Glück des Landes wurzelt im kleinen Glück seiner Bürger.</p>
<p>Haben nicht auch die Intellektuellen, die politischen Denker und Literaten, die Maler und Musiker und Theaterleute die deutsche Demokratie aufgebaut und befestigt? Sie verliehen ihr den Glanz, sie verdeutschten die Gedanken von Freiheit, Demokratie und Rechtsstaat. Sie dachten vor und sie dachten nach. Mit publizistischem Bienenfleiß befruchteten sie das politische Sehen und Denken. Ein vielstimmiges Summen erfüllte Deutschland – nach 1949, nach 1968, auch nach 1989. Vor allem nach 1989!</p>
<p>Nun hat einer aus diesen Gefilden ein Buch geschrieben und aufgedeckt, wie zerrissen die deutsche Gesellschaft ist: Hier die Elite, die sich auch selber gern so bezeichnet. Sie ist gegen Sarrazin. Und dort die Spießer, als die sie von der Elite gern bezeichnet werden. Sie sind für Sarrazin.</p>
<p>Was ist geschehen? Nichts ist geschehen. Und gerade darum ist etwas passiert: Die „anständigen Deutschen“ fühlen sich ignoriert, missachtet, übergangen, rechts und links liegen gelassen. Zu Unrecht? Zu Recht? Jedenfalls sehen sie es so, spüren sie es so, ist es für sie so: Allzu lange mussten sie zur Kenntnis nehmen, wie der Multikultikult aus den Migranten eine Art bessere Deutsche machte – unspießige Deutsche, weil „so erfrischend anders“, interessante Deutsche, weil aus fremden Welten, sympathische Deutsche, weil arm, weil ungebildet, weil ganz unten angesiedelt in der gesellschaftlichen Hierarchie, weil Opfer des Bösen in dieser globalisierten Welt, weil Opfer insbesondere eines brutal auf wirtschaftliche Effizienz dressierten Deutschland. Die Heilige Jungfrau dieser heiligen Einfalt ist Claudia Roth.</p>
<p>Zwar wird die Chancenlosigkeit der Migrantenkinder in den Schulen zu Recht beklagt. Nicht beklagt dagegen wird die Chancenlosigkeit deutschsprachiger Schülerinnen und Schüler, die als Minderheit, oft genug als verschwindende Minderheit in vielen Schulklassen um entscheidende frühe Entwicklungserfolge gebracht sind. Meist kämpfen die Eltern dieser Kinder vergebens um ein Plätzchen in sprachkulturell einigermaßen ausgewogenen Schulklassen. Wer es sich leisten kann, rettet sein Kind in die Privatschule. Den meisten aber fehlt dazu das Geld.</p>
<p>Und natürlich machen sich Deutschlands Spießer darüber ihre Gedanken. Da es sich bei den Erfolglosen unter den Migrantenkindern auffällig oft um Abkömmlinge der muslimischen Kultur handelt, verfestigt sich der Eindruck: Es muss an der Religion liegen – an dieser Religion!</p>
<p>Dies auch nur zu denken aber ist ein Verstoß gegen die guten Sitten etablierter Politik und Publizistik. Dort gilt die Doktrin: Der Islam ist eine Religion wie jede andere. Und also verweigerte sich Deutschlands linksliberales Establishment hartnäckig der Einsicht, dass es sich beim Islam um eine verspätete Religion handelt, die ihre archaischen Wertvorstellungen per Migration in den deutschen Alltag trägt, jeden Versuch zur Emanzipation ihrer Mädchen und Frauen unterdrückt und deshalb auch ihre Knaben und Männer in der Selbstfindung behindert. Aber den Islam als Feind der offenen Gesellschaft zu sehen, ihn konsequenterweise zu bekämpfen- das durfte und darf kein Thema sein.</p>
<p>Auch Ahnungslosigkeit spielt da wohl mit, genährt vom Ökumenedenken der christlichen Konfessionen. Ferner gibt es ernste Gründe, sehr deutsche Gründe: den Kulturkampf im 19. Jahrhundert zum Beispiel, vor allem aber die Vernichtung der Juden durch die Nazis.</p>
<p>Die von islamischen Verbänden geschickt inszenierte Gleichsetzung der Islamkritik mit Antisemitismus ist jedoch ebenso paradox wie absurd, gleichzeitig aber auch erhellend: Die Juden wurden von den Antisemiten aus der Bürgergesellschaft ausgegrenzt, von den Nazis um alle Rechte gebracht und ermordet. Die Muslime dagegen werden gedrängt, die bürgerlichen Rechte &#8211; bitte, bitte! &#8211; anzunehmen, und die bürgerlichen Pflichten &#8211; bitte, bitte! &#8211; zu befolgen. Die freieste deutsche Gesellschaft, die es je gab, würde sie ihnen nur allzu gern gewähren: Freiheit, Demokratie, Rechtsstaat, vor allem Gleichberechtigung für ihre Frauen &#8211; und für ihre Jugend Koedukation statt Koran, Schulbildung statt Scharia.</p>
<p>Die Befreiung von den Fesseln ihrer eigenen Religionskultur ist das große Problem allzu vieler muslimischer Migranten. Sie ist ihre Bringschuld gegenüber der deutschen Bürgerschaft.</p>
<p>Wie soll ein braver, kleiner deutscher Demokrat die Verweigerung von Freiheit, von Gleichberechtigung, von Emanzipation begreifen? Die Bürgerinnen und Bürger der Bundesrepublik haben gelernt, dass das Grundgesetz die höchsten Werte europäischer Kultur verkörpert. Die Aufklärung! Die Menschenrechte! Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit! Haben die Spießer nicht von Politikern und Publizisten eingebläut bekommen, dass Deutschland nie mehr von diesen Werten lassen darf? Verfassungspatrioten sollen sie sein &#8211; auf alle Zeit. Nur: Muss das nicht auch für Einwanderer gelten? Und zwar vom ersten Tag an?</p>
<p>Doch man gewährt stillschweigend Ausnahmen: Kopftuchausnahmen, Burkaausnahmen, Zwangsverheiratungsausnahmen, Züchtigungsausnahmen, Frauenunterdrückungsausnahmen &#8211; <a href="http://www.rundschau-hd.de/archives/666/">Multikulturismus als Rassismus der Antirassisten</a>?</p>
<p>Der damalige Innenminister Wolfgang Schäuble ließ sich – natürlich im Geiste des Grundgesetzes – dazu herbei, über Ausnahmen in einer fest installierten Islamkonferenz zu diskutieren. Die islamischen Verbände verhandelten auf Augenhöhe mit der Bundesregierung! Wann wäre den ganz gewöhnlich tüchtigen Deutschen je so viel Aufmerksamkeit widerfahren? Den ganz gewöhnlich tüchtigen türkischen Deutschen? Den ganz gewöhnlich tüchtigen persischen Deutschen? Arabischen Deutschen? Indischen oder pakistanischen Deutschen? Oder den überaus tüchtigen fernöstlichen Migranten? Wann wurden die Menschen, die das Land still und willig voranbringen, jemals zu solchen Ehren erhoben? Für sie gibt es den Tag der offenen Tür im Kanzleramt. Mit Würstchen. Und Senf.</p>
<p>Der neue Innenminister Thomas de Maizière verstieg sich gar zu dem Bekenntnis: „Der Islam ist uns willkommen.“ Nicht die Muslime, nicht die Menschen hieß er willkommen. Nein, die Religion – mitsamt ihrem demokratiefremden Gesetzeskanon aus Koran, Scharia und Überlieferungen.</p>
<p>Wie aber reden und schreiben Politiker und Publizisten über das Volk, das sich plötzlich so aufsässig bemerkbar macht? Sie nennen es „die Menschen draußen im Lande“. Wir drinnen, ihr draußen, fern von uns, dort, wo unsere Weisheit leider nicht immer ankommt – und wenn sie denn trotzdem ankommt, nicht verstanden wird!</p>
<p>Dieses ferne Volk ist derzeit offenbar nicht ganz bei Trost, wie der Spiegel gleich auf dem Titelbild seiner Sarrazin-Nummer klarmachte: „Warum so viele Deutsche einem Provokateur verfallen“. Verfallen! Wie die Kinder von Hameln dem Rattenfänger. Auch eine Karikatur mit diesem Sujet war in Sachen Sarrazin bereits zu sehen. Um mündige Bürger, die sich ihre eigene Meinung zu bilden imstande sind, kann es sich bei seinen Anhängern jedenfalls kaum handeln. Darum wird jetzt auch gewarnt davor, das Buch des Ketzers überhaupt zu diskutieren.</p>
<p>Im Stern kam Hans-Ulrich Jörges, wendiger Wöchner des Berliner Kreißsaals, mit folgendem Satz nieder: „Der Fall Sarrazin ist der größte mediale Kollateralschaden, an den ich mich erinnern kann.“ Wäre es nach ihm gegangen, hätte es in Bild und Spiegel keinen Vorabdruck der Sarrazin-Thesen gegeben, keinen „wahnhaften Hype“. Am besten hätte man das Sudelbuch gar nicht erst erwähnt, allenfalls zur Besänftigung des Publikums. In der Zeit rechtfertigte sich Chefredakteur Giovanni di Lorenzo dafür, „Thilo Sarrazin und seinem Buch einen Gefallen“ getan zu haben, indem man dessen Thesen diskutierte.</p>
<p>Doch was nicht geschehen durfte, ist nun passiert. Deutschland debattiert. Und zwar nicht, wie gewöhnlich, die selbst ernannte Elite unter sich und ganz hoch droben, sondern die Bürgerinnen und Bürger ganz tief unten. Der Pöbel diskutiert. Das ist der Gipfel!</p>
<p>Wer aber wäre nun gefordert, den Menschen eine Antwort zu erteilen, die da so plötzlich, so ungeplant und so unbotmäßig auf den Plan getreten sind? Die Sozialdemokraten! Ehedem politischer Arm der Arbeiterbewegung, heute bürgerlich arriviert, wären sie die klassischen Hüter der demokratischen Kultur. Traditionell richten sie sich gegen das „Laisser-faire“. Dem engagierten Sozialdemokraten und linken Bürger war einst die strenge Lebensregel heilig: acht Stunden arbeiten, acht Stunden lesen, acht Stunden schlafen.</p>
<p>Die alte sozialdemokratische Strenge steckt noch immer in vielen Bürgerköpfen. Auch eine weitere &#8211; spießige Lebenslosung hat in diesem Milieu ihre Gültigkeit bewahrt: „Schaffe, schaffe, Häusle baue!“</p>
<p>Wer seinen Alltag so sehr auf Tüchtigkeit baut, in dessen Ohren klingt es seltsam, wenn er von seinen Politikern hört: „Die Migranten bereichern uns.“ Mit diesem putzigen Klischee verweigerte sich die demokratische Linke in nahezu allen westeuropäischen Ländern ihrer aufklärerischen Pflicht: aus Drittweltromantik, aus elitärer Lust am pittoresken Multikulti, aus paternalistisch motivierter Fürsorge für die armen Ausgebeuteten.</p>
<p>Aus scheinbar moralisch allerbesten Gründen gab man sich dem Kulturrelativismus hin. Menschenrechte erschienen zunehmend als eurozentrisch, also kolonialistisch und imperialistisch. Es galt: andere Kulturen, andere Sitten. Die Frauenunterdrückung durch den archaisch belasteten Islam – Ausdruck anderer Kultur. Die Apartheid für Hunderte Millionen Musliminnen in aller Welt – Ausdruck anderer Sitten.</p>
<p>Der linke Blick in die weite Welt blieb verklärt an Figuren haften, die mit Revolution viel, mit Freiheit dagegen nichts am Hut hatten. Der südamerikanische Linkspopulist Chávez umarmt den iranischen Holocaust-Leugner Ahmadinedschad – und kein Linker oder Grüner regt sich darüber auf. Im Iran soll eine Frau wegen Mord an ihrem Ehemann gesteinigt werden, neuerdings nur noch erhängt; vorher aber erhält sie 99 Peitschenhiebe, weil eine englische Zeitung sie angeblich ohne Kopftuch abgebildet hat. Protestdemonstrationen vor den iranischen Botschaften Europas? Keine Spur: In Berlin und Potsdam demonstriert die Linke gegen Sarrazin.</p>
<p>In Genf gelang es Tariq Ramadan, Star der europäischen Muslimszene und Liebling linker Kulturrelativisten, die Aufführung eines <a href="http://www.rundschau-hd.de/archives/181/">Stücks von Voltaire </a>wegen angeblicher Islamfeindlichkeit zu verhindern &#8211; unter den wohlwollenden Blicken von Sozialdemokraten und Liberalen. Des Abendlandes radikalster Aufklärer fällt islamistischem Obskurantismus zum Opfer &#8211; ohne Widerstand der „Multikultis“.</p>
<p>Und, zu guter Letzt, die Burka? Wird doch freiwillig getragen, ja geradezu als Symbol der Religionsfreiheit.<br />
Wer sich nun aber über eine derart krude Logik empört, wird aus der üblichen  Ecke der „Islamophobie“ bezichtigt, der nur noch psychiatrisch beizukommen sei. Wer Mädchen von der Kopftuchpflicht befreien möchte, gilt schlicht als intolerant. Hierzulande nämlich werden Reservate für religiös-autoritäre Riten und Regeln des Migrantenislam gefälligst zumindest geduldet …</p>
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		<title>Silvester: Nicht ohne &#8220;Dinner For One&#8221;!</title>
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		<pubDate>Sat, 31 Dec 2011 07:35:54 +0000</pubDate>
		<dc:creator>admin</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Nonsens vom Feinsten in der Rundschau Kritik Wie alle bedeutenden Stücke Drama, ist auch &#8220;Dinner For One&#8221;  an Facetten ungemein reich. Allein die Vielzahl unterschiedlicher Interpretationen zeigt, wie in jedem Betrachter eine Saite zum Schwingen, eine andere zum Schweigen gebracht wird. Auf diesem 90. Geburtstag der Miss Sophie gibt es nichts Letzthinniges und nichts Ein-für-Allemaliges, [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><strong>Nonsens vom Feinsten in der Rundschau Kritik</strong></p>
<p><a href="http://www.rundschau-hd.de/wp-content/uploads/2011/12/weg-da-du-da.jpg"><img class="alignleft size-full wp-image-7077" title="weg da, du da" src="http://www.rundschau-hd.de/wp-content/uploads/2011/12/weg-da-du-da.jpg" alt="" width="150" height="187" /></a>Wie alle bedeutenden Stücke Drama, ist auch &#8220;Dinner For One&#8221;  an Facetten ungemein reich. Allein die Vielzahl unterschiedlicher Interpretationen zeigt, wie in jedem Betrachter eine Saite zum Schwingen, eine andere zum Schweigen gebracht wird.</p>
<p>Auf diesem 90. Geburtstag der Miss Sophie gibt es nichts Letzthinniges und nichts Ein-für-Allemaliges, und wenn die überwiegende Mehrzahl der Kunstsachverständigen, Essayisten und Liebhaber, die Interesse an einer Kategorisierung des Gesamtstückes oder an einer Analyse einzelner Komponenten haben, für ihre Varianten jeweils Alleinvertretungsansprüche geltend machen, dann ist das erschütternd-bedauerlich.<span id="more-7068"></span></p>
<div id="attachment_7072" class="wp-caption alignright" style="width: 260px"><a href="http://www.rundschau-hd.de/wp-content/uploads/2011/12/dinner-for-one.jpg"><img class="size-full wp-image-7072" title="dinner for one" src="http://www.rundschau-hd.de/wp-content/uploads/2011/12/dinner-for-one.jpg" alt="" width="250" height="335" /></a><p class="wp-caption-text">&quot;Well - I´ll do my very best!&quot;</p></div>
<p>Wiewohl wir nun im folgenden durchaus mit dem Butler (Freddie Frinton gibt ihn unnachahmlich) mitzuhalten versuchen und unsere Interpretationsansätze durchaus auch von gutem Wein begleiten lassen, wollen wir dem Betrachter weder dies mitzutun, noch ein bestimmtes Verständnis vorschreiben.</p>
<p>Wenn wir dabei auf einen wissenschaftlichen Anmerkungsapparat verzichten, tun wir das für diesmal der besseren Lesbarkeit wegen ebenso nicht, wie Verzicht zu üben auf die Darstellung einiger eher abseitiger Lesarten, die nur für Experten von Interesse wären. Lediglich sei hier die Polemik einiger selbsternannter Gourmets erwähnt, welche die Zusammenstellung des Menus kritisieren, vornehmlich die Kombination von Huhn und Champagner.  Ein Stück, das solche gastrosophischen Verbrechen auf die Bühne bringe, könne nichts wert sein? Diese Kritiker haben offenbar ihre Identitätsbildung so entschieden hochgezüchtet, daß sie &#8211; pardon &#8211; offenbar schon wieder auf den guten,  albernen Pawlowschen Hund gekommen zu sein scheinen.</p>
<p><strong>Lehrstick oder Slapstück?</strong></p>
<p>Weder noch, hier lassen sich zwei Richtungen fühlen: ein Lehrstück fast im Sinne Brechts, das, um die &#8211; oder irgendeine &#8211; Situation, Problematik oder Lösung herauszuarbeiten, die Mittel der Farce einsetzt: von Elementen des Slapstücks (Butler James trinkt Blumenwasser), bis hin zu jener Distanzierung des Schauspielers von der Rolle, die sich so fassen lässt, dass er im Verlauf deutlich sichtbar in die Rollen der vier abwesenden Personen schlüpft. Aus gestalttherapeutischer Sicht heraus betrachtet, bietet dieser 90. Geburtstag eine in sich geschlossene Realität.</p>
<p>Hier wird reine Form Inhalt, die Funktion der Darstellung ist hier einzig die Darstellung. Jede Frage nach einem überschreitenden Sinn würde in diesem Sinn selbst zu einer Farce.</p>
<p><strong>Lachen an und für sich</strong></p>
<p>Das zweifelsohne von allen Zuschauern ausgeübte Lachen mag als zeitgeistig coole Distanznahme im Sinne jener Studie über das Lachen verstanden werden, die zum Ergebnis kommt, das Lachen habe keinen größeren Feind als die Emotion. Hiernach wäre unser Lachen also nichts anderes als ein Aus-sich- und Aus-jenem-Herausgehen, das zu etwas sowohl führen will wie auch soll: zur Selbsterkenntnis oder zur Einsicht in die Dekadenz der alternden Oberschicht oder zu dem, was Eugène Ionesco dem Humor zumißt: &#8220;sich der Absurdität bewußt werden und doch in der Absurdität weiterleben&#8221;.</p>
<p>Auch,  dass dies Stück nicht mehr mit einer Differenz zwischen Sein und Sollen arbeitet &#8211; wohingegen ein ungenannt bleiben wollender Heidelberger Philosoph offenbar japanischer Abstammung in seiner unter dem Pseudonym &#8220;Tenno&#8221; veröffentlichten Arbeit über diesen 90. Geburtstag die Frage nach &#8220;Sein oder Haben?&#8221; vermißt, mithin ein Ideal weder propagiere noch fordere, darf wohl so verstanden werden, daß hier Lachen nur als Parodie auf das eigene Selbst gemeint sein könne &#8211; als sozusagen erkanntermaßen ritualisierter Effekt.</p>
