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	<title>Neue Rundschau &#187; Literatur</title>
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		<title>Silvester: Nicht ohne &#8220;Dinner For One&#8221;!</title>
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		<pubDate>Sat, 31 Dec 2011 07:35:54 +0000</pubDate>
		<dc:creator>admin</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Nonsens vom Feinsten in der Rundschau Kritik Wie alle bedeutenden Stücke Drama, ist auch &#8220;Dinner For One&#8221;  an Facetten ungemein reich. Allein die Vielzahl unterschiedlicher Interpretationen zeigt, wie in jedem Betrachter eine Saite zum Schwingen, eine andere zum Schweigen gebracht wird. Auf diesem 90. Geburtstag der Miss Sophie gibt es nichts Letzthinniges und nichts Ein-für-Allemaliges, [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><strong>Nonsens vom Feinsten in der Rundschau Kritik</strong></p>
<p><a href="http://www.rundschau-hd.de/wp-content/uploads/2011/12/weg-da-du-da.jpg"><img class="alignleft size-full wp-image-7077" title="weg da, du da" src="http://www.rundschau-hd.de/wp-content/uploads/2011/12/weg-da-du-da.jpg" alt="" width="150" height="187" /></a>Wie alle bedeutenden Stücke Drama, ist auch &#8220;Dinner For One&#8221;  an Facetten ungemein reich. Allein die Vielzahl unterschiedlicher Interpretationen zeigt, wie in jedem Betrachter eine Saite zum Schwingen, eine andere zum Schweigen gebracht wird.</p>
<p>Auf diesem 90. Geburtstag der Miss Sophie gibt es nichts Letzthinniges und nichts Ein-für-Allemaliges, und wenn die überwiegende Mehrzahl der Kunstsachverständigen, Essayisten und Liebhaber, die Interesse an einer Kategorisierung des Gesamtstückes oder an einer Analyse einzelner Komponenten haben, für ihre Varianten jeweils Alleinvertretungsansprüche geltend machen, dann ist das erschütternd-bedauerlich.<span id="more-7068"></span></p>
<div id="attachment_7072" class="wp-caption alignright" style="width: 260px"><a href="http://www.rundschau-hd.de/wp-content/uploads/2011/12/dinner-for-one.jpg"><img class="size-full wp-image-7072" title="dinner for one" src="http://www.rundschau-hd.de/wp-content/uploads/2011/12/dinner-for-one.jpg" alt="" width="250" height="335" /></a><p class="wp-caption-text">&quot;Well - I´ll do my very best!&quot;</p></div>
<p>Wiewohl wir nun im folgenden durchaus mit dem Butler (Freddie Frinton gibt ihn unnachahmlich) mitzuhalten versuchen und unsere Interpretationsansätze durchaus auch von gutem Wein begleiten lassen, wollen wir dem Betrachter weder dies mitzutun, noch ein bestimmtes Verständnis vorschreiben.</p>
<p>Wenn wir dabei auf einen wissenschaftlichen Anmerkungsapparat verzichten, tun wir das für diesmal der besseren Lesbarkeit wegen ebenso nicht, wie Verzicht zu üben auf die Darstellung einiger eher abseitiger Lesarten, die nur für Experten von Interesse wären. Lediglich sei hier die Polemik einiger selbsternannter Gourmets erwähnt, welche die Zusammenstellung des Menus kritisieren, vornehmlich die Kombination von Huhn und Champagner.  Ein Stück, das solche gastrosophischen Verbrechen auf die Bühne bringe, könne nichts wert sein? Diese Kritiker haben offenbar ihre Identitätsbildung so entschieden hochgezüchtet, daß sie &#8211; pardon &#8211; offenbar schon wieder auf den guten,  albernen Pawlowschen Hund gekommen zu sein scheinen.</p>
<p><strong>Lehrstick oder Slapstück?</strong></p>
<p>Weder noch, hier lassen sich zwei Richtungen fühlen: ein Lehrstück fast im Sinne Brechts, das, um die &#8211; oder irgendeine &#8211; Situation, Problematik oder Lösung herauszuarbeiten, die Mittel der Farce einsetzt: von Elementen des Slapstücks (Butler James trinkt Blumenwasser), bis hin zu jener Distanzierung des Schauspielers von der Rolle, die sich so fassen lässt, dass er im Verlauf deutlich sichtbar in die Rollen der vier abwesenden Personen schlüpft. Aus gestalttherapeutischer Sicht heraus betrachtet, bietet dieser 90. Geburtstag eine in sich geschlossene Realität.</p>
<p>Hier wird reine Form Inhalt, die Funktion der Darstellung ist hier einzig die Darstellung. Jede Frage nach einem überschreitenden Sinn würde in diesem Sinn selbst zu einer Farce.</p>
<p><strong>Lachen an und für sich</strong></p>
<p>Das zweifelsohne von allen Zuschauern ausgeübte Lachen mag als zeitgeistig coole Distanznahme im Sinne jener Studie über das Lachen verstanden werden, die zum Ergebnis kommt, das Lachen habe keinen größeren Feind als die Emotion. Hiernach wäre unser Lachen also nichts anderes als ein Aus-sich- und Aus-jenem-Herausgehen, das zu etwas sowohl führen will wie auch soll: zur Selbsterkenntnis oder zur Einsicht in die Dekadenz der alternden Oberschicht oder zu dem, was Eugène Ionesco dem Humor zumißt: &#8220;sich der Absurdität bewußt werden und doch in der Absurdität weiterleben&#8221;.</p>
<p>Auch,  dass dies Stück nicht mehr mit einer Differenz zwischen Sein und Sollen arbeitet &#8211; wohingegen ein ungenannt bleiben wollender Heidelberger Philosoph offenbar japanischer Abstammung in seiner unter dem Pseudonym &#8220;Tenno&#8221; veröffentlichten Arbeit über diesen 90. Geburtstag die Frage nach &#8220;Sein oder Haben?&#8221; vermißt, mithin ein Ideal weder propagiere noch fordere, darf wohl so verstanden werden, daß hier Lachen nur als Parodie auf das eigene Selbst gemeint sein könne &#8211; als sozusagen erkanntermaßen ritualisierter Effekt.</p>
<p><strong>Arrangement mit den Herrschenden</strong></p>
<p>Wir haben hier ein zutiefst klassenkämpferisches Portrait einer untergehenden Welt, einer ländlich-städtischen Mittelschicht nebst militärischem und couponschneidendem Anhang, die sich in ihrer Zukunftslosigkeit allenfalls noch an sinnentleerten Festen, am Alkohol und am Traumgebilde  einer längst vergangenen Vergangenheit festhalten kann. Dazu eine nicht minder dekadente Schicht dienender Berufe: der Butler James, entwürdigt von seiner Herrin bis hin zum &#8220;Letzten&#8221; &#8211; eine anglifizierte Variante des Woyzeck also -, der in all seiner Demütigung doch nur das Arrangement mit den Herrschenden sucht, ja nur noch suchen kann, und seinen Stolz unlöslich an die Rationalität des herrschaftlichen Wohlergehens in Börse, Tisch und Bett bindet.</p>
<p><strong>Seele baumelt? Analyse?</strong></p>
<p>Derweil bei etwa Goethe man sich über verschiedene analytische und psychiatrische Interpretationsweisen ja noch streiten könnte, ließe dies Dinner, solcherweise betrachtet, doch ausschließlich das klinische Lesen, Hören und Sehen insofern zu, als Madame vorgeführt werden in frei flottierender Angst mit hypochondrischen Neigungen. Es agieren hier Mischzustände von Wut, Ohnmacht und Hilflosigkeit, Angst vor Liebe ebenso, wie rasches Schwanken zwischen Idealisierung und Entwertung von Objekten. Und, wo die bedauernswerte Frau ihre Scheinwelt am Tisch nicht erkennt, verdrängt sie &#8211; was ja schlimmer ist als beinahe alles Andere.<br />
Und Butler James, der Spiegeltrinker, der sein überhöhtes Alkoholquantum gleichsam gleichmäßig über den Abend verteilt und weitgehend ohne größere Kontrollverluste zu sich nimmt? Ein Deltatyp, der zwangweise wie zwanghaft zugleich in die Situation des Gammatyps versetzt wird, in den Alkoholexzeß. Hier erleben wir einen Menschen, der unmittelbar an der Flasche am Vollbringen eines Selbstopfers zur Befriedigung kommt: an der Überwindung nämlich des Bedürfnisses nach Versagen im oralen Bereich. Eine gefährliche Methode im Gegensatz zu der meist gelebten Form klassischen Asketentums, innerhalb welcher Lust nicht aus der Versagung körperlicher als vielmehr aus der Opferung geistig-seelischer Bedürfnisse gewonnen wird.<br />
Auf also der Grenze zwischen Lehrstück und abgeschlossener Realität gelangen wir hier mit den Protagonisten  in die Rolle von vier vermutlich gestorbenen Personen, die erfolgreich ausgefüllt werden, um deren Welt zur Unsterblichkeit zu versteinern. Schauriger kann die apriorische Trostlosigkeit menschlicher Grundbefindlichkeit kaum deutlich gemacht werden: Kein Weg führt zum Du, keiner zu Sinn und Eigentlichkeit, es bleibt die Einzementierung ständigen Zerfließens in ein dennoch abgeschlossenes Ich in einer isolierenden Vorstellung von Welt, ein sich Überliefern an eine geronnene Aufenthaltslosigkeit.</p>
<p><strong>Des  Essens philosophischer Aspekt</strong></p>
<p>Betrachten wir den Text populärwissenschaftlich, so finden wir hier einen geprüften Willen zu gesellschaftlichem Sein des dem alles überhaupt keine Grenzen Setzenden. Und: Nehmen wir eine Bemerkung Ernst Blochs (Band 3, &#8220;Prinzip Hoffnung&#8221;) über die geglaubte Mechanik im Universum, die sich für ihn, gleichwohl ohne Spaß, wie auch ohne Pantheismus, aber dennoch befriedigend vollzieht, sind wir eher geneigt, in der &#8220;miss-sophischen Verstetigung“ ihrer Freunde einen so freilich nur in der Aristokratie, nicht aber dem bürgerlich geeinzelten Individuum möglichen objektiv-utopischen Vorgriff auf jene von Bloch bezeichnete So-Welt,  als Verschwinden sozusagen des Nichts im sozialistischen Bewußtsein zu sehen.<br />
Dem unüberschreitbaren Zwiespalt durch den  selbstaktiven und eigenkontrollierten Schritt über den Tigerkopf in eine systematische Besessenheit werden wir eine künftige Arbeit widmen.</p>
<p><strong>Emanzipatorische … </strong></p>
<p>Das Verhalten Miss Sophies ist als selbstbewußt-folgerichtiger Schritt zu einer  -  zwar &#8211; in die Jahre gekommenen, zum Selbstbewußtsein erwachten Frau zu verstehen, die Stellung bezieht gegen die Verderbnis und das Reguläre, gegen das Leben sowohl wie auch gegen den Tod, gegen den zu-fälligen (oder haben wir den Butler je fallen gesehen?) Verlauf, all der Drohungen, die einsickernde Perfidie gegen den langsamen Fraß innen und gegen das Verschlungenwerden von draußen. Eine Frau, die alle Enttäuschungsmöglichkeiten hinter sich läßt und auf das klägliche Bild verzichtet, das jene Bindung der Seelenphantasie an die empirische Mannes- oder überhaupt Menschenform, wie sie ja in der sogenannten Wirklichkeit vorkommt, bietet. Nur mehr einer mageren Kulisse bedürftig, die ihr Butler James mit seinen vier Rollen baut, erweist Miss Sophie sich erfolgreich in dem Versuch, einen nichtreligiösen Weg der Liebe zu einem Objekt herzustellen, dem sie sich ohne Beschädigung ihres Ichs, ja gleichsam in Verwirklichung ihrer Autonomie, ganz hingeben kann und &#8211; selbst aus strengst feministischer Sicht, der wir uns ausdrücklich nicht anschließen &#8211; wohl auch möchte dürfen können!</p>
<p><strong>… und komödiantische Aspekte</strong></p>
<p>Gegebenen Anlasses wegen sei hier direkt im Anschluß die Verwandtschaft des &#8220;Dinner For One&#8221; mit der Commedia dell&#8217;arte behandelt. Wir sehen hier einen Entstehungszusammenhang, ja eine &#8211; allenfalls durch Konzessionen an britische Mentalität abgemilderte &#8211; große Übereinstimmung. Wenngleich das Spiel als Spiel nicht durch Masken kenntlich gemacht wird, liegt hier dennoch fast ein (hassenswert wie all solches) Plagiat vor, jedenfalls ist die Rollenverteilung eindeutig: Butler James sei Brighella, Sir Toby Pulcinella, Admiral von Schneider der Capitano, Mr. Pommeroy Tartaglia, Mr. Winterbottom der Dottore, Miss Sophie hingegen &#8211; Frau natürlich &#8211; hat einen superben Hauch von Originalität.</p>
<p><strong>Das Dinner als Gesamtkunstwerk</strong></p>
<p>Was nun aber das Gesamtkunstwerk angeht, meinen wir, dass &#8211; vom Autor zwar wahrscheinlich ungewollt, aber eben darum ganz besonders ernst zu nehmen &#8211; dieser Text in seiner zumal technischen Reproduzierbarkeit, vergleichbar mit Anton Bruckners Generalpause zu interpretieren sein dürfte.<br />
Dies freilich erkennen zu können, setzt voraus jenes Stocken, das uns schwindelnd tragen soll über das Gewohnte hinweg; jener Rhythmus eines uns ureigenen Pulsierens, der nur in einer von allen Zufälligkeiten gereinigten Stille hörbar ist; der vordergründige Lärm, der hier &#8211; einem Saunagang vergleichbar &#8211; nichts anderes als sein Gegenteil herausarbeiten soll; die Bedingung der Möglichkeit zum In-Sich-Gehen also!</p>
