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	<title>Neue Rundschau &#187; In vino veritas</title>
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		<title>„Wer sich der Geschichte nicht erinnert, ist dazu verdammt, sie zu wiederholen“</title>
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		<pubDate>Tue, 07 Feb 2012 07:46:50 +0000</pubDate>
		<dc:creator>admin</dc:creator>
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		<description><![CDATA[﻿﻿﻿﻿Vertrauen ist der Anfang von allem. Der Ausgangspunkt &#8211; ist doch schließlich Vertrauen der Anfang von allem &#8211; so auch der Wiederbeginn der Studentenbewegung von 1998 in ihrem unerschütterlichen Glauben an die Zuständigkeit der Institutionen, an die sie sich adressiert. Die Selbstverständlichkeit, mit der sie sich im Rahmen der für sie vorgesehenen Strukturen bewegt, zeugt [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>﻿﻿﻿﻿Vertrauen ist der Anfang von allem. Der Ausgangspunkt &#8211; ist doch schließlich Vertrauen der Anfang von allem &#8211; so auch der Wiederbeginn der Studentenbewegung von 1998 in ihrem unerschütterlichen Glauben an die Zuständigkeit der Institutionen, an die sie sich adressiert. Die Selbstverständlichkeit, mit der sie sich im Rahmen der für sie vorgesehenen Strukturen bewegt, zeugt von ihrer grenzenlosen Zuneigung zu den gegebenen Verhältnissen. <span id="more-7211"></span>So wie ihr Protest sich formal in vorauseilender Rücksichtnahme auf die öffentliche Meinung und allgemeine Stimmung erschöpft, so zielt er inhaltlich auf nichts anderes als die Aufrechterhaltung der gesellschaftlichen Ordnung unter freundlicher Berücksichtigung studentischer Interessen.</p>
<p>Noch vor einer Generation konnte sich der Student den Luxus von Kritik und Widerstand leisten, da er seine Privilegien damit nicht aufs Spiel setzte, vielmehr im Rahmen einer Modernisierungsrevolte noch ausbauen konnte. Heute aber, wo eben diese Privilegien in Frage stehen, zeigt sich, daß auch Kritik und Widerstand den Gesetzen von Angebot und Nachfrage genauso gehorchen, wie der Student selbst den Anforderungen einer sozial differenzierten Marktwirtschaft. Das Prinzip von Leistung und Konkurrenz hat er so sehr verinnerlicht, dass er selbst dessen Kritiker mit dem gebührenden Respekt behandelt. Sogar die großen Verweigerungen sind in seiner Erinnerung aufgehoben, indem er den rituellen Wiederaufführungen der immergleichen Revolutionsspektakel begeistert Beifall zollt, und sei es nur für die Professionalität der Inszenierung. Hier feiert der Student sich selbst; im Theater seiner Eitelkeiten wird er zur großen alten Dame der Samstagabendunterhaltung.</p>
<p>Das allgemeine Interesse an den kleinen und großen Dramen vergangener Revolten erklärt sich vor allem aus der Begeisterung für das Modell des tragischen Scheiterns, zumal die aktuellen Protestversuche in ihrer selbst die Sicherheitskräfte entwaffnenden Armseligkeit außer einer Situationskomik dritten Grades in der Tat nichts abwerfen als die für den Studenten beruhigende Gewißheit, es selber (auch) mal versucht zu haben. Und so wiederholt er nicht nur die Geschichte als Farce, sondern auch jede je dagewesene Subversion als Seifenoper, indem er mit der unerträglichen Originalität dessen, was er für Protest hält, noch all das unterbietet, was im öffentlichen Raum sonst noch um Aufmerksamkeit buhlt. Das Vertrauen in die Vergeblichkeit jeden Widerstandes war schon immer der eigentliche Antrieb des Studenten, und die Einsicht in die Geschichte der Motor seiner Trägheit. Heute jedoch, wo keine seiner Forderungen noch im Widerspruch zu den bestehenden Verhältnissen steht, fiebert er einer Enttäuschung entgegen, die niemals kommen wird.</p>
<p>Die Studentenbewegung von 1998 träumt von Gegnern und halluziniert Frontverläufe, wo längst alles eins ist. Wer selber für den Standort kämpft, sollte nicht mit Steinen werfen, und wer selber an den Sachzwang glaubt, braucht für den Spott nicht zu sorgen. Unter allgemeinem Beifall rennt diese Bewegung eine offene Tür nach der anderen ein. Jede ihrer Forderungen kommt einer Einverständniserklärung gleich, und jedes Ultimatum, das sie stellt, spart die teure Zeit ihrer Kontrahenten. Gerade im Kampf der Studenten um die immer knapper werdenden öffentlichen Mittel bilden sich die Tugenden heraus, mit denen die deutschen Universitäten im internationalen Konkurrenzkampf bestehen sollen, eben wie sich die Arbeiter im Kampf um ihr Urlaubs- und Krankengeld auf die Verhältnisse einrichten, die das globale Kapital ihnen bescheren wird.</p>
<p>Die Logik des Standorts verlangt nicht die Aufstockung irgendwelcher Budgets, sondern deren permanente Kürzung. Eine Studentenbewegung, die das nicht wahrhaben will, möge wieder in ihren Vorlesungsräumen verschwinden, um sich am Beispiel ihrer Dozenten zu vergewissern, daß es auch an den Universitäten einzig und allein um die möglichst kostengünstige Produktion billiger Nachwuchskräfte geht. Studenten, die selbst das nicht begreifen, bekommen die Jobs, die sie verdienen. Allen anderen sei geraten, ihr politisches Unbehagen möglichst schnell in jenes kulturelle Rauschen zu transformieren, das uns die Arbeit zum Vergnügen, die Freizeit zum Spektakel und sogar den Deutschen Herbst ein wenig schneller macht. Auf einen Frühling warten sie allenfalls und zwar wie auch wir dieser saukalten Kälte wegen. Aber die, die ist für die  ist ja auch draußen!</p>
<p>Die Kultur, das ist in der Tat das liebste Kind des Studenten. Seine Begeisterung für alles Kulturelle ist so bodenlos wie seine Bereitschaft zum Konsum und stößt erst am Ende des Dispo-Kredits auf ihre natürliche Grenze. Trotz eindeutiger Anweisungen der einschlägigen Fachmagazine beharrt er dabei auf seinem individuellen Geschmack, und so trifft man ihn oft zu später Stunde in den hintersten Ecken drittklassiger Erlebnisparks, wo er noch das als Avantgarde feiert, was die arbeitende Bevölkerung längst aus dem Einkaufsradio kennt. Ausgerechnet die Universität glaubt der Student als Freiraum für seine eigentümlichen kulturellen Vorlieben verteidigen zu müssen, und so hofft er auf ewige Selbstverwirklichung in den Kuschelecken der herrschenden Strukturen.</p>
<p>Die Trennung der Welt in Kultur und Politik hat der Student dabei so sehr verinnerlicht, daß sein Traum vom kulturellen Streichelzoo widerspruchslos neben der Phantasie von der unbedingten Rationalität des Politischen steht. Diese Rationalität fordert er von allen Instanzen, die den Rahmen festlegen, in dem sich sein studentisches Leben bewegt. Und so bleibt sein einziger politischer Vorwurf an die Universität, daß sie ihn für die bevorstehende Barbarei nicht effizient genug zurichtet. Doch wer der Effizienz den kleinen Finger reicht, dem reißt sie gleich die ganze Hand ab. Die Bitte um schnelleres Studium findet ihre Erfüllung erst in der Aufforderung zu schnellerer Arbeit, gründlicherer Freizeit, weniger Krankheit und kürzerer Rente. Dass also die Universitäten nicht mehr funktionieren, wäre angesichts der Zwecke, auf die ihr Funktionieren abzielt, eher eine gute Nachricht. Die Bücher, die in den Bibliotheken fehlen (Marginalie: am meisten wird bei den Theologen geklaut, dicht gefolgt von den Juristen), enthalten in zunehmendem Maße Anweisungen zu deren schnellstmöglicher Schließung. Wer dort vier Wochen auf ein Buch warten muß, hätte endlich Zeit zum Lesen.</p>
<p>Die Lieblingsautoren dieser Studentenbewegung aber sind der späte Hans Magnus Enzensberger, die frühe Rosa Luxemburg und alles von Roman Herzog. Von denen lernt man nicht nur fürs Studium, sondern vor allem fürs Leben: Vertrauen in die Geschichte ist gut, Kontrolle der Zukunft ist besser. In der Risikogesellschaft sympathischer Individualdemokraten übernehmen die Studenten dankbar ihre Rolle als Avantgarde einer präventiven Paranoia. Bis zu einem gewissen Grad mag es ihnen noch gelingen, die sie umgebende materielle Armut als kulturelle Bereicherung zu konsumieren, doch schon der in ihren Vierteln sich häufende Müll droht die Qualität ihres Bohèmelebens zu mindern, und selbst die sich allerorts ausbreitenden Graffiti werden zu Zeichen eines bevorstehenden Bürgerkriegs. Der einzige Mangel, den ein solcher Blick noch auszumachen vermag, ist der Mangel an Sicherheit, und unter dessen Bedingungen reicht die aktive studentische Konfliktbereitschaft bestenfalls bis zur ersten roten Ampel.</p>
<p>Statt also auf eine heilende Verschärfung der Krise zu setzen, sehnt sich der Student nach ihrer Bewältigung mit den Mitteln der Polizei. Insgeheim träumt er von öffentlichen Universitäten, an denen private Sicherheitsdienste seine Prüfungsangst bekämpfen. Was von der Angst noch übrigbleibt, begreift er nicht als öffentliches Anliegen, sondern als persönliches Problem, das er als Privatpatient zum Psychologen trägt, wenn nicht sogar, als braves Kind, zurück zu seinen Eltern. Sein Verlangen nach sicheren Studienplätzen deckt sich in allen Aspekten mit dem Begehren des Bürgers nach sicheren Straßen, und somit sind für beide auch die gleichen Behörden   zuständig, nämlich die für innere Sicherheit, öffentliche Ordnung und zudem, was Wunder,absolute Polizeipräsenz.</p>
<p>Jedes studentische Leben ist eine serialisierte kapitalistische Mini-Krise, ein Desaster, das eine Matrikelnummer trägt. Solange die Bewegung der Studenten statt auf die Abschaffung dieses Elends auf dessen fortwährende Verfeinerung zielt, werden wir ihren Demonstrationen genauso überzeugt fernbleiben wie den Heimspielen von irgendwelchen Fußballvereinen. „Wer sich der Geschichte nicht erinnert, ist dazu verdammt, sie zu wiederholen“ (frei nach Edmund Burkes (1729 &#8211; 1797) Statement: „Those who don&#8217;t know history are destined to repeat it“.</p>
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		<title>Ein in vino veritas &#8211; heute gewidmet dem, der mit der Wahrheit tanzt. Und, der -„die ihm noch eine Chance gibt“ &#8211; ehrenwerten Gesellschaft …</title>
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		<pubDate>Sun, 08 Jan 2012 15:24:04 +0000</pubDate>
		<dc:creator>admin</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Dass man den Worten der Menschen nicht trauen kann, dies Dilemma ist so alt wie die Sprache. Gleichermaßen aber unausrottbar wie die Lüge ist auch das Verlangen nach Wahrheit. Bei allen unzähligen Versuchen, Kontrollmöglichkeiten für sowohl die Verläßlichkeit von Aussagen, Erklärungen, Ehrenworten oder Schwüren zu entwickeln, stehen Publikum und Richter immer noch dort, wo auch [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Dass man den Worten der Menschen nicht trauen kann, dies Dilemma ist so alt wie die Sprache. Gleichermaßen aber unausrottbar wie die Lüge ist auch das Verlangen nach Wahrheit. Bei allen unzähligen Versuchen, Kontrollmöglichkeiten für sowohl die Verläßlichkeit von Aussagen, Erklärungen, Ehrenworten oder Schwüren zu entwickeln, stehen Publikum und Richter immer noch dort, wo auch die Geschichte des Betrugs begann: vor dem Fiasko, dem Zusammenbruch. Dies zu ändern, müßte man schon die Schöpfung verklagen, was immerhin ein kleiner Gott aus dem dritten oder vierten Glied jener Unsterblichen im Mythos der Antike bereits wagte: <span id="more-7127"></span>Schon Momos hat nach dem Zeugnis Lukians einen der höchsten Götter, Hephaistos, den Designer des homo sapiens, dafür getadelt, dass er den Menschen kein gläsernes Fenster in die Brust gesetzt hat: So nämlich hätte man ihnen ins Herz blicken und ihre Wünsche und Gedanken beobachten können, um so die Wahrheit ihrer Worte zu überprüfen.</p>
<p><strong>Wahrheit &amp; Evolution</strong><br />
Der Tadel blieb in der Evolution ohne erkennbare Wirkung. Bis einige hundert Jahre, nachdem des kleinen Gottes Kritik zu Protokoll genommen war, sich ein Autor vor sein Publikum begab und versprach, so aufrichtig über sein Leben und über seine Fehler zu schreiben, auf dass ein jeder Leser würde in seinem Herzen lesen können. Der Literatur- und Gesellschaftsreformer  Jean-Jaques Rousseau war es, der Sprache und Menschen wieder an ihren Ursprung zurückführen wollte, um Heuchelei und Lüge aus der Welt zu vertreiben. Der Gedanke jedoch an eine technische Lösung durch Götter war so leicht nicht zu vertreiben. Noch in Ludwig Tiecks Roman &#8220;William Lovell&#8221; (1795/96) klagte der Titelheld darüber, dass es keine Teleskope gäbe, um &#8220;in das tiefe Firmament unserer Seele zu schauen&#8221;. Ein Jahrhundert später erfand der italienische Jurist und Schriftsteller  Paolo Montegazza in seinem futuristischen Roman &#8220;Das Jahr 3000&#8243; dieses Teleskop, das erlaubte, es zu tun: in die Herzen der Menschen zu schauen.</p>
<p><strong>Wahrheit &amp; Daumenschrauben</strong><br />
Zwar ist die physikalische Teleskopie seither entscheidend fortgeschritten, wir blicken Millionen Lichtjahre weit in den Weltraum und in die Vergangenheit, der Blick hingegen in die des Tiefe des Herzens &#8211; das bemerken wir wieder einmal mehr- , der Blick also in jene Hirnregionen, innerhalb welcher der Unterschied zwischen Wahrheit und Lüge vielleicht an kleinen Spannungsdifferenzen zu messen wäre, bleibt noch versperrt. Dabei haben doch Richter, Ingenieure, Chemiker, Journalisten und Physiologen nichts unversucht gelassen: Man hat Daumenschrauben angelegt, Lügendetektoren unter Strom gesetzt, Wahrheitsdrogen verabreicht, mit in vino veritates unter die Leser gebracht und hypnotisiert, um &#8220;in den Herzen zu lesen&#8221;. Psychoanalytiker brachten sogar das Unbewußte zum Sprechen &#8211; doch die Nervenbahnen und Synapsenschaltungen, die das Wahre und das Unwahre regulieren, arbeiten weiter im Verborgenen.</p>
<p><strong>Wahrheit &amp; Vertrauen</strong><br />
So haben wir dem Problem der Unerkennbarkeit des Betruges am Körper und in den Worten des Sprechenden durch den Einsatz einer uralten Maschine recht getan: durch das Vertrauen. Es wird doch nicht nur unser Verhältnis zu Politikern, sondern unser gesamtes Sozialverhalten durch eine Art treuherziger Vorleistung gesteuert, die eben nun mal Vertrauen genannt wird. Ohne Vertrauen, so erklären uns das Psychologen wie Gesellschaftswissenschaftler, könne überhaupt kein Sozialsystem funktionieren, nicht einmal die Straße würde man betreten, ohne die vertrauensvolle Sicherheit, Autos würden an einer roten Ampel auch wirklich halten …</p>
<p><strong>Wahrheit &amp; soziale Beziehungen</strong><br />
Es vergibt das Vertrauen aber seine Kredite nur solange, wie es nicht enttäuscht wird. Ein Verkehrsunfall kann mein Vertrauen in die Berechenbarkeit und Verläßlichkeit fremden Verhaltens gleichermaßen nachhaltig erschüttern, wie das Verhalten von Politikern. Bereits der Staatsphilosoph Thomas Hobbes  empfahl allen Herrschern (&#8220;Leviathan&#8221;), in ihren (eigenen) Herzen zu lesen und zu erkennen, wie sehr die in die Herzen geschriebenen Wahrheiten befleckt sind von Heuchelei und Lüge. Was aber ist Vertrauen? Es ist die mehr oder weniger bewußte Annahme, dass, was eine Person über sich selbst und ihre Absichten gesagt hat, nicht alledem zuwiderhandelte. Im Sinne also des Gottes Momos wäre Vertrauen die Erwartung, es spreche und handle ein jeder, als trüge er ein Fenster in der Brust. Sprechen und Handeln umfassen so allein das gesamte Spektrum sozialer Beziehungen.</p>
<p><strong>Wahrheit &amp; Fortschritt</strong><br />
Dazu, dass wir einem Politiker vertrauen, genügt(e) es häufig, dass er einer bestimmten Partei oder Konfession angehört. Ausfüllen aber können Politiker diese Funktion erst, nachdem wir sie mit jener magischen Kraft ausstatten, dass wir nämlich ihre Reden für wahr halten. Aber bitte, was ist das, die Wahrheit?<br />
Das fragte bereits Pilatus seinen Angeklagten Jesus; seine uralte und offenbar unerschütterliche philosophische Tradition versteht unter Wahrheit ein Abbildungsverhältnis zwischen der Wirklichkeit und der Sprache. Platon<br />
gab in seinem Dialog &#8220;Sophistes&#8221; die Definition: &#8220;Wahrheit ist die kundige Nachahmung, die richtige Rede vom Seienden&#8221;. Mehr als zweitausend Jahre später nahm sich Wittgenstein in seinem &#8220;Tractatus logico-philosophicus&#8221; des Themas an: &#8220;Der Satz ist ein Bild der Wirklichkeit&#8221; &#8211; diese beiden sehr ähnlichen Formulierungen müssen den Verdacht nähren dürfen, dass die Wissenschaft von der Wahrheit im Gang durch noch so viele Jahrhunderte keinen rechten Fortschritt gemacht habe.</p>
<p><strong>Wahrheit &amp; Philosophie</strong><br />
Es war eine der ersten großen abendländischen Kontroversen um die wahre Rede, die (vierhundert vor Chr.) Platon mit den Sophisten führte, die der Nachwelt als philosophische Debatte gilt; im Kern aber betraf dieser Konflikt bereits die Verteilung und Organisation der Staatsmacht. Platons Sokrates ließ keine Gelegenheit aus, den Sophisten &#8211; welche Rede zum käuflichen Gegenstand gemacht hatten &#8211; vorzuwerfen, sie verdürben und verführten die Jugend, indem sie rhetorische Trugbilder der Welt und der Wahrheit verbreiteten. In der platonischen und sokratischen Kritik  ist der Sophist ein Geschäftsmann, der bei seinen Zuhörern den Eindruck erweckt, seine Reden seien die Wahrheit und &#8220;nichts als die Wahrheit&#8221;, derweil Platon versprach, dass, habe sich der Staat erst einmal nach den Prinzipien der Gerechtigkeit aufgebaut, auch das Problem der Macht verschwinde. Solch ein Gemeinwesen wird nicht durch unzählige Gesetze regiert, sondern durch Vertrauen auf das Hergebrachte. Isokrates, ein Zeitgenosse Platons, hat dieses Staatskonzept auf die Formel gebracht: &#8220;Bürger, die richtig regiert werden, bedürfen nicht der haufenweise auf Säulen geschriebenen Gesetze, sondern sie tragen die Gerechtigkeit geschrieben in ihren Herzen.&#8221;</p>
<p><strong>Wahrheit &amp; Profitgier</strong><br />
Des Platons drei Elemente antisophistischer Kritik seien auch heute gültig wider den Betrug durch Mißbrauch der Sprache, gegen die das Wahrheitsstreben ruinierende  Profitgier und den Machtmißbrauch durch ein Übermaß an Vorschriften. Genau nämlich diese Vorwürfe kehren in den Revisionen der Macht und bei der Wiederaufbereitung des Wahren wieder. Zunächst im Kampf der christlichen Dogmatik gegen die jüdische Gesetzesdoktrin. Die vernichtende Kritik, die Jesus an den jüdischen Schriftgelehrten übte, zielte zugleich auf eine juristische wie sprachtheoretische Reform. Er warf ihnen vor, dass sie eine buchstäbliche Auslegung der alten Gesetzesbücher betrieben, statt ihren Geist zu erfassen. Matthäus und Lukas bezeugen, Jesus habe sie als Heuchler, als Blinde und Verrückte  beschimpft, denen  &#8211; weil sie das schriftliche Zeugnis der Wahrheit verfälscht haben &#8211; keine rechte Erkenntnis Gottes habe gelingen wollen und können.</p>