<p><strong>Arrangement mit den Herrschenden</strong></p>
<p>Wir haben hier ein zutiefst klassenkämpferisches Portrait einer untergehenden Welt, einer ländlich-städtischen Mittelschicht nebst militärischem und couponschneidendem Anhang, die sich in ihrer Zukunftslosigkeit allenfalls noch an sinnentleerten Festen, am Alkohol und am Traumgebilde  einer längst vergangenen Vergangenheit festhalten kann. Dazu eine nicht minder dekadente Schicht dienender Berufe: der Butler James, entwürdigt von seiner Herrin bis hin zum &#8220;Letzten&#8221; &#8211; eine anglifizierte Variante des Woyzeck also -, der in all seiner Demütigung doch nur das Arrangement mit den Herrschenden sucht, ja nur noch suchen kann, und seinen Stolz unlöslich an die Rationalität des herrschaftlichen Wohlergehens in Börse, Tisch und Bett bindet.</p>
<p><strong>Seele baumelt? Analyse?</strong></p>
<p>Derweil bei etwa Goethe man sich über verschiedene analytische und psychiatrische Interpretationsweisen ja noch streiten könnte, ließe dies Dinner, solcherweise betrachtet, doch ausschließlich das klinische Lesen, Hören und Sehen insofern zu, als Madame vorgeführt werden in frei flottierender Angst mit hypochondrischen Neigungen. Es agieren hier Mischzustände von Wut, Ohnmacht und Hilflosigkeit, Angst vor Liebe ebenso, wie rasches Schwanken zwischen Idealisierung und Entwertung von Objekten. Und, wo die bedauernswerte Frau ihre Scheinwelt am Tisch nicht erkennt, verdrängt sie &#8211; was ja schlimmer ist als beinahe alles Andere.<br />
Und Butler James, der Spiegeltrinker, der sein überhöhtes Alkoholquantum gleichsam gleichmäßig über den Abend verteilt und weitgehend ohne größere Kontrollverluste zu sich nimmt? Ein Deltatyp, der zwangweise wie zwanghaft zugleich in die Situation des Gammatyps versetzt wird, in den Alkoholexzeß. Hier erleben wir einen Menschen, der unmittelbar an der Flasche am Vollbringen eines Selbstopfers zur Befriedigung kommt: an der Überwindung nämlich des Bedürfnisses nach Versagen im oralen Bereich. Eine gefährliche Methode im Gegensatz zu der meist gelebten Form klassischen Asketentums, innerhalb welcher Lust nicht aus der Versagung körperlicher als vielmehr aus der Opferung geistig-seelischer Bedürfnisse gewonnen wird.<br />
Auf also der Grenze zwischen Lehrstück und abgeschlossener Realität gelangen wir hier mit den Protagonisten  in die Rolle von vier vermutlich gestorbenen Personen, die erfolgreich ausgefüllt werden, um deren Welt zur Unsterblichkeit zu versteinern. Schauriger kann die apriorische Trostlosigkeit menschlicher Grundbefindlichkeit kaum deutlich gemacht werden: Kein Weg führt zum Du, keiner zu Sinn und Eigentlichkeit, es bleibt die Einzementierung ständigen Zerfließens in ein dennoch abgeschlossenes Ich in einer isolierenden Vorstellung von Welt, ein sich Überliefern an eine geronnene Aufenthaltslosigkeit.</p>
<p><strong>Des  Essens philosophischer Aspekt</strong></p>
<p>Betrachten wir den Text populärwissenschaftlich, so finden wir hier einen geprüften Willen zu gesellschaftlichem Sein des dem alles überhaupt keine Grenzen Setzenden. Und: Nehmen wir eine Bemerkung Ernst Blochs (Band 3, &#8220;Prinzip Hoffnung&#8221;) über die geglaubte Mechanik im Universum, die sich für ihn, gleichwohl ohne Spaß, wie auch ohne Pantheismus, aber dennoch befriedigend vollzieht, sind wir eher geneigt, in der &#8220;miss-sophischen Verstetigung“ ihrer Freunde einen so freilich nur in der Aristokratie, nicht aber dem bürgerlich geeinzelten Individuum möglichen objektiv-utopischen Vorgriff auf jene von Bloch bezeichnete So-Welt,  als Verschwinden sozusagen des Nichts im sozialistischen Bewußtsein zu sehen.<br />
Dem unüberschreitbaren Zwiespalt durch den  selbstaktiven und eigenkontrollierten Schritt über den Tigerkopf in eine systematische Besessenheit werden wir eine künftige Arbeit widmen.</p>
<p><strong>Emanzipatorische … </strong></p>
<p>Das Verhalten Miss Sophies ist als selbstbewußt-folgerichtiger Schritt zu einer  -  zwar &#8211; in die Jahre gekommenen, zum Selbstbewußtsein erwachten Frau zu verstehen, die Stellung bezieht gegen die Verderbnis und das Reguläre, gegen das Leben sowohl wie auch gegen den Tod, gegen den zu-fälligen (oder haben wir den Butler je fallen gesehen?) Verlauf, all der Drohungen, die einsickernde Perfidie gegen den langsamen Fraß innen und gegen das Verschlungenwerden von draußen. Eine Frau, die alle Enttäuschungsmöglichkeiten hinter sich läßt und auf das klägliche Bild verzichtet, das jene Bindung der Seelenphantasie an die empirische Mannes- oder überhaupt Menschenform, wie sie ja in der sogenannten Wirklichkeit vorkommt, bietet. Nur mehr einer mageren Kulisse bedürftig, die ihr Butler James mit seinen vier Rollen baut, erweist Miss Sophie sich erfolgreich in dem Versuch, einen nichtreligiösen Weg der Liebe zu einem Objekt herzustellen, dem sie sich ohne Beschädigung ihres Ichs, ja gleichsam in Verwirklichung ihrer Autonomie, ganz hingeben kann und &#8211; selbst aus strengst feministischer Sicht, der wir uns ausdrücklich nicht anschließen &#8211; wohl auch möchte dürfen können!</p>
<p><strong>… und komödiantische Aspekte</strong></p>
<p>Gegebenen Anlasses wegen sei hier direkt im Anschluß die Verwandtschaft des &#8220;Dinner For One&#8221; mit der Commedia dell&#8217;arte behandelt. Wir sehen hier einen Entstehungszusammenhang, ja eine &#8211; allenfalls durch Konzessionen an britische Mentalität abgemilderte &#8211; große Übereinstimmung. Wenngleich das Spiel als Spiel nicht durch Masken kenntlich gemacht wird, liegt hier dennoch fast ein (hassenswert wie all solches) Plagiat vor, jedenfalls ist die Rollenverteilung eindeutig: Butler James sei Brighella, Sir Toby Pulcinella, Admiral von Schneider der Capitano, Mr. Pommeroy Tartaglia, Mr. Winterbottom der Dottore, Miss Sophie hingegen &#8211; Frau natürlich &#8211; hat einen superben Hauch von Originalität.</p>
<p><strong>Das Dinner als Gesamtkunstwerk</strong></p>
<p>Was nun aber das Gesamtkunstwerk angeht, meinen wir, dass &#8211; vom Autor zwar wahrscheinlich ungewollt, aber eben darum ganz besonders ernst zu nehmen &#8211; dieser Text in seiner zumal technischen Reproduzierbarkeit, vergleichbar mit Anton Bruckners Generalpause zu interpretieren sein dürfte.<br />
Dies freilich erkennen zu können, setzt voraus jenes Stocken, das uns schwindelnd tragen soll über das Gewohnte hinweg; jener Rhythmus eines uns ureigenen Pulsierens, der nur in einer von allen Zufälligkeiten gereinigten Stille hörbar ist; der vordergründige Lärm, der hier &#8211; einem Saunagang vergleichbar &#8211; nichts anderes als sein Gegenteil herausarbeiten soll; die Bedingung der Möglichkeit zum In-Sich-Gehen also!</p>
<p>Dies alles dürfen wir Zusehenden  am Silvesterabend &#8211; bittet Euch <strong>Jürgen Gottschling</strong> &#8211; nicht vernichten durch vulgäres Lachen, käme dies auch noch so sardonisch oder gar (in memoriam Hans-Georg Gadamer) hermeneutisch verkleidet einher.</p>
<h2><em>Alle Sendetermine am 31. Dezember 2011:</em></h2>
<p><em><strong>15 Uhr 40 DAS ERSTE</strong></em></p>
<p><em><strong>18 Uhr 50 (Original) 21 Uhr 45 (Schweizer Version)  WDR</strong></em></p>
<p><em><strong>19 Uhr 40 und 23 Uhr 35 NDR</strong></em></p>
<p><em><strong>19 Uhr und  am I. Januar 2012 um 0 Uhr 05 BAYERN</strong></em></p>
<p><em><strong>19 Uhr und am 1. Januar 2012 um 3 Uhr 00 SWR/SR</strong></em></p>
<p><em><strong>14 Uhr 55 (Hessisch) 18 Uhr 40 (Hessisch) 21 Uhr 45 (Nordhessisch) HESSEN<br />
</strong></em></p>
<p><em><strong>19 Uhr 00 MDR</strong></em></p>
<p><strong>19 Uhr 05 RBB</strong></p>
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		<title>Ist die Gesellschaft krank?</title>
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		<pubDate>Mon, 26 Dec 2011 09:48:14 +0000</pubDate>
		<dc:creator>admin</dc:creator>
				<category><![CDATA[Allgemein]]></category>
		<category><![CDATA[Essay]]></category>
		<category><![CDATA[Zeitgeschehen]]></category>

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		<description><![CDATA[Axel Honneths Philosophie der sozialen Freiheit Die gesellschaftlichen Verhältnisse als ungerecht anzuprangern, das muss sein dürfen, dass sie aber krank seien hingegen klingt weniger nach subjektiver moralischer Entrüstung als vielmehr nach objektiver, wissenschaftlich gestützter Diagnostik. Kritische Sachlichkeit schwebt auch dem Frankfurter Sozialphilosophen Axel Honneth vor, wenn er von «sozialen Pathologien» redet. Seine Gesellschaftskritik begnügt sich [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><strong>Axel Honneths Philosophie der sozialen Freiheit</strong></p>
<p>Die gesellschaftlichen Verhältnisse als ungerecht anzuprangern, das muss sein dürfen, dass sie aber krank seien hingegen klingt weniger nach subjektiver moralischer Entrüstung als vielmehr nach objektiver, wissenschaftlich gestützter Diagnostik. Kritische Sachlichkeit schwebt auch dem Frankfurter Sozialphilosophen Axel Honneth vor, wenn er von «sozialen Pathologien» redet. <span id="more-7048"></span>Seine Gesellschaftskritik begnügt sich nicht mit dem Hinweis darauf, dass die Dinge nicht so sind, wie sie sein sollten. Sie will nicht nur Empörung schüren, sondern schlauer machen: zeigen, was falsch läuft und warum. Im Lichte solcher Diagnosen kann man dann hoffentlich etwas genauer sehen, was man machen kann.</p>
<p><strong>Metaphorik und Pathologie</strong></p>
<p>Im Reden von «sozialen Pathologien» schwingt freilich auch immer etwas Metaphorisches mit. Pathologien sind Krankheitsbilder, und Krankheiten betreffen in der Kernbedeutung des Wortes Organismen. Als einen Organismus hat freilich schon länger niemand mehr ernstlich die Gesellschaft bezeichnen wollen. Das nämlich  würde in Konflikt mit dem zentralen Wert der Moderne bringen, welcher auch das Thema von Honneths neuem Buch ist: dem «Recht der Freiheit» des Einzelnen. Im Unterschied zu Organen, deren Wesen in ihrer Funktion fürs Ganze liegt, sind Individuen das, was sie sind, für und durch sich selbst: frei. Freiheit heißt &#8211; wie Honneth im ersten Teil des Buches zeigt &#8211; nicht nur, dass den Individuen niemand ohne guten Grund ins Gehege kommen soll oder dass die einzigen Grundsätze, die für deren Tun Verbindlichkeit haben könnten, selbst gesetzte Grundsätze sind. Freiheit aber bedeutet auch, dass Individuen auf der Basis wechselseitiger Achtung und Unterstützung mit anderen zusammen sein können. Das heißt dann bei Honneth «soziale Freiheit» und «Anerkennung»; und wenn sich so ein Zusammensein institutionell verwirklicht, dann meint das: «demokratische Sittlichkeit». «Sittlichkeit» steht im Untertitel von Honneths Buch, und das wiederum ist recht mutig angesichts der Tatsache, dass manche darunter völlig unbegründete, bisweilen mit Polizeigewalt durchgesetzte Konventionen verstehen. Denn was Honneth meint, sind die «guten Sitten»: das Moment von Ethik, das man bei aller berechtigten Kritik in den Formen unseres Zusammenlebens erkennen kann.</p>
<p>Honneth hat schon in seinen früheren Werken die These entfaltet, dass gelingendes Selbstsein und Zusammensein einander einschliessen. Jetzt baut er diese Annahme zu einer Gesellschaftstheorie aus. Recht, Moral, Markt und Politik sind die Institutionen, die dieses Zusammensein organisieren sollen. Aber bei der historischen Realisierung hapert&#8217;s &#8211; und dadurch kommt es zu «Pathologien». Honneth stellt seine Diagnosen in Form von ziemlich ausführlichen Krankheitsgeschichten. Man kann hier viel über die Entwicklung politischer und wirtschaftlicher Verhältnisse lernen &#8211; vor allem über jene Europas im zwanzigsten Jahrhundert. Neben historischer, politisch-philosophischer und soziologischer Literatur werden von Honneth auch immer wieder literarische oder filmische Dokumente beigezogen; das macht die Diagnosen sehr anschaulich und plausibel, auch wenn empirische Sozialforschung dadurch natürlich nicht ersetzt werden kann. (Man fragt sich an diesen Stellen immer, ob ein anderer Film oder Roman nicht einen Gegenbeleg liefern würde.)</p>
<p>Die «Pathologie» der modernen Gesellschaft liegt nach Honneth darin, dass unsere wesentlichen Institutionen bei der Realisierung ihres aufklärerischen Auftrags ins Stocken geraten oder sogar gegen ihren Ursprungssinn zu wirken beginnen. Statt einander vorbehaltlos anerkennender Individuen finden wir deshalb in der Gesellschaft Typen wie dich und mich. Der rechtliche Schutz der Freiheit schlägt etwa um in ein Sich-hinter-sei nen-Rechten-Verschanzen und führt gleichzeitig zu einer «unentschlossenen, handlungsarmen Persönlichkeit» ohne «kontinuitätsstiftende Wertbindungen und Überzeugungen», die durch das «leicht genommene, häufig ironisierte Hinausschieben einer jeden tiefergehenden Entscheidung» gekennzeichnet sei.</p>
<p>Moral wandelt sich ihrerseits von befreiender Autonomie zu moralistischem Terror herrischer Rechthaberei: «Man versteht sich tatsächlich in der Rolle eines Gesetzgebers für eine Welt aller menschlichen Wesen.» Darin bekundet sich die «Fiktion eines unverbundenen Subjekts, welches all seine Grundsätze aus der abstrakten Perspektive einer allgemeinen Menschheit gewinnen muss». Auf dem Markt wiederum weht der steife, immer tiefer in die Gesellschaft hineinwehende Wind der Anbietermacht und der privaten Konsumhaltung, von Honneth etwa durch den SUV-Fahrer illustriert, der die Umwelt zerstört und dabei erst noch «die ethisch motivierten Radfahrer» gefährde. In der Politik herrschen Apathie bis Verdrossenheit, die daher rührt, dass die Politik sowieso hauptsächlich die Interessen «der Wirtschaft» bedient. Trotz Internet: Die Öffentlichkeit darbt.</p>
<p>Ob&#8217;s nun wirklich so schlimm steht oder vielleicht etwas besser aussieht: Belegt dies, wenn es zutrifft, dass unsere Gesellschaft krank ist &#8211; oder kommt das daher, dass ihre Institutionen nicht richtig funktionieren? Vielleicht geht es nicht um so etwas wie ein Organversagen der Gesellschaft, sondern darum, dass die Mittel versagen, mit denen wir unser gemeinsames Dasein regeln: Nicht die Gesellschaft ist krank, sondern manche ihrer Institutionen sind kaputt. Der Gegensatz von «krank» und «gesund» unterscheidet sich vom Gegensatz «funktionierend» &#8211; «kaputt» in einer wesentlichen Hinsicht. Was gesund oder krank ist, hängt am Gedeihen des Organismus, um dessen Zustand es geht, und kann nicht beliebig umdefiniert werden. Ob aber etwas funktioniert oder versagt, hängt ganz davon ab, was für eine Leistung man denn davon erwartet. Die Funktion eines Geräts ist keine intrinsische, sondern eine relationale Eigenschaft und als solche relativ: Was für einen Benutzer ein «bug» im Programm ist, sieht ein Entwickler möglicherweise als ein «feature»; und umgekehrt hat schon manches Gerät weit abseits von dem ursprünglich gemeinten Sinn zu seiner Funktion gefunden. Wenn Institutionen eher so etwas wie Werkzeuge als so etwas wie Organe wären, würde dies auch erklären, warum das, worüber Honneth sich beklagt: dass die Entwicklung der Märkte die soziale Freiheit aus dem Blick rückt, anderen gerade als spezifische Leistung der Märkte erscheint: Wer Geld hat oder etwas zum Tausch bieten kann, braucht sich um die Anerkennung oder Verachtung durch andere nicht zu scheren.<br />
Nahbeziehungen</p>
<p>Ob nun die Gesellschaft Mängel hat oder einfach gut nachvollziehbare Erwartungen enttäuscht: Das Bild ist jedenfalls eher düster. Unter den gesellschaftlichen Sphären gibt es allerdings eine, die Honneth in überraschend warmen Farben und heiteren Tönen beschreibt: die Sphäre der Intim- und Familienbeziehungen. Schwarzmalen wäre hier ja besonders leicht: hohe Scheidungsraten, geringe Fertilität, Outsourcing des pfleglichen Umgangs miteinander durch Einliefern aller nichtproduktiven Familienmitglieder in Beaufsichtigungs- und Pflegeanstalten et cetera. Honneth sieht in den sich wandelnden Generationenbeziehungen, im Spiel mit Kindern und der Inversion der Rollen der Pflegenden und der Gepflegten im immer längeren Lebenslauf eine «Befreiung», die «uns dazu befähigt, der unvermeidlichen Periodizität unseres organischen Lebens» die Schwere zu nehmen.</p>
<p><em>Axel Honneth: Das Recht der Freiheit. Grundriss einer demokratischen Sittlichkeit. Suhrkamp, Berlin 2011. 628 Seiten</em></p>