<p>Dies alles dürfen wir Zusehenden  am Silvesterabend &#8211; bittet Euch <strong>Jürgen Gottschling</strong> &#8211; nicht vernichten durch vulgäres Lachen, käme dies auch noch so sardonisch oder gar (in memoriam Hans-Georg Gadamer) hermeneutisch verkleidet einher.</p>
<h2><em>Alle Sendetermine am 31. Dezember 2011:</em></h2>
<p><em><strong>15 Uhr 40 DAS ERSTE</strong></em></p>
<p><em><strong>18 Uhr 50 (Original) 21 Uhr 45 (Schweizer Version)  WDR</strong></em></p>
<p><em><strong>19 Uhr 40 und 23 Uhr 35 NDR</strong></em></p>
<p><em><strong>19 Uhr und  am I. Januar 2012 um 0 Uhr 05 BAYERN</strong></em></p>
<p><em><strong>19 Uhr und am 1. Januar 2012 um 3 Uhr 00 SWR/SR</strong></em></p>
<p><em><strong>14 Uhr 55 (Hessisch) 18 Uhr 40 (Hessisch) 21 Uhr 45 (Nordhessisch) HESSEN<br />
</strong></em></p>
<p><em><strong>19 Uhr 00 MDR</strong></em></p>
<p><strong>19 Uhr 05 RBB</strong></p>
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		<title>Twitteratur &#8211; Weltliteratur für hoch bauende Niedrigstapler</title>
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		<pubDate>Tue, 26 Apr 2011 16:50:15 +0000</pubDate>
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		<description><![CDATA[Kann man Romane als Tweets schreiben? Ist Thomas Manns &#8220;Buddenbrooks&#8221; in 140 Zeichen vorstellbar? Alexander Acimen und Emmett Rensin, beide Anfang 20, haben Werke der Weltliteratur &#8220;kleingekriegt&#8221;. Und veröffentlicht. Der Verlag lädt andere Twitterer auf einer eigenen Website ein, es ihnen gleichzutun. Ob  die &#8220;Ilias&#8221; oder Dantes &#8220;Göttliche Komödie&#8221;, ob Shakespeares &#8220;Hamlet&#8221; oder Goethes &#8220;Werther&#8221;, [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Kann man Romane als Tweets schreiben? Ist Thomas Manns &#8220;Buddenbrooks&#8221; in 140 Zeichen vorstellbar? <span id="more-6414"></span>Alexander Acimen und Emmett Rensin, beide Anfang 20, haben Werke der Weltliteratur &#8220;kleingekriegt&#8221;. Und veröffentlicht. Der Verlag lädt andere Twitterer auf einer eigenen Website ein, es ihnen gleichzutun.</p>
<p><a href="http://www.rundschau-hd.de/wp-content/uploads/2011/04/twitter-vogel.jpg"><img class="alignright size-full wp-image-6418" title="twitter vogel" src="http://www.rundschau-hd.de/wp-content/uploads/2011/04/twitter-vogel.jpg" alt="Tirili, tirila, etzt versteh ich endlich auch Literatur …" width="250" height="208" /></a>Ob  die &#8220;Ilias&#8221; oder Dantes &#8220;Göttliche Komödie&#8221;, ob Shakespeares &#8220;Hamlet&#8221; oder Goethes &#8220;Werther&#8221;, ob &#8220;Harry Potter&#8221; oder Dan Browns &#8220;Sakrileg&#8221;: Die beiden Studenten der Chicagoer Universität haben mehr als 70 Werke in mehreren Einträgen (Tweets) &#8220;zusammengefasst&#8221;, indem sie die Protagonisten twittern lassen. Hemingways Held in &#8220;Der alte Mann und das Meer&#8221; ärgert sich über die Funklöcher auf dem Meer, Anna Kareninas Benutzerkonto wird am Ende gelöscht, Kafkas Gregor Samsa beschwert sich, dass nach seiner Verwandlung zum Käfer netdoktor.de keine rechte Hilfe sei. Auf Deutsch ist die &#8220;Twitteratur&#8221; bei Sanssouci erschienen. Mit www.welttwitteratur.de hat der Verlag eine Internetseite eingerichtet, auf der man sein Lieblingsbuch selbst in Tweets &#8220;übersetzen&#8221; kann. Die tweets erscheinen auf der Seite, die schönsten sollen auf T-Shirts gedruckt werden, die die Verfasser dann zugeschickt bekommen. Ein ideales <a href="http://www.welttwitteratur.de">Machwerk </a>für smalltalkende Partyhopper, die einen kurzen Eindruck eines belesenen, mit fundiertem literarischem Halbwissen beladenen Intellektuellen hinterlassen wollen. Warum nicht? Dazu fiele uns einiges ein. Ihnen auch?</p>
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		<title>&#8220;Dialektik der Säkularisierung &#8211; Über Vernunft und Religion&#8221;</title>
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		<pubDate>Sat, 02 Apr 2011 07:44:40 +0000</pubDate>
		<dc:creator>admin</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Der Cheftheoretiker des kommunikativen Handelns, Jürgen Habermas, und der Vorsitzende der katholischen Glaubenskongregation, Joseph Kardinal Ratzinger, saßen am 19. Januar 2004 auf einem Podium der Katholischen Akademie Bayern in München und sprachen über &#8220;Vorpolitische Grundlagen eines freiheitlichen Staates&#8221;. In der Presse war anschließend von einem &#8220;Gespräch&#8221;, von einem &#8220;Dialog&#8221; die Rede. Auch im Vorwort des [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><a href="http://www.rundschau-hd.de/wp-content/uploads/2009/02/habermas_ratzinger.jpg"><img class="alignright size-full wp-image-2683" title="habermas_ratzinger" src="http://www.rundschau-hd.de/wp-content/uploads/2009/02/habermas_ratzinger.jpg" alt="" width="250" height="174" /></a>Der Cheftheoretiker des kommunikativen Handelns, Jürgen Habermas, und der Vorsitzende der katholischen Glaubenskongregation, Joseph Kardinal Ratzinger, saßen am 19. Januar 2004 auf einem Podium der Katholischen Akademie Bayern in München und sprachen über &#8220;Vorpolitische Grundlagen eines freiheitlichen Staates&#8221;. In der Presse war anschließend von einem &#8220;Gespräch&#8221;, von einem &#8220;Dialog&#8221; die Rede. Auch im Vorwort des dieses Ereignis dokumentierenden Bandes spricht der Herausgeber Florian Schuller, Chef der Katholischen Akademie Bayern, von &#8220;Gespräch&#8221; und &#8220;Dialog&#8221;. Es mag damals in München dazu gekommen sein. Zu lesen gibt es jetzt kein Gespräch, keinen Dialog, sondern &#8211; was Wunder &#8211; zwei Vorträge.<span id="more-2680"></span> Direktor Schuller findet sie spannend, aber ganz sicher hätte auch er einen Dialog spannender gefunden. Schon um zu sehen, wie einer, dessen Aufgabe es ist, die Wahrheit, die einzig mögliche Wahrheit, zu vertreten, debattieren kann mit jemandem, dem sich die Wahrheit, so wird er jedenfalls nicht müde zu schreiben, erst erschließt in der Auseinandersetzungen mit den vielen Wahrheiten. Die &#8220;Anschlussfähigkeit&#8221; eines professionellen Dogmatikers wäre zu vergleichen gewesen mit der des Dogmatikers der Anschlussfähigkeit.</p>
<p>Dieses Vergnügen bietet uns das kleine Büchlein nicht. Dafür findet sich allerhand Rührendes. Habermas zum Beispiel schreibt: &#8220;Säkularisierte Bürger dürfen, soweit sie in ihrer Rolle als Staatsbürger auftreten, weder religiösen Weltbildern grundsätzlich ein Wahrheitspotential absprechen, noch den gläubigen Mitbürgern das Recht bestreiten, in religiöser Sprache Beiträge zu öffentlichen Diskussionen zu machen.&#8221; Gegen wen wendet sich Habermas? Gibt es jemanden, der gefordert hat, gläubigen Christen den Mund zu verbieten? Wen oder was meint Habermas? Was heißt &#8220;Rolle als Staatsbürger&#8221;? Ist es nicht schon demokratietheoretisch äußerst fragwürdig im Falle des Staatsbürgers von einer &#8220;Rolle&#8221; zu sprechen? Und erst in der Praxis: Äußert sich ein Professor in einer Tageszeitung zu einem aktuellen politischen Problem in seiner &#8220;Rolle als Staatsbürger&#8221;? Tut er das nicht, wenn er dasselbe am Stammtisch sagt? Wann bin ich Staatsbürger, wann nicht? Redet Habermas in der Akademie als Staatsbürger oder als Wissenschaftler? Religiösen Weltbildern darf man nicht grundsätzlich ein Wahrheitspotential absprechen?</p>
<div id="attachment_2687" class="wp-caption alignleft" style="width: 223px"><a href="http://www.rundschau-hd.de/wp-content/uploads/2009/02/pfaffe_mit_handpuppe.jpg"><img class="size-full wp-image-2687" title="pfaffe_mit_handpuppe" src="http://www.rundschau-hd.de/wp-content/uploads/2009/02/pfaffe_mit_handpuppe.jpg" alt="Apropos was ist die Wahrheit …" width="213" height="212" /></a><p class="wp-caption-text">Apropos was ist die Wahrheit …</p></div>
<p>Was ist Wahrheit? Wenn sie etwas mit Forschung, mit Analyse und Untersuchung zu tun hat, dann muss man religiösen Weltbildern, sicher nicht in jedem Detail, aber doch grundsätzlich ein &#8220;Wahrheitspotential&#8221; &#8211; was ist das? &#8211; absprechen. &#8220;Wahrheitspotential&#8221; sagt doch nur: Wir müssen, wenn wir mit jemandem sprechen, davon ausgehen, dass er die Wahrheit sagen könnte. Das ist in jedem Fall vernünftig.</p>
<p>Vorausgesetzt man hat sehr viel Zeit. Wenn man freilich hört, das Gegenüber vertritt allen Ernstes die Auffassung, vor zweitausend Jahren habe in einem kleinen Ort im Nahen Osten eine Jungfrau &#8211; unter dem Jubel von den Himmel bevölkernden Engeln &#8211; ein Kind geboren, dann wird man &#8211; es sei denn man hat im Augenblick nichts Interessanteres zu tun &#8211; abwinken und nicht mehr lange über ein mögliches &#8220;Wahrheitspotential&#8221; dieser Auffassung nachdenken. Es sei denn, man ist in einem christlichen Milieu aufgewachsen, dann nimmt man derartige Äußerungen als das Natürlichste von der Welt, wie Regen oder Schnee. Sowie aber jemand kommt und behauptet am 18. Juni 1929 sei in Düsseldorf der Erlöser geboren worden, wird auch Habermas dem Vertreter dieser Religion das Wahrheitspotential absprechen.</p>
<p>Der Witz beim religiösen Weltbild ist nicht, dass es die Vernunft bezweifelt und daran erinnert, dass hinter dem Wenigen, das wir wissen, noch ganz und großartig Anderes zu vermuten ist. Das wäre kein Bild, sondern eine black box. Das religiöse Weltbild weiß oder behauptet zu wissen. Es behauptet nicht nur zu wissen, dass es einen Gott gibt, sondern auch zu wissen, was er will, was er mag, was ihm missfällt. Hätte Jürgen Habermas sich die Mühe gemacht, das Wahrheitspotential in einigen der seit Jahrtausenden herrlich ausgepinselten Ansichten vom al di la des Katholizismus &#8211; zum Beispiel bei der Jungfrauengeburt, bei der Schöpfungsgeschichte oder beim Jüngsten Gericht &#8211; uns plausibel zu machen, er hätte unsere Bewunderung, oder wir wüssten doch wenigstens, was er sich vorstellt, wenn er vom Wahrheitspotential religiöser Weltbilder spricht.</p>
<div id="attachment_6284" class="wp-caption alignleft" style="width: 83px"><a href="http://www.rundschau-hd.de/wp-content/uploads/2011/04/pfaffe4.jpg"><img class="size-full wp-image-6284" title="pfaffe" src="http://www.rundschau-hd.de/wp-content/uploads/2011/04/pfaffe4.jpg" alt="" width="73" height="125" /></a><p class="wp-caption-text">Josef, Maria und Josef, wie recht doch Herr Habermas hat …</p></div>
<p>Man darf, meint Habermas, auch religiösen &#8220;Mitbürgern nicht das Recht bestreiten, in religiöser Sprache Beiträge zu öffentlichen Diskussionen zu machen&#8221;. Uns ist nicht auch nur ein Fall bekannt, in dem jemand Redeverbot bekam, weil er in &#8220;religiöser Sprache&#8221; sich äußerte. Aber, was heißt &#8220;religiöse Sprache&#8221;? Und was heißt, &#8220;das Recht bestreiten&#8221;? Ist &#8220;das ist der Wille Gottes&#8221; &#8211; religiöse Sprache? Wir haben das oft gehört. Damit sollten Diskussionen abgebrochen, beendet werden. Die Pastoren, die so sprechen, haben alles Recht der Welt so zu reden. Nur dürfen sie nicht verlangen, das als ein Argument zu akzeptieren. Wir nehmen uns das Recht, das zu hinterfragen. WIr haben sogar die Pflicht dazu. Habermas&#8217; Ausführungen sind fast so unklar wie die des damaligen Kardinals und heutigen Papstes. Dabei hat niemand Habermas gezwungen, zwei Herren zu dienen.</p>