<p><strong>Wahrheit &amp; Schriftgelehrte</strong><br />
Auch den Pharisäern und Schriftgelehrten war ja bekanntlich der Vorwurf nicht erspart geblieben, dass sie nur um des materiellen Vorteils wegen ihre Ämter ausübten (Matth. 23 und Luk.11). Verfälschung der Wahrheit und Heuchelei und Lügen um des mammonal-finanziellen Interesses wegen, das waren schon damals die wesentlichen Anschuldigungen. Aber auch hier folgt die (sic) christliche Doktrin dem Vorbild der platonischen Polemik gegen die sophistische Legalität. So schrieb Paulus &#8211; der Justitiar unter den Aposteln &#8211; im Römerbrief, alle überlieferten Gesetze taugten nichts, denn entweder wären die Menschen gerecht oder nicht. Er begründete seine Beweisführung damit, dass auch die Heiden das Gesetz Gottes aus natürlichem Antrieb befolgten. Ihnen sei das Gesetz ins Herz geschrieben (Römer 2,15); mithin habe die aufwendige Gesetzesauslegung der Juden wenig bis gar keinen Wert. Vergessen wir nicht, dass es bei der christlichen Revision der alten jüdischen Gesetzeslehre vor allem um Politik und um Macht ging. Die christliche Eroberung erst Europas und dann &#8211; ja, genau &#8211; der ganzen Welt, hat diese Tendenz unbezweifelbar ins Licht gebracht. Wenn Weltpolitik damals wie heute und immerdar der christlichen Gesetzgebung im Namen Gottes geführt wurde, so geschah und geschieht das aus machttechnischen Notwendigkeiten: Wahrheit lockt Vertrauen aus der Reserve. Machiavelli hat das in seinen &#8220;Discorsi&#8221; in unbekümmerter Deutlichkeit ausgesprochen: &#8220;Es gab tatsächlich noch nie einen außergewöhnlichen Gesetzgeber in einem Volk, der sich nicht auf Gott berufen hätte, weil seine Gesetze sonst nicht angenommen worden wären&#8221;.</p>
<p><strong>Wahrheit &amp; Reformation:</strong><br />
<strong>Zurück in die Zukunft</strong><br />
Nach diesem Modell operierte auch Martin Luthers Reformation. In seiner Polemik gegen die römische Orthodoxie griff er just jene Formel auf, die bereits Jesus und Paulus gegen die jüdische Schriftverwaltung ins Feld geführt hatten. Die Lektüre seiner Reformationsschrift von 1520 &#8220;An den christlichen Adel deutscher Nation&#8221; läßt überdeutlich erkennen, dass es ihm nicht &#8211; nur &#8211; um eine Kirchenreform, sondern allemal um eine Gesellschaftsreform ging: &#8220;Der Papst, er ist ein Hirte &#8211; ja, wenn du Geld hast, und sonst nicht! Es ist ihnen nur um das verfluchte Geld zu tun und um sonst nichts. So rate ich, falls dieses Narrenwerk nicht abgeschafft wird, dass jeder fromme Christ seine Augen aufmache und sich nicht von den römischen Bullen, Siegeln und von der Heuchelei beirren lasse&#8221;.</p>
<p><strong>Wahrheit &amp; Politik</strong><br />
Bis heute zeigt die Geschichte der Wahrheit, dass die bisweilen sowohl Philosophen wie erst recht Politiker aus der Bahn werfende Macht nicht die einfache und banale Staatsmacht ist. Vielmehr haben wir es hier mit der Notwendigkeit zu tun, diese &#8220;Macht und die Herrlichkeit&#8221; mit Zyklen und Wiederaufbereitungen des Wahren zu bemänteln. So wird das von Politikern alleweil gern gespielte Spiel simulierter Wahrheiten irgendwann tatsächlich wahr. Und wer heute von Politikern Ehrlichkeit verlangt, darf nicht verdrängen, dass noch immer jede, in der Tat wirklich jede Wahrheit aus unzählbaren Wiederholungen auch von Lügen besteht. Das erleben wir immer mal wieder, derzeit gerade protagoniert diese Wahrheit als freilich widerwärtige Posse Christian Wulff von Merkels Gnaden …</p>
<p><strong>Wahrheit zu guter Letzt &#8211; die bundespräsidentiale:</strong><br />
Nennt man aber nicht gewöhnlich alle Mitglieder gesetzgebender Körperschaften ehrenwert? Was wäre da nun also neu? Meiner &#8211; das sei eingeräumt langen &#8211; Schreibe nun zu guter Letzt doch angenehm kurzer Sinn? Da habt Ihr ihn: Ein Bundespräsident, der. indem er die Wahrheit verschweigt, der Unwahrheit das Wort redet, muss zurücktreten. Da kann er noch so sehr und noch so viel den von ihm gefühlten Rückhalt in der Bevölkerung gespürt zu haben meinen. Ich jedenfalls -<strong> Jürgen Gottschling </strong>- kenne solche Bürger nicht“ &#8211; geben aber wir dem gläubigen Christen (siehe:  &#8220;Wulff im Schafspelz&#8221;) <a href="http://www.youtube.com/watch?v=qjyjn1AkXsg&amp;feature= ">dies wunderschöne Lied</a> aus dem evangelischen Kirchengesangbuch mit auf seinen steinigen &#8211; und, der Nachfolge wegen &#8211; dornenreichen Weg!</p>
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		<title>&#8220;Sapere aude &#8211; wage zu wissen&#8221; …</title>
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		<pubDate>Tue, 03 Jan 2012 09:00:36 +0000</pubDate>
		<dc:creator>admin</dc:creator>
				<category><![CDATA[Allgemein]]></category>
		<category><![CDATA[Essay]]></category>
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		<description><![CDATA[… ein Artikel unter dieser Überschrift (dem Rundschau-Motto) hat heute (3. Januar 2012) folgenden Kommentar provoziert, den wir ausnahmsweise dem (deshalb) jetzt &#8220;nach vorn geholten&#8221;, älteren Artikel voranstellen wollen: &#60;&#8221;Autor  : Muslim (IP: (die IP-Adresse veröffentlichen wir natürlich nicht). Kommentar: Ihre Ahnungslosigkeit fremder Kulturen, der islamischen ganz besonders, ist unterträglich und schreit gen Himmel. &#8220;&#8230; [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>… ein Artikel unter dieser Überschrift (dem <a href="http://www.rundschau-hd.de/archives/8/">Rundschau-Motto</a>) hat heute (3. Januar 2012) folgenden Kommentar provoziert, den wir ausnahmsweise dem (deshalb) jetzt &#8220;nach vorn geholten&#8221;, älteren Artikel voranstellen wollen:<br />
&lt;&#8221;Autor  : Muslim (IP: (die IP-Adresse veröffentlichen wir natürlich nicht).</p>
<p>Kommentar: <em>Ihre Ahnungslosigkeit fremder Kulturen, der islamischen ganz besonders, ist unterträglich und schreit gen Himmel.</em><em> &#8220;&#8230; Es muss an der Religion liegen – an dieser Religion!&#8221; Bis hierhin habe ich aufrichtige Sympathie und Mitgefühl für Sie und Ihre Kleinbürger empfunden. Von da an mögen Sie bis in alle Ewigkeit in Isolationshaft leben, fern ab von aller öffentlicher Aufmerksamkeit.&gt;</em></p>
<p>Die mir anempfohlene Isolationshaft zeigt, wie sehr wir auch in älteren Rundschau-Artikeln  (&#8220;linken&#8221;  Sie sich doch bitte im Folgenden mal durch) recht haben &#8211; jedoch ist die Scharia hierzulande (noch) nicht in unser Rechtssystem eingeführt!<span id="more-6527"></span></p>
<p>Die Debatte um die Integration geht nach  jüngsten Äußerungen von vielen Menschen und Politikern unvermittelt heftig weiter. Wir setzen uns pointiert mit der Haltung der Kleinbürger gegenüber dem Islam auseinander und sagen, wo Sarrazin Recht hat: &#8220;Die &#8216;anständigen Deutschen&#8217; fühlen sich ignoriert, missachtet und übergangen.&#8221;</p>
<p>Wer hat eigentlich Deutschland aufgebaut? Das Deutschland, in dem Wirtschaftswunder und Demokratiewunder gleichzeitig, ja gemeinsam Karriere machten; das Deutschland auch, das in der ganzen Welt als politisch, kulturell und finanziell großzügige Nation wahrgenommen wird; das Deutschland der vergangenen 61 Jahre; das Deutschland von heute.</p>
<p>Waren es nicht die kleinen Leute, die dieses Deutschland aus der Taufe gehoben haben und seitdem als dessen Paten dafür einstehen – mit ihrem Fleiß, ihrem Pflichtbewusstsein, ihrer Ordnungsliebe, vor allem auch mit ihrem ganz normalen Gemeinsinn nach innen wie nach außen? Garantieren nicht diese Kleinbürger und ihr kleiner Wohlstand den Erfolg der ersten gesicherten deutschen Demokratie? Haben nicht vor allem sie für dieses Deutschland gearbeitet, geschuftet und sogar gestritten, ohne dabei viel Aufheben von sich selbst zu machen?</p>
<p>Einfache Leute, kleine Leute, Kleinbürger, oft und gern als Spießbürger verächtlich gemacht – um sie geht es in diesem deutschen Herbst: Zu Tausenden, zu Hundertausenden melden sie sich plötzlich zu Wort, nachdem Thilo Sarrazin eine Bresche für sie geschlagen hat. Es sind Spießer, die morgens eilig zur Arbeit gehen, nachdem sie ihre Kinder in die Schule gebracht haben; die sich am Tag mit der Zeitung und am Abend beim Fernsehen ihre Meinung bilden über die öffentlichen Angelegenheiten; die sich sonntags im städtischen Park ergehen und sommers am nahen See; die danach ordentlich die Abfälle ihres Picknicks zusammenräumen und entsorgen.</p>
<p>Auffällig geworden sind diese kleinen Deutschen bislang nie, darum auch nicht nennenswert erschienen für Politik und Publizistik, wenngleich ihnen Martin Walser, der Honoré de Balzac unserer Tage, in seinem Werk manch wunderbare Passage gewidmet hat. Diese Bürgerinnen und Bürger haben in den vergangenen Jahrzehnten einfach nur still funktioniert. Und ebenso still ihre Stimme abgegeben: für SPD oder CDU/CSU oder FDP; nach dem Schock der 68er, denen sie zunächst nur erschrocken zuschauten, wählen sie mittlerweile auch die Grünen – neuerdings sogar die Linke.</p>
<p>Ja, die Kleinbürger sind Deutschlands Glück! Seit mehr als zwei Generationen. Das große Glück des Landes wurzelt im kleinen Glück seiner Bürger.</p>
<p>Haben nicht auch die Intellektuellen, die politischen Denker und Literaten, die Maler und Musiker und Theaterleute die deutsche Demokratie aufgebaut und befestigt? Sie verliehen ihr den Glanz, sie verdeutschten die Gedanken von Freiheit, Demokratie und Rechtsstaat. Sie dachten vor und sie dachten nach. Mit publizistischem Bienenfleiß befruchteten sie das politische Sehen und Denken. Ein vielstimmiges Summen erfüllte Deutschland – nach 1949, nach 1968, auch nach 1989. Vor allem nach 1989!</p>
<p>Nun hat einer aus diesen Gefilden ein Buch geschrieben und aufgedeckt, wie zerrissen die deutsche Gesellschaft ist: Hier die Elite, die sich auch selber gern so bezeichnet. Sie ist gegen Sarrazin. Und dort die Spießer, als die sie von der Elite gern bezeichnet werden. Sie sind für Sarrazin.</p>
<p>Was ist geschehen? Nichts ist geschehen. Und gerade darum ist etwas passiert: Die „anständigen Deutschen“ fühlen sich ignoriert, missachtet, übergangen, rechts und links liegen gelassen. Zu Unrecht? Zu Recht? Jedenfalls sehen sie es so, spüren sie es so, ist es für sie so: Allzu lange mussten sie zur Kenntnis nehmen, wie der Multikultikult aus den Migranten eine Art bessere Deutsche machte – unspießige Deutsche, weil „so erfrischend anders“, interessante Deutsche, weil aus fremden Welten, sympathische Deutsche, weil arm, weil ungebildet, weil ganz unten angesiedelt in der gesellschaftlichen Hierarchie, weil Opfer des Bösen in dieser globalisierten Welt, weil Opfer insbesondere eines brutal auf wirtschaftliche Effizienz dressierten Deutschland. Die Heilige Jungfrau dieser heiligen Einfalt ist Claudia Roth.</p>
<p>Zwar wird die Chancenlosigkeit der Migrantenkinder in den Schulen zu Recht beklagt. Nicht beklagt dagegen wird die Chancenlosigkeit deutschsprachiger Schülerinnen und Schüler, die als Minderheit, oft genug als verschwindende Minderheit in vielen Schulklassen um entscheidende frühe Entwicklungserfolge gebracht sind. Meist kämpfen die Eltern dieser Kinder vergebens um ein Plätzchen in sprachkulturell einigermaßen ausgewogenen Schulklassen. Wer es sich leisten kann, rettet sein Kind in die Privatschule. Den meisten aber fehlt dazu das Geld.</p>
<p>Und natürlich machen sich Deutschlands Spießer darüber ihre Gedanken. Da es sich bei den Erfolglosen unter den Migrantenkindern auffällig oft um Abkömmlinge der muslimischen Kultur handelt, verfestigt sich der Eindruck: Es muss an der Religion liegen – an dieser Religion!</p>
<p>Dies auch nur zu denken aber ist ein Verstoß gegen die guten Sitten etablierter Politik und Publizistik. Dort gilt die Doktrin: Der Islam ist eine Religion wie jede andere. Und also verweigerte sich Deutschlands linksliberales Establishment hartnäckig der Einsicht, dass es sich beim Islam um eine verspätete Religion handelt, die ihre archaischen Wertvorstellungen per Migration in den deutschen Alltag trägt, jeden Versuch zur Emanzipation ihrer Mädchen und Frauen unterdrückt und deshalb auch ihre Knaben und Männer in der Selbstfindung behindert. Aber den Islam als Feind der offenen Gesellschaft zu sehen, ihn konsequenterweise zu bekämpfen- das durfte und darf kein Thema sein.</p>
<p>Auch Ahnungslosigkeit spielt da wohl mit, genährt vom Ökumenedenken der christlichen Konfessionen. Ferner gibt es ernste Gründe, sehr deutsche Gründe: den Kulturkampf im 19. Jahrhundert zum Beispiel, vor allem aber die Vernichtung der Juden durch die Nazis.</p>
<p>Die von islamischen Verbänden geschickt inszenierte Gleichsetzung der Islamkritik mit Antisemitismus ist jedoch ebenso paradox wie absurd, gleichzeitig aber auch erhellend: Die Juden wurden von den Antisemiten aus der Bürgergesellschaft ausgegrenzt, von den Nazis um alle Rechte gebracht und ermordet. Die Muslime dagegen werden gedrängt, die bürgerlichen Rechte &#8211; bitte, bitte! &#8211; anzunehmen, und die bürgerlichen Pflichten &#8211; bitte, bitte! &#8211; zu befolgen. Die freieste deutsche Gesellschaft, die es je gab, würde sie ihnen nur allzu gern gewähren: Freiheit, Demokratie, Rechtsstaat, vor allem Gleichberechtigung für ihre Frauen &#8211; und für ihre Jugend Koedukation statt Koran, Schulbildung statt Scharia.</p>
<p>Die Befreiung von den Fesseln ihrer eigenen Religionskultur ist das große Problem allzu vieler muslimischer Migranten. Sie ist ihre Bringschuld gegenüber der deutschen Bürgerschaft.</p>
<p>Wie soll ein braver, kleiner deutscher Demokrat die Verweigerung von Freiheit, von Gleichberechtigung, von Emanzipation begreifen? Die Bürgerinnen und Bürger der Bundesrepublik haben gelernt, dass das Grundgesetz die höchsten Werte europäischer Kultur verkörpert. Die Aufklärung! Die Menschenrechte! Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit! Haben die Spießer nicht von Politikern und Publizisten eingebläut bekommen, dass Deutschland nie mehr von diesen Werten lassen darf? Verfassungspatrioten sollen sie sein &#8211; auf alle Zeit. Nur: Muss das nicht auch für Einwanderer gelten? Und zwar vom ersten Tag an?</p>
<p>Doch man gewährt stillschweigend Ausnahmen: Kopftuchausnahmen, Burkaausnahmen, Zwangsverheiratungsausnahmen, Züchtigungsausnahmen, Frauenunterdrückungsausnahmen &#8211; <a href="http://www.rundschau-hd.de/archives/666/">Multikulturismus als Rassismus der Antirassisten</a>?</p>
<p>Der damalige Innenminister Wolfgang Schäuble ließ sich – natürlich im Geiste des Grundgesetzes – dazu herbei, über Ausnahmen in einer fest installierten Islamkonferenz zu diskutieren. Die islamischen Verbände verhandelten auf Augenhöhe mit der Bundesregierung! Wann wäre den ganz gewöhnlich tüchtigen Deutschen je so viel Aufmerksamkeit widerfahren? Den ganz gewöhnlich tüchtigen türkischen Deutschen? Den ganz gewöhnlich tüchtigen persischen Deutschen? Arabischen Deutschen? Indischen oder pakistanischen Deutschen? Oder den überaus tüchtigen fernöstlichen Migranten? Wann wurden die Menschen, die das Land still und willig voranbringen, jemals zu solchen Ehren erhoben? Für sie gibt es den Tag der offenen Tür im Kanzleramt. Mit Würstchen. Und Senf.</p>
<p>Der neue Innenminister Thomas de Maizière verstieg sich gar zu dem Bekenntnis: „Der Islam ist uns willkommen.“ Nicht die Muslime, nicht die Menschen hieß er willkommen. Nein, die Religion – mitsamt ihrem demokratiefremden Gesetzeskanon aus Koran, Scharia und Überlieferungen.</p>
<p>Wie aber reden und schreiben Politiker und Publizisten über das Volk, das sich plötzlich so aufsässig bemerkbar macht? Sie nennen es „die Menschen draußen im Lande“. Wir drinnen, ihr draußen, fern von uns, dort, wo unsere Weisheit leider nicht immer ankommt – und wenn sie denn trotzdem ankommt, nicht verstanden wird!</p>
<p>Dieses ferne Volk ist derzeit offenbar nicht ganz bei Trost, wie der Spiegel gleich auf dem Titelbild seiner Sarrazin-Nummer klarmachte: „Warum so viele Deutsche einem Provokateur verfallen“. Verfallen! Wie die Kinder von Hameln dem Rattenfänger. Auch eine Karikatur mit diesem Sujet war in Sachen Sarrazin bereits zu sehen. Um mündige Bürger, die sich ihre eigene Meinung zu bilden imstande sind, kann es sich bei seinen Anhängern jedenfalls kaum handeln. Darum wird jetzt auch gewarnt davor, das Buch des Ketzers überhaupt zu diskutieren.</p>
<p>Im Stern kam Hans-Ulrich Jörges, wendiger Wöchner des Berliner Kreißsaals, mit folgendem Satz nieder: „Der Fall Sarrazin ist der größte mediale Kollateralschaden, an den ich mich erinnern kann.“ Wäre es nach ihm gegangen, hätte es in Bild und Spiegel keinen Vorabdruck der Sarrazin-Thesen gegeben, keinen „wahnhaften Hype“. Am besten hätte man das Sudelbuch gar nicht erst erwähnt, allenfalls zur Besänftigung des Publikums. In der Zeit rechtfertigte sich Chefredakteur Giovanni di Lorenzo dafür, „Thilo Sarrazin und seinem Buch einen Gefallen“ getan zu haben, indem man dessen Thesen diskutierte.</p>
<p>Doch was nicht geschehen durfte, ist nun passiert. Deutschland debattiert. Und zwar nicht, wie gewöhnlich, die selbst ernannte Elite unter sich und ganz hoch droben, sondern die Bürgerinnen und Bürger ganz tief unten. Der Pöbel diskutiert. Das ist der Gipfel!</p>
<p>Wer aber wäre nun gefordert, den Menschen eine Antwort zu erteilen, die da so plötzlich, so ungeplant und so unbotmäßig auf den Plan getreten sind? Die Sozialdemokraten! Ehedem politischer Arm der Arbeiterbewegung, heute bürgerlich arriviert, wären sie die klassischen Hüter der demokratischen Kultur. Traditionell richten sie sich gegen das „Laisser-faire“. Dem engagierten Sozialdemokraten und linken Bürger war einst die strenge Lebensregel heilig: acht Stunden arbeiten, acht Stunden lesen, acht Stunden schlafen.</p>
<p>Die alte sozialdemokratische Strenge steckt noch immer in vielen Bürgerköpfen. Auch eine weitere &#8211; spießige Lebenslosung hat in diesem Milieu ihre Gültigkeit bewahrt: „Schaffe, schaffe, Häusle baue!“</p>