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		<title>Der geweihten Nacht und obiger Einladung wegen erinnern wir an die neue &#8220;Übersetzung&#8221; der „Heiligen Schrift“ auf feministisch: «Bibel in gerechter Sprache» : «Ich bin der wahre Weinstock, und Gott ist meine Gärtnerin» – ärgerlich oder konfus bis heiter ohne Angst vor Absurditäten …</title>
		<link>http://www.rundschau-hd.de/archives/7039/</link>
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		<pubDate>Sat, 24 Dec 2011 20:14:50 +0000</pubDate>
		<dc:creator>admin</dc:creator>
				<category><![CDATA[Allgemein]]></category>
		<category><![CDATA[Essay]]></category>
		<category><![CDATA[Kirche & Bodenpersonal]]></category>
		<category><![CDATA[Sapere aude]]></category>

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		<description><![CDATA[Wenn eine der feministischen Theologie eher geneigte Wissenschaftlerin (Elisabeth Gössmann) befürchtet, daß die gesamte feministische Theologie durch die in großen Teilen nicht gelungene Neue Bibelübersetzung “Bibel in gerechter Sprache” in Mißkredit gebracht werde, darf man auf starken Tobak gefaßt sein. Hier hat der Leser es mit einer (stark gewöhnungsbedürftigen) Bibelauslegung, nicht aber mit der Bibel [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><a href="http://www.rundschau-hd.de/wp-content/uploads/2011/12/logo-f.jpg"><img class="alignleft size-full wp-image-7060" title="logo-f" src="http://www.rundschau-hd.de/wp-content/uploads/2011/12/logo-f.jpg" alt="" width="130" height="195" /></a><a href="http://www.rundschau-hd.de/wp-content/uploads/2011/12/teufel.jpg"><img class="alignright size-full wp-image-7053" title="teufel" src="http://www.rundschau-hd.de/wp-content/uploads/2011/12/teufel.jpg" alt="" width="183" height="176" /></a>Wenn eine der feministischen Theologie eher geneigte Wissenschaftlerin (Elisabeth Gössmann) befürchtet, daß die gesamte feministische Theologie durch die in großen Teilen nicht gelungene Neue Bibelübersetzung “Bibel in gerechter Sprache” in Mißkredit gebracht werde, darf man auf starken Tobak gefaßt sein. Hier hat der Leser es mit einer (stark gewöhnungsbedürftigen) Bibelauslegung, nicht aber mit der Bibel zu tun.</p>
<p><span id="more-7039"></span>Zu monieren sind “häufige Ideologisierungen und die oft unmotiverte Einbeziehung der weiblichen Person, auch wenn dies inhaltlich gar nicht angebracht ist, die protestantische Färbung des Projekts sowie eine zu beobachtende “Vergewaltigung der deutschen Sprache”.<br />
Fünf Jahre lang hatten 52 Frauen und Männer beider Konfessionen mit kräftiger Unterstützung durch die evangelische Kirche in Hessen und Nassau und anderer kirchlicher Kreise die Bibel in einem aufwendigen und<br />
(wahrscheinlich auch teurem) Prozeß neu übersetzt. Am Reformationsfest wollte man das Werk symbolträchtig in einem kirchlichen Festakt der Öffentlichkeit übergeben.</p>
<p>Die evangelische Kirche in Deutschland hat sich das verbeten. Zu durchsichtig war der Versuch der privaten Übersetzergruppe, an das Renommee reformatorischer Übersetzungen wie der Lutherbibel oder der Zürcher Bibel anzuknüpfen. Doch von deren Niveau ist diese Neuübersetzung Lichtjahre entfernt.</p>
<p>Weder mit Luthers Sprachkraft noch der philologischen Präzision der Zürcher Bibel kann sie sich messen. Vor allem aber verfolgt sie ganz andere Ziele. Luther wünschte, daß «jede einzelne Stadt ihren eigenen Übersetzer oder Dolmetscher hätte, damit dies Buch allein in jedermanns Sprache, Hand, Augen, Ohren und Herzen wäre». Ihm ging es um «dies Buch», nicht seine Übersetzung in ein bestimmtes Idiom. Als Zeugnis früherer Zeiten für Gottes Furcht und Freude wirkendes Wort kann die Bibel Regel und Richtschnur des Glaubens nur sein, wenn die biblischen Texte nach allen Regeln philologischer Kunst davor bewahrt werden, sich in die Sichtweisen ihrer Leser hinein aufzulösen. Sich den Sinn der Texte nach eigenem Gusto zurechtzulegen, war für Luther das Kennzeichen von Schwärmerei, und die sah er nicht nur im römischen Lehramt, sondern auch in den «linksreformatorischen» Gesinnungsbewegungen am Werk.</p>
<p><strong>Löbliches, Unmögliches</strong></p>
<p>Der Eigensinn der Bibeltexte war deshalb gegen ihre kirchlichen und antikirchlichen Aus- und Zurechtleger stark zu machen. Nur wer die Texte gegen die eigenen und fremden Vorurteile zum Zug kommen läßt, ist ihrem Sinn auf der Spur. Dazu bedarf es philologischer und theologischer Textkompetenz, die in Schule und Studium zu erwerben war. Das wurde zum Markenzeichen protestantischer Kirchen und Kultur, auch in Zürich. Die Zürcher Bibel mit ihrer pünktlichen Beachtung der wissenschaftlichen Arbeit an den hebräischen und griechischen Grundtexten belegt das bis heute. Wer kritisch lesen will, muß den Text stark machen.</p>
<p>Ganz anders diese Neuübersetzung, die nicht richtig, sondern «gerecht» zu übersetzen beansprucht. Sie traut den Lesern gar nichts zu, sondern schreibt ihnen unablässig vor, wie sie verstehen sollen, was sie lesen. Gewiß, Übersetzen ist eine schwierige Kunst. Aber Kunst ist auch «das Gegenteil von ‹gut gemeint›», wie Gottfried Benn lakonisch notierte. Gut gemeint ist die «Bibel in gerechter Sprache» zweifellos. Keinen Augenblick wird man über die Überzeugungen der Übersetzerinnen und Übersetzer im Unklaren belassen, doch ob man auch das Zeugnis der biblischen Texte vernimmt oder liest, was in den hebräischen und griechischen Originaltexten steht, weiß man nie.</p>
<p>Das ist kein Zufall, sondern hat Methode. Hermeneutische Triebkraft dieser Übersetzung sind nicht die exegetischen, historischen und theologischen Fragen nach dem Eigensinn der biblischen Texte und dem Gehalt ihrer Botschaft, sondern die Bemühung, den Impulsen der Befreiungstheologie, der feministischen Theologie und des jüdisch-christlichen Dialogs gerecht zu werden. Doch wie eine Übersetzung zugleich «geschlechtergerechte Sprache», «Gerechtigkeit im Hinblick auf den christlich-jüdischen Dialog» und «soziale Gerechtigkeit» realisieren und dabei auch noch «dem jeweiligen Ausgangstext» gerecht werden will, bleibt ein Rätsel.</p>
<p>So löblich  &#8211; möglicherweise &#8211; diese Ziele je für sich sein mögen, sie schließen sich gegenseitig aus, wenn man die biblischen Texte als Zeugnisse einer anderen Zeit und Kultur ernst nimmt. Vor allem aber sind sie keine philologisch brauchbaren Übersetzungsprinzipien. Kein Text der Bibel wurde in der Absicht verfaßt, geschlechtergerecht, antidiskriminatorisch und frei von Antijudaismus zu sein. Diese Texte entstammen Zeiten, die von anderen Anliegen bewegt waren. Die Bibel ist durchzogen von tiefen Spuren innerer Spannungen, Entwicklungen und Neuentdeckungen, die sich nicht gesinnungsgerecht harmonisieren lassen. Eine sachgerechte Übersetzung darf das nicht verwischen. Sie muss es gerade deutlich machen, um eine kritische Auseinandersetzung zu ermöglichen.</p>
<p>Selbstverständlich kann man die Bibel unter den genannten (und manchen anderen) Gesichtspunkten kritisch lesen und auslegen. Aber sie so zu übersetzen, also im Deutschen als das zu präsentieren, was die Originaltexte sagen, ist schlicht irreführend. Das kann man nur tun und meinen, weil man sich nicht von den Texten, sondern von Vorurteilen leiten läßt: Bei Gott gehe es «immer um Freiheit und Befreiung»; deshalb sei «Gerechtigkeit» das «Grundthema» der Bibel; diese realisiere sich in Geschlechtergerechtigkeit, Abwehr von Antijudaismus und in sozialer Gerechtigkeit; und das müsse eine gerechte Übersetzung «sichtbar» machen. Keine dieser Ansichten versteht sich von selbst. Jede ist vielmehr hoch begründungsbedürftig. Und keine wird begründet. Diese unausgewiesenen Annahmen sind das hermeneutische Hauptproblem dieser Übersetzung. Nach Jahrhunderten historischer Exegese wird der «Bibliothek Bibel» ohne erkennbares Problembewusstsein ein einheitliches Thema unterstellt, aus dem man Kriterien für eine Übersetzung in «gerechter Sprache» ableitet.</p>
<p>Selbstverständlich kann niemand übersetzen und Irrtümer ganz vermeiden. Aber wenn man sich durchgehend nicht mehr darauf verlassen kann, daß das, was man im Deutschen liest, im biblischen Originaltext steht, sollte man nicht mehr von Übersetzung reden.Beschränken wir uns auf vier Problemhinweise.</p>
<p><strong>Erweiterungen, Umdeutungen</strong></p>
<p>An allen möglichen und unmöglichen Stellen wird die Textvorlage geschlechtergerecht erweitert. Ohne Rücksicht auf historische Realitäten gibt es jetzt «Hirten und Hirtinnen», «Verwalter und Verwalterinnen», «Pharisäerinnen und Pharisäer», «Zöllnerinnen und Zöllner». Nicht nur der kluge Mann baut sein Haus auf den Felsen, sondern die kluge Frau und der vernünftige Mann. Das Liebesgebot lautet nicht mehr, seinen Nächsten zu lieben, sondern seine Nächste und seinen Nächsten. Aus den wenigen Hinweisen auf eine Prophetin (Hulda), eine Richterin (Debora), eine Apostelin (Junias) und einige Jüngerinnen wird eine generelle Regel konstruiert, überall mit Frauen zu rechnen, wo ihre Anwesenheit nicht ausdrücklich ausgeschlossen wird. Das ist &#8211; mit Verlaub &#8211; ebenso bescheuert, wie (die meisten) sonstigen feministischen Ergüsse!</p>
<p>Und eröffnet großartige Möglichkeiten. Die Apostelgeschichte wird unter Berufung auf Römer 16, 7 zur «Zeit der Apostelinnen und Apostel», obwohl das Buch selbst neben den Zwölfen nur Paulus und Barnabas als Apostel bezeichnet. Aus den Schriftgelehrten und Pharisäern auf dem Lehrstuhl Mose (Mt 23, 2) werden «toragelehrte und pharisäische Leute», aus den als Heuchler beschimpften Schriftgelehrten und Pharisäern die «Scheinheiligen unter den toragelehrten und pharisäischen Männern und Frauen» (Mt 23, 25). Das ist zwar logisch etwas anderes, und auch historisch spricht nichts für die Existenz lehrender Pharisäerinnen, aber – so heißt es – man dürfe sich das pharisäische Judentum nicht als frauenfeindlich vorstellen. Offenkundig ist hier der geschlechtergerechte Antidiskriminierungswunsch der Vater der Übersetzung – und diese entsprechend historisch irreführend und philologisch unzuverlässig.</p>
<p>Werden an diesen und ähnlichen Stellen die Texte ohne Not erweitert und ausgedeutet, so werden sie an anderen gezielt umgedeutet. So sagt der johanneische Jesus «Ich bin der wahre Weinstock, und Gott ist meine Gärtnerin», obwohl im griechischen Grundtext klar «Mein Vater ist der Weingärtner» steht. Der Johannesprolog beginnt nicht mehr mit «Am Anfang war das Wort», sondern mit «Am Anfang war die Weisheit», weil «der johanneische Jesus . . . auch viele Züge der weiblichen göttlichen Gestalt der Weisheit» trage. Der Heilige Geist wird zur «heiligen Geisteskraft», Jesus vom Sohn zum neutralen «Kind Gottes». Lehrte er seine Jünger bis anhin, «Unser Vater im Himmel» zu beten, so fordert er jetzt die «Töchter und Söhne Gottes, eures Vaters und eurer Mutter im Himmel», auf, zu Gott, dem Vater und der Mutter im Himmel, zu rufen (Mt 6, 9). Ohne Angst vor Absurditäten fließen hier Übersetzung und geschlechterfaire Deutung ineinander. Doch so gewiss es keine Übersetzung ohne Deutung gibt, so falsch ist es, zu folgern, jede Deutung lasse sich als Übersetzung ausgeben. Protestanten wußten das einst besser.</p>
<p>Aber nicht nur solche eingetragenen Deutungen prägen die Übersetzung über weite Strecken, sondern es kommt auch zu nie gehörten Neuschöpfungen. So wird in der Paradieserzählung nach der Erschaffung der Frau aus der «Seite» (nicht mehr bloss Rippe) des Mannes Adam zum «Rest des Menschenwesens» (Gen 2, 22), ohne daß davon irgendetwas im Grundtext stünde. Dagegen steht dort eindeutig, daß nicht der Mann, sondern «der Mensch» (ha-adam) und seine Frau sich nicht schämten, obwohl sie nackt waren (Gen 2, 25), während die neue Übersetzung sichtlich bemüht vom «männlichen Menschen», vom «Mann-Mensch» oder vom «Mensch als Mann» reden zu müssen meint. Offenbar kann oder will man nicht akzeptieren, daß der Erzähler dieses Textes sich eben nicht geschlechtergerecht, sondern unverblümt androzentrisch ausdrückt. Das aber müsste eine Übersetzung sichtbar machen und nicht sprachakrobatisch verwischen, wenn sie zur kritischen Auseinandersetzung mit den biblischen Texten befähigen will.<br />
Doch der Tiefpunkt dieser Übersetzung ist ihre durchgehende Tendenz, sachliche Differenzen innerhalb der Bibel zu verharmlosen und theologische Entwicklungen aus ideologischen Gründen zu verdunkeln. In den sogenannten Antithesen der Bergpredigt etwa setzt Jesus nicht mehr sein «Ich aber sage euch» der Tora-Überlieferung entgegen, sondern macht nur noch einen freundlichen Auslegungsvorschlag: «Ihr habt gehört, daß Gott gesagt hat: Du sollst nicht ehebrechen. Ich lege euch das heute so aus: . . .» (Mt 5, 27f). Heute so und morgen anders. Nur eines darf es auf keinen Fall geben: einen wirklichen Widerspruch zwischen Tora und Jesu Lehre. Der Antijudaismus-Vorwurf an Jesus wäre sonst nicht zu vermeiden.</p>
<p><strong>JAHWE</strong></p>
<p>Selbst die Propheten Israels müssen davor in Schutz genommen werden. Weil die Rede vom Ende Israels tabu ist, darf Amos nicht mehr sagen «Reif zum Ende ist mein Volk Israel» (Am 8, 2), sondern nur noch «Reif ist mein Volk Israel». Doch der hebräische Text spricht nicht von «reif», sondern vom Ende, und zwar im Rahmen eines Klang-Wortspiels zwischen Ende (qez) und Sommer (qajiz), das die Lutherbibel und die Einheitsübersetzung mit der Sprachanalogie zwischen «reifem Sommerobst» und «reif zum Ende» nachzubilden suchen. Schon die Rede vom Ende Israels aber scheint den Neuübersetzern verdächtig, und so wird der Text gegen seine ausdrückliche Aussage entschärft.</p>
<p>Schließlich und vor allem aber geht die Übersetzung auf schlechterdings unverantwortliche Weise mit den biblischen Gottesbezeichnungen um. Weil der Gottesname Jahwe (das Tetragramm) seit biblischer Zeit von orthodoxen Juden aus religiöser Scheu (und nicht etwa, weil er «unaussprechbar» wäre) nicht mehr ausgesprochen wird, wird er auch in dieser Übersetzung gemieden und durch wechselnde andere Bezeichnungen ersetzt: «der Ewige, die Ewige, Schechina, Adonaj, ha-Schem, der Name, Gott, die Lebendige, der Lebendige, Ich-bin-da, ha-Makom, Du, Er Sie, Sie Er, die Eine, der Eine, die Heilige, der Heilige». Nur «Herr» oder «Kyrios», im antiken Judentum, in der Septuaginta und im Neuen Testament die gängigen Gottesbezeichnungen, werden aus durchsichtigen Gründen erst gar nicht mehr erwähnt.</p>
<p><strong>Theologisch bankrott</strong></p>
<p>Welche Variante aus dieser Palette in der Übersetzung jeweils gewählt wird, hat nichts mit dem Ausgangstext zu tun, sondern wechselt in völliger Willkür. Diese wird dadurch noch unterstrichen, daß in der Kopfzeile der jeweils linken Seite eine beliebige Auswahl aus der Variantenliste geboten wird, die man nach Belieben anstelle des gedruckten Vorschlags wählen kann. Damit wird nicht nur der Gottesname Jahwe in der Übersetzung eliminiert, sondern es werden auch alle anderen als Ersatz gebrauchten Bezeichnungen für beliebig austauschbar ausgegeben. Alle Bestimmtheit im Reden von Gott wird so gezielt vermieden. Und diese bestimmtheitsvernichtende Überführung der Gottesbezeichnungen in sprachliche Beliebigkeit und Unbestimmtheit bleibt nicht auf die Übersetzung alttestamentlicher Texte beschränkt, sondern wird bis zur letzten Seite des Neuen Testaments fortgesetzt.</p>
<p>Begründet wird diese textwidrige und ahistorische Praxis mit dem Hinweis, Gott sei «in allen Teilen der Bibel derselbe bzw. dieselbe». Aber es kommt einer theologischen Bankrotterklärung gleich, daraus zu folgern, Gott könne in allen Teilen der Bibel auch auf dieselbe Weise bezeichnet werden; oder es sei beliebig, wie in den einzelnen Texten von, über und zu Gott gesprochen werde; oder man könne diese Texte verstehen, ohne die Spuren der Konflikte zu beachten, in denen in den biblischen Traditionen in unzähligen Anläufen um die angemessene Bezeichnung und das rechte Verständnis Gottes gerungen wurde; oder Erzählungen wie die vom Opfer Abrahams (Gen 22) oder von Jesu Kreuzestod und Auferweckung hätten das jüdische und christliche Gottesverständnis nicht nachhaltig geprägt und verändert.</p>