<p>Josef Ratzinger ist in dieser Disziplin seit Jahrzehnten im Training. Seine Aufgabe war, die Lehre rein zu halten. Also alles zu verdrängen, zu bannen und zu ächten, was ihr widersprach oder ihr &#8211; zu Ende gedacht &#8211; doch hätte widersprechen können. Das ist eine niemals endende Arbeit. Die Anfechtungen sind riesig. Sie kommen vom Gefühl und vom Verstand. Wer nicht an die Jungfräulichkeit der Maria glaubt, liegt verkehrt, wer aber an sie glaubt, statt an den dreieinigen Gott, der ist auch zu verdammen. Es ist eine Welt, die nur aus Fallstricken besteht, und jeder käme darin zu Fall. Da ist es schon besser, man bestimmt selbst, wie die Strippen zu ziehen sind. Wer die jüngsten Eskapaden des Wiener Kardinals Christoph Schönborn in Sachen Evolutionstheorie für dessen Steckenpferd hielt, der wird nach einem Blick in Ratzingers Rede eines Besseren belehrt: &#8220;Die Idee des Naturrechts setzte einen Begriff von Natur voraus, in dem Natur und Vernunft ineinander greifen, die Natur selbst vernünftig ist. Diese Sicht von Natur ist mit dem Sieg der Evolutionstheorie zu Bruche gegangen. Die Natur als solche sei nicht vernünftig, auch wenn es in ihr vernünftiges Verhalten gibt.&#8221;</p>
<p>Man versteht diese Sätze Ratzingers nicht, wenn man nicht begreift, dass er gerade nicht die Vernunft als etwas Natürliches sehen möchte &#8211; das wäre die Sicht eines Evolutionisten -, sondern vielmehr die Natur als etwas der Vernunft, die er in eins setzt mit seinem Gott, Gehorchendes, ihr Unterworfenes oder doch zu Unterwerfendes betrachtet. Darüber zu streiten, macht freilich keinen Spaß, weil der Kardinal an keiner Stelle seiner Ausführungen &#8211; er ist dem deutschen Soziologiepapst da nicht unähnlich &#8211; sich in die Niederungen überprüfbarer Ansichten begibt. Besonders erheiternd ist diese über alles mehr verfügende als sich mit ihm auseinandersetzende Sicht auf die Welt, wenn Kardinal Ratzinger das Weltethos-Projekt seines einstigen Kollegen Küng mit der Begründung ablehnt, die &#8220;kulturellen Kontexte&#8221; seien zu unterschiedlich als dass die Menschheit sich darauf einigen könnte. Die eine allumfassende, die katholische Kirche &#8211; mit ihrem 824seitigen Katechismus &#8211; soll möglich sein, der Einigung darüber aber, dass man einander nicht umbringt, der stehen die Unterschiede der Kulturen im Wege! <strong>got</strong></p>
<p><em>Jürgen Habermas, Joseph Ratzinger: &#8220;Dialektik der Säkularisierung &#8211; Über Vernunft und Religion&#8221;.  Vorwort und Herausgeber: Florian Schuller. Herder Verlag, Freiburg, 64 Seiten, 9,90 Euro. ISBN 3451288699. </em></p>
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		<title>Der Fall Oscar Wilde</title>
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		<pubDate>Wed, 01 Dec 2010 16:27:08 +0000</pubDate>
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		<description><![CDATA[Zum 110. Todestag am 30. November 2010 Oscar Wilde war einer der geistvollsten Schriftsteller seiner Epoche und ein unerreichter Sprachvirtuose, dazu ungewöhnlich witzig und schlagfertig. Er war auch ein Riese von Gestalt mit langer Haarpracht, stets extravagant gekleidet und fast immer mit einer großen Blume im Knopfloch. Als er in den achtziger Jahren die USA [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Zum 110. Todestag am 30. November 2010<span id="more-5883"></span></p>
<div id="attachment_5884" class="wp-caption alignleft" style="width: 260px"><a href="http://www.rundschau-hd.de/wp-content/uploads/2010/12/oscar-wilde.jpg"><img class="size-full wp-image-5884" title="oscar wilde" src="http://www.rundschau-hd.de/wp-content/uploads/2010/12/oscar-wilde.jpg" alt="" width="250" height="373" /></a><p class="wp-caption-text">»Wir liegen alle in der Gosse, aber einige von uns betrachten die Sterne.« Oscar Wilde</p></div>
<p>Oscar Wilde war einer der geistvollsten Schriftsteller seiner Epoche und ein unerreichter Sprachvirtuose, dazu ungewöhnlich witzig und schlagfertig. Er war auch ein Riese von Gestalt mit langer Haarpracht, stets extravagant gekleidet und fast immer mit einer großen Blume im Knopfloch.<br />
Als er in den achtziger Jahren die USA besuchte, versuchten ihn während seines Vortrags in Boston die Harvard-Studenten lächerlich zu machen. 60 von ihnen erschienen jeder mit einer Sonnenblume im Rockaufschlag und auch sonst entsprechend ausstaffiert. Oscar Wilde aber nahm ihnen den Wind aus den Segeln. Er trat im korrekten Abendanzug auf und bemerkte trocken in Bezug auf die Provokation: »Die Karikatur ist der Tribut der Mittelmäßigkeit an das Genie.« Das Publikum applaudierte amüsiert und begeistert, während sich die selbstgefällige Studentenschaft kräftig blamiert sah. –</p>
<p><strong>Exzentriker und Erfolgsschriftsteller</strong></p>
<p>Der Dichter gehörte in der damaligen Zeit zu den prominentesten und exzentrischsten Persönlichkeiten des viktorianischen England. Als Oscar Fingal O&#8217;Flahertie Wills Wilde am 16. Oktober 1854 in Dublin geboren, hatte er schon als Kind Berührung mit den schönen Künsten gehabt. Seine Mutter hielt samstäglich einen literarischen Salon ab, bei dem Oscar bereits in jungen Jahren wichtige Persönlichkeiten des städtischen Kulturlebens kennen lernte.</p>
<p>Fast erwartungsgemäß studierte er klassische Philologie in Oxford und gewann dort die ersten Preise und sammelte Auszeichnungen für seine erste Kurzprosa und Lyrik. Er lernte mit Walter Pater und John Ruskin zwei andere Schriftsteller und Anhänger des Ästhetizismus kennen, die ihn inspirierten und von denen er sich den Lebensstil als Dandy der Bohème abguckte. Oscar Wilde fiel rasch als Exzentriker auf und wurde in Magazinen und Opern verspottet. Auf der anderen Seite brachte man dem sprachbrillanten Konversationsgenie Bewunderung entgegen.</p>
<p>Als er 1878 sein Studium mit «Sehr Gut« abgeschlossen hatte, zog es ihn nach London. Er unternahm längere Reisen, u. a. in die USA und Paris und machte die Bekanntschaft von Dichterkollegen wie Walt Whitmann und Paul Verlaine. Zurückgekehrt nach London heiratete Wilde 1884 Constance Lloyd, mit der er zwei Söhne – Cyril und Vyvyan – hatte.<br />
Der Vorzug dieser Ehe bestand für Wilde auch darin, dass er sich aufgrund des Reichtums seiner Frau uneingeschränkt seiner literarischen Arbeit widmen konnte – Constance als eheliche Mäzenin wirkte.</p>
<p>Hauptberuflich war Wilde als Journalist und Schriftsteller tätig; er schrieb Essays, Märchen und im Auftrag des «Lippincot’&#8217;s Monthly Magazine« den Roman «Das Bildnis des Dorian Gray« (1890). Das Meisterwerk wurde zwar von der zeitgenössischen Literaturkritik abgelehnt, avancierte aber in den Salons von London und Paris zur Sensation.</p>
<p><strong>Alfred Douglas 1903</strong></p>
<p><a href="http://www.rundschau-hd.de/wp-content/uploads/2010/12/douglas.jpg"><img class="alignleft size-full wp-image-5885" title="douglas" src="http://www.rundschau-hd.de/wp-content/uploads/2010/12/douglas.jpg" alt="" width="150" height="201" /></a></p>
<p><strong>Zwischen Erpressungsversuchen und «juristischem Selbstmord«</strong><br />
Spätestens seit Veröffentlichung des Romans kreisten in dem so morbiden wie prüden Fin-de-siecle-London Gerüchte um Wildes gleichgeschlechtliche Neigung. In der Zeit des literarischen Erfolges lernte der Dichter den 21jährigen Lord Alfred Douglas, Sohn des achten Marquis von Queensberry, kennen. Wilde war auf der Stelle von der Schönheit, dem Adel und dem Geist des jungen schottischen Edelmanns fasziniert. Zwischen ihm und «Bosie« – wie er von dem Dichter genannt wurde – entwickelte sich eine homosexuelle Beziehung. Und wie es bei einem Dichter wie Wilde nicht anders zu erwarten war, formulierte er seine Liebe zu dem jungen Adligen auch in mehreren intimen Briefen.</p>
<p>Während sein Theaterstück «Frau ohne Bedeutung« (1893) im Haymarket Theatre gefeiert wurde, hinterbrachte der Theaterdirektor dem Dichter eines Abends die Abschrift eines solchen an Bosie geschriebenen Briefes. Der Theaterdirektor hatte vorsorglich die Kopie – die ihm angeboten worden war – gekauft, um den seiner Meinung nach bedenklichen Inhalt nicht in die Öffentlichkeit geraten zu lassen. Wilde zerstreute seine Befürchtungen.</p>
<p>Einige Wochen darauf trat der arbeitslose Alfred Wood auf den Plan und erpresste den Dichter mit weiteren seiner Original-Briefe an den jungen Geliebten. Wood erhielt gegen Aushändigung dieser kompromittierenden Briefe eine größere Summe, um damit ein neues Leben in Amerika anfangen zu können. Das Original des Schreibens fehlte jedoch.</p>
<p>Kurze Zeit später tauchte mit William Allen der nächste Erpresser in Wildes Haus auf und forderte 60 £ für jenen noch nicht ausgehändigten Originalbrief. Wilde ging nicht auf die Erpressung ein, schenkte dem in arger Geldnot steckende Allen zehn Shilling und bemerkte, der Brief würde demnächst ohnehin als Prosagedicht in der Form eines Sonetts veröffentlicht werde. Wieder einige Tage später erschien mit Robert Cliburn ein Spießgeselle Allens, und brachte Wildes Originalbrief, für den er seinerseits zehn Shilling kassierte.</p>
<p>Wilde war froh darüber, die Briefe in seiner Hand zu haben, und erzählte recht unvorsichtig die Geschichte in London herum. Was er nicht wusste war, dass eine weitere Kopie des von den Erpressern Allen und Cliburn zurückgegebenen Briefes inzwischen in die Hände des Marquis von Queensberry gelangt war. Der Marquis war mit einem arroganten und boshaften Wesen gesegnet. Als er von der Freundschaft seines Sohnes mit dem Dichter erfuhr, versuchte er auf jede erdenkliche Weise, die beiden voneinander zu trennen. Es kam zu unerfreulichen, vulgären Briefen. Im Frühsommer 1894 erschien er eines Tages auch unangemeldet in Wildes Haus in Chelsea. Dort beschuldigte er den Hausherrn, mit Lord Douglas wegen abstoßenden Betragens aus dem Savoy Hotel gewiesen worden zu sein und mit ihm eine Wohnung am Piccadilly genommen zu haben. Wilde bestritt jedes unschickliche Verhalten. Der Marquis drohte daraufhin: «Wenn ich Sie und meinen Sohn zusammen in einem öffentlichen Lokal erwische, werde ich Sie verprügeln.«<br />
Der Dichter erwiderte unbeeindruckt: «Ich weiß nicht, was die Queensberry-Regeln besagen, die Oscar Wilde-Regel besagt jedenfalls, auf der Stelle zu schießen.« Der Marquis wurde des Hauses verwiesen.</p>
<p>Die persönliche Fehde setzte sich erbittert fort, wobei sich Bosie wenig um die Wünsche seines Vaters kümmerte. Vielmehr ließ er sich ostentativ überall mit Oscar Wilde sehen und unternahm Reisen mit ihm.<br />
Am 14. Februar 1895 wurde im Londoner St. James’ Theatre Wildes neue Komödie «Bunbury oder Ernst sein ist alles« uraufgeführt. Der Marquis von Queensberry plante, während der Premierenaufführung mit einem Bukett von weißen Rüben und Karotten eine Szene zu machen. Das Gemüse sollte Oscar Wilde, sobald er vor dem Vorhang erschien, an den Kopf geworfen werden. Ein rechtzeitiger Warnhinweis sorgte dafür, dass dem Störenfried der Zutritt zum Theater verwehrt wurde und die Premiere mit überwältigendem Erfolg ungestört ablaufen konnte.</p>
<p>Die Rache des Marquis folgte: An einem nebligen Nachmittag des 18. Februar 1895 wurde im Londoner Albemarle Club, zu dessen Mitglieder Oscar Wilde gehörte, beim Portier eine offene Visitenkarte für Mr. Wilde abgegeben. Die Visitenkarte wurde in dem späteren Gerichtsverfahren als ‚Beweisstück A’ gekennzeichnet, ist gerade einmal handflächengroß und trägt exakt fünf Wörter: «To Oscar Wilde posing sodomite« (dt.: Für Oscar Wilde, posierender Sodomit). Als Absender führt die Visitenkarte den eleganten Aufdruck: «Marquis of Queensberry«.<br />
Da der Empfänger nicht anwesend war, legte der Portier die Karte in einen Umschlag und überreichte sie zwei Wochen später an Wilde, als dieser wieder im Club erschien.</p>
<p>Im viktorianischen England war der Begriff Homosexualität bis zum Ende des 19. Jahrunderts noch nicht gebräuchlich. Stattdessen wurde von Unzucht, Päderastie und Sodomie gesprochen. Der «Criminal Law Amendment Act« von 1885 – eine Ergänzung zum britischen Strafgesetzbuch – sah in seinem Artikel 2 vor, dass jede männliche Person bestraft wurde, die sowohl im öffentlichen als auch privaten Bereich unsittliche Handlungen mit anderen männlichen Personen beging, an ihnen teilnahm, Gelegenheit hierzu verschaffte oder zu verschaffen versuchte. Die Höchststrafe lag bei zwei Jahren Gefängnis, die mit oder ohne Zwangsarbeit angeordnet werden konnten. Der Absender der Visitenkarte bezichtigte demnach Oscar Wilde der als Verbrechen zu ahnenden Homosexualität. Ungeachtet der prozessualen Gefahr für ihn selber erstattete Oscar Wilde am 1. März 1895 Anzeige gegen den Marquis. Gleichzeitig wurde ein Haftbefehl beantragt, aufgrund dessen Queensberry am folgenden Tag festgenommen und zum Polizeigericht gebracht wurde. –</p>