<p>Wer seinen Alltag so sehr auf Tüchtigkeit baut, in dessen Ohren klingt es seltsam, wenn er von seinen Politikern hört: „Die Migranten bereichern uns.“ Mit diesem putzigen Klischee verweigerte sich die demokratische Linke in nahezu allen westeuropäischen Ländern ihrer aufklärerischen Pflicht: aus Drittweltromantik, aus elitärer Lust am pittoresken Multikulti, aus paternalistisch motivierter Fürsorge für die armen Ausgebeuteten.</p>
<p>Aus scheinbar moralisch allerbesten Gründen gab man sich dem Kulturrelativismus hin. Menschenrechte erschienen zunehmend als eurozentrisch, also kolonialistisch und imperialistisch. Es galt: andere Kulturen, andere Sitten. Die Frauenunterdrückung durch den archaisch belasteten Islam – Ausdruck anderer Kultur. Die Apartheid für Hunderte Millionen Musliminnen in aller Welt – Ausdruck anderer Sitten.</p>
<p>Der linke Blick in die weite Welt blieb verklärt an Figuren haften, die mit Revolution viel, mit Freiheit dagegen nichts am Hut hatten. Der südamerikanische Linkspopulist Chávez umarmt den iranischen Holocaust-Leugner Ahmadinedschad – und kein Linker oder Grüner regt sich darüber auf. Im Iran soll eine Frau wegen Mord an ihrem Ehemann gesteinigt werden, neuerdings nur noch erhängt; vorher aber erhält sie 99 Peitschenhiebe, weil eine englische Zeitung sie angeblich ohne Kopftuch abgebildet hat. Protestdemonstrationen vor den iranischen Botschaften Europas? Keine Spur: In Berlin und Potsdam demonstriert die Linke gegen Sarrazin.</p>
<p>In Genf gelang es Tariq Ramadan, Star der europäischen Muslimszene und Liebling linker Kulturrelativisten, die Aufführung eines <a href="http://www.rundschau-hd.de/archives/181/">Stücks von Voltaire </a>wegen angeblicher Islamfeindlichkeit zu verhindern &#8211; unter den wohlwollenden Blicken von Sozialdemokraten und Liberalen. Des Abendlandes radikalster Aufklärer fällt islamistischem Obskurantismus zum Opfer &#8211; ohne Widerstand der „Multikultis“.</p>
<p>Und, zu guter Letzt, die Burka? Wird doch freiwillig getragen, ja geradezu als Symbol der Religionsfreiheit.<br />
Wer sich nun aber über eine derart krude Logik empört, wird aus der üblichen  Ecke der „Islamophobie“ bezichtigt, der nur noch psychiatrisch beizukommen sei. Wer Mädchen von der Kopftuchpflicht befreien möchte, gilt schlicht als intolerant. Hierzulande nämlich werden Reservate für religiös-autoritäre Riten und Regeln des Migrantenislam gefälligst zumindest geduldet …</p>
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		<title>Silvester: Nicht ohne &#8220;Dinner For One&#8221;!</title>
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		<pubDate>Sat, 31 Dec 2011 07:35:54 +0000</pubDate>
		<dc:creator>admin</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Nonsens vom Feinsten in der Rundschau Kritik Wie alle bedeutenden Stücke Drama, ist auch &#8220;Dinner For One&#8221;  an Facetten ungemein reich. Allein die Vielzahl unterschiedlicher Interpretationen zeigt, wie in jedem Betrachter eine Saite zum Schwingen, eine andere zum Schweigen gebracht wird. Auf diesem 90. Geburtstag der Miss Sophie gibt es nichts Letzthinniges und nichts Ein-für-Allemaliges, [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><strong>Nonsens vom Feinsten in der Rundschau Kritik</strong></p>
<p><a href="http://www.rundschau-hd.de/wp-content/uploads/2011/12/weg-da-du-da.jpg"><img class="alignleft size-full wp-image-7077" title="weg da, du da" src="http://www.rundschau-hd.de/wp-content/uploads/2011/12/weg-da-du-da.jpg" alt="" width="150" height="187" /></a>Wie alle bedeutenden Stücke Drama, ist auch &#8220;Dinner For One&#8221;  an Facetten ungemein reich. Allein die Vielzahl unterschiedlicher Interpretationen zeigt, wie in jedem Betrachter eine Saite zum Schwingen, eine andere zum Schweigen gebracht wird.</p>
<p>Auf diesem 90. Geburtstag der Miss Sophie gibt es nichts Letzthinniges und nichts Ein-für-Allemaliges, und wenn die überwiegende Mehrzahl der Kunstsachverständigen, Essayisten und Liebhaber, die Interesse an einer Kategorisierung des Gesamtstückes oder an einer Analyse einzelner Komponenten haben, für ihre Varianten jeweils Alleinvertretungsansprüche geltend machen, dann ist das erschütternd-bedauerlich.<span id="more-7068"></span></p>
<div id="attachment_7072" class="wp-caption alignright" style="width: 260px"><a href="http://www.rundschau-hd.de/wp-content/uploads/2011/12/dinner-for-one.jpg"><img class="size-full wp-image-7072" title="dinner for one" src="http://www.rundschau-hd.de/wp-content/uploads/2011/12/dinner-for-one.jpg" alt="" width="250" height="335" /></a><p class="wp-caption-text">&quot;Well - I´ll do my very best!&quot;</p></div>
<p>Wiewohl wir nun im folgenden durchaus mit dem Butler (Freddie Frinton gibt ihn unnachahmlich) mitzuhalten versuchen und unsere Interpretationsansätze durchaus auch von gutem Wein begleiten lassen, wollen wir dem Betrachter weder dies mitzutun, noch ein bestimmtes Verständnis vorschreiben.</p>
<p>Wenn wir dabei auf einen wissenschaftlichen Anmerkungsapparat verzichten, tun wir das für diesmal der besseren Lesbarkeit wegen ebenso nicht, wie Verzicht zu üben auf die Darstellung einiger eher abseitiger Lesarten, die nur für Experten von Interesse wären. Lediglich sei hier die Polemik einiger selbsternannter Gourmets erwähnt, welche die Zusammenstellung des Menus kritisieren, vornehmlich die Kombination von Huhn und Champagner.  Ein Stück, das solche gastrosophischen Verbrechen auf die Bühne bringe, könne nichts wert sein? Diese Kritiker haben offenbar ihre Identitätsbildung so entschieden hochgezüchtet, daß sie &#8211; pardon &#8211; offenbar schon wieder auf den guten,  albernen Pawlowschen Hund gekommen zu sein scheinen.</p>
<p><strong>Lehrstick oder Slapstück?</strong></p>
<p>Weder noch, hier lassen sich zwei Richtungen fühlen: ein Lehrstück fast im Sinne Brechts, das, um die &#8211; oder irgendeine &#8211; Situation, Problematik oder Lösung herauszuarbeiten, die Mittel der Farce einsetzt: von Elementen des Slapstücks (Butler James trinkt Blumenwasser), bis hin zu jener Distanzierung des Schauspielers von der Rolle, die sich so fassen lässt, dass er im Verlauf deutlich sichtbar in die Rollen der vier abwesenden Personen schlüpft. Aus gestalttherapeutischer Sicht heraus betrachtet, bietet dieser 90. Geburtstag eine in sich geschlossene Realität.</p>
<p>Hier wird reine Form Inhalt, die Funktion der Darstellung ist hier einzig die Darstellung. Jede Frage nach einem überschreitenden Sinn würde in diesem Sinn selbst zu einer Farce.</p>
<p><strong>Lachen an und für sich</strong></p>
<p>Das zweifelsohne von allen Zuschauern ausgeübte Lachen mag als zeitgeistig coole Distanznahme im Sinne jener Studie über das Lachen verstanden werden, die zum Ergebnis kommt, das Lachen habe keinen größeren Feind als die Emotion. Hiernach wäre unser Lachen also nichts anderes als ein Aus-sich- und Aus-jenem-Herausgehen, das zu etwas sowohl führen will wie auch soll: zur Selbsterkenntnis oder zur Einsicht in die Dekadenz der alternden Oberschicht oder zu dem, was Eugène Ionesco dem Humor zumißt: &#8220;sich der Absurdität bewußt werden und doch in der Absurdität weiterleben&#8221;.</p>
<p>Auch,  dass dies Stück nicht mehr mit einer Differenz zwischen Sein und Sollen arbeitet &#8211; wohingegen ein ungenannt bleiben wollender Heidelberger Philosoph offenbar japanischer Abstammung in seiner unter dem Pseudonym &#8220;Tenno&#8221; veröffentlichten Arbeit über diesen 90. Geburtstag die Frage nach &#8220;Sein oder Haben?&#8221; vermißt, mithin ein Ideal weder propagiere noch fordere, darf wohl so verstanden werden, daß hier Lachen nur als Parodie auf das eigene Selbst gemeint sein könne &#8211; als sozusagen erkanntermaßen ritualisierter Effekt.</p>
<p><strong>Arrangement mit den Herrschenden</strong></p>
<p>Wir haben hier ein zutiefst klassenkämpferisches Portrait einer untergehenden Welt, einer ländlich-städtischen Mittelschicht nebst militärischem und couponschneidendem Anhang, die sich in ihrer Zukunftslosigkeit allenfalls noch an sinnentleerten Festen, am Alkohol und am Traumgebilde  einer längst vergangenen Vergangenheit festhalten kann. Dazu eine nicht minder dekadente Schicht dienender Berufe: der Butler James, entwürdigt von seiner Herrin bis hin zum &#8220;Letzten&#8221; &#8211; eine anglifizierte Variante des Woyzeck also -, der in all seiner Demütigung doch nur das Arrangement mit den Herrschenden sucht, ja nur noch suchen kann, und seinen Stolz unlöslich an die Rationalität des herrschaftlichen Wohlergehens in Börse, Tisch und Bett bindet.</p>
<p><strong>Seele baumelt? Analyse?</strong></p>
<p>Derweil bei etwa Goethe man sich über verschiedene analytische und psychiatrische Interpretationsweisen ja noch streiten könnte, ließe dies Dinner, solcherweise betrachtet, doch ausschließlich das klinische Lesen, Hören und Sehen insofern zu, als Madame vorgeführt werden in frei flottierender Angst mit hypochondrischen Neigungen. Es agieren hier Mischzustände von Wut, Ohnmacht und Hilflosigkeit, Angst vor Liebe ebenso, wie rasches Schwanken zwischen Idealisierung und Entwertung von Objekten. Und, wo die bedauernswerte Frau ihre Scheinwelt am Tisch nicht erkennt, verdrängt sie &#8211; was ja schlimmer ist als beinahe alles Andere.<br />
Und Butler James, der Spiegeltrinker, der sein überhöhtes Alkoholquantum gleichsam gleichmäßig über den Abend verteilt und weitgehend ohne größere Kontrollverluste zu sich nimmt? Ein Deltatyp, der zwangweise wie zwanghaft zugleich in die Situation des Gammatyps versetzt wird, in den Alkoholexzeß. Hier erleben wir einen Menschen, der unmittelbar an der Flasche am Vollbringen eines Selbstopfers zur Befriedigung kommt: an der Überwindung nämlich des Bedürfnisses nach Versagen im oralen Bereich. Eine gefährliche Methode im Gegensatz zu der meist gelebten Form klassischen Asketentums, innerhalb welcher Lust nicht aus der Versagung körperlicher als vielmehr aus der Opferung geistig-seelischer Bedürfnisse gewonnen wird.<br />
Auf also der Grenze zwischen Lehrstück und abgeschlossener Realität gelangen wir hier mit den Protagonisten  in die Rolle von vier vermutlich gestorbenen Personen, die erfolgreich ausgefüllt werden, um deren Welt zur Unsterblichkeit zu versteinern. Schauriger kann die apriorische Trostlosigkeit menschlicher Grundbefindlichkeit kaum deutlich gemacht werden: Kein Weg führt zum Du, keiner zu Sinn und Eigentlichkeit, es bleibt die Einzementierung ständigen Zerfließens in ein dennoch abgeschlossenes Ich in einer isolierenden Vorstellung von Welt, ein sich Überliefern an eine geronnene Aufenthaltslosigkeit.</p>
<p><strong>Des  Essens philosophischer Aspekt</strong></p>
<p>Betrachten wir den Text populärwissenschaftlich, so finden wir hier einen geprüften Willen zu gesellschaftlichem Sein des dem alles überhaupt keine Grenzen Setzenden. Und: Nehmen wir eine Bemerkung Ernst Blochs (Band 3, &#8220;Prinzip Hoffnung&#8221;) über die geglaubte Mechanik im Universum, die sich für ihn, gleichwohl ohne Spaß, wie auch ohne Pantheismus, aber dennoch befriedigend vollzieht, sind wir eher geneigt, in der &#8220;miss-sophischen Verstetigung“ ihrer Freunde einen so freilich nur in der Aristokratie, nicht aber dem bürgerlich geeinzelten Individuum möglichen objektiv-utopischen Vorgriff auf jene von Bloch bezeichnete So-Welt,  als Verschwinden sozusagen des Nichts im sozialistischen Bewußtsein zu sehen.<br />
Dem unüberschreitbaren Zwiespalt durch den  selbstaktiven und eigenkontrollierten Schritt über den Tigerkopf in eine systematische Besessenheit werden wir eine künftige Arbeit widmen.</p>
<p><strong>Emanzipatorische … </strong></p>
<p>Das Verhalten Miss Sophies ist als selbstbewußt-folgerichtiger Schritt zu einer  -  zwar &#8211; in die Jahre gekommenen, zum Selbstbewußtsein erwachten Frau zu verstehen, die Stellung bezieht gegen die Verderbnis und das Reguläre, gegen das Leben sowohl wie auch gegen den Tod, gegen den zu-fälligen (oder haben wir den Butler je fallen gesehen?) Verlauf, all der Drohungen, die einsickernde Perfidie gegen den langsamen Fraß innen und gegen das Verschlungenwerden von draußen. Eine Frau, die alle Enttäuschungsmöglichkeiten hinter sich läßt und auf das klägliche Bild verzichtet, das jene Bindung der Seelenphantasie an die empirische Mannes- oder überhaupt Menschenform, wie sie ja in der sogenannten Wirklichkeit vorkommt, bietet. Nur mehr einer mageren Kulisse bedürftig, die ihr Butler James mit seinen vier Rollen baut, erweist Miss Sophie sich erfolgreich in dem Versuch, einen nichtreligiösen Weg der Liebe zu einem Objekt herzustellen, dem sie sich ohne Beschädigung ihres Ichs, ja gleichsam in Verwirklichung ihrer Autonomie, ganz hingeben kann und &#8211; selbst aus strengst feministischer Sicht, der wir uns ausdrücklich nicht anschließen &#8211; wohl auch möchte dürfen können!</p>
<p><strong>… und komödiantische Aspekte</strong></p>
<p>Gegebenen Anlasses wegen sei hier direkt im Anschluß die Verwandtschaft des &#8220;Dinner For One&#8221; mit der Commedia dell&#8217;arte behandelt. Wir sehen hier einen Entstehungszusammenhang, ja eine &#8211; allenfalls durch Konzessionen an britische Mentalität abgemilderte &#8211; große Übereinstimmung. Wenngleich das Spiel als Spiel nicht durch Masken kenntlich gemacht wird, liegt hier dennoch fast ein (hassenswert wie all solches) Plagiat vor, jedenfalls ist die Rollenverteilung eindeutig: Butler James sei Brighella, Sir Toby Pulcinella, Admiral von Schneider der Capitano, Mr. Pommeroy Tartaglia, Mr. Winterbottom der Dottore, Miss Sophie hingegen &#8211; Frau natürlich &#8211; hat einen superben Hauch von Originalität.</p>
<p><strong>Das Dinner als Gesamtkunstwerk</strong></p>
<p>Was nun aber das Gesamtkunstwerk angeht, meinen wir, dass &#8211; vom Autor zwar wahrscheinlich ungewollt, aber eben darum ganz besonders ernst zu nehmen &#8211; dieser Text in seiner zumal technischen Reproduzierbarkeit, vergleichbar mit Anton Bruckners Generalpause zu interpretieren sein dürfte.<br />
Dies freilich erkennen zu können, setzt voraus jenes Stocken, das uns schwindelnd tragen soll über das Gewohnte hinweg; jener Rhythmus eines uns ureigenen Pulsierens, der nur in einer von allen Zufälligkeiten gereinigten Stille hörbar ist; der vordergründige Lärm, der hier &#8211; einem Saunagang vergleichbar &#8211; nichts anderes als sein Gegenteil herausarbeiten soll; die Bedingung der Möglichkeit zum In-Sich-Gehen also!</p>
<p>Dies alles dürfen wir Zusehenden  am Silvesterabend &#8211; bittet Euch <strong>Jürgen Gottschling</strong> &#8211; nicht vernichten durch vulgäres Lachen, käme dies auch noch so sardonisch oder gar (in memoriam Hans-Georg Gadamer) hermeneutisch verkleidet einher.</p>
<h2><em>Alle Sendetermine am 31. Dezember 2011:</em></h2>
<p><em><strong>15 Uhr 40 DAS ERSTE</strong></em></p>
<p><em><strong>18 Uhr 50 (Original) 21 Uhr 45 (Schweizer Version)  WDR</strong></em></p>
<p><em><strong>19 Uhr 40 und 23 Uhr 35 NDR</strong></em></p>
<p><em><strong>19 Uhr und  am I. Januar 2012 um 0 Uhr 05 BAYERN</strong></em></p>
<p><em><strong>19 Uhr und am 1. Januar 2012 um 3 Uhr 00 SWR/SR</strong></em></p>
<p><em><strong>14 Uhr 55 (Hessisch) 18 Uhr 40 (Hessisch) 21 Uhr 45 (Nordhessisch) HESSEN<br />
</strong></em></p>
<p><em><strong>19 Uhr 00 MDR</strong></em></p>
<p><strong>19 Uhr 05 RBB</strong></p>
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		<item>
		<title>in vino veritas-Transzendentale Gefühle: Unendliche Weiten über uns</title>
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		<pubDate>Thu, 29 Dec 2011 12:00:42 +0000</pubDate>
		<dc:creator>admin</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Manchmal, da  habe auch ich so ein transzendentes Gefühl. Bevorzugt in einer &#8211; da brauchts gar keiner &#8220;geweihten&#8221; &#8211; Nacht am Meer; ich erinnere mich an eine solche bei Bordeaux mit Bordeaux. Die unendlichen Weiten vor mir, den hohen Sternenhimmel über mir und in mir eine Art ozeanischen Sinn, der auf diese Unendlichkeiten anzuspringen scheint. [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><a href="http://www.rundschau-hd.de/wp-content/uploads/2009/10/gottschling1.jpg"><img class="alignright size-full wp-image-3733" title="gottschling1" src="http://www.rundschau-hd.de/wp-content/uploads/2009/10/gottschling1.jpg" alt="" width="200" height="159" /></a>Manchmal, da  habe auch ich so ein transzendentes Gefühl. Bevorzugt in einer &#8211; da brauchts gar keiner &#8220;geweihten&#8221; &#8211; Nacht am Meer; ich erinnere mich an eine solche bei Bordeaux mit Bordeaux.</p>
<p>Die unendlichen Weiten vor mir, den hohen Sternenhimmel über mir und in mir eine Art ozeanischen Sinn, der auf diese Unendlichkeiten anzuspringen scheint. Da gibt es dann ein universales Staunen zu registrieren. Das sind die Momente, in denen ich verstehe, daß andere Menschen gläubig sind.</p>
<p><span id="more-3646"></span><br />
Hingegen aber sind gläubige Menschen vor allem darin geübt,  solcher transzendenten Gefühle wegen schlussendlich einen Hinweis auf die Existenz Gottes zu basteln. Und das ist der Punkt, an dem mein Verständnis schon wieder an Grenzen stößt.<br />
Aber halt, einen Moment, klingt dieser Texteinstieg nicht zu privatistisch? Ich finde, es geht nicht anders. Menschen, die die Glaubensfrage nur abstrakt und im Allgemeinen abhandeln, kann ich nicht ernst nehmen. Das ist dann zwar oft interessant. Wie ein Sprechen über, sagen wir, eine neue Inszenierung in irgendeinem Theater, über das Debattenfeuilleton oder die Aussichten von Rot-Grün-Gelb-Schwarz bei der am nächsten Sonntag anstehenden Bundestagswahl. Aber was hat das mit meinem Unglauben, was hat das mit Deinem Glauben zu tun?<br />
An den Kern dieses Themas kommen wir nur, wenn wir uns selbst auf den Grund gehen. Objektivierend kann man zwar Hinweise in die eine oder die andere Richtung sammeln, man kann die Schöpfung preisen oder im Gegenteil angesichts von Kriegen und Naturkatastrophen und der leider installierten <a href="http://www.rundschau-hd.de/wp-admin/post.php?action=edit&amp;post=3219">&#8220;Neuen Mehrheit&#8221;</a> im Heidelberger Gemeinderat metaphysisch verzweifeln, wir könnten die karitativen Wirkungen der Kirche loben (und uns Gedanken darüber machen, dass &#8220;der Staat&#8221; &#8211; mithin wir alle &#8211; diese karikativen Einrichtungen ohnehin finanziert) oder wir könnten über der Kirchen Bodenpersonal wettern &#8211; ob man glaubt oder nicht, ist aber immer noch eine ganz andere Frage. Ohne individuelles Bekenntnis kommt man dabei nicht aus.</p>
<p>Ja, werden jetzt viele denken, da haben sich wie von selbst religiöse Einflüsse  bloßgelegt. Gewissensprüfung, Bekenntnis: Ist das nicht alles christlich geprägt? Nein, antworte ich: Was da gerne christliche Wurzel genannt zu werden wünscht, das sind in Wirklichkeit Anverwandlungen aus anderen Traditionen, etwa der Stoa. Und das mit der Ich-Erforschung haben die Agnostiker, Atheisten, Polytheisten und Pragmatiker aller Gesellschaften und Zeitalter oft ganz genauso gemacht.</p>
<p>Es geht gar nicht anders. Dass wir Glauben für eine Privatsache halten, ist nicht einfach ein Zugeständnis der Religion, das die Gesellschaft von ihr abfordert, weil wir einen säkularen, einen weltlichen Staat sollten haben wollen dürfen &#8211; das ist doch schließlich so immerhin in unserer Verfassung verankert! Es ist auch die Konsequenz aus dem Zusammenbruch aller Gottesbeweise und objektiven Glaubensbegründungen. Es hat sich eben nichts als schlüssig erwiesen, trotz reichhaltiger Bemühungen kluger Autoren.</p>
<p>Andere Menschen werden andere philosophische Prunkzitate haben, mit denen sie diese Behauptung illustrieren; ich verweise immer gern auf den einfachen Gedanken aus Kants „Kritik der reinen Vernunft“, nach dem es keinen Weg gibt, aus hundert gedachten Talern hundert reale Taler zu machen. „Sein ist kein reales Prädikat“, heißt es bei Kant, was schlicht bedeutet, daß man sich zwar viel denken kann &#8211; auch einen Gott -, über die Existenz Gottes aber sagt das überhaupt nichts.</p>
<p>Religion Privatsache? Seit dieser Gedanke durchgedrungen ist, und das ist er sowohl philosophisch als auch im Alltagsverständnis, hat jede Gottesbeweiserei ihre Kraft verloren. Im Übrigen aber auch jede Negierung Gottes. Atheistischer Furor kann genauso allein subjektiv begründet werden wie religiöser Eifer. Ob Gott existiert oder nicht, können wir nicht wissen. Das ist Sache des Glaubens. Ob aber jemand glaubt oder nicht, kann nur er selbst wissen. Das &#8211; und nicht etwa irgendwelche Toleranzforderungen &#8211; ist im Kern der Grund, weshalb (sic: Gott sei dank) Religion Privatsache geworden ist.</p>
<p>Allerdings ist es aus dieser Überlegung heraus offensichtlich ganz gut, daß wir in unserer Gesellschaftstheorie denjenigen philosophischen Traditionen folgen, die den Staat nicht religiös, sondern mit dem wohlverstandenen Eigeninteresse seiner Mitglieder legitimieren. Selbst eine Gesellschaft, die nur aus Gläubigen bestände, täte gut daran, ihren Staat nicht auf den Glauben zu gründen. Das ist schlicht zu ungesichertes Terrain. Es funktioniert in der Praxis auch gar nicht. Gottesstaaten benötigen charismatische Führer, und spätestens bei deren Tod kommt es zu Nachfolgeproblemen.<br />
Die liberale Tradition, Gott außen vor zu lassen und stattdessen die Interessen der Gesellschaftsmitglieder so gut es eben geht auszubalancieren, klappt einfach besser.</p>
<p>Ein wenig Habermas gefällig? Insofern reagiere ich bei der Renaissance der Religion, von der gegenwärtig zu hören ist, skeptisch. Vor allem Jürgen Habermas scheint bei gläubigen Menschen Hoffnungen zu wecken, sie würden an der Wertefront wieder gebraucht. Während er in seiner „Theorie des kommunikativen Handelns“ noch klar gemacht hat, dass eine moderne Gesellschaft ihre Legitimität allein aus sich selbst schöpfen muß, reicht ihm das nun nicht mehr. Er scheint sich einem Denken anzunähern, nach dem die moderne Gesellschaft Voraussetzungen braucht, die sie selbst nicht bereitstellen kann: Werte, geteilte Traditionen, gemeinsame Sinnressourcen.</p>
<p>Aber! Wer entscheidet denn darüber, welche Traditionen wir noch brauchen und welche nicht? Wer sagt, was sinnvoll ist, was nicht? Letzten Endes sind das politische Fragen, bei deren Beantwortung man sich nicht vom Glauben leiten lassen sollte, was &#8211; im Ernst jedenfalls &#8211; ja aber auch kaum mehr jemand tut. Selbst beim sonntäglichen Einkaufsverbot argumentiert die Kirche inzwischen lieber mit mehr oder weniger klugen Lebensregeln (mal Ruhe vom Konsumstreß) als mit Gottes Gebot. Zudem: Selbst wenn es ohne einen Gott nicht ginge, folgt daraus noch immer lange nicht, daß es tatsächlich einen Gott gibt &#8211; siehe Kant. „Die profane Moderne“: Wir leben jenseits des Christentums.“ Die vermeintliche intellektuelle Renaissance der Religion kann ich nur als einen Fluchtversuch vor Tatsache werten.</p>
<p><strong>Lieblosigkeit &amp; Herkunftsvergessenheit?</strong></p>
<p>Obgleich es sich, bei Licht besehen, doch gut lebt, jenseits des Christentums, braucht man es nicht mal, um das festzustellen. Auch müssen wir gar nicht darauf verweisen, daß mittlerweile selbst eingefleischte Christen froh darüber sind, daß etwa die christliche Sexualmoral bei der Kindererziehung keine Rolle mehr spielt. Und auch nicht darauf, daß die Idee von der Gleichheit aller Menschen &#8211; Achtung, Werte! &#8211; älter ist als die christliche Lehre von der Gottesebenbildlichkeit.</p>
<p>Man braucht nur festzustellen, daß zwar nicht mehr unsere Gesellschaft, wohl aber noch die Neigung zu Untergangsszenarios deutlich christlich geprägt ist.</p>
<p>Es ist christliches Denken, vom Rückgang christlicher Bestattungsrituale auf Lieblosigkeit und Herkunftsvergessenheit der Menschen zu schließen. Wer religiös unverbildet ist, wird angesichts dieser Phänomene eher das Aufkommen einer neuen, nicht mehr christlich dominierten Begräbniskultur entdecken. Und &#8211; gehört er sie oder es zur Schicht solchener, die sich Gedanken darüber zu machen haben, wer das unter die Erde bringen mit allem dazugehörenden Brimborium dann zu zahlen gezwungen ist (Freunde sammeln vielleicht dafür, oder so was in der Richtung), der geht gerne den Weg zu Gunter von Hagens. Präparationen sind für die Medizinerausbildung wichtig, oft unbezahlbar und werden von ihm günstigst geliefert &#8211; wenn sich ihm möglichst viele liefern, ich tu es, aber das ist jetzt wirklich schon sehr persönlich. Pardon.</p>
<p>Und genauso ist es christlich gedacht, unter Verweis auf die Scheidungsraten immer wieder einen Verfall des Sozialen zu konstatieren. Daß sich die sozialen Beziehungen inzwischen oft netzwerkartig organisieren, gerät dann aus dem (Vorsicht, neudeutsch) Focus.. Insgesamt herrscht in unserer Gesellschaft längst ein fröhlicher Polytheismus und pragmatischer Umgang mit der Religion. Bei der Hochzeit bedient man sich wieder christlicher Rituale, aber leitet daraus keine großen Folgerungen für den Ehealltag ab, bei der Wellneß lässt man sich buddhistisch oder hinduistisch inspirieren. Vor dem Papst hat man Respekt, trotz oder wegen seines angebraunten Konservatismus &#8211; und seines (halt, das war sein Vorgänger) Verhaltens wegen in Sachen völkerrechtswidriger Krieg der (der Dubble Ju bushschen) USA gegen den Irak.</p>
<p>Ist es nicht so, dass man bei Menschen, die (Ratzinger tut das, und zwar nicht nur klammheimlich) noch gegen den Kirchentag anpöbeln,  fehlgelaufene frühkindliche Prägungen annehmen darf &#8211; oder muss, etwa ein verklerikaltes Internat oder gar Klostererziehung. Aber man muß schon ein arger Bußprediger sein, um all das für schädlich oder schändlich zu halten.</p>
<p><strong>Nichtglauben = Gottsuche?</strong></p>
<p>Es ist zwar weithin geübte christliche Praxis, Nichtglauben als Gottbesdürftigkeit und Gottsuche zu interpretieren, aber mir scheint, da konstruieren sich die Gläubigen die ungläubigen Menschen zurecht, wie sie sie gerne haben wollen. In Wirklichkeit sind Letztere viel pragmatischer, als einige der Kirche Bodenpersonal es sich vorzustellen in der Lage sind.<br />
Auch in dieser Hinsicht, denke ich, kommt man ohne Ich-Perspektive nicht aus: Ich (möchte das mal einfach so sagen dürfen) jedenfalls hatte in meiner intellektuellen Entwicklung eine Phase, in der ich angesichts der ungesicherten Stellung des Menschen im Kosmos vor meiner transzendentalen Obdachlosigkeit geradezu erschauert bin. Aber das war nur eine Phase, und man muß ja irgendwie weiterkommen mit seinem Leben. Und man kommt durchaus gut zurecht, wenn man die <a href="http://www.kirchenaustrittsjahr.de">Glaubensfrage eher tiefer</a> hängt.</p>
<p>Wie, zu guter Letzt, werden Gläubige dereinst mit uns verfahren? Es gibt eine viel drängendere Frage, die sich allerdings nicht  Ungläubige, sondern die Gläubigen stellen sollten. Ich stelle sie stellvertretend für sie: Werdet ihr Gläubigen, falls es zum Schwur kommt, den Unglauben verteidigen mit allem, was damit zusammenhängt wie Blasphemie, Konsumismus, Proll-Gameshows, Computerspielen und Wertelosigkeit?</p>
<p>Wie hältst du es mit  Ungläubigen wie mir? Angesichts der aktuellen fundamentalistischen Entwicklungen könnte das die viel schwerwiegendere Gretchenfrage werden.</p>
<p style="text-align: right;"><strong>Jürgen Gottschling</strong></p>
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		<title>in vino veritas: Das Fest der Liebe, die stille und die heilige Nacht, Weihnachtspsychose, Jungfrauengeburt, bizarre Trugbilder, allerlei unheiliges und allerliebste Visionen</title>
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		<pubDate>Fri, 23 Dec 2011 00:50:20 +0000</pubDate>
		<dc:creator>admin</dc:creator>
				<category><![CDATA[Allgemein]]></category>
		<category><![CDATA[In vino veritas]]></category>
		<category><![CDATA[Junge Rundschau]]></category>
		<category><![CDATA[Kirche & Bodenpersonal]]></category>
		<category><![CDATA[Zeitgeschehen]]></category>

		<guid isPermaLink="false">http://www.rundschau-hd.de/2006/12/24/drogeninduzierte-weihnachtspsychose-jungfrauengeburt-bizarre-trugbilder-allerlei-unheiliges-und-allerliebste-visionen/</guid>
		<description><![CDATA[&#160; Es ist ja nicht nur uns Unheiligen nichts heilig: Auch die vergleichenden Religionswissenschaften machen sich Gedanken, die &#8211; geht es etwa um die Geburt Jesu aus der Jungfrau Maria &#8211; sich mit jenem Vorkommnis beschäftigen, das eine dem Christentum (seien wir doch mal ehrlich) entfremdete Welt zu Weihnachten feiert und mit dem unsere abendländische [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<div id="attachment_6961" class="wp-caption alignright" style="width: 190px"><a href="http://www.rundschau-hd.de/wp-content/uploads/2011/12/ups2.jpg"><img class="size-full wp-image-6961" title="ups" src="http://www.rundschau-hd.de/wp-content/uploads/2011/12/ups2.jpg" alt="" width="180" height="265" /></a><p class="wp-caption-text">… und rauschgold blonde Engel</p></div>
<p>&nbsp;</p>
<p>Es ist ja nicht nur uns Unheiligen nichts heilig: Auch die vergleichenden Religionswissenschaften machen sich Gedanken, die &#8211; geht es etwa um die Geburt Jesu aus der Jungfrau Maria &#8211; sich mit jenem Vorkommnis beschäftigen, das eine dem Christentum (seien wir doch mal ehrlich) entfremdete Welt zu Weihnachten feiert und mit dem unsere abendländische Zeitrechnung beginnt.</p>
<p>Keine wertfreie Kalenderweisheit ist es, sondern immerhin die Menschwerdung Gottes, bei der die Geschichte von vorn zu zählen beginnt. In der antiken Mythologie war die Jungfrauengeburt zwar eine alltägliche  Sache &#8211; aber auch in d(ies)er Realität: Vor Gott Vater gab es Gott Mutter, die Erdgöttin.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>&nbsp;</p>
<p><span id="more-479"></span></p>
<p><strong>Auch vorzeiten schon:<br />
Tohuwabohu</strong></p>
<p><img id="image485" title="gaea.jpg" src="http://www.rundschau-hd.de/wp-content/uploads/2006/12/gaea.jpg" alt="gaea.jpg" align="left" /> In der griechischen Mythologie beginnt die Erschaffung der Welt aus dem Tohuwabohu mit der Erdmutter Gäa, die im Schlaf den Sohn Uranus gebiert. Als Herrscher des Himmels befruchtet er sie mit Regen und bringt als ihr Sohn die Erde zum Blühen. Gäa läßt Uranus nach einem Familienstreit kastrieren, und erst nach der Vermählung von Bruder und Schwester wird Zeus geboren. Die Legende siedelt diese Geburt  auf Kreta an, in einer Grotte, wo eine Ziege das Neugeborene hütet. Das archaische Bethlehem ist für den Touristen per Esel zu erreichen &#8211; die Parallelen zur Geburtsgrotte im Heiligen Land sind unübersehbar. In allen Metamorphosen der klassischen Mythologie kam es zu wundersamen Geburten, wenn Götter sich mit Sterblichen einließen. Bacchus und Apollo sind Produkte von Zeus&#8217; amourösen Abenteuern, bei denen er sich als Mensch oder Vogel tarnte, um Nymphen und Königstöchter zu schwängern. Göttliche Abstammung setzte eine Jungfrauengeburt voraus und war dazu angetan, Sterblichen den Glanz der Unsterblichkeit zu verleihen. So glaubten Zeitgenossen, daß Alexander, Platon und Pythagoras durch Jungfrauengeburt auf die Welt gekommen seien, auch wenn alle Tatsachen dem widersprachen. Himmel und Erde aber vereinigen sich, bis das Wunder geboren wird.</p>
<p><strong>&#8220;Jungfrau&#8221; Maria? Übersetzungsfehler?</strong></p>
<p>Unsere Zeitrechnung beginnt mit der Geburt Christi, und die westliche Kultur ist trotz allen Widerstandes im Denken und Handeln ein Produkt des Christentums. Die Kirche, gleich welcher Konfession, hat dabei an der Geburt aus einer Jungfrau festgehalten und diese tausendfach verehrt, angerufen und bildnerisch gestaltet. In den ältesten Schriften des Neuen Testaments indes findet die Jungfrauengeburt kaum Erwähnung. Im Markusevangelium, dem frühesten der vier, verhält Christus sich Mutter und Brüdern gegenüber gleichgültig, und lediglich Matthäus, der Altes und Neues Testament miteinander verbindet, erwähnt Marias Schwängerung durch den Heiligen Geist.</p>
<p><img id="image486" title="maria.jpg" src="http://www.rundschau-hd.de/wp-content/uploads/2006/12/maria.jpg" alt="maria.jpg" align="left" /> Dies wird deutlich, wenngleich indirekt erwähnt, als er auf den Propheten Jesaia verweist, der gesagt habe, daß eine Jungfrau schwanger werde und einen Sohn gebäre, den man Immanuel, &#8220;Gott mit uns&#8221;, nennen werde. Heutige Schriftgelehrte sind der Ansicht, Matthäus, der sich auf die griechische Fassung der hebräischen Texte stützte, habe einen Übersetzungsfehler begangen, da das griechische parthenos, Jungfrau, eine zu wörtliche Übersetzung des hebräischen alma, heiratsfähiges Mädchen, sei. Wie auch immer &#8211; die Natur macht Mann und Frau biologisch gleichwertig und voneinander abhängig. Die Mythologie hingegen kennt eine andere Wirklichkeit, die idealisiert, bedichtet und personifiziert wird. In diesem Sinne ist Maria eine wirkliche Dienerin. Sie dient jedoch nicht dem Herrn, sondern der christlichen Theologie. Aus einer beiläufigen Erwähnung in der Bibel hat mann (sic) sie groß gemacht, denn die Kirchenväter brauchten sie, um Juden, Griechen und Heiden die gleichzeitig göttliche und menschliche Natur ihres Sohnes klarzumachen. In ihr wurde Irdisches himmlisch, Besudeltes rein und nicht zuletzt das Sexualleben zur sündigen Kehrseite der Jungfrauengeburt.</p>
<p><strong>Lustig, lustig, trallalla, bald &#8230;<br />
Drogen unterm Weihnachtsbaum</strong></p>
<p>Das Brauchtum um Weihnachten herum tut ein übriges, den Glauben an jungfräuliche Geburt zu untermauern. Gerade hat die Heidelberger Hauptstelle gegen Drogenmißbrauch (HHgDm)  vor den Gefahren des Weihnachtsfestes gewarnt. Eindringlich werden die Bundesbürger aufgefordert, auf suchterzeugende Weihnachtssubstanzen zu verzichten, vor allem der leichtsinnige Griff ins Gewürzregal könne unabsehbare Folgen haben und den ahnungslosen Konsumenten in Konflikt mit dem Betäubungsmittelgesetz (BtMG) bringen.</p>
<p><img id="image480" title="rauschgoldengel.gif" src="http://www.rundschau-hd.de/wp-content/uploads/2006/12/rauschgoldengel.gif" alt="rauschgoldengel.gif" align="left" /></p>
<p>Vor dem Verkehr mit Rauschgoldengeln wird ebenso gewarnt, wie vom Verzehr von Zimtsternen, Pfefferkuchen, Anistalern, Ingwerplätzchen, von Spekulatius und schokoladierten Christkindlein abgeraten wird. Vor allem bei unkontrolliertem Mischkonsum mit Glühwein, Punsch und Bowle, Karpfen, Gans und Truthahn (&#8220;Hast du all das&#8221; &#8211; wir erinnern uns &#8211; &#8220;in der Blutbahn, kannst du fliegen wie ein Truthahn&#8221;) wirke, so HHgDm-Präsidentin Caja von Drottelhaim (57), ein multitoxikomanes Geschehen im menschlichen Organismus unheilvoll zusammen.<br />
In der stofflichen Expertise &#8220;Wirkung und Pharmakokolorinese von psychoaktiven Jahresend-Halluzinogenen&#8221; unterzogen die Weihnachtsforscher im Auftrag der NEUEN RUNDSCHAU die beliebtesten Festdrogen einer detaillierten Analyse. Ergebnis: Bei chronischem Konsum vor- und weihnachtlicher Spezereien kann es zu abnormen, rauschhaften Verwirrtheitszuständen mit Herzschlagveränderung, Schweißabsonderung, Fieberschüben, Muskelschmerzen und Übelkeit kommen &#8211; bis hin zum Erbrechen.</p>
<p><strong>Was soll denn überhaupt noch Freude machen ?</strong></p>
<p><img id="image481" title="bildtafel-heilpflanzen.jpg" src="http://www.rundschau-hd.de/wp-content/uploads/2006/12/bildtafel-heilpflanzen.jpg" alt="bildtafel-heilpflanzen.jpg" align="left" /> Safran &#8211; &#8220;macht den Kuchen geel&#8221; &#8211; zum Beispiel, dieser aus den Blütenfäden des Krokus gewonnene Farbstoff ist nicht nur Aromaspender, sondern eine dem Opium vergleichbare Droge, schmerzstillend und krampflösend zugleich. Die Forscher berichten von einem &#8220;euphorisierenden Kick&#8221; mit &#8220;allzumal heiteren Delirien&#8221; und &#8220;unbändigem Lachreiz&#8221;. Letale Dosis: 12 Gramm. Beispiel Zimt (Hauptwirkstoff in &#8220;Zimtstern&#8221; und &#8220;Bratapfel): Schon in den dreißiger Jahren wurden Zimt-Zigaretten wie Marihuana geraucht. Auch die Wirkung ist vergleichbar. Hohe Dosen führen zu krampfähnlichen Effekten.</p>
<p>Auch unsere &#8220;Springerle&#8221; &#8211; die schönsten in alten Holzformen geprägten gibts immer noch bei Gundel am Rathaus &#8211; sind des enthaltenen Anis&#8217; wegen auch nicht so ganz ohne: Bei oraler Verabreichung treten ab 70 mg erste psychoaktive Effekte auf, auch wurden typische Opiatwirkungen beobachtet. Anis wirkt sedierend, analgetisierend, antitussitiv und verzögert die Peristaltik.</p>
<p>Eine der häufigsten (nicht nur Weihnachts-) Drogen ist die Schokolade. Das beliebte Vielstoffgemisch aktiviert cannabinoide Rezeptoren, putscht den Organismus auf und setzt im Hirn den antoinativen Neurotransmitter Serotonin frei.<br />
Rauschdrogen  von ebenfalls beachtlicher Potenz sind &#8211; man mag auch dies gar nicht glauben &#8211; Muskat, Pfeffer, Ingwer oder Nelken (letztere bei Zahnschmerzen in die richtige Lücke gedrückt, schon hört die Pein für eine Weile auf, da spätestens merkt auch der verwunderte Drogenlaie, daß darin ein explorierter Stoff enthalten sein müsse!) können zu psychischer und/oder physischer Abhängigkeit führen. Von den Usern über das ganze Jahr genossener Myrrhe und vom Weihrauch ganz zu schweigen&#8230;</p>
<p><strong>Psychosen alle ecclesiogen?</strong></p>
<p><img id="image482" style="width: 174px; height: 177px;" title="brennessel.jpg" src="http://www.rundschau-hd.de/wp-content/uploads/2006/12/brennessel.jpg" alt="brennessel.jpg" align="right" /> In den Fallbeispielen ärztlicher Notdienste und Vernehmungsprotokollen polizeilicher Aufklärung finden sich zahlreiche Belege für drogeninduzierte Weihnachtspsychosen, erwiesenermaßen sind die nämlich keineswegs alle ecclesiogen, wie <strong>Jürgen</strong> <strong>Gottschling</strong>, dieser oft als laizistischer und zudem ungläubiger Kirchenkritiker denunzierte immer glauben machen möchte. Insbesondere wird immer wieder die Leuchtkraft der auftretenden Farbvisionen und die Eindringlichkeit optischer Trugwahrnehmungen dokumentiert. Drogen-User sehen den &#8220;Stern von Bethlehem&#8221;, &#8220;geflügelte, blondierte Wesen auf Tannenspitzen&#8221;, &#8220;von Elchen und Rentieren gezogene, schlittenartige Ufos&#8221;, sie haben Visionen von &#8220;rotgewänderten Greisen mit weißen Wattebärten, Rute und Jutesack, die ihr Erbe verschenken&#8221;, haben Wahrnehmungen von &#8220;elektrisch aufgeladenen Fichten&#8221; und sehen &#8220;göttliche Kleinkinder in Futterraufen&#8221;.</p>
<p><img id="image484" title="knabe-in-lockigem-haar.jpg" src="http://www.rundschau-hd.de/wp-content/uploads/2006/12/knabe-in-lockigem-haar.jpg" alt="knabe-in-lockigem-haar.jpg" align="left" /></p>
<p>In fortgesetztem Rauschgeschehen dann treten akkustische Phänomene auf: Repetitives Psalmodieren von allerlei Gewünschtem wie einem &#8220;holden Knaben im lockigen Haar&#8221; &#8211; von einer &#8220;Jungfrau auserkoren&#8221; etwa, oder zwanghafte Vermehrungswünsche mit aufgesagtem &#8220;ihr Kinderlein kommet&#8221; sind bekannt geworden. Die emotional enthemmte Atmosphäre entlädt sich &#8211; in gleichwohl schönen &#8211; ekstatischen Gesängen und Litaneien.<br />
<img id="image483" title="christbaum.jpg" src="http://www.rundschau-hd.de/wp-content/uploads/2006/12/christbaum.jpg" alt="christbaum.jpg" align="right" /><br />
Das gesamte Wahngeschehen ist eingebettet in ein aufwendiges, mit erheblichen forstwirtschaftlichen Schäden einherkommenden &#8220;Settings&#8221;. Junge Nadelgewächse werden gerodet, in Wohnstuben altarähnlich installiert, glitzernde Metallstreifen und psychedelische Kugeln daran arretiert. Nicht selten wird an dem ausgetrockneten Gehölz sorglos mit offenem Licht hantiert und häufig versammeln sich die Berauschten in un- bis schlecht beheizten Sakralbauten und zelebrieren &#8220;bunte Messen&#8221;.</p>
<p><strong>Damit nicht genug &#8230;</strong></p>
<p>Die Weihnachtsintoxikation durch Schoko- und Gewürzmittelmißbrauch führt aber auch zu Depressionen, Angst und Eifersuchtsideen.</p>
<p>&#8220;Die Suizidquote nimmt dramatisch zu&#8221;, so ein Teilergebnis der Rundschau-Studie.</p>
<p><img id="image488" title="ostereier.gif" src="http://www.rundschau-hd.de/wp-content/uploads/2006/12/ostereier.gif" alt="ostereier.gif" align="left" />Und, zu guter Letzt, kann es nach Absetzen der Rauschdrogen noch Monate später ohne vorhergehende Warnsymptome zu einem sogenannten Flashback (&#8220;Nachrausch&#8221;) kommen.<br />
Meist berichten die Probanden dann von Säugetieren, die bunte Eier legen: Hasen.<br />
In der &#8211; was Wunder &#8211; Regel jedenfalls.</p>
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		<title>in vino veritas: Fordert Zeitgeist den Heimatdiskurs? Fremd im eigenen Land?</title>
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		<pubDate>Sun, 27 Nov 2011 19:59:43 +0000</pubDate>
		<dc:creator>admin</dc:creator>
				<category><![CDATA[Allgemein]]></category>
		<category><![CDATA[Feuilleton]]></category>
		<category><![CDATA[In vino veritas]]></category>

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		<description><![CDATA[&#8220;Nichts Menschliches ist mir fremd&#8221;: wir kennen das Credo des Stoikers das längst zum Fluch des Kulturalisten geworden ist. Wie soll ich, wenn mir nichts mehr fremd ist, noch auf Menschliches neugierig sein? Mich davon faszinieren lassen oder es wenigstens respektieren? Meine Identität und Würde behaupten und gegebenenfalls für die des Anderen kämpfen? Fremdheit eignet [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><img title="jurgen-gottschling.jpg" src="http://www.rundschau-hd.de/wp-content/uploads/2008/03/jurgen-gottschling.jpg" alt="jurgen-gottschling.jpg" align="right" />&#8220;Nichts Menschliches ist mir fremd&#8221;: wir kennen das Credo des Stoikers das längst zum Fluch des Kulturalisten geworden ist. Wie soll ich, wenn mir nichts mehr fremd ist, noch auf Menschliches neugierig sein? Mich davon faszinieren lassen oder es wenigstens respektieren? Meine Identität und Würde behaupten und gegebenenfalls für die des Anderen kämpfen? Fremdheit eignet eine Würde, die der bloßen wohlfeilen Andersheit, die nicht einmal verabscheut werden darf, abgeht. Der Weltbürger, der sich überall zuhause wähnt, weil ihn an seinen Gattungsgenossen nichts mehr befremdet, hat jeden Grund verloren, Unterschiede überhaupt wahrzunehmen.</p>
<p><span id="more-1458"></span></p>
<p>Es gibt Ärzte ohne Grenzen, Popstars, Manager und Terroristen ohne Grenzen. Menschen ohne Grenzen gibt es nicht. Sehr wohl aber Stimmungen, Gefühle, Affekte, Erfahrungen. Man höre sich Bardenmusik aus Afghanistan und aus Sizilien an, aus Andalusien und Jemen, dem Kaukasus, lederhosrige aus Bayern (von S&#8217; Alqueria Blanca auf Mallorca, also von hier aus nur wenige Kilometer entfernt vom „Ballermann“ &#8211; wohin wir jedoch zu fahren nicht beabsichtigen), Aquitanien und Schottland: dieselben Melodien, variierende Intonation, gleichbleibende rhythmische Muster: Gemeinsamkeiten, die älter sind als alle religiösen Zwangshomogenisierungen, als alle politischen Zwangsdifferenzierungen. Für Trauer und Ekstase, Freude, Staunen und Ehrfurcht haben die Künste, allen voran die Musik, seit jeher die gültigeren, genaueren, intimeren, bedeutsameren, intensiveren und vor allem: friedlicheren Ausdrucksformen gefunden. Man lasse sich von diesem Soundtrack (anstelle kitschiger Streicherteppiche oder der Vakuum-Atmos von Tekkno und Ambient) durch die Spacenight des BR 3 über Pangäa treiben, um eine Ahnung von kreatürlicher Transzendenz und Gattungszugehörigkeit zu bekommen, die jede kodifizierte Religion zum Priestertrug schrumpfen läßt.</p>
<p><strong>Zeitgeist vs. Heimatdiskurs ?</strong></p>
<p>Wann immer der Zeitgeist den Heimatdiskurs forciert, hat die Entfremdung von den unmittelbaren Lebensbedingungen eine neue Stufe erreicht. Dazu muß man heute nicht mehr politisch verfolgt oder gewaltsam außer Landes getrieben werden. Es genügt eine Quartierssanierung, eine neue Autobahntrasse durchs einst verschlafene Tal, eine rennaissancierung eines weltenweit bekannten Gartens namens Hortus Palatinunus, Schatten auf der Lunge, oder, naja,  eine verschärfte Offensive der Elektronikindustrie. Zivilisationsgeschichtlich löste Heimat die Landnahme ab: Als alles entdeckt, erobert und bebaut, die unheimliche, menschenfremde Welt bewohnbar geworden war, begann die emotionale Besetzung. Der geordnete Raum allein taugte nicht mehr zum Kosmos, er mußte zur Landschaft der Gefühle verinnerlicht werden und blieb als Erinnerung ein Leben lang erhalten. Heute zeugt der obsessive Wunsch nach dem Eigenheim von der Verkehrung dieser Logik: man baut sich ein Haus oder übernimmt ein fertiges und gestaltet es um in der Hoffnung, auf diese Weise am gleichgültigen Wohnort heimisch zu werden &#8211; und wenn die Heimat am Gartenzaun endet. Komplementär dazu hat sich der ungebremste Expansions- und Kolonisierungsdrang erst in den Weltraum verlagert, um von dort alsbald enttäuscht zurückzukehren und in den Cyberspace auszuschwärmen, wobei auch hier die Ernüchterung aufkommt, daß dieses Medium ebenfalls zu kalt ist für Wesen aus Fleisch und Blut, die ohne Bewegung und Sinnesreize sich nicht lebendig fühlen.</p>
<p><strong>Fremd im eigenen Land !</strong></p>
<p>Sie ist alt, die Fremdheit der Deutschen ihrem Land, und das heißt immer auch ihrer Seelenlandschaft gegenüber. Beides blieb bis heute, wenn auch mit historisch wechselnden Motiven, ungeliebt. War es früher die schon von Tacitus konstatierte Unwirtlichkeit, später die Enge der feudal parzellierten Verhältnisse, die noch heute in der föderalistischen Bürokratie überlebt, so ist es seit dem zweiten Weltkrieg die Zerstörung jeder urbanen und landschaftlichen Physiognomie durch Krieg und Wiederaufbau, die Deutsche zur Heimatflucht antreibt. Die Gier nach Sonne, Strand und Meer ist dabei nur eine Deckadresse für das Leiden nicht an Kälte und Nässe, sondern an der Abstraktion der nur noch bewohnbaren, geopsychisch nicht mehr erspürten Umgebung. Die Weltmeister im Verreisen und freiwilligem Auswandern können deshalb auch kaum ermessen, was Menschen aufgeben, wenn sie von weither kommend in Deutschland eine neue Bleibe suchen; Mißtrauen und Feindseligkeit Fremden gegenüber sind so gesehen auch Indiz einer Geringschätzung der eigenen Heimat, psychoanalytisch nennt man das Ich-Schwäche, anthropologisch Selbstfremdheit.</p>
<p><strong>Freistilmischung aus Neid, Mißgunst und Nörgelei</strong></p>
<p>Mag Heimatlosigkeit fürs neuzeitliche Subjekt auch ein &#8220;Weltschicksal&#8221; (so Heidegger in Todnauberg) sein, die Reflexion darüber ist &#8211; sieht man von gnostischen Unterströmungen im Christentum ab &#8211; eine genuin deutsche Obsession. Nirgends scheinen Zerrissenheit und Selbstentfremdung, Anspruchsdenken und chronische Unzufriedenheit derart ausgeprägt wie in Deutschland, nirgendwo sonst kommt der Freistilmischung aus Neid, Mißgunst und Nörgelei, die man Ressentiment heißt, der Rang eines Volkssports zu &#8211; mit dem komplementären Effekt einer ebenfalls beispiellosen Konsens- und Harmoniebedürftigkeit mindestens in den öffentlichen Auseinandersetzungen. Der Gerechtigkeit halber muß aber auch die Kehrseite erwähnt werden: nirgends ist die Leidensschwelle so niedrig, die Empfindlichkeit für den Betrug an Schicksal und Lebenszeit durch die Vermarktung von Arbeitskraft so groß wie hier. Es ist darum gewiß kein Zufall, daß die Kritik der Entfremdung von Karl Marx, einem deutschen Juden, lanciert und maßgeblich von deutsch-jüdischen Denkern (Freud, Simmel, Weber, Bloch, Adorno, Marcuse, Anders) in immer subtileren Analysen des Unbehagens an der Kultur aktualisiert wurde.</p>
<p>Bereits ein Vierteljahrhundert vor den &#8220;ökonomisch- philosophischen Manuskripten&#8221; hatte der Dessauer Bibliothekar Wilhelm Müller jene Winterreise der deutschen Seele kodifiziert, die in Schuberts Vertonung zum exemplarischen Klangbild einer Diskrepanz zwischen bewegter Unendlichkeit innen und versteinerten Verhältnissen &#8220;draußen&#8221; werden sollte. &#8220;Fremd bin ich eingezogen, fremd zieh ich wieder aus&#8221;: das Fremdsein in Heimat und Herkunft treibt das ziellose, immer wieder stockende Wandern auf der Suche nach einer Fremde an, in der es das romantische Subjekt halten könnte, und die doch allein in der kammermusikalisch gestimmten Innerlichkeit ihre tonikale Erlösung finden konnte. Das unglücklich schweifende Bewußtsein, dem die selbst gewählte Einsamkeit durchaus suspekt war &#8211; &#8220;Was vermeid ich denn die Wege, wo die andren Wandrer gehen, / Suche mir versteckte Stege durch verschneite Felsenhöhn?&#8221; &#8211; erfreut sich seitdem einer erstaunlichen, über die unterschiedlichsten historisch- politischen Konstellationen hinweg konstanten Beliebtheit. Es scheint, als ob der mal desperate, mal depressive und dann wieder forciert fröhliche Grundton des introvertierten Kunstlieds der gebildeten deutschen Seele immer wieder eine angemessene, wenn auch ortlose Zuflucht auf Zeit zu bieten vermochte.</p>
<p>Dagegen das offizielle Getöse, die &#8220;Nationale Selbstfindung in der Musik&#8221; (Untertitel des Sammelbandes Deutsche Meister &#8211; böse Geister?): 4x Nürnberg und Bayreuth (Meistersinger), 2x Wartburg (Tannhäuser), 2x Wald (Freischütz) , 1x Rhein &#8211; Inbrunst und Größenwahn, Gemüt und Gelehrsamkeit, Mythomanie und Pathosformeln: von Nietzsche der Lächerlichkeit preisgegeben, von den Nazis beim Wort genommen, von Kiefer exhumiert und in Ehren bestattet. Der Versuch, dem &#8220;Volk ohne Raum&#8221; erst kulturelle, dann geopolitische Größe zu verschaffen, hinterließ taube Ohren und verbrannte Erde. Die Flucht in die Zeit, die seitdem einsetzte &#8211; erst in die Zukunft des neu aufzubauenden Landes, dann in die Gegenwart des erreichten Wohlstands &#8211; ist nunmehr bei der Vergangenheit der historischen Identität angekommen: Wer sich heute wieder durchaus romantisch mit dem Paradox konfrontiert sieht, Land und Leute nicht zu mögen und sich trotzdem mit ihnen verbunden zu wissen, weicht ins kollektive Gedächtnis aus.<br />
Geschichte als Heimat: so könnte man das verborgene Motiv der obsessiven deutschen Vergangenheitsbewältigung formelhaft zusammenfassen; die Beziehungsenergien vom zerstörten, für affektive Besetzungen unattraktiven Raum der Gegenwart auf die Zeit einer Vergangenheit verschieben, die schon deshalb Identifikation bietet, weil sie rekonstruierend erschlossen werden kann und dieser Akt selbst angesichts von Luftkrieg und Vertreibung eine symbolische Aneignung darstellt. Bei Peter Reichel („Politik mit der Erinnerung“) kann man studieren, wie diese temporalisierte Identität sich wiederum ihre eigene Topographie schafft: Denkmäler, Gedenkstätten, Museen, Fernseharchive &#8211; Gedächtnisorte mit zuerst negativer, nationalsozialistischer, mittlerweile auch zunehmend preußischer Referenz, die jedoch nur die moralisch privilegierte Vorhut der zahllosen, bereits reaktivierten oder ihrer Reaktivierung (mangels Restaurationskapital noch) harrenden Markierungen einer historischen Heimat bilden, die man sehen, begehen, zuweilen sogar bewohnen und vor allem unentwegt besprechen kann. Ein zweites, abgeleitetes, reflexives Zuhause, das offenkundig auch die primärprozeßhaften Heimatbedürfnisse (die am Gartenzaun enden) zu hospitieren vermag.<br />
Die untergegangene Volks- und Reichsnation, die unter- und in europäische Strukturen übergehende Staats- und Verfassungsnation wird als Geist- und Gefühlsnation mit den Einstellungen und Gewohnheiten ihrer Angehörigen, ihren Gesten und Idiomen noch lange fortleben. Um angesichts dieser späten Positivierung ihrer Entfremdungsgeschichte ihr Repertoire künftig weiterzuentwickeln, wäre es an der Zeit, von den unfreiwilligen Wanderungen der Winterreise zu den gelassen über nationale, konfessionelle und harmonikale Grenzen hinwegfließenden Années de Pélerinage des deutschen Europäers Franz Liszt fortzuschreiten.</p>
<p><strong>&#8220;Der Geist hilft unsrer Schwachheit auf&#8221; &#8211; ist das individuelle Gedächtnis ein verläßliches Refugium ?</strong></p>
<p>Dass selbst das individuelle Gedächtnis kein verläßliches Refugium für nostalgische Gefühle bietet, ist die Lektion aus Kunderas Die Unwissenheit: was ist schon der Prager Frühling gegen die erste Liebe in Paris oder Kopenhagen? Je intensiver das Leben in der Gegenwart, desto ohnmächtiger das Gedächtnis, das sich entsprechend der Relevanz des Durchlebten neu konfiguriert und die Bedeutung von Kindheitstraumata ebenso relativiert wie die Phantasmen der Adoleszenz. So hört der Exilant auf, sich über seine Herkunft zu definieren und wird zum Emigranten, den das entscheidende Agens der Vermischung affektiv an den neuen Ort, seine Sprache und Kultur bindet. &#8220;Was unterscheidet den Emigranten vom Flüchtling?&#8221;, fragt Vilém Flusser (Von der Freiheit des Migranten) und antwortet: &#8220;Der Flüchtling ist, positiv und negativ, der verlassenen Bedingung verhaftet. Er schleppt sie auf seiner Wanderung mit sich, und zwar in einer Mischung aus Ressentiment und Liebe. Der Emigrant hat sich über die verlassene Bedingung erhoben&#8230; Der Flüchtling, eingekapselt in die verlassene Bedingung wie er ist, ist der neuen verschlossen. Er hat ihr weder etwas zu geben, noch von ihr etwas zu nehmen.&#8221; Demnach würden viele der nach Deutschland Eingewanderten sich wie Flüchtlinge gebärden, ohne welche zu sein; und wäre ihr fataler Hang, die unmenschlichen Bedingungen ihrer Herkunftsländer im Clan- oder Ghettoformat zu reproduzieren, insgeheim das Eingeständnis, daß sie vor diesen geflüchtet sind.<br />
Schon im Wortstamm von Existenz (ek-sistere) ist der Aufbruch aus einem gegebenen Zustand, das Heraustreten aus Ordnungen, Ortungen, Zusammenhängen des Seins gesetzt und damit eo ipso Vereinzelung, Exodus und Exil, die Gleichursprünglichkeit von Identitätssuche und Selbstentfremdung. Es ist daher eine Frage der psychohistorischen Reife einer Kultur, ob sie ihre Angehörigen anzuleiten (oder wenigstens nicht daran zu hindern) vermag, die Kette der Bedingtheiten zu sprengen, um ins Offene, Unbestimmte der menschlichen Conditio aufzubrechen; und sei es, um eines Tages aus eigener Einsicht das Gewicht der Überlieferung für die Orientierung in der Gegenwart abwägen zu können. Worin Würde oder Wert einer bedingungslosen Unterwerfung unter die Gesetze der Tradition oder dem &#8220;Willen Allahs&#8221; bestehen soll, dürfte bald allen Europäern ein vorgeschichtliches Rätsel sein: sie schicken sich nämlich an, als erste Vertreter der Spezies Homo sapiens erwachsen zu werden.</p>
<p><strong> Anonymität sinnlicher Reiz ?</strong></p>
<p>Deutschland macht es Neuankömmlingen vergleichsweise leichter und schwerer, sich in die neue Umgebung einzufinden. Schwerer: jeder Ausländer spürt sofort, daß die Mitglieder dieser Sprachgemeinschaft sich am liebsten aus dem Weg gehen, einander Gesellschaft &#8211; wenn überhaupt &#8211; &#8220;leisten&#8221; und sich ansonsten keines Blickes würdigen (wenn sie am anderen nicht gerade etwas auszusetzen haben); daß sie mit &#8220;herzlich&#8221; meistens &#8220;wenig&#8221; verbinden, das Gegenteil von Schönheit aus dem Haß ableiten und selbst das Nonplusultra mit einem &#8220;schlechthin&#8221; zu dämpfen verstehen. Leichter: die neue Lebenswelt, die als sachlich-neutral, emotional unterbesetzt, rituell und organoleptisch verarmt erlebt wird, löst zwar zunächst einen Kulturschock aus; doch drängt sie sich &#8211; außer in ländlichen Gebieten &#8211; nicht so auf, daß man darauf mit Anpassung oder Ghettoisierung antworten muß. Denn ihre unsympathischen Züge bieten den Vorteil, ihre Organisationsprinzipien rational und transparent hervortreten zu lassen. Wer es schafft, sich diesem Gemeinwesen gegenüber mit der Kälte eines Funktionssubjekts zu verhalten, macht die paradoxe Erfahrung, daß gerade die Anonymität von Straßenfluchten, die Teilnahmslosigkeit von Gesichtern oder das Fehlen markanter sinnlicher Reize &#8211; allen voran der Gerüche in Straßen, Passagen und Häusern &#8211; den Neubeginn erleichtern, weil hier nichts mit den Erinnerungen an die ganz anders geartete südliche (oder östliche) Heimat in Konkurrenz tritt. Es ist, als wäre man nicht in einem anderen Land, sondern auf einem anderen Planeten oder in einer Wüste besonderer Art gelandet.<br />
Das Besondere an dieser Wüste ist, daß sie Lebensformen, die aus politischen, ethnischen, konfessionellen und bald auch aus sexuellen Gründen anderswo bedroht werden, ein sicheres, wenn auch meist armseliges Refugium bietet, weil sie sich derselben protestantischen Abstraktion vom Körper verdankt, die in Mittel- und Nordeuropa seit Beginn der Aufklärung die politische Durchsetzung der antiken naturrechtlichen Idee von der Gleichheit und Freiheit aller Menschen ermöglicht hat. Diese universalistische Ethik wird im Zuge der Globalisierung jedoch von ihren eigenen mentalitätsgeschichtlichen Voraussetzungen ausgehöhlt. Dieselben Einwanderer nämlich, die am lautesten über &#8220;soziale Kälte&#8221; in den Aufnahmeländern klagen, scheren sich in der Hitze ihrer archaischen Moralvorstellungen am wenigsten um die Persönlichkeitsrechte insbesondere der Frauen und profitieren dabei just von der Kultur der Indifferenz und des Wegsehens, die ihnen unheimlich ist. Denn die Distanzvirtuosen der meinungsführenden Öffentlichkeit halten es nicht für nötig, die Unvereinbarkeit atavistischer Rechtsauffassungen (etwa im Geiste der Scharia) mit dem Wertekanon der modernen Zivilgesellschaft anzuprangern. Sie verweisen hinter vorgehaltener Hand auf die deutsche Vergangenheit und den Beifall von der falschen Seite &#8211; eine inzwischen mehr als dürftige Schutzbehauptung: Denn daß multikulturelle Toleranz zum Freibrief für Menschenrechtsverletzungen verkommen konnte, wäre nicht denkbar ohne einen eklatanten Mangel an Empathie, an Mut und Leidenschaft derer, die sie vertreten.</p>
<p><strong>&#8220;Jeder Mensch erfindet sich seine Geschichte&#8221; (Max Frisch); &#8220;Ich hab mir das nicht ausgesucht&#8221; (Hans Magnus Enzensberger).</strong></p>
<p>Beides richtig: kein Mensch hat sich die Geschichte ausgesucht, die er sich erfindet. Schon die Nachträglichkeit der &#8220;Erfindung&#8221; ist das Zugeständnis, daß es Geschichte &#8211; ebenso wie Heimat &#8211; nicht als Projekt geben kann, nicht einmal &#8220;Biographie&#8221; oder &#8220;Wahlheimat&#8221;. Die Lüge von der optionalen Existenz mag zwar für die kulturalistische Feier des Individuums unverzichtbar sein, ändert aber nichts am Hineingeborenwerden und Beheimatetsein; die Sprache läßt Reflexiva &#8211; etwa sich verheimaten oder sich aufwachsen &#8211; hier nicht zu. Die Pseudomorphose von Heimat und Kindheit prägt den Lebensweg selbst dort, wo sie scheiterte: wer nie in einer Familie geborgen war, dem bleibt die ganze Welt zeitlebens fremd. Heimat ist, wo man umsorgt wurde, wo man sich weder um Liebeszuwendungen noch um die materiellen Voraussetzungen der Existenz zu sorgen brauchte. Weil man Heimat diesseits des Tauschverkehrs ursprünglich erfährt &#8211; als Geschenk -, muß man sie später, wenn für alles Lebensnotwendige ständig bezahlt werden muß, kontrafaktisch behaupten und mit geeigneten Stimmungsdrogen (Patriotismus, Musik, Landschaft, Gerichte) beschwören.<br />
Die neuerdings zu beobachtende endemische Vermehrung bekennender Heimatloser in der westlichen Nordhemisphäre des Planeten dürfte zum nicht geringen Teil daher rühren, daß Frauen immer weniger für den Erhalt des Familienkokons garantieren, immer seltener die Instanz verkörpern, zu der man zurückkommt, die den stets ausreißenden, kopflastig flatternden und dafür wieder sehnsüchtig schmachtenden Mann erdet, indem sie ihn bei und in sich aufnimmt; wenn sie nicht mehr hier bleibt, während er fortgeht, kann Heimat nicht länger schoßhaft oder intrauterin (für Frauen: dort, wo ich mein Kind zur Welt bringe und aufziehe) imaginiert werden, und jeder Versuch das psychosexuelle Vakuum der entschwundenen Weiblichkeit mit den Netzen der Cyberkultur auszuspinnen, endet über kurz oder lang in Sucht, Depression oder auf der Couch.</p>
<p><strong>Hintergrundrauschen &#8211; Sub- und Parallelkulturen</strong></p>
<p>Langzeitversuch Tagesschau: bekannte Gesichter, gewohnte Kulissen, wohldosiert die ewige Wiederkehr der gleichen Hochs und Tiefs. Weltgeschichte als Hintergrundrauschen, Leerformeln zur Affektsicherung, schwankungsbereinigt selbst die Geschmacksempfindungen beim Abendessen. Der flimmernde Gemütlichkeitsmagnet: das kleinste gemeinsame Heimatformat. Das größte folgt auf dem nächsten Programmplatz: im Tatort werden seit drei Jahrzehnten klassen-, milieu- und regionalspezifische Schauplätze und Sprechweisen, Denkformen und Lebensstile rekonstruiert, als gelte es, in einer prinzipiell unabschließbaren Beweisführung jeden Sonntagabend erneut darzulegen, daß es einen fahndungstauglichen deutschen Gesamtsteckbrief gibt, der mehr sein könnte als die massenmediale Synchronisation der vielen Sub- und Parallelkulturen.</p>
<p>Gegen die Logik des Mediums und der wohlfeilen Apologie seiner Wirkungen hatte Edgar Reitz&#8217; in seinen Heimat-Zyklen die ethnoskopisch verlässlicheren Erkenntnisse gewonnen. Erstens: die deutsche Seele und ihre Humanität ist unauflöslich an die wohltemperierte Landschaft gebunden, die die Menschen hierzulande maßstabgerecht widerspiegelt und ihnen Reflexion, altmodisch gesprochen Besinnung leichter macht als anderen Erdenbewohnern. Die Landschaft ist weder besonders schön, jedenfalls nicht in einem spektakulären Sinn, noch ist sie gewaltig, erhaben oder irgendwie bedrohlich &#8211; ähnlich wie das Klima. Das bindet die Menschen an sie, gibt ihnen Halt (wenn auch um den Preis einer Sehnsucht nach Weite, Sonne und Meer sowie eines Kontaktverlusts zu den Elementen) &#8211; im Gegensatz zu den viel zu großflächigen und extremen Landschaften Amerikas, Rußlands, Asiens oder Afrikas. Heimat abzüglich extremer Dimensionen und Naturgewalten: gemütliche Landschaft, Gemütslandschaft. Man kann sich darin einrichten, ist dann gleichsam in der Natur zu Hause. Das ist sogar am Mittelmeer &#8211; sieht man von der Provence und der Toskana (nicht zufällig die beliebtesten Refugien deutscher Heimatflüchtlinge) ab &#8211; keine Selbstverständlichkeit. Die Entlastung vom Überlebenskampf forciert wiederum die Individualisierung: wo die Aufgabe oder der äußere Feind, der zusammenschweißt, fehlen, muß das Gemeinsame per Dekret gesetzt werden und kann doch das Auseinanderdriften der sozialen Bindeglieder nicht verhindern. Solidarisch sind Deutsche &#8211; Spendenaktionen hin, Aufbau Ost her &#8211; nur im Ausnahmezustand untereinander, und mangels Naturkatastrophen hieß das fast immer: im Krieg.<br />
Zweitens: Sprache ist Heimat, ja. Aber gerade nicht als die kontrollierte Hochsprache jener Intellektuellen, die sich notorisch darauf berufen; sondern als eine Mundart und Dichtung gemeinsame welterschließende, maieutische Grundstimmung, die jeden ergreift, der dem Sprachgeschehen als Medium ausgesetzt ist. Dialekt und Idiom, Geräusch und Geste, das wärmend-beruhigende Geschnatter der Muttersprache: Soundscape, die vom werdenden Bewußtsein durch alle Poren absorbiert wird, psychoakustisches Geleit in die Welt. Hingegen Hochsprache als Ersatzheimat: Ja. Das setzt voraus: Vertreibung, Auswanderung, Exil; intellektuelle oder künstlerische Weltfremdheit. Neuankömmlinge und Außenseiter, Zaungäste der gesellschaftlichen Betriebsamkeit bewahrt nur die Bildungssprache vor der Weltlosigkeit. Mit jener läßt sich drittens die Zweite Heimat gestalten: der Ort, an dem man seine Visionen verwirklicht, Resonanz und Anerkennung findet, Wahlverwandte, die zweite Liebe.</p>
<p><strong> Heimat braucht ein Gesicht</strong></p>
<p>&#8220;Es muß Hannover gewesen sein&#8221;, resümiert der Ich- Erzähler in Wolfgang Hildesheimers Tynset seine Kurzodyssee durch das anonyme Straßengewirr einer deutschen &#8220;Landeshauptstadt&#8221; &#8211; ein zwölfseitiger Alptraum, den nur der heitere Sarkasmus dieses Autors davor bewahrt, ins Horrorgenre abzugleiten. Heimat braucht ein Gesicht, auch Hannover, sonst ist sie keine. Gesicht ist nicht nur etwas, das man wiedererkennt, weil es nicht austauschbar ist, Gesicht meint immer auch: Angeblicktwerden. Diese Landschaft blickt mich an, heißt: sie ist so eingerichtet, daß auch ich mich in ihr wiedererkennen kann; ich werde wahrgenommen von der Umgebung, weil sie mir etwas widerspiegelt, was jenseits aller biographischen Empfindlichkeiten ganz elementaren Bedürfnissen meines Inderweltseins entspricht. Bedürfnissen nach Halt und Richtung, nach Maß und Transparenz, nach Proportionen und Abwechslung, Form und Rhythmus, Wiederholung und Differenz.<br />
Die Geltung solch anthropologischer Konstanten schien ein Jahrhundert lang außer Kraft gesetzt, im Prozeß der Moderne konnten sie nur als retardierende, als Störfaktoren registriert werden, frei nach der Devise: &#8220;die Überschätzung der Frage, wo man sich befinde, stammt aus der Hordenzeit, wo man sich die Futterplätze merken mußte.&#8221; Gleich zu Beginn seines abenteuerlichen Romanprojekts warnt Robert Musil mithin die Leser davor, in seinem Text jene vertrauten Orientierungen zu suchen, die sie im chaotischen Großstadtmilieu vermissen. Und nach absolviertem Parcours könnten wir ergänzen: Entscheidend ist nicht das Wo, sondern vielmehr das Wie des Befindens &#8211; also etwa ob (und wie) ich geliebt werde, welcher Arbeit ich nachgehe, mit wem ich befreundet bin, und vor allem: was mir durch den Kopf geht. An der Überschätzung der Standortfrage läßt sich daher umgekehrt auch der Grad an Atomisierung einer Gesellschaft bzw. an Orientierungslosigkeit der Individuen ablesen: &#8220;Wo ist das Problem?&#8221;, plappern seit zwei Jahrzehnten ganze Generationen von TV-Kids ihren importierten Helden nach. Sie suchen vergeblich, menschliche Probleme sind keine Defekte an Schaltkreisen. Der Mann jedoch, der die Eigenschaftlickeit seines Alter ego suspendierte, um ihn vor der Funktionalisierung seiner Begabungen zu bewahren, hatte nicht ohne Bitterkeit Ende der 30er Jahre in seinem Tagebuch notiert: &#8220;Exterritorialität des geistigen Menschen … in dieser Blut-, Boden-, Rasse-, Masse- Führer- und Heimatzeit.&#8221; Auch er hatte aus der Not eine Tugend gemacht, noch bevor er Wien verlassen mußte.<br />
Man kann im Kino zuhause sein, im Hinterhof oder im wissenschaftlichen Labor, an archäologischen Fundstätten oder in der Minimal Music. Man kann das alles sukzessive und mit zunehmenden Alter auch gleichzeitig sein. Und spätestens dann hat sich das Verhältnis von Territorium und Identität umgekehrt, sind die Futterplätze in die Weidegründe der Imagination eingewandert. Nur: wer ist &#8220;man&#8221;? Für wen ist diese transklassische Raum- und Zeitverortung persönlicher Selbstwahrnehmung repräsentativ? Auch Künstler, Wissenschaftler oder Diplomaten können den Kosmopolitismus, und dessen Gegenteil, die Heimatfixierung als psychopolitische Deformation &#8211; unterstellt, ohne Verlustkompensation nur beanspruchen, wenn sie bereits im Kindesalter häufig umziehen mußten oder mit dem Finger auf der Landkarte und dem Ohr an fremde Klänge und Geschichten auf die Reise gingen; erst frühe Mobilität bzw. Realitätsflucht schafft den notwendigen seelischen Reizschutz für jenen beruflichen Eigensinn, der dem Affekthaushalt wiederum eine relative Unabhängigkeit vom jeweiligen Aufenthaltsort sichert.</p>
<p><strong>Weltbürger klingt also gut,</strong></p>
<p>besagt aber &#8211; jenseits eines utopischen Rechtstitels &#8211; gar nichts. Genauso könnte ich mich als Angehöriger der Spezies homo sapiens definieren, der Gattung der Hominiden, der Familie der Primaten, der Ordnung der Allesfresser, der Klasse der Säugetiere, des Stammes der Wirbeltiere. Womit wir endlich bei den Universalien wären. Würde die Sprache allein unser Weltverhältnis bedingen, dann wäre unsere Überlebensfähigkeit auf das Gebiet unserer Sprachkompetenz beschränkt. Universalien, die diesen Namen verdienen, gibt es nur transkulturell, auf der Ebene sinnlicher, physischer Daten und Gegebenheiten. Hätte die Sprache das erste und letzte Wort, wir würden nicht japanisch essen oder afrikanisch tanzen können, wüssten nicht, wann Araber sich freuen oder Thailänder vor Wut statt vor Schmerzen schreien.</p>
<p><strong>Das Haus des Seins ist älter als alle Wörter, die es besetzt halten.</strong></p>
<p>Die primären Identitätszustände, Selbstbild und Selbstgefühl sind gebunden an Geschlecht, Alter und Temperatur, an Licht und Nahrung, Luft und Schlaf, in Jahrmillionen erprobten Biozyklen. Der wahre Kosmopolit wäre daher zunächst und vor allem einer, der den Neigungen und Empfindlichkeiten seiner Physis vertraut, die sich bekanntlich nicht danach schert, ob der Wind aus Rußland, der Wein aus Chile oder die Küsse aus Äthiopien kommen. Könnten wir statt &#8220;ich habe einen Körper&#8221; sagen: &#8220;Ich bin dieser Körper, den ich bewohne (als Person) und der mich sein läßt (als Gattungswesen)&#8221; &#8211; Heimat müßte nicht länger jenen phantasmagorischen Ersatz für die Entfremdung vom leibhaftigen Substrat der Existenz liefern, der als Ausdehnung der je individuellen Heimlichkeit ins Soziale beginnt und zur Überschwemmung öffentlicher Diskurse mit privatmythologisch kodierten Affekten, zu einer-sagen wir mal &#8211;  Tyrannei der Intimität ausufert.</p>
<p style="text-align: right;"><strong>Jürgen Gottschling </strong></p>
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		<title>Gebetsmühlenartig immer mal wieder: NPD-Verbot …</title>
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		<pubDate>Fri, 18 Nov 2011 23:48:14 +0000</pubDate>
		<dc:creator>admin</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Im Namen der Toleranz müssen wir das Recht beanspruchen dürfen, die Intoleranz nicht zu tolerieren. In vino veritas zum NPD Verbot: Für den Erfolg der NPD in Sachsen machte seinerzeit Innenminister Otto Schily barsch und öffentlich das Bundesverfassungsgericht mit einer „sehr problematischen Entscheidung“ verantwortlich. Das war ein mehr als ein dreister verbaler Übergriff, das war [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><img title="jurgen-gottschling.jpg" src="http://www.rundschau-hd.de/wp-content/uploads/2008/04/jurgen-gottschling.jpg" alt="jurgen-gottschling.jpg" align="right" /><br />
<strong>Im Namen der Toleranz<br />
müssen wir das Recht<br />
beanspruchen dürfen,<br />
die Intoleranz<br />
nicht zu tolerieren.</strong><br />
<strong>In vino veritas zum NPD Verbot:</strong></p>
<p><span id="more-1477"></span></p>
<p>Für den Erfolg der NPD in Sachsen machte seinerzeit Innenminister Otto Schily barsch und öffentlich das Bundesverfassungsgericht mit einer „sehr problematischen Entscheidung“ verantwortlich. Das war ein mehr als ein dreister verbaler Übergriff, das war unverfroren und so dumm und nachvollziehbar  gerade so falsch wie der neuerliche SPD-Vorstoß, das wieder aus der populistischen (?!)  Schublade hervor zu ziehen. Das von Schily gegen die NPD betriebene Verbotsverfahren nämlich war nicht etwa daran gescheitert, daß das Gericht den neonazistischen, antisemitischen und ausländerfeindlichen Charakter der NPD verneint hätte. Gescheitert ist der Antrag daran, daß der (sic) Bundesinnenminister und seine Mitstreiter nicht in der Lage waren, die für die Vorbereitung und Durchführung des Verbotsverfahrens zu fordernden rechtsstaatlichen Standards sicherzustellen. Dieser Versäumnisse wegen sah das Gericht keinen Raum für eine Entscheidung in der Sache &#8211; woran sich seitdem aber auch wirklilch gar nix geändert hat. Der Versuch, dem Bundesverfassungsgericht zur eigenen Entlastung die Haftung für das Übel NPD zuzuschieben, zeugte von einem mehr als dürftigen Rechtsstaatsverständnis Schilys.</p>
<p>In der Tat, seit dem spektakulären Auftritt<em> </em>der NPD Abgeordneten im sächsischen Landtag ist die Frage über den Umgang mit der NPD von aktueller Brisanz. Nicht zum erstenmal.<br />
Die gegenwärtige Renaissance der NPD nimmt sich aber dennoch eher bescheiden aus. Heute sitzen zwölf NPD-Abgeordnete im sächsischen Landtag. Sie sagen das, was ihresgleichen schon immer gesagt haben: Traurige Gestalten am rechten Rand, die, so schrill sie sich auch aufführen mögen, weit davon entfernt sind, die Demokratie zu gefährden. Daß jetzt eine Lex NPD zur Einschränkung der Versammlungsfreiheit durch sämtliche Lesungen gepeitscht sowie ein mit dürftigen Anträgen eingeleitetes, im V-Leute-Sumpf stecken gebliebenes Verbotsverfahren wieder angeschoben werden soll, spricht nicht gerade für die Urteilskraft der politischen Klasse.</p>
<p><img title="npd.jpg" src="http://www.rundschau-hd.de/wp-content/uploads/2008/04/npd.jpg" alt="npd.jpg" align="left" /></p>
<p>Sicher, es gibt Anhaltspunkte für Bündnisse mit gewaltbereiten Neonazis und Skinheads.</p>
<p>Bei näherem Hinsehen<em> </em>aber findet sich wenig Gerichtsverwertbares. Im Kern ist die Partei eine deutschtümelnde Nationalistensekte mit rassistischen und antisemitischen Einschlägen, die personelle und aktionsbezogene Berührungspunkte zu Neonazis aufweist.</p>
<p>Die deutsche Demokratie koexistiert mit dieser Partei seit 1964.</p>
<p><strong>Worin also liegt die Gefahr?<br />
Ist das überhaupt erlaubt? </strong></p>
<p>Ohne Zweifel, der Auftritt der NPD-Abgeordneten im sächsischen Landtag, die eine Gedenkminute für die Opfer des Nationalsozialismus boykottierten, war eine üble Provokation. Aber seit wann sind politische Provokationen ein Verbotsgrund? Die Sonntagsredner rühmen unsere Demokratie als Paradies der Meinungsfreiheit und Bürgerrechte, als Hort ungehemmter Opposition, als Forum des Wettbewerbs der Parteien. Doch kaum bezeichnen einige Nationaldemokraten die alliierten Luftangriffe auf Dresden als „kaltblütig geplanten industriellen Massenmord an der Zivilbevölkerung“ (was sie waren) und versteigen sich in Analogien wie Bomben-Holocaust, schon kommt die bange Frage auf: Ist solches Treiben überhaupt erlaubt? Am übelsten, so scheint es, nimmt man diesen Leuten ihre Sabotage der etablierten Gedenkveranstaltungen: Die verlassen demonstrativ den Saal, wenn anständige Leute der Opfer des Holocaust gedenken? Läßt sich das verbieten?</p>
<p>Nach Artikel 21 Absatz 2 GG können Parteien als &#8220;verfassungswidrig&#8221; verboten werden, „die nach ihren Zielen oder nach dem Verhalten ihrer Anhänger darauf ausgehen, die freiheitliche demokratische Grundordnung zu beeinträchtigen oder zu beseitigen“. Auch wenn Juristen allerhand hineininterpretieren können: Da steht einfach nichts vom richtigen Umgang mit der Geschichte. In Zeiten, da die Leidensgeschichte der deutschen Vertriebenen und Luftkriegsopfer wiederentdeckt wird, spitzen sich Erinnerungskonkurrenzen und Erinnerungskonflikte zu.</p>
<p><strong>Ruf nach dem Staatsanwalt: Falscher Text</strong></p>
<p>Wie aufklärend es wirkt, daß wenigstens im Parlament die freie Rede kompromißlos geschützt wird &#8211; dies zu bemerken könnte ein Kollateralnutzen des Eklats sein. Da haben selbst Parlamentarier etwas zu lernen. Denn kaum hatten (damals) Grüne und CDU im sächsischen Landtag nach dem Staatsanwalt gerufen, wurden sie von diesem mit dem Hinweis auf die Indemnität eines Besseren belehrt: Nach Artikel 46 GG und entsprechenden Regeln in den Verfassungen der Länder darf ein Abgeordneter „zu keiner Zeit“ wegen einer Äußerung im Parlament „gerichtlich oder dienstlich verfolgt werden“. Weil man sich aber hierzulande an Paragraphen gewöhnt hat, die die Meinungs- und Redefreiheit einschränken, findet man gar nichts dabei, daß als Volksverhetzer nach Paragraph 130 bestraft wird, wer den NS-Völkermord öffentlich „billigt, leugnet oder verharmlost“. Kann es angehen, daß Parlamentarier freier reden dürfen als einfache Bürger? So kommt es, daß der Parlamentarische Geschäftsführer der Unionsfraktion einen Antrag auf Änderung des Grundgesetzes ankündigte: Danach will man die Volksverhetzung von der Indemnität ausnehmen, auf daß gewissen Parlamentariern das Maul gestopft werde. Aber wo, wenn nicht im Parlament, wäre der richtige Ort, sich mit Rechtsradikalen geistig auseinander zu setzen? Hier muß ganz exemplarisch die harte politische Debatte geführt werden. Mit allen über alles. Demokraten sollten sich daher auf den Ernstfall einstellen: daß sich auch hierzulande eine parlamentarische Rechte etabliert.</p>
<p><strong>Bekannte Ausgrenzungsreflexe </strong></p>
<p>Weil man aber schon mal beim Verbieten ist, fällt einem stattdessen ein, daß sich diese Leute ja zuweilen auf unsere Straßen wagen. Schon seit Jahren graust nicht wenige Innenpolitiker die Vorstellung, NPD-Horden könnten einmal mehr durchs Brandenburger Tor ziehen oder gar an der Holocaustgedenkstätte ihre Geisteshaltung vor aller Welt demonstrieren. Also zog Innenminister Schily (und zieht jetzt die SPD) eine längst inflationäre Vorlage zur Verkürzung der Versammlungsfreiheit aus der Schublade: Eine Demonstration, die „an einem Ort stattfindet, der in eindeutiger Weise an die Opfer einer organisierten menschenunwürdigen Behandlung erinnert und die geeignet und dazu bestimmt ist, diese menschenunwürdige Behandlung zu billigen, zu leugnen oder zu verharmlosen“, soll verboten werden dürfen. Möcht man ja (eigentlich!) auch …</p>
<p>Auch Lea Rosh hat die exklusiven Besitzansprüche der guten Deutschen auf das Holocaust-Denkmal mit der Forderung nach einer Bannmeile verbunden und erklärt: „Ich hätte es nicht gerne, wenn die NPD hier aufmarschiert und Faxen macht.“ Der gereizten Verbotsdebatte um die NPD, die seit einigen Jahren schwelt, fehlt ein Mindestmaß an Klarheit und Entschiedenheit. Man traut sich weder, richtig zu verbieten, noch richtig die offene politische Auseinandersetzung zu führen. Also prüft man Verbotsanträge und rührt im grauen Brei der Empörung. Neuland ist nicht in Sicht im Umgang mit unseren rechtsradikalen Mitbürgern. Ihre Provokationen wecken nicht etwa demokratisches Selbstbewußtsein und Streitlust, sondern die bekannten Ausgrenzungsreflexe und eine erstaunliche Angst vor der Freiheit.</p>
<p>Halten <strong>wir</strong> dagegen fest: Es gibt heute so wenig einen vernünftigen Grund, die NPD zu verbieten wie vor drei, zehn oder zwanzig Jahren. Eine legale Partei darf aber nicht nur demonstrieren, sondern auch gleichberechtigt von der Parteienfinanzierung profitieren und alle Rechte der (außer-)parlamentarischen Opposition ausschöpfen. Anstatt das zu bejammern, könnte man sich ja endlich vielleicht auf die nahe liegende Möglichkeit besinnen, diese „unerträglichen“ Leute, solange sie friedlich bleiben, in alle nur erdenklichen Formen der demokratischen Willensbildung einzubeziehen. Genau dies aber empfindet eine Mehrheit als Zumutung. Mehr noch als über einzelne Provokationen zeigt man sich indigniert, daß es Parteien wie die NPD überhaupt gibt.</p>
<p>Das Schlimmste zum Schluß: Die „hohen Hürden“, die nun vielfach beklagt werden, sind keine. Schily und die Innenminister in den Ländern hätten nur (und da muß gefragt werden dürfen, in wie weit die Glatzen V-Männigen Glatzen folgen, die Ihren Job noch n paar Jahre machen wollen) ihre V-Leute, mit denen sie die NPD nach wie vor infiltrieren und bespitzeln lassen, beizeiten zurückziehen: Dann stünde einem neuem Verbotsantrag nichts im Wege. So nachzulesen im Einstellungsbeschluß des Verfassungsgerichts vom 18. März 2003. Aber dazu waren die Innenminister ebenso wenig bereit wie zu einer Reform ihrer so nutzlosen wie illiberalen Überwachungspraxis. Wiewohl wir gegen ein Verbot sind, wünschen wir fragen zu dürfen: Warum ist das so? Und tun es …<br />
<strong>Ideologischer Verfassungsschutz</strong></p>
<p>Ob sich (jetzt)am Ende eine Mehrheit von sechs Verfassungsrichtern findet, die ein Verbotsurteil trägt, ist eine andere Frage. In der Staatsrechtslehre ist immerhin umstritten, ob abstrakte Gefahren für die Grundordnung genügen, eine Partei zu verbieten. So muß gehofft werden dürfen, daß der ideologische Verfassungsschutz, wie er im KPD-Urteil von 1956 zelebriert wurde, heutzutage nicht einfach recycelt wird. Aber man sollte nicht allzu viel auf den Fortschritt der Selbstaufklärung setzen.</p>
<p>Vorherrschend ist nach wie vor ein von konkreten Gefahren losgelöstes Präventionsdenken. Deshalb sind die Verbotsbefürworter durch die Bank weg auf die anstößigen Ziele einer Partei fixiert. Ohne zu reflektieren, daß Artikel 21 Absatz 2 GG eine demokratieverträgliche Alternative bietet: das gewaltsame &#8220;Verhalten ihrer Anhänger&#8221;. Weil aber unsere &#8220;streitbaren&#8221; Demokraten nichts davon wissen wollen, daß Militanz der einzig diskutable Grund ist, eine Partei zu illegalisieren, verfallen sie bei jeder Gelegenheit in begriffslose Verbotsschwafelei. Ihr Verständnis von Freiheit hält keiner wirklichen Belastungsprobe stand. Hier trifft sich der gute alte autoritäre Staat der 50er und 60er Jahre mit den antifaschistischen Ausgrenzungsreflexen im Amt ergrauter Achtundsechziger. Es gibt viele Arten, eine Partei zu diskriminieren; die wenigsten davon sind in dieser Demokratie erlaubt. Darum ist es so wichtig, auch die Freiheit der NPD zu verteidigen: Die Frage, wie weit legale Opposition gehen darf, betrifft die Freiheit aller.</p>
<p>Demokraten sollten sich auf den Ernstfall einstellen, daß sich auch hierzulande nach der populistischen &#8220;LINKEN&#8221; eine parlamentarische Rechte etabliert.<a href="http://www.yasni.de/ext.php?url=http%3A%2F%2Fwww.vho.org%2FVffG%2F1999%2F2%2FZornig208.html&amp;name=Jürgen+Gottschling&amp;cat=filter&amp;showads=1"> Treten wir den Rechten entgegen</a>, wo immer wir sie treffen!</p>
<p>Ja: Es ist, wünscht <strong>Jürgen Gottschling</strong> meinen zu dürfen, die wirksame Denunziation des Faschismus von heute notwendig. Nicht seine zartfühlende Analyse. Aber, und zu guter Letzt:<br />
„Sehr problematisch“ &#8211; um in der Sprache des wabernden Schilys zu bleiben &#8211; ist nicht die Entscheidung des Bundesverfassungsgerichtes, sondern die einen fassungslos machende Gedankenlosigkeit der öffentlichen Reaktion eines ehemaligen Bundesinnenministers, dem traditionell auch die Rolle eines Verfassungsministers zugewiesen ist.</p>
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		<title>Spiel des Scheins als das in der Tat allein Wirkliche?</title>
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		<pubDate>Tue, 07 Jun 2011 17:44:53 +0000</pubDate>
		<dc:creator>admin</dc:creator>
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		<category><![CDATA[Essay]]></category>
		<category><![CDATA[In vino veritas]]></category>
		<category><![CDATA[Sapere aude]]></category>

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		<description><![CDATA[beim spaziergang heut&#8217; duftete der weg nach herbst der sommer weint Altern ist Schicksal, biologische Notwendigkeit und auch ein grundsätzliches strukturelles Merkmal einer aus evolvierenden Strukturen bestehenden Welt. Alles altert – und stirbt: Fixsterne, Mineralien, Zellen, Lebewesen und Systeme von Lebewesen. Warum sollte das Altern des Menschen hiervon eine Ausnahme bilden und eine lästige Krankheit [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><strong>beim spaziergang heut&#8217;</strong><br />
<strong>duftete der weg nach herbst</strong><br />
<strong>der sommer weint</strong></p>
<p><span id="more-6524"></span>Altern ist Schicksal, biologische Notwendigkeit und auch ein grundsätzliches strukturelles Merkmal einer aus evolvierenden Strukturen bestehenden Welt. Alles altert – und stirbt: Fixsterne, Mineralien, Zellen, Lebewesen und Systeme von Lebewesen. Warum sollte das Altern des Menschen hiervon eine Ausnahme bilden und eine lästige Krankheit sein, die man eines Tages mit dem Fortschritt der Medizin würde heilen können? – Eine völlig unsinnige Vorstellung. Freilich kann der Mensch als  bewußt lebendes Individuum sich den Untergang seines Ichs, seines Geistes, seines Bewußtseins kaum vorstellen; eher schon den Verfall und Untergang seines Körpers, der Materie, der trägen Masse.</p>
<p><strong>Religionen und der Tod </strong></p>
<p>In der Weisheit der Upanishaden des Hinduismus lernen wir, daß der Mensch schließlich Brahma erlangen wird. Es ist die Lehre der Bhagavad-Gita, daß die Seele unsterblich und daß Erlösung möglich ist durch den Kreis von Wiedergeburt und neuem Tod. Der Jainismus lehrt die Unsterblichkeit der Seele. Der Eintritt ins Pari-Nirvana, wie ihn der Buddhismus verkündet, erlöst den Buddhisten vom Zyklus der Wiedergeburt. Das griechische Denken von Plato an bestätigte die Unsterblichkeit der Seele, und im Zoroastrismus findet sich ein starker Glaube an die Unsterblichkeit der materiellen Welt. Seit der Zeit des Frühjudentums bekennt sich die jüdische apokalyptische Erwartungshaltung eindeutig zur Auferstehung. Das Christentum hat stets die Unsterblichkeit der Seele, die Auferstehung des Leibes und das ewige Leben verkündet. Im Islam gibt es eine Lehre von Paradies und Hölle als ewigem Los der Toten. Und wir? Wir meinen, es gelte, den Materiebegriff im Angesicht der Ideen über Evolution zu revidieren: Materie ist kreativ.</p>
<p>Die träge Masse geht mit dem Tod und der Verwesung in den allgemeinen Materie-Strom über. Was aber – fragen wir (und wagen eine Antwort), geschieht mit der kreativen Materie? Vermutlich wird sie sich neu im Evolutionsfeld ordnen. Dies überschreitet jedoch deutlich die Grenzen unserer Betrachtungen. Und ist Metaphysik.</p>
<p><strong>“Die Welt des Glücklichen” -<br />
</strong></p>
<p>so Wittgenstein,”ist eine andere als die des Unglücklichen. Wie auch beim Tod die Welt sich nicht ändert, sondern aufhört”. Und wer nun eben drum, oder weshalb auch immer, dies möchte: Aus welchem Grund auch immer austreten aus diesem Jammertal, nicht mehr weiterleben, dem wird keine Hilfe zuteil. Würdig sterben, davor hat unsere Gesellschaft Apparatemedizin, religiösen Zauber und (darauf basierend) Gesetze gesetzt. Und wer sich nun aber selber &#8220;auf den Weg begeben&#8221; mag, ein potentieller “Selbstmörder” wäre? &#8211; den wir fortan lieber Freitod nennen wollen.</p>
<p><strong>Kriminalisierung des Freitodes</strong></p>
<p>Der Beitrag der Kirche zur Kriminalisierung des Freitodes ab dem 5. Jahrhundert ist ebenso eifrig, wie brutal – und verspätet. Mit durchaus nämlich einigem Recht darf die Urkirche verdächtigt werden, durch den Märtyrerkult zum Freitod angestiftet zu haben, der als Eintrittskarte ins Reich der Seligen galt. Hatte nicht der Heilige Petrus – seinem göttlichen Mentor gleich – freiwillig den Tod gesucht? “Niemand entreißt mir das Leben, sondern ich gebe es aus freiem Willen hin. Ich habe Macht, es zu lassen und habe Macht, es wieder zu nehmen”, legt der Evangelist Johannes (10,18) Christus in den Mund. Auch, dass der “Tod besser ist, als ein bitteres Leben”, läßt sich in der Bibel (Sirach 30,17) lesen. Im 3. Jahrhundert spinnt Tertullian, einer der Kirchenväter, das Thema weiter aus: “Der Gott Christus ist nur deshalb gestorben, weil er damit einverstanden war. Gott steht nicht unter der Herrschaft des Fleisches”.</p>
<p><strong>“Du sollst nicht töten”</strong></p>
<p>Im 4. Jahrhundert dann aber kommt es Augustinus in den Sinn, nachzuweisen, dass der “Selbstmord eine abscheuliche und verdammenswerte Schlechtigkeit ist” und das biblische Gebot “Du sollst nicht töten” auch für die eigene Person zu gelten habe. Diese plötzliche theologische Entdeckung, die &#8211; was Wunder &#8211; als ewige Wahrheit präsentiert wird, veranlaßt Jean-Jaques Rousseau – dem wir uns ausdrücklich anschließen &#8211; trotzig zu polemisieren: “Die Christen haben die Grundregeln über den freiwilligen Tod weder aus den Prinzipien ihrer Religion noch ihrer einzigen Richtschnur, welche die Heilige Schrift ist, sondern allein aus den Werken heidnischer Philosophen entnommen: Lactantius und Augustinus, welche zuerst die neue Lehre verkündet haben, von der Jesus Christus und die Apostel nicht ein einziges Wort gesagt hatten, stützten sich nur auf die Beweisführung im Phädon; auf daß die Gläubigen, welche hierin der Autorität des Evangeliums zu folgen glauben, nur der des Plato folgen.”</p>
<p><strong>Herrschende Ideologie &amp; Wende</strong></p>
<p>Die verbreitete Lehrmeinung, Freitod sei vom Teufel, fällt in die Periode, in welcher Kirche – im römischen Reich lediglich subversive Sekte – zur Macht aufsteigt und die herrschende Ideologie produziert. Von Stund an widmet sie sich der Beherrschung dieser Welt, statt ihre Schäfchen zu ermuntern, sich der jenseitigen (“… mein Reich ist nicht von dieser Welt”) anzuschließen. Von Konzil zu Konzil wird nun das kanonische Recht der Selbsttötung repressiver, greift noch heute in die längst notwendige Diskussion um Freitod und Sterbehilfe ein. Freitod und Sterbehilfe, von Religionen und nicht zuletzt eben deshalb auch von der Gesellschaft verdammt, läßt diese Privilegien des Humanen als ein Vergehen erscheinen, als unnatürlichen und absurden Akt. Hat nicht aber schließlich auch der “natürliche” Tod sein Unnatürliches und Skandalöses?</p>
<p><strong>Freitod als Todesart noch frei</strong></p>
<p>Noch im Schraubstock der Zwänge ist Freitod als Todesart allemal frei: Kein Karzinom frißt mich auf, kein Infarkt fällt mich, keine Urämiekrise nimmt mir den Atem. Freitod oder die Möglichkeit zum Freitod: Vielen durchaus jetzt und hier noch gerne Lebenden gilt das am Horizont als die allerletzte und vielleicht auch einzig realisierbare dauerhafte Freiheit. Und auch als der letzte Widerstand, dem keineswegs etwas von Resignation anhaften muß. Wie lange noch müssen Menschen Angst haben, mitten im Leben, weil zu befürchten ist, daß kein Arzt bereit ist, sie eines Tages durch aktive Euthanasie zu einem würdigen, vom Kranken ersehnten und durch sorgfältige Sicherungsmaßnahmen geschützten Tod zu geleiten? Ist es wirklich unabdingbar, daß Menschen niemals gelassen, ruhig und furchtlos leben dürfen, weil die Angst vor dem Tod in Würdelosigkeit und unverschuldetem kindischen Gebaren ständiger Begleiter ist?</p>
<p><strong>In Würde sterben</strong></p>
<p>Warum darf ein Mensch nicht sterben, sondern muß sich sterben lassen? – einem Entsetzen preisgegeben, das mit Leben, Würde und Humanität nichts mehr zu tun hat, sondern Schmerz- Ekel- und Apparate-Dasein ist: mit einer Lähmung bis zum Hals, mit der Einkerkerung in eiserne Lungen, mit der Nichtexistenz der an Geist und Körper Zerstörten?<br />
Dass mit der Bitte Schwerstkranker um Sterbehilfe an Ärzte deren Grundsätze angegriffen werden, dass ihr Streben auf Lebensverlängerung eher gegen Lebensqualität gerichtet ist, das ist ein zentraler Punkt der Diskussion um Sterbehilfe und Freitod. Gegen das Dilemma, vor dem die Ärzte heute stehen und in dem sie in Zukunft immer häufiger sich befinden werden, setzen wir als einzige Möglichkeit, dieses &#8211; für sie wahrlich dilemmatische &#8211; Problem zu lösen, eine Revolutionierung ärztlicher Grundhaltung. Mediziner müssen lernen, sich der Verantwortung zu stellen, die mit der Lebensverlängerung ebenso verbunden ist, wie mit der Frage des &#8211; würdigen &#8211; Sterbens. Ärzte haben den Mut aufzubringen, sich mit den Konsequenzen ihres Könnens auseinanderzusetzen und sich zu guter Letzt bereitfinden, Hilflosen in ihrem unzweifelhafte Begehren bei der Beendigung unnötigen Leidens zu helfen. Das Leben ist nun mal unheilbar, damit müssen auch Mediziner leben.</p>
<p><strong>Gnade, Trost und die unerhörte Freiheit ambitionslosen Lebens!</strong></p>
<p>Alt werden, würdig alt werden im Hinblick auf den Tod, kann eines der größten Ziele eines recht gelebten menschlichen Lebens sein. Goethe sagt in den “Maximen und Reflexionen”: “Alt werden heißt, selbst ein neues Geschäft antreten, alle Verhältnisse verändern sich, und man muß entweder zu handeln ganz aufhören oder mit Willen und Bewußtsein das neue Rollenfach übernehmen”. Alter kann eine unerhörte Freiheit bringen. Man braucht keine Ambitionen mehr zu haben, muß sich nicht mehr profilieren, das Leben geschieht sozusagen freiwillig.</p>
<p>Gestorben hingegen wird am Rand der Welt. Die schöpferische Welt: Die evolutive Welt des Urknalls, der Spiralnebel, Planetensysteme, Ursuppen und Welten des Geistigen sind ewig.</p>
<p>Tod ist immer individuell, jedem muß, wann immer es gewollt wird, das Zurückfallen in das Ganze erlaubt sein. Aus dem Chaos am Rande der Welt nährt sich ihre Ordnung. Und nährt sich so aus ihren Toten, die wieder in sie eingehen? Aber vielleicht ist ja auch die Welt, um eine Formulierung des geistreichen Physikers Georg Christoph Lichtenberg zu übernehmen, “ein Messer ohne Klinge, bei dem der Griff fehlt”: Und das Spiel des Scheins wäre dann in der Tat das allein Wirkliche.<br />
<strong> </strong></p>
<p style="text-align: right;"><strong>Jürgen Gottschling</strong></p>
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		<title>in vino veritas: Der Mai ist gekommen, die Gewerkschaften schlagen ?</title>
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		<pubDate>Mon, 02 May 2011 08:37:09 +0000</pubDate>
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				<category><![CDATA[Allgemein]]></category>
		<category><![CDATA[In vino veritas]]></category>
		<category><![CDATA[Zeitgeschehen]]></category>

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		<description><![CDATA[Seit 44 Jahren (ich damals 25) gibt es 67: Doch was ist von der Studentenbewegung geblieben? Die Revision einer linken Geschichte: Um 1968 liegt ein Vorhof von Imperativen. Etwas Unerledigtes dauert fort. Keine andere Episode der Bundesrepublik hat, merkwürdig genug, die Kraft, einen derart frisch gereizten Furor auszulösen. Ich kenne keinen Weggefährten von damals (jedoch [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><img title="jurgen-gottschling.jpg" src="http://www.rundschau-hd.de/wp-content/uploads/2008/05/jurgen-gottschling.jpg" alt="jurgen-gottschling.jpg" align="right" />Seit 44 Jahren (ich damals 25) gibt es 67: Doch was ist von der Studentenbewegung geblieben?  Die Revision einer linken Geschichte: Um 1968 liegt ein Vorhof von Imperativen. Etwas Unerledigtes dauert fort. Keine andere Episode der Bundesrepublik hat, merkwürdig genug, die Kraft, einen derart frisch gereizten Furor auszulösen. Ich kenne keinen Weggefährten von damals (jedoch habe ich am Vorabend zum 1. Mai in der (Heidelberger)  &#8220;Alten Aula&#8221; und im (sic) <strong>d</strong>(eutsch)<strong>a</strong>(merikanischen)<strong>i</strong>(nstitut&#8221; solcher einige gesehen),  der in der Siegestoga des 68er-Revolutionärs herumstolziert. Typisch hingegen sind eher Selbstironie, sarkastische Tonlage und – ja, doch! – gute Laune. Die narzisstische Mitgift von 68, die Selbstachtung, kann man dankbar eingestehen. Aber das Unerledigte interessiert hier. Was hält 68 aktuell, was löst immer noch Verurteilungszwänge aus?<span id="more-1532"></span></p>
<p><strong>Prima Klima </strong></p>
<p>In den vergangenen Jahrzehnten gab es nur einen, sehr ambitionierten Versuch, sich mit der 68er- Erbschaft kritisch auseinanderzusetzen: den Kongress „Prima Klima“ 1986 in Frankfurt. Meine Erinnerung an die Vordiskussionen ist stärker als die an den Kongress selbst. Da war es wieder, das Gefühl der Teach-ins, der SDS-Debatten: die Intensität, die langen Redebeiträge.</p>
<p>Auf dem Kongress selbst war der Appell zur Selbstkritik, ja doch, ein ceterum censeo. Von Anfang an gab es zwei gegenläufige Motive,  beschworen wurde das Gespenst einer zweiten Restauration: Der lange Marsch sei, war zu hören, nicht durch die Institutionen gegangen, er drohe heute vollends in ihnen, in der brüchigen, destruktiven Normalität des Alltags zum Erliegen zu kommen. Die Gegenposition: Die Rede vom Scheitern der 68er und vom alles erstickenden Zeitgeist der BRD sei falsch. Dem Selbstkritikappell stellte sich allein Christian Semler. Ziemlich tonlos räumte er „unverzeihliche Fehler“ ein und betonte, man habe die Demokratiebewegung in Osteuropa unterschätzt. Er war der Einzige, der Osteuropa überhaupt erwähnte.</p>
<p>Es war ein typischer 68er-Kongress: Die unerledigte Vergangenheit lastete wie ein Bann über ihm. Dass nur drei Jahre später das vertraute Gebäude unserer Welt zusammenbrechen und mit dem Mauerfall eine neue Zeitrechnung beginnen würde, schien kein Redner zu ahnen. Der Saal leerte sich, und übrig blieb die Frage, wer den Müll beseitigt.</p>
<p><strong>Dutschkes Stimme </strong></p>
<p>Alle, die heutzutage meinen, die 68er seien an allem schuld, und sich jetzt anstrengen, den Mythos endgültig auszuradieren, sind nur Epigonen der 68er. Die Selbstliquidation begann schon 1969. Die K-Gruppen stellten sich ausdrücklich gegen alles, was vorher war. Die „kleinbürgerlichen“ Studenten mit ihren „links- oder rechtsopportunistischen“ Verirrungen mussten „überwunden“ werden. Die Spaltung verschlang auch das Private, ich verlor mit einem Schlag Freunde &#8211; bei Axel Springer in Campen auf Sylt zu Gast gewesen). Die gerade noch langhaarigen Genossen kehrten im Namen des Proletariats zum Façonschnitt zurück und widmeten sich ihrer zwölfstündigen Parteiarbeit.</p>
<p>Welch traurige Grotesken die Linientreue hervorbringen konnte, zeigte die große Vietnamdemonstration im Januar 1973 in Bonn, zur Zeit der Tet-Offensive des Vietkong. Rudi Dutschke sollte erstmals nach dem Attentat auf ihn wieder reden. Die Demonstranten jubelten, als sie seine Stimme, die Stimme von 68, wieder hörten. Aber die K-Gruppen-Organisatoren hatten ihm das Ehrenwort abgezwungen, nicht wieder die Studentenbewegung auszurufen. Anstelle der „Sieg im Volkskrieg“-Arien warnte er vor der Möglichkeit einer Niederlage. Hinter ihm stand ein Partei-Aufpasser, der laut den Ablauf seiner Redezeit skandierte.</p>
<p>Ab 1969 trieb die Bewegung in die krude Alternative: Organisation oder Gewalt. Der Wirklichkeitsverlust der Haschrebellen- oder Tupamaro-Milieus konnte dabei mit den Kaderorganisationen durchaus mithalten. Hier beginnen die schwarzen Löcher vieler Biographien. Als sich die RAF gründete, gab es auch wieder richtige und falsche Genossen. Die Richtigen lieferten Geld, Wohnungen, Pässe; die Mehrheit machte aus gesunder Skepsis nicht mit. Aber viele hatten den Boden unter den Füßen verloren. „Die Bewegung“ verarmte politisch, aus der Gesellschaft wurde das „Schweinesystem“: Die politische Sprache infantilisierte oder erstarrte im Parteikauderwelsch. Radikalere Dementis der antiautoritären Lust an der Kritik sind kaum denkbar.</p>
<p>Problematisch ist dabei, dass der radikal-obsessive Bruch unbegriffene Kontinuitäten erleichterte. Tradiert wurden gleichwohl Solidaritätszwang, Feindbilder, Opferkult, Ausblendung der Mehrheitsgesellschaft und die Neigung, den Minderheitenstatus zu verewigen. Unerschütterlich auch die Links/Rechts-Trennung, verbunden mit der Überzeugung, links seien die besseren Menschen.</p>
<p>Ironie der Geschichte: Während in den Metropolen Berlin, Frankfurt und Hamburg die Linienkämpfe tobten, eroberte 68 die Provinz. Der Impuls der antiautoritären Bewegung zersetzte den Obrigkeitsstaat; die lebensreformerische Tendenz und ihre Institutionen, die WGs, Kinderläden und Stadtteilgruppen pflanzten sich ungebrochen fort. Als die alte Bundesrepublik zu Ende ging, erkannte die westdeutsche Linke, dass es immer ihre Republik gewesen war, die nun vergoldet in der Abendsonne aufleuchtete.</p>
<p><strong>&#8220;Für eine bessere Zukunft&#8221;</strong></p>
<p>Die Datierungsfrage ist keine Pedanterie: „68“ war 67. Bis dahin hatte links von der SPD das politische Nichts gelegen, der SDS besetzte diese Stelle. 1967 war noch alles zusammen: Die große Welle des Aufbegehrens, die Auseinandersetzung auf der Straße, Teilhabe an den weltweiten Protestbewegungen, neue Lebensformen. Auch die Gewaltfrage war präsent. Aber es ging noch um „Gegengewalt“, und das wurde auch so verstanden. Der 2. Juni und der Tod von Benno Ohnesorg waren der große Schock. Nie wieder hat es soviel Kritik, Aufklärung und gemeinsame intellektuelle Anstrengung gegeben wie nach diesem Schock. Aus der antiautoritären Bewegung war unversehens eine politische Kraft geworden.</p>
<p>68 selbst war ein Jahr des Übergangs. Der internationale Vietnamkongress gab das Gefühl eines globalen Zusammenhangs. Das Attentat auf Rudi Dutschke am 11. April provozierte den Angriff auf die Springerzentrale. Die Osterunruhen wurden als emanzipatorische Gewalterfahrung gefeiert. Die SDS-Parole „Vom Protest zum Widerstand“ mobilisierte die Provinz. Der Zulauf der „revolutionären“ Lehrlinge und jungen Arbeiter wurde bejubelt, nun zählten allein die „Etappen“ des Kampfes. Im November wurden bei der „Schlacht am Tegeler Weg“ mehr Polizisten als Demonstranten verletzt. Die „Etappen“-Philosophie verlangte, das „Militanz-Niveau“ festzuhalten. Hellmut Gollwitzer riskierte viel, als er die Trennung von „Gewalt gegen Sachen“ und „Gewalt gegen Menschen“ vorschlug. Die Angst war größer, dass die Chance, die Verhältnisse zum Tanzen zu bringen, durch ein Innehalten vertan werde. Das große Gefühl war verflogen, die privaten Tragödien begannen.</p>
<p><strong>Ohnmacht = Allmacht = Macht?</strong></p>
<p>Wir waren weder als narzisstische Egomanen determiniert, den Totalitarismus unserer Väter zu wiederholen, noch können wir uns vom bitteren Nachher distanzieren. Es waren die Erfahrungen von 67 selbst, das exzentrische Glück, die unverhoffte Möglichkeit einer besseren Welt, die uns überwältigt hat. Selbst die Gewalt hatte etwas zu tun mit dem gewalttätigen Festhalten an dem einzigartigen Gefühl, dass sich der Horizont öffnet. Dass es oft die besten Motive sind, die am schrecklichsten pervertieren können, dass vor allem aus dem Guten das Böse entspringt, ist noch heute schwer zu akzeptieren. Selbstkritik aber muss beides zusammen sehen, die große Erfahrung und ihre bestürzenden Verwandlungen.</p>
<p>Das große Gefühl: Nein, kein Hedonismus. Die Männer erstrahlten in juveniler Virilität, aber die Frauen entdeckten schnell, dass sie in Wahrheit grüne Jungs waren. Die legendäre Kommune 1 war nicht hedonistisch, sondern leistungsorientiert. Genial, wie sie begriff, dass sie Projektionsfläche für die unruhige Jugend war, und damit politisch spielte.</p>
<p>Das große Gefühl war etwas anderes. Richtig ermessen kann es nur, wer den Gefühlsabsturz danach erlebt hat. Bis zum 2. Juni 67 waren unser Lebensgefühl und unsere zeitgeschichtliche Analyse ziemlich identisch: Als radikale außerparlamentarische Opposition hatten wir keine Chance. Die „Spiegel“-Affäre, die geplanten Notstandsgesetze, die Große Koalition, der erste Tote: Wir standen mit dem Rücken zur Wand. Und dann begann die Welt, sich um uns zu drehen. Plötzlich waren wir es, die die Politik zu Reaktionen zwang. Die Wende von der Ohnmacht zur Allmacht: Wir konnten tatsächlich unsere eigene Geschichte schreiben. Das Gefühl verstärkte sich, als die enthusiastische Erfahrung sexueller Befreiung hinzukam. Was Wunder, dass unsere Augen blitzten.</p>
<p><strong>Der große Zusammenhang </strong></p>
<p>Eine Doppelhelix der sich gegenseitig steigernden Revolutionserwartung bannte uns. Die Revolte in der ganzen westlichen Welt. Die Kulturrevolution. Dutschke proklamierte, Che sei aufgebrochen in den Urwald. Und wohin brechen wir auf? Wir waren frei vom Sog der Nazi-Vergangenheit, wir gehörten der Welt. Der Film „Viva Maria“ lehrte, dass die Inszenierung der Revolution die Revolution macht. Der revolutionäre „Prozess“ ging auch in die Tiefen der Kindheit. Es galt, die „autoritäre Persönlichkeit“ zu zerstören. Es war ein Trip. Die Realität zerschlug diesen großen Zusammenhang. Wir revidierten ihn nicht wirklich, sondern trugen eine Verlusterfahrung weiter. Vielleicht gab es eine Scham über den Abflug in den Trip.</p>
<p><strong>Der große Erfolg </strong></p>
<p>Apologien sind langweilig. Die Erfolge von 68 liegen irgendwo zwischen dem Satz „Die 68er sind an allem schuld“ und der These, dass 68 nur eine Randerscheinung eines gesellschaftlichen Umbruchs war. Dass „Nachgeborene“ freilich mit einem Gefühl politischer Impotenz studieren, wenn sie an 68 denken, kann nicht froh stimmen.</p>
<p>Ohne Freude am Paradox ist eine ernsthafte Beschäftigung mit 68 allerdings kaum denkbar. Die List der Geschichte war zumindest so mächtig wie die Revolte: 68 scheiterte an dem, was es wollte, und war erfolgreich mit dem, was es nicht wollte. Wir bekämpften die repräsentative Demokratie und ernteten eine gestärkte repräsentative Demokratie. Wir bekämpften den Staatsapparat und bekamen eine liberale Staatsgewalt. Die obrigkeitshörige Beamtenschaft und der Untertanengeist verschwanden. Die Revolte strapazierte – und vitalisierte die formale Demokratie. Mithin ist die Rede von 68 als zweiter Gründung der Republik nicht ganz falsch, es ereignete sich so etwas wie eine nachholende Jugendzeit der Republik. Und Deutschland erlangte nebenbei eine europäische Normalität.</p>
<p>Natürlich sind da auch lineare Erfolgsgeschichten wie die Frauenbewegung oder die Veränderung der Kindererziehung, die mit den Kinderläden begann. Die größten Wirkungen von 68 finden sich bei Verhaltensnormen, Lebensformen, Bildung und Sozialpolitik. Hier entstand ein mixtum compositum aus alternativer Kultur und Sozialstaat. Der Staat sollte Kreativität freisetzen, jugendliche Delinquenten nur therapieren und Einzelfallgerechtigkeit herstellen; Ausländer retteten uns vor dem Deutschsein; Eltern versagten nicht, sondern brauchten finanzielle Zuwendungen, Schulschwänzen war keine Frage der Disziplin, sondern der Therapie. Ein unübersehbarer Teppich von Initiativen, Beratungen, Kommissionen, Forschungen breitete sich aus. Gegen den damit verbundenen Freiheitsverlust und die zunehmende Macht der Sozialbürokratie gab es kaum Proteste. So kann man streiten, ob die Linke größere Probleme mit dem unerledigten 68 oder mit ihren Erfolgen danach hat.</p>
<p><strong>Das große Scheitern </strong></p>
<p>Generationenverantwortung – kann es so etwas geben? Vielleicht hätten Spott und Hohn über die Prediger des bewaffneten Kampfes Schlimmeres verhindert.</p>
<p>Was fingen wir  mit den Chancen an, die sich durch die Amnestie der sozialliberalen Koalition eröffneten? Ich kann mich an keine einzige Debatte erinnern, bei der – wenigstens theoretisch! – die ausgestreckte Hand auch nur prüfend berührt worden wäre. Als dann die Regierung Brandt in die Defensive geriet und „Berufsverbote“ erteilt wurden, gingen die wieder verloren, die vorher durch die Amnestie gewonnen werden konnten. Ein historischer Moment, von beiden Seiten verspielt. So blieb das kritische Potenzial draußen, auch die SPD verlor eine ganze Generation. Es begann der lange Weg zur Gründung der Grünen (wer hätte auch nur ahnen wollen, dass die eines Tages mit der CDU gemeinsame Sache machen würden) , es begann die Erfolgsgeschichte der 68er bei der Umgestaltung der Gesellschaft.</p>
<p>Verblasst damit langsam die Generationsverantwortung? Ich glaube, es hatte Folgen, dass 68 zwar ständig negiert oder „überwunden“, aber nie politisch beendet wurde. So entfalteten wir unser Gutmenschenparadies. Privat lästerten wir über die verbrauchte Luft und die sprachlichen Verrenkungen. Aber in diesem alternativen Milieu lebten wir auch ganz gern, in der die Generationen sich duzten. Es versprach uns andauernde Jugend und die Vermeidung der Realitätsprüfungen des Erwachsenseins.</p>
<p>Es ist also nicht verwunderlich, dass nach 68 keine neue Generation politischer Intellektueller angetreten ist. Noch immer bewachen die greisen Überlebenden der Gruppe 47 die Schützengräben der Political Correctness in derLiteratur. Im Unterschied zu Frankreich, wo nach dem Pariser Mai André Glucksmann und andere einen Generationswechsel unter den Mandarinen durchsetzten, bestimmten in Deutschland nie die 68er die großen Debatten der Nation. Denn wo waren die intellektuellen Dissidenten unter den Maoisten, die die Verbrechen der Kulturrevolution und des Stalinismus auf die Tagesordnung setzten? Waren nicht die boat people unsere Sache – zu schweigen von Pol Pot und den killing fields? Die Kap Anamur entlastet da nicht. Warum suchten wir nicht den öffentlichen Streit? Etwa wieder die alte Angst vor dem falschen Beifall?</p>
<p>Nun hat sich der Zeitgeist gewendet. Es ist unser Schleier, der zerreißt, unsere Werte schlagen ins Gegenteil um. Die Kids sagen jetzt „Du Opfer!“, wenn sie Blödmann meinen. Das ist das Ende unserer Opferkultur. Wir spüren, dass die soziale Kälte nicht von den Neoliberalen, sondern aus dem Herzen des Sozialen kommt. Unsere multikulturelle Toleranz lief zumeist auf Nichtwissen und Indifferenz hinaus. Und als die Mauer fiel, erkannten wir in den Bürgerrechtlern von 1989 zwar unseresgleichen wieder. Aber wir verübelten, dass sie unsere Welt zerstörten. Das gemeinsame Interesse hätte gewesen sein müssen, das große Thema der Wiedervereinigung zu debattieren: das Verhältnis von Freiheit und Gleichheit.</p>
<p><strong>Das unheilige Paar </strong></p>
<p>Seis drum, die Geschichte ist geschehen. Dazu, dass es sich in Deutschland gut lebt, dass ein stabiles, pragmatisches, konsensorientiertes und außerordentlich demokratisches Land entstanden ist, haben wir (ja, ohne das wahrscheinlich  s o  gewollt zu haben) viel beigetragen. Und für Revisionen unserer Geschichte ist es nicht zu spät. Diese Mühe erlaubt es dann auch, die schöne Seite dieser Zeit unverstellt zu erkennen.</p>
<p>Wie nervtötend ist es, dass die erinnerungsgeilen Medien immer wieder das schreckliche Paar Andreas Baader/ Uschi Obermaier aufrufen? Natürlich, Sex &amp; Crime, das geht. Wir, die wir unsere Sache nicht erledigt haben, dürfen uns ärgern. Aber protestieren? An der Entsublimierung von Sexualität und Gewalt waren wir nicht ganz unschuldig.</p>
<p style="text-align: right;"><strong>Jürgen Gottschling</strong></p>
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