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	<title>Neue Rundschau</title>
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		<title>Vom Wegschauen und Helfen &#8211; Untersuchung angehende Wirtschaftspsychologen der SRH Hochschule Heidelberg</title>
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		<pubDate>Fri, 10 Sep 2010 07:57:04 +0000</pubDate>
		<dc:creator>admin</dc:creator>
				<category><![CDATA[Allgemein]]></category>

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		<description><![CDATA[Wie hoch ist die Bereitschaft, in Notsituationen zu helfen? Dazu befragt, schätzen sich viele Menschen als äußerst hilfsbereit ein. Tatsächlich spiegelt das wahre Verhalten jedoch nicht immer diese Einstellung wider und der Weg vom helfen wollen bis zum tatsächlichen Handeln kann lange und beschwerlich sein. Studierende der Wirtschaftspsychologie an der SRH Hochschule Heidelberg haben nun [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Wie hoch ist die Bereitschaft, in Notsituationen zu helfen? Dazu befragt, schätzen sich viele Menschen als äußerst hilfsbereit ein.<span id="more-5457"></span> Tatsächlich spiegelt das wahre Verhalten jedoch nicht immer diese Einstellung wider und der Weg vom helfen wollen bis zum tatsächlichen Handeln kann lange und beschwerlich sein. Studierende der Wirtschaftspsychologie an der SRH Hochschule Heidelberg haben nun untersucht, wie hilfsbereit Heidelbergs Passanten tatsächlich sind und kamen zu alarmierenden Ergebnissen.</p>
<p>Wenn man Menschen zu ihrer Zivilcourage befragt, dann schätzen sich viele als hilfsbereit ein. Tatsächlich spiegelt das wahre Verhalten jedoch nicht immer diese Einstellung wider. Studierende der Wirtschaftspsychologie an der SRH Hochschule Heidelberg haben nun untersucht, wie hilfsbereit Heidelbergs Passanten sind und zogen erschreckende Bilanz.</p>
<p>Bei einem Feldversuch schlüpften die Studierenden in die Rolle einer hilfsbedürftigen Person und platzierten sich so, dass sie im Blickfeld der Passanten waren. Die Ergebnisse nach mehrwöchiger Testphase waren geradezu ernüchternd: Unter rund 7.000 getesteten Personen boten lediglich 94 ihre Hilfe an.</p>
<p>Für Prof. Dr. Frank Musolesi, Leiter der Studie, gibt es für die geringe Hilfsbereitschaft mehrere Gründe: „Viele fürchten sich, dass sie mit der Notsituation überfordert sind oder etwas falsch machen könnten. Andere wiederum denken, sie könnten sich gar blamieren. Diese Angst lässt die Menschen tendenziell untätig sein.“ Auch wird der Ernst der Lage oft unterschätzt: „Manche Menschen kommen zu der Schlussfolgerung, dass das vorliegende Ereignis harmlos sein muss, sonst hätte ja schon längst ein anderer geholfen. Vor allem in Gruppensituationen sinkt das Verantwortungsgefühl drastisch, da jeder Beteiligte die Verantwortung gerne auf den nächsten abschiebt“, so der Professor.</p>
<p>Die Annahme, dass in einer ruhigen Fußgängerzone mehr Menschen helfen würden, als an einem hektischen Bahnhof, hatte sich bei dem Versuch nicht bestätigt. Allenfalls das Geschlecht der Opfer hatte einen erkennbaren Einfluss auf das Helferverhalten: Im Unterschied zu Frauen mussten Männer dreimal so lange warten, bis ihnen geholfen wurde.</p>
<p>Für Musolesi ist das Ergebnis auch deshalb so erschreckend, da es sich bei der Simulation lediglich um eine neutrale Notsituation gehandelt hat: „Die Opfer simulierten Schmerzen mit auffällig gekrümmter Haltung. Im Gegensatz zu einer gewaltorientierten Situation, bei der die Helfer selbst zum Opfer werden können, hatten die Probanden hier nichts zu befürchten. Wenn bereits da der Mut fehlt, dann in strengeren Notsituationen erst recht.“</p>
<p>In Folgestudien wollen die Wirtschaftspsychologen der SRH Hochschule Heidelberg die Ursachen von unterlassener Hilfeleistung noch weiter untersuchen &#8211; die Hoffnung stirbt zuletzt …</p>
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		<title>All you need is laugh &#8211; Roncalli verzaubert Heidelberg. Die Rundschau verlost Eintrittskarten für die Premiere</title>
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		<pubDate>Thu, 09 Sep 2010 09:17:09 +0000</pubDate>
		<dc:creator>admin</dc:creator>
				<category><![CDATA[Allgemein]]></category>
		<category><![CDATA[Heidelberg]]></category>
		<category><![CDATA[InfoTicker aktuell]]></category>

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		<description><![CDATA[Willkommen im Land des Lachens! Mit neuem Programm, dem cremefarbenen Zeltpalast im Stil der Mailänder Scala und einhundert historischen Circuswagen kommt „Europas meistbewunderter Circus“ (HERALD TRIBUNE) endlich wieder nach Heidelberg. „All you need is laugh!“ heißt das aktuelle Programm &#8211; frei nach dem bekannten Beatles-Song.