<p>Der abstrakten Gotteshermeneutik dieser Übersetzung bleibt jeder Zugang zur Einsicht in die geschichtlichen, sprachlichen und theologischen Prozesse verstellt, in denen sich das Gottesverständnis der Bibel entwickelt hat, in denen es in Sackgassen geriet, durch geschichtliche Ereignisse erschüttert und bereichert wurde, zu Revisionen und bleibenden Klärungen gekommen ist und hinter die nur um den Preis zurückgegangen werden kann, tief reichende theologische Einsichten zu verspielen und die religiöse Identität von Juden und Christen nicht ernst zu nehmen. Eine Übersetzung, die das nahelegt, verspielt ihren Anspruch, gerecht zu sein. Sie ist nicht textgerecht und richtig, sondern schlicht schlecht, falsch und nichtig.</p>
<p>Die «Bibel in gerechter Sprache» vermeidet erfolgreich, sich vom Eigensinn der biblischen Texte stören zu lassen. Ihr Umgang mit den Texten hat alle Züge einer schwärmerischen Ideologie; womit dieTexte den Status eines kritischen Gegenübers endgültig verlieren, an dem sich Auslegung und Auseinandersetzung hätten orientieren können. Diese „Übersetzung“ hingegen ist nicht nur hermeneutisch einseitig, sondern an vielen Stellen auch philologisch unzuverlässig, historisch irreführend und theologisch konfus. Philologisch, historisch und theologisch ist diese „Übersetzung“ völlig unbrauchbar.<br />
Das kann jeder feststellen, der die biblischen Originaltexte mehr als garnicht kennt. Dass weite Kreise sowohl der evangelischen Kirche als auch der akademischen Theologie diese „Neuübersetzung“ unterstützt und begleitet haben, ohne sich daran erkennbar zu stoßen, wirft ein trauriges Licht auf den Zustand der protestantischen Theologie.</p>
<p><em>Bibel in gerechter Sprache. Herausgegeben von Ulrike Bail, Frank Crüsemann u. a. Gütersloher Verlagshaus 2400 Seiten</em></p>
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		<title>Das Leben? Leben! Das Prinzip Hoffnung &#8211; Ernst Bloch gewidmet …</title>
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		<pubDate>Thu, 17 Nov 2011 16:56:16 +0000</pubDate>
		<dc:creator>admin</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Nur einmal bringt des Jahres Lauf / uns Herbst und Lerchenlieder. Nur einmal blüht die Rose auf, und dann verwelkt sie wieder; nur einmal gönnt uns das Geschick / so jung zu sein auf Erden: Hast du versäumt den Augenblick, jung wirst du nie mehr werden. Drum lass von der gemachten Pein / um nie [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Nur einmal bringt des Jahres Lauf / uns Herbst und Lerchenlieder. <span id="more-6018"></span>Nur einmal blüht die Rose auf, und dann verwelkt sie wieder;<br />
nur einmal gönnt uns das Geschick / so jung zu sein auf Erden: Hast du versäumt den Augenblick, jung wirst du nie mehr werden. Drum lass von der gemachten Pein / um nie gefühlte Wunden! Der Augenblick ist immer dein, doch rasch entfliehn die Stunden. Und wer als Greis im grauen Haar / vom Schmerz noch nicht genesen, der ist als Jüngling auch fürwahr nie jung und frisch gewesen.<br />
Nur einmal blüht die Jugendzeit / und ist so bald entschwunden; und wer nur lebt vergangnem Leid, wird nimmermehr gesunden. Verjüngt sich denn nicht auch Natur / stets neu dereinst im Frühlingsweben? Sei jung und blühend einmal nur, doch das &#8211; durchs ganze Leben! (Richard von Wilpert 1862-1918)<br />
<strong> </strong></p>
<p><strong>&#8220;Tod, wo ist dein Stachel?&#8221;</strong></p>
<p><a href="http://www.rundschau-hd.de/wp-content/uploads/2011/03/in-vino-veritas.jpg"><img class="alignright size-full wp-image-6307" title="OLYMPUS DIGITAL CAMERA" src="http://www.rundschau-hd.de/wp-content/uploads/2011/03/in-vino-veritas.jpg" alt="" width="120" height="99" /></a>Es ist doch der Tod im Westen das Entsetzlichste, derweil es aber im Osten Leben bedeutet. Im Westen muß man sterben (das ist der Lohn der Sünde), und im Osten muß man immer wiedergeboren werden (das ist die Strafe für begangenes Unrecht). &#8220;Erlösung&#8221; im Westen ist Überwindung des Todes, im Osten ist es die Überwindung des Wiedergeboren-werdens. Derweil Christus das ewige Leben verspricht, tröstet Buddha mit der Befreiung vom Leben, das er als Leiden erkannt hat.<br />
Der Ewige hat die Welt aus dem Tohuwabohu geformt. Die Neurophysiologen sind ihm dahinter gekommen und lassen jetzt jeden besseren Designer glauben, befähigt zu sein,  es ihm nachtun oder es gar besser machen zu können als ER.</p>
<p>Lange Zeit meinte man, die von einem Gott <a href="http://www.kirchenaustrittsjahr.de"> (siehe Bodenpersonal!)</a> mit Inhalt gefüllten Formen seien hinter dem Inhalt verborgen und man könne diese dem Chaos am ersten Schöpfungstag aufgesetzten Formen dort entdecken. So seien die Himmel entstanden. Und Leute wie Pythagoras und Ptolemäus haben diese göttlichen Formen, Kreise und Epizykel hinter den Erscheinungen entdeckt und aufgezeichnet. Später, seit der Renaissance, ist man auf etwas Überraschendes und bislang Unverdautes gestoßen: Die Himmel lassen sich zwar in ptolemäischen Kreisen und Epyzikeln, aber noch besser in kopernikanischen Zirkeln und Kepler`schen Ellipsen formulieren und formalisieren. Also, wie ist das nun eigentlich? Hat ein Schöpfer am Ersten Tag Kreise, Epizykel oder Ellipsen verwendet? Unverdaulich an alledem für diejenigen, die dies weder verwinden wollen noch verdauen können ist, dass sich, ebenso wie die Himmel und überhaupt alle Naturaspekte nicht beliebig formalisieren lassen: Warum folgen die Planeten zwar entweder zirkulären oder epizyklischen oder elliptischen Bahnen, nicht aber quadratischen oder triangulären? Warum können wir Naturgesetze zwar verschieden, nicht aber beliebig formulieren? Gibt es etwa dort draußen etwas, das einige unserer Formeln schluckt, andere aber aus- und uns ins Gesicht spuckt? Ist dort eine &#8220;Wirklichkeit&#8221;, die sich zwar von uns informieren und formulieren läßt, aber dennoch eine Anpassung von uns fordert?<br />
Oder darf uns das &#8211; für heute und diese Betrachtung &#8211; egal sein? Es sei!</p>
<p><strong>Wunderwelt des Lebens</strong></p>
<p>Ich betrachte mit Bewußtsein &#8211; mit bewußtem Sein! &#8211; den aus der Blumentopferde herauslugenden Pflanzensproß, und sogleich habe ich das ganze Rätsel vor mir. &#8211; Wer aber bin ich, der dies beobachtet und darüber nachdenkt? Es ist eine bemerkenswerte Eigenschaft unseres Geistes, dass er in der Lage ist, dieses allgegenwärtige Rätsel allein aus Gewohnheit zu übersehen: Was uns im Äußeren so vertraut ist, dass wir es kaum noch wahrnehmen, das enthält im Innern eine Welt, die eines Tages vielleicht auf jede unserer Fragen eine Antwort geben wird. Eine Welt organisch gewachsener Strukturen und Funktionen, zu deren Entwicklung sich die Natur Jahrmillionen und Jahrmilliarden Zeit gelassen hat. Wir haben alltäglich aufs Neue mit organisatorischem und technischem Wunderland zu tun: Mit der Form einer Meeresschnecke, der Statik eines Röhrenknochens, der Struktur und Dynamik eines Wirbels, mit der Richtungsorientierung bei Tieren, dem Informationssystem der Zellen … all dies ist andersartig und interessant bis zum Übermaß. Und doch erst ein Einblick in äußere Hüllen.</p>
<p><strong>Leides Sinn?</strong></p>
<p>Das Leben schafft Neues, indem es Altes vernichtet. Der Keimling wächst, indem er die Bohne sprengt. Es hat jeder schöpferische Mensch seine Auf- und Untergänge. Leiden gehört zum schöpferischen Leben, denn dies ist Überwinden des Alten, Sprengen der Käfige, ist Grenzüberschreitung. Unsere Zeit ist so kompliziert und so gegensätzlich, dass das üblicherweise gesuchte Ideal eines leidfreien, einfachen und ruhigen Lebens kaum einen schöpferischen Sinn hat. Je reicher doch ein Mensch innerlich ist, desto mehr trägt er auch mit und in sich etwas von den Fragen, Fragwürdigkeiten und Widersprüchen seiner &#8211; dieser &#8211; Zeit.<br />
Vermutlich hat jedes ernstere und länger dauernde Leiden im Leben eines Menschen eine schöpferische Bedeutung. Freilich eine, die zunächst schwer zu erschauen ist. Ein Rückblick zeigt später aber eingetretene Veränderung: ein feineres, festeres, unbestechlicheres Gesicht (&#8220;Jeder ist von einem gewissen Alter an für sein Gesicht verantwortlich&#8221; &#8211; Schopenhauer), ein offenbarer Zuwachs an Persönlichkeit und geistiger Substanz, eine Schärfung des kritischen Sinns und eine ausgeglichenere Beurteilung menschlicher Werte.</p>
<p><strong>&#8220;Werde, der du bist&#8221;</strong></p>
<p>Ein Werdender, der auf seinem Weg noch nicht alles gelöst hat &#8211; natürlich nicht &#8211; schafft Reibung, Konflikt, Unruhe &#8211; Leidensstoff erst einmal genug: Das Unbegreifliche wirkt bedrohlich, das menschliche Leben scheint umschlossen von einem unberechenbaren Katastrophenhorizont, der sich noch immer bestätigt hat, wenn die Konventionen einen Dammbruch erlitten haben. Wir leben in dieser ungeheuerlichen Welt, sind umgeben von ihrem Atem und ihren Vibrationen. Die Paranoia unserer Zeit weist auf einen wirklichen Tatbestand, denn das sich anbahnende menschliche und ökologische Desaster ist so etwas wie die &#8220;Rache&#8221; des unverstandenen und vergewaltigten Lebens.</p>
<p><strong>&#8220;Denn alles Fleisch, es ist wie Gras&#8221; </strong></p>
<p><a href="http://www.youtube.com/watch?v=ahR1XWoGImU&amp;feature=related">Denn alles Fleisch, es ist wie Gras</a> und alle Herrlichkeit des Menschen wie des Grases Blumen.<br />
Das Gras ist verdorret und die Blume abgefallen.</p>
<p>Alles, was da kreucht und fleucht und wächst, alle vegetativen und animalischen Lebensvorgänge, alle Kreisläufe der Natur funktionieren ohne Absicht und ohne Anstrengung &#8211; selbst etwa die kraftvollsten Bewegungen eines Panthers erfolgen so; darin gerade liegt das Geheimnis ihrer Kraft und Schönheit.<br />
Die Zen-Kultur des Ostens hat mit der &#8220;Kunst des Bogenschießens&#8221; oder des Schwertes (Samurai) eben dies Prinzip verfolgt: höchste Schönheit und Perfektion ohne Absicht und Anstrengung. Es ist das Prinzip der Mitte (&#8220;Hara&#8221;). Wer in seiner Mitte ruht, verfügt über kosmische Kräfte &#8211; gleichwie der Grashalm, der Baum und das (nicht domestizierte) Tier. Die das Leben vollbringende Kunst &#8211; wo es nicht gestört ist &#8211; besteht darin, diese Ruhe auch in der Bewegung nicht zu verlieren.<br />
Die Fähigkeit, eine Absicht zu haben und ein Ziel zu verfolgen, ist eine späte Entwicklung der Evolution &#8211; als aber durchaus zusätzliche Fähigkeit und Potenz des Lebendigen &#8211; die freilich ihre eigentliche Ausprägung erst beim Menschen gefunden hat. Es kann aber nicht darum gehen, dies ignorierend, wieder eine Lebensweise ohne Ziel und Absicht herstellen zu wollen. Hingegen könnten  wir uns Ziele sinnvoll setzen und diese in dem Sinne einsetzen, als wir sie als Fähigkeit einer lebensgesetzlichen Kultur, als universelles Prinzip des Lebendigen, sehen und verstanden haben.</p>
<p><strong>Wir haben unsere Mitte verloren</strong></p>
<p>Wo immer ein deutlicher, großer Stil vorhanden war, auch in den kunstgeschichtlichen Epochen der Antike, der Romantik, Gotik, Renaissance usf., dürfen wir eine innere Lebenshaltung vermuten, der ein ursprünglicher Erfahrungstyp des Lebendigen zugrunde lag. Selbstverständlich gilt das auch für die starken Formen der Moral. Diese nämlich war ja nicht nur  ein Einsperren des Menschentiers in ein aufgezwungenes Korsett, sondern auch und vielleicht vor allem ein geschichtlicher Impuls der Selbsterfassung und Selbsterziehung des Menschen &#8211; und so ein wirklich humanistisches Medium. dass sie &#8211; in der Regel &#8211; das Gegenteil erzeugt hat, bezeichnet ihre Unzulänglichkeit, nicht ihr eigentliches, ihr inneres Motiv!</p>
<p><strong>&#8220;Und hätte der Liebe nicht&#8221;</strong></p>
<p>Unsere Geschichte war ein Kampf zwischen dem Prinzip Liebe und dem Prinzip Angst. Die ursprünglichen und echten Kulturschöpfungen waren immer auch ein Versuch des Menschen, sich in diesem Kampf zu behaupten. In den bewußtesten Gestalten der Moral- und Religionsgeschichte sollte er zugunsten des Prinzips Liebe gewonnen werden. Eine moderne Schreibweise dieses Kampfes dürfte auf einer Präzisierung von Analyse und Selbstbeobachtung beruhen, nicht aber schon auf einer (und schon gar nicht) endgültigen Lösung des Problems.</p>
<p><strong>&#8220;Angst essen Seele auf&#8221;</strong></p>
<p>Was es heißt, ohne Angst zu lieben, ist für die allermeisten nicht einmal mehr vorstellbar, weil die Verbindung dessen, was wir als &#8220;Liebe&#8221; bezeichnen, mit Verlustangst, Sexualangst, Autoritätsangst, Angst vor Ablehnung, vor dem Alleinsein und vor Verrat so &#8220;selbstverständlich&#8221; ist, dass die Absurdität der Situation schon gar nicht mehr auch nur wahrgenommen wird. Wahrgenommen hingegen werden dann erst wieder die Folgen: Eifersucht, Krankheit, Depression und Zerbrechen der Beziehungen. Liebe ohne Angst, das ist allemal das Gegenteil von der in unserem Kulturkreis gelebten &#8220;Krankheit Liebe&#8221;.</p>
<p><strong>Kampf zwischen zwei Prinzipien</strong></p>
<p>Ich aber sage Euch: Angst, das ist der Antagonist, der eigentliche Gegner der Liebe. Haben wir erst einmal verstanden, wieviel &#8220;Humanität&#8221;, wieviel Verständnis und Toleranz, wieviel Zärtlichkeit und Rücksichtnahme, wieviel Vorsicht und Umsicht und wieviel Gefühl und Mitgefühl in Wahrheit auf das Konto der Angst gehen &#8211; sind wir erst einmal klarsichtige Zeugen jenes merkwürdigen Vorgangs geworden, mit dem wir selbst immer mal wieder an diesem allgemeinen Schmierentheater von Gefühlen und Worten teilnehmen &#8211; dann ahnen wir, was es heißt, was es bedeuten könnte, eine Gemeinschaft ohne Angst und Lüge aufzubauen. Meist können wir Angst deshalb überhaupt nicht mehr auch nur bemerken, weil doch aus ihr unsere moralischen Übereinkünfte, unsere kulturellen Konventionen und Konversationen, unsere Ideologien und Verhaltensformen gemacht sind. Angst ist eingebunden in das System unserer alltäglichen Selbstverständlichkeiten, sie ist psychisches Ferment unserer ganzen Kultur.</p>
<p><strong>Was tun?</strong></p>
<p>Philosophische Gedanken zur Befreiung sind ohnmächtig, solange sie nicht die Entwicklung fördern, in welcher der innere Sprung geschehen kann, der zu dauerhaft neuer Erfahrung führt. Wir können ein geeignetes Gefäß bauen, auf die Füllung können wir nur hoffen. Dem &#8220;Prinzip Hoffnung&#8221; wollen wir die realistischste Grundlage bauen, die uns heute möglich ist. Welch ungeheurer Stoff aus der Geistesgeschichte dabei gesehen, verstanden, assimiliert und verarbeitet werden könnte, hat Ernst Bloch in seinem Werk aufgezeigt. So gesehen ist Geschichte für uns eine unerschöpfliche Quelle der Entdeckung und Selbsterkenntnis &#8211; ist sie doch Werdeprozeß auch unserer eigenen Person. Was wir im tiefen Kern als &#8220;psychische Struktur&#8221; in uns haben, ist &#8211; als Niederschlag menschlicher Erfahrungen &#8211; sedimentierte Geschichte. Selbstbejahung auf dieser Stufe des Bewußtseins ist deshalb auch das Annehmen jener Tradition, aus der wir kommen. Und weil der Mensch ein Mensch ist (drum hat er Stiefel im Gesicht nicht nur nicht gern, sondern), wird er auf Dauer nur eine solche Kultur annehmen, die ihn in seiner bedürftigen seelischen und leiblichen Existenz akzeptiert und bestätigt.</p>
<p style="text-align: right;"><strong> Jürgen Gottschling</strong></p>
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		<title>Sind Christen doch die besseren Menschen? &#8211; &#8220;Ein Märchen aus uralten Zeiten&#8221; von der Bedeutung christlicher Wertevermittlung &#8220;geht manchem nicht aus dem Sinn. Ist es nicht doch aber so: Fromm sein schützt vor schlecht sein nicht.</title>
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		<pubDate>Fri, 11 Nov 2011 14:13:04 +0000</pubDate>
		<dc:creator>admin</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Wenn  Religionen, wenn  Weltanschauungen über viele Jahrhunderte in einer Gesellschaft nicht nur vorherrschend war, sondern eine ideologische Monopolstellung hatte, und es keine anderen Sozialisationsagenten gab, ist selbstverständlich, dass wertgeschätzte Eigenschaften damit auch verbunden werden. Wer jahraus jahrein nur die Erfahrung macht: Bei Krankentransporten kommt das Rote Kreuz, verknüpft beides zwangsläufig miteinander. Die Logik ist dann: [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Wenn  Religionen, wenn  Weltanschauungen über viele Jahrhunderte in einer Gesellschaft nicht nur vorherrschend war, sondern eine ideologische Monopolstellung hatte, und es keine anderen Sozialisationsagenten gab, ist selbstverständlich, dass wertgeschätzte Eigenschaften damit auch verbunden werden.<span id="more-5881"></span> Wer jahraus jahrein nur die Erfahrung macht: Bei Krankentransporten kommt das Rote Kreuz, verknüpft beides zwangsläufig miteinander. Die Logik ist dann: Ohne Rotes Kreuz gäbe es keine Krankentransporte. Und selbst wenn das Monopol beseitigt ist, wird die Meinung verbreitet sein, das Rote Kreuz habe die Krankentransporte erfunden.</p>
<p>Ein aktuelles Beispiel, wie der Mechanismus selbst dann funktioniert, wenn Alternativen durchaus erlebbar sind, sind oft genannte Sätze: &#8220;Ohne die Kirchen würde das Sozialsystem in der Bundesrepublik zusammenbrechen&#8221;. &#8211; &#8220;Ohne den Religionsunterricht durch die Kirchen bekommt die Jugend keine Werteerziehung&#8221;. Man brauche nur über die deutsche Grenze zu gehen, egal wohin, und würde sehen: Nichts bricht zusammen und die Jugend ist im Ausland auch nicht besser und schlechter als hier. Genauso selbstverständlich ist es, daß in einer Gesellschaft, in der die Kirchen über Jahrhunderte das Bildungsmonopol hatte, jede wissenschaftliche Überlieferung und jeder wissenschaftliche Fortschritt direkt oder indirekt kirchlichen Einrichtungen geschuldet ist. Dabei ist es nicht als moralische Großtat an der Bevölkerung zu preisen, dass Mönche und Nonnen Schulen einrichteten, christliche Fürstinnen Krankenhäuser stifteten und die alten Menschen recht und schlecht versorgt wurden. Das hat mit Christentum herzlich wenig zu tun, denn jede Gesellschaft hat und jede Gesellschaft braucht Schulen, Kranken- und Altenversorgung, um funktionsfähig zu sein. Der schlichte Eigennutz zwingt dazu. Man braucht Leute für die Verwaltung, Leute, die aus einem Bauplan schlau werden, Leute, die ein Rezept lesen können usw. Ohne ein Mindestmaß an Krankenversorgung brechen Seuchen aus, ein völliges Fehlen an öffentlicher Fürsorge gefährdet die Loyalität. Daß es immer Idealisten gibt, die sich ganz besonders für das Wohl ihrer Mitmenschen einsetzen, ist ebenso klar, wie es selbstverständlich ist, dass dies in einer christlichen Gesellschaft christliche Idealisten sind, wie es in einer muslimischen Gesellschaft muslimische Idealisten sein werden und im Sozialismus sozialistische.</p>
<p>Insofern ist es einerseits Seite banal, nach Jahrhunderten christlicher Monokultur zu behaupten: die Werte unserer pluralistischen Gesellschaft fußten allesamt auf dem Christentum. Worauf denn sonst?</p>
<p>Jede nachfolgende Kultur nämlich entwickelt sich aus der vorhergehenden. Keine Generation erfindet das Rad neu, sondern greift auf das zurück, was vor ihr war. Sei es in direkter Übernahme, sei es in modifizierter Übernahme, sei es in bewußter Absetzung. Aber das Bezogensein auf das Vorhergehende ist zwangsläufig.</p>
<p>Die banale Behauptung von der christlichen Prägung unserer Gesellschaft ist falsch, wenn damit ausgesagt werden soll, die nachchristliche Gesellschaft verdanke die Werte dem Christentum, hätte sie ihm quasi geraubt und stünde ohne diesen Raub wertlos da: Das Christentum hat nicht mehr und nicht weniger als die Funktion eines Stafettenläufers, der den Stab irgendwann übernommen hat und irgendwann weitergibt. Ob es diese Funktion gut oder schlecht erfüllt hat, sei dahingestellt. Aber unbestreitbar gab es Liebe, Verantwortungsbewußtsein, Solidarität, Ehrlichkeit und eine Erziehung zu diesen Eigenschaften vor dem Christentum und neben dem Christentum. Nächstenliebe und all das  ist keine Erfindung des Christentums. Und wäre es so: Irgendwann einmal wäre der Patentschutz abgelaufen. Man mag dem Erfinder des Aspirin das historische Verdienst dieser Großtat zugestehen, aber das heißt eben nicht, daß nur seine Firma Aspirin herstellen kann. Andere können es nicht nur möglicherweise sondern in der Tat einfacher und billiger.</p>
<p>Vielleicht haben vor etlichen Jahrhunderten auch Griechen, Römer, Juden, Germanen gejammert, das Christentum hätte einfach ihre Werte annektiert, zahle keine Gema-Gebühren und unterlasse sogar den Quellennachweis!</p>
<p>Selbst wenn man konzedieren würde, daß das Christentum einen qualitativen Werte-Sprung vollbracht hätte, was einzuräumen schwer fällt, so würde damit das Verdienst vorchristlicher Kulturen und die Abhängigkeit des Christentums von ihnen bestehen bleiben. Solange es sich aber lediglich darum handelt, daß seit den alten Römern, Griechen, Juden und Germanen durch das Christentum eine gewisse Weiter- und Höherentwicklung der Werte und der Menschenrechte stattgefunden hat, kann man nur sagen: Das wollen wir aber doch hoffen, dass sich in knapp zweitausend Jahren ein wenig mehr als garnichts getan hat.</p>
<p>Die Leute, die nicht müde werden zu betonen, dass die heutige Gesellschaft dem Christentum so viel verdanke, gleichen solchen Eltern, die ihren Nachkommen nichts anderes sagen können als den Satz: &#8220;Das alles verdankt ihr uns, ohne uns wärt ihr nichts!&#8221; Solche Eltern sehen eigenes Positives und auch Positives bei den Nachkommen als höchstpersönliche Leistung an. Dass aber das Ei durchaus klüger sein kann als die Henne, dass Kinder es weiter bringen können als die Eltern, wird geleugnet. Auch anerkennen solche Eltern nicht, daß sie selbst in einer Generationenfolge stehen und viel von den &#8220;Vätern ererbt&#8221; haben. Und umgekehrt wird den Nachkommen nicht zugestanden, daß sie Verdienste erwerben, die über das &#8220;Ererbte&#8221; hinausgehen und &#8211; bei aller Berücksichtigung der Abhängigkeiten &#8211; eigene Verdienste sind. Wie im &#8220;wirklichen Leben&#8221; geht es auch hier um Abhängighalten durch Verpflichtung zu lebenslänglicher Dankbarkeit und Abhängigmachen durch Angstmacherei. Denn in der Behauptung: Mir verdankst du alles, steckt auch der Satz: &#8220;Ohne mich bist du nichts. Wenn du dich von mir emanzipierst, wirst du scheitern.&#8221; Oder, wie der Kommentator einer evangelischen Denkschrift sagt: &#8220;Kurz gesagt, vertritt der Text die These, der soziale und demokratische Rechtsstaat brauche die christlichen Kirchen. Wozu der Staat die Kirchen brauchen soll, wird nicht in letzter Konsequenz ausgesprochen, aber die Argumentation legt nahe, daß es ums Ganze geht. Wenn der soziale und demokratische Rechtsstaat … ohne den historischen Einfluß des Christentums nicht entstanden wäre, dann wird er, so läßt sich folgern, ohne das Christliche auch nicht fortbestehen.&#8221;</p>
<p>Historische Abhängigkeit ist nicht zu verwechseln mit existentieller Abhängigkeit. Auch wenn es richtig ist, dass es mich ohne meine Eltern nicht gäbe, kann &#8211; und soll! &#8211; ich doch auch ohne sie gut leben!</p>
<p><strong>Der Transzendenz-Schwindel</strong></p>
<p>Nur was transzendent begründet sei, entziehe sich der Verfügbarkeit. Wahlweise jener der Menschen, des Staates, der Gesellschaft. Diese Behauptung ist eines der beliebtesten Totschlagargumente und taucht in immer neuen Variationen auf. Die Verfassung trage ihre Begründung nicht in sich, sondern müsse sie von außerhalb beziehen. Oder, wie es der Mann fürs Grobe, Kardinal Meisner, formuliert: &#8220;Wem Gott nicht mehr heilig ist, dem ist nichts mehr heilig … Hier wird doch zum Beispiel deutlich, wo die Verantwortlichen für die gegenwärtige Ausländerfeindlichkeit wirklich sitzen. Wer dagegen Gott kennt, kennt grundsätzlich keine Ausländer, weil wir alle vor Gott grundsätzlich Brüder und Schwestern sind.&#8221; (Joachim Kardinal Meisner in der Silvesterpredigt 1992/93, in: Süddeutsche Zeitung vom 2./3.1.1993 S. 6)</p>
<p>Böse Worte, weil sie spalten: Hier schwarz, dort weiß, hier die Bösen, dort die Guten. Verlogene Worte, weil sie vorgaukeln: Glaubt an Gott, und alles wird gut. Das ist Demagogie: Einfache Antworten auf komplizierte Zusammenhänge. &#8220;Ich habe die Wahrheit zu verkünden, sei es nun gelegen oder ungelegen,&#8221; sagte der Kardinal in paulinischer Nachfolge bei anderer Gelegenheit.</p>
<p>&#8220;Die Wahrheit!&#8221; Wer sich in deren Besitz wähnt, hat weder Platz noch Zeit für Zweifel, für Differenzierung, nicht für Andere und nicht für Anderes. Auf protestantischer Seite gibt man sich meist etwas weniger grobklotzig, aber im Grunde handelt es sich um dieselbe undifferenzierte Schwarz-Weiß-Malerei inclusive Verunglimpfung Andersdenkender: &#8220;Wollte man Gott aus dem Grundgesetz eliminieren, dann unterwürfe man sich damit einem Trend, der ohnehin höchst bedenkliche Entwicklungen anzeigt: den Verlust an verpflichtenden Werten, die Dominanz eines banalen Materialismus, die Profanisierung des Weltbilds.&#8221;(ESt, Ein kritisches Vermächtnis &#8211; Gott im Grundgesetz, in: Evangelische Kommentare Bd. 226/1993 Nr. 5, S. 255)</p>
<p><strong>Was Kirchenfunktionäre vorbeten, beten &#8211; was Wunder &#8211; Politiker <em>aller</em> Couleur brav nach …</strong></p>
<p>Ohne Bezug zu Gott sei Moral schwer zu begründen, meint der Ex-OB von Stuttgart Rommel. Wenn in Politik oder Wirtschaft nur nach Vernunft gehandelt werde, entstehe eine Pseudomoral, die zur Abkehr von Werten führe.</p>
<p>In dem Eid, den die Soldaten der Weimarer Republik zu leisten hatten, fehlte der Bezug auf Gott, wohingegen die Eidesformel im Nationalsozialismus begann: &#8220;Ich schwöre bei Gott diesen heiligen Eid, daß ich dem Führer des deutschen Reiches. &#8230;&#8221; Die Berufung auf Gott hat bekanntermaßen keinerlei positive Auswirkungen gehabt. Nahezu die Hälfte der Kriege seien religiöse Kriege, ist zu lesen.</p>
<p>Das halte ich für übertrieben, weil häufig die Religion vorgeschoben wird, wenn es in Wirklichkeit um ganz andere Dinge geht. Aber immerhin ist unzweifelhaft, daß sich Religion hervorragend dafür eignet, von Kriegstreibern instrumentalisiert zu werden. Wenn dann Kardinal Meisner das Soldatentum würdigt: &#8220;Ein Volk könne nur beruhigt sein, wenn es wisse, daß die Waffen zur Verteidigung und Erhaltung des Friedens in Händen seien, &#8216;deren Köpfe und Herzen um ihre Verantwortung vor Gott und der Welt wissen&#8217;&#8230; In &#8216;betenden Händen&#8217; sei die Waffe vor Mißbrauch sicher&#8221; (&#8220;Kölner Kardinal Meisner würdigt Soldatentum, Frankfurter Rundschau vom 31.1.1996),  dann läßt sich daraus nur schließen, daß Kroaten, Serben und Moslems samt der jeweiligen scharfmacherischen religiösen Hierarchie nicht genügend gebetet haben (Jasenovac &#8211; das jugoslawische Auschitz und der Vatikan. ARIMAN-Verlag 1989 ISBN: 3-922774-06-7).</p>
<p>Auch beeindruckt weder irischen Protestanten noch irischen Katholiken im Ernstfall, daß beide gleichermaßen &#8220;Du sollst nicht töten&#8221; für ein göttliches Gebot halten.</p>
<p>Was die alltäglichen moralischen Fragen betrifft, so ist offenkundig, dass sich Gottgläubige von Nicht-Gottgläubigen nicht unterscheiden, auch nicht Fromme von Nicht-Frommen. Selbstverständlich gibt es Geistliche, die unter der Soutane Kokain schmuggeln (&#8220;Kokain unter der Soutane, in: Badische Zeitung vom 4.2.98), selbstverständlich &#8211; wie wir mittlerweile hinlänglich wissen- gibt es sexuellen Mißbrauch durch Pfarrer, selbstverständlich gibt es Steuerhinterziehung und Versicherungsbetrug durch Religionslehrer und schlimme Ausländerfeindlichkeit in &#8220;frommen Kreisen&#8221;. Das erscheint längst weder besonders erwähnenswert und auch nicht besonders skandalös, wir wissen, dass das zwei verschiedene Paar Stiefel sind: Glauben und Moral. Oder, um es etwas wissenschaftlicher auszudrücken, die Alltagserfahrung lehrt, daß die Korrelation zwischen Glauben und Verhalten gleich Null ist.</p>
<p>Wir meinen ganz dezidiert:  Die Alltagserfahrung. Denn bedauerlicherweise führen jene, die den Wert transzendenter Verankerung wortreich und lautstark behaupten, keine Untersuchungen durch, um zu belegen, daß Gläubigkeit zu besserem moralischen Verhalten führte. Eine einzige, sehr umfangreiche Untersuchung des Wiener Instituts für Pastoraltheologie &#8220;Wie Europa lebt und glaubt&#8221;, bei der diese Fragen wenigstens am Rande eine Rolle spielen, belegt das Gegenteil. Im Kapitel &#8220;Was das Sozioreligiöse bewirkt&#8221; findet sich eine Tabelle mit der zutreffenden Überschrift &#8220;Kraft(losigkeit) des Sozioreligiösen&#8221;(Paul M. Zulehner/Hermann Denz, &#8220;Wie Europa lebt und glaubt &#8211; Europäische Wertestudie Düsseldorf 2&#8243;. 1994, 198). Ob jemand fromm ist oder nicht, christlich oder nicht, hat einen ganz geringen Einfluß auf sein Lebensgefühl, seine Einstellung zu Sinn und Tod, sein Frauenbild, seine Moral und seine politische Einstellung. Die höchste Korrelation zwischen religiöser Gebundenheit und Werteinstellungen ist geringer als die niedrigste Korrelation zwischen Nationalität und Werteinstellung.</p>
<p><strong>Transzendente Begründungen machen Transzendenz verfügbar</strong></p>
<p>Der Bezug auf Gott gehöre in die Verfassung, weil das vor Staatswillkür schütze &#8211; meinen noch immer Viele …</p>
<p>In der Verfassung eines pluralistischen Staates wird &#8220;Gott&#8221; vollends zum Fetisch herabgewürdigt, denn auf Nachfrage, um was für einen Gott es sich denn handle, heißt es: &#8220;Selbstverständlich ist damit nicht, oder, beinahe aufgeklärt nicht nur der christliche Gott gemeint!&#8221; Jeder kann darf soll sich darunter seinen Gott vorstellen oder eben irgendwas irgendwie Transzendentes und wenn das gar nicht klappen will, dann soll es wenigstens Respekt vor den Leuten ausdrücken, die was mit der Transzendenz anfangen können. So argumentieren die Leute, die warnen, daß ohne Religion alles der Beliebigkeit anheimfällt!</p>
<p>Aber genau hier wird die Unlogik des Arguments sichtbar, durch Verankerung in der Transzendenz würden die Dinge menschlicher Verfügbarkeit entzogen. Umgekehrt wird ein Schuh draus: Die Berufung auf Transzendenz bedeutet, sich die Dinge verfügbar machen!</p>
<p>Das Argument, transzendente Begründung entzöge sich der menschlichen Verfügbarkeit, würde nur dann greifen, wenn Transzendenz tatsächlich in unserem Leben erfahrbar wäre. Aber dem ist so nicht: nirgends machen wir die Erfahrung, daß ein Gott direkt den Menschen sagt, was sie zu tun und zu lassen haben. Es gibt nur behauptete Transzendenz. Was aber nur behauptet werden kann, ist abhängig von dem, der behauptet &#8211; etwa, und nur mal eben zum Beispiel der jeweils &#8220;UNFEHLBARE&#8221;, der Papst als des HERRN Vertreter hienieden. Die Unterwerfung unter &#8220;Gott&#8221; &#8211; so subjektiv aufrichtig sie oft sein mag &#8211; ist immer die Unterwerfung unter den Gott, den man sich gemacht hat. Wie sonst könnten sich der Mörder Rabins genauso auf ihn ebenso berufen wie Mutter Teresa, die jüdischen Siedler ebenso wie palästinensische Selbstmordkommandos, die Taliban-Milizen ebenso wie die feministische Theologin, Militärbischöfe ebenso wie Friedensgruppen, serbische Bischöfe nicht minder wie polnische antisemitische Pfarrer.</p>
<p>Hat die transzendente Begründung des Gebotes &#8220;Du sollst nicht töten&#8221; mehr Menschenleben gerettet als es der Ruf &#8220;Deus le vult&#8221; &#8211; &#8220;Gott will es!&#8221; gekostet hat, den Kreuzzüge aller Religionen auf ihren Lippen führten und führen?<br />
&#8220;Gibt Gott die Gesetze, so ist ihre Auslegung Sache des Teufels&#8221; (Kinofilm &#8220;Im Auftrag des Teufels&#8221;).</p>
<p>Sind die &#8220;göttlichen Anordnungen&#8221; konkret, dann ist ihre Nicht-Transzendenz oft schon dadurch nachweisbar, daß sie von denselben Hierarchen, die ihre Transzendenz behaupteten, später für nichttranszendent erklärt werden: dass der Mann das Haupt der Frau sei (&#8220;Wer grundsätzlich die Verantwortung des Mannes und Vaters als Haupt der Ehefrau und der Familie leugnet, stellt sich in Gegensatz zum Evangelium und zur Lehre der Kirche&#8230; Die Lehre selbst aber, um die es hier geht, ist in Gottes Wort klar bezeugt. Wer sie leugnet, verkennt und verkehrt die hohe Berufung und Verantwortung des Mannes und Vaters, dem zum Dienst der Liebe an Frau und Kindern eine Leitungsgewalt übertragen ist &#8230; Das gilt für jede Ehe &#8230;&#8221; Hirtenwort der deutschen Erzbischöfe und Bischöfe zur Neuordnung des Ehe- und Familienrechtes vom 30.1.1953, in: Kirchlicher Amtsanzeiger für die Diözese Trier, 97, 1953, 41-44, 42, 43), dass es für alle Menschen unbedingt zum Heile notwendig wäre, sich dem römischen Papst zu unterwerfen (Bonifaz VIII, Bulle &#8216;Unam Sanctam&#8217; von 1302, Vgl. Josef Neuner und Heinrich Roos, Der Glaube der Kirche in den Urkunden der Lehrverkündigung&#8221;, Regensburg 1958 S. 219f., 220 &#8220;Dem römischen Papst sich zu unterwerfen ist für alle Menschen unbedingt zum Heile notwendig. Das erklären, behaupten, bestimmen und verkünden Wir.&#8221;) und so weiter …</p>
<p>Je nachdem welcher christlichen Sektion man angehört, gibt es ein göttliches Gebot, das Empfängnisverhütung verbietet oder erlaubt, ist gelebte Homosexualität Sünde oder nicht, mal ist es Todsünde, als Geschiedene wieder zu heiraten, mal bekommt man dazu via Pfarrer den Segen Gottes.</p>
<p>Meist sind die angeblich transzendent begründeten Gebote aber pauschal. Dann sind aber alle &#8220;prinzipiell&#8221; dafür. Keine Gruppe verzichtet darauf, Mord, Lüge, Diebstahl zu ächten &#8211; wofern die eigenen Leute davon betroffen sind. An diese Gebote hält man sich weltweit üblicherweise. Allerdings schützt weder eine immanente noch eine transzendente Begründung davor, dass es Ausnahmen gibt und zwar nicht nur aufgrund des Versagens einzelner, sondern &#8220;offiziell sanktionierter&#8221; Ausnahmen wegen. Auch angeblich göttliche Gebote gelten nämlich keineswegs ausnahmslos und werden keineswegs besonders ernst genommen: Trotz der Eindeutigkeit des Gebots &#8220;Du sollst nicht töten&#8221; weist der römische Katechismus von 1993 nach wie vor die Todesstrafe als legitim aus (Katechismus der Katholischen Kirche , München 1993, S. 576) und Krieg gilt unter bestimmten Voraussetzungen als legitim (Katechismus der Katholischen Kirche, a.a.O., 586 -588).</p>
<p>Der lutherische Satz &#8220;Ketzer verbrennen ist wider den Heiligen Geist&#8221;, wurde von der katholischen Kirche als Irrlehre gebrandmarkt, wie der Rat der EKD 1997 bemerkt &#8211; &#8220;ein kleine Spitze darf man sich ja gegen die katholischen Brüder und Schwestern schon erlauben!&#8221; (Erklärung des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland, a.a.O., S. <img src='http://www.rundschau-hd.de/wp-includes/images/smilies/icon_cool.gif' alt='8)' class='wp-smiley' /> </p>
<p>Dass eben Luther den Adel aufgefordert hat, Bauern totzuschlagen &#8220;wie man einen tollen Hund totschlagen muß&#8221;, verschweigen die EKD-Leute lieber, ebenso wie seine Aussage, die Fürsten könnten sich in dieser Zeit den Himmel leichter mit Blutvergießen verdienen als sonst mit Beten. (G. Franz, Bauernkrieg, in: Hans v. Campenhausen et al. (Hg.), Die Religion in Geschichte und Gegenwart, Handwörterbuch für Theologie und Religionswissenschaft, Bd. 1 31957, S. 927-930, 929)</p>
<p>Schließlich wollen Luthers Nachfahren sich mit dieser Schrift ja als die besseren und besten Demokraten empfehlen.(&#8220;Auf diesem Hintergrund hat 1985 die Denkschrift &#8216;Evangelische Kirche und freiheitliche Demokratie&#8217; die Demokratie zwar nicht zur &#8216;christlichen Staatsform&#8217; erklärt, aber die &#8216;Nähe&#8217; der Grundorientierung des demokratischen Staats &#8216;zum christlichen Menschenbild&#8217; und eine theologisch und ethisch begründete positive Beziehung von Christen zum demokratischen Staat aufgezeigt&#8221;, Erklärung des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland, a.a.O., S. 9. Darauf sind sie allerdings auch erst gekommen, nachdem sie des landesherrliche Schutz verlustig wurden.</p>
<p>Aber, es lohnt sich, die Argumentation Luthers näher anzuschauen, weil daran exemplarisch deutlich wird, dass transzendente Begründung eines Gebots eben genau nicht bedeutet: Das Gebot hat ausnahmslos zu gelten. Sondern: Die Begründungen der Ausnahmen müßten auch wieder transzendent sein. Luther rühmt sich als Verantwortlicher der Morde an den Bauern: &#8220;Ich, Martin Luther hab im Aufruhr alle Bauern erschlagen, denn ich hab sie heißen totschlagen; alle ihr Blut ist auf meinem Hals. Aber ich weise es auf unseren Herrn und Gott, der hat mir das zu reden befohlen.&#8221; (Zitiert nach Karlheinz Deschner, Opus Diaboli, Reinbek 1987, 128).</p>
<p>Tatsächlich bedient sich also nicht &#8220;Gott&#8221; der Menschen, sondern die Menschen vereinnahmen &#8220;Gott&#8221; für ihre Zwecke, &#8220;Gott&#8221; kann sich nicht dagegen wehren, wenn ihm die Urheberschaft für alles Mögliche und Unmögliche zugesprochen wird. Wer jedoch subjektiv überzeugt ist, dies und das sei Gottes Wille, dem ist mit Vernunftgründen nicht beizukommen. Es ist reine Glückssache, ob er etwas Vernünftiges oder etwas Wahnsinniges für Gottes Wille hält.</p>
<p>Wie James Bond eine königliche Lizenz zum Töten hat, so haben diejenigen, die sich als Diener Gottes fühlen, eine Lizenz, sich außerhalb der gängigen Moral zu stellen. Der normalen Moral steht die &#8220;höhere Moral&#8221; entgegen. Wenn Erzbischof Dyba das Zentralkomitee der Deutschen Katholiken mit dem ZK der chinesischen Partei vergleicht, wenn Bischof Wetter Abtreibung mit Sexualmord gleichsetzt (von den geschmackvollen Gleichsetzung mit der Euthanasie im 3. Reich mal ganz abgesehen), wenn auf das Personal von Abtreibungskliniken geschossen wird, wenn ein badischer Pfarrer in volksverhetzender Weise gegen den Bau einer Moschee zu Felde zieht, wenn abgesprungene Priester, die oft jahrzehntelang für ihre Kirche gearbeitet haben, um ihre Rentenansprüche gebracht werden, wenn all dies geschieht, dann geschieht es eben nicht mit einem schlechten Gewissen: Eigentlich gehört sich das nicht … Sondern es geschieht im Gegenteil mit einem besonders guten Gewissen: Im Dienste Ihrer Majestät darf man zum Wohle des United Kingdoms töten. Im Dienste Seiner Majestät darf man &#8211; selbstverständlich immer zum Wohle der Menschen &#8211; verleumden, Haß schüren, betrügen, ausmerzen.</p>
<p>Wer dagegen &#8220;nur&#8221; eine immanente Begründung für sein Tun hat, ist deshalb noch keineswegs von vornherein der bessere Mensch. Fanatismus, ideologische Verbohrtheit, Egoismus, Selbsttäuschung ist kein Privileg der Religionen und der Religiösen. Aber immerhin ist die Möglichkeit des Selbstzweifels naheliegender als die Überlegung, Gott könne womöglich was Verkehrtes wollen. Die Erfahrung, dass man selbst fehlbar ist, ist zugänglicher als die Vorstellung eines fehlbaren Gottes. Gesellschaftlich gesehen darf  das als immanentes Argument gelten: &#8220;Wo kämen wir denn dahin, wenn das jeder täte!&#8221; für wirksamer. Will wohl meinen,  das Argument, dass sozialunverträgliche Handlungen sich letztlich auch gegen den Störer der Ordnung richten, dass man die Einhaltung von Regeln nur dann fordern kann, wenn man sich selber dran hält.</p>
<p>Allerdings kann dieser Satz überhaupt nur bei denen funktionieren, die sich als &#8220;jeder&#8221; begreifen. Wer sagt: &#8220;Ich bin aber nicht &#8216;jeder&#8217;, sondern unterscheide mich von anderen, weil ich weiß, männlich, reich oder eben auch fromm bin, fühlt sich legitimiert, für sich eine Sondermoral in Anspruch zu nehmen. Diese Sondermoral mag teilweise durchaus rigider sein als die &#8220;normale Moral&#8221;, was aber häufig lediglich heißt, dass sie unmenschlich und unbarmherzig sich selbst gegenüber ist.</p>
<p>Gerade die Heiligengeschichten sind voll von Beispielen brutaler Selbstquälerei und der Unfähigkeit zur Freundlichkeit sich selbst gegenüber. Das wäre schlimm genug, schlimmer  aber ist, dass die Selbstunterdrückung häufig ihr Ventil im Fanatismus und der Unterdrückung anderer sucht und findet. Niemand schnüffelt so gnadenlos im Sexualleben anderer, als die, die sich selbst warum auch immer Sexualität meinen verbieten zu müssen &#8211; Verdränger waren noch immer die widerwärtigsten Verfolger.  Seine Mitbürger pauschal als &#8220;Geschlechtstiere&#8221; (Zitiert nach: &#8220;Natalies Familie greift Münchner Kardinal an&#8221;, in Süddeutsche Zeitung vom 5.1.98, ebenso in Frankfurter Rundschau vom 16.2.98) zu diffamieren, liegt für einen zölibatären Kardinal näher, als für einen Familienvater, der weiß, welchen Stellenwert Sexualität im Alltag hat.</p>
<p><strong>Die Moral und die höhere Moral</strong></p>
<p>Der Anspruch, den christliche Funktionäre erheben, ist beachtlich. Stellvertretend sei der protestantische Bischof Huber von Berlin und spätere EKD-Vorsitze zitiert, den man früher, als er noch der Genosse Bischof (zu sein vorgab) war, mal für einen Liberalen gehalten hat: &#8220;Es gibt in der Tat viele Versuche, Moral und Ethik rein aus dem menschlichen Vermögen zu begründen, also den Menschen selbst in Fragen von Moral und Ethik zum Maß der Dinge zu machen. Das beruht auf einer heillosen Überschätzung des Menschen. In der Regel sind das Versuche, die sich in der Frage der Endlichkeit des Menschen, des Problems menschlicher Schuld, des Scheiterns gegenüber moralischen Ansprüchen in unauflösbare Widersprüche verwickeln. Gerade deswegen ist ja der Beitrag der christlichen Religion zu dieser Diskussion unverzichtbar. Sie sagt: Der Mensch verdankt sich nicht sich selbst, er bringt sich nicht selbst hervor. Die Maßstäbe seines Handelns sind nicht einfach ein eigenes Produkt. Es ist der prometheische Größenwahn des Menschen, gegen den sich die Kritik des christlichen Glaubens richtet&#8221; (der damalige Bischof Huber, &#8220;Erzogen zur Gottlosigkeit&#8221;, in: Wochenpost vom 2.11.1995).</p>
<p>Wir müssen denken dürfen, umgekehrt werde eher ein Schuh draus &#8211; und nennen es Größenwahn, wenn Leute oder sei es und erst recht Bischof Huber meinen, s i e  wüßten genau, was Gottes Wille ist und auftreten, als hätten sie die ewige Wahrheit gepachtet und die verdammte Pflicht, anderen Gottes vorgeblichen Willen aufzuzwingen.</p>
<p>Die neue, alte Allianz von Staat und Altar das Konkordat von 1933 zwischen Hitler und dem Vatikan geschmiedet wird schnell brüchig, wenn die Kirchen zufällig mal Politikern auf die Füße treten. Dann sind sogar sie ausnahmsweise zu erstaunlich richtiger Wahrnehmung fähig. Als 1995 kirchlich engagierte Menschen gegen die Abschiebung von Sudanesen protestierten, beschwor die CDU den ethischen Grundkonsens, &#8220;für den in Deutschland Staat und Kirche gleichermaßen verantwortlich seien&#8221; &#8211; was Gott verhüten wolle! Kohl, der damalige Bundeskanzler  warnte : Dieser &#8211; vorgebliche &#8211; Grundkonsens gerate in Gefahr, &#8220;wenn das Wort &#8216;Widerstand&#8217; mißbraucht werde, um eigene Überzeugungen rechtswidrig oder mit Gewalt gegen demokratisch legitimierte Entscheidungen durchzusetzen&#8221;. In den Kirchen gebe es immer wieder Stimmen &#8211; so der Kanzler -, die im Namen einer &#8220;angeblich höheren Moral&#8221; für sich in Anspruch nähmen, über dem Gesetz zu stehen. Erschreckt habe ihn, &#8220;mit welcher aggressiven Hysterie&#8221; einige Kirchenkreise auf die Abschiebung von sudanesischen Asylbewerbern reagiert hätten, monierte Kohl  (Schwäbisches Tagblatt 4.11.95 &#8220;Grundkonsens mit dem Staat nicht gefährden&#8221;).</p>
<p>Womit wir ein geradezu klassisches Beispiel dafür haben, wie die vorgeblich vor menschlicher Willkür schützende transzendente Begründung von Moral dem eigenen (parteipolitischen) Belieben unterworfen wird: In dem Moment, in dem ein moralischer Standpunkt nicht ins Konzept paßt, wird aus der &#8220;höheren Moral&#8221; eine &#8220;angeblich höhere Moral&#8221; und plötzlich sind die &#8220;demokratisch legitimierten Entscheidungen&#8221; das Maß aller Dinge, und nichts und niemand berechtigt, sich gegen oder über das Gesetz zu stellen. Transzendente Begründung entzogen der menschlichen Verfügbarkeit? Darüber läßt sich nicht mal lachen!</p>
<p>Immanente Begründungen der Moral haben ebenso wie ein säkulares Grundgesetz genau den Vorteil der Selbstbescheidung. Man erhebt gerade nicht den uneinlösbaren Anspruch auf Verkündigung ewiger Wahrheiten, sondern stellt pragmatische Spielregeln auf, an die sich alle unterschiedslos zu halten haben. In dieser Selbstbescheidung wird mehr für Toleranz und friedliches Zusammenleben, mehr für Menschenrechte getan, als in allen Verfassungen von Gottesstaaten, die wir kennen.</p>
<p>&#8220;Kaum ein Vorwurf ist gegen die christlichen Kirchen so oft und berechtigt und so leidenschaftlich erhoben worden, wie der Vorwurf der Intoleranz. Dieser Vorwurf ist deshalb besonders gravierend, weil Toleranz mit dem Wesen des christlichen Glaubens unlöslich verbunden ist. Jedoch ist die Geschichte der christlichen Kirchen  freilich auch durch Exzesse von Intoleranz gezeichnet. Oft waren sie Folgen eines fanatisierenden Mißverständnisses der Wahrheit des Evangeliums&#8221;. (Erklärung des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland, a.a.O., S. <img src='http://www.rundschau-hd.de/wp-includes/images/smilies/icon_cool.gif' alt='8)' class='wp-smiley' /> Dies ist der klassische Argumentationsstil:  Das Christentum steht für Toleranz, Nächstenliebe, Gerechtigkeit, Solidarität &#8211; wiewohl es  in der Wirklichkeit damit möglicherweise hin und wieder gehapert hat.  Schuld daran aber waren Mißverständnisse. Und das Prinzip, möchten wir hinzu fügen!</p>
<p>Wie tolerant nun sähe unsere Gesellschaft ohne säkulares Grundgesetz aus? Historisch musste und muss der Staat eher seine Bürger vor kirchlicher Intoleranz schützen als umgekehrt. Toleranz, Freiheit und politische Gerechtigkeit seien &#8220;gegen die Kirche erstritten&#8221; worden, &#8220;das Kreuz stand nicht für Toleranz, sondern für Intoleranz&#8221;, schreibt die Süddeutsche Zeitung vom 20. 3. 96 über die Tutzinger Tagung zum Verhältnis von Kirche und Staat.</p>
<p>Man mag es ja &#8211; eigentlich &#8211; gar nicht mehr wiederholen. Wenn es denn aber der Wahrheitsfindung dient, einiges über die Stellung der Kirchen zur Demokratie, zur Meinungsfreiheit, zur Pressefreiheit, zur Gleichberechtigung und vieles mehr. zum soundsovielten Male runterzubeten. Beschränken wir uns also auf die Zeit der Bundesrepublik: Wäre es nach den Kirchen gegangen, wären nichteheliche Kinder nach wie vor nicht gleichgestellt, Homosexuelle müssten in den Knast &#8211; wo sie allerdings bereits von geistlichem Beistand (sic) erwartet würden -  Männer hätten in der Ehe das Recht, ihre Erziehungsziele auch gegen den Willen der Frau durchzusetzen, Atheisten dürften nicht unterrichten, Religionskritik würde als (der Paragraph 166 StGB ist immer noch in Betrieb) Gotteslästerung verfolgt, man ließe junge Mädchen lieber schwanger werden, als dass man ihnen die Pille gäbe und Vergewaltigung in der Ehe gäbe es nicht &#8211; als Straftatbestand jedenfalls, und dass Eltern ihre Kinder prügeln dürfen, das stünde außer Frage. Gottgewollt wäre die getrennte Erziehung von katholischen und protestantischen Kindern und von Jungen und Mädchen. Und ob man Heinrich Heines Werke würde kaufen oder im Regal stehen haben dürfen, das darf auch bezweifelt werden. Immerhin stand er bis (!) 1967 auf dem Index. (Vgl. Frankfurter Rundschau vom 31.10.97).</p>
<p><strong>Erlaubt ist, was gefällt! oder für jeden etwas: christliche Moral und Werte</strong></p>
<p>Da setzt der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz Lehmann seine Unterschrift unter eine ganzseitige Annonce der Initiative &#8220;pro Gentechnik&#8221;: &#8220;Wir appellieren an die politische Führung unseres Landes, an die Entscheidungsträger in Bund und Ländern, an alle verantwortungsbewußten Bürger: Bauen Sie die Hürden für die Gentechnik in Deutschland ab! Wir brauchen diese Basistechnologie, um unsere Verpflichtung für die Zukunft unserer Kinder zu erfüllen. Wir appellieren an Ihre Verantwortung &#8211; für unser Land.&#8221;(Frankfurter Rundschau vom 1.2.93).</p>
<p>Da wird eine Arbeitsstelle der Evangelischen Kirche für Fragen der Bio- und Medizintechnologien zitiert: &#8220;Warum evangelische Christen die Bioethik-Deklaration zum &#8216;Schutz der menschlichen Erbinformationen&#8217; verwerfen&#8221; (Frankfurter Rundschau vom 26.9.95), wohingegen die Erklärung der EKD zur Bioethik es nicht für moralisch verwerflich hält, wenn Gene und lebende Organismen patentiert würden. (&#8220;&#8216;Gentechnisch veränderte Nahrungsmittel ethisch vertretbar&#8217; &#8211; Zustimmung zur &#8216;Novel-Food&#8217;-Verordnung der Europäischen Union/Erklärung der EKD zu Bioethik. in FAZ 12.11.97).</p>
<p>Da streitet das ZK der Deutschen Katholiken bezüglich der europäischen Bioethik-Konvention: &#8220;Unter Katholiken herrscht wieder Streit um die Bioethik-Konvention &#8211; Arbeitsgruppe empfahl Zustimmung zu einer Vereinbarung, die das Plenum des ZdK bereits abgelehnt hatte&#8221; (Frankfurter Rundschau vom 3.5.97).</p>
<p>Da begründet schließlich jener amerikanische Forscher, der Menschen zu klonen vorhat, dies ganz transzendent: &#8220;Gott hat den Menschen nach seinem Ebenbild erschaffen. Gott beabsichtigte, daß der Mensch wie er sein würde. Klonen und die Veränderung der Erbsubstanz ist der erste ernsthafte Schritt, wie Gott zu werden.&#8221; (Frankfurter Rundschau vom 8. 1. 98).</p>
<p>Was da auf einen kurzen Nenner gebracht so gelesen werden darf, dass die Meinungen der Christen (von anderen Transzendenz-Gläubigen wollen wir gar nicht erst reden)  genauso unterschiedlich sind, wie die von Angehörigen anderer Weltanschauungen. Fragen wir doch mal nach einer  konkreten moralischen Frage, zu der Theologen und die kirchlichen Hierarchen nur eine Meinung haben. Es gibt keine. Selbstverständlich ist das dann aber Meinungsvielfalt, wohingegen dasselbe Phänomen diffamiert wird, wenn es anderswo auftaucht. Da ist es dann ein unverbindlicher &#8220;Gemischtwarenladen&#8221;, der zur Orientierungslosigkeit führe.</p>
<p>Dass Christen für das Gute, Wahre und Schöne wären, möchte ihnen ja niemand absprechen. Aber: Sind wir das alle?  Christen wie Nichtchristen! Gläubige wie Agnostiker. Da brauchts weder Christentum noch irgend eine andere Religion. Zur Beantwortung der konkreten Fragen unseres Lebens aber trägt das Christentum nichts bei. Ob ich meinem Kind den Umgang mit einer bestimmten Gruppe verbiete, weil es wichtig ist, klare Grenzen zu ziehen, oder ob ich das nicht tue, weil gerade das Verbotene attraktiv ist &#8211; fragen Sie dazu fünf Theologen, und Sie bekommen fünf verschiedene Antworten, ob &#8220;die richtige&#8221; dabei ist, hängt von der Lebenserfahrung des Betreffenden ab und nicht von seiner Gläubigkeit.</p>
<p><strong>Allgemeine Werte sind wertlos, Moral ist konkret</strong></p>
<p>Schwierig wird es immer, wenn es konkret wird: Im Jugoslawienkrieg stand der serbische Klerus &#8211; die Bischöfe vorneweg &#8211; auf der Seite des Serbenführers Karadzic, wovon Teile des Weltkirchenrats sichtlich peinlich berührt waren. Aber laute Kritik gab es nicht: Man fürchtete den Auszug der orthodoxen Bruderkirchen. (Frankfurter Rundschau vom 15.9.95)</p>
<p><strong>Im Ernstfall alleingelassen!</strong></p>
<p>Für moralische Fehlentscheidungen sind die Einzelnen zuständig, während sich die Hierarchie ans Revers heftet, sie sei immer fürs gute Prinzip eingetreten. Das ist wie im Bilderbuch-Kapitalismus: Die Arbeitnehmer tragen das Risiko, der Arbeitgeber die gutdotierte und für ihn folgenlose &#8220;Verantwortung&#8221;.</p>
<p>Wer sich wie die Kirchen, insonderheit die katholische aufspielt, als hätten sie die richtige Antwort parat und als wäre alles ganz einfach, wenn man nur auf Gott höre, verhält sich unmoralisch. Unmoralisch, weil es betrügerisch ist. Wer in einer komplizierten Welt &#8211; und die Welt war immer kompliziert &#8211; eine einfache Welt vorgaukelt, handelt verantwortungslos.</p>
<p>Wir sind allesamt ungefähr gleich klug oder dumm. Wir alle verfügen nicht über die Fähigkeit, in die Zukunft zu sehen. Das wäre aber die Voraussetzung, richtig zu entscheiden, weil sich Entscheidung immer auf Zukünftiges beziehen. Wir haben alle nur eine beschränkte Erfahrung, beschränkte Handlungsmöglichkeiten und beschränkte Phantasie. Wer das für sich anerkennt und für den anderen genauso gelten läßt, ist ein akzeptabler Gesprächspartner. Nur unter dieser Voraussetzung ist Dialog, Ratschlag, Mahnung wertvoll. Wer aber prinzipiell behauptet, etwas Besseres zu sein oder was Besseres zu haben, ist im besten Fall einer, der sich selbst betrügt, wahrscheinlicher aber ein Scharlatan und ein Rattenfänger.</p>
<p><strong>Wem nutzt der Religionsunterricht in den Schulen?</strong></p>
<p>Positive Wirkungen des Religionsunterrichts sind unbestreitbar &#8211; für die Kirchen! &#8220;Als einzigartige Möglichkeit für die Kirche, kontinuierlich mit der nachwachsenden Generation in Begegnung zu treten, bleibt der Religionsunterricht unersetzbar. Für den weitaus größten Teil der Kinder und Jugendlichen ist eine religiöse Erziehung im Elternhaus nicht mehr gewährleistet &#8230;</p>
<p>Noch begrenzter ist die Zahl derjenigen, die in der Bindung an eine kirchliche Gemeinde aufwachsen und hierbei zu ihrer christlichen Identität finden. Für sie alle bildet der RU die einzige Brücke zur Kirche&#8221; (Erzbischof Johannes J. Degenhardt, Entwicklungsperspektiven des Religionsunterrichts für die 90er Jahre, in: Sekretariat der Deutschen Bischofskonferenz (Hg.), Religionsunterricht &#8211; Aktuelle Situation und Entwicklungsperspektiven, Bonn 1989, 7-21, 14).</p>
<p><strong>Aber wo bleiben</strong> die positiven Wirkungen für die Menschen und die Gesellschaft? Ist das Leben der Franzosen &#8211; seit Generationen ohne schulischen Religionsunterricht &#8211; sinnentleerter als das der Deutschen? Klauen Kinder mit Religionsunterricht weniger als solche mit Ethikunterricht? Verhalten sich Münchner Schüler (meist mit Religionsunterricht) sozialer als die aus Bremen (ohne Religionsunterricht)?</p>
<p>Gerade in Zeiten leerer Kassen ist Effizienzkontrolle gefragt, sollte man meinen. daß die Kirchen daran nicht sonderlich interessiert sind, kann man ja noch verstehen. Aber von staatlicher Seite sieht es genauso aus. Wenn jede zehnte Stunde regulären Unterrichts ausfällt, genügt aber nicht der hoffnungsvolle Glaube, 9 &#8211; 13 Jahre Religionsunterricht werden schon nicht für die Katz sein! Die staatliche Zurückhaltung hat weniger mit der grundgesetzlichen Garantie des schulischen Religionsunterrichts zu tun. Dort sind weder zwei bis drei Wochenstunden festgeschrieben, noch dass dieser Unterricht vormittags stattfinden muß. Vor allem aber ist Religionsunterricht in bekenntnisfreien Schulen kein &#8220;ordentliches Lehrfach&#8221;.</p>
<p>Dass fast 100 Prozent unserer Schulen christliche Gemeinschaftsschulen sein sollen, ist angesichts der Entwicklung der Kirchenmitgliederzahlen überhaupt nicht einzusehen. Statt den Wert des Religionsunterrichts für die Werteerziehung zu überprüfen, wird er gebetsmühlenhaft behauptet.</p>
<p>Das wirft nicht nur die Frage auf, ob jemand ohne Religionsunterricht hinsichtlich der Menschwerdung zwergwüchsig bleibt. Sondern man fragt sich auch, wie ein Fach, das als &#8220;Lernort des Glaubens&#8221; apostrophiert wird, ganz gewiß keine Glaubensvermittlung für die inzwischen umworbenen teilnehmenden Nichtgläubige sein will.</p>
<p>Aber fast wären wir doch noch überzeugt worden, daß Religionsunterricht in die Schule gehört! Durch die damalige Vizepräsidentin des Deutschen Bundestages Antje Vollmer nämlich, promovierte Theologin und Mitglied der Synode der EKD. Sie meinte: &#8220;Hinter dem Religionsunterricht steckt doch noch ein viel tieferer Sinn. Es hat mal eine Zeit gegeben, da wurde dieser Kontinent von heftigen Glaubenskriegen erschüttert. Das waren Kämpfe von Fundamentalisten in beiden Lagern. In jeder Religion steckt solch ein gefährliches fundamentalistisches Potential. Indem der Staat an seinen Schulen Platz für Religionsunterricht schafft und die Religionslehrer an seinen Universitäten ausbildet, bringt er das gefährliche Potential der Religion unter Kontrolle. Er verpflichtet ihre Lehrer auf ein bestimmtes Maß an Zivilisation und Dialog.&#8221;</p>
<p>Ja, so gesehen hat sie recht. Aber vielleicht wäre es doch preiswerter, auf Dauer einen staatlichen Nachhilfeunterricht in bürgerlichen Tugenden für religiöse Funktionäre anzubieten, als dass man die Schulkinder flächendeckend zum Religionsunterricht verdonnert, nur damit die Religionslehrer der Gefahr des Fundamentalismus entgehen!</p>
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		<title>Mythos Heidelberg</title>
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		<pubDate>Tue, 13 Sep 2011 08:34:38 +0000</pubDate>
		<dc:creator>admin</dc:creator>
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		<description><![CDATA[In der frühgeschichtlichen Verwendung stand &#8220;Mythos&#8221; für den Ort, an dem rituelles, sakrales Sprechen stattfindet, das sich vom logisch begründbaren Sprechen wesentlich unterscheidet. &#8220;Mythos Heidelberg&#8221; denn also: &#8220;Der genius loci Heidelbergs ist feucht&#8221;, dies Zitat aus dem Widmungsgedicht Victor von Scheffels &#8220;Gaudeamus&#8221; über den Geist des Ortes Heidelberg bezieht sich fraglos nicht etwa auf häufigeren [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>In der frühgeschichtlichen Verwendung stand &#8220;Mythos&#8221; für den Ort, an dem rituelles, sakrales Sprechen stattfindet, das sich vom logisch begründbaren Sprechen wesentlich unterscheidet. &#8220;Mythos Heidelberg&#8221; denn also: &#8220;Der genius loci Heidelbergs ist feucht&#8221;, dies Zitat aus dem Widmungsgedicht Victor von Scheffels &#8220;Gaudeamus&#8221; über den Geist des Ortes Heidelberg bezieht sich fraglos nicht etwa auf häufigeren Regen als anderswo.<span id="more-6805"></span><br />
Sich nun also dem &#8220;Geist des Ortes&#8221;, dem Mythos Heidelberg auf dem Wasserwege nähern? Wahrlich, der Neckar ist das zu tun ein schlechter Weg nicht. Mit seiner &#8220;gaudeamischen&#8221; Feuchtigkeit meinte Scheffel aber sicher nicht den Fluß, eher schon Gersten- oder Rebensaft. Er lebte lange genug in Heidelberg, wir dürfen ihm glauben.</p>
<p>Eine &#8220;Stadt fröhlicher Gesellen, an Weisheit schwer und Wein&#8221;, das war Scheffels &#8220;Alt Heidelberg, du feine&#8221;. Ihn zog es immer wieder zurück an diesen von Hölderlin &#8220;Mutter&#8221; genannten Ort, Heimstatt der Romantiker.</p>
<p>Heidelberg heute &#8211; würden die &#8220;Heidelberger Hochromantiker Achim von Arnim und Clemens Brentano, Joseph von Eichendorff, Johann Joseph Görres, Jacob und Wilhelm Grimm &#8211; würde diese Schar ihre &#8220;Bergstadt lieblicher Wunder&#8221; wiedererkennen? Wo ständig die &#8220;Oppositionellen der jungen Romantik gegen die alte Prosa&#8221; (Eichendorff) anrannten? Wäre für sie Heidelberg, wie für Hölderlin, diese Stadt noch &#8220;der Vaterlandsstädte ländlichschönste&#8221;?</p>
<p>Würden Stadt und Umgebung auch heute noch zünden können, Oden und glühende Hymnen zu dichten auf &#8220;die Berge rechts mit Wein bekränzt, die Ebene links wie Gold erglänzt&#8221; (Clemens von Brentano), oder auf das Schloß, dies der Zeit steinern stilles Hohngelächter&#8221; (Nikolaus Lenau)?</p>
<p>Heidelberg hat noch immer seine mythischen Orte, das DAI  &#8211; mal eben zum Beispiel &#8211; hat sich zu einem solchen entwickelt.  Auch das Schloß gehört natürlich dazu &#8211; worauf Schloßberganwohner an manchen Tagen wohl gerne verzichten würden. Wir haben den Fluß, der mittlerweile sowohl wieder &#8220;Blauäuglein drein blitzen&#8221; läßt, als auch Rotaugen; und zudem, wie Angler versichern, sich sogar Forellen (!) wieder tummeln.</p>
<p>Vor einigen Jahren haben wir den 200. Geburtstag unserer &#8220;Alten Brücke&#8221; gefeiert. Im Stift Neuburg schließlich läßt sich nicht nur heute immer noch Stille finden, auch Efeu wird von dorten in alle Welt hinaus geschickt. Der &#8220;Klingenteich&#8221; &#8211; in einem der Häuser dort entstand der &#8220;Zupfgeigenhansel&#8221;, dies Kleinod aus der Jugendbewegung &#8211; ist immer noch &#8211; zumal kürzlich wieder hergerichtet) einen Fußweg wert. Autofahrern entgeht der wunderschöne kleine Wasserfall mit einer sehr schönen Anlage und ein Stück verwunschenes Heidelberg am Bach entlang). Den „Wolfsbrunnen“ wollen wir nicht vergessen.</p>
<p>Aus dem Palais Boisseree gibt&#8217;s immer noch den Gratisblick (vom Karlsplatz davor freilich auch), welcher der Paul Linckeschen Operette &#8220;Frau Luna&#8221; entlehnt sein könnte: &#8220;Schlösser, die im Monde liegen, sind wohl herrlich lieber Schatz, doch um sich im Glück zu wiegen, baut das Herz den schönsten Platz&#8221;.</p>
<p>Überhaupt, die Sache mit den in Heidelberg verlorenen Herzen: Wem´s auch immer nicht passen mag, der &#8220;romantische Mythos&#8221; hatte auch dem &#8220;zweiten Biedermeier&#8221; Wegezoll abzugeben.<br />
Verballhornungen. Weg von &#8220;perque no?&#8221; zu &#8220;Perkeo&#8221; der &#8211; zum Trinken aufgefordert &#8211; alleweil fragte &#8220;warum nicht&#8221;?&#8221; Hin zum &#8220;Großen Faß&#8221;. Weg von Hymne und Ode, hin zum Sauflied. Als dann gar 1901 das tränenrührige &#8220;Alt Heidelberg&#8221; Wilhelm Meyer-Försters in 28 Sprachen als Buch erschien und der gleichnamige Film rund um die Welt &#8220;erfolgte&#8221;, blieb nicht nur kein Auge trocken &#8211; es flogen auch alle Herzen in der Hoffnung nach Heidelberg, dort verloren zu werden.</p>
<p>Spätestens von nun an führte kein touristischer Weg mehr an der Stätte &#8220;der alten Burschenherrlichkeit&#8221; vorbei, (das &#8220;Tourismusleitbild&#8221; versucht das in den Griff zu bekommen), dass der (und das ist richtig) Tagestourismus künftig möglichst &#8220;außen vor&#8221; bleiben soll, wird dennoch hin und widrig beklagt).</p>
<p>Trotz alledem und alledem&#8230; &#8211; Heidelberg hat´s noch. Anders eben. Es ist eine lebendige Stadt. Sie hat sich verändert. dass freilich daran, wie sie das getan hat, wie das getan wurde, sich die Geister scheiden, gehört zum &#8220;Mythos Heidelberg&#8221;. Insofern auch. als streitbare Einzelne, Gruppen und Gruppierungen jeder Coleur sich mit Veränderungen befassen und keinen Versuch unterlassen, sich solcherweise streitbar einzumischen, dass oft genug &#8220;die Fetzen fliegen&#8221;.</p>
<p>Streiten, das konnten sie schon immer gut, die Heidelberger. Als im Februar 1623 der päpstliche Commisär Leo Alacci die auf den Emporen der Heiliggeistkirche beheimatete &#8220;Bibliotheca Palatina&#8221; die &#8220;das ganze Wissen horten sollte&#8221;, nach Rom zu bringen suchte, gab es weder Handwerker, noch Stricke weder Bretter noch sonstiges Packmaterial, den Raub durchzuführen. Mutig, die Heidelberger. Damals. Heute: &#8220;Mekka des Geschwätzes&#8221; nannte der Prinzip Hoffnungsträger Bloch (im Ernst) die vielgeliebte Stadt. Kein &#8220;Eleusischer Bund&#8221; mehr in Heidelberg? Mythos wo bist Du? her mit Euch, Ihr Kreuz- und Querdenker! Ihr Brüder und Schwestern im Geiste, denen ein fauler &#8220;Friede&#8221; nicht (wie weiland zu Heiliggeist) &#8220;höher ist, denn alle Vernunft&#8221;, wo seid Ihr? Gibt es Euch noch? Verrückte Organisten, wilde Dichter, besessene Dirigenten, holder Wahn?</p>
<p>Meist nicht vor der Dämmerung des Abends steigen Gestalten und Gestaltinnen von der Agora &#8211; dem Katheder, aus Hinterhöfen, herunter vom Berg oder &#8211; aus dem Bett und treten Nachfolgen an: die Stefan Georges, Friedrich Gundolfs, Karl Wolfkehls, Richard Dehmels, des Malers Wilhelm Trübners, Max Webers … Mythos Heidelberg?<br />
In jeder Gasse, im Wald um Heidelberg herum, in (beinahe) jeder Kneipe läßt er sich ohne jeden verschnörkelten Kokolores und rhetorische Slapsticks fassen.</p>
<p>Freilich bedarfs auch des &#8220;Glücklichen Augenblicks&#8221; &#8211; Kairos und Zufall. So bleibt der Mythos Heidelberg gar vielen verborgen. Das aber muss sein dürfen.</p>
<p style="text-align: right;"><strong>Jürgen Gottschling</strong></p>
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		<title>Symposium Artenvielfalt: Das Leben? Leben!</title>
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		<pubDate>Fri, 17 Jun 2011 07:00:11 +0000</pubDate>
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		<description><![CDATA[Es ist doch der Tod im Westen das Entsetzlichste, derweil es aber im Osten Leben bedeutet. Im Westen muß man sterben (das ist der Lohn der Sünde), und im Osten muß man immer wiedergeboren werden (das ist die Strafe für begangenes Unrecht). &#8220;Erlösung&#8221; im Westen ist Überwindung des Todes, im Osten ist es die Überwindung [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Es ist doch der Tod im Westen das Entsetzlichste, derweil es aber im Osten Leben bedeutet. Im Westen muß man sterben (das ist der Lohn der Sünde), und im Osten muß man immer wiedergeboren werden (das ist die Strafe für begangenes Unrecht). &#8220;Erlösung&#8221; im Westen ist Überwindung des Todes, im Osten ist es die Überwindung des Wiedergeboren-werdens.<span id="more-6585"></span></p>
<p>Christus verspricht &#8211; steht jedenfalls geschrieben &#8211; das ewige Leben, während Buddha mit der Befreiung vom Leben tröstet, von jedenfalls diesem Leben hienieden, das er als Leiden erkannt habe.</p>
<p>Es die Welt aus dem Tohuwabohu geformt. Die Neurophysiologen sind dem dahinter gekommen und lassen jetzt jeden besseren Designer glauben, befähigt zu sein,  es ihm nachtun oder es gar besser machen zu können als ER.<br />
Lange Zeit meinte man, die von wem auch immer mit Inhalt gefüllten Formen seien hinter dem Inhalt verborgen und man könne diese dem Chaos am ersten Schöpfungstag aufgesetzten Formen dort entdecken. So seien die Himmel entstanden. Und Leute wie Pythagoras und Ptolemäus haben diese &#8220;göttlichen&#8221; Formen, Kreise und Epizykel hinter den Erscheinungen entdeckt und aufgezeichnet. Später, seit der Renaissance, ist man auf etwas Überraschendes und bislang Unverdautes gestoßen: Die Himmel lassen sich zwar in ptolemäischen Kreisen und Epyzikeln, aber noch besser in kopernikanischen Zirkeln und Kepler`schen Ellipsen formulieren und formalisieren. Also, wie ist das nun eigentlich? Hat ein Schöpfer am Ersten Tag Kreise, Epizykel oder Ellipsen verwendet? Unverdaulich an alledem für diejenigen, die dies weder verwinden wollen noch verdauen können ist, daß sich, ebenso wie die Himmel und überhaupt alle Naturaspekte nicht beliebig formalisieren lassen: Warum folgen die Planeten zwar entweder zirkulären oder epizyklischen oder elliptischen Bahnen, nicht aber quadratischen oder triangulären? Warum können wir Naturgesetze zwar verschieden, nicht aber beliebig formulieren? Gibt es etwa dort draußen etwas, das einige unserer Formeln schluckt, andere aber aus- und uns ins Gesicht spuckt? Ist dort eine &#8220;Wirklichkeit&#8221;, die sich zwar von uns informieren und formulieren läßt, aber dennoch eine Anpassung von uns fordert?<br />
Oder darf uns das &#8211; für heute und diese Betrachtung &#8211; egal sein? So sei es!</p>
<p><strong>Wunderwelt des Lebens</strong></p>
<p>Ich betrachte mit Bewußtsein &#8211; mit bewußtem Sein! &#8211; den aus der Blumentopferde herauslugenden Pflanzensproß, und sogleich habe ich das ganze Rätsel vor mir. &#8211; Wer aber bin ich,  der dies beobachtet und darüber nachdenkt? Es ist eine bemerkenswerte Eigenschaft unseres Geistes, daß er in der Lage ist, dieses allgegenwärtige Rätsel allein aus Gewohnheit zu übersehen: Was uns im Äußeren so vertraut ist, daß wir es kaum noch wahrnehmen, das enthält im Innern eine Welt, die eines Tages vielleicht auf jede unserer Fragen eine Antwort geben wird. Eine Welt organisch gewachsener Strukturen und Funktionen, zu deren Entwicklung sich die Natur Jahrmillionen und Jahrmilliarden Zeit gelassen hat. Wir haben alltäglich aufs Neue mit organisatorischem und technischem Wunderland zu tun: Mit der Form einer Meeresschnecke, der Statik eines Röhrenknochens, der Struktur und Dynamik eines Wirbels, mit der Richtungsorientierung bei Tieren, dem Informationssystem der Zellen … all dies ist andersartig und interessant bis zum Übermaß. Und doch erst ein Einblick in äußere Hüllen.</p>
<p><strong>Leides Sinn?</strong></p>
<p>Das Leben schafft Neues, indem es Altes vernichtet. Der Keimling wächst, indem er die Bohne sprengt. Es hat jeder schöpferische Mensch seine Auf- und Untergänge. Leiden gehört zum schöpferischen Leben, denn dies ist Überwinden des Alten, Sprengen der Käfige, ist Grenzüberschreitung. Unsere Zeit ist so kompliziert und so gegensätzlich, daß das üblicherweise gesuchte Ideal eines leidfreien, einfachen und ruhigen Lebens kaum einen schöpferischen Sinn hat. Je reicher doch ein Mensch innerlich ist, desto mehr trägt er auch mit und in sich etwas von den Fragen, Fragwürdigkeiten und Widersprüchen seiner &#8211; dieser &#8211; Zeit.<br />
Vermutlich hat jedes ernstere und länger dauernde Leiden im Leben eines Menschen eine schöpferische Bedeutung. Freilich eine, die zunächst schwer zu erschauen ist. Ein Rückblick zeigt später aber eingetretene Veränderung: ein feineres, festeres, unbestechlicheres Gesicht (&#8220;Jeder ist von einem gewissen Alter an für sein Gesicht verantwortlich&#8221; &#8211; Schopenhauer), ein offenbarer Zuwachs an Persönlichkeit und geistiger Substanz, eine Schärfung des kritischen Sinns und eine ausgeglichenere Beurteilung menschlicher Werte.</p>
<p><strong>&#8220;Werde, der du bist&#8221;</strong></p>
<p>Ein Werdender, der auf seinem Weg noch nicht alles gelöst hat &#8211; natürlich nicht &#8211; schafft Reibung, Konflikt, Unruhe &#8211; Leidensstoff erst einmal genug: Das Unbegreifliche wirkt bedrohlich, das menschliche Leben scheint umschlossen von einem unberechenbaren Katastrophenhorizont, der sich noch immer bestätigt hat, wenn die Konventionen einen Dammbruch erlitten haben. Wir leben in dieser ungeheuerlichen Welt, sind umgeben von ihrem Atem und ihren Vibrationen. Die Paranoia unserer Zeit weist auf einen wirklichen Tatbestand, denn das sich anbahnende menschliche und ökologische Desaster ist so etwas wie die &#8220;Rache&#8221; des unverstandenen und vergewaltigten Lebens.</p>
<p><strong>&#8220;Denn alles Fleisch, es ist wie Gras&#8221;</strong></p>
<p>Alles, was da kreucht und fleucht und wächst, alle vegetativen und animalischen Lebensvorgänge, alle Kreisläufe der Natur funktionieren ohne Absicht und ohne Anstrengung &#8211; selbst etwa die kraftvollsten Bewegungen eines Panthers erfolgen so; darin gerade liegt das Geheimnis ihrer Kraft und Schönheit.<br />
Die Zen-Kultur des Ostens hat mit der &#8220;Kunst des Bogenschießens&#8221; oder des Schwertes (Samurai) eben dies Prinzip verfolgt: höchste Schönheit und Perfektion ohne Absicht und Anstrengung. Es ist das Prinzip der Mitte (&#8220;Hara&#8221;). Wer in seiner Mitte ruht, verfügt über kosmische Kräfte &#8211; gleichwie der Grashalm, der Baum und das (nicht domestizierte) Tier. Die das Leben vollbringende Kunst &#8211; wo es nicht gestört ist &#8211; besteht darin, diese Ruhe auch in der Bewegung nicht zu verlieren.<br />
Die Fähigkeit, eine Absicht zu haben und ein Ziel zu verfolgen, ist eine späte Entwicklung der Evolution &#8211; als aber durchaus zusätzliche Fähigkeit und Potenz des Lebendigen &#8211; die freilich ihre eigentliche Ausprägung erst beim Menschen gefunden hat. Es kann aber nicht darum gehen, dies ignorierend, wieder eine Lebensweise ohne Ziel und Absicht herstellen zu wollen. Hingegen könnten  wir uns Ziele sinnvoll setzen und diese in dem Sinne einsetzen, als wir sie als Fähigkeit einer lebensgesetzlichen Kultur, als universelles Prinzip des Lebendigen, sehen und verstanden haben.</p>
<p><strong>Wir haben unsere Mitte verloren</strong></p>
<p>Wo immer ein deutlicher, großer Stil vorhanden war, auch in den kunstgeschichtlichen Epochen der Antike, der Romantik, Gotik, Renaissance usf., dürfen wir eine innere Lebenshaltung vermuten, der ein ursprünglicher Erfahrungstyp des Lebendigen zugrunde lag. Selbstverständlich gilt das auch für die starken Formen der Moral. Diese nämlich war ja nicht nur  ein Einsperren des Menschentiers in ein aufgezwungenes Korsett, sondern auch und vielleicht vor allem ein geschichtlicher Impuls der Selbsterfassung und Selbsterziehung des Menschen &#8211; und so ein wirklich humanistisches Medium. Daß sie &#8211; in der Regel &#8211; das Gegenteil erzeugt hat, bezeichnet ihre Unzulänglichkeit, nicht ihr eigentliches, ihr inneres Motiv!</p>
<p><strong>&#8220;Und hätte der Liebe nicht&#8221;</strong></p>
<p>Unsere Geschichte war ein Kampf zwischen dem Prinzip Liebe und dem Prinzip Angst. Die ursprünglichen und echten Kulturschöpfungen waren immer auch ein Versuch des Menschen, sich in diesem Kampf zu behaupten. In den bewußtesten Gestalten der Moral- und Religionsgeschichte sollte er zugunsten des Prinzips Liebe gewonnen werden. Eine moderne Schreibweise dieses Kampfes dürfte auf einer Präzisierung von Analyse und Selbstbeobachtung beruhen, nicht aber schon auf einer (und schon gar nicht) endgültigen Lösung des Problems.</p>
<p><strong>&#8220;Angst essen Seele auf&#8221;</strong></p>
<p>Was es heißt, ohne Angst zu lieben, ist für die allermeisten nicht einmal mehr vorstellbar, weil die Verbindung dessen, was wir als &#8220;Liebe&#8221; bezeichnen, mit Verlustangst, Sexualangst, Autoritätsangst, Angst vor Ablehnung, vor dem Alleinsein und vor Verrat so &#8220;selbstverständlich&#8221; ist, daß die Absurdität der Situation schon gar nicht mehr auch nur wahrgenommen wird. Wahrgenommen hingegen werden dann erst wieder die Folgen: Eifersucht, Krankheit, Depression und Zerbrechen der Beziehungen. Liebe ohne Angst, das ist allemal das Gegenteil von der in unserem Kulturkreis gelebten &#8220;Krankheit Liebe&#8221;.</p>
<p><strong>Kampf zwischen zwei Prinzipien</strong></p>
<p>Ich aber sage Euch: Angst, das ist der Antagonist, der eigentliche Gegner der Liebe. Haben wir  erst einmal verstanden, wieviel &#8220;Humanität&#8221;, wieviel Verständnis und Toleranz, wieviel Zärtlichkeit und Rücksichtnahme, wieviel Vorsicht und Umsicht und wieviel Gefühl und Mitgefühl in Wahrheit auf das Konto der Angst gehen &#8211; sind wir erst einmal klarsichtige Zeugen jenes merkwürdigen Vorgangs geworden, mit dem wir selbst immer mal wieder an diesem allgemeinen Schmierentheater von Gefühlen und Worten teilnehmen &#8211; dann ahnen wir, was es heißt, was es bedeuten könnte, eine Gemeinschaft ohne Angst und Lüge aufzubauen. Meist können wir Angst deshalb überhaupt nicht mehr auch nur bemerken, weil doch aus ihr unsere moralischen Übereinkünfte, unsere kulturellen Konventionen und Konversationen, unsere Ideologien und Verhaltensformen gemacht sind. Angst ist eingebunden in das System unserer alltäglichen Selbstverständlichkeiten, sie ist psychisches Ferment unserer ganzen Kultur.</p>
<p><strong>Was tun?</strong></p>
<p>Philosophische Gedanken zur Befreiung sind ohnmächtig, solange sie nicht die Entwicklung fördern, in welcher der innere Sprung geschehen kann, der zu dauerhaft neuer Erfahrung führt. Wir können ein geeignetes Gefäß bauen, auf die Füllung können wir nur hoffen. Dem &#8220;Prinzip Hoffnung&#8221; wollen wir die realistischste Grundlage bauen, die uns heute möglich ist. Welch ungeheurer Stoff aus der Geistesgeschichte dabei gesehen, verstanden, assimiliert und verarbeitet werden könnte, hat Ernst Bloch in seinem Werk aufgezeigt. So gesehen ist Geschichte für uns eine unerschöpfliche Quelle der Entdeckung und Selbsterkenntnis &#8211; ist sie doch Werdeprozeß auch unserer eigenen Person. Was wir im tiefen Kern als &#8220;psychische Struktur&#8221; in uns haben, ist &#8211; als Niederschlag menschlicher Erfahrungen &#8211; sedimentierte Geschichte. Selbstbejahung auf dieser Stufe des Bewußtseins ist deshalb auch das Annehmen jener Tradition, aus der wir kommen. Und weil der Mensch ein Mensch ist (drum hat er Stiefel im Gesicht nicht nur nicht gern, sondern), wird er auf Dauer nur eine solche Kultur annehmen, die ihn in seiner bedürftigen seelischen und leiblichen Existenz akzeptiert und bestätigt. <strong>jgt</strong></p>
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		<title>Gedanken zum Tag der Artenvielfalt</title>
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		<pubDate>Thu, 16 Jun 2011 22:47:07 +0000</pubDate>
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		<description><![CDATA[&#8220;Und die Erde war wüst und leer, und es war finster auf der Tiefe. Und es heißt, es sei gesagt  worden: Es wimmle das Wasser von lebendigem Getier, und alle gefiederten Vögel sollen fliegen auf Erden unter der Feste des Himmels. Die Erde bringe hervor: Vieh, Gewürm und Tiere des Feldes&#8221; - &#8220;… ein jedes [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>&#8220;Und die Erde war wüst und leer, und es war finster auf der Tiefe. Und es heißt, es sei gesagt  worden: Es wimmle das Wasser von lebendigem Getier, und alle gefiederten Vögel sollen fliegen auf Erden unter der Feste des Himmels. Die Erde bringe hervor: Vieh, Gewürm und Tiere des Feldes&#8221; -<br />
&#8220;… ein jedes nach seiner Art&#8221;<span id="more-6583"></span><br />
Unser Verhältnis zu Tieren, Pflanzen und Flüssen ist gestört. Der innere Zusammenhang aller Lebewesen in der Biosphäre ist von seelischer Art,  jedes Lebewesen ist ein seelisches Wesen, ist es das nicht, lebt es nicht. Zur Ökologie der Lebewesen gehören deshalb auch ihre seelischen Beziehungen zueinander. Das Universum des Lebendigen ist eine Hierarchie beseelter und bewußter Wesen, welche alle miteinander kommunizieren. Was da hervorlugt, was da piepst und herumwackelt, was da kreucht und fleucht, das alles ist Ausdruck beseelten Lebens, jedes auf seiner Bewußtseinsstufe, deren jede eine bestimmte Art und Weise hat, mit anderen Wesen in Kontakt zu kommen oder zu sein, und gleichzeitig aber auch einen ganz spezifischen Versuch darstellt, eine Lösung für das Problem des Lebens und des Überlebens zu finden. Jede Stufe ist ein Stück Evolution, ein Stück universeller Forschung und Neugier, ein Organ im Gesamtorganismus, ein Klang in der großen Partitur.</p>
<p>Tiere &#8211; und Pflanzen &#8211; sind universelle Wesen, ihre höchst meditative Daseinsweise verleiht ihrer Seele und ihrem Körper Fähigkeiten, die wir Menschen  nur bei &#8220;Geisteskranken&#8221;, Heiligen und indischen Yogis finden: Die Fähigkeit zur absoluten Versenkung, Konzentration, Geistesgegenwart, zu einem Höchstmaß von Anspannung und Entspannung, zu elegantester Kraftentfaltung ohne Anstrengung, zu Wunderleistungen der Orientierung, zu äußerster Gelassenheit gegenüber Kälte und Schmerz, zur tranceartigen Stillegung des gesamten Organismus; dies alles sind  animalische  Fähigkeiten. Würden die Laboranten des wissenschaftlichen Unfugs, die in medizinischen Folterkammern ihre Versuchstiere bei lebendigem Leib zerschneiden, auch nur den Anflug einer Ahnung davon haben, was sie da tun, sie würden sich auf der Stelle in einem Meer von Tränen auflösen. Dieses Tränenmeer aber, unsichtbar existiert es bereits bei allen Kreaturen &#8220;unterhalb&#8221; des Menschen, deren Schicksal heute noch ausweglos ist, weil sie sich dem gepanzerten, zugestopften und mechanisierten Menschen nicht mitteilen können. Kindern geht es in der Regel nicht sehr viel anders, wenigen Erwachsenen auch, soweit sie im Innern Tier und Kind geblieben sind. Wäre das übersehene, zertretene, gequälte, mißachtete Leben fähig zu schreien, es wäre ein einziger Schrei auf dieser unserer Erde.</p>
<p><strong>Andere Lebewesen verstehen</strong></p>
<p>Natürlich konnte Franz von Assisi mit Vögeln kommunizieren. Jeder Indianer konnte das, sind doch schließlich alle Lebewesen auf Kommunikation miteinander angelegt. Wo diese nicht mehr stattfindet, sind wesentliche Kanäle verstopft, sind Lebensströme unterbrochen, da ist &#8211; mit anderen Worten &#8211; ein Defekt im Funktionsgefüge der Biosphäre. Kommunikation ist ein biologischer, bioenergetischer und psychischer Vorgang -  der natürlich in der Regel ohne Worte abläuft. Die Ergebnisse der Delphinforschung, die Forschungsberichte über das &#8220;geheime Leben der Pflanzen&#8221; und jede vorurteilsfreie, konzentrierte Beobachtung von Tieren zeigt, dass es sich um Lebewesen handelt, die in ihrer Daseins- und Reaktionsweise dem menschlichen Leben durchaus verwandt sind.</p>
<p>Ein dafür innerlich bereiter Mensch kann das ohne weiteres nachvollziehen und verstehen. Das ist es! &#8211; Das wäre es jedenfalls: Der Mensch wäre das Lebewesen im Gesamtgefüge des Lebens, welches in der Lage sein könnte, die anderen Lebewesen zu  verstehen. Hingegen empfinden wir stattdessen meist Angst, Ekel oder Gleichgültigkeit. Wie nämlich zwischen Menschen, so ist auch zwischen Mensch und Tier Angst die eigentliche Sperre. Nur wird diese Angst als solche meist gar nicht mehr erfahren, weil wir unserer absurden Blindheit wegen gar nicht mehr auch nur auf die Idee kommen, dass da etwas wäre, mit dem wir Kontakt haben könnten.</p>
<p>Eine Reise in uns hinein als den Versuch zu unternehmen, dies wirklich wahrzunehmen, dazu müßte Mensch sich erst einmal innerlich entlasten und entrümpeln, uns aus dem jetzigen Zustand befreien, in welchem wir vor lauter Stauung und Wut und sinnlosen Dingen gar nicht mehr dazu kommen, zu hören, was an leisen Dingen um uns herum zu sehen wäre. Das Schicksal der Arten um die Art Mensch herum wird sich erst nachhaltig bessern können, wenn wir an uns selbst jene Korrekturen vollzogen haben, die uns mit dem &#8220;Tier in uns&#8221; wieder ganz und gar versöhnt. Jeder andere Versuch wäre von moralischer Art. Und eben deshalb unrealistisch.</p>
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