<p><strong>Die Prozesse von Oscar Wilde</strong></p>
<p>In der Zeit bis zum eigentlichen Prozessbeginn am 3. April 1895 begann eine intensive Vorbereitung bei beiden Parteien. An die Seite Oscar Wildes trat einer der berühmtesten Anwälte der Zeit: Sir Edward Clarke. Der nahm das Mandat allerdings nur gegen das von Wilde angegebene Versprechen an, dass die homosexuellen Verdächtigungen jeder Grundlage entbehrten.</p>
<p>Für den Angeklagten trat Edward Henry Carson in den juristischen Ring. Der Marquis engagierte außerdem den ehemaligen Polizeidetektiv Littlechild, der die Intimsphäre Wildes ausspionieren sollte. Littlechild gelang es, einen auf Wilde eifersüchtigen Schauspieler und Bühnenautor ausfindig zu machen, der sehr bereitwillig die Adresse eines Mannes namens Alfred Taylor in Nr. 3 Chapel Street weitergab. Der Detektiv verschaffte sich Zutritt zu dessen Wohnung und fand zahlreiche Adressen von homosexuellen jungen Männern – Kutscher, Diener, Köche zwischen 17 und 21 Jahren alt – und außerdem Unterlagen, die ihre eindeutig sexuell motivierten Kontakte zu Wilde erkennen ließen. –<br />
In der Verhandlung dieses ersten Wilde-Prozesses kam zu einer Verschiebung der Parteienrollen: Der Kläger wurde zum Angeklagten, als intime Details aus Wildes Privatleben zur Sprache kamen. Im Verlauf des Prozesses kam zu Tage, dass Oscar Wilde mit jungen Männern aus der sozialen Unterschicht sexuellen Kontakt hatte, darunter auch männlichen Prostituierte. Das Kreuzverhör gegen Oscar Wilde hatte auch verschiedene Schriften Wildes zum Gegenstand, hauptsächlich den Roman «Das Bildnis des Dorian Gray«, der als «anrüchig« gerügt wurde. Aufgrund einiger unbewusster Fehler in der Taktik von Wildes Anwalt entschied sich die Jury gegen den Dichter und erklärte Queensberry für «nicht schuldig«. –</p>
<p>Oscar Wilde hätte nun ins Ausland gehen können. Aber er ließ die Dinge treiben. Und so kam es zu einem ersten Strafverfahren gegen ihn wegen Unzucht. Nur weil sich die Geschworenen nicht einigen konnten, kam es zu keiner Verurteilung.<br />
Doch auch diese Chance blieb von Wilde ungenutzt. Im Mai 1895 kam es dann im Rahmen des zweiten Strafprozesses gegen den Dichter wegen Unzucht zu einem Ende: Wilde verteidigte sich mit rhetorischer Brillanz, war aber angesichts der Beweislage und der gesetzlichen Rechtslage chancenlos. Das Gericht von Old Bailey verurteilte ihn am 25. Mai 1895 zu zwei Jahren Zuchthaus mit schwerer körperlicher Zwangsarbeit.<br />
Vor dem Gerichtsgebäude spielten sich unbeschreibliche Szenen ab. Prostituierte tanzten herum und schrieen ohne Pause: «Jetzt bekommt er den richtigen Haarschnitt!« –<br />
Im Zuchthaus Oscar Wilde wurde zunächst in Newgate und Pentonville inhaftiert, anschließend nach Wandsworth und später ins Zuchthaus von Reading verbracht. Dort entstanden «De Profundis« und «Die Ballade vom Zuchthaus Reading«, obwohl ihm täglich nur eine einzige Seite Schreibpapier bewilligt wurde.</p>
<p>Es waren grausame Jahre im Zuchthaus, wobei erstaunlicherweise die Mitgefangenen die einzigen waren, die zu Wilde hielten. In der Welt außerhalb der Zuchthausmauern war er verfemt. Seine Frau Constance hatte sich inzwischen von ihm getrennt, seine Wohnungseinrichtung wie auch andere Vermögensgegenstände – auch wertvolle Manuskripte – waren versteigert worden, er selbst für bankrott erklärt worden. Seine Bühnenstücke waren von den Spielplänen gestrichen worden, so dass er auch als Bühnenautor am Ende war.</p>
<p>Nur wenige Freunde blieben ihm treu. Wirtschaftlich war Wilde durch die ungeheuren Prozesskosten ruiniert, obwohl sein Verteidiger Sir Edward Clarke kein Honorar nahm. Durch die Zuchthauszeit zog sich Wilde ein böses Ohrenleiden zu, von dem er sich nie mehr erholte. Straferlass wurde dem berühmten Dichter verwehrt. Bei Strafende gelang es seinen Freunden, ihn heimlich abzuholen, um der Presse zuvorzukommen.<br />
Die erste Zuflucht fand Wilde bei Ada und Ernest Leverson, einem menschenfreundlichen Londoner Paar, das auch schon während der Prozesse treu zu ihm gehalten hatten. Gleich war Oscar Wilde scheinbar wieder der Alte: «Er kam herein mit der Würde eines Königs, der aus dem Exil zurückkehrt«, beschrieb einer der Freunde. Wilde ging nach Frankreich und reiste unstet umher. Zuletzt lebte er unter ärmlichen Verhältnissen in Paris in einem drittklassigen Hotel. Als man für den schon schwer Kranken eine Flasche Sekt kommen ließ, machte er sein letztes Bonmot:<br />
«Ich sterbe über meine Verhältnisse!«<br />
Am 30. November 1900 wurde er von seinen Leiden erlöst. Nur wenige Getreue folgten seinem Leichenzug, darunter Jean Dupoirier, der mildtätige Wirt, bei dem Wilde viel Schulden hinterließ. Auf dem Père Lachaise ist seine letzte Ruhestätte. Sir Jacob Epstein schuf das Grabmal.</p>
<p><strong>Die rechtshistorische Aufarbeitung des Enkels</strong></p>
<p>Über den wohl spektakulärsten Künstlerprozess des 19. Jahrhunderts publizierte der Oscar-Wilde-Enkel, Journalist und Schriftsteller Merlin Holland, 2003 ein lesenswertes Buch, dass anhand der Gerichtsprotokolle Hintergründe und Ablauf der Verfahren rekonstruiert. Holland gelingt es aufzuzeigen, dass nicht nur der Schriftsteller Oscar Wilde – obwohl «nur« Zeuge im ersten Verfahren – vor dem moralischen Pranger stand, sondern auch seine Literatur. Es ging nur vordergründig um die Frage, ob eine verleumderische Beleidigung ausgesprochen worden war; es ging um weit mehr. Die Justiz ging im Grunde der Frage nach, wie verderblich Wildes Werke auf die Jugend wirken könnten. Dieser literarische Einfluss wurde genauso eingehend besprochen wie die Quellen, das Material, aus welchem sich Wildes Werk speiste. Und wenngleich die eigentliche Hauptfrage des Prozesses, die nämlich, welche Personen in den Büchern und im Leben womöglich den abscheulichen Akt vollzogen hätten, heute kein Gericht mehr kümmern würde, fasziniert doch die Konfrontation der künstlerischen Ästhetik und Freiheit mit dem juristischen Streben nach Gesetzestreue – auch wenn sie noch so fragwürdig ist. Glanz und Elend.</p>
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		<title>Panorama eines Lebens &#8211; Komik der Hinfälligkeit</title>
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		<pubDate>Fri, 26 Nov 2010 17:08:26 +0000</pubDate>
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		<description><![CDATA[Der österreichische Schriftsteller Michael Köhlmeier hat nach zahlreichen Publikationen mit &#8220;Abendland&#8221; einen monumentalen 800-Seiten-Roman verfasst. Darin legt ein dandyhafter Herr von 95 Jahren, der als wahrer Weltbürger in Wien, Frankfurt, Lissabon, Moskau und New York gewesen ist, seine Lebensbeichte ab. Michael Köhlmeier will es wissen. Nach drei Jahrzehnten, in denen sich der 1949 geborene Autor [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Der österreichische Schriftsteller Michael Köhlmeier hat nach zahlreichen Publikationen mit &#8220;Abendland&#8221; einen monumentalen 800-Seiten-Roman verfasst. Darin legt ein dandyhafter Herr von 95 Jahren, der als wahrer Weltbürger in Wien, Frankfurt, Lissabon, Moskau und New York gewesen ist, seine Lebensbeichte ab. <span id="more-5868"></span><br />
Michael Köhlmeier will es wissen. Nach drei Jahrzehnten, in denen sich der 1949 geborene Autor als Verfasser zahlreicher Romane und Prosabände sowie als höchst publikumswirksamer Nacherzähler der großen Mythen &#8211; von den antiken Sagen bis zur Bibel &#8211; einen Namen gemacht hat, legt er nun den großen Wurf als Epiker vor: &#8220;Abendland&#8221;, ein monumentaler Roman von beinahe 800 eng bedruckten Seiten, in jeder Hinsicht eines der gewichtigsten Werke in diesem Bücherherbst und einer der Favoriten auf der Longlist zum Deutschen Buchpreis.</p>
<p>Es ist ein Welt- und Jahrhundertpanorama, wie man es lange nicht gelesen hat. Ganz ohne postmoderne Verwirbelungskunst, vielmehr geschrieben in einem ruhigen, geduldigen, eleganten Erzählton. Carl Jacob Candoris legt seine Lebensbeichte ab, ein dandyhafter alter Herr von 95 Jahren, der als wahrer Weltbürger fast überall dabei gewesen ist, wo das 20. Jahrhundert notorisch wurde.</p>
<p>Der Roman spielt in Wien und Frankfurt, in Lissabon, Moskau und New York, in nordamerikanischen und afrikanischen Einöden, um nur einige Schauplätze zu nennen. Es gibt keine geradlinige, dramatisch zugespitzte Handlung, sondern ein Gewebe von Geschichten, das Köhlmeier mit hohem organisatorischen Kunstverstand geknüpft hat. Dabei geht es, ebenfalls in unvollständiger Aufzählung, um große Themen wie Krieg und Frieden, Jazz und Naturwissenschaft, Genie und Mäzenatentum, Kolonialismus und Naziverbrechen, sowjetische und nordamerikanische Geschichte. Es geht um den deutschen Terrorismus der siebziger Jahre, um Feinkosthandel und Liebe, um Männer und Frauen, die sich verfehlen und ihre Ehen ruinieren. Es geht um wiedergefundene Kinder und vor allem um: Väter und Ersatzväter.</p>
<p>Carl Jacob Candoris hat wenig zu tun mit den durchschnittlichen Helden der meisten heutigen Romane. Er ist vielfältig brillant, umfassend gebildet, ein Mann, der in jungen Jahren als studierter Mathematiker knifflige Grundlagenforschung in seinem Fach betrieb, dann aber als nicht minder cleverer Geschäftsmann das ererbte Vermögen seiner Familie vermehrte, um in den dreißiger Jahren als Agent gegen die Nazis zu arbeiten und später beim Manhattan-Atombombenprojekt unter Robert Oppenheimer mitzuwirken. Ein Stück verkörpertes Abendland ist dieser Candoris also, und wie den großspurig-vagen Titel des Romans könnte man die schiere Grandiosität der Figur als forciert empfinden.</p>
<p>Köhlmeier versteht es allerdings, Gegengewichte zu schaffen. Die Wucht der Candoris-Figur und der flankierenden Hochbegabungen wird gebrochen allein schon durch das bestechende Setting des Romans: Der alte Herr ist mittlerweile vom Tod gezeichnet und bei aller Erzählfreude und geistigen Wachheit leibhaftig nur noch ein Schatten seiner selbst.</p>
<p>Der Rollstuhlfahrer, der auf ständige Morphiumzufuhr angewiesen ist, diktiert seine Lebensgeschichte in das Aufnahmegerät seines Patenkindes Sebastian Lukasser. Dieser ist der Erzähler des Romans, ein selbst schon in die Jahre gekommener Schriftsteller, Sohn des genial verkrachten Gitarristen Georg Lukasser und in manchen Aspekten das Alter Ego des Schriftstellers Michael Köhlmeier. Außerdem laboriert Sebastian Lukasser gerade an den Folgen einer Prostatakrebs-Operation und quält sich mit Impotenzangst und Inkontinenz. Köhlmeiers peinlich genaue Beschreibungen sparen hier nichts aus. Der Umgang der beiden angeschlagenen Männer und Wahlverwandten wird zugleich mit Zartsinn und einer beeindruckenden Komik der Hinfälligkeit in Szene gesetzt.</p>
<p>Von der Zerbrechlichkeit des Lebens wissen aber auch die Binnengeschichten immer wieder zu berichten. Auch einem Götterliebling wie Carl Jacob Candoris ist das Scheitern gut vertraut. Das betrifft neben seiner eigenen Ehe mit der geliebten Portugiesin Margarida, die jahrelang von einem Nebenbuhler nicht lassen kann, vor allem seine zentrale Ambition als Mäzen und Mentor. Die strauchelnden Lukassers hat er unter seine Fittiche genommen. Aber er muss erleben, wie der Ausnahme-Gitarrist Georg nach einer fulminanten Karriere, die ihn von der Wiener Schrammelszene unter die internationalen Jazz-Größen der fünfziger und sechziger Jahre führte, an Alkohol und wachsender Verschrobenheit zugrunde geht.</p>
<p>Er muss mit ansehen, wie sein Patenkind und Herzenssohn &#8211; eben der Erzähler Sebastian Lukasser, dessen Lebensgeschichte den zweiten Hauptstrang des Romans bildet &#8211; seine Ehe ruiniert und sein Kind David im Stich lässt. Candoris erscheint unerschüttert bis zuletzt, und doch hat er es hautnah immer wieder mit Verzweiflung, Wahnsinn, Leid und Trauer zu tun gehabt. Im übrigen erweist sich der &#8220;Schutzengel&#8221; selbst durchaus als Mann mit einer verborgenen mephistophelischen Seite.</p>
<p>Die Fülle dieses Romans, der sich den Anschein authentischen biographischen Erzählens gibt, kann nur angedeutet werden. Es ist sehr viel Bildungsgut und recherchiertes Material in ihn eingegangen; manches mag man zunächst als Ballast empfinden, sollte aber nicht vergessen, dass ein großer Kahn Gewicht braucht, um gut im Wasser zu liegen. Und man kann sicher sein, dass auf Abschnitte, die mit geradezu Stifterscher Ruhe handlungsarm dahingleiten, regelmäßig wieder Passagen folgen, in denen für Spannung und packendes Geschehen gesorgt ist. Man hat Freude an der musikalisch-komplexen Struktur von &#8220;Abendland&#8221;, an der Geschichts- und Geschichtenfülle. Am meisten aber imponieren die sprachliche Kraft und die Beschreibungskunst Köhlmeiers, der epische Atem, der den Erzähler und mit ihm den faszinierten Leser durch dieses große Buch trägt.</p>
<p><em>Michael Köhlmeier<br />
Abendland. Roman.<br />
Carl Hanser Verlag,<br />
780 S., 24,90 Euro </em></p>
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		<title>Wie wirklich ist die Wirklichkeit?</title>
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		<pubDate>Mon, 01 Nov 2010 05:38:33 +0000</pubDate>
		<dc:creator>admin</dc:creator>
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		<category><![CDATA[Literatur]]></category>

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		<description><![CDATA[Gedanken zu Essays „Einsichten und Ausblicke“ vom Entdecker des LSD Albert Hofmann. Aufklärung als das Bestreben, einer Unmündigkeit zu entrinnen, will dem Menschen die Freiheit vermitteln, die ihm einen sicheren Stand in der Welt, in der Wirklichkeit gestattet. Dabei stellte sich freilich, schier von Anfang an die Frage, was denn Wirklichkeit sei, von welcher Beschaffenheit [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Gedanken zu Essays „Einsichten und Ausblicke“ vom Entdecker des LSD Albert Hofmann. <span id="more-2311"></span><a href="http://www.rundschau-hd.de/wp-content/uploads/2009/06/cover.jpg"><img class="alignright size-full wp-image-3300" title="cover" src="http://www.rundschau-hd.de/wp-content/uploads/2009/06/cover.jpg" alt="" width="250" height="250" /></a>Aufklärung als das Bestreben, einer Unmündigkeit zu entrinnen, will dem Menschen die Freiheit vermitteln, die ihm einen sicheren Stand in der Welt, in der Wirklichkeit gestattet. Dabei stellte sich freilich, schier von Anfang an die Frage, was denn Wirklichkeit sei, von welcher Beschaffenheit die Wirklichkeit der Welt sei.<br />
Man kann das von heute her sehen: Was Menschen „wirklich“ nennen, ist „Materie in Zeit und Raum;“ dagegen steht die Auffassung, gerade dies sei der „schlimmste Aberglaube, dem der Mensch je verfallen“ sei, dass nämlich „die Welt aus Materie bestehe.“ Das ist nicht nur ein Thema sich spirituell gebender Esoterik, sondern auch solider Wissenschaftler: Carl Friedrich von Weizsäcker gibt zu verstehen, daß es nach der Quantentheorie, die der deutsche Physiker Max Planck aufgestellt hat, möglich sei, die physikalische Wirklichkeit „als eine essentiell seelische oder geistige Wirklichkeit aufzufassen:“ Andere Physiker, so etwa David Dohm, verstehen Wirklichkeit, die sie „Unermeßlichkeit“ nennen, als ein universales Fließen, in dem Geist und Materie keine getrennten Substanzen sind &#8211; wie es Descartes angenommen hatte und nach ihm eine ganze Epoche -, sondern daß Geist und Materie lediglich verschiedene Aspekte „einer einzigen, ganzen und bruchlosen Bewegung“ seien: Wirklichkeit ist Bewegung von was auch immer, Bewegung des Unermeßlichen.<br />
All das ist im Denken der beginnenden Neuzeit angelegt, ja eine Kernfrage, auf die man, um sich aufzuklären, eine Antwort ermitteln mußte. Was ist wirklich? Und was ist mit dem Wort Wirklichkeit gemeint? Dabei ging es vordringlich darum, sich der eigenen Wirklichkeit zu versichern, ihr sozusagen Substanz zu verleihen. Zu Beginn des 17. Jahrhunderts ließ Shakespeare den Prospero in seiner Komödie „Der Sturm“ sagen:<br />
„Wir sind aus solchem Stoff wie der zu Träumen, und unser kleines Leben umringt ein Schlaf“. Das war nicht so einfach um der Poesie willen hingesagt, sondern eine Mutmaßung, welche die Epoche beschäftigte und beunruhigte. Ein René Descartes konnte es so nicht hinnehmen: Hätte er seine eigene Wirklichkeit als Unwirklichkeit verstehen müssen, er hätte alle Sicherheit in der Welt verloren. So mußte er einen Beweis für sein Wirklich-Sein finden, und er fand ihn, weil ihm die Evidenz – der Entwicklungsprozeß &#8211; seines Existierens nicht genügte, in der Schlußfolgerung: „Ich denke, also bin ich“. Und dann mußte er einen Beweis dafür finden, daß der materiellen Welt um ihn her gleichfalls Wirklichkeit zukomme. Dazu schlug er einen theologischen Umweg ein: seinen Gottesbeweis. Wir hätten, so stellte er fest, die Idee Gottes, der Vollkommenheit in uns, und diese könnten wir nur von einem Wesen haben, das „alle Vollkommenheiten in sich vereinigt, das heißt von einem wirklich daseienden Gott.“<br />
Dass dieser Gottesbeweis nicht stichhaltig ist, stellte spätestens Immanuel Kant fest. Für Descartes freilich genügte er für eine weitere Schlußfolgerung: Der vollkommene Gott könne kein Betrüger sein und die Weltwirklichkeit nur vorgaukeln. Er sei seriös und die Wirklichkeit daher in all ihrer Materialität wirklich. Weder das Ich ist „aus solchem Stoff wie der zu Träumen“, noch die Welt. Daher war Wissenschaft als Messen und Berechnen nicht nur ein intellektuelles Spiel, sondern ein adäquater Versuch, die Wirklichkeit der Welt zu erkennen.</p>
<p>In seinem Essays begab sich nun Albert Hofmann auf eine andere Weise auf diese Reise, er läßt seine Leser teilhaben an seinem „nüchternen Weltbild des Naturwissenschaftlers;&#8221; ebenso lässt er sie teilnehmen auf seinen spontanen Reisen, auf seine manchmal Gratwanderung „spontaner und mystischer“ Erlebnisse. „Das Wirkliche“ -  zitiert er Ernst Jünger aus seinem „Sizilianischer Brief an den Mann im Mond“ – „ist ebenso zauberhaft, wie das zauberhafte wirklich ist.“ Dieses Bild schwebt eigentlich über allen Hofmannschen Gedanken, über dem zum „Sender-Empfänerg Modell der Wirklichkeit“ ebenso, wie im Kapitel „Geborgenheit im naturwissenschaftlich-philosophischen Weltbild.“ Im Vorwort schon  teilt Hofmann sein Verhältnis zu Gott mit: Als etwa Zehnjähriger habe er ein „kindlich-philosophisches Gespräch mit einem Mitschüler“ gehabt, der ihn fragte: „Glaubst du noch an den lieben Gott.“ Seit er nämlich gemerkt habe, daß der St. Niklaus niemand anderes gewesen sei, als Onkel Fritz, könne er nicht mehr glauben. Hofmann antwortete ihm, mit Gott habe es aber anders zu sein als mit St. Niklaus und dem Christkind, schließlich gebe es doch die Welt und die Menschen, die nur Gott gemacht haben könne. Dies sei sein Gottesbeweis gewesen, und er sei es geblieben …<br />
Einige seiner „Gedanken und Bilder“ mögen für sich selbst sprechen: „Wenn ich einen Text lese, dessen Inhalt mich zutiefst anspricht, dann sind darin eigene Gedanken formuliert. Der Autor hat als Geburtshelfer gewirkt.“ – „Vor mir die Erde mit Schnee bedeckt. Ich weiß, daß hier nach kurzer Zeit, ohne daß sich eine Menschenhand rührt, wieder eine Wiese mit Blumen und Schmetterlingen das Auge erfreuen wird – Wir leben in einer wundervollen Welt, in einer Welt voller Wunder.“ – „Die materielle Welt ist kein Gegensatz zur geistigen Welt, sondern ihre Manifestation.“ Damit wollen wir es bewenden lassen; lassen Sie sich verzaubern von diesem – nota bene mit einem Umschlagfoto von Rolf Verres versehenen &#8211; zum Nach- und mitdenken einladenden Büchlein.</p>
<p style="text-align: right;"><strong>Antoine Mechler</strong></p>
<p><em>Albert Hofmann, Einsichten – Ausblicke. Nachtschatten Verlag AG Solothurn, 157 Seiten </em></p>
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		<title>Entlegenes und Neues über Karl Kraus</title>
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		<pubDate>Sun, 01 Aug 2010 06:05:00 +0000</pubDate>
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		<description><![CDATA[Friedrich Pfäfflin versammelt Berichte von Weggefährten und Widersachern Oskar Kokoschka: Karl Kraus II (1925) Erst neulich befand Marcel ReichRanicki auf eine Leserfrage nach der heutigen und vor allem künftigen Wirkung von Karl Kraus, dass es damit nicht so weit her sei; diese Feststellung wurde ohne einen Ober- oder Unterton des Bedauerns getroffen. Ein kurzer Blick [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Friedrich Pfäfflin versammelt Berichte von Weggefährten und Widersachern</p>
<p><span id="more-4660"></span></p>
<div class="mceTemp">
<dl id="attachment_4664" class="wp-caption alignright" style="width: 260px;">
<dt class="wp-caption-dt"><a href="http://www.rundschau-hd.de/wp-content/uploads/2010/04/Karl-Kraus.jpg"><img class="size-full wp-image-4664" title="Karl-Kraus" src="http://www.rundschau-hd.de/wp-content/uploads/2010/04/Karl-Kraus.jpg" alt="" width="250" height="162" /></a>Oskar Kokoschka: Karl Kraus II (1925) </dt>
</dl>
</div>
<p>Erst neulich befand Marcel ReichRanicki auf eine Leserfrage nach der heutigen und vor allem künftigen Wirkung von Karl Kraus, dass es damit nicht so weit her sei; diese Feststellung wurde ohne einen Ober- oder Unterton des Bedauerns getroffen. Ein kurzer Blick auf den Buchmarkt zeigt, dass die Diagnose haltlos ist. Kraus´ Lebenswerk-Zeitschrift, Die Fackel, einst als Zweitausendeins-Reprint weit über dreißigtausendmal verkauft, kann man elektronisch gespeichert seit kurzem, wie auch die Suhrkamp-Ausgabe der Schriften, mehr als preiswert erwerben, zwei große Ausstellungen gab es (in Marbach und Wien), und in den letzten Jahren erschienen mehrere Briefwechsel von Kraus mit Zeitgenossen und (in einer stark überarbeiteten Form neu ediert) die große Sammlung der Briefe an seine Lebensfrau Sidonie Nádhern_ von Borutin. Kraus ist kein massenhaftes Lesephänomen, das war er nie, übersetzbar ist er eigentlich auch nicht wirklich, das mindert den Radius seines Wirkens, aber nicht dessen Intensität. Gemessen daran, dass der Kraus-Enthusiast Werner Kraft 1952 eine schmale Auswahl vorlegte in einer Reihe, die den Titel trug „Verschollene und Vergessene”, ist dies eine Entwicklung, die auch den kühnsten Krausianern seinerzeit unvorstellbar war.<br />
Nun also ein neuer, stattlicher Band. Friedrich Pfäfflin hat unter dem Titel „Aus großer Nähe” Berichte gesammelt, in denen Kraus als öffentliche wie als private Person Kontur gewinnt, und es ist dies, das sei sogleich festgestellt, eine aufregende, irritierende, faszinierende und vor allem gegen das Ende hin auch herzbeklemmende Lektüre, die dieser ebenso findigen wie mustergültig annotierten Edition zu danken ist &#8211; allein das Quellenverzeichnis liefert als Zugabe noch sorgfältig recherchierte Biographien entlegenster Provenienz mit.<br />
Rund 120 Zeugen lässt der Band zu Wort kommen, und er schließt von vorneherein jeden Verdacht einer hagiographischen Schlagseite aus. „Größerer Gegner gesucht”, so hieß einmal eine Glossenüberschrift in der Fackel &#8211; und Kraus hatte Gegner weidlich genug. „Sadistischer Hysteriker” (Willy Haas), „Trompethiker” (Alfred Kerr) „Tierstimmenimitator” (Anton Kuh) &#8211; wer ihn so nannte, das waren Gegner, wenn auch nicht allerersten Ranges, die sich Kraus selbst geschaffen, die er polemisch getroffen hatte. Von anderem Kaliber war da schon Robert Musil, der, nicht unwitzig, Kraus anlastete, dass die „Leier, die er im Busen trägt, mit Achillessehnen bespannt ist”, und Kafkas ambivalente Haltung zu Kraus ist bekannt.<br />
Bedenklicher war es, wenn enthusiastische Anhänger sich in schäumende Antipoden verwandelten wie im Fall Franz Werfels, aber auch in dem Elias Canettis. Der junge Canetti war in die Vorlesungen von Kraus geraten und war hingerissen. Als aber das Jahr 1934 die berüchtigte Parteinahme von Kraus für Dollfuß brachte, also für das, was man bis heute, wenn auch nach wie vor umstritten, „Austro-Faschismus” nennt, da wandten sich Freunde und Anhänger von Kraus ab, von denen er gehofft hatte, sie würden ihn verstehen, auch wenn sie anderer Meinung waren.</p>
<p><strong>Zu Hitler nichts eingefallen …</strong></p>
<p>Im besten Falle jedoch verstanden sie ihn nicht, wie Bertolt Brecht oder Berthold Viertel, im schlimmeren Falle verdammten sie ihn, so Canetti: „Goebbels im Geiste”, „Hitler der Intellektuellen”, „größenwahnsinniger Popanz” &#8211; daraus spricht auch die Erbitterung der enttäuschten Liebe. Canetti hat später öffentlich bekannt, dass er diese Verdammung so nicht stehenlassen wollte, sogar von Werfel gibt es private Zeugnisse, die Ähnliches bekunden. Bis heute beten schlecht Informierte nach, dass Kraus zu Hitler nichts eingefallen sei &#8211; so lautet in der Tat der erste Satz der „Dritten Walpurgisnacht”. Würde man über 300 Seiten weiterlesen, dann müsste man bestätigen, dass ihm mehr als den meisten Zeitgenossen eingefallen ist.<br />
„Aus großer Nähe” ordnet die erkleckliche Zahl der Zeugnisse (von denen viele nur an ganz entlegenen Stellen publiziert, einige bedeutende bisher gänzlich unbekannt waren ) in einer einleuchtenden Mischform von chronologischem und themenbezogenem Vorgehen. Der kurzsichtige Weit- und Klarseher am nächtlichen Schreibtisch, der gegen Mitternacht mit der Arbeit begann und sich bei Sonnenaufgang niederlegte, der siebenhundertmal öffentlich Auftretende mit Vorlesungen aus eigenen und fremden Werken, der Shakespeare, Nestroy und Offenbach als Einmanntheater vortrug, sprechend, singend, gestikulierend (einige Film- und Tonzeugnisse sind glücklicherweise erhalten), der Polemiker und Satiriker, der als solcher in der Weltliteratur, halten zu Gnaden, keinen Rivalen hat, der von der Sprache sich willig beherrschen lassende Meister aller Töne, der, so wurde es dreimal vergeblich vorgeschlagen, eigentlich den Literatur- oder auch Friedensnobelpreis hätte erhalten müssen, allein wegen seines Weltkriegsdramas „Die letzten Tage der Menschheit” &#8211; all dies wird hier in einer unmittelbaren Weise deutlich und vital.<br />
Vor allem aber: Für jene Leser, die ein Bild von Kraus haben, das mehr an einen Scharfrichter auf des Wortes Schneide erinnert, als an eine fühlende Seele, dürfte die Lektüre des Bandes eine verstörende Erkenntnis mit sich bringen. Dieser Mann war im persönlichen Umgang zugewandt, liebenswürdig, spontan und unmittelbar, konnte es zumindest sein. Hatte er einen Menschen (es mochte aber auch ein Hund sein) ins Herz geschlossen, dann dauerte es lange, bis diese Zuneigung ins Wanken kam; wenn dieser Mensch allerdings massiv versagte (Hunde waren da beständiger), dann war der Fall bodenlos und nicht revidierbar.<br />
Kraus konnte in den Caféhäusern und Restaurants, wo der Junggeselle sein Familienleben lebte, charmant und witzig sein, konnte imitieren, parodieren und erzählen, dass sich die Zuhörer vor Lachen krümmten. Er wurde von vielen gehasst, von nicht wenigen, die ihn besser kannten, aber nicht nur verehrt, sondern auch geliebt, und er erwiderte diese Liebe mit Zuneigung und Zuwendung, ja oft mit erheblichen finanziellen Anstrengungen gegenüber Notleidenden, die der persönlich nahezu Bedürfnislose mit vollen Händen beschenkte.<br />
Die große Nähe zu Kraus, die dieser Band vermittelt, wird schmerzhaft und nur schwer zu ertragen, wenn sich die Zeugnisse den letzten Lebensjahren nähern. Die Vereinsamung des von seinen engsten Anhängern missverstandenen, dann verlassenen und bespuckten Sechzigjährigen enthüllt sich hier in ihrer ganzen Tragweite. Dass er, der die titanische Arbeitsleistung seines Lebens der Überzeugung abgerungen hatte, dass es aller Mühe wert sei, sich gegen der Zeiten Ungeist zu stemmen, indem man ihn sprachlich stellte und am polemischen Pranger dem Spott preisgab, nun seiner Freundin Helene Kann sagte: „Es ist alles vergeblich, das Unvorstellbarste wird noch von der Wirklichkeit überholt”, stimmt auch heute noch trübe, vor allem deshalb, weil noch die letzte Fackel-Nummer von dieser Resignation nahezu nichts spüren lässt. Er, für den die Arbeit am Vortragstisch vor Hunderten, ja Tausenden gebannten Zuhörern eine Erholung von der eigentlichen Arbeit bedeutete, der sich nach monatelanger äußerster Anstrengung durch kurze Pausen an Schweizer Wasserfällen und in böhmischen Parks völlig regenerieren konnte, scheint in den letzten Lebensmonaten seine Arbeitsenergie nur noch mit verzweifelter Mühe aufbringen zu können. Es kamen körperliche Hinfälligkeiten hinzu.<br />
Das umfangreichste Zeugnis, das Pfäfflin präsentieren kann, ist auch das bewegendste: Helene Kann, die im Kraus-Kreis nicht unumstrittene enge Freundin, hat seine letzten Monate und Wochen in einen Text gegossen, der hier zum erstenmal veröffentlicht wird, und sie hat sich mit diesem Text rehabilitiert, falls das nötig war.</p>
<p><strong>Bei Tristans Ehre</strong></p>
<p>Die Schilderung, wie Kraus, dem die Sprache alles geschenkt hatte, was er in demütiger Liebe von ihr gefordert hatte, eben diese Sprache sich versagt, und er nur noch mit Mühe und kaum verständlich hervorpressen kann „Es ist etwas nicht geheuer”, ist herzzerreißend. „Ich kann nicht sterben, solange ich der bin, der ich bin. Nur im Zustand des Wahnsinns könnte der Tod an mich heran”, sagte er einmal zu Helene Kann, aber er täuschte sich, glücklicherweise auch über den Ernst seiner Erkrankung. Ein Herz- und Gehirnschlag beendete das Leben jenes Mannes, der ebendiese Organe als Einzelkämpfer ohne Rücksicht auf die Begrenztheiten der eigenen Kräfte eingesetzt hatte, um die Welt darauf hinzuweisen, dass sie im Großen wie im Kleinen auf dem falschen Wege war. Als sein Hausarzt wider besseres Wissen wagnerianisch-witzelnd versicherte, dass er in wenigen Tagen das Bett wieder verlassen könne, „bei Tristans Ehre”, richtete Kraus sich auf und sagte, mit größter Anstrengung, aber plötzlich gut verständlich: „Pfui Teufel !”<br />
Es waren seine letzten Worte &#8211; angemessener hat sich kein Satiriker von der Welt, gegen die er stand, verabschiedet. Friedrich Pfäfflins liebevolle Sammlung legt Zeugnis ab über eine Jahrhundertgestalt, die recht behielt, auch dort, wo sie zu irren schien.</p>
<p>FRIEDRICH PFÄFFLIN (Hrsg.): Aus großer Nähe. Karl Kraus in Berichten von Weggefährten und Widersachern. Wallstein Verlag, Göttingen  480 Seiten, 39,90 Euro.</p>
<p>Friedrich Pfäfflin, geb. 1935, hat nach zwanzigjähriger Tätigkeit als Verlagsbuchhändler ein Vierteljahrhundert die Museumsabteilung des Schiller-Nationalmuseums in Marbach geleitet. Als Autor, Herausgeber und Ausstellungsmacher beschäftigte er sich u.a. mit Kurt Wolff, Else Lasker-Schüler, Werner Kraft und Berthold Viertel.</p>
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		<title>Walter Benjamin und die europäische Moderne</title>
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		<pubDate>Sat, 20 Mar 2010 15:17:22 +0000</pubDate>
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		<description><![CDATA[Im © Suhrkamp Verlag hat die auf 21 Bände angelegte historisch-kritische Edition der Werke Walter Benjamins begonnen. Ein kurze Einführung in sein Denken … Die europäische Moderne bietet kein einheitliches Bild. Ihr Prozessverlauf muss angesichts der verschiedenen Zeit-, Raum- und Gesellschaftshorizonte als heterogen bezeichnet werden. Im Zentrum dieser Heterogenität steht eine Idee von Fortschritt, die [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Im <em><strong>© </strong>Suhrkamp Verlag</em> hat die auf 21 Bände angelegte historisch-kritische Edition der Werke Walter Benjamins begonnen.<br />
Ein kurze Einführung in sein Denken …<span id="more-4472"></span><br />
Die europäische Moderne bietet kein einheitliches Bild. Ihr Prozessverlauf muss angesichts der verschiedenen Zeit-, Raum- und Gesellschaftshorizonte als heterogen bezeichnet werden. Im Zentrum dieser Heterogenität steht eine Idee von Fortschritt, die es näher zu bestimmen gilt. In diesem Kontext ist insbesondere das Interdependenzverhältnis von Progression und Bedrohung, von Entwicklung und Krise zu bedenken. Es spiegelt sich nicht zuletzt im dialektischen Spannungsfeld von Fortschrittsideologie einerseits und Archaik und Mythos andererseits wider.</p>
<p>Der Kritiker, Philosoph und Essayist Walter Benjamin (1892-1940) hat sich diesem Antagonismus in seinen Schriften immer wieder gestellt und in Wort und Bild die Moderne in ihren Grundfesten untersucht. Seine Analysen warfen ein neues Licht auf das 19. Jahrhundert, das in seinen vielfältigsten gesellschaftlichen Ausprägungen als das Jahrhundert der Moderne gelten darf.<br />
Benjamins kultureller Blick richtet sich in erster Linie auf Baudelaire und seinen Gedichtzyklus »Fleurs du Mal« aus dem Jahre 1857. Baudelaires Themen sind der Überdruss, die Mutlosigkeit und die Melancholie. Die Moderne ist Baudelaire nicht bloß Epoche, sondern eine Art Energie, welche sich die Antike einverleibt. Die Fleurs du Mal, so Benjamin, sind darüber hinaus »das letzte Gedichtbuch von gesamteuropäischer Wirkung«. Mit ihm berührt der französische Lyriker die metropolitanen Massen. Und gerade die Massen und die Vermassung der Gesellschaft bilden von Le Bon bis Ortega y Gasset das Epizentrum der europäischen Moderne. Sie sind der Schleier, durch den hindurch Benjamin Paris, die »Hauptstadt des 19. Jahrhunderts« betrachtet.</p>
<p>Mit dem Wegbereiter der europäischen literarischen Moderne, mit Baudelaire, erörtert Benjamin aber auch die Einsamkeit in der Menge. Immer wieder ist es Baudelaires Geburtsort Paris, die Benjamins Aufmerksamkeit auf sich zieht. Paris ist die Stadt der Tempel und Heiligtümer, der Passagen, Boulevards, der Panoramen und Katakomben, die die Rückstände einer Traumwelt bilden. Es ist die Stadt der umfriedeten Plätze und Künstlerklauseln. Wenn es einen Ort auf der Welt gab, der sich modern nennen durfte, so war es Paris. Die Stadt schuf auch einen neuen Menschentypus – den Flaneur, oder, um es in den Worten Edgar Allan Poes zu sagen: den »Mann in der Menge«.</p>
<p>Dieser neue Menschentyp erfährt die Moderne am eigenen Leib und durchwandert sie zu Fuß. Er erkennt zugleich die Unmöglichkeit, nur ein einziges modernes Leben zu schildern. Wenn jemand also paradigmatisch für die Heterogenität der europäischen Moderne steht, so ist es der Flaneur, der philosophische Spaziergänger, der unstet in der sozialen Wildnis der Großstadt umherschweift und den Begriff der Käuflichkeit selbst spazieren führt.<br />
Der Flaneur kennt das Paris der Weltausstellung und der Barrikaden, der Fotografie und der Reklame. Und er weiß, es gab »eine Generation, die noch mit der Pferdekutsche zur Schule gefahren war«, um nun unter freiem Himmel zu stehen, »in einer Landschaft, in der nichts unverändert geblieben war als die Wolken, und in der Mitte, in einem Kraftfeld zerstörender Ströme und Explosionen, der winzige, gebrechliche Menschenkörper.« Benjamin schreibt diese Zeilen im Jahre 1933. Es ist die Zeit, in der er auch die Geborgenheit seiner Kindertage Revue passieren lässt. Von Selbstmordplänen ergriffen, flieht er alsbald aus Deutschland. Zunächst nach Ibiza, dann – endlich – nach Paris.</p>
<p>Im Februar 1939 wird durch die Gestapo die Aberkennung der deutschen Staatsbürgerschaft Walter Benjamins mit der Begründung beantragt, Benjamin sei für die 1936 von Brecht, Bredel und Feuchtwanger in Moskau gegründete Monatsschrift »Das Wort« als Mitarbeiter tätig gewesen und befinde sich derzeit in Paris, »wohin er aus Palma di Mallorca geflüchtet« sei. Kurz darauf teilt auch Max Horkheimer dem Freund mit, die bislang in regelmäßigen Abständen eingegangenen Geldzahlungen einstellen zu müssen. Benjamin, der in diesen Tagen an einer Neufassung der »Berliner Kindheit« arbeitet, quälen zusätzlich gesundheitliche Probleme und der Ärger mit der Bürokratie bei dem Versuch, sich in Frankreich einbürgern zu lassen. In diese Zeit fällt auch der in der Nacht vom 23. auf den 24. August 1939 in Moskau von dem deutschen Außenminister Joachim von Ribbentrop und dem Vorsitzenden des Rates der Volkskommissare Wjatscheslaw Molotow unter den Augen des Generalsekretärs der KPdSU Josef Stalin unterzeichnete und unter dem Begriff »Hitler-Stalin-Pakt« bekannt gewordene deutsch-sowjetische Nichtangriffs-Vertrag. Bereits nach dem Fall Warschaus am 9. September sowie nach der Eroberung Restpolens rund drei Wochen darauf, können das Deutsche Reich und die Sowjetunion ihre Grenzen verschieben, regelt doch das Zusatzprotokoll die Teilung Polens und legt die deutsch-sowjetische Grenze entlang der Flüsse Narew, Weichsel und San fest. Stalin marschiert daraufhin mit seinen Truppen bereits am 17. September in den Ostteil Polens ein. Der Schock, der seit den letzten Augusttagen ´39 allgemeine Wurzeln schlug, erfasst auch den damals 47-jährigen Benjamin, Mitglied des von Georges Bataille gegründeten Collège de Sociologie und freier Mitarbeiter des von Horkheimer und Adorno gegründeten Instituts für Sozialforschung, der bei Kriegsausbruch für knapp drei Monate mit anderen deutschen Flüchtlingen in einem Sammellager bei Nevers interniert worden war, um im November 1939 schließlich ins Exil nach Paris zurückzukehren.</p>
<p>Benjamins letzter Text, den er in jenen Pariser Tagen beginnt, bevor er Ende September 1940 an der französisch-spanischen Grenze in Portbou stirbt, trägt den Titel Über den Begriff der Geschichte. Es ist eine in loser Abfolge von Thesen formulierte Arbeit, in der sein gesamtes Geschichtsverständnis kulminiert. Benjamin arbeitet die Winter- und Frühjahrsmonate des Jahres 1940 an dem als eine Art konzeptionelles Vorwort der Passagenarbeit gedachten Traktats.<br />
Das philosophische Fundament seiner Thesen bildet der historische Materialismus mit seinem Ahnherrn Karl Marx. Marx definiert als Programm des Histomat, die Philosophie müsse die Welt aus dem Traume über sich selbst aufwecken. Diesbezüglich weist bereits Marx auf das Janusgesicht der Moderne hin. Denn die Moderne war angetreten mit dem Anspruch, den Menschen individuelle Freiheit und Gleichheit jenseits aller natal prädestinierten Beschränkungen zu gewährleisten. Doch durch die Herauslösung einmal freigesetzter Individuen aus ihren traditionalen, familiären und sozial-kulturellen Bindungen brechen die Klassengegensätze hervor und wurden zum herausragenden Wesensmerkmal der Moderne. Sie markiert in letzter Konsequenz den Übergang vom Handwerk zur Fabrik, der den Arbeiter zur elendsten Ware, zum Knecht des Kapitals werden lässt. Der Kapitalismus, so Benjamin, habe die mythischen Kräfte reaktiviert. Nur die müßigen Götter, die Kapitalisten, so gesteht er Marx zu, können es sich von nun an leisten, nicht für ihren Bedarf, sondern allein für den Profit Waren zu produzieren. Sie leiden bloß noch am toten Mammon.</p>
<p>Das 19. Jahrhundert blieb insofern gefangen im mythischen Glauben an eine Industriegesellschaft, die ihr Gesellschaftsbild, ihr Demokratieverständnis und ihr Technikverehrung für modern hielt. Benjamin versucht nun, diesen Glauben als Teil der Moderne zu entlarven. Dieser Versuch gipfelt in dem Satz: »Solange es noch einen Bettler gibt, solange gibt es noch Mythos.« Die Moderne hat demnach ein Bild vom Menschen entworfen, das durch ein Ineinander von Mythos und Moderne geprägt ist. Die europäische Moderne überblendet den Mythos und legt sich über das Archaische. Sie ist ein Palimpsest der Geschichte, in dem sich die Schichten gegenseitig durchdringen.<br />
Benjamin aber bleibt nicht bei Marx stehen. Denn dem Marxismus stellt er die Theologie beiseite. Nur im Verbund der beiden, so Benjamin, sei es möglich, die Welt aus dem Träume über sich selbst zu erwecken.<br />
In den geschichtsphilosophischen Thesen präsentiert er die Theologie als den Zwerg an der Seite des Histomat. Dieser Zwerg, dessen Tod im 19. Jahrhundert bereits proklamiert worden war, und den Benjamin nun revitalisiert, bilde den Garant für einen wirklichen Umsturz der herrschenden Verhältnisse. Denn die Geschichte könne nicht atheologisch begriffen werden.</p>
<p>Schon die 1928 erschienene »Einbahnstraße« führt die Bemerkung mit sich, alle entscheidenden Schläge müssten mit der linken Hand, d. i. marxistisch, geführt werden. Nun, in den Thesen, stellt Benjamin seiner Maxime, die Geschichte gegen den Strich bürsten zu wollen, die jüdische Mystik beiseite, die letzten Endes die Last der Legitimation trägt. Vorbereitet hat er diese theoretische Grundlage schon in dem von Adorno so genannten »theologisch-politischen Fragment« der frühen 1920er Jahre. Dort heißt es, erst der Messias vollende alles historische Geschehen wie er zudem die Beziehung des historischen Geschehens zur Erlösung selbst initiiere. Die Geschichte, so Benjamin gegen den universalhistorischen Anspruch, sei keineswegs in der Lage, sich auf den Messias zu beziehen, weil sie endlich und Teil der Naturgeschichte des Menschen sei. Eine Beziehung kann allein der Messias stiften. Erlösung und Vollendung innerhalb der Geschichte sind aus diesem Grunde zu denken unmöglich. Somit fällt auch die paulinische Erwartung auf die Ankunft des Messias weg und das Reich Gottes ist nicht länger Telos historischer Dynamik, bricht doch der Messias die Geschichte ab.</p>
<p>Benjamin geht es also bereits in dem zweiseitigen Fragment vor der Folie der Marxschen Philosophie in erster Linie um die Mobilmachung des Glaubens in einer zusehends profanen Welt: »Mein Denken«, schreibt er, »verhält sich zur Theologie wie das Löschblatt zur Tinte. Es ist ganz von ihr vollgesogen. Ginge es aber nach dem Löschblatt, so würde nichts, was geschrieben ist, übrig bleiben.«</p>
<div id="attachment_4473" class="wp-caption alignright" style="width: 260px"><a href="http://www.rundschau-hd.de/wp-content/uploads/2010/03/angelus-Novus.jpg"><img class="size-full wp-image-4473" title="angelus Novus" src="http://www.rundschau-hd.de/wp-content/uploads/2010/03/angelus-Novus.jpg" alt="" width="250" height="308" /></a><p class="wp-caption-text">Angelus novus , 1920, 32 Ölpause und Aquarell auf Papier auf Karton, 31.8 x 24.2 cm Collection of the the Israel Museum, Jerusalem, Schenkung John und Paul Herring, Jo Carole und Ronald Lauder, Fania und Gershom Scholem</p></div>
<p>Das Bild vom »Engel der Geschichte« aus den geschichtsphilosophischen Thesen bringt dieses Geschichtsverständnis noch einmal plastisch zum Ausdruck. In der bekannten neunten These heißt es: »Es gibt ein Bild von Klee, das Angelus Novus heißt. Ein Engel ist darauf dargestellt, der aussieht, als wäre er im Begriff, sich von etwas zu entfernen, worauf er starrt. Seine Augen sind aufgerissen, sein Mund steht offen und seine Flügel sind ausgespannt. Der Engel der Geschichte muss so aussehen. Er hat das Antlitz der Vergangenheit zugewendet. Wo eine Kette von Begebenheiten vor uns erscheint, da sieht er eine einzige Katastrophe, die unablässig Trümmer auf Trümmer häuft und sie ihm vor die Füße schleudert. Er möchte wohl verweilen, die Toten wecken und das Zerschlagene zusammenfügen. Aber ein Sturm weht vom Paradiese her, der sich in seinen Flügeln verfangen hat und so stark ist, dass der Engel sie nicht mehr schließen kann. Dieser Sturm treibt ihn unaufhaltsam in die Zukunft, der er den Rücken kehrt, während der Trümmerhaufen vor ihm zum Himmel wächst. Das, was wir den Fortschritt nennen, ist dieser Sturm.«</p>
<p>Laut Talmud werden die Engel von Gott geschaffen. Vor ihm singen sie ihren Hymnus und vergehen anschließend im Nichts. Der Engel ist aber auch Bote. Im Judentum besitzt ein jeder Mensch einen persönlichen Engel, der das geheime Selbst symbolisiert (Benjamin hat dies im Agesilaus Santander aufgegriffen). Walter Benjamin verbannt diesen Engel nun in ein Bild, in dem es diesem unmöglich wird, seinen Hymnus abzusingen und zu vergehen. Der Blick des Engels kann deshalb nicht loslassen von dem, was war. Damit jedoch bleibt auch seine angelische Mission letzten Endes unerfüllt. Doch die Situation des Engels eröffnet sogleich neue Perspektiven auf die Geschichte als Katastrophengeschichte. Denn für Benjamin hat der Begriff des Fortschritts sein Fundament in der Katastrophe. Diese abzuwenden muss der Engel scheitern. Als Ursache des angelischen Versagens gilt der Fortschritt. Der Engel versagt an der Aufgabe, dem Trümmerberg, den Moderne und Fortschritt mit sich bringen, Einhalt zu gebieten. Er kann die Flügel nicht mehr schließen. Denn hierzu bedarf es des Messias.</p>
<p>Der Engel dient Benjamin als Allegorie der Kritik an der Idee von Kontinuität, Kausalität und Fortschritt in der Geschichte, insbesondere im Prozess der Moderne. Durch ihn weist Benjamin auf die Krise, die Brüche und Risse dieser Moderne hin. Das Bild einer homogen verlaufenden Entwicklung sowie die Idee einer geschichtsimmanenten Vernunft werden mit Hilfe dieser allegorischen Darstellung dekonstruiert. Von nun an genügt es nicht allein mehr, die Masse der Fakten zu rekonstruieren. Sie bilden nur noch die Last der ersten Schale auf der Waage der Geschichte. Die andere Schale birgt die Erkenntnis der Gegenwart. »Während auf der ersten die Tatsachen nicht unscheinbar und nicht zahlreich genug versammelt sein können, dürfen auf der zweiten nur einige wenige schwere, massive Gewichte liegen.«</p>
<p>Es reicht deshalb auch nicht mehr aus, sich bloß in die Sieger einzufühlen. Die Geschichte der Besiegten muss einer anderen Logik folgen als alle traditionelle Historiografie. Ihr geht es nämlich um Frakturen, Leerräume und Zäsuren, um den »Abfall der Geschichte«, sowie um das dialektische Spannungsverhältnis von Vergangenheit und Gegenwart. Benjamins Engel ist insofern der emblematische Prototyp des Entsetzens, welches mit dem neuen Geschichtsverständnis einhergeht. Die Trümmer, auf die er blickt, erhalten ihren Sinn aber erst durch unser gegenwärtiges Bewusstsein. Denn alle Geschichte, so Benjamin, als in einem Brennpunkt gesammelt, ruht in der Gegenwart als eines latent vollkommenen Zustands. Die weit aufgerissenen Augen des Engels bilden hierbei das Oneiroskop, dessen Brennweite insbesondere auf das 19. Jahrhundert eingestellt ist. Die unbewältigte Vergangenheit prägt die unmittelbare Gegenwart. Sie birgt den Sprengstoff, der zur Entzündung gebracht werden will, soll nicht nur der Dämmerzustand vorangegangener Generationen beendet, sondern auch die Gegenwart verändert werden. Die Jetzt-Zeit, so nennt sie Benjamin in seinen Thesen, ist die Schwelle, auf der wir innehalten müssen, um nichts verloren zu geben, um die Namenlosen nicht zu vergessen, das Unsagbare auszusprechen, das Anonyme.</p>
<p>Es geht Benjamin also um die Stillstellung der Gegenwart, um das, was er in Auseinandersetzung mit Brechts Vorstellung eines »Epischen Theaters« als »Eingedenken« bezeichnet. Dessen Intention ist ein geschärftes Bewusstsein für die Krisen, in die die Subjekte der Geschichte vor allem durch den Prozess der (europäischen) Moderne eingetreten sind. Eingedenken hebt in diesem Sinne ab auf eine die Gegenwart transformierende, sozialkritische Erinnerung. Im Eingedenken verschmelzen das paulinische ho nyn kairos mit der Apokatastasis pantou des Origines. Das heißt nichts anderes als dass mit Hilfe der Technik des Eingedenkens die Jetzt-Zeit herangeführt wird an die Wiederversöhnung des Menschen mit Gott. So ist die Idee der Apokatastasis zielführend bei dem Versuch Benjamins, die Überlieferung dem Konformismus abzugewinnen. Denn gerade der Konformismus steht für Benjamin im Begriff die Überlieferung zu überwältigen. Er spricht in diesem Zusammenhang von dem unwiederbringlichen Bild der Vergangenheit, das mit jeder Gegenwart zu schwinden drohe. Daraus ergibt sich für ihn die Forderung, die Siege der Herrschenden infrage zu stellen.</p>
<p>»Die kopernikanische Wendung in der geschichtlichen Anschauung ist diese: man hielt für den fixen Punkt das &#8216;Gewesene&#8217; und sah die Gegenwart bemüht, an dieses Feste die Erkenntnis tastend heranzuführen. Nun soll dieses Verhältnis umkehren und das Gewesene zum dialektischen Umschlag, zum Einfall des erwachten Bewusstseins werden. Die Politik erhält den Primat über die Geschichte. Die Fakten werden etwas, was uns soeben erst zustieß, sie festzustellen ist Sache der Erinnerung. Und in der Tat ist Erwachen der exemplarische Fall des Erinnerns: der Fall, in welchem es uns glückt, des Nächsten, Banalsten, Naheliegendsten uns zu erinnern. (…) Es gibt Noch-nicht-bewusstes-Wissen vom Gewesenen, dessen Förderung die Struktur des Erwachens hat.«</p>
<p>Diese Forderung ist auf wissenschaftstheoretischer Ebene gegen den Historismus gerichtet. Denn Empathie mit den Siegern bedeute Einwilligung in die herrschenden Zustände, die ihre Beute als Triumphzug mit sich führen. Diese Beute ist nichts anderes als die europäische Kultur, welche nicht ohne Grauen bedacht werden könne, sind die Dokumente der Kultur doch auch immer Dokumente der Barbarei. So lehrt die Tradition der Unterdrückten, dass der Ausnahmezustand die Regel ist. Es sei nun, so Benjamin, Aufgabe des Historikers, zu einem Begriff der Geschichte zu kommen, der diesem Zustand gerecht werde. Es gilt, aus dem 19. Jahrhundert, dass manch einer für modern hielt, aufzuwachen. Denn diese Moderne bleibt eine Traumform, eine Projektion auf Immergleiches, Uraltes, Archaisches, Mythisches. Dies ist die Urgeschichte der Moderne, die in den Augen Benjamins das phantasieloseste, aber faszinierendste Zeitalter war. Dem stellt Benjamin ein kommendes Erwachen gegenüber, das »wie das Holzpferd der Griechen im Troja des Traums« stehe. Ob ein solches Erwachen aus dem Traum und der Mythologie jedoch mit Hilfe der Mystik überhaupt möglich sein kann, wird allein der Leser von Benjamins Schriften beurteilen können. Dabei dürfte vor allem die Lektüre der kritischen Gesamtausgabe, die nun vom Suhrkamp Verlag angestoßen und vorbereitet worden ist, eine entscheidene Rolle spielen …</p>
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		<title>Man muss weggehen können. Und doch sein wie ein Baum …</title>
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		<pubDate>Tue, 28 Jul 2009 06:12:37 +0000</pubDate>
		<dc:creator>admin</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Vor 100 Jahren wurde die Schriftstellerin Hilde Domin geboren &#8211; sie war die wohl erfolgreichste deutsche Lyrikerin, die durch Gedichte wie &#8220;Nur eine Rose als Stütze&#8221; bekannt wurde. 1933 verließ sie Hitlerdeutschland und kehrte erst 1954 aus dem Exil zurück. Am 27. Juli 2009 wäre sie 100 Jahre alt geworden. Bis zu ihrem 90. Geburtstag [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Vor 100 Jahren wurde die Schriftstellerin Hilde Domin geboren &#8211; sie war die wohl erfolgreichste deutsche Lyrikerin, die durch Gedichte wie &#8220;Nur eine Rose als Stütze&#8221; bekannt wurde. 1933 verließ sie Hitlerdeutschland und kehrte erst 1954 aus dem Exil zurück. Am 27. Juli 2009 wäre sie 100 Jahre alt geworden.<span id="more-3420"></span></p>
<p><a href="http://www.rundschau-hd.de/wp-content/uploads/2009/07/domin.jpg"><img class="alignright size-full wp-image-3428" title="domin" src="http://www.rundschau-hd.de/wp-content/uploads/2009/07/domin.jpg" alt="" width="250" height="329" /></a></p>
<p>Bis zu ihrem 90. Geburtstag hatte <a href="http://www.rundschau-hd.de/archiv/oktober2005/rundschau-oktober01.pdf ">Hilde Domin (&#8220;Dennoch, ja! Aber nicht stur&#8221;)</a> immer 1912 als Geburtsjahr angegeben. Tatsächlich kam sie am 27. Juli 1909 in Köln als Hilde Löwenstein zur Welt. Die kleine Mogelei mag mit ihrer lebensentscheidenden &#8220;zweiten Geburt&#8221; 1951 zusammenhängen. Nach der Jahrgangskorrektur gerade noch in ihren Dreißigern, schrieb die große Lyrikerin, verstört vom Tod ihrer Mutter, das erste Gedicht.</p>
<p><em><span class="text_zitatdkultur">&#8220;Es war ein Gnadenakt von höherer Seite. Ich kann nicht sagen, dass ich etwa fromm wäre und einen persönlichen Gott sähe, der mir im Moment, wo ich dem Selbstmord nahe war, einen Rettungsring zugeworfen hätte. Aber die Situation war diese, dass ich völlig an der Kippe war und nicht mehr leben konnte. Und da habe ich die Möglichkeit gehabt, mich auszudrücken. Das ist so das, was der Katholik in der Beichte tut, wo er sich erleichtert; und was wir, die wir kreativ sind oder plötzlich in einer Herzensnot kreativ geworden sind &#8211; wir können sagen, was uns bedrückt. Und dann ist es objektiviert &#8211; und man stirbt nicht mehr daran.&#8221;</span></em></p>
<p>An Veröffentlichung dachte sie lange nicht. Erst 1959 erschien ihr erster Gedichtband &#8220;Nur eine Rose als Stütze&#8221;. In diesem Jahrhundert der Flüchtlinge lebten sie und ihr Mann, der Archäologe Erwin Walter Palm, 22 Jahre im Exil und befanden sich auf einer wahren Sprachodyssee durch viele Länder.</p>
<p>In Italien konnten sie noch promovieren, doch nach Inkrafttreten der Rassengesetze waren die Palms auch in Mussolinis Staat in Gefahr. 1939 flohen sie über mehrere Stationen nach Santo Domingo, wo sie, trotz des dort herrschenden Klimas der Einschüchterung, 14 Jahre blieben. Hilde Domin, wie sie sich später als Autorin nach diesem Zufluchtsort nannte, verdiente im Exil den Lebensunterhalt.</p>
<p><em><span class="text_zitatdkultur">&#8220;Ich war ein Sprachhandwerker. So wie andere Kleider drehen, habe ich eben von Sprache zu Sprache Sprachen gedreht; hauptsächlich die Texte meines Mannes. Ich war die Bodenmannschaft von seinem Flugzeug. Mit Italienern, mit Spaniern, mit Engländern habe ich jeweils die Texte gedreht. Das war sehr interessant. Dabei bekommt man ein erhöhtes Sprachgefühl auch für die eigene Sprache.&#8221;</span><br />
</em><br />
Immer wieder hat Hilde Domin betont, dass sie in der deutschen Sprache Halt fand, als die Sicherheit, ein Zuhause, eine Heimat zu haben, auf der permanenten Flucht zerbrochen war. Und dieses Gefühl verstärkte sich bei ihrer Rückkehr nach Deutschland sogar noch: Das ehemals Vertraute war fremd geworden. Dem hat sie in ihrem Roman &#8220;Das zweite Paradies&#8221; und, immer wieder, in vielen ihrer Hunderten von Gedichten Ausdruck verliehen. Weggelassen hat sie das Nur-Private &#8211; und das Exemplarische gesucht, weil nur so andere Menschen ihre Erfahrung gespiegelt finden könnten.</p>
<p><span class="text_italic"><strong>Ziehende Landschaft</strong></span></p>
<p>Man muss weggehen können<br />
Und doch sein wie ein Baum<br />
Als bliebe die Wurzel im Boden<br />
Als zöge die Landschaft und wir stünden fest<br />
Man muss den Atem anhalten<br />
Bis der Wind nachlässt<br />
Und die fremde Luft<br />
Um uns zu kreisen beginnt.<br />
Bis das Spiel von Licht und Schatten<br />
Von Grün und Blau<br />
Die alten Muster zeigt<br />
Und wir zu Hause sind<br />
Wo es auch sei<br />
Und niedersitzen können und uns anlehnen<br />
Als sei es an das Grab unsrer Mutter</p>
<p>Sie blieb &#8211; dennoch widerständig, lebte viele Jahre nur möbliert und pendelte lange zwischen Spanien und Deutschland. Sie starb 2006, fast 20 Jahre nach ihrem Mann, mit 96 Jahren in Heidelberg. Die große Lyrikerin war eine politisch wache Zeitzeugin &#8211; und unbestechlich sprachgenau. 1932 schon, als junge Studentin, hatte sie Hitler kommen sehen und war, wie sie es nannte, in ein &#8220;Exil auf Probe&#8221; nach Italien gegangen.</p>
<p>Hellsichtig war auch ihr Blick auf das Nachkriegsdeutschland. Sie vermisste Zivilcourage und Mit-Schmerz. Sie warnte vor Schlagworten und vor einer Sprache in Politik und Werbung, die die Wirklichkeit umlügt und vernebelt, statt die Dinge zu benennen. Und vor der Verdinglichung als einer Form der Freiheitsberaubung. Ihre immer wieder überprüften Wahrnehmungen und Verse haben nichts an Aktualität verloren:</p>
<p><span class="text_italic"> Freiheit, Wort das ich aufrauen will<br />
Ich will dich mit Glassplittern spicken<br />
Dass man dich schwer auf die Zunge nehmen<br />
Und du niemandes Ball bist.<br />
Dich und andere Worte möcht ich<br />
Mit Glassplittern spicken<br />
Wie es Konfuzius befiehlt<br />
Der alte Chinese<br />
Die Eckenschale, sagt er<br />
Muss Ecken haben, sagt er<br />
Oder der Staat geht zugrunde<br />
Nichts weiter, sagt er<br />
Ist vonnöten.<br />
Nennt das Runde rund<br />
Und das Eckige eckig.</span></p>
<p>Machen wir ein Ende. Mit unsrem Hildchen vielleicht so: &#8220;Wir setzen unsere Füße in die Luft. Und sie trägt …&#8221;</p>
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		<title>&#8220;Eros der Freiheit &#8211; Plädoyer für eine radikale Aufklärung.</title>
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		<pubDate>Wed, 13 May 2009 06:00:45 +0000</pubDate>
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		<description><![CDATA[Die individuelle Freiheit ist die größte Errungenschaft der Moderne. Mehr denn je ist eine Neubestimmung des Verhältnisses von politischer und individueller Freiheit notwendig. Neben dem oft mühsamen Prozess der Aufklärung stellt Ulrike Ackermann in das Zentrum ihrer Überlegungen auch die irrationale Seite der Freiheit. Mit der deutschen und der europäischen Wiedervereinigung ist nicht nur der [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><a href="http://www.rundschau-hd.de/wp-content/uploads/2009/05/cover4.jpg"><img class="alignright size-medium wp-image-3035" title="cover4" src="http://www.rundschau-hd.de/wp-content/uploads/2009/05/cover4.jpg" alt="" width="100" height="156" /></a></p>
<p>Die individuelle Freiheit ist die größte Errungenschaft der Moderne. Mehr denn je ist eine Neubestimmung des Verhältnisses von politischer und individueller Freiheit notwendig. Neben dem oft mühsamen Prozess der Aufklärung stellt Ulrike Ackermann in das Zentrum ihrer Überlegungen auch die irrationale Seite der Freiheit.</p>
<p><span id="more-3027"></span></p>
<p>Mit der deutschen und der europäischen Wiedervereinigung ist nicht nur der real existierende Sozialismus, sondern auch der prosperierende Wohlfahrtsstaat in Westeuropa an seine Grenzen gelangt. Gerade die historische Zäsur der Wiedervereinigung hätte die Chance des Aufbruchs in die Freiheit und einer Modernisierung des Sozialstaats geboten. Stattdessen überwiegt bis heute die Angst vor Veränderung, Innovation und Flexibilisierung. Trifft es zu, dass in Deutschland die Liebe zur Freiheit und der Bürgersinn nie sehr ausgeprägt waren? Lässt sich die Freiheit nur über Sozial- und Wohlfahrtsstaat definieren? Kann es überhaupt eine gesellschaftliche Ordnung ohne Utopien und Erlösungsversprechen geben? Diesen und vielen anderen Fragen geht Ulrike Ackermann auf den Grund.</p>
<p>Ohne die dunkle Seite ist die Freiheit für die Autorin jedoch unvollständig, also muss sie integriert werden – nämlich auch als Quelle von Phantasie und Kreativität. Erst damit ist die Voraussetzung geschaffen, die Freiheit lieben zu können und ein Bewusstsein dafür zu entwickeln, wie zerbrechlich sie ist. Eindrucksvoll verteidigt die Autorin die individuelle Freiheit als Herzstück der westlichen Zivilisation.</p>
<p><em>Ulrike Ackermann (Hg.) Klett Kotta &#8220;Eros der Freiheit. Plädoyer für eine radikale Aufklärung&#8221;<br />
180 Seiten, gebunden mit Schutzumschlag 19,90 €<br />
ISBN: 978-3-608-94305-4</em></p>
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