Zwischen Gold und Purpur, Samt und Seide präsentiert Direktor Bernhard Paul [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Willkommen im Land des Lachens! Mit neuem Programm, dem cremefarbenen Zeltpalast im Stil der Mailänder Scala und einhundert historischen Circuswagen kommt „Europas meistbewunderter Circus“ (HERALD TRIBUNE) endlich wieder nach Heidelberg. „All you need is laugh!“ heißt das aktuelle Programm &#8211; frei nach dem bekannten Beatles-Song.<span id="more-5452"></span></p>
<p><a href="http://www.rundschau-hd.de/wp-content/uploads/2010/09/Logo.jpg"><img class="aligncenter size-full wp-image-5453" title="Logo" src="http://www.rundschau-hd.de/wp-content/uploads/2010/09/Logo.jpg" alt="" width="500" height="268" /></a></p>
<p>Zwischen Gold und Purpur, Samt und Seide präsentiert Direktor Bernhard Paul &#8211; als „Erneuerer der Circuskunst“ (DIE ZEIT) gefeiert &#8211; eine neue Circus-Inszenierung, in der die Komik eine  Hauptrolle spielt und die (Pop-) Musik die „erste Geige“. Am kommenden Samstag (11. September) ist Premiere, wir verlosen 10 mal zwei Karten &#8211; schreiben Sie uns eine mail bis Samstag, 16. Uhr mit dem Stichwort „Roncalli“ die ersten zehn gewinnen und können sich ihre Karten mit einem Stichwort, das wir zurückmailen, an der Abendkasse abholen.<br />
Millionen Menschen in ganz Europa haben in den vergangenen drei Jahrzehnten das „Gesamtkunstwerk Roncalli“ (STERN) bewundert. Von München bis Moskau, Köln bis Kopenhagen und von Berlin bis Brüssel führten die Tourneen.<br />
Ein Fest für die Sinne soll das neue Programm sein, das zahlreiche noch nie gesehene Darbietungen präsentieren wird. „All you need is laugh!“: Die von Bernhard Paul so verehrten Beatles begründeten mit dem 1967 erschienen „All you need is love“ seinerzeit die erste Welle von Love &amp; Peace. Dass auch der Circus Roncalli „mit Liebe gemacht ist“, betont Prinzipal Paul immer besonders. „Aber ohne ein Lachen ist das Leben nur halb so schön und ‚Jeder Tag, an dem du nicht lächelst, ist ein verlorener Tag&#8217; &#8211; da lag das Wortspiel für unseren Programmtitel ganz nah“.</p>
<p><a href="http://www.rundschau-hd.de/wp-content/uploads/2010/09/Gesamt.jpg"><img class="aligncenter size-full wp-image-5454" title="Gesamt" src="http://www.rundschau-hd.de/wp-content/uploads/2010/09/Gesamt.jpg" alt="" width="500" height="334" /></a></p>
<p>Im neuen Roncalli 2010 präsentiert sich eine Parade der besten und beliebtesten Spaßmacher. Angeführt wird die Konferenz der komischen Männer von Starclown David Larible. In Amerikas gigantischen Manegen über zehn Jahre der absolute Publikumsliebling &#8211; jetzt endlich wieder in Europa und natürlich bei Roncalli. Der Italiener Larible ist ein echter „Goldener Clown“. Für seine perfekten Possenspiele erhielt er noch aus der Hand von Fürst Rainier die höchste Trophäe beim Circusfestival von Monte Carlo. Jetzt kommt er mit ganz neuen Kabinettstückchen der Clownerie, die extra für dieses Gastspiel einstudiert wurden. Komödiantische Verstärkung erhält Larible vom katalanischen Theaterclown Gensi, der wie ein roter Faden das Programm mit feinsinnigen Kapriolen und seltenen Musik-instrumenten zusammenschnürt.<br />
Neu sind auch Vik &amp; Fabrini &#8211; jahrelang die Starattraktion im Pariser Crazy Horse. Die zwei Brasilianer sind Pantomimen, Zauberer, Komiker, Schau-spieler und Clowns &#8211; und verleihen so der Magie eine neue Dimension.<br />
Auch Andrey Romanovsky feiert Roncalli-Premiere. Ein Gummimann mit unvergleichlichem Gang, der zusammengefaltet in einem schwankenden Schornstein verschwindet. Ein Pantomime ohne Platzangst, der mit seiner ungewöhnlichen Darbietung von Prinzessin Stephanie zum nächsten Festival nach Monte Carlo eingeladen wurde.<br />
Atemberaubend und attraktiv soll es zugehen bei „All you need is laugh!“.<br />
Zu den starken Typen, die für Gänsehautgefühle sorgen, gehört Encho Keryazov mit seinem gefeierten Kraftakt: Der Handstandakrobat inszeniert spektakuläre Klimmzüge und „Abfaller“, die auch das Fachpublikum beim Monte Carlo-Festival schon zu Standing Ovations hinrissen.<br />
Betörend ist die Körperkunst von den Golden Girls und ihren lebenden Bildern. Das Trio aus der Ukraine lässt mit Spagatsprüngen im freien Fall und spektakulären Dehnfiguren ganz schnell zweifeln, ob der Mensch tatsächlich Knochen braucht. Für fesselnde Höhepunkte am schwingenden Vertikalseil sorgt das Duo Bobrov &#8211; für diese sinnliche wie dramatische Darbietung ebenfalls ausgezeichnet beim Circusfestival in Monte Carlo.<br />
Vielleicht ein heißer Tipp für alle Frauen, die „nichts anzuzieh&#8217;n“ haben: Den schnellsten Kleiderwechsel der Welt demonstriert das Duo Minasov, wenn es Hemd und Hose tauscht. Die Magier der Mode lassen bei dieser „Quick Change Magical Transformation“ im Takt der Musik die Hüllen fallen &#8211; und wurden von Bernhard Paul auf vielfachen Wunsch reengagiert.<br />
Traumschöne Kostüme und liebevoll arrangierte Live-Musik von Orchester-chef Georg Pommer und seinen zehn Musikern runden die zauberhafte „Roncalli-Welt“ ab. So gehört Roncalli zu den wenigen Circussen, die noch über ein eigenes Live-Orchester verfügen. Bernhard Paul: „Bei uns spielt Musik eine gleichberechtigte Hauptrolle im Programm. Das soll auch in Zukunft so bleiben.“ Wir werden ausführlich über dies Circus-Ereignis berichten …<br />
<strong>Telefonische Kartenbestellung unter: 01805-22 45 22.<br />
Weitere Informationen auch unter: www.roncalli.de.<br />
</strong><br />
<em><strong>Am kommenden Samstag (11. September) ist Premiere, wir verlosen 10 mal zwei Karten &#8211; schreiben Sie uns eine mail bis Samstag, 16. 00 Uhr<br />
&lt; redaktion@rundschau-hd.de  &gt;<br />
mit dem Stichwort „Roncalli“ &#8211; die ersten Zehn gewinnen und können sich ihre Karten mit einem von uns zurückgemailten Stichwort an der Abendkasse abholen.</strong></em></p>
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		<title>Hambach, gestern. Und heute?</title>
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		<pubDate>Tue, 07 Sep 2010 12:00:55 +0000</pubDate>
		<dc:creator>admin</dc:creator>
				<category><![CDATA[Allgemein]]></category>
		<category><![CDATA[Feuilleton]]></category>
		<category><![CDATA[Zeitgeschehen]]></category>

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		<description><![CDATA[Gerade veröffentlichte der Deutsche Journalistenverband einen Appell mit historischen Wurzeln, um gegen die Beschneidung der Meinungs- und Pressefreiheit durch die Bundesregierung zu protestieren – der Appell ist heute aktueller denn je:Siebzehn Journalisten, darunter Autoren der Tageszeitung, der Zeit, des Spiegel, der Süddeutschen Zeitung und weiterer großer deutscher Presseorgane sollen sich für den ihnen von der [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Gerade veröffentlichte der Deutsche Journalistenverband einen Appell mit historischen Wurzeln, um gegen die Beschneidung der Meinungs- und Pressefreiheit durch die Bundesregierung zu protestieren – der Appell ist heute aktueller denn je:<span id="more-1092"></span>Siebzehn Journalisten, darunter Autoren der Tageszeitung, der Zeit, des Spiegel, der Süddeutschen Zeitung und weiterer großer deutscher Presseorgane sollen sich für den ihnen von der Bundesregierung vorgeworfenen &#8220;Geheimnisverrat&#8221; im Zusammenhang mit dem BND-Untersuchungsausschuss verantworten. Politiker hatten mokiert, dass vertrauliche Papiere in der Presse aufgetaucht seien, schon bevor sie dem Ausschuss vorgelegen hätten. Kritiker räumen der Anklage nur geringe Chancen ein, sie ist aber – wieder einmal – ein alarmierendes Signal dafür, wie schlecht es um die Meinungs- und Pressefreiheit in Deutschland bestellt ist.</p>
<p><img src="http://www.rundschau-hd.de/wp-content/uploads/2007/08/hambacher-fest.jpg" alt="hambacher-fest.jpg" /></p>
<p>In der Tradition des <a href="http://www.demokratiegeschichte.eu/index.php?id=10">Hambacher Fest</a>es von 1832 hat der Deutsche Journalistenverband DJV  an den Hambacher Appell erinnert und veröffentlicht, um nachdrücklich auf die Unverzichtbarkeit der Pressefreiheit und auch des Informantenschutzes hinzuweisen.</p>
<p>&#8220;Eine Presse, die der Politik nach dem Mund redet, taugt nicht für die Demokratie&#8221;, beginnt der in Hambach von dem DJV-Bundesvorsitzenden Michael Konken, sowie BDZV-Präsident Helmut Heinen unterzeichnete Appell, der sich direkt auf die beiden Gründer des &#8220;Preß- und Vaterlandsvereins&#8221;, Jakob Siebenpfeiffer und Georg August Wirth, bezieht. Siebenpfeiffer und Wirth, sowie der Rechtsanwalt Friedrich Schüler, die sich den Idealen der Französischen Revolution verpflichtet sahen, reagierten damit auf repressive Maßnahmen gegen Presse- und Meinungsfreiheit durch das Königreich Bayern, das die Pfalz 1816 von Frankreich übernommen hatte und nach und nach versuchte, die Errungenschaften der Revolution aufzuweichen.</p>
<p><img src="http://www.rundschau-hd.de/wp-content/uploads/2007/08/denker-club-um-1825.jpg" alt="denker-club-um-1825.jpg" /></p>
<p>Im Pariser Exil schlossen sich bald auch Heinrich Heine und Ludwig Börne der Gruppe an, die innerhalb kürzester Zeit <em>(der zeitgenössische &#8220;Denkerclub&#8221; hingegen scheint heutig)</em> mehrere tausend Mitglieder rekrutieren konnte und ihre Ortstreffen verschiedener &#8220;Komitees&#8221; als &#8220;Volksfeste&#8221; und ähnliches anmeldete, da politische Versammlungen verboten waren und notfalls mit Polizeigewalt aufgelöst wurden. Wirth funktionierte sein Blatt &#8220;Deutsche Tribüne&#8221; zu dieser Zeit zum Vereinsorgan um und etablierte es als eine der wichtigsten Stimmen des europäischen Vormärz. Aber bereits am 1. März 1832 verbot die Regierung Bayerns den erst einen Monat zuvor gegründeten Verein. Wenige Tage später fiel auch die &#8220;Deutsche Tribüne&#8221; der Zensur zum Opfer, und die Vereinsgründer wurden mit Berufsverbot belegt. Als Antwort darauf organisierten Siebenpfeiffer, Wirth und Schüler Ende Mai das Hambacher Fest.</p>
<p>30.000 Menschen nahmen Teil an diesem Ereignis, aus dem nicht nur die späteren Nationalfarben der Weimarer Republik, schwarz rot gold, hervorgingen, es muß aber auch als Geburtsstunde der deutschen Demokratie angesehen werden dürfen. Gefordert wurde allem voran Versammlungs-, Presse- und Meinungsfreiheit, sowie religiöse Toleranz, Volkssouveränität und die Neuorientierung Europas mit Gleichberechtigung unter den europäischen Völkern als Basis. Als Folge wurden die Karlsbader Beschlüsse von 1819 weiter verschärft und die Repressionen massiv ausgeweitet. Allerdings bereitete das Hambacher Fest den Boden für den Revolutionsversuch von 1848/49.</p>
<p>Der Hambacher Appell vom Juni richtet sich ganz aktuell offen gegen die Versuche der Politik, die Pressefreiheit und die Verfassung, und somit letztlich die Demokratie aufzuweichen und fordert von den Medien und ihren Vertretern, ihre Rolle als Vierte Gewalt verantwortungsbewusst wahrzunehmen.</p>
<p>Genau das allerdings wird immer schwieriger, wenn die Politik wie im aktuellen Fall rund um den BND-Untersuchungsausschuss oder zuletzt in der Cicero-Affäre, versucht, undichte Stellen im eigenen Lager ausfindig zu machen, indem man Journalisten dafür zur Rechenschaft zieht, dass sie ihre Aufgabe gewissenhaft erfüllen. Viel zu viele Journalisten ließen sich von der Politik, von Organisationen und Interessenverbänden instrumentalisieren, und würden dadurch ihre Kontrollfunktion innerhalb der demokratischen Ordnung vernachlässigen, klagt der DJV, der nicht nur nach außen, sondern auch nach innen Kritik anbringt.<br />
Im Gegensatz zu Siebenpfeiffer und seinen Mitstreitern wollen die Unterzeichner des Hambacher Appells nicht das bestehende System umwälzen zugunsten einer neuen Ordnung. Sie wollen sicherstellen, dass nicht die bestehende Demokratie von oben nach unten entmachtet wird. Dies kann aber nur mittels umfassender Informierung der Bevölkerung realisiert werden. Und diese Realisierung ist gefährdet, wenn Informanten schweigen, weil sie Angst vor der Staatsmacht haben müssen, und sie ist auch gefährdet, wenn Journalisten Hausdurchsuchungen und Gerichtsverfahren fürchten müssen.</p>
<p>Speziell die Angelegenheiten des BND-Untersuchungsausschusses sind aber von höchstem öffentlichem Interesse und müssen von den Medien kritisch untersucht werden dürfen. Ähnlich sah es im Fall des Cicero-Autors Bruno Schirra aus, der vertrauliche Informationen zum Fall Mussab As-Sarkawi veröffentlicht hatte. Das Urteil des Bundesverfassungsgerichts stellt zwar fest, dass journalistische Privaträume nicht zum einzigen Zweck der Informantenidentifizierung durchsucht werden dürfen, findet aber keine eindeutige Regelung zum Tatbestand des Geheimnisverrats.</p>
<p><img title="redner-auf-dem-hambacher-fest-27-mai-1832.jpg" src="http://www.rundschau-hd.de/wp-content/uploads/2007/08/redner-auf-dem-hambacher-fest-27-mai-1832.jpg" alt="redner-auf-dem-hambacher-fest-27-mai-1832.jpg" align="right" /> Die wird aber dringend benötigt. Denn solange es keine Handfeste Entscheidung in dieser Frage gibt, ist der willkürlichen Repression Tür und Tor geöffnet, und auch der ehemalige Innenminister Otto Schily wird &#8211; wie vieles andere auch &#8211; sein Vorgehen im Fall Schirra weiterhin  rechtfertigen können.</p>
<p>Es ist also durchaus an der Zeit, sich an 1832 zu erinnern und die Ideale und Errungenschaften des Hambacher Festes hochzuhalten.</p>
<p>Ob es im Deutschland des Jahres 2008 gelingen könnte, 30.000 Menschen dazu zu bringen, auf die Straße zu gehen und für die unbedingte Einhaltung der Pressefreiheit zu demonstrieren? Rhetorische Fragen sind halt nicht immer lustig … Apropos: Das Thema Pressefreiheit kommt bei uns nicht deshalb gerade jetzt zur Sprache, weil es sommerherbstlochig zuginge; auch stopfen w i r Löcher nicht mit Löchern . Sondern pflegen stattdessen die Muße, beschäftigen uns mit der Pressefreiheit und arbeiten an einer (wie wir meinen)  Monopolbildung der Deutschen Versicherungswirtschaft, die (wie wir meinen) in Kürze unserer (wovon wir ausgehen) Recherchen wegen mit dem Bundeskartellamt zu tun bekommen wird.</p>
<p><strong>Jürgen Gottschling</strong></p>
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		<title>Unruhe muss sein dürfen, wenn sie denn der Freiheit dient …</title>
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		<pubDate>Tue, 07 Sep 2010 11:12:44 +0000</pubDate>
		<dc:creator>admin</dc:creator>
				<category><![CDATA[Allgemein]]></category>
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		<category><![CDATA[Sapere aude]]></category>
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		<description><![CDATA[Polemiker, Unruhestifter und die Unruhe überhaupt haben hierzulande einen einen schlechten Ruf. Zu Unrecht meinen wir, denn Unruhestifter haben dafür gesorgt, dass demokratische Strukturen eingeführt oder verbessert wurden, ihr Unruhegeist gelte als demokratisches Elixier. Am, besser noch, hinterm Ofen sitzend aber, beschäftigt und zufrieden mit der Tageszeitung, sitzt, der da singt: &#8220;Lisette, noch ein Gläschen [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><a href="http://www.rundschau-hd.de/wp-content/uploads/2009/06/spiesseramofen1.jpg"><img class="alignright size-full wp-image-3192" title="So werden Spießer am liebsten geliebt. Tageszeitung lesend am Ofen" src="http://www.rundschau-hd.de/wp-content/uploads/2009/06/spiesseramofen1.jpg" alt="" width="217" height="181" /></a>Polemiker, Unruhestifter und die Unruhe überhaupt haben hierzulande einen einen schlechten Ruf. Zu Unrecht meinen wir, denn Unruhestifter haben dafür gesorgt, dass demokratische Strukturen eingeführt oder verbessert wurden, ihr Unruhegeist gelte als demokratisches Elixier. Am, besser noch, hinterm Ofen sitzend aber, beschäftigt und zufrieden mit der Tageszeitung, sitzt, der da singt: &#8220;Lisette, noch ein Gläschen Bier, ich will ein braver Bürger werden …&#8221; -  so wird ein solcher von oben geliebt. Und dann liebt auch er alles und sich auch. Und hat Ärger mit Niemandem!<span id="more-3174"></span></p>
<p>In den zornigen Jahren des 19. Jahrhunderts entdeckten die Deutschen die Straße als den Ort des Protestes. Erbitterung und Empörung über Behörden, Majestäten und Fabrikherren machten sich Luft in Protestmärschen, Demonstrationen und Manifestationen. Die Hungrigen wogen in den Bäckereien das Brot nach; war es in Ordnung, zog man weiter, war es zu leicht, wurde es genommen und verteilt. In Hunderten Volksversammlungen wurde über Gott und die Welt, den Straßenbau, die Industrieverschmutzung und über das allgemeine Wahlrecht gestritten; die Arbeiter forderten kürzere Arbeitszeit und &#8220;anständige Behandlung&#8221;. Zusammen mit Dienstboten und Handwerksgesellen kämpften sie um ihre gesellschaftliche Anerkennung.</p>
<p>Diese Proteste waren eine politische Volks-Schule, man lernte zusammen mit den Studierten das Abc der demokratischen Rituale. Die Vertreter der herrschenden Mächte wurden unruhig und schürten deshalb die Angst vor dem, was sie Umtriebe nannten.In den Fliegenden Blättern erschien damals, es war 1848, eine Zeichnung, die den Erfolg der staatlichen Angstkampagnen illustriert.</p>
<p>Eine Bauersfrau fragt auf diesem frühen Comic ihren heimkehrenden Mann: &#8220;Kommst du aus der Volksversammlung?&#8221; &#8211; &#8220;Jawohl, Alte!&#8221; &#8211; &#8220;Na was habt ihr denn ausgemacht? Ist jetzt Freiheit &#8211; oder ist noch Ordnung?&#8221; Der Ethnologe Wolfgang Kaschuba spricht von den &#8220;konservativ geschürten Revolutionsängsten&#8221;, die da zum Ausdruck kommen.</p>
<div id="attachment_3188" class="wp-caption alignright" style="width: 360px"><a href="http://www.rundschau-hd.de/wp-content/uploads/2009/06/marz-48berlin.jpg"><img class="size-full wp-image-3188" title="1848 in Berlin - da war nicht nur keine Unruhe erlaubt …" src="http://www.rundschau-hd.de/wp-content/uploads/2009/06/marz-48berlin.jpg" alt="1848 in Berlin - da war nicht nur keine Unruhe erlaubt …" width="350" height="247" /></a><p class="wp-caption-text">1848 in Berlin - da war nicht nur Unruhe nicht erlaubt …</p></div>
<p>Der Staat hatte brutal ablehnend auf die friedliche Revolution von 1848 reagiert. Nach der brüsken Zurückweisung der demokratischen Reichsverfassung durch Preußen versuchten auch die süddeutschen Volksvereine und demokratischen Zirkel, den Monarchien die Republik abzutrotzen. Am 5.Mai 1849 gründete sich das Freikorps, wofür sich sofort zweihundert einfache Handwerksgesellen, Arbeiter und Weingärtner meldeten. Der Reutlinger Courier von 1849 beschreibt, wie &#8220;Jungfrauen&#8221; die Fahne übergeben: &#8220;Jünglinge! Bleibet einander treu im Kampfe für Freiheit und Gerechtigkeit. Unsere Liebe gebe Euch Muth zur Ausdauer, dann ist der Sieg Euer Lohn.&#8221; Gesiegt haben die Jünglinge nicht. Der Staat zog die Zügel scharf an, die gescheiterten Demokraten zogen sich ins Biedermeier zurück. Nach Auflösung der Kompanie wurde die Fahne von der Bürgerwehr in Verwahrung genommen, später ging sie in den Besitz des Reutlinger Turnvereins über.</p>
<p>Ist jetzt Freiheit &#8211; oder ist noch Ordnung? Dieser fragende Satz aus den Fliegenden Blättern von 1848 ist ein deutscher Schlüsselsatz, er erklärt den deutschen Anti-Chaos-Reflex. Freiheit galt hierzulande lange nicht als Inhalt und Teil der Ordnung, sondern als ein Synonym für Unruhe und Chaos. Ordnung ist gut, Freiheit ist schlecht. Das klingt noch heute in den politischen Debatten durch, mit denen neue Sicherheitsgesetze begründet werden; die Beschränkung der Freiheitsrechte soll mehr Sicherheit bringen. Ruhe ist erste Bürgerpflicht, Unruhe eine Pflichtverletzung. Das wurzelt tief im kollektiven Hintergrundbewusstsein.</p>
<p>Unruhe hat einen denkbar schlechten Ruf in Deutschland. Wenn jemand &#8220;Unruhen&#8221; heute auch nur befürchtet (wie dies jüngst der DGB-Chef Sommer und die SPD-Präsidentschaftskandidatin Schwan im Zusammenhang mit der Wirtschaftskrise getan haben), dann gilt er als eine Art Brandstifter und Aufhetzer. Die bloße Beschreibung eines womöglich prekären Zustands wird als gefährlich apostrophiert &#8211; das Establishment der Berliner Politik reagiert wie Palmström in den Galgenliedern von Christian Morgenstern: Palmström, vom Auto überfahren, kommt zu dem Ergebnis, dass er den Unfall nur geträumt haben könne &#8211; &#8220;weil, so schließt er messerscharf, nicht sein kann, was nicht sein darf&#8221;.</p>
<p>Vielleicht hätten Sommer, Schwan und Co. (letztere, das sei hier angemerkt, hätte besser nicht angemerkt, die DDR sei kein Unrechtsstaat gewesen) nicht von &#8220;Unruhen&#8221;, sondern von &#8220;Unruhe&#8221; reden sollen. &#8220;Unruhen&#8221; werden hierzulande nicht einfach als Summierung von Besorgnis und Zorn wahrgenommen, sondern mit Gewalttätigkeit gleichgesetzt. Öffentliche Unruhe bedeutet aber automatisch nicht brennende Autos und Boss-Napping. Unruhe ist etwas anderes als Randale. Unruhe ist nicht der Polit-Hooliganismus einer 1.-Mai-Nacht. Es gibt sozialverträgliche, voranbringende Formen der Unruhe &#8211; sie tragen die innere Unruhe über gesellschaftliche Missstände protestierend auf die Straße.</p>
<p><strong>Erinnerungslücken</strong></p>
<div id="attachment_3180" class="wp-caption alignnone" style="width: 510px"><a href="http://www.rundschau-hd.de/wp-content/uploads/2009/06/denkerclub.jpg"><img class="size-full wp-image-3180" title="denkerclub" src="http://www.rundschau-hd.de/wp-content/uploads/2009/06/denkerclub.jpg" alt="Noch ist allüberall Ruhe im Land" width="500" height="287" /></a><p class="wp-caption-text">Noch ist allüberall Ruhe im Land - und so funktionierte es durch die Zeiten, dass es so bleibt </p></div>
<p>Die gewalttätigsten Zeiten waren in Deutschland diejenigen, in denen keinerlei Unruhe geduldet wurde. Unruhe ist ein innerer Vorgang, und wenn sich diese Unruhe im öffentlichen Protest Luft macht, ist das nicht schlecht, sondern gut. Öffentliche Unruhe ist nicht per se gewalttätig, wie es die Autoritäten glauben machen wollen. Das war 1832 nicht so, als die unruhigen Bürger aufs Hambacher Schloss zogen. Das war 1848 nicht so, als die wildesten Aktionen nicht etwa die Erstürmung von Rathäusern und Fabriken waren, sondern die Veranstaltung von Katzenmusiken vor den Häusern von Politikern und Fabrikherren.Dennoch wurde die &#8220;48er Revolution&#8221; brutal niedergeschlagen. Dies Lied erinnert daran:</p>
<h2>´s ist wieder März geworden</h2>
<p><a href="http://www.youtube.com/watch?v=bkFmW3fKXZM&amp;feature=PlayList&amp;p=7CCEBC858E75CAA1&amp;playnext=1&amp;playnext_from=PL&amp;index=3">Volkslied, entstanden nach der verlorenen &#8220;Märzrevolution&#8221; 1848/49 von Walter Herwegh</a></p>
<p>´s ist wieder März geworden<br />
vom Frühling keine Spur!<br />
Ein kalter Hauch aus Norden<br />
erstarret rings die Flur</p>
<p>&#8217;s ist wieder März geworden -<br />
März, wie es eh&#8217;dem war:<br />
Mit Blumen, mit verdorrten,<br />
erscheint das junge Jahr</p>
<p>Mit Blumen, mit verdorrten?<br />
O nein, doch das ist Scherz -<br />
gar edle Blumensorten<br />
bringt blühend uns der März</p>
<p>Seht doch die Pfaffenhütchen:<br />
den Rittersporn, wie frisch!<br />
Von den gesternten Blütchen -<br />
welch farbiges Gemisch!</p>
<p>Der März ist wohl erschienen.<br />
Doch ward es Frühling? &#8211; nein!<br />
Ein Lenz kann uns nur grünen<br />
im Freiheitssonnenschein</p>
<p>Seht hier den Wütrich thronen,<br />
beim Tausendgüldenkraut,<br />
dort jene Kaiserkronen<br />
die Königskerze schaut!</p>
<p>Wie zahlreich die Mimosen<br />
das Zittergras wie dicht<br />
Doch freilich rote Rosen<br />
die kamen diesmal nicht.</p>
<p>Auch 1989 war es nicht so, dass Rathäuser gestürmt oder Stasizentralen, als die Bürgerinnen und Bürger der DDR sich ihre Freiheit erkämpften und das verwirklichten, was schon die Revolutionäre von 1848 gewollt hatten: Einheit in Freiheit.</p>
<p>Warum hat die Erinnerung an die Zeiten produktiver Unruhe, warum hat die Erinnerung an eine erfolgreiche Revolution in Deutschland keine Basis? Im Gesamtzusammenhang der deutschen Geschichte kommt hierzulande der Erinnerung an das sogenannte Dritte Reich, an die extremste und brutalste Form der deutschen Auflehnung gegen die Demokratie, eine ähnliche Bedeutung zu wie bei anderen Nationen die Erinnerung an eine erfolgreiche Revolution &#8211; so meint der Historiker Heinrich August Winkler. Die Erinnerung an die Nazi-Herrschaft ist eine bedrückende, gewaltige Erinnerung, die zwar, verbunden mit einem &#8220;Nie wieder!&#8221;, die Demokratie festigt, aber offenbar die anderen Erinnerungen verdrängt &#8211; die Erinnerungen an die Zeiten der produktiven Unruhe, in denen die Demokratie geschaffen und die Grundrechte gestärkt worden sind. <strong>got</strong></p>
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		<title>Medienpreis für Karikaturist Kurt Westergaard: Nehmen wir uns die Freiheit, intolerant gegen Intoleranz zu sein!</title>
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		<pubDate>Mon, 06 Sep 2010 13:17:49 +0000</pubDate>
		<dc:creator>admin</dc:creator>
				<category><![CDATA[Allgemein]]></category>
		<category><![CDATA[Kirche & Bodenpersonal]]></category>
		<category><![CDATA[Sapere aude]]></category>

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		<description><![CDATA[Hallo, Christen, Islamisten und andere Fundamentalisten
Das Paradox der Toleranz ist offenkundig unter &#8220;Entschuldigern und Toleranz unter allen Umständen Predigern&#8221; wohl noch weniger als nicht bekannt: Uneingeschränkte Toleranz führt notwendig unweigerlich zum Verschwinden der Toleranz.
Der dänische Mohammed-Karikaturist Kurt Westergaard erhält in diesem Jahr den Medienpreis der Potsdamer Journalistenvereinigung M100. «Westergaard ist zum Symbol der Presse- und [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><strong>Hallo, Christen, Islamisten und andere Fundamentalisten</strong></p>
<p>Das Paradox der Toleranz ist offenkundig unter &#8220;Entschuldigern und Toleranz unter allen Umständen Predigern&#8221; wohl noch weniger als nicht bekannt: Uneingeschränkte Toleranz führt notwendig unweigerlich zum Verschwinden der Toleranz.</p>
<p>Der dänische Mohammed-Karikaturist Kurt Westergaard erhält in diesem Jahr den Medienpreis der Potsdamer Journalistenvereinigung M100. «Westergaard ist zum Symbol der Presse- und Meinungsfreiheit geworden», sagte Potsdams Oberbürgermeister Jann Jacobs (SPD) am Montag. Der 75-Jährige werde für sein unbeugsames Eintreten dieser demokratischen Werte geehrt und dafür, dass er sie trotz Gewalt- und Todesdrohungen verteidige. Die undotierte Auszeichnung wird am  Mittwoch (8. September)  in Potsdam im Rahmen des M100 Sanssouci Colloquiums verliehen. Westergaard wird nach Angaben der Veranstalter trