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	<title>Neue Rundschau &#187; Kirche &amp; Bodenpersonal</title>
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		<title>Die Welt der Encyclopédie &#8211; &#8220;Bibel der Aufklärung&#8221;</title>
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		<pubDate>Sat, 28 Jan 2012 15:51:47 +0000</pubDate>
		<dc:creator>admin</dc:creator>
				<category><![CDATA[Allgemein]]></category>
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		<description><![CDATA[Mit Argusaugen beobachtete die deutsche Intelligenz vor 250 Jahren, was in Frankreich zum aufsehenerregendsten und größten Bucherfolg der Aufklärung werden sollte: das Erscheinen der Encyclopédie von Denis Diderot und Jean Le Rond d&#8217;Alembert. Die Weimarer Klassiker etwa erblickten in dieser Summe der französischen Aufklärung ein bloß sekundäres, ein wiederaufbereitetes Wissen, das die menschlichen Kenntnisse nicht [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Mit Argusaugen beobachtete die deutsche Intelligenz vor 250 Jahren, was in Frankreich zum aufsehenerregendsten und größten Bucherfolg der Aufklärung werden sollte: das Erscheinen der Encyclopédie von Denis Diderot und Jean Le Rond d&#8217;Alembert. Die Weimarer Klassiker etwa erblickten in dieser Summe der französischen Aufklärung ein bloß sekundäres, ein wiederaufbereitetes Wissen, das die menschlichen Kenntnisse nicht philosophisch begründet, sondern nur reproduziert, aufzählt. <span id="more-3326"></span></p>
<div id="attachment_7167" class="wp-caption alignright" style="width: 260px"><a href="http://www.rundschau-hd.de/wp-content/uploads/2012/01/diderot.jpg"><img class="size-full wp-image-7167" title="diderot" src="http://www.rundschau-hd.de/wp-content/uploads/2012/01/diderot.jpg" alt="" width="250" height="384" /></a><p class="wp-caption-text">Während Denis Diderot (1713-84) in seiner skeptischen Periode noch ausgerufen hatte: »O Gott, ich weiß nicht, ob du bist, aber ich will in meinen Gesinnungen und Taten so verfahren, als ob du mich denken und handeln sähest,« erklärt er später: Es gibt nur ein einziges großes Individuum, das Weltall. Das Gehirn, ja die ganze Welt ist ein sich selbst spielendes Klavier. Die Natur bedarf keines persönlichen Gottes, ebensowenig wie der Mensch einer anderen Unsterblichkeit als des Fortlebens im Nachruhm.</p></div>
<p>Der Hofprediger Johann Gottfried Herder monierte 1769:<br />
<em>&#8220;Jetzt macht man schon Encyklopädien: ein D&#8217;Alembert und Diderot selbst lassen sich dazu herunter: und eben dies Buch, was den Franzosen ihr Triumph ist, ist für mich das erste Zeichen zu ihrem Verfall. Sie haben nichts zu schreiben und machen also Abregés, Dictionaires, Histoires, Vocabulaires, Esprits, Encyklopedien, u.s.w. Die Originalwerke fallen weg&#8221;.</em></p>
<p>Ähnlich nörgelte Herders Weimarer Mitbürger Goethe in der Farbenlehre über die Kerntruppe der französischen Aufklärer, die &#8220;Enzyklopädisten&#8221;:</p>
<p><em>&#8220;Da ein Lexikon so wie ein Compendium einer Erfahrungswissenschaft eigentlich nur eine Sammlung des kursierenden Wahren und Falschen ist, so wird man auch von dieser Gesellschaft nichts weiter erwarten&#8221;.</em></p>
<p>Solche Urteile freilich wurden dem enzyklopädischen Monument der französischen Aufklärung in keiner Weise gerecht; offensichtlich tat man sich im zeitgenössischen Deutschland schwer mit dem französischen Modell einer vorbehaltlosen Aufklärung in Form eines enzyklopädischen Wörterbuchs. Zwar wurden auch im Deutschland des 18. Jahrhunderts Enzyklopädien geschrieben: Zwischen 1732 und 1754, also schon vor der französischen Enzyklopädie, erschien Johann Heinrich Zedlers 64-bändiges Grosses vollständiges Universal-Lexicon, und in den siebziger Jahren des 18. Jahrhunderts wurden gleich zwei Großprojekte initiiert: die Fragment gebliebene, sogenannte Deutsche Encyclopädie, die zwischen 1778 und 1807 in 23 Bänden erschien, und Johann Georg Krünitz&#8217; 247-bändige Oeconomisch-technische Encyclopädie, deren Fertigstellung nicht weniger als achtzig Jahre benötigte. Doch keines dieser deutschen Lexika, schon gar nicht die bürgerlichen Konversationslexika des 19. Jahrhunderts à la Brockhaus oder Meyer, keines hatte die moralische, politische und wissenschaftliche Sprengkraft der Enzyklopädie von Diderot und d&#8217;Alembert; keines ist so vorbehaltlos als universale Umsetzung des kritischen Programms der Aufklärung aufgetreten, und keines hatte eine so große wissenschaftliche und gesellschaftliche Wirkung.</p>
<p>Gerade diese Kompromisslosigkeit im Anspruch der Aufklärung aber ist es, die die französische Enzyklopädie 250 Jahre nach dem Erscheinen des ersten Bandes nunmehr auch in Deutschland feierlich erinnern läßt, mehr noch: ihr eine aktuelle Bedeutung verleiht. Kaum ein Forum könnte dazu geeigneter sein, als Hans Magnus Enzensbergers &#8220;Andere Bibliothek&#8221;. Unter dem Titel Die Welt der Encyclopédie wird hier die &#8220;Bibel der Aufklärung&#8221; für das 21. Jahrhundert wiederentdeckt. Offensichtlich geht es dabei weniger um die Form der Enzyklopädie, als vielmehr um ihr Programm: eben um die Aufklärung. Es ist, als sprängen vom alten, nicht gerade bescheidenen Anspruch der französischen Enzyklopädisten, mit einem Buch die Menschheit verbessern zu wollen, Funken in eine Gegenwart, der Wissen zur bloßen Information, Enzyklopädie zur Datenbank geworden ist. &#8220;Arche Noah in unserer Zeit der beliebig verfügbaren, verlinkten Information &#8211; Orakel auf unserem Weg durchs 21. Jahrhundert&#8221;, so beschwören die Herausgeber die Aktualität der Encyclopédie für unsere Gegenwart.</p>
<p><strong>Was aber ist diese &#8220;Welt der Encyclopédie&#8221;, und was kann sie uns heute bedeuten,</strong><strong> wenn wir sie nicht bloß ins Museum stellen wollen? </strong></p>
<div id="attachment_7178" class="wp-caption alignleft" style="width: 260px"><a href="http://www.rundschau-hd.de/wp-content/uploads/2012/01/aufgeklärt-aber-dann1.jpg"><img class="size-full wp-image-7178" title="aufgeklärt, aber dann" src="http://www.rundschau-hd.de/wp-content/uploads/2012/01/aufgeklärt-aber-dann1.jpg" alt="" width="250" height="199" /></a><p class="wp-caption-text">Nun also wären wir aufgeklärt: „Das Leben ist“, frei nach (jetzt sind wir schon ein Stück weiter als Kant) Ludwig Wittgenstein, „wie ein Messer ohne Klinge, dem der Griff fehlt“? Was aber, Clemens P. , fangen wir  damit  an …?</p></div>
<p>Auf die Frage, was denn die &#8220;Welt&#8221; oder der &#8220;Idee&#8221; der Encyclopédie sei, geben programmatische Texte von Diderot, aber auch ein Essay des amerikanischen Historikers Robert Darnton Auskunft. Die Encyclopédie tritt auf, so macht dieser deutlich, mit einem Skandalon; der öffentliche Aufschrei bei ihrer Publikation unterstreicht dies. Was aber war so skandalös an der Encyclopédie ? Die Provokation liegt in der Konzeption: Was 1745 von dem geschäftstüchtigen Verleger André-François Le Breton zunächst als bloße Übersetzung der englischen Cyclopedia (1728) des Quäkers Ephraim Chambers geplant war, entwickelte sich nach der Hinzuziehung von Diderot und dessen Freund, dem Mathematiker d&#8217;Alembert, bald zum Plan einer eigenständigen Enzyklopädie mit ganz neuen Voraussetzungen. Die beiden Herausgeber wollten das Wissen von älteren Hierarchien befreien und neu anordnen.</p>
<p><strong>Die schärfsten Spitzen dieses neuen Wissens richten sich gegen die Kirche, gegen alle Formen religiöser Gängelung überhaupt. </strong></p>
<p>Die Enzyklopädie enthält zudem auch deutliche Ansätze zu einem politischen Programm: Rousseau, Voltaire und Montesquieu plädierten für Pressefreiheit, Gewaltenteilung und konstitutionelle Monarchie; man sah in der Encyclopédie deshalb so etwas wie die ideelle &#8220;Kriegsmaschine der Französischen Revolution&#8221;. Und auch im ökonomischen Bereich war die Encyclopédie bahnbrechend: Führende Physiokraten wie Quesnay und Turgot forderten die Befreiung von Handel und Industrie aus den ständischen und staatlichen Bindungen. Unmittelbar augenfällig ist auch die Aufwertung des Handwerks, der Technik und der Industrie, die in älteren Enzyklopädien meist nur marginal behandelt wurden. Die berühmten elf Tafelbände der Encyclopédie dokumentieren dies auf eindrückliche Weise. Sogar enzyklopädieskeptische Zeitgenossen wie der jungen Goethe waren davon begeistert: In den Tafelbänden zu blättern sei gewesen,<br />
<em><br />
[…] als wenn man zwischen den unzähligen beweglichen Spulen und Webstühlen einer großen Fabrik hingeht, und vor lauter Schnarren und Raggeln, vor allem Aug&#8217; und Sinne verwirrenden Mechanismus, vor lauter Unbegreiflichkeit einer auf das mannigfaltigste in einander greifenden Anstalt, in Betrachtung dessen, was alles dazu gehört, um ein Stück Tuch zu fertigen, sich den eigenen Rock selbst verleidet fühlt, den man auf dem Leibe trägt.</em></p>
<p>Wie sich die Wahrnehmung ändert: was selbst Goethe begeisterte, wird in der jüngsten deutschen Übersetzung leider völlig ausgeblendet: Tausende von Seiten voller Maschinen und Werkzeuge scheinen nicht eine einzige Abbildung wert.</p>
<p>Unvergessen hingegen bleibt ihr befreiender Gestus gegen den absolutistischen Staat und gegen die Kirche. Die Jesuiten und Jansenisten heulten nicht erst auf, als im Juni 1751 der erste Band der Encyclopédie erschien. Der Brief über die Blinden zum Gebrauch für die Sehenden , der nicht nur vom Sehen, sondern auch von den Schwierigkeiten, ja Unmöglichkeiten eines Gottesbeweises handelt, brachte Diderot schon 1749 für drei Monate in das Gefängnis von Vincennes. Spätestens damit wurde klar, daß sich das Programm der Aufklärung nicht selbstverständlich und offen formulieren ließ. Die Enzyklopädie entwickelte deshalb eine Schreibkunst, die die gefährlichen Wahrheiten &#8211; ganz im Sinne von Leo Strauss&#8217; Persecution and the art of writing &#8211; an der Zensur vorbeimanövrieren sollte: die Technik der Verweise und versteckten Anspielungen. In seinem Artikel zum Begriff der &#8220;Enzyklopädie&#8221; gibt Diderot Auskunft über dieses Verfahren: zur Typologie der Querverweise zählt er die sogenannten &#8220;renvois satyriques&#8221;, satirische Anspielungen also, deren Zweck es sei, &#8220;das Lächerliche und das Schlechte&#8221; verdeckt bloßzustellen. So liefert etwa der Artikel &#8220;Eucharistie&#8221; eine scheinbar mustergültige Abhandlung über die heilige Kommunion, nur am Ende findet sich der merkwürdige Hinweis &#8220;siehe Menschenfresser&#8221;. Dass dies nicht etwa ein Versehen ist, sondern System hat, wird wiederum am Ende des Artikels &#8220;Menschenfresser&#8221; deutlich: er schließt mit dem Hinweis &#8220;siehe auch Eucharistie, Kommunion, Altar, etc.&#8221;</p>
<p>Das Erscheinen des ersten Bandes rief dennoch unweigerlich die staatliche und kirchliche Autorität auf den Plan, der König Ludwig XV setzt den Aufseher Malesherbes zur Überwachung der weiteren Publikation ein &#8211; ein Glücksfall, wie sich erweisen sollte, denn dieser warnte Diderot wiederholt vor der Durchsuchung durch seine eigenen Leute, versteckte gar heikle Papiere. Nach dem Erscheinen des zweiten Bandes Anfang 1752 spitzte sich die Lage zu: Die Encyclopédie wurde auf Befehl des Königs verboten, mit folgender Begründung:</p>
<p><em>&#8220;wegen mehrerer Maximen, die darauf abzielen, die königliche Autorität zu zerstören, den Geist der Ungläubigkeit und die Revolte zu befestigen und, mit dunklen und zweideutigen Begriffen, die Grundlagen des Irrtums, der Sittenverderbnis und des Unglaubens zu errichten&#8221;.</em></p>
<p>Malesherbes erreichte, daß die Arbeit dennoch fortgesetzt werden konnte. So entstand unter externen, aber auch internen Kämpfen das Organ der französischen Aufklärung, geschrieben von seiner intellektuellen Elite: Zu Diderots und d&#8217;Alemberts Mitarbeitern zählten u.a. Rousseau, Voltaire, Buffon, Marmontel, Montesquieu, Condorcet, d&#8217;Holbach, Turgot.</p>
<p>Nicht nur trotz, sondern auch wegen den Angriffen von staatlicher und kirchlicher Seite wurde die Encyclopédie zu einem der größten Erfolge des französischen Buchhandels: der Skandal wirkte als Werbung. Ursprünglich wollten die Verleger 1625 Exemplare drucken; im Jahr 1754 waren es 4255, und bis 1789 verdienten die Verleger mit den verschiedenen Auflagen in zunehmend kleineren und erschwinglicheren Formaten viele Millionen Livres. Mehr noch: Die Verleger brüsteten sich nicht nur, den größten Coup in der Geschichte des Buchhandels gelandet, sondern auch die Aufklärung verbreitet zu haben, so die Werbung für die kleinformatige Quartausgabe:</p>
<p><em>&#8220;Niemals hatte ein Unternehmen dieser Art und dieses Ausmaßes einen solchen Erfolg. Sollte es in dieser besten aller möglichen Welten an Aufklärung mangeln, so wird das gewiß nicht unsere Schuld sein&#8221;.</em></p>
<div id="attachment_7168" class="wp-caption alignleft" style="width: 260px"><a href="http://www.rundschau-hd.de/wp-content/uploads/2012/01/kant.jpg"><img class="size-full wp-image-7168" title="kant" src="http://www.rundschau-hd.de/wp-content/uploads/2012/01/kant.jpg" alt="" width="250" height="188" /></a><p class="wp-caption-text">Aufklärung ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit. Unmündigkeit ist das Unvermögen, sich seines Verstandes ohne Leitung eines anderen zu bedienen. Selbstverschuldet ist diese Unmündigkeit, wenn die Ursache derselben nicht am Mangel des Verstandes, sondern der Entschließung und des Mutes liegt, sich seiner ohne Leitung eines andern zu bedienen. Sapere aude! Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen! ist also der Wahlspruch der Aufklärung (und, nota bene der unsere). Immanuel Kant in: Berlinische Monatsschrift. Dezember-Heft 1784. </p></div>
<p>Eben diesen Anspruch der Aufklärung durch das Buch ist es, den Büchermacher wie Enzensberger aufgreifen. Denn die Aufklärung ist &#8211; wenn sie denn in Deutschland überhaupt stattgefunden hat &#8211; nicht etwa abgeschlossen, sondern ein stets weiterzuführendes Vorhaben. Daß ein Buch es befördert, war immer schon der pädagogische Optimismus der Enzyklopädisten. Wer französisch liest und mal eben 14.875.- Mark übrig hat, mag den kompletten Nachdruck der Encyclopédie in 35 Bänden erstehen &#8211; notabene beim Stuttgarter Verlag frommann-holzboog. Für eine erschwinglichere deutschsprachige Auswahl haben im Jubiläumsjahr gleich zwei Verlage gesorgt: Reclam Leipzig, der eine ältere Ausgabe von 1972 &#8211; leider reduziert &#8211; wieder aufgelegt hat, und die erwähnte Eichborn-Ausgabe in Enzensbergers &#8220;Anderer Bibliothek&#8221;. Während die Reclam-Auswahl eher konzeptlos einzelne jeweils stark verkürzte Artikel vorlegt, zielt die Eichborn-Ausgabe auch auf seine Aktualisierung für unser junges Jahrhundert, das sich als das der digitalisierten Information anschickt. Dem buchlosen Informationswissen vermag das enzyklopädische Buch der Bücher ein engagiertes Wissen entgegenzustellen. Der schöne, bordeaux-rote Leinenband des Eichborn-Verlags feiert aber nicht nur die alte Enzyklopädie im Medium des Buches, sondern auch ihre Qualität eines engagierten Wissens. Neben der Übersetzung einer Auswahl von Artikeln erprobt der Band ihre Aktualität förmlich dialogisch. Dieser Dialog mit der Enzyklopädie wird dadurch erreicht, daß &#8211; allerdings etwas willkürlich &#8211; neuere maximenartige Zitate in die Artikel eingestreut und einzelne signifikante Artikel für die Gegenwart weitergeschrieben werden. Christina von Braun etwa schickt Abbé Mallets &#8220;Adam&#8221; ein &#8220;Ach, Adam&#8221; nach; Alexander Kluge stellt dem Artikel &#8220;Guerre&#8221; des Chevalier de Jaucourt (einer der wichtigsten Mitarbeiter von Diderot) eine differenzierte Reflexion über den &#8220;Krieg&#8221; nach; Enzensberger ergänzt den &#8220;Luxus&#8221;; Lars Gustaffson das &#8220;Nichts&#8221;; Michael Krüger die &#8220;Seele&#8221;; Daniel Cohn-Bendit das &#8220;Vaterland&#8221;, um einige Beispiele zu nennen. Gewiß sind nicht alle dieser Aktualisierungen gleich gut gelungen und gewiß läßt sich über die Auswahl der übersetzten Artikel streiten &#8211; schmerzliche Lücken wird man bei dieser im Verhältnis zur Vorlage immer noch bescheidenen Auswahl leicht finden, man denke etwa an Voltaires Artikel &#8220;esprit&#8221;. Das Vorhaben aber, die Encyclopédie nicht bloß zu feiern, sondern auch ins 21. Jahrhundert fortzuschreiben, ist dem Band des Eichborn-Verlags zweifellos gelungen: das Feuer jenes Buches, das Welt verändern will, ist darin zu finden.</p>
<p><em>Ediert von Anette Selg und Rainer Wieland. Aus dem Französischen von Holger Fock, Theodor Lücke, Eva Moldenhauer und Sabine Müller. Eichborn, 496 S., EUR 77 Andreas Kilcher</em></p>
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		<title>Mt 7,15: Wulff im Schafspelz</title>
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		<pubDate>Wed, 04 Jan 2012 05:00:25 +0000</pubDate>
		<dc:creator>admin</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Am 30. Juni 2010 ab 21.23 Uhr konnten Sie hier in der Rundschau diesen Artikel lesen -  &#8220;Wulff im Schafspelz&#8221; haben wir des baldigen Rücktritts des Bundespräsidenten wegen hierher aktualisiert: Eine dumpf-machtorientierte Bundeskanzlerin hat ihren Kandidaten als den der Koalition durchgepaukt &#8211; „nach einem langen Tag für alle Beteiligten&#8221;. Es war in der Tat nicht [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Am 30. Juni 2010 ab 21.23 Uhr konnten Sie hier in der Rundschau diesen Artikel lesen -  &#8220;Wulff im Schafspelz&#8221; haben wir des baldigen Rücktritts des Bundespräsidenten wegen hierher aktualisiert:</p>
<p>Eine dumpf-machtorientierte Bundeskanzlerin hat ihren Kandidaten als den der Koalition durchgepaukt &#8211; „nach einem langen Tag für alle Beteiligten&#8221;. Es war in der Tat nicht zu erwarten, dass „DIE LINKE“ über ihren Schatten zu springen in der Lage gewesen sein würde und jemanden wählte, der mit der stalinistischen Stasi-Bande in der DDR aufgeräumt hat. Was zu beweisen war &#8211; und noch im Nachhinein ein zumindest merkwürdiges Licht auf die Protagonisten wirft. Mitglieder der Bürgerrechtsbewegung hätten keine vorgeblichen Skrupel haben müssen, hätten Gauck &#8211; mit, eingeräumt, einigen Wenn und Aber &#8211; wählen können …<span id="more-5150"></span>Gesine Schwan hat sich ja wenige Tage vor der letzten Wahl, wo sie zur Bundespräsidentin kandidierte, nicht entblödet, lautstark zu verkünden, die DDR sei kein Unrechtsstaat gewesen, um sich damit den LINKEn anzudienen. Das war von Gauck nicht zu erwarten und das ist auch gut so. Hätte es jemanden wie Gauck in der Adenauerära gegeben, dann wären all die Globkes und anderen Piefkes nicht in Amt und Würden gekommen sein, was die LINKE ja &#8211; hätte es sie denn damals schon gegeben &#8211; mit Sicherheit gefordert haben würde. Oder? Nun ham wa also Wulff, hinter dem &#8220;eine große Mehrheit im Land steht&#8221; (Angela Merkel am Wahltag um 21.45 Uhr im Ersten Deutschen Fernsehen). Mehrheit in der Versammlung, leider ja. Mehrheit im Land, dies zu verlautbaren grenzt an Volksverblödung, Mm Kanzlerin.</p>
<p><strong>Alsdann, wen haben die Machtarythmetiker da ins Amt gehoben?</strong></p>
<div id="attachment_5156" class="wp-caption alignleft" style="width: 260px"><a href="http://www.rundschau-hd.de/wp-content/uploads/2010/06/wulff.jpg"><img class="size-full wp-image-5156" title="wulff" src="http://www.rundschau-hd.de/wp-content/uploads/2010/06/wulff.jpg" alt="" width="250" height="184" /></a><p class="wp-caption-text">Kommet her, alle, die Ihr mühselig und beladen seid, ich will euch erquicken …</p></div>
<p>Christian Wulff sitzt &#8211; nur mal eben zum Beispiel -in der evangelikalen Missionsbewegung Prochrist im  <a href="http://www.prochrist.org/Main/Verein/Unterstuetzer.aspx">Kuratorium</a>. Seitdem wird auf humanistischen und Freidenkerforen angeregt diskutiert. Zum Beispiel bei <a href="http://www.wissenrockt.de/2010/06/09/entsetzen-uber-wulff-im-schafspelz/">wissenrockt.de</a>.<br />
Die Kollegen von Presse, Rundfunk und Fernsehen haben das Thema so gut wie überhaupt nicht aufgegriffen. Ist das alles wirklich so nebensächlich? Ist es nicht!</p>
<p>Prochrist, heißt es in einem sehr PR-mäßig klingenden Wikipedia-Artikel zur Organisation, &#8220;ist eine Großevangelisationsveranstaltung, die seit 1993 im zwei- bzw. dreijährigen Turnus per synchroner Satellitenübertragung in Europa stattfindet. Sie wird von Mitgliedern evangelischer Freikirchen und Landeskirchen getragen. Ziel der Veranstaltung ist die Bekehrung von Menschen zum Glauben an Jesus Christus.&#8221;</p>
<p>Das auf der Website von Prochrist formulierte &#8220;Leitbild&#8221; der Organisation klingt zunächst recht unverbindlich: &#8220;Prochrist möchte die Gute Nachricht zu Menschen aller Nationen bringen, hier in Deutschland und darüber hinaus in Europa.&#8221; Prochrist arbeitet dafür offensichtlich sehr gern mit Kirchengemeinden der Amtskirchen zusammen: &#8220;Prochrist wird fortgesetzt, solange Gott diesen Dienst bestätigt, indem Menschen durch diese Arbeit das Evangelium hören und zum Glauben an Jesus Christus kommen, und solange christliche Gemeinden Prochrist als Hilfe für ihren missionarischen Dienst annehmen.&#8221;</p>
<p>Woran genau &#8220;Prochrist&#8221; sonst noch glaubt, ist auf dieser Website zwar nicht festzustellen, aber durch einige Recherchen, auch in den bekannten Medien der evangelikalen Bewegung in Deutschland leicht herauszufinden.</p>
<p>Leiter und charismatische Figur von Prochrist ist der Fernsehprediger und evangelische Pfarrer Ulrich Parzany. Man kann seine Predigten auf Bibel TV sehen, findet sie ordentlich aufgereiht beim evangelikalen Sender ERF und auch bei Youtube. Auch in der Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche und anderen Gotteshäusern überbringt er die gute Nachricht.</p>
<p>Parzany ist ein versierter Rhetoriker. In Predigten, wo es um das Werben neuer Gläubiger geht, umgeht er die neuralgischen Punkte der evangelikalen Ideologie eher. Klarer artikuliert er sie in Artikeln der evangelikalen Zeitschrift ideaSpektrum.</p>
<p>Was er in der Nummer 7/2008 von ideaSpektrum schreibt, klingt wie ein Bekenntnis zum Kreationismus: &#8220;Die aggressiven Reaktionen selbst auf die vorsichtigsten Versuche, die Evolutionstheorie als Theorie und nicht als allein wahres Dogma zu verstehen, zeigen, dass hier ein wunder Punkt getroffen wurde. An Gott, den Schöpfer, darf man offensichtlich nur glauben, wenn man zugleich augenzwinkernd zu verstehen gibt, dass dieser Glaube nichts mit der Wirklichkeit zu tun hat, sondern in das Reich der Märchen gehört.&#8221;</p>
<p>Parzany wendet sich auch gegen &#8220;praktizierte Homosexualität&#8221; und vertritt, wie viele evangelikale Christen die Theorie, dass Homosexualität gewissermaßen heilbar sei. &#8220;Selbstverständlich gibt es Fachleute, die die Möglichkeit sehen, dass Menschen ihre homosexuelle Neigung verändern und dass da Hilfe möglich ist&#8221;, sagte er in einem Streitgespräch mit dem Grünen-Politiker Volker Beck, das in IdeaSpektrum und auf der Website von Beck veröffentlicht ist.</p>
<p>Urlich Parzany glaubt an seine Botschaften. Er wird Prochrist nicht betreiben, um nicht auch andere Zweifler und Stauner von ihnen zu überzeugen.</p>
<p>Wie mächtig die Evangelikalen in Deutschland längst schon sind, ist in der Öffentlichkeit kaum bekannt.</p>
<p>Die beiden Journalisten Christian Baars und Oda Lambrecht haben ein alarmierendes und bestens belegtes Buch darüber geschrieben: &#8220;Mission Gottesreich &#8211; Fundamentalistische Christen in Deutschland&#8221; (Christoph Links Verlag, 2009). Sie führen auch ein kontinuierliches Blog zum Thema.</p>
<p>- 1,3 Millionen Gläubige werden dieser Glaubensrichtung in Deutschland zugerechnet. Das ist keine kleine Minderheit. Und natürlich ist sie besonders aktiv und engagiert in den Kirchen. Ein großer Teil der sonntäglichen Gottesdienstbesucher der evangelischen Kirche ist dieser Richtung zuzurechnen.</p>
<p>- Die Evangelikalen lehnen &#8220;praktizierte&#8221; Homosexualität und Abtreibung ab, sehen häufig die &#8220;Schöpfungstheorie&#8221; als Alternative zur Evolutionstheorie, und sie möchten auch Juden und Muslime bekehren.</p>
<p>- Sie betreiben in Deutschland etwa achtzig anerkannte Schulen, deren Lehrer vom Staat finanziert werden und deren Biologielehrer nicht zu den überzeugtesten Darwin-Anhängern gehören dürften &#8211; der Staat, so Oda Lambrecht und Christian Baars, kontrolliert hier offenbar mehr als nachlässig.</p>
<p>- Sie sind in Politik und Medien bestens vernetzt, bilden Journalisten aus und verfügen selbst über durchaus &#8211; was Wunder &#8211; professionell und ansprechend gemachte Medien in Print, TV und Internet.</p>
<p>Die niedersächsische Staatskanzlei bestätigt auf Nachfrage, die Mitgliedschaft Wulffs (der selbst Katholik ist) im Kuratorium von Prochrist: &#8220;Das ist richtig. Der Niedersächsische Ministerpräsident Christian Wulff hat im Februar 2005 u.a. seine Bereitschaft zur Mitwirkung im Kuratorium von Prochrist für das Jahr 2006 erklärt, weil diesem auch der damalige EKD Ratsvorsitzende Bischof Wolfgang Huber (wie doch ein Amt einen Menschen zu ändern in der Lage ist. Dass wir Huber zu Beginn seiner Amtszeit als Landesbischof lobten, änderte sich, nachdem er als EKD-Ratsvorsitzender fundamentalistisch &#8211; zum Beispiel über Abtreibung &#8211; argumentierte.&#8221;</p>
<p>Und natürlich darin, seinen guten Namen, die Respektabilität seiner Person und seines Amtes für die Sache von Prochrist herzugeben. Der Hinweis auf Bischof Wolfgang Huber macht es schon deutlich: Wulff ist hier keineswegs allein. Huber zeigte sich gegen Ende seiner Amtszeit immer begeisterter von den Evangelikalen, die so virtuos zu mobilisieren zu verstehen und möglicherweise auch der Amtskirche Auftrieb geben &#8211; gerade darin scheint ja eines der Angebote von Prochrist zu bestehen.</p>
<p>Im Kuratorium sitzen laut Selbstauskunft von Prochrist außerdem noch: der ehemalige bayerische Ministerpräsident Günther Beckstein, der Kaufmann Alexander Graf zu Castell-Castell, der ZDF-Moderator Peter Hahne, der Schuhfabrikant Heinz-Horst Deichmann, der Golfspieler Bernhard Langer, der ehemalige Ministerpräsident des Landes Baden-Württemberg Erwin Teufel, der SPD-Politiker Hans-Jochen Vogel und einige Kirchenobere.</p>
<p>Um es klar zu sagen: Evangelikale Christen dürfen glauben, was sie glauben. Sie dürfen Homosexualität ablehnen, sie dürfen gegen Abtreibung demonstrieren, sie dürfen glauben, dass die Welt eine Schöpfung ist.</p>
<p>Allerdings: Wie genau verläuft das Leben eines Jungen, der in evangelikalem Milieu aufwächst und schwul ist? Wie sehr wird er verbogen? Wie sehr wird er versuchen, sich selbst zu verbiegen? Und dürfen Schulkinder mit fabrizierten Alternativen zu naturwissenschaftlichen Erkenntnissen gefüttert werden?</p>
<p>Prochrist ist ohne Parzany nicht zu haben. &#8220;Das Programm besteht aus Musik, Interviews, Theater und einem Vortrag von Ulrich Parzany zu zentralen Themen des Lebens und des Glaubens. Der Eintritt ist frei. Sie sind herzlich zu den Abenden eingeladen&#8221;, steht im Konzept von Prochrist 2009.</p>
<p>Parzany hat keine Scheu sich zu bekennen: &#8220;Auch wenn uns diese Freiheit nicht zugestanden wird, werden wir Gott mehr gehorchen als den Menschen.&#8221; (ideaSpektrum 7/2008) Es klingt wie ein fundamentalistisches Programm, das sich zur Not auch über die Gesetze des Gemeinwesens hinwegsetzen würde.</p>
<p>Auch das soll Parzany noch denken dürfen. Demokratie verträgt sogar den Widerspruch gegen sich selbst, solange er auf Gewalt verzichtet und die Rechte anderer nicht beschädigt.</p>
<p><strong>Aber brauchen wir einen Präsidenten, der im Kuratorium dieses Vereins sitzt?</strong></p>
<p>Ist die Missionierung junger Leute im Sinne Parzanys der Unterstützung eines (seit einer Stunde: unseres!) Bundespräsidenten würdig? Haben wir mit Weihnachtsansprachen zu rechnen, die das segensreiche Wirken der Missionare preisen?</p>
<p>Wulffs christliches Engagement ist kürzlichauch  im Hinblick auf die BP-Wahl  im niedersächsischen Landtag diskutiert worden, ohne dass eine breitere Öffentlichkeit Notiz davon genommen hätte. Vorgeworfen wurde ihm eine Rede vor dem Arbeitskreis Christlicher Publizisten (ACP) in Bad Gandersheim, einer Organisation, die laut Sektenbeauftragten der evangelischen Kirchen als fundamentalistische Splittergruppe &#8220;am äußersten rechten Rand des Protestantismus&#8221; (so NDRInfo) anzusehen ist. Anfragen von Abgeordneten wurden mit der lapidaren Ansage beschieden: &#8220;Der Ministerpräsident wird keine Veranstaltung von verfassungsfeindlichen Organisationen besuchen.&#8221; Na ja, vielen Dank auch …</p>
<p>Das reicht jedendfalls nicht aus. In der Sendung &#8220;Farbe bekennen&#8221; beschwor Christian Wulff &#8220;die Gefahr der Parallelgesellschaft, des Gegeneinanders, Gewalttätigen und Fundamentalistischen&#8221;, der er entgegentreten wolle. Mit den Evangelikalen, die sich selbst gern als &#8220;entschiedene Christen&#8221; bezeichnen, geht das nun gerade nicht. Sie wollen wie gesagt Gesetzen, die sie als göttlich ansehen, mehr folgen als den Menschen, &#8220;auch wenn uns diese Freiheit nicht zugestanden wird&#8221;. Wulff hätte noch vor der Wahl in der Bundesversammlung aus dem Kuratorium von Prochrist auszutreten gehabt, er hielt das jedoch nicht für nötig &#8211; hat ja auch keiner gefragt. Und, was die Bundeskanzlerin angeht, so, <a href="http://www.rundschau-hd.de/archiv/dezember2005/NR_November_Seite4.pdf ">so schreiben wir nimmer wieder über sie!</a></p>
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		<title>Benedikt Ratzinger weiß mal wieder, was wir &#8211; 2012 &#8211; wollen sollen …</title>
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		<pubDate>Sat, 31 Dec 2011 09:00:06 +0000</pubDate>
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		<description><![CDATA[Immer mal wieder und immer öfter mischt sich der alte Mann solcherweise ein, dass jedem Menschen klar sein darf und muss: Dieser Stellvertreter des HERRN steht immer noch. Und zwar im Leben nicht nur. So haben der Papst  gerade verlautbart, er wünsche und wolle, dass wir, &#8220;liebe Brüder und Schwestern, &#8220;… zuversichtlich und mit verantwortungsbewußter [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Immer mal wieder und immer öfter mischt sich der alte Mann solcherweise ein, dass jedem Menschen klar sein darf und muss: Dieser Stellvertreter des HERRN steht immer noch. Und zwar im Leben nicht nur. So haben der Papst  gerade verlautbart, <span id="more-6074"></span>er wünsche und wolle, <a href="http://press.catholica.va/news_services/bulletin/news/26754.php?index=26754&amp;lang=it#TRADUZIONE%20IN%20LINGUA%20TEDESCA">dass wir</a>, &#8220;liebe Brüder und Schwestern, &#8220;… zuversichtlich und mit verantwortungsbewußter Kreativität&#8221; die grandiosen Möglichkeiten sozialer Netzwerke nutzen: &#8220;Die immer größere Beteiligung in der öffentlichen digitalen Arena, die von den sogenannten social networks gebildet wird, führt dazu, neue Formen interpersonaler Beziehungen einzugehen, beeinflusst die Selbstwahrnehmung und stellt daher unvermeidlich nicht nur die Frage nach der Korrektheit des eigenen Handelns, sondern auch nach der Authentizität des eigenen Seins. In diesen virtuellen Räumen präsent zu sein kann Zeichen einer echten Suche nach persönlicher Begegnung mit dem anderen sein, wenn man darauf achtet, die vorhandenen Gefahren zu meiden, wie z. B. sich in eine Art Parallelwelt zu flüchten oder sich exzessiv der virtuellen Welt auszusetzen.&#8221; (Und wieder fünf Follower verloren, heul, kreisch und seufz.)</p>
<p>Jürgen Gottschling freut sich jedenfalls,  &#8220;aus dem Vatikan, am 24. Januar 2011, dem Gedenktag des heiligen Franz von Sales&#8221; den apostolischen Segen für seine Arbeit empfangen zu haben. Oder sollte er mich garnicht gemeint oder sollte er mich gar ausgeschlossen haben? Wir werden damit leben müssen. Und, schließlich <a href="http://www.google.de/imgres?imgurl=http://www.rundschau-hd.de/wp-content/uploads/2007/04/relifr21Vorschaubild.gif&amp;imgrefurl=http://www.rundschau-hd.de/archives/date/2007/04/&amp;usg=__te778pWuC_t-7zqACFtldoqW4-A=&amp;h=128&amp;w=128&amp;sz=8&amp;hl=de&amp;start=10&amp;zoom=1&amp;um=1&amp;itbs=1&amp;tbnid=cPDnSuysjnD0ZM:&amp;tbnh=91&amp;tbnw=91&amp;prev=/images%3Fq%3DPapstbildchen%26um%3D1%26hl%3Dde%26newwindow%3D1%26client%3Dfirefox-a%26sa%3DN%26rls%3Dorg.mozilla:de:official%26tbs%3Disch:1&amp;ei=8uZCTeH2CMXzsgaq8fHUDQ">machen schöne Papstbildchen </a> noch keine vollen Kirchen</p>
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		<title>Silvester: Nicht ohne &#8220;Dinner For One&#8221;!</title>
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		<pubDate>Sat, 31 Dec 2011 07:35:54 +0000</pubDate>
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		<description><![CDATA[Nonsens vom Feinsten in der Rundschau Kritik Wie alle bedeutenden Stücke Drama, ist auch &#8220;Dinner For One&#8221;  an Facetten ungemein reich. Allein die Vielzahl unterschiedlicher Interpretationen zeigt, wie in jedem Betrachter eine Saite zum Schwingen, eine andere zum Schweigen gebracht wird. Auf diesem 90. Geburtstag der Miss Sophie gibt es nichts Letzthinniges und nichts Ein-für-Allemaliges, [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><strong>Nonsens vom Feinsten in der Rundschau Kritik</strong></p>
<p><a href="http://www.rundschau-hd.de/wp-content/uploads/2011/12/weg-da-du-da.jpg"><img class="alignleft size-full wp-image-7077" title="weg da, du da" src="http://www.rundschau-hd.de/wp-content/uploads/2011/12/weg-da-du-da.jpg" alt="" width="150" height="187" /></a>Wie alle bedeutenden Stücke Drama, ist auch &#8220;Dinner For One&#8221;  an Facetten ungemein reich. Allein die Vielzahl unterschiedlicher Interpretationen zeigt, wie in jedem Betrachter eine Saite zum Schwingen, eine andere zum Schweigen gebracht wird.</p>
<p>Auf diesem 90. Geburtstag der Miss Sophie gibt es nichts Letzthinniges und nichts Ein-für-Allemaliges, und wenn die überwiegende Mehrzahl der Kunstsachverständigen, Essayisten und Liebhaber, die Interesse an einer Kategorisierung des Gesamtstückes oder an einer Analyse einzelner Komponenten haben, für ihre Varianten jeweils Alleinvertretungsansprüche geltend machen, dann ist das erschütternd-bedauerlich.<span id="more-7068"></span></p>
<div id="attachment_7072" class="wp-caption alignright" style="width: 260px"><a href="http://www.rundschau-hd.de/wp-content/uploads/2011/12/dinner-for-one.jpg"><img class="size-full wp-image-7072" title="dinner for one" src="http://www.rundschau-hd.de/wp-content/uploads/2011/12/dinner-for-one.jpg" alt="" width="250" height="335" /></a><p class="wp-caption-text">&quot;Well - I´ll do my very best!&quot;</p></div>
<p>Wiewohl wir nun im folgenden durchaus mit dem Butler (Freddie Frinton gibt ihn unnachahmlich) mitzuhalten versuchen und unsere Interpretationsansätze durchaus auch von gutem Wein begleiten lassen, wollen wir dem Betrachter weder dies mitzutun, noch ein bestimmtes Verständnis vorschreiben.</p>
<p>Wenn wir dabei auf einen wissenschaftlichen Anmerkungsapparat verzichten, tun wir das für diesmal der besseren Lesbarkeit wegen ebenso nicht, wie Verzicht zu üben auf die Darstellung einiger eher abseitiger Lesarten, die nur für Experten von Interesse wären. Lediglich sei hier die Polemik einiger selbsternannter Gourmets erwähnt, welche die Zusammenstellung des Menus kritisieren, vornehmlich die Kombination von Huhn und Champagner.  Ein Stück, das solche gastrosophischen Verbrechen auf die Bühne bringe, könne nichts wert sein? Diese Kritiker haben offenbar ihre Identitätsbildung so entschieden hochgezüchtet, daß sie &#8211; pardon &#8211; offenbar schon wieder auf den guten,  albernen Pawlowschen Hund gekommen zu sein scheinen.</p>
<p><strong>Lehrstick oder Slapstück?</strong></p>
<p>Weder noch, hier lassen sich zwei Richtungen fühlen: ein Lehrstück fast im Sinne Brechts, das, um die &#8211; oder irgendeine &#8211; Situation, Problematik oder Lösung herauszuarbeiten, die Mittel der Farce einsetzt: von Elementen des Slapstücks (Butler James trinkt Blumenwasser), bis hin zu jener Distanzierung des Schauspielers von der Rolle, die sich so fassen lässt, dass er im Verlauf deutlich sichtbar in die Rollen der vier abwesenden Personen schlüpft. Aus gestalttherapeutischer Sicht heraus betrachtet, bietet dieser 90. Geburtstag eine in sich geschlossene Realität.</p>
<p>Hier wird reine Form Inhalt, die Funktion der Darstellung ist hier einzig die Darstellung. Jede Frage nach einem überschreitenden Sinn würde in diesem Sinn selbst zu einer Farce.</p>
<p><strong>Lachen an und für sich</strong></p>
<p>Das zweifelsohne von allen Zuschauern ausgeübte Lachen mag als zeitgeistig coole Distanznahme im Sinne jener Studie über das Lachen verstanden werden, die zum Ergebnis kommt, das Lachen habe keinen größeren Feind als die Emotion. Hiernach wäre unser Lachen also nichts anderes als ein Aus-sich- und Aus-jenem-Herausgehen, das zu etwas sowohl führen will wie auch soll: zur Selbsterkenntnis oder zur Einsicht in die Dekadenz der alternden Oberschicht oder zu dem, was Eugène Ionesco dem Humor zumißt: &#8220;sich der Absurdität bewußt werden und doch in der Absurdität weiterleben&#8221;.</p>
<p>Auch,  dass dies Stück nicht mehr mit einer Differenz zwischen Sein und Sollen arbeitet &#8211; wohingegen ein ungenannt bleiben wollender Heidelberger Philosoph offenbar japanischer Abstammung in seiner unter dem Pseudonym &#8220;Tenno&#8221; veröffentlichten Arbeit über diesen 90. Geburtstag die Frage nach &#8220;Sein oder Haben?&#8221; vermißt, mithin ein Ideal weder propagiere noch fordere, darf wohl so verstanden werden, daß hier Lachen nur als Parodie auf das eigene Selbst gemeint sein könne &#8211; als sozusagen erkanntermaßen ritualisierter Effekt.</p>
<p><strong>Arrangement mit den Herrschenden</strong></p>
<p>Wir haben hier ein zutiefst klassenkämpferisches Portrait einer untergehenden Welt, einer ländlich-städtischen Mittelschicht nebst militärischem und couponschneidendem Anhang, die sich in ihrer Zukunftslosigkeit allenfalls noch an sinnentleerten Festen, am Alkohol und am Traumgebilde  einer längst vergangenen Vergangenheit festhalten kann. Dazu eine nicht minder dekadente Schicht dienender Berufe: der Butler James, entwürdigt von seiner Herrin bis hin zum &#8220;Letzten&#8221; &#8211; eine anglifizierte Variante des Woyzeck also -, der in all seiner Demütigung doch nur das Arrangement mit den Herrschenden sucht, ja nur noch suchen kann, und seinen Stolz unlöslich an die Rationalität des herrschaftlichen Wohlergehens in Börse, Tisch und Bett bindet.</p>
<p><strong>Seele baumelt? Analyse?</strong></p>
<p>Derweil bei etwa Goethe man sich über verschiedene analytische und psychiatrische Interpretationsweisen ja noch streiten könnte, ließe dies Dinner, solcherweise betrachtet, doch ausschließlich das klinische Lesen, Hören und Sehen insofern zu, als Madame vorgeführt werden in frei flottierender Angst mit hypochondrischen Neigungen. Es agieren hier Mischzustände von Wut, Ohnmacht und Hilflosigkeit, Angst vor Liebe ebenso, wie rasches Schwanken zwischen Idealisierung und Entwertung von Objekten. Und, wo die bedauernswerte Frau ihre Scheinwelt am Tisch nicht erkennt, verdrängt sie &#8211; was ja schlimmer ist als beinahe alles Andere.<br />
Und Butler James, der Spiegeltrinker, der sein überhöhtes Alkoholquantum gleichsam gleichmäßig über den Abend verteilt und weitgehend ohne größere Kontrollverluste zu sich nimmt? Ein Deltatyp, der zwangweise wie zwanghaft zugleich in die Situation des Gammatyps versetzt wird, in den Alkoholexzeß. Hier erleben wir einen Menschen, der unmittelbar an der Flasche am Vollbringen eines Selbstopfers zur Befriedigung kommt: an der Überwindung nämlich des Bedürfnisses nach Versagen im oralen Bereich. Eine gefährliche Methode im Gegensatz zu der meist gelebten Form klassischen Asketentums, innerhalb welcher Lust nicht aus der Versagung körperlicher als vielmehr aus der Opferung geistig-seelischer Bedürfnisse gewonnen wird.<br />
Auf also der Grenze zwischen Lehrstück und abgeschlossener Realität gelangen wir hier mit den Protagonisten  in die Rolle von vier vermutlich gestorbenen Personen, die erfolgreich ausgefüllt werden, um deren Welt zur Unsterblichkeit zu versteinern. Schauriger kann die apriorische Trostlosigkeit menschlicher Grundbefindlichkeit kaum deutlich gemacht werden: Kein Weg führt zum Du, keiner zu Sinn und Eigentlichkeit, es bleibt die Einzementierung ständigen Zerfließens in ein dennoch abgeschlossenes Ich in einer isolierenden Vorstellung von Welt, ein sich Überliefern an eine geronnene Aufenthaltslosigkeit.</p>
<p><strong>Des  Essens philosophischer Aspekt</strong></p>
<p>Betrachten wir den Text populärwissenschaftlich, so finden wir hier einen geprüften Willen zu gesellschaftlichem Sein des dem alles überhaupt keine Grenzen Setzenden. Und: Nehmen wir eine Bemerkung Ernst Blochs (Band 3, &#8220;Prinzip Hoffnung&#8221;) über die geglaubte Mechanik im Universum, die sich für ihn, gleichwohl ohne Spaß, wie auch ohne Pantheismus, aber dennoch befriedigend vollzieht, sind wir eher geneigt, in der &#8220;miss-sophischen Verstetigung“ ihrer Freunde einen so freilich nur in der Aristokratie, nicht aber dem bürgerlich geeinzelten Individuum möglichen objektiv-utopischen Vorgriff auf jene von Bloch bezeichnete So-Welt,  als Verschwinden sozusagen des Nichts im sozialistischen Bewußtsein zu sehen.<br />
Dem unüberschreitbaren Zwiespalt durch den  selbstaktiven und eigenkontrollierten Schritt über den Tigerkopf in eine systematische Besessenheit werden wir eine künftige Arbeit widmen.</p>
<p><strong>Emanzipatorische … </strong></p>
<p>Das Verhalten Miss Sophies ist als selbstbewußt-folgerichtiger Schritt zu einer  -  zwar &#8211; in die Jahre gekommenen, zum Selbstbewußtsein erwachten Frau zu verstehen, die Stellung bezieht gegen die Verderbnis und das Reguläre, gegen das Leben sowohl wie auch gegen den Tod, gegen den zu-fälligen (oder haben wir den Butler je fallen gesehen?) Verlauf, all der Drohungen, die einsickernde Perfidie gegen den langsamen Fraß innen und gegen das Verschlungenwerden von draußen. Eine Frau, die alle Enttäuschungsmöglichkeiten hinter sich läßt und auf das klägliche Bild verzichtet, das jene Bindung der Seelenphantasie an die empirische Mannes- oder überhaupt Menschenform, wie sie ja in der sogenannten Wirklichkeit vorkommt, bietet. Nur mehr einer mageren Kulisse bedürftig, die ihr Butler James mit seinen vier Rollen baut, erweist Miss Sophie sich erfolgreich in dem Versuch, einen nichtreligiösen Weg der Liebe zu einem Objekt herzustellen, dem sie sich ohne Beschädigung ihres Ichs, ja gleichsam in Verwirklichung ihrer Autonomie, ganz hingeben kann und &#8211; selbst aus strengst feministischer Sicht, der wir uns ausdrücklich nicht anschließen &#8211; wohl auch möchte dürfen können!</p>
<p><strong>… und komödiantische Aspekte</strong></p>
<p>Gegebenen Anlasses wegen sei hier direkt im Anschluß die Verwandtschaft des &#8220;Dinner For One&#8221; mit der Commedia dell&#8217;arte behandelt. Wir sehen hier einen Entstehungszusammenhang, ja eine &#8211; allenfalls durch Konzessionen an britische Mentalität abgemilderte &#8211; große Übereinstimmung. Wenngleich das Spiel als Spiel nicht durch Masken kenntlich gemacht wird, liegt hier dennoch fast ein (hassenswert wie all solches) Plagiat vor, jedenfalls ist die Rollenverteilung eindeutig: Butler James sei Brighella, Sir Toby Pulcinella, Admiral von Schneider der Capitano, Mr. Pommeroy Tartaglia, Mr. Winterbottom der Dottore, Miss Sophie hingegen &#8211; Frau natürlich &#8211; hat einen superben Hauch von Originalität.</p>
<p><strong>Das Dinner als Gesamtkunstwerk</strong></p>
<p>Was nun aber das Gesamtkunstwerk angeht, meinen wir, dass &#8211; vom Autor zwar wahrscheinlich ungewollt, aber eben darum ganz besonders ernst zu nehmen &#8211; dieser Text in seiner zumal technischen Reproduzierbarkeit, vergleichbar mit Anton Bruckners Generalpause zu interpretieren sein dürfte.<br />
Dies freilich erkennen zu können, setzt voraus jenes Stocken, das uns schwindelnd tragen soll über das Gewohnte hinweg; jener Rhythmus eines uns ureigenen Pulsierens, der nur in einer von allen Zufälligkeiten gereinigten Stille hörbar ist; der vordergründige Lärm, der hier &#8211; einem Saunagang vergleichbar &#8211; nichts anderes als sein Gegenteil herausarbeiten soll; die Bedingung der Möglichkeit zum In-Sich-Gehen also!</p>
<p>Dies alles dürfen wir Zusehenden  am Silvesterabend &#8211; bittet Euch <strong>Jürgen Gottschling</strong> &#8211; nicht vernichten durch vulgäres Lachen, käme dies auch noch so sardonisch oder gar (in memoriam Hans-Georg Gadamer) hermeneutisch verkleidet einher.</p>
<h2><em>Alle Sendetermine am 31. Dezember 2011:</em></h2>
<p><em><strong>15 Uhr 40 DAS ERSTE</strong></em></p>
<p><em><strong>18 Uhr 50 (Original) 21 Uhr 45 (Schweizer Version)  WDR</strong></em></p>
<p><em><strong>19 Uhr 40 und 23 Uhr 35 NDR</strong></em></p>
<p><em><strong>19 Uhr und  am I. Januar 2012 um 0 Uhr 05 BAYERN</strong></em></p>
<p><em><strong>19 Uhr und am 1. Januar 2012 um 3 Uhr 00 SWR/SR</strong></em></p>
<p><em><strong>14 Uhr 55 (Hessisch) 18 Uhr 40 (Hessisch) 21 Uhr 45 (Nordhessisch) HESSEN<br />
</strong></em></p>
<p><em><strong>19 Uhr 00 MDR</strong></em></p>
<p><strong>19 Uhr 05 RBB</strong></p>
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		<item>
		<title>Ein Prosit auf 2011 &#8211; und auf die Gotteslästerung eines Stadtrates</title>
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		<pubDate>Fri, 30 Dec 2011 23:01:48 +0000</pubDate>
		<dc:creator>admin</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Zum Jahreswechsel will ich mir mal was sagen: Wenn Du es unbedingt tun musst, dann tu es eben: Aber nein, sage ich  mir, ich muß ja nicht unbedingt. Also, ich will, auch wenn ich  nicht muss? Ich will gewollt haben, was ich muss! Oder will ich mir das Muss versüßen? Ja, ich habe recht, ich [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Zum Jahreswechsel will ich mir mal was sagen: Wenn Du es unbedingt tun musst, dann tu es eben: Aber nein, sage ich  mir, ich muß ja nicht unbedingt. <span id="more-4077"></span>Also, ich will, auch wenn ich  nicht muss? Ich will gewollt haben, was ich muss! Oder will ich mir das Muss versüßen? Ja, ich habe recht, ich muss vermeiden, gemusst zu haben, ohne zu wollen! Und entgegne mir, man könne doch auch wollen, ohne zu müssen und müssen, ohne zu wollen. Was aber, frage ich mich nun doch erschrocken, ist mit dem Dürfen? Durfte (es geht mir nicht aus dem Sinn) Gemeinderat Lepanto (&#8220;Heidelberg pflegen und erhalten&#8221;) wollen,  Andersdenke der Gotteslästerung zu schmähen. Für mich &#8211; das gilt natürlich auch für ihn (wir kommen noch drauf, sage ich mir und ihm), der Regelfall ist, wollen, ohne zu dürfen, weil dürfen, ohne zu müssen, ist besser, als sollen, ohne zu wollen.. Also, nehmen wir einmal an, Du willst, sollst aber nicht, weil Du nicht darfst. Du musst, Du musst es lassen. Ich will aber! Warum? Weil ich nicht dürfen soll &#8211; deshalb? Neeeiiin …</p>
<p>Zeitungen von heute sind doch morgen Makulatur? Und übermorgen war morgen sowieso gestern. Gestern war gestern vorgestern, heute wird morgen vorgestern. Gestern war morgen heute. Morgen wird gestern vorgestern. Heute ist heute, ist heute, ist heute, derweil jetzt aber auch schon wieder vorbei ist. Immer! Mit diesen letzten Wahrheiten entläßt Sie ins Neue Jahr: <strong>Jürgen Gottschling </strong>und, nachträglich zu schlechter Letzt, sei jenem Heidelberger Gemeinderat  mit in die nächsten Jahre auf den Weg gegeben, dass er jene Gemeinderäte, die sich für einen Erweiterungsbau an die Heidelberger Stadthalle aussprechen, der Gotteslästerung bezichtigt, womit Wassili Lepanto &#8211; legte man seinen Maßstab an, ja aber selber Gotteslästerung betriebe? Betriebe? Betreibt!</p>
<p>Gehen wir aber mal zu seinen Gunsten davon aus, dass er nicht ganz bei Trost und ein wenig mehr als gar nicht meschugge ist. Womit mithin für ihn zu hoffen bliebe, dass bei ihm dann  der sogenannte Gotteslästerungsparagraph § 166 StGB  nicht greift und er sich somit nicht vor einem weltlichen Gericht für diesen Ausrutscher wird zu verantworten haben.</p>
<div id="attachment_6916" class="wp-caption alignright" style="width: 223px"><a href="http://www.rundschau-hd.de/wp-content/uploads/2011/01/pfaffe-und-puppe.jpg"><img class="size-full wp-image-6916" title="pfaffe und puppe" src="http://www.rundschau-hd.de/wp-content/uploads/2011/01/pfaffe-und-puppe.jpg" alt="" width="213" height="212" /></a><p class="wp-caption-text">Wassili, mach Dich nicht unglücklich-Gott läßt sich nicht spotten …</p></div>
<p>&nbsp;</p>
<p>Merke: Kein Gott läßt sich instrumentalisieren &#8211; weder von Josef Ratzinger, noch von Wassili Lepanto. Das mußte nota bene übrigens unbedingt gesagt sein &#8211; das habe ich mir nämlich zum Jahreswechsel versprochen: &#8220;Wahrheit, auch ohne Vino … &#8221; &#8211; und, weil die desaströse Zusammensetzung des &#8220;Neuen&#8221; Gemeinderates gerade mal wieder insofern aktuell ist, als es Rätin Dorothea Paschen immerhin geschafft hat, Ingrid Thoms-Hoffmann zu veranlassen also zu schreiben: &#8220;Aber was tun, wenn sich einzelne dieser Stadträte geradezu der Lächerlichkeit preisgeben, wenn ihre Argumentation im wahrsten Wortsinn von allen guten Geistern verlassen ist? Tja, Ingrid, das wissen wir auch nicht. Dass aber die Zusammensetzung des Gemeinderates desaströs ist, das haben wir ja gleich nach der Wahl schon <a href="http://www.rundschau-hd.de/archives/3219/">prognostiziert</a>! Wie ungern behalten wir manchmal doch recht.</p>
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		</item>
		<item>
		<title>in vino veritas-Transzendentale Gefühle: Unendliche Weiten über uns</title>
		<link>http://www.rundschau-hd.de/archives/3646/</link>
		<comments>http://www.rundschau-hd.de/archives/3646/#comments</comments>
		<pubDate>Thu, 29 Dec 2011 12:00:42 +0000</pubDate>
		<dc:creator>admin</dc:creator>
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		<category><![CDATA[In vino veritas]]></category>
		<category><![CDATA[Kirche & Bodenpersonal]]></category>

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		<description><![CDATA[Manchmal, da  habe auch ich so ein transzendentes Gefühl. Bevorzugt in einer &#8211; da brauchts gar keiner &#8220;geweihten&#8221; &#8211; Nacht am Meer; ich erinnere mich an eine solche bei Bordeaux mit Bordeaux. Die unendlichen Weiten vor mir, den hohen Sternenhimmel über mir und in mir eine Art ozeanischen Sinn, der auf diese Unendlichkeiten anzuspringen scheint. [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><a href="http://www.rundschau-hd.de/wp-content/uploads/2009/10/gottschling1.jpg"><img class="alignright size-full wp-image-3733" title="gottschling1" src="http://www.rundschau-hd.de/wp-content/uploads/2009/10/gottschling1.jpg" alt="" width="200" height="159" /></a>Manchmal, da  habe auch ich so ein transzendentes Gefühl. Bevorzugt in einer &#8211; da brauchts gar keiner &#8220;geweihten&#8221; &#8211; Nacht am Meer; ich erinnere mich an eine solche bei Bordeaux mit Bordeaux.</p>
<p>Die unendlichen Weiten vor mir, den hohen Sternenhimmel über mir und in mir eine Art ozeanischen Sinn, der auf diese Unendlichkeiten anzuspringen scheint. Da gibt es dann ein universales Staunen zu registrieren. Das sind die Momente, in denen ich verstehe, daß andere Menschen gläubig sind.</p>
<p><span id="more-3646"></span><br />
Hingegen aber sind gläubige Menschen vor allem darin geübt,  solcher transzendenten Gefühle wegen schlussendlich einen Hinweis auf die Existenz Gottes zu basteln. Und das ist der Punkt, an dem mein Verständnis schon wieder an Grenzen stößt.<br />
Aber halt, einen Moment, klingt dieser Texteinstieg nicht zu privatistisch? Ich finde, es geht nicht anders. Menschen, die die Glaubensfrage nur abstrakt und im Allgemeinen abhandeln, kann ich nicht ernst nehmen. Das ist dann zwar oft interessant. Wie ein Sprechen über, sagen wir, eine neue Inszenierung in irgendeinem Theater, über das Debattenfeuilleton oder die Aussichten von Rot-Grün-Gelb-Schwarz bei der am nächsten Sonntag anstehenden Bundestagswahl. Aber was hat das mit meinem Unglauben, was hat das mit Deinem Glauben zu tun?<br />
An den Kern dieses Themas kommen wir nur, wenn wir uns selbst auf den Grund gehen. Objektivierend kann man zwar Hinweise in die eine oder die andere Richtung sammeln, man kann die Schöpfung preisen oder im Gegenteil angesichts von Kriegen und Naturkatastrophen und der leider installierten <a href="http://www.rundschau-hd.de/wp-admin/post.php?action=edit&amp;post=3219">&#8220;Neuen Mehrheit&#8221;</a> im Heidelberger Gemeinderat metaphysisch verzweifeln, wir könnten die karitativen Wirkungen der Kirche loben (und uns Gedanken darüber machen, dass &#8220;der Staat&#8221; &#8211; mithin wir alle &#8211; diese karikativen Einrichtungen ohnehin finanziert) oder wir könnten über der Kirchen Bodenpersonal wettern &#8211; ob man glaubt oder nicht, ist aber immer noch eine ganz andere Frage. Ohne individuelles Bekenntnis kommt man dabei nicht aus.</p>
<p>Ja, werden jetzt viele denken, da haben sich wie von selbst religiöse Einflüsse  bloßgelegt. Gewissensprüfung, Bekenntnis: Ist das nicht alles christlich geprägt? Nein, antworte ich: Was da gerne christliche Wurzel genannt zu werden wünscht, das sind in Wirklichkeit Anverwandlungen aus anderen Traditionen, etwa der Stoa. Und das mit der Ich-Erforschung haben die Agnostiker, Atheisten, Polytheisten und Pragmatiker aller Gesellschaften und Zeitalter oft ganz genauso gemacht.</p>
<p>Es geht gar nicht anders. Dass wir Glauben für eine Privatsache halten, ist nicht einfach ein Zugeständnis der Religion, das die Gesellschaft von ihr abfordert, weil wir einen säkularen, einen weltlichen Staat sollten haben wollen dürfen &#8211; das ist doch schließlich so immerhin in unserer Verfassung verankert! Es ist auch die Konsequenz aus dem Zusammenbruch aller Gottesbeweise und objektiven Glaubensbegründungen. Es hat sich eben nichts als schlüssig erwiesen, trotz reichhaltiger Bemühungen kluger Autoren.</p>
<p>Andere Menschen werden andere philosophische Prunkzitate haben, mit denen sie diese Behauptung illustrieren; ich verweise immer gern auf den einfachen Gedanken aus Kants „Kritik der reinen Vernunft“, nach dem es keinen Weg gibt, aus hundert gedachten Talern hundert reale Taler zu machen. „Sein ist kein reales Prädikat“, heißt es bei Kant, was schlicht bedeutet, daß man sich zwar viel denken kann &#8211; auch einen Gott -, über die Existenz Gottes aber sagt das überhaupt nichts.</p>
<p>Religion Privatsache? Seit dieser Gedanke durchgedrungen ist, und das ist er sowohl philosophisch als auch im Alltagsverständnis, hat jede Gottesbeweiserei ihre Kraft verloren. Im Übrigen aber auch jede Negierung Gottes. Atheistischer Furor kann genauso allein subjektiv begründet werden wie religiöser Eifer. Ob Gott existiert oder nicht, können wir nicht wissen. Das ist Sache des Glaubens. Ob aber jemand glaubt oder nicht, kann nur er selbst wissen. Das &#8211; und nicht etwa irgendwelche Toleranzforderungen &#8211; ist im Kern der Grund, weshalb (sic: Gott sei dank) Religion Privatsache geworden ist.</p>
<p>Allerdings ist es aus dieser Überlegung heraus offensichtlich ganz gut, daß wir in unserer Gesellschaftstheorie denjenigen philosophischen Traditionen folgen, die den Staat nicht religiös, sondern mit dem wohlverstandenen Eigeninteresse seiner Mitglieder legitimieren. Selbst eine Gesellschaft, die nur aus Gläubigen bestände, täte gut daran, ihren Staat nicht auf den Glauben zu gründen. Das ist schlicht zu ungesichertes Terrain. Es funktioniert in der Praxis auch gar nicht. Gottesstaaten benötigen charismatische Führer, und spätestens bei deren Tod kommt es zu Nachfolgeproblemen.<br />
Die liberale Tradition, Gott außen vor zu lassen und stattdessen die Interessen der Gesellschaftsmitglieder so gut es eben geht auszubalancieren, klappt einfach besser.</p>
<p>Ein wenig Habermas gefällig? Insofern reagiere ich bei der Renaissance der Religion, von der gegenwärtig zu hören ist, skeptisch. Vor allem Jürgen Habermas scheint bei gläubigen Menschen Hoffnungen zu wecken, sie würden an der Wertefront wieder gebraucht. Während er in seiner „Theorie des kommunikativen Handelns“ noch klar gemacht hat, dass eine moderne Gesellschaft ihre Legitimität allein aus sich selbst schöpfen muß, reicht ihm das nun nicht mehr. Er scheint sich einem Denken anzunähern, nach dem die moderne Gesellschaft Voraussetzungen braucht, die sie selbst nicht bereitstellen kann: Werte, geteilte Traditionen, gemeinsame Sinnressourcen.</p>
<p>Aber! Wer entscheidet denn darüber, welche Traditionen wir noch brauchen und welche nicht? Wer sagt, was sinnvoll ist, was nicht? Letzten Endes sind das politische Fragen, bei deren Beantwortung man sich nicht vom Glauben leiten lassen sollte, was &#8211; im Ernst jedenfalls &#8211; ja aber auch kaum mehr jemand tut. Selbst beim sonntäglichen Einkaufsverbot argumentiert die Kirche inzwischen lieber mit mehr oder weniger klugen Lebensregeln (mal Ruhe vom Konsumstreß) als mit Gottes Gebot. Zudem: Selbst wenn es ohne einen Gott nicht ginge, folgt daraus noch immer lange nicht, daß es tatsächlich einen Gott gibt &#8211; siehe Kant. „Die profane Moderne“: Wir leben jenseits des Christentums.“ Die vermeintliche intellektuelle Renaissance der Religion kann ich nur als einen Fluchtversuch vor Tatsache werten.</p>
<p><strong>Lieblosigkeit &amp; Herkunftsvergessenheit?</strong></p>
<p>Obgleich es sich, bei Licht besehen, doch gut lebt, jenseits des Christentums, braucht man es nicht mal, um das festzustellen. Auch müssen wir gar nicht darauf verweisen, daß mittlerweile selbst eingefleischte Christen froh darüber sind, daß etwa die christliche Sexualmoral bei der Kindererziehung keine Rolle mehr spielt. Und auch nicht darauf, daß die Idee von der Gleichheit aller Menschen &#8211; Achtung, Werte! &#8211; älter ist als die christliche Lehre von der Gottesebenbildlichkeit.</p>
<p>Man braucht nur festzustellen, daß zwar nicht mehr unsere Gesellschaft, wohl aber noch die Neigung zu Untergangsszenarios deutlich christlich geprägt ist.</p>
<p>Es ist christliches Denken, vom Rückgang christlicher Bestattungsrituale auf Lieblosigkeit und Herkunftsvergessenheit der Menschen zu schließen. Wer religiös unverbildet ist, wird angesichts dieser Phänomene eher das Aufkommen einer neuen, nicht mehr christlich dominierten Begräbniskultur entdecken. Und &#8211; gehört er sie oder es zur Schicht solchener, die sich Gedanken darüber zu machen haben, wer das unter die Erde bringen mit allem dazugehörenden Brimborium dann zu zahlen gezwungen ist (Freunde sammeln vielleicht dafür, oder so was in der Richtung), der geht gerne den Weg zu Gunter von Hagens. Präparationen sind für die Medizinerausbildung wichtig, oft unbezahlbar und werden von ihm günstigst geliefert &#8211; wenn sich ihm möglichst viele liefern, ich tu es, aber das ist jetzt wirklich schon sehr persönlich. Pardon.</p>
<p>Und genauso ist es christlich gedacht, unter Verweis auf die Scheidungsraten immer wieder einen Verfall des Sozialen zu konstatieren. Daß sich die sozialen Beziehungen inzwischen oft netzwerkartig organisieren, gerät dann aus dem (Vorsicht, neudeutsch) Focus.. Insgesamt herrscht in unserer Gesellschaft längst ein fröhlicher Polytheismus und pragmatischer Umgang mit der Religion. Bei der Hochzeit bedient man sich wieder christlicher Rituale, aber leitet daraus keine großen Folgerungen für den Ehealltag ab, bei der Wellneß lässt man sich buddhistisch oder hinduistisch inspirieren. Vor dem Papst hat man Respekt, trotz oder wegen seines angebraunten Konservatismus &#8211; und seines (halt, das war sein Vorgänger) Verhaltens wegen in Sachen völkerrechtswidriger Krieg der (der Dubble Ju bushschen) USA gegen den Irak.</p>
<p>Ist es nicht so, dass man bei Menschen, die (Ratzinger tut das, und zwar nicht nur klammheimlich) noch gegen den Kirchentag anpöbeln,  fehlgelaufene frühkindliche Prägungen annehmen darf &#8211; oder muss, etwa ein verklerikaltes Internat oder gar Klostererziehung. Aber man muß schon ein arger Bußprediger sein, um all das für schädlich oder schändlich zu halten.</p>
<p><strong>Nichtglauben = Gottsuche?</strong></p>
<p>Es ist zwar weithin geübte christliche Praxis, Nichtglauben als Gottbesdürftigkeit und Gottsuche zu interpretieren, aber mir scheint, da konstruieren sich die Gläubigen die ungläubigen Menschen zurecht, wie sie sie gerne haben wollen. In Wirklichkeit sind Letztere viel pragmatischer, als einige der Kirche Bodenpersonal es sich vorzustellen in der Lage sind.<br />
Auch in dieser Hinsicht, denke ich, kommt man ohne Ich-Perspektive nicht aus: Ich (möchte das mal einfach so sagen dürfen) jedenfalls hatte in meiner intellektuellen Entwicklung eine Phase, in der ich angesichts der ungesicherten Stellung des Menschen im Kosmos vor meiner transzendentalen Obdachlosigkeit geradezu erschauert bin. Aber das war nur eine Phase, und man muß ja irgendwie weiterkommen mit seinem Leben. Und man kommt durchaus gut zurecht, wenn man die <a href="http://www.kirchenaustrittsjahr.de">Glaubensfrage eher tiefer</a> hängt.</p>
<p>Wie, zu guter Letzt, werden Gläubige dereinst mit uns verfahren? Es gibt eine viel drängendere Frage, die sich allerdings nicht  Ungläubige, sondern die Gläubigen stellen sollten. Ich stelle sie stellvertretend für sie: Werdet ihr Gläubigen, falls es zum Schwur kommt, den Unglauben verteidigen mit allem, was damit zusammenhängt wie Blasphemie, Konsumismus, Proll-Gameshows, Computerspielen und Wertelosigkeit?</p>
<p>Wie hältst du es mit  Ungläubigen wie mir? Angesichts der aktuellen fundamentalistischen Entwicklungen könnte das die viel schwerwiegendere Gretchenfrage werden.</p>
<p style="text-align: right;"><strong>Jürgen Gottschling</strong></p>
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		<title>Der geweihten Nacht und obiger Einladung wegen erinnern wir an die neue &#8220;Übersetzung&#8221; der „Heiligen Schrift“ auf feministisch: «Bibel in gerechter Sprache» : «Ich bin der wahre Weinstock, und Gott ist meine Gärtnerin» – ärgerlich oder konfus bis heiter ohne Angst vor Absurditäten …</title>
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		<pubDate>Sat, 24 Dec 2011 20:14:50 +0000</pubDate>
		<dc:creator>admin</dc:creator>
				<category><![CDATA[Allgemein]]></category>
		<category><![CDATA[Essay]]></category>
		<category><![CDATA[Kirche & Bodenpersonal]]></category>
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		<description><![CDATA[Wenn eine der feministischen Theologie eher geneigte Wissenschaftlerin (Elisabeth Gössmann) befürchtet, daß die gesamte feministische Theologie durch die in großen Teilen nicht gelungene Neue Bibelübersetzung “Bibel in gerechter Sprache” in Mißkredit gebracht werde, darf man auf starken Tobak gefaßt sein. Hier hat der Leser es mit einer (stark gewöhnungsbedürftigen) Bibelauslegung, nicht aber mit der Bibel [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><a href="http://www.rundschau-hd.de/wp-content/uploads/2011/12/logo-f.jpg"><img class="alignleft size-full wp-image-7060" title="logo-f" src="http://www.rundschau-hd.de/wp-content/uploads/2011/12/logo-f.jpg" alt="" width="130" height="195" /></a><a href="http://www.rundschau-hd.de/wp-content/uploads/2011/12/teufel.jpg"><img class="alignright size-full wp-image-7053" title="teufel" src="http://www.rundschau-hd.de/wp-content/uploads/2011/12/teufel.jpg" alt="" width="183" height="176" /></a>Wenn eine der feministischen Theologie eher geneigte Wissenschaftlerin (Elisabeth Gössmann) befürchtet, daß die gesamte feministische Theologie durch die in großen Teilen nicht gelungene Neue Bibelübersetzung “Bibel in gerechter Sprache” in Mißkredit gebracht werde, darf man auf starken Tobak gefaßt sein. Hier hat der Leser es mit einer (stark gewöhnungsbedürftigen) Bibelauslegung, nicht aber mit der Bibel zu tun.</p>
<p><span id="more-7039"></span>Zu monieren sind “häufige Ideologisierungen und die oft unmotiverte Einbeziehung der weiblichen Person, auch wenn dies inhaltlich gar nicht angebracht ist, die protestantische Färbung des Projekts sowie eine zu beobachtende “Vergewaltigung der deutschen Sprache”.<br />
Fünf Jahre lang hatten 52 Frauen und Männer beider Konfessionen mit kräftiger Unterstützung durch die evangelische Kirche in Hessen und Nassau und anderer kirchlicher Kreise die Bibel in einem aufwendigen und<br />
(wahrscheinlich auch teurem) Prozeß neu übersetzt. Am Reformationsfest wollte man das Werk symbolträchtig in einem kirchlichen Festakt der Öffentlichkeit übergeben.</p>
<p>Die evangelische Kirche in Deutschland hat sich das verbeten. Zu durchsichtig war der Versuch der privaten Übersetzergruppe, an das Renommee reformatorischer Übersetzungen wie der Lutherbibel oder der Zürcher Bibel anzuknüpfen. Doch von deren Niveau ist diese Neuübersetzung Lichtjahre entfernt.</p>
<p>Weder mit Luthers Sprachkraft noch der philologischen Präzision der Zürcher Bibel kann sie sich messen. Vor allem aber verfolgt sie ganz andere Ziele. Luther wünschte, daß «jede einzelne Stadt ihren eigenen Übersetzer oder Dolmetscher hätte, damit dies Buch allein in jedermanns Sprache, Hand, Augen, Ohren und Herzen wäre». Ihm ging es um «dies Buch», nicht seine Übersetzung in ein bestimmtes Idiom. Als Zeugnis früherer Zeiten für Gottes Furcht und Freude wirkendes Wort kann die Bibel Regel und Richtschnur des Glaubens nur sein, wenn die biblischen Texte nach allen Regeln philologischer Kunst davor bewahrt werden, sich in die Sichtweisen ihrer Leser hinein aufzulösen. Sich den Sinn der Texte nach eigenem Gusto zurechtzulegen, war für Luther das Kennzeichen von Schwärmerei, und die sah er nicht nur im römischen Lehramt, sondern auch in den «linksreformatorischen» Gesinnungsbewegungen am Werk.</p>
<p><strong>Löbliches, Unmögliches</strong></p>
<p>Der Eigensinn der Bibeltexte war deshalb gegen ihre kirchlichen und antikirchlichen Aus- und Zurechtleger stark zu machen. Nur wer die Texte gegen die eigenen und fremden Vorurteile zum Zug kommen läßt, ist ihrem Sinn auf der Spur. Dazu bedarf es philologischer und theologischer Textkompetenz, die in Schule und Studium zu erwerben war. Das wurde zum Markenzeichen protestantischer Kirchen und Kultur, auch in Zürich. Die Zürcher Bibel mit ihrer pünktlichen Beachtung der wissenschaftlichen Arbeit an den hebräischen und griechischen Grundtexten belegt das bis heute. Wer kritisch lesen will, muß den Text stark machen.</p>
<p>Ganz anders diese Neuübersetzung, die nicht richtig, sondern «gerecht» zu übersetzen beansprucht. Sie traut den Lesern gar nichts zu, sondern schreibt ihnen unablässig vor, wie sie verstehen sollen, was sie lesen. Gewiß, Übersetzen ist eine schwierige Kunst. Aber Kunst ist auch «das Gegenteil von ‹gut gemeint›», wie Gottfried Benn lakonisch notierte. Gut gemeint ist die «Bibel in gerechter Sprache» zweifellos. Keinen Augenblick wird man über die Überzeugungen der Übersetzerinnen und Übersetzer im Unklaren belassen, doch ob man auch das Zeugnis der biblischen Texte vernimmt oder liest, was in den hebräischen und griechischen Originaltexten steht, weiß man nie.</p>
<p>Das ist kein Zufall, sondern hat Methode. Hermeneutische Triebkraft dieser Übersetzung sind nicht die exegetischen, historischen und theologischen Fragen nach dem Eigensinn der biblischen Texte und dem Gehalt ihrer Botschaft, sondern die Bemühung, den Impulsen der Befreiungstheologie, der feministischen Theologie und des jüdisch-christlichen Dialogs gerecht zu werden. Doch wie eine Übersetzung zugleich «geschlechtergerechte Sprache», «Gerechtigkeit im Hinblick auf den christlich-jüdischen Dialog» und «soziale Gerechtigkeit» realisieren und dabei auch noch «dem jeweiligen Ausgangstext» gerecht werden will, bleibt ein Rätsel.</p>
<p>So löblich  &#8211; möglicherweise &#8211; diese Ziele je für sich sein mögen, sie schließen sich gegenseitig aus, wenn man die biblischen Texte als Zeugnisse einer anderen Zeit und Kultur ernst nimmt. Vor allem aber sind sie keine philologisch brauchbaren Übersetzungsprinzipien. Kein Text der Bibel wurde in der Absicht verfaßt, geschlechtergerecht, antidiskriminatorisch und frei von Antijudaismus zu sein. Diese Texte entstammen Zeiten, die von anderen Anliegen bewegt waren. Die Bibel ist durchzogen von tiefen Spuren innerer Spannungen, Entwicklungen und Neuentdeckungen, die sich nicht gesinnungsgerecht harmonisieren lassen. Eine sachgerechte Übersetzung darf das nicht verwischen. Sie muss es gerade deutlich machen, um eine kritische Auseinandersetzung zu ermöglichen.</p>
<p>Selbstverständlich kann man die Bibel unter den genannten (und manchen anderen) Gesichtspunkten kritisch lesen und auslegen. Aber sie so zu übersetzen, also im Deutschen als das zu präsentieren, was die Originaltexte sagen, ist schlicht irreführend. Das kann man nur tun und meinen, weil man sich nicht von den Texten, sondern von Vorurteilen leiten läßt: Bei Gott gehe es «immer um Freiheit und Befreiung»; deshalb sei «Gerechtigkeit» das «Grundthema» der Bibel; diese realisiere sich in Geschlechtergerechtigkeit, Abwehr von Antijudaismus und in sozialer Gerechtigkeit; und das müsse eine gerechte Übersetzung «sichtbar» machen. Keine dieser Ansichten versteht sich von selbst. Jede ist vielmehr hoch begründungsbedürftig. Und keine wird begründet. Diese unausgewiesenen Annahmen sind das hermeneutische Hauptproblem dieser Übersetzung. Nach Jahrhunderten historischer Exegese wird der «Bibliothek Bibel» ohne erkennbares Problembewusstsein ein einheitliches Thema unterstellt, aus dem man Kriterien für eine Übersetzung in «gerechter Sprache» ableitet.</p>
<p>Selbstverständlich kann niemand übersetzen und Irrtümer ganz vermeiden. Aber wenn man sich durchgehend nicht mehr darauf verlassen kann, daß das, was man im Deutschen liest, im biblischen Originaltext steht, sollte man nicht mehr von Übersetzung reden.Beschränken wir uns auf vier Problemhinweise.</p>
<p><strong>Erweiterungen, Umdeutungen</strong></p>
<p>An allen möglichen und unmöglichen Stellen wird die Textvorlage geschlechtergerecht erweitert. Ohne Rücksicht auf historische Realitäten gibt es jetzt «Hirten und Hirtinnen», «Verwalter und Verwalterinnen», «Pharisäerinnen und Pharisäer», «Zöllnerinnen und Zöllner». Nicht nur der kluge Mann baut sein Haus auf den Felsen, sondern die kluge Frau und der vernünftige Mann. Das Liebesgebot lautet nicht mehr, seinen Nächsten zu lieben, sondern seine Nächste und seinen Nächsten. Aus den wenigen Hinweisen auf eine Prophetin (Hulda), eine Richterin (Debora), eine Apostelin (Junias) und einige Jüngerinnen wird eine generelle Regel konstruiert, überall mit Frauen zu rechnen, wo ihre Anwesenheit nicht ausdrücklich ausgeschlossen wird. Das ist &#8211; mit Verlaub &#8211; ebenso bescheuert, wie (die meisten) sonstigen feministischen Ergüsse!</p>
<p>Und eröffnet großartige Möglichkeiten. Die Apostelgeschichte wird unter Berufung auf Römer 16, 7 zur «Zeit der Apostelinnen und Apostel», obwohl das Buch selbst neben den Zwölfen nur Paulus und Barnabas als Apostel bezeichnet. Aus den Schriftgelehrten und Pharisäern auf dem Lehrstuhl Mose (Mt 23, 2) werden «toragelehrte und pharisäische Leute», aus den als Heuchler beschimpften Schriftgelehrten und Pharisäern die «Scheinheiligen unter den toragelehrten und pharisäischen Männern und Frauen» (Mt 23, 25). Das ist zwar logisch etwas anderes, und auch historisch spricht nichts für die Existenz lehrender Pharisäerinnen, aber – so heißt es – man dürfe sich das pharisäische Judentum nicht als frauenfeindlich vorstellen. Offenkundig ist hier der geschlechtergerechte Antidiskriminierungswunsch der Vater der Übersetzung – und diese entsprechend historisch irreführend und philologisch unzuverlässig.</p>
<p>Werden an diesen und ähnlichen Stellen die Texte ohne Not erweitert und ausgedeutet, so werden sie an anderen gezielt umgedeutet. So sagt der johanneische Jesus «Ich bin der wahre Weinstock, und Gott ist meine Gärtnerin», obwohl im griechischen Grundtext klar «Mein Vater ist der Weingärtner» steht. Der Johannesprolog beginnt nicht mehr mit «Am Anfang war das Wort», sondern mit «Am Anfang war die Weisheit», weil «der johanneische Jesus . . . auch viele Züge der weiblichen göttlichen Gestalt der Weisheit» trage. Der Heilige Geist wird zur «heiligen Geisteskraft», Jesus vom Sohn zum neutralen «Kind Gottes». Lehrte er seine Jünger bis anhin, «Unser Vater im Himmel» zu beten, so fordert er jetzt die «Töchter und Söhne Gottes, eures Vaters und eurer Mutter im Himmel», auf, zu Gott, dem Vater und der Mutter im Himmel, zu rufen (Mt 6, 9). Ohne Angst vor Absurditäten fließen hier Übersetzung und geschlechterfaire Deutung ineinander. Doch so gewiss es keine Übersetzung ohne Deutung gibt, so falsch ist es, zu folgern, jede Deutung lasse sich als Übersetzung ausgeben. Protestanten wußten das einst besser.</p>
<p>Aber nicht nur solche eingetragenen Deutungen prägen die Übersetzung über weite Strecken, sondern es kommt auch zu nie gehörten Neuschöpfungen. So wird in der Paradieserzählung nach der Erschaffung der Frau aus der «Seite» (nicht mehr bloss Rippe) des Mannes Adam zum «Rest des Menschenwesens» (Gen 2, 22), ohne daß davon irgendetwas im Grundtext stünde. Dagegen steht dort eindeutig, daß nicht der Mann, sondern «der Mensch» (ha-adam) und seine Frau sich nicht schämten, obwohl sie nackt waren (Gen 2, 25), während die neue Übersetzung sichtlich bemüht vom «männlichen Menschen», vom «Mann-Mensch» oder vom «Mensch als Mann» reden zu müssen meint. Offenbar kann oder will man nicht akzeptieren, daß der Erzähler dieses Textes sich eben nicht geschlechtergerecht, sondern unverblümt androzentrisch ausdrückt. Das aber müsste eine Übersetzung sichtbar machen und nicht sprachakrobatisch verwischen, wenn sie zur kritischen Auseinandersetzung mit den biblischen Texten befähigen will.<br />
Doch der Tiefpunkt dieser Übersetzung ist ihre durchgehende Tendenz, sachliche Differenzen innerhalb der Bibel zu verharmlosen und theologische Entwicklungen aus ideologischen Gründen zu verdunkeln. In den sogenannten Antithesen der Bergpredigt etwa setzt Jesus nicht mehr sein «Ich aber sage euch» der Tora-Überlieferung entgegen, sondern macht nur noch einen freundlichen Auslegungsvorschlag: «Ihr habt gehört, daß Gott gesagt hat: Du sollst nicht ehebrechen. Ich lege euch das heute so aus: . . .» (Mt 5, 27f). Heute so und morgen anders. Nur eines darf es auf keinen Fall geben: einen wirklichen Widerspruch zwischen Tora und Jesu Lehre. Der Antijudaismus-Vorwurf an Jesus wäre sonst nicht zu vermeiden.</p>
<p><strong>JAHWE</strong></p>
<p>Selbst die Propheten Israels müssen davor in Schutz genommen werden. Weil die Rede vom Ende Israels tabu ist, darf Amos nicht mehr sagen «Reif zum Ende ist mein Volk Israel» (Am 8, 2), sondern nur noch «Reif ist mein Volk Israel». Doch der hebräische Text spricht nicht von «reif», sondern vom Ende, und zwar im Rahmen eines Klang-Wortspiels zwischen Ende (qez) und Sommer (qajiz), das die Lutherbibel und die Einheitsübersetzung mit der Sprachanalogie zwischen «reifem Sommerobst» und «reif zum Ende» nachzubilden suchen. Schon die Rede vom Ende Israels aber scheint den Neuübersetzern verdächtig, und so wird der Text gegen seine ausdrückliche Aussage entschärft.</p>
<p>Schließlich und vor allem aber geht die Übersetzung auf schlechterdings unverantwortliche Weise mit den biblischen Gottesbezeichnungen um. Weil der Gottesname Jahwe (das Tetragramm) seit biblischer Zeit von orthodoxen Juden aus religiöser Scheu (und nicht etwa, weil er «unaussprechbar» wäre) nicht mehr ausgesprochen wird, wird er auch in dieser Übersetzung gemieden und durch wechselnde andere Bezeichnungen ersetzt: «der Ewige, die Ewige, Schechina, Adonaj, ha-Schem, der Name, Gott, die Lebendige, der Lebendige, Ich-bin-da, ha-Makom, Du, Er Sie, Sie Er, die Eine, der Eine, die Heilige, der Heilige». Nur «Herr» oder «Kyrios», im antiken Judentum, in der Septuaginta und im Neuen Testament die gängigen Gottesbezeichnungen, werden aus durchsichtigen Gründen erst gar nicht mehr erwähnt.</p>
<p><strong>Theologisch bankrott</strong></p>
<p>Welche Variante aus dieser Palette in der Übersetzung jeweils gewählt wird, hat nichts mit dem Ausgangstext zu tun, sondern wechselt in völliger Willkür. Diese wird dadurch noch unterstrichen, daß in der Kopfzeile der jeweils linken Seite eine beliebige Auswahl aus der Variantenliste geboten wird, die man nach Belieben anstelle des gedruckten Vorschlags wählen kann. Damit wird nicht nur der Gottesname Jahwe in der Übersetzung eliminiert, sondern es werden auch alle anderen als Ersatz gebrauchten Bezeichnungen für beliebig austauschbar ausgegeben. Alle Bestimmtheit im Reden von Gott wird so gezielt vermieden. Und diese bestimmtheitsvernichtende Überführung der Gottesbezeichnungen in sprachliche Beliebigkeit und Unbestimmtheit bleibt nicht auf die Übersetzung alttestamentlicher Texte beschränkt, sondern wird bis zur letzten Seite des Neuen Testaments fortgesetzt.</p>
<p>Begründet wird diese textwidrige und ahistorische Praxis mit dem Hinweis, Gott sei «in allen Teilen der Bibel derselbe bzw. dieselbe». Aber es kommt einer theologischen Bankrotterklärung gleich, daraus zu folgern, Gott könne in allen Teilen der Bibel auch auf dieselbe Weise bezeichnet werden; oder es sei beliebig, wie in den einzelnen Texten von, über und zu Gott gesprochen werde; oder man könne diese Texte verstehen, ohne die Spuren der Konflikte zu beachten, in denen in den biblischen Traditionen in unzähligen Anläufen um die angemessene Bezeichnung und das rechte Verständnis Gottes gerungen wurde; oder Erzählungen wie die vom Opfer Abrahams (Gen 22) oder von Jesu Kreuzestod und Auferweckung hätten das jüdische und christliche Gottesverständnis nicht nachhaltig geprägt und verändert.</p>
<p>Der abstrakten Gotteshermeneutik dieser Übersetzung bleibt jeder Zugang zur Einsicht in die geschichtlichen, sprachlichen und theologischen Prozesse verstellt, in denen sich das Gottesverständnis der Bibel entwickelt hat, in denen es in Sackgassen geriet, durch geschichtliche Ereignisse erschüttert und bereichert wurde, zu Revisionen und bleibenden Klärungen gekommen ist und hinter die nur um den Preis zurückgegangen werden kann, tief reichende theologische Einsichten zu verspielen und die religiöse Identität von Juden und Christen nicht ernst zu nehmen. Eine Übersetzung, die das nahelegt, verspielt ihren Anspruch, gerecht zu sein. Sie ist nicht textgerecht und richtig, sondern schlicht schlecht, falsch und nichtig.</p>
<p>Die «Bibel in gerechter Sprache» vermeidet erfolgreich, sich vom Eigensinn der biblischen Texte stören zu lassen. Ihr Umgang mit den Texten hat alle Züge einer schwärmerischen Ideologie; womit dieTexte den Status eines kritischen Gegenübers endgültig verlieren, an dem sich Auslegung und Auseinandersetzung hätten orientieren können. Diese „Übersetzung“ hingegen ist nicht nur hermeneutisch einseitig, sondern an vielen Stellen auch philologisch unzuverlässig, historisch irreführend und theologisch konfus. Philologisch, historisch und theologisch ist diese „Übersetzung“ völlig unbrauchbar.<br />
Das kann jeder feststellen, der die biblischen Originaltexte mehr als garnicht kennt. Dass weite Kreise sowohl der evangelischen Kirche als auch der akademischen Theologie diese „Neuübersetzung“ unterstützt und begleitet haben, ohne sich daran erkennbar zu stoßen, wirft ein trauriges Licht auf den Zustand der protestantischen Theologie.</p>
<p><em>Bibel in gerechter Sprache. Herausgegeben von Ulrike Bail, Frank Crüsemann u. a. Gütersloher Verlagshaus 2400 Seiten</em></p>
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		<title>in vino veritas: Das Fest der Liebe, die stille und die heilige Nacht, Weihnachtspsychose, Jungfrauengeburt, bizarre Trugbilder, allerlei unheiliges und allerliebste Visionen</title>
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		<pubDate>Fri, 23 Dec 2011 00:50:20 +0000</pubDate>
		<dc:creator>admin</dc:creator>
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		<description><![CDATA[&#160; Es ist ja nicht nur uns Unheiligen nichts heilig: Auch die vergleichenden Religionswissenschaften machen sich Gedanken, die &#8211; geht es etwa um die Geburt Jesu aus der Jungfrau Maria &#8211; sich mit jenem Vorkommnis beschäftigen, das eine dem Christentum (seien wir doch mal ehrlich) entfremdete Welt zu Weihnachten feiert und mit dem unsere abendländische [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<div id="attachment_6961" class="wp-caption alignright" style="width: 190px"><a href="http://www.rundschau-hd.de/wp-content/uploads/2011/12/ups2.jpg"><img class="size-full wp-image-6961" title="ups" src="http://www.rundschau-hd.de/wp-content/uploads/2011/12/ups2.jpg" alt="" width="180" height="265" /></a><p class="wp-caption-text">… und rauschgold blonde Engel</p></div>
<p>&nbsp;</p>
<p>Es ist ja nicht nur uns Unheiligen nichts heilig: Auch die vergleichenden Religionswissenschaften machen sich Gedanken, die &#8211; geht es etwa um die Geburt Jesu aus der Jungfrau Maria &#8211; sich mit jenem Vorkommnis beschäftigen, das eine dem Christentum (seien wir doch mal ehrlich) entfremdete Welt zu Weihnachten feiert und mit dem unsere abendländische Zeitrechnung beginnt.</p>
<p>Keine wertfreie Kalenderweisheit ist es, sondern immerhin die Menschwerdung Gottes, bei der die Geschichte von vorn zu zählen beginnt. In der antiken Mythologie war die Jungfrauengeburt zwar eine alltägliche  Sache &#8211; aber auch in d(ies)er Realität: Vor Gott Vater gab es Gott Mutter, die Erdgöttin.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>&nbsp;</p>
<p><span id="more-479"></span></p>
<p><strong>Auch vorzeiten schon:<br />
Tohuwabohu</strong></p>
<p><img id="image485" title="gaea.jpg" src="http://www.rundschau-hd.de/wp-content/uploads/2006/12/gaea.jpg" alt="gaea.jpg" align="left" /> In der griechischen Mythologie beginnt die Erschaffung der Welt aus dem Tohuwabohu mit der Erdmutter Gäa, die im Schlaf den Sohn Uranus gebiert. Als Herrscher des Himmels befruchtet er sie mit Regen und bringt als ihr Sohn die Erde zum Blühen. Gäa läßt Uranus nach einem Familienstreit kastrieren, und erst nach der Vermählung von Bruder und Schwester wird Zeus geboren. Die Legende siedelt diese Geburt  auf Kreta an, in einer Grotte, wo eine Ziege das Neugeborene hütet. Das archaische Bethlehem ist für den Touristen per Esel zu erreichen &#8211; die Parallelen zur Geburtsgrotte im Heiligen Land sind unübersehbar. In allen Metamorphosen der klassischen Mythologie kam es zu wundersamen Geburten, wenn Götter sich mit Sterblichen einließen. Bacchus und Apollo sind Produkte von Zeus&#8217; amourösen Abenteuern, bei denen er sich als Mensch oder Vogel tarnte, um Nymphen und Königstöchter zu schwängern. Göttliche Abstammung setzte eine Jungfrauengeburt voraus und war dazu angetan, Sterblichen den Glanz der Unsterblichkeit zu verleihen. So glaubten Zeitgenossen, daß Alexander, Platon und Pythagoras durch Jungfrauengeburt auf die Welt gekommen seien, auch wenn alle Tatsachen dem widersprachen. Himmel und Erde aber vereinigen sich, bis das Wunder geboren wird.</p>
<p><strong>&#8220;Jungfrau&#8221; Maria? Übersetzungsfehler?</strong></p>
<p>Unsere Zeitrechnung beginnt mit der Geburt Christi, und die westliche Kultur ist trotz allen Widerstandes im Denken und Handeln ein Produkt des Christentums. Die Kirche, gleich welcher Konfession, hat dabei an der Geburt aus einer Jungfrau festgehalten und diese tausendfach verehrt, angerufen und bildnerisch gestaltet. In den ältesten Schriften des Neuen Testaments indes findet die Jungfrauengeburt kaum Erwähnung. Im Markusevangelium, dem frühesten der vier, verhält Christus sich Mutter und Brüdern gegenüber gleichgültig, und lediglich Matthäus, der Altes und Neues Testament miteinander verbindet, erwähnt Marias Schwängerung durch den Heiligen Geist.</p>
<p><img id="image486" title="maria.jpg" src="http://www.rundschau-hd.de/wp-content/uploads/2006/12/maria.jpg" alt="maria.jpg" align="left" /> Dies wird deutlich, wenngleich indirekt erwähnt, als er auf den Propheten Jesaia verweist, der gesagt habe, daß eine Jungfrau schwanger werde und einen Sohn gebäre, den man Immanuel, &#8220;Gott mit uns&#8221;, nennen werde. Heutige Schriftgelehrte sind der Ansicht, Matthäus, der sich auf die griechische Fassung der hebräischen Texte stützte, habe einen Übersetzungsfehler begangen, da das griechische parthenos, Jungfrau, eine zu wörtliche Übersetzung des hebräischen alma, heiratsfähiges Mädchen, sei. Wie auch immer &#8211; die Natur macht Mann und Frau biologisch gleichwertig und voneinander abhängig. Die Mythologie hingegen kennt eine andere Wirklichkeit, die idealisiert, bedichtet und personifiziert wird. In diesem Sinne ist Maria eine wirkliche Dienerin. Sie dient jedoch nicht dem Herrn, sondern der christlichen Theologie. Aus einer beiläufigen Erwähnung in der Bibel hat mann (sic) sie groß gemacht, denn die Kirchenväter brauchten sie, um Juden, Griechen und Heiden die gleichzeitig göttliche und menschliche Natur ihres Sohnes klarzumachen. In ihr wurde Irdisches himmlisch, Besudeltes rein und nicht zuletzt das Sexualleben zur sündigen Kehrseite der Jungfrauengeburt.</p>
<p><strong>Lustig, lustig, trallalla, bald &#8230;<br />
Drogen unterm Weihnachtsbaum</strong></p>
<p>Das Brauchtum um Weihnachten herum tut ein übriges, den Glauben an jungfräuliche Geburt zu untermauern. Gerade hat die Heidelberger Hauptstelle gegen Drogenmißbrauch (HHgDm)  vor den Gefahren des Weihnachtsfestes gewarnt. Eindringlich werden die Bundesbürger aufgefordert, auf suchterzeugende Weihnachtssubstanzen zu verzichten, vor allem der leichtsinnige Griff ins Gewürzregal könne unabsehbare Folgen haben und den ahnungslosen Konsumenten in Konflikt mit dem Betäubungsmittelgesetz (BtMG) bringen.</p>
<p><img id="image480" title="rauschgoldengel.gif" src="http://www.rundschau-hd.de/wp-content/uploads/2006/12/rauschgoldengel.gif" alt="rauschgoldengel.gif" align="left" /></p>
<p>Vor dem Verkehr mit Rauschgoldengeln wird ebenso gewarnt, wie vom Verzehr von Zimtsternen, Pfefferkuchen, Anistalern, Ingwerplätzchen, von Spekulatius und schokoladierten Christkindlein abgeraten wird. Vor allem bei unkontrolliertem Mischkonsum mit Glühwein, Punsch und Bowle, Karpfen, Gans und Truthahn (&#8220;Hast du all das&#8221; &#8211; wir erinnern uns &#8211; &#8220;in der Blutbahn, kannst du fliegen wie ein Truthahn&#8221;) wirke, so HHgDm-Präsidentin Caja von Drottelhaim (57), ein multitoxikomanes Geschehen im menschlichen Organismus unheilvoll zusammen.<br />
In der stofflichen Expertise &#8220;Wirkung und Pharmakokolorinese von psychoaktiven Jahresend-Halluzinogenen&#8221; unterzogen die Weihnachtsforscher im Auftrag der NEUEN RUNDSCHAU die beliebtesten Festdrogen einer detaillierten Analyse. Ergebnis: Bei chronischem Konsum vor- und weihnachtlicher Spezereien kann es zu abnormen, rauschhaften Verwirrtheitszuständen mit Herzschlagveränderung, Schweißabsonderung, Fieberschüben, Muskelschmerzen und Übelkeit kommen &#8211; bis hin zum Erbrechen.</p>
<p><strong>Was soll denn überhaupt noch Freude machen ?</strong></p>
<p><img id="image481" title="bildtafel-heilpflanzen.jpg" src="http://www.rundschau-hd.de/wp-content/uploads/2006/12/bildtafel-heilpflanzen.jpg" alt="bildtafel-heilpflanzen.jpg" align="left" /> Safran &#8211; &#8220;macht den Kuchen geel&#8221; &#8211; zum Beispiel, dieser aus den Blütenfäden des Krokus gewonnene Farbstoff ist nicht nur Aromaspender, sondern eine dem Opium vergleichbare Droge, schmerzstillend und krampflösend zugleich. Die Forscher berichten von einem &#8220;euphorisierenden Kick&#8221; mit &#8220;allzumal heiteren Delirien&#8221; und &#8220;unbändigem Lachreiz&#8221;. Letale Dosis: 12 Gramm. Beispiel Zimt (Hauptwirkstoff in &#8220;Zimtstern&#8221; und &#8220;Bratapfel): Schon in den dreißiger Jahren wurden Zimt-Zigaretten wie Marihuana geraucht. Auch die Wirkung ist vergleichbar. Hohe Dosen führen zu krampfähnlichen Effekten.</p>
<p>Auch unsere &#8220;Springerle&#8221; &#8211; die schönsten in alten Holzformen geprägten gibts immer noch bei Gundel am Rathaus &#8211; sind des enthaltenen Anis&#8217; wegen auch nicht so ganz ohne: Bei oraler Verabreichung treten ab 70 mg erste psychoaktive Effekte auf, auch wurden typische Opiatwirkungen beobachtet. Anis wirkt sedierend, analgetisierend, antitussitiv und verzögert die Peristaltik.</p>
<p>Eine der häufigsten (nicht nur Weihnachts-) Drogen ist die Schokolade. Das beliebte Vielstoffgemisch aktiviert cannabinoide Rezeptoren, putscht den Organismus auf und setzt im Hirn den antoinativen Neurotransmitter Serotonin frei.<br />
Rauschdrogen  von ebenfalls beachtlicher Potenz sind &#8211; man mag auch dies gar nicht glauben &#8211; Muskat, Pfeffer, Ingwer oder Nelken (letztere bei Zahnschmerzen in die richtige Lücke gedrückt, schon hört die Pein für eine Weile auf, da spätestens merkt auch der verwunderte Drogenlaie, daß darin ein explorierter Stoff enthalten sein müsse!) können zu psychischer und/oder physischer Abhängigkeit führen. Von den Usern über das ganze Jahr genossener Myrrhe und vom Weihrauch ganz zu schweigen&#8230;</p>
<p><strong>Psychosen alle ecclesiogen?</strong></p>
<p><img id="image482" style="width: 174px; height: 177px;" title="brennessel.jpg" src="http://www.rundschau-hd.de/wp-content/uploads/2006/12/brennessel.jpg" alt="brennessel.jpg" align="right" /> In den Fallbeispielen ärztlicher Notdienste und Vernehmungsprotokollen polizeilicher Aufklärung finden sich zahlreiche Belege für drogeninduzierte Weihnachtspsychosen, erwiesenermaßen sind die nämlich keineswegs alle ecclesiogen, wie <strong>Jürgen</strong> <strong>Gottschling</strong>, dieser oft als laizistischer und zudem ungläubiger Kirchenkritiker denunzierte immer glauben machen möchte. Insbesondere wird immer wieder die Leuchtkraft der auftretenden Farbvisionen und die Eindringlichkeit optischer Trugwahrnehmungen dokumentiert. Drogen-User sehen den &#8220;Stern von Bethlehem&#8221;, &#8220;geflügelte, blondierte Wesen auf Tannenspitzen&#8221;, &#8220;von Elchen und Rentieren gezogene, schlittenartige Ufos&#8221;, sie haben Visionen von &#8220;rotgewänderten Greisen mit weißen Wattebärten, Rute und Jutesack, die ihr Erbe verschenken&#8221;, haben Wahrnehmungen von &#8220;elektrisch aufgeladenen Fichten&#8221; und sehen &#8220;göttliche Kleinkinder in Futterraufen&#8221;.</p>
<p><img id="image484" title="knabe-in-lockigem-haar.jpg" src="http://www.rundschau-hd.de/wp-content/uploads/2006/12/knabe-in-lockigem-haar.jpg" alt="knabe-in-lockigem-haar.jpg" align="left" /></p>
<p>In fortgesetztem Rauschgeschehen dann treten akkustische Phänomene auf: Repetitives Psalmodieren von allerlei Gewünschtem wie einem &#8220;holden Knaben im lockigen Haar&#8221; &#8211; von einer &#8220;Jungfrau auserkoren&#8221; etwa, oder zwanghafte Vermehrungswünsche mit aufgesagtem &#8220;ihr Kinderlein kommet&#8221; sind bekannt geworden. Die emotional enthemmte Atmosphäre entlädt sich &#8211; in gleichwohl schönen &#8211; ekstatischen Gesängen und Litaneien.<br />
<img id="image483" title="christbaum.jpg" src="http://www.rundschau-hd.de/wp-content/uploads/2006/12/christbaum.jpg" alt="christbaum.jpg" align="right" /><br />
Das gesamte Wahngeschehen ist eingebettet in ein aufwendiges, mit erheblichen forstwirtschaftlichen Schäden einherkommenden &#8220;Settings&#8221;. Junge Nadelgewächse werden gerodet, in Wohnstuben altarähnlich installiert, glitzernde Metallstreifen und psychedelische Kugeln daran arretiert. Nicht selten wird an dem ausgetrockneten Gehölz sorglos mit offenem Licht hantiert und häufig versammeln sich die Berauschten in un- bis schlecht beheizten Sakralbauten und zelebrieren &#8220;bunte Messen&#8221;.</p>
<p><strong>Damit nicht genug &#8230;</strong></p>
<p>Die Weihnachtsintoxikation durch Schoko- und Gewürzmittelmißbrauch führt aber auch zu Depressionen, Angst und Eifersuchtsideen.</p>
<p>&#8220;Die Suizidquote nimmt dramatisch zu&#8221;, so ein Teilergebnis der Rundschau-Studie.</p>
<p><img id="image488" title="ostereier.gif" src="http://www.rundschau-hd.de/wp-content/uploads/2006/12/ostereier.gif" alt="ostereier.gif" align="left" />Und, zu guter Letzt, kann es nach Absetzen der Rauschdrogen noch Monate später ohne vorhergehende Warnsymptome zu einem sogenannten Flashback (&#8220;Nachrausch&#8221;) kommen.<br />
Meist berichten die Probanden dann von Säugetieren, die bunte Eier legen: Hasen.<br />
In der &#8211; was Wunder &#8211; Regel jedenfalls.</p>
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		<title>Das Leben? Leben! Das Prinzip Hoffnung &#8211; Ernst Bloch gewidmet …</title>
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		<pubDate>Thu, 17 Nov 2011 16:56:16 +0000</pubDate>
		<dc:creator>admin</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Nur einmal bringt des Jahres Lauf / uns Herbst und Lerchenlieder. Nur einmal blüht die Rose auf, und dann verwelkt sie wieder; nur einmal gönnt uns das Geschick / so jung zu sein auf Erden: Hast du versäumt den Augenblick, jung wirst du nie mehr werden. Drum lass von der gemachten Pein / um nie [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Nur einmal bringt des Jahres Lauf / uns Herbst und Lerchenlieder. <span id="more-6018"></span>Nur einmal blüht die Rose auf, und dann verwelkt sie wieder;<br />
nur einmal gönnt uns das Geschick / so jung zu sein auf Erden: Hast du versäumt den Augenblick, jung wirst du nie mehr werden. Drum lass von der gemachten Pein / um nie gefühlte Wunden! Der Augenblick ist immer dein, doch rasch entfliehn die Stunden. Und wer als Greis im grauen Haar / vom Schmerz noch nicht genesen, der ist als Jüngling auch fürwahr nie jung und frisch gewesen.<br />
Nur einmal blüht die Jugendzeit / und ist so bald entschwunden; und wer nur lebt vergangnem Leid, wird nimmermehr gesunden. Verjüngt sich denn nicht auch Natur / stets neu dereinst im Frühlingsweben? Sei jung und blühend einmal nur, doch das &#8211; durchs ganze Leben! (Richard von Wilpert 1862-1918)<br />
<strong> </strong></p>
<p><strong>&#8220;Tod, wo ist dein Stachel?&#8221;</strong></p>
<p><a href="http://www.rundschau-hd.de/wp-content/uploads/2011/03/in-vino-veritas.jpg"><img class="alignright size-full wp-image-6307" title="OLYMPUS DIGITAL CAMERA" src="http://www.rundschau-hd.de/wp-content/uploads/2011/03/in-vino-veritas.jpg" alt="" width="120" height="99" /></a>Es ist doch der Tod im Westen das Entsetzlichste, derweil es aber im Osten Leben bedeutet. Im Westen muß man sterben (das ist der Lohn der Sünde), und im Osten muß man immer wiedergeboren werden (das ist die Strafe für begangenes Unrecht). &#8220;Erlösung&#8221; im Westen ist Überwindung des Todes, im Osten ist es die Überwindung des Wiedergeboren-werdens. Derweil Christus das ewige Leben verspricht, tröstet Buddha mit der Befreiung vom Leben, das er als Leiden erkannt hat.<br />
Der Ewige hat die Welt aus dem Tohuwabohu geformt. Die Neurophysiologen sind ihm dahinter gekommen und lassen jetzt jeden besseren Designer glauben, befähigt zu sein,  es ihm nachtun oder es gar besser machen zu können als ER.</p>
<p>Lange Zeit meinte man, die von einem Gott <a href="http://www.kirchenaustrittsjahr.de"> (siehe Bodenpersonal!)</a> mit Inhalt gefüllten Formen seien hinter dem Inhalt verborgen und man könne diese dem Chaos am ersten Schöpfungstag aufgesetzten Formen dort entdecken. So seien die Himmel entstanden. Und Leute wie Pythagoras und Ptolemäus haben diese göttlichen Formen, Kreise und Epizykel hinter den Erscheinungen entdeckt und aufgezeichnet. Später, seit der Renaissance, ist man auf etwas Überraschendes und bislang Unverdautes gestoßen: Die Himmel lassen sich zwar in ptolemäischen Kreisen und Epyzikeln, aber noch besser in kopernikanischen Zirkeln und Kepler`schen Ellipsen formulieren und formalisieren. Also, wie ist das nun eigentlich? Hat ein Schöpfer am Ersten Tag Kreise, Epizykel oder Ellipsen verwendet? Unverdaulich an alledem für diejenigen, die dies weder verwinden wollen noch verdauen können ist, dass sich, ebenso wie die Himmel und überhaupt alle Naturaspekte nicht beliebig formalisieren lassen: Warum folgen die Planeten zwar entweder zirkulären oder epizyklischen oder elliptischen Bahnen, nicht aber quadratischen oder triangulären? Warum können wir Naturgesetze zwar verschieden, nicht aber beliebig formulieren? Gibt es etwa dort draußen etwas, das einige unserer Formeln schluckt, andere aber aus- und uns ins Gesicht spuckt? Ist dort eine &#8220;Wirklichkeit&#8221;, die sich zwar von uns informieren und formulieren läßt, aber dennoch eine Anpassung von uns fordert?<br />
Oder darf uns das &#8211; für heute und diese Betrachtung &#8211; egal sein? Es sei!</p>
<p><strong>Wunderwelt des Lebens</strong></p>
<p>Ich betrachte mit Bewußtsein &#8211; mit bewußtem Sein! &#8211; den aus der Blumentopferde herauslugenden Pflanzensproß, und sogleich habe ich das ganze Rätsel vor mir. &#8211; Wer aber bin ich, der dies beobachtet und darüber nachdenkt? Es ist eine bemerkenswerte Eigenschaft unseres Geistes, dass er in der Lage ist, dieses allgegenwärtige Rätsel allein aus Gewohnheit zu übersehen: Was uns im Äußeren so vertraut ist, dass wir es kaum noch wahrnehmen, das enthält im Innern eine Welt, die eines Tages vielleicht auf jede unserer Fragen eine Antwort geben wird. Eine Welt organisch gewachsener Strukturen und Funktionen, zu deren Entwicklung sich die Natur Jahrmillionen und Jahrmilliarden Zeit gelassen hat. Wir haben alltäglich aufs Neue mit organisatorischem und technischem Wunderland zu tun: Mit der Form einer Meeresschnecke, der Statik eines Röhrenknochens, der Struktur und Dynamik eines Wirbels, mit der Richtungsorientierung bei Tieren, dem Informationssystem der Zellen … all dies ist andersartig und interessant bis zum Übermaß. Und doch erst ein Einblick in äußere Hüllen.</p>
<p><strong>Leides Sinn?</strong></p>
<p>Das Leben schafft Neues, indem es Altes vernichtet. Der Keimling wächst, indem er die Bohne sprengt. Es hat jeder schöpferische Mensch seine Auf- und Untergänge. Leiden gehört zum schöpferischen Leben, denn dies ist Überwinden des Alten, Sprengen der Käfige, ist Grenzüberschreitung. Unsere Zeit ist so kompliziert und so gegensätzlich, dass das üblicherweise gesuchte Ideal eines leidfreien, einfachen und ruhigen Lebens kaum einen schöpferischen Sinn hat. Je reicher doch ein Mensch innerlich ist, desto mehr trägt er auch mit und in sich etwas von den Fragen, Fragwürdigkeiten und Widersprüchen seiner &#8211; dieser &#8211; Zeit.<br />
Vermutlich hat jedes ernstere und länger dauernde Leiden im Leben eines Menschen eine schöpferische Bedeutung. Freilich eine, die zunächst schwer zu erschauen ist. Ein Rückblick zeigt später aber eingetretene Veränderung: ein feineres, festeres, unbestechlicheres Gesicht (&#8220;Jeder ist von einem gewissen Alter an für sein Gesicht verantwortlich&#8221; &#8211; Schopenhauer), ein offenbarer Zuwachs an Persönlichkeit und geistiger Substanz, eine Schärfung des kritischen Sinns und eine ausgeglichenere Beurteilung menschlicher Werte.</p>
<p><strong>&#8220;Werde, der du bist&#8221;</strong></p>
<p>Ein Werdender, der auf seinem Weg noch nicht alles gelöst hat &#8211; natürlich nicht &#8211; schafft Reibung, Konflikt, Unruhe &#8211; Leidensstoff erst einmal genug: Das Unbegreifliche wirkt bedrohlich, das menschliche Leben scheint umschlossen von einem unberechenbaren Katastrophenhorizont, der sich noch immer bestätigt hat, wenn die Konventionen einen Dammbruch erlitten haben. Wir leben in dieser ungeheuerlichen Welt, sind umgeben von ihrem Atem und ihren Vibrationen. Die Paranoia unserer Zeit weist auf einen wirklichen Tatbestand, denn das sich anbahnende menschliche und ökologische Desaster ist so etwas wie die &#8220;Rache&#8221; des unverstandenen und vergewaltigten Lebens.</p>
<p><strong>&#8220;Denn alles Fleisch, es ist wie Gras&#8221; </strong></p>
<p><a href="http://www.youtube.com/watch?v=ahR1XWoGImU&amp;feature=related">Denn alles Fleisch, es ist wie Gras</a> und alle Herrlichkeit des Menschen wie des Grases Blumen.<br />
Das Gras ist verdorret und die Blume abgefallen.</p>
<p>Alles, was da kreucht und fleucht und wächst, alle vegetativen und animalischen Lebensvorgänge, alle Kreisläufe der Natur funktionieren ohne Absicht und ohne Anstrengung &#8211; selbst etwa die kraftvollsten Bewegungen eines Panthers erfolgen so; darin gerade liegt das Geheimnis ihrer Kraft und Schönheit.<br />
Die Zen-Kultur des Ostens hat mit der &#8220;Kunst des Bogenschießens&#8221; oder des Schwertes (Samurai) eben dies Prinzip verfolgt: höchste Schönheit und Perfektion ohne Absicht und Anstrengung. Es ist das Prinzip der Mitte (&#8220;Hara&#8221;). Wer in seiner Mitte ruht, verfügt über kosmische Kräfte &#8211; gleichwie der Grashalm, der Baum und das (nicht domestizierte) Tier. Die das Leben vollbringende Kunst &#8211; wo es nicht gestört ist &#8211; besteht darin, diese Ruhe auch in der Bewegung nicht zu verlieren.<br />
Die Fähigkeit, eine Absicht zu haben und ein Ziel zu verfolgen, ist eine späte Entwicklung der Evolution &#8211; als aber durchaus zusätzliche Fähigkeit und Potenz des Lebendigen &#8211; die freilich ihre eigentliche Ausprägung erst beim Menschen gefunden hat. Es kann aber nicht darum gehen, dies ignorierend, wieder eine Lebensweise ohne Ziel und Absicht herstellen zu wollen. Hingegen könnten  wir uns Ziele sinnvoll setzen und diese in dem Sinne einsetzen, als wir sie als Fähigkeit einer lebensgesetzlichen Kultur, als universelles Prinzip des Lebendigen, sehen und verstanden haben.</p>
<p><strong>Wir haben unsere Mitte verloren</strong></p>
<p>Wo immer ein deutlicher, großer Stil vorhanden war, auch in den kunstgeschichtlichen Epochen der Antike, der Romantik, Gotik, Renaissance usf., dürfen wir eine innere Lebenshaltung vermuten, der ein ursprünglicher Erfahrungstyp des Lebendigen zugrunde lag. Selbstverständlich gilt das auch für die starken Formen der Moral. Diese nämlich war ja nicht nur  ein Einsperren des Menschentiers in ein aufgezwungenes Korsett, sondern auch und vielleicht vor allem ein geschichtlicher Impuls der Selbsterfassung und Selbsterziehung des Menschen &#8211; und so ein wirklich humanistisches Medium. dass sie &#8211; in der Regel &#8211; das Gegenteil erzeugt hat, bezeichnet ihre Unzulänglichkeit, nicht ihr eigentliches, ihr inneres Motiv!</p>
<p><strong>&#8220;Und hätte der Liebe nicht&#8221;</strong></p>
<p>Unsere Geschichte war ein Kampf zwischen dem Prinzip Liebe und dem Prinzip Angst. Die ursprünglichen und echten Kulturschöpfungen waren immer auch ein Versuch des Menschen, sich in diesem Kampf zu behaupten. In den bewußtesten Gestalten der Moral- und Religionsgeschichte sollte er zugunsten des Prinzips Liebe gewonnen werden. Eine moderne Schreibweise dieses Kampfes dürfte auf einer Präzisierung von Analyse und Selbstbeobachtung beruhen, nicht aber schon auf einer (und schon gar nicht) endgültigen Lösung des Problems.</p>
<p><strong>&#8220;Angst essen Seele auf&#8221;</strong></p>
<p>Was es heißt, ohne Angst zu lieben, ist für die allermeisten nicht einmal mehr vorstellbar, weil die Verbindung dessen, was wir als &#8220;Liebe&#8221; bezeichnen, mit Verlustangst, Sexualangst, Autoritätsangst, Angst vor Ablehnung, vor dem Alleinsein und vor Verrat so &#8220;selbstverständlich&#8221; ist, dass die Absurdität der Situation schon gar nicht mehr auch nur wahrgenommen wird. Wahrgenommen hingegen werden dann erst wieder die Folgen: Eifersucht, Krankheit, Depression und Zerbrechen der Beziehungen. Liebe ohne Angst, das ist allemal das Gegenteil von der in unserem Kulturkreis gelebten &#8220;Krankheit Liebe&#8221;.</p>
<p><strong>Kampf zwischen zwei Prinzipien</strong></p>
<p>Ich aber sage Euch: Angst, das ist der Antagonist, der eigentliche Gegner der Liebe. Haben wir erst einmal verstanden, wieviel &#8220;Humanität&#8221;, wieviel Verständnis und Toleranz, wieviel Zärtlichkeit und Rücksichtnahme, wieviel Vorsicht und Umsicht und wieviel Gefühl und Mitgefühl in Wahrheit auf das Konto der Angst gehen &#8211; sind wir erst einmal klarsichtige Zeugen jenes merkwürdigen Vorgangs geworden, mit dem wir selbst immer mal wieder an diesem allgemeinen Schmierentheater von Gefühlen und Worten teilnehmen &#8211; dann ahnen wir, was es heißt, was es bedeuten könnte, eine Gemeinschaft ohne Angst und Lüge aufzubauen. Meist können wir Angst deshalb überhaupt nicht mehr auch nur bemerken, weil doch aus ihr unsere moralischen Übereinkünfte, unsere kulturellen Konventionen und Konversationen, unsere Ideologien und Verhaltensformen gemacht sind. Angst ist eingebunden in das System unserer alltäglichen Selbstverständlichkeiten, sie ist psychisches Ferment unserer ganzen Kultur.</p>
<p><strong>Was tun?</strong></p>
<p>Philosophische Gedanken zur Befreiung sind ohnmächtig, solange sie nicht die Entwicklung fördern, in welcher der innere Sprung geschehen kann, der zu dauerhaft neuer Erfahrung führt. Wir können ein geeignetes Gefäß bauen, auf die Füllung können wir nur hoffen. Dem &#8220;Prinzip Hoffnung&#8221; wollen wir die realistischste Grundlage bauen, die uns heute möglich ist. Welch ungeheurer Stoff aus der Geistesgeschichte dabei gesehen, verstanden, assimiliert und verarbeitet werden könnte, hat Ernst Bloch in seinem Werk aufgezeigt. So gesehen ist Geschichte für uns eine unerschöpfliche Quelle der Entdeckung und Selbsterkenntnis &#8211; ist sie doch Werdeprozeß auch unserer eigenen Person. Was wir im tiefen Kern als &#8220;psychische Struktur&#8221; in uns haben, ist &#8211; als Niederschlag menschlicher Erfahrungen &#8211; sedimentierte Geschichte. Selbstbejahung auf dieser Stufe des Bewußtseins ist deshalb auch das Annehmen jener Tradition, aus der wir kommen. Und weil der Mensch ein Mensch ist (drum hat er Stiefel im Gesicht nicht nur nicht gern, sondern), wird er auf Dauer nur eine solche Kultur annehmen, die ihn in seiner bedürftigen seelischen und leiblichen Existenz akzeptiert und bestätigt.</p>
<p style="text-align: right;"><strong> Jürgen Gottschling</strong></p>
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		<title>Sind Christen doch die besseren Menschen? &#8211; &#8220;Ein Märchen aus uralten Zeiten&#8221; von der Bedeutung christlicher Wertevermittlung &#8220;geht manchem nicht aus dem Sinn. Ist es nicht doch aber so: Fromm sein schützt vor schlecht sein nicht.</title>
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		<pubDate>Fri, 11 Nov 2011 14:13:04 +0000</pubDate>
		<dc:creator>admin</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Wenn  Religionen, wenn  Weltanschauungen über viele Jahrhunderte in einer Gesellschaft nicht nur vorherrschend war, sondern eine ideologische Monopolstellung hatte, und es keine anderen Sozialisationsagenten gab, ist selbstverständlich, dass wertgeschätzte Eigenschaften damit auch verbunden werden. Wer jahraus jahrein nur die Erfahrung macht: Bei Krankentransporten kommt das Rote Kreuz, verknüpft beides zwangsläufig miteinander. Die Logik ist dann: [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Wenn  Religionen, wenn  Weltanschauungen über viele Jahrhunderte in einer Gesellschaft nicht nur vorherrschend war, sondern eine ideologische Monopolstellung hatte, und es keine anderen Sozialisationsagenten gab, ist selbstverständlich, dass wertgeschätzte Eigenschaften damit auch verbunden werden.<span id="more-5881"></span> Wer jahraus jahrein nur die Erfahrung macht: Bei Krankentransporten kommt das Rote Kreuz, verknüpft beides zwangsläufig miteinander. Die Logik ist dann: Ohne Rotes Kreuz gäbe es keine Krankentransporte. Und selbst wenn das Monopol beseitigt ist, wird die Meinung verbreitet sein, das Rote Kreuz habe die Krankentransporte erfunden.</p>
<p>Ein aktuelles Beispiel, wie der Mechanismus selbst dann funktioniert, wenn Alternativen durchaus erlebbar sind, sind oft genannte Sätze: &#8220;Ohne die Kirchen würde das Sozialsystem in der Bundesrepublik zusammenbrechen&#8221;. &#8211; &#8220;Ohne den Religionsunterricht durch die Kirchen bekommt die Jugend keine Werteerziehung&#8221;. Man brauche nur über die deutsche Grenze zu gehen, egal wohin, und würde sehen: Nichts bricht zusammen und die Jugend ist im Ausland auch nicht besser und schlechter als hier. Genauso selbstverständlich ist es, daß in einer Gesellschaft, in der die Kirchen über Jahrhunderte das Bildungsmonopol hatte, jede wissenschaftliche Überlieferung und jeder wissenschaftliche Fortschritt direkt oder indirekt kirchlichen Einrichtungen geschuldet ist. Dabei ist es nicht als moralische Großtat an der Bevölkerung zu preisen, dass Mönche und Nonnen Schulen einrichteten, christliche Fürstinnen Krankenhäuser stifteten und die alten Menschen recht und schlecht versorgt wurden. Das hat mit Christentum herzlich wenig zu tun, denn jede Gesellschaft hat und jede Gesellschaft braucht Schulen, Kranken- und Altenversorgung, um funktionsfähig zu sein. Der schlichte Eigennutz zwingt dazu. Man braucht Leute für die Verwaltung, Leute, die aus einem Bauplan schlau werden, Leute, die ein Rezept lesen können usw. Ohne ein Mindestmaß an Krankenversorgung brechen Seuchen aus, ein völliges Fehlen an öffentlicher Fürsorge gefährdet die Loyalität. Daß es immer Idealisten gibt, die sich ganz besonders für das Wohl ihrer Mitmenschen einsetzen, ist ebenso klar, wie es selbstverständlich ist, dass dies in einer christlichen Gesellschaft christliche Idealisten sind, wie es in einer muslimischen Gesellschaft muslimische Idealisten sein werden und im Sozialismus sozialistische.</p>
<p>Insofern ist es einerseits Seite banal, nach Jahrhunderten christlicher Monokultur zu behaupten: die Werte unserer pluralistischen Gesellschaft fußten allesamt auf dem Christentum. Worauf denn sonst?</p>
<p>Jede nachfolgende Kultur nämlich entwickelt sich aus der vorhergehenden. Keine Generation erfindet das Rad neu, sondern greift auf das zurück, was vor ihr war. Sei es in direkter Übernahme, sei es in modifizierter Übernahme, sei es in bewußter Absetzung. Aber das Bezogensein auf das Vorhergehende ist zwangsläufig.</p>
<p>Die banale Behauptung von der christlichen Prägung unserer Gesellschaft ist falsch, wenn damit ausgesagt werden soll, die nachchristliche Gesellschaft verdanke die Werte dem Christentum, hätte sie ihm quasi geraubt und stünde ohne diesen Raub wertlos da: Das Christentum hat nicht mehr und nicht weniger als die Funktion eines Stafettenläufers, der den Stab irgendwann übernommen hat und irgendwann weitergibt. Ob es diese Funktion gut oder schlecht erfüllt hat, sei dahingestellt. Aber unbestreitbar gab es Liebe, Verantwortungsbewußtsein, Solidarität, Ehrlichkeit und eine Erziehung zu diesen Eigenschaften vor dem Christentum und neben dem Christentum. Nächstenliebe und all das  ist keine Erfindung des Christentums. Und wäre es so: Irgendwann einmal wäre der Patentschutz abgelaufen. Man mag dem Erfinder des Aspirin das historische Verdienst dieser Großtat zugestehen, aber das heißt eben nicht, daß nur seine Firma Aspirin herstellen kann. Andere können es nicht nur möglicherweise sondern in der Tat einfacher und billiger.</p>
<p>Vielleicht haben vor etlichen Jahrhunderten auch Griechen, Römer, Juden, Germanen gejammert, das Christentum hätte einfach ihre Werte annektiert, zahle keine Gema-Gebühren und unterlasse sogar den Quellennachweis!</p>
<p>Selbst wenn man konzedieren würde, daß das Christentum einen qualitativen Werte-Sprung vollbracht hätte, was einzuräumen schwer fällt, so würde damit das Verdienst vorchristlicher Kulturen und die Abhängigkeit des Christentums von ihnen bestehen bleiben. Solange es sich aber lediglich darum handelt, daß seit den alten Römern, Griechen, Juden und Germanen durch das Christentum eine gewisse Weiter- und Höherentwicklung der Werte und der Menschenrechte stattgefunden hat, kann man nur sagen: Das wollen wir aber doch hoffen, dass sich in knapp zweitausend Jahren ein wenig mehr als garnichts getan hat.</p>
<p>Die Leute, die nicht müde werden zu betonen, dass die heutige Gesellschaft dem Christentum so viel verdanke, gleichen solchen Eltern, die ihren Nachkommen nichts anderes sagen können als den Satz: &#8220;Das alles verdankt ihr uns, ohne uns wärt ihr nichts!&#8221; Solche Eltern sehen eigenes Positives und auch Positives bei den Nachkommen als höchstpersönliche Leistung an. Dass aber das Ei durchaus klüger sein kann als die Henne, dass Kinder es weiter bringen können als die Eltern, wird geleugnet. Auch anerkennen solche Eltern nicht, daß sie selbst in einer Generationenfolge stehen und viel von den &#8220;Vätern ererbt&#8221; haben. Und umgekehrt wird den Nachkommen nicht zugestanden, daß sie Verdienste erwerben, die über das &#8220;Ererbte&#8221; hinausgehen und &#8211; bei aller Berücksichtigung der Abhängigkeiten &#8211; eigene Verdienste sind. Wie im &#8220;wirklichen Leben&#8221; geht es auch hier um Abhängighalten durch Verpflichtung zu lebenslänglicher Dankbarkeit und Abhängigmachen durch Angstmacherei. Denn in der Behauptung: Mir verdankst du alles, steckt auch der Satz: &#8220;Ohne mich bist du nichts. Wenn du dich von mir emanzipierst, wirst du scheitern.&#8221; Oder, wie der Kommentator einer evangelischen Denkschrift sagt: &#8220;Kurz gesagt, vertritt der Text die These, der soziale und demokratische Rechtsstaat brauche die christlichen Kirchen. Wozu der Staat die Kirchen brauchen soll, wird nicht in letzter Konsequenz ausgesprochen, aber die Argumentation legt nahe, daß es ums Ganze geht. Wenn der soziale und demokratische Rechtsstaat … ohne den historischen Einfluß des Christentums nicht entstanden wäre, dann wird er, so läßt sich folgern, ohne das Christliche auch nicht fortbestehen.&#8221;</p>
<p>Historische Abhängigkeit ist nicht zu verwechseln mit existentieller Abhängigkeit. Auch wenn es richtig ist, dass es mich ohne meine Eltern nicht gäbe, kann &#8211; und soll! &#8211; ich doch auch ohne sie gut leben!</p>
<p><strong>Der Transzendenz-Schwindel</strong></p>
<p>Nur was transzendent begründet sei, entziehe sich der Verfügbarkeit. Wahlweise jener der Menschen, des Staates, der Gesellschaft. Diese Behauptung ist eines der beliebtesten Totschlagargumente und taucht in immer neuen Variationen auf. Die Verfassung trage ihre Begründung nicht in sich, sondern müsse sie von außerhalb beziehen. Oder, wie es der Mann fürs Grobe, Kardinal Meisner, formuliert: &#8220;Wem Gott nicht mehr heilig ist, dem ist nichts mehr heilig … Hier wird doch zum Beispiel deutlich, wo die Verantwortlichen für die gegenwärtige Ausländerfeindlichkeit wirklich sitzen. Wer dagegen Gott kennt, kennt grundsätzlich keine Ausländer, weil wir alle vor Gott grundsätzlich Brüder und Schwestern sind.&#8221; (Joachim Kardinal Meisner in der Silvesterpredigt 1992/93, in: Süddeutsche Zeitung vom 2./3.1.1993 S. 6)</p>
<p>Böse Worte, weil sie spalten: Hier schwarz, dort weiß, hier die Bösen, dort die Guten. Verlogene Worte, weil sie vorgaukeln: Glaubt an Gott, und alles wird gut. Das ist Demagogie: Einfache Antworten auf komplizierte Zusammenhänge. &#8220;Ich habe die Wahrheit zu verkünden, sei es nun gelegen oder ungelegen,&#8221; sagte der Kardinal in paulinischer Nachfolge bei anderer Gelegenheit.</p>
<p>&#8220;Die Wahrheit!&#8221; Wer sich in deren Besitz wähnt, hat weder Platz noch Zeit für Zweifel, für Differenzierung, nicht für Andere und nicht für Anderes. Auf protestantischer Seite gibt man sich meist etwas weniger grobklotzig, aber im Grunde handelt es sich um dieselbe undifferenzierte Schwarz-Weiß-Malerei inclusive Verunglimpfung Andersdenkender: &#8220;Wollte man Gott aus dem Grundgesetz eliminieren, dann unterwürfe man sich damit einem Trend, der ohnehin höchst bedenkliche Entwicklungen anzeigt: den Verlust an verpflichtenden Werten, die Dominanz eines banalen Materialismus, die Profanisierung des Weltbilds.&#8221;(ESt, Ein kritisches Vermächtnis &#8211; Gott im Grundgesetz, in: Evangelische Kommentare Bd. 226/1993 Nr. 5, S. 255)</p>
<p><strong>Was Kirchenfunktionäre vorbeten, beten &#8211; was Wunder &#8211; Politiker <em>aller</em> Couleur brav nach …</strong></p>
<p>Ohne Bezug zu Gott sei Moral schwer zu begründen, meint der Ex-OB von Stuttgart Rommel. Wenn in Politik oder Wirtschaft nur nach Vernunft gehandelt werde, entstehe eine Pseudomoral, die zur Abkehr von Werten führe.</p>
<p>In dem Eid, den die Soldaten der Weimarer Republik zu leisten hatten, fehlte der Bezug auf Gott, wohingegen die Eidesformel im Nationalsozialismus begann: &#8220;Ich schwöre bei Gott diesen heiligen Eid, daß ich dem Führer des deutschen Reiches. &#8230;&#8221; Die Berufung auf Gott hat bekanntermaßen keinerlei positive Auswirkungen gehabt. Nahezu die Hälfte der Kriege seien religiöse Kriege, ist zu lesen.</p>
<p>Das halte ich für übertrieben, weil häufig die Religion vorgeschoben wird, wenn es in Wirklichkeit um ganz andere Dinge geht. Aber immerhin ist unzweifelhaft, daß sich Religion hervorragend dafür eignet, von Kriegstreibern instrumentalisiert zu werden. Wenn dann Kardinal Meisner das Soldatentum würdigt: &#8220;Ein Volk könne nur beruhigt sein, wenn es wisse, daß die Waffen zur Verteidigung und Erhaltung des Friedens in Händen seien, &#8216;deren Köpfe und Herzen um ihre Verantwortung vor Gott und der Welt wissen&#8217;&#8230; In &#8216;betenden Händen&#8217; sei die Waffe vor Mißbrauch sicher&#8221; (&#8220;Kölner Kardinal Meisner würdigt Soldatentum, Frankfurter Rundschau vom 31.1.1996),  dann läßt sich daraus nur schließen, daß Kroaten, Serben und Moslems samt der jeweiligen scharfmacherischen religiösen Hierarchie nicht genügend gebetet haben (Jasenovac &#8211; das jugoslawische Auschitz und der Vatikan. ARIMAN-Verlag 1989 ISBN: 3-922774-06-7).</p>
<p>Auch beeindruckt weder irischen Protestanten noch irischen Katholiken im Ernstfall, daß beide gleichermaßen &#8220;Du sollst nicht töten&#8221; für ein göttliches Gebot halten.</p>
<p>Was die alltäglichen moralischen Fragen betrifft, so ist offenkundig, dass sich Gottgläubige von Nicht-Gottgläubigen nicht unterscheiden, auch nicht Fromme von Nicht-Frommen. Selbstverständlich gibt es Geistliche, die unter der Soutane Kokain schmuggeln (&#8220;Kokain unter der Soutane, in: Badische Zeitung vom 4.2.98), selbstverständlich &#8211; wie wir mittlerweile hinlänglich wissen- gibt es sexuellen Mißbrauch durch Pfarrer, selbstverständlich gibt es Steuerhinterziehung und Versicherungsbetrug durch Religionslehrer und schlimme Ausländerfeindlichkeit in &#8220;frommen Kreisen&#8221;. Das erscheint längst weder besonders erwähnenswert und auch nicht besonders skandalös, wir wissen, dass das zwei verschiedene Paar Stiefel sind: Glauben und Moral. Oder, um es etwas wissenschaftlicher auszudrücken, die Alltagserfahrung lehrt, daß die Korrelation zwischen Glauben und Verhalten gleich Null ist.</p>
<p>Wir meinen ganz dezidiert:  Die Alltagserfahrung. Denn bedauerlicherweise führen jene, die den Wert transzendenter Verankerung wortreich und lautstark behaupten, keine Untersuchungen durch, um zu belegen, daß Gläubigkeit zu besserem moralischen Verhalten führte. Eine einzige, sehr umfangreiche Untersuchung des Wiener Instituts für Pastoraltheologie &#8220;Wie Europa lebt und glaubt&#8221;, bei der diese Fragen wenigstens am Rande eine Rolle spielen, belegt das Gegenteil. Im Kapitel &#8220;Was das Sozioreligiöse bewirkt&#8221; findet sich eine Tabelle mit der zutreffenden Überschrift &#8220;Kraft(losigkeit) des Sozioreligiösen&#8221;(Paul M. Zulehner/Hermann Denz, &#8220;Wie Europa lebt und glaubt &#8211; Europäische Wertestudie Düsseldorf 2&#8243;. 1994, 198). Ob jemand fromm ist oder nicht, christlich oder nicht, hat einen ganz geringen Einfluß auf sein Lebensgefühl, seine Einstellung zu Sinn und Tod, sein Frauenbild, seine Moral und seine politische Einstellung. Die höchste Korrelation zwischen religiöser Gebundenheit und Werteinstellungen ist geringer als die niedrigste Korrelation zwischen Nationalität und Werteinstellung.</p>
<p><strong>Transzendente Begründungen machen Transzendenz verfügbar</strong></p>
<p>Der Bezug auf Gott gehöre in die Verfassung, weil das vor Staatswillkür schütze &#8211; meinen noch immer Viele …</p>
<p>In der Verfassung eines pluralistischen Staates wird &#8220;Gott&#8221; vollends zum Fetisch herabgewürdigt, denn auf Nachfrage, um was für einen Gott es sich denn handle, heißt es: &#8220;Selbstverständlich ist damit nicht, oder, beinahe aufgeklärt nicht nur der christliche Gott gemeint!&#8221; Jeder kann darf soll sich darunter seinen Gott vorstellen oder eben irgendwas irgendwie Transzendentes und wenn das gar nicht klappen will, dann soll es wenigstens Respekt vor den Leuten ausdrücken, die was mit der Transzendenz anfangen können. So argumentieren die Leute, die warnen, daß ohne Religion alles der Beliebigkeit anheimfällt!</p>
<p>Aber genau hier wird die Unlogik des Arguments sichtbar, durch Verankerung in der Transzendenz würden die Dinge menschlicher Verfügbarkeit entzogen. Umgekehrt wird ein Schuh draus: Die Berufung auf Transzendenz bedeutet, sich die Dinge verfügbar machen!</p>
<p>Das Argument, transzendente Begründung entzöge sich der menschlichen Verfügbarkeit, würde nur dann greifen, wenn Transzendenz tatsächlich in unserem Leben erfahrbar wäre. Aber dem ist so nicht: nirgends machen wir die Erfahrung, daß ein Gott direkt den Menschen sagt, was sie zu tun und zu lassen haben. Es gibt nur behauptete Transzendenz. Was aber nur behauptet werden kann, ist abhängig von dem, der behauptet &#8211; etwa, und nur mal eben zum Beispiel der jeweils &#8220;UNFEHLBARE&#8221;, der Papst als des HERRN Vertreter hienieden. Die Unterwerfung unter &#8220;Gott&#8221; &#8211; so subjektiv aufrichtig sie oft sein mag &#8211; ist immer die Unterwerfung unter den Gott, den man sich gemacht hat. Wie sonst könnten sich der Mörder Rabins genauso auf ihn ebenso berufen wie Mutter Teresa, die jüdischen Siedler ebenso wie palästinensische Selbstmordkommandos, die Taliban-Milizen ebenso wie die feministische Theologin, Militärbischöfe ebenso wie Friedensgruppen, serbische Bischöfe nicht minder wie polnische antisemitische Pfarrer.</p>
<p>Hat die transzendente Begründung des Gebotes &#8220;Du sollst nicht töten&#8221; mehr Menschenleben gerettet als es der Ruf &#8220;Deus le vult&#8221; &#8211; &#8220;Gott will es!&#8221; gekostet hat, den Kreuzzüge aller Religionen auf ihren Lippen führten und führen?<br />
&#8220;Gibt Gott die Gesetze, so ist ihre Auslegung Sache des Teufels&#8221; (Kinofilm &#8220;Im Auftrag des Teufels&#8221;).</p>
<p>Sind die &#8220;göttlichen Anordnungen&#8221; konkret, dann ist ihre Nicht-Transzendenz oft schon dadurch nachweisbar, daß sie von denselben Hierarchen, die ihre Transzendenz behaupteten, später für nichttranszendent erklärt werden: dass der Mann das Haupt der Frau sei (&#8220;Wer grundsätzlich die Verantwortung des Mannes und Vaters als Haupt der Ehefrau und der Familie leugnet, stellt sich in Gegensatz zum Evangelium und zur Lehre der Kirche&#8230; Die Lehre selbst aber, um die es hier geht, ist in Gottes Wort klar bezeugt. Wer sie leugnet, verkennt und verkehrt die hohe Berufung und Verantwortung des Mannes und Vaters, dem zum Dienst der Liebe an Frau und Kindern eine Leitungsgewalt übertragen ist &#8230; Das gilt für jede Ehe &#8230;&#8221; Hirtenwort der deutschen Erzbischöfe und Bischöfe zur Neuordnung des Ehe- und Familienrechtes vom 30.1.1953, in: Kirchlicher Amtsanzeiger für die Diözese Trier, 97, 1953, 41-44, 42, 43), dass es für alle Menschen unbedingt zum Heile notwendig wäre, sich dem römischen Papst zu unterwerfen (Bonifaz VIII, Bulle &#8216;Unam Sanctam&#8217; von 1302, Vgl. Josef Neuner und Heinrich Roos, Der Glaube der Kirche in den Urkunden der Lehrverkündigung&#8221;, Regensburg 1958 S. 219f., 220 &#8220;Dem römischen Papst sich zu unterwerfen ist für alle Menschen unbedingt zum Heile notwendig. Das erklären, behaupten, bestimmen und verkünden Wir.&#8221;) und so weiter …</p>
<p>Je nachdem welcher christlichen Sektion man angehört, gibt es ein göttliches Gebot, das Empfängnisverhütung verbietet oder erlaubt, ist gelebte Homosexualität Sünde oder nicht, mal ist es Todsünde, als Geschiedene wieder zu heiraten, mal bekommt man dazu via Pfarrer den Segen Gottes.</p>
<p>Meist sind die angeblich transzendent begründeten Gebote aber pauschal. Dann sind aber alle &#8220;prinzipiell&#8221; dafür. Keine Gruppe verzichtet darauf, Mord, Lüge, Diebstahl zu ächten &#8211; wofern die eigenen Leute davon betroffen sind. An diese Gebote hält man sich weltweit üblicherweise. Allerdings schützt weder eine immanente noch eine transzendente Begründung davor, dass es Ausnahmen gibt und zwar nicht nur aufgrund des Versagens einzelner, sondern &#8220;offiziell sanktionierter&#8221; Ausnahmen wegen. Auch angeblich göttliche Gebote gelten nämlich keineswegs ausnahmslos und werden keineswegs besonders ernst genommen: Trotz der Eindeutigkeit des Gebots &#8220;Du sollst nicht töten&#8221; weist der römische Katechismus von 1993 nach wie vor die Todesstrafe als legitim aus (Katechismus der Katholischen Kirche , München 1993, S. 576) und Krieg gilt unter bestimmten Voraussetzungen als legitim (Katechismus der Katholischen Kirche, a.a.O., 586 -588).</p>
<p>Der lutherische Satz &#8220;Ketzer verbrennen ist wider den Heiligen Geist&#8221;, wurde von der katholischen Kirche als Irrlehre gebrandmarkt, wie der Rat der EKD 1997 bemerkt &#8211; &#8220;ein kleine Spitze darf man sich ja gegen die katholischen Brüder und Schwestern schon erlauben!&#8221; (Erklärung des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland, a.a.O., S. <img src='http://www.rundschau-hd.de/wp-includes/images/smilies/icon_cool.gif' alt='8)' class='wp-smiley' /> </p>
<p>Dass eben Luther den Adel aufgefordert hat, Bauern totzuschlagen &#8220;wie man einen tollen Hund totschlagen muß&#8221;, verschweigen die EKD-Leute lieber, ebenso wie seine Aussage, die Fürsten könnten sich in dieser Zeit den Himmel leichter mit Blutvergießen verdienen als sonst mit Beten. (G. Franz, Bauernkrieg, in: Hans v. Campenhausen et al. (Hg.), Die Religion in Geschichte und Gegenwart, Handwörterbuch für Theologie und Religionswissenschaft, Bd. 1 31957, S. 927-930, 929)</p>
<p>Schließlich wollen Luthers Nachfahren sich mit dieser Schrift ja als die besseren und besten Demokraten empfehlen.(&#8220;Auf diesem Hintergrund hat 1985 die Denkschrift &#8216;Evangelische Kirche und freiheitliche Demokratie&#8217; die Demokratie zwar nicht zur &#8216;christlichen Staatsform&#8217; erklärt, aber die &#8216;Nähe&#8217; der Grundorientierung des demokratischen Staats &#8216;zum christlichen Menschenbild&#8217; und eine theologisch und ethisch begründete positive Beziehung von Christen zum demokratischen Staat aufgezeigt&#8221;, Erklärung des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland, a.a.O., S. 9. Darauf sind sie allerdings auch erst gekommen, nachdem sie des landesherrliche Schutz verlustig wurden.</p>
<p>Aber, es lohnt sich, die Argumentation Luthers näher anzuschauen, weil daran exemplarisch deutlich wird, dass transzendente Begründung eines Gebots eben genau nicht bedeutet: Das Gebot hat ausnahmslos zu gelten. Sondern: Die Begründungen der Ausnahmen müßten auch wieder transzendent sein. Luther rühmt sich als Verantwortlicher der Morde an den Bauern: &#8220;Ich, Martin Luther hab im Aufruhr alle Bauern erschlagen, denn ich hab sie heißen totschlagen; alle ihr Blut ist auf meinem Hals. Aber ich weise es auf unseren Herrn und Gott, der hat mir das zu reden befohlen.&#8221; (Zitiert nach Karlheinz Deschner, Opus Diaboli, Reinbek 1987, 128).</p>
<p>Tatsächlich bedient sich also nicht &#8220;Gott&#8221; der Menschen, sondern die Menschen vereinnahmen &#8220;Gott&#8221; für ihre Zwecke, &#8220;Gott&#8221; kann sich nicht dagegen wehren, wenn ihm die Urheberschaft für alles Mögliche und Unmögliche zugesprochen wird. Wer jedoch subjektiv überzeugt ist, dies und das sei Gottes Wille, dem ist mit Vernunftgründen nicht beizukommen. Es ist reine Glückssache, ob er etwas Vernünftiges oder etwas Wahnsinniges für Gottes Wille hält.</p>
<p>Wie James Bond eine königliche Lizenz zum Töten hat, so haben diejenigen, die sich als Diener Gottes fühlen, eine Lizenz, sich außerhalb der gängigen Moral zu stellen. Der normalen Moral steht die &#8220;höhere Moral&#8221; entgegen. Wenn Erzbischof Dyba das Zentralkomitee der Deutschen Katholiken mit dem ZK der chinesischen Partei vergleicht, wenn Bischof Wetter Abtreibung mit Sexualmord gleichsetzt (von den geschmackvollen Gleichsetzung mit der Euthanasie im 3. Reich mal ganz abgesehen), wenn auf das Personal von Abtreibungskliniken geschossen wird, wenn ein badischer Pfarrer in volksverhetzender Weise gegen den Bau einer Moschee zu Felde zieht, wenn abgesprungene Priester, die oft jahrzehntelang für ihre Kirche gearbeitet haben, um ihre Rentenansprüche gebracht werden, wenn all dies geschieht, dann geschieht es eben nicht mit einem schlechten Gewissen: Eigentlich gehört sich das nicht … Sondern es geschieht im Gegenteil mit einem besonders guten Gewissen: Im Dienste Ihrer Majestät darf man zum Wohle des United Kingdoms töten. Im Dienste Seiner Majestät darf man &#8211; selbstverständlich immer zum Wohle der Menschen &#8211; verleumden, Haß schüren, betrügen, ausmerzen.</p>
<p>Wer dagegen &#8220;nur&#8221; eine immanente Begründung für sein Tun hat, ist deshalb noch keineswegs von vornherein der bessere Mensch. Fanatismus, ideologische Verbohrtheit, Egoismus, Selbsttäuschung ist kein Privileg der Religionen und der Religiösen. Aber immerhin ist die Möglichkeit des Selbstzweifels naheliegender als die Überlegung, Gott könne womöglich was Verkehrtes wollen. Die Erfahrung, dass man selbst fehlbar ist, ist zugänglicher als die Vorstellung eines fehlbaren Gottes. Gesellschaftlich gesehen darf  das als immanentes Argument gelten: &#8220;Wo kämen wir denn dahin, wenn das jeder täte!&#8221; für wirksamer. Will wohl meinen,  das Argument, dass sozialunverträgliche Handlungen sich letztlich auch gegen den Störer der Ordnung richten, dass man die Einhaltung von Regeln nur dann fordern kann, wenn man sich selber dran hält.</p>
<p>Allerdings kann dieser Satz überhaupt nur bei denen funktionieren, die sich als &#8220;jeder&#8221; begreifen. Wer sagt: &#8220;Ich bin aber nicht &#8216;jeder&#8217;, sondern unterscheide mich von anderen, weil ich weiß, männlich, reich oder eben auch fromm bin, fühlt sich legitimiert, für sich eine Sondermoral in Anspruch zu nehmen. Diese Sondermoral mag teilweise durchaus rigider sein als die &#8220;normale Moral&#8221;, was aber häufig lediglich heißt, dass sie unmenschlich und unbarmherzig sich selbst gegenüber ist.</p>
<p>Gerade die Heiligengeschichten sind voll von Beispielen brutaler Selbstquälerei und der Unfähigkeit zur Freundlichkeit sich selbst gegenüber. Das wäre schlimm genug, schlimmer  aber ist, dass die Selbstunterdrückung häufig ihr Ventil im Fanatismus und der Unterdrückung anderer sucht und findet. Niemand schnüffelt so gnadenlos im Sexualleben anderer, als die, die sich selbst warum auch immer Sexualität meinen verbieten zu müssen &#8211; Verdränger waren noch immer die widerwärtigsten Verfolger.  Seine Mitbürger pauschal als &#8220;Geschlechtstiere&#8221; (Zitiert nach: &#8220;Natalies Familie greift Münchner Kardinal an&#8221;, in Süddeutsche Zeitung vom 5.1.98, ebenso in Frankfurter Rundschau vom 16.2.98) zu diffamieren, liegt für einen zölibatären Kardinal näher, als für einen Familienvater, der weiß, welchen Stellenwert Sexualität im Alltag hat.</p>
<p><strong>Die Moral und die höhere Moral</strong></p>
<p>Der Anspruch, den christliche Funktionäre erheben, ist beachtlich. Stellvertretend sei der protestantische Bischof Huber von Berlin und spätere EKD-Vorsitze zitiert, den man früher, als er noch der Genosse Bischof (zu sein vorgab) war, mal für einen Liberalen gehalten hat: &#8220;Es gibt in der Tat viele Versuche, Moral und Ethik rein aus dem menschlichen Vermögen zu begründen, also den Menschen selbst in Fragen von Moral und Ethik zum Maß der Dinge zu machen. Das beruht auf einer heillosen Überschätzung des Menschen. In der Regel sind das Versuche, die sich in der Frage der Endlichkeit des Menschen, des Problems menschlicher Schuld, des Scheiterns gegenüber moralischen Ansprüchen in unauflösbare Widersprüche verwickeln. Gerade deswegen ist ja der Beitrag der christlichen Religion zu dieser Diskussion unverzichtbar. Sie sagt: Der Mensch verdankt sich nicht sich selbst, er bringt sich nicht selbst hervor. Die Maßstäbe seines Handelns sind nicht einfach ein eigenes Produkt. Es ist der prometheische Größenwahn des Menschen, gegen den sich die Kritik des christlichen Glaubens richtet&#8221; (der damalige Bischof Huber, &#8220;Erzogen zur Gottlosigkeit&#8221;, in: Wochenpost vom 2.11.1995).</p>
<p>Wir müssen denken dürfen, umgekehrt werde eher ein Schuh draus &#8211; und nennen es Größenwahn, wenn Leute oder sei es und erst recht Bischof Huber meinen, s i e  wüßten genau, was Gottes Wille ist und auftreten, als hätten sie die ewige Wahrheit gepachtet und die verdammte Pflicht, anderen Gottes vorgeblichen Willen aufzuzwingen.</p>
<p>Die neue, alte Allianz von Staat und Altar das Konkordat von 1933 zwischen Hitler und dem Vatikan geschmiedet wird schnell brüchig, wenn die Kirchen zufällig mal Politikern auf die Füße treten. Dann sind sogar sie ausnahmsweise zu erstaunlich richtiger Wahrnehmung fähig. Als 1995 kirchlich engagierte Menschen gegen die Abschiebung von Sudanesen protestierten, beschwor die CDU den ethischen Grundkonsens, &#8220;für den in Deutschland Staat und Kirche gleichermaßen verantwortlich seien&#8221; &#8211; was Gott verhüten wolle! Kohl, der damalige Bundeskanzler  warnte : Dieser &#8211; vorgebliche &#8211; Grundkonsens gerate in Gefahr, &#8220;wenn das Wort &#8216;Widerstand&#8217; mißbraucht werde, um eigene Überzeugungen rechtswidrig oder mit Gewalt gegen demokratisch legitimierte Entscheidungen durchzusetzen&#8221;. In den Kirchen gebe es immer wieder Stimmen &#8211; so der Kanzler -, die im Namen einer &#8220;angeblich höheren Moral&#8221; für sich in Anspruch nähmen, über dem Gesetz zu stehen. Erschreckt habe ihn, &#8220;mit welcher aggressiven Hysterie&#8221; einige Kirchenkreise auf die Abschiebung von sudanesischen Asylbewerbern reagiert hätten, monierte Kohl  (Schwäbisches Tagblatt 4.11.95 &#8220;Grundkonsens mit dem Staat nicht gefährden&#8221;).</p>
<p>Womit wir ein geradezu klassisches Beispiel dafür haben, wie die vorgeblich vor menschlicher Willkür schützende transzendente Begründung von Moral dem eigenen (parteipolitischen) Belieben unterworfen wird: In dem Moment, in dem ein moralischer Standpunkt nicht ins Konzept paßt, wird aus der &#8220;höheren Moral&#8221; eine &#8220;angeblich höhere Moral&#8221; und plötzlich sind die &#8220;demokratisch legitimierten Entscheidungen&#8221; das Maß aller Dinge, und nichts und niemand berechtigt, sich gegen oder über das Gesetz zu stellen. Transzendente Begründung entzogen der menschlichen Verfügbarkeit? Darüber läßt sich nicht mal lachen!</p>
<p>Immanente Begründungen der Moral haben ebenso wie ein säkulares Grundgesetz genau den Vorteil der Selbstbescheidung. Man erhebt gerade nicht den uneinlösbaren Anspruch auf Verkündigung ewiger Wahrheiten, sondern stellt pragmatische Spielregeln auf, an die sich alle unterschiedslos zu halten haben. In dieser Selbstbescheidung wird mehr für Toleranz und friedliches Zusammenleben, mehr für Menschenrechte getan, als in allen Verfassungen von Gottesstaaten, die wir kennen.</p>
<p>&#8220;Kaum ein Vorwurf ist gegen die christlichen Kirchen so oft und berechtigt und so leidenschaftlich erhoben worden, wie der Vorwurf der Intoleranz. Dieser Vorwurf ist deshalb besonders gravierend, weil Toleranz mit dem Wesen des christlichen Glaubens unlöslich verbunden ist. Jedoch ist die Geschichte der christlichen Kirchen  freilich auch durch Exzesse von Intoleranz gezeichnet. Oft waren sie Folgen eines fanatisierenden Mißverständnisses der Wahrheit des Evangeliums&#8221;. (Erklärung des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland, a.a.O., S. <img src='http://www.rundschau-hd.de/wp-includes/images/smilies/icon_cool.gif' alt='8)' class='wp-smiley' /> Dies ist der klassische Argumentationsstil:  Das Christentum steht für Toleranz, Nächstenliebe, Gerechtigkeit, Solidarität &#8211; wiewohl es  in der Wirklichkeit damit möglicherweise hin und wieder gehapert hat.  Schuld daran aber waren Mißverständnisse. Und das Prinzip, möchten wir hinzu fügen!</p>
<p>Wie tolerant nun sähe unsere Gesellschaft ohne säkulares Grundgesetz aus? Historisch musste und muss der Staat eher seine Bürger vor kirchlicher Intoleranz schützen als umgekehrt. Toleranz, Freiheit und politische Gerechtigkeit seien &#8220;gegen die Kirche erstritten&#8221; worden, &#8220;das Kreuz stand nicht für Toleranz, sondern für Intoleranz&#8221;, schreibt die Süddeutsche Zeitung vom 20. 3. 96 über die Tutzinger Tagung zum Verhältnis von Kirche und Staat.</p>
<p>Man mag es ja &#8211; eigentlich &#8211; gar nicht mehr wiederholen. Wenn es denn aber der Wahrheitsfindung dient, einiges über die Stellung der Kirchen zur Demokratie, zur Meinungsfreiheit, zur Pressefreiheit, zur Gleichberechtigung und vieles mehr. zum soundsovielten Male runterzubeten. Beschränken wir uns also auf die Zeit der Bundesrepublik: Wäre es nach den Kirchen gegangen, wären nichteheliche Kinder nach wie vor nicht gleichgestellt, Homosexuelle müssten in den Knast &#8211; wo sie allerdings bereits von geistlichem Beistand (sic) erwartet würden -  Männer hätten in der Ehe das Recht, ihre Erziehungsziele auch gegen den Willen der Frau durchzusetzen, Atheisten dürften nicht unterrichten, Religionskritik würde als (der Paragraph 166 StGB ist immer noch in Betrieb) Gotteslästerung verfolgt, man ließe junge Mädchen lieber schwanger werden, als dass man ihnen die Pille gäbe und Vergewaltigung in der Ehe gäbe es nicht &#8211; als Straftatbestand jedenfalls, und dass Eltern ihre Kinder prügeln dürfen, das stünde außer Frage. Gottgewollt wäre die getrennte Erziehung von katholischen und protestantischen Kindern und von Jungen und Mädchen. Und ob man Heinrich Heines Werke würde kaufen oder im Regal stehen haben dürfen, das darf auch bezweifelt werden. Immerhin stand er bis (!) 1967 auf dem Index. (Vgl. Frankfurter Rundschau vom 31.10.97).</p>
<p><strong>Erlaubt ist, was gefällt! oder für jeden etwas: christliche Moral und Werte</strong></p>
<p>Da setzt der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz Lehmann seine Unterschrift unter eine ganzseitige Annonce der Initiative &#8220;pro Gentechnik&#8221;: &#8220;Wir appellieren an die politische Führung unseres Landes, an die Entscheidungsträger in Bund und Ländern, an alle verantwortungsbewußten Bürger: Bauen Sie die Hürden für die Gentechnik in Deutschland ab! Wir brauchen diese Basistechnologie, um unsere Verpflichtung für die Zukunft unserer Kinder zu erfüllen. Wir appellieren an Ihre Verantwortung &#8211; für unser Land.&#8221;(Frankfurter Rundschau vom 1.2.93).</p>
<p>Da wird eine Arbeitsstelle der Evangelischen Kirche für Fragen der Bio- und Medizintechnologien zitiert: &#8220;Warum evangelische Christen die Bioethik-Deklaration zum &#8216;Schutz der menschlichen Erbinformationen&#8217; verwerfen&#8221; (Frankfurter Rundschau vom 26.9.95), wohingegen die Erklärung der EKD zur Bioethik es nicht für moralisch verwerflich hält, wenn Gene und lebende Organismen patentiert würden. (&#8220;&#8216;Gentechnisch veränderte Nahrungsmittel ethisch vertretbar&#8217; &#8211; Zustimmung zur &#8216;Novel-Food&#8217;-Verordnung der Europäischen Union/Erklärung der EKD zu Bioethik. in FAZ 12.11.97).</p>
<p>Da streitet das ZK der Deutschen Katholiken bezüglich der europäischen Bioethik-Konvention: &#8220;Unter Katholiken herrscht wieder Streit um die Bioethik-Konvention &#8211; Arbeitsgruppe empfahl Zustimmung zu einer Vereinbarung, die das Plenum des ZdK bereits abgelehnt hatte&#8221; (Frankfurter Rundschau vom 3.5.97).</p>
<p>Da begründet schließlich jener amerikanische Forscher, der Menschen zu klonen vorhat, dies ganz transzendent: &#8220;Gott hat den Menschen nach seinem Ebenbild erschaffen. Gott beabsichtigte, daß der Mensch wie er sein würde. Klonen und die Veränderung der Erbsubstanz ist der erste ernsthafte Schritt, wie Gott zu werden.&#8221; (Frankfurter Rundschau vom 8. 1. 98).</p>
<p>Was da auf einen kurzen Nenner gebracht so gelesen werden darf, dass die Meinungen der Christen (von anderen Transzendenz-Gläubigen wollen wir gar nicht erst reden)  genauso unterschiedlich sind, wie die von Angehörigen anderer Weltanschauungen. Fragen wir doch mal nach einer  konkreten moralischen Frage, zu der Theologen und die kirchlichen Hierarchen nur eine Meinung haben. Es gibt keine. Selbstverständlich ist das dann aber Meinungsvielfalt, wohingegen dasselbe Phänomen diffamiert wird, wenn es anderswo auftaucht. Da ist es dann ein unverbindlicher &#8220;Gemischtwarenladen&#8221;, der zur Orientierungslosigkeit führe.</p>
<p>Dass Christen für das Gute, Wahre und Schöne wären, möchte ihnen ja niemand absprechen. Aber: Sind wir das alle?  Christen wie Nichtchristen! Gläubige wie Agnostiker. Da brauchts weder Christentum noch irgend eine andere Religion. Zur Beantwortung der konkreten Fragen unseres Lebens aber trägt das Christentum nichts bei. Ob ich meinem Kind den Umgang mit einer bestimmten Gruppe verbiete, weil es wichtig ist, klare Grenzen zu ziehen, oder ob ich das nicht tue, weil gerade das Verbotene attraktiv ist &#8211; fragen Sie dazu fünf Theologen, und Sie bekommen fünf verschiedene Antworten, ob &#8220;die richtige&#8221; dabei ist, hängt von der Lebenserfahrung des Betreffenden ab und nicht von seiner Gläubigkeit.</p>
<p><strong>Allgemeine Werte sind wertlos, Moral ist konkret</strong></p>
<p>Schwierig wird es immer, wenn es konkret wird: Im Jugoslawienkrieg stand der serbische Klerus &#8211; die Bischöfe vorneweg &#8211; auf der Seite des Serbenführers Karadzic, wovon Teile des Weltkirchenrats sichtlich peinlich berührt waren. Aber laute Kritik gab es nicht: Man fürchtete den Auszug der orthodoxen Bruderkirchen. (Frankfurter Rundschau vom 15.9.95)</p>
<p><strong>Im Ernstfall alleingelassen!</strong></p>
<p>Für moralische Fehlentscheidungen sind die Einzelnen zuständig, während sich die Hierarchie ans Revers heftet, sie sei immer fürs gute Prinzip eingetreten. Das ist wie im Bilderbuch-Kapitalismus: Die Arbeitnehmer tragen das Risiko, der Arbeitgeber die gutdotierte und für ihn folgenlose &#8220;Verantwortung&#8221;.</p>
<p>Wer sich wie die Kirchen, insonderheit die katholische aufspielt, als hätten sie die richtige Antwort parat und als wäre alles ganz einfach, wenn man nur auf Gott höre, verhält sich unmoralisch. Unmoralisch, weil es betrügerisch ist. Wer in einer komplizierten Welt &#8211; und die Welt war immer kompliziert &#8211; eine einfache Welt vorgaukelt, handelt verantwortungslos.</p>
<p>Wir sind allesamt ungefähr gleich klug oder dumm. Wir alle verfügen nicht über die Fähigkeit, in die Zukunft zu sehen. Das wäre aber die Voraussetzung, richtig zu entscheiden, weil sich Entscheidung immer auf Zukünftiges beziehen. Wir haben alle nur eine beschränkte Erfahrung, beschränkte Handlungsmöglichkeiten und beschränkte Phantasie. Wer das für sich anerkennt und für den anderen genauso gelten läßt, ist ein akzeptabler Gesprächspartner. Nur unter dieser Voraussetzung ist Dialog, Ratschlag, Mahnung wertvoll. Wer aber prinzipiell behauptet, etwas Besseres zu sein oder was Besseres zu haben, ist im besten Fall einer, der sich selbst betrügt, wahrscheinlicher aber ein Scharlatan und ein Rattenfänger.</p>
<p><strong>Wem nutzt der Religionsunterricht in den Schulen?</strong></p>
<p>Positive Wirkungen des Religionsunterrichts sind unbestreitbar &#8211; für die Kirchen! &#8220;Als einzigartige Möglichkeit für die Kirche, kontinuierlich mit der nachwachsenden Generation in Begegnung zu treten, bleibt der Religionsunterricht unersetzbar. Für den weitaus größten Teil der Kinder und Jugendlichen ist eine religiöse Erziehung im Elternhaus nicht mehr gewährleistet &#8230;</p>
<p>Noch begrenzter ist die Zahl derjenigen, die in der Bindung an eine kirchliche Gemeinde aufwachsen und hierbei zu ihrer christlichen Identität finden. Für sie alle bildet der RU die einzige Brücke zur Kirche&#8221; (Erzbischof Johannes J. Degenhardt, Entwicklungsperspektiven des Religionsunterrichts für die 90er Jahre, in: Sekretariat der Deutschen Bischofskonferenz (Hg.), Religionsunterricht &#8211; Aktuelle Situation und Entwicklungsperspektiven, Bonn 1989, 7-21, 14).</p>
<p><strong>Aber wo bleiben</strong> die positiven Wirkungen für die Menschen und die Gesellschaft? Ist das Leben der Franzosen &#8211; seit Generationen ohne schulischen Religionsunterricht &#8211; sinnentleerter als das der Deutschen? Klauen Kinder mit Religionsunterricht weniger als solche mit Ethikunterricht? Verhalten sich Münchner Schüler (meist mit Religionsunterricht) sozialer als die aus Bremen (ohne Religionsunterricht)?</p>
<p>Gerade in Zeiten leerer Kassen ist Effizienzkontrolle gefragt, sollte man meinen. daß die Kirchen daran nicht sonderlich interessiert sind, kann man ja noch verstehen. Aber von staatlicher Seite sieht es genauso aus. Wenn jede zehnte Stunde regulären Unterrichts ausfällt, genügt aber nicht der hoffnungsvolle Glaube, 9 &#8211; 13 Jahre Religionsunterricht werden schon nicht für die Katz sein! Die staatliche Zurückhaltung hat weniger mit der grundgesetzlichen Garantie des schulischen Religionsunterrichts zu tun. Dort sind weder zwei bis drei Wochenstunden festgeschrieben, noch dass dieser Unterricht vormittags stattfinden muß. Vor allem aber ist Religionsunterricht in bekenntnisfreien Schulen kein &#8220;ordentliches Lehrfach&#8221;.</p>
<p>Dass fast 100 Prozent unserer Schulen christliche Gemeinschaftsschulen sein sollen, ist angesichts der Entwicklung der Kirchenmitgliederzahlen überhaupt nicht einzusehen. Statt den Wert des Religionsunterrichts für die Werteerziehung zu überprüfen, wird er gebetsmühlenhaft behauptet.</p>
<p>Das wirft nicht nur die Frage auf, ob jemand ohne Religionsunterricht hinsichtlich der Menschwerdung zwergwüchsig bleibt. Sondern man fragt sich auch, wie ein Fach, das als &#8220;Lernort des Glaubens&#8221; apostrophiert wird, ganz gewiß keine Glaubensvermittlung für die inzwischen umworbenen teilnehmenden Nichtgläubige sein will.</p>
<p>Aber fast wären wir doch noch überzeugt worden, daß Religionsunterricht in die Schule gehört! Durch die damalige Vizepräsidentin des Deutschen Bundestages Antje Vollmer nämlich, promovierte Theologin und Mitglied der Synode der EKD. Sie meinte: &#8220;Hinter dem Religionsunterricht steckt doch noch ein viel tieferer Sinn. Es hat mal eine Zeit gegeben, da wurde dieser Kontinent von heftigen Glaubenskriegen erschüttert. Das waren Kämpfe von Fundamentalisten in beiden Lagern. In jeder Religion steckt solch ein gefährliches fundamentalistisches Potential. Indem der Staat an seinen Schulen Platz für Religionsunterricht schafft und die Religionslehrer an seinen Universitäten ausbildet, bringt er das gefährliche Potential der Religion unter Kontrolle. Er verpflichtet ihre Lehrer auf ein bestimmtes Maß an Zivilisation und Dialog.&#8221;</p>
<p>Ja, so gesehen hat sie recht. Aber vielleicht wäre es doch preiswerter, auf Dauer einen staatlichen Nachhilfeunterricht in bürgerlichen Tugenden für religiöse Funktionäre anzubieten, als dass man die Schulkinder flächendeckend zum Religionsunterricht verdonnert, nur damit die Religionslehrer der Gefahr des Fundamentalismus entgehen!</p>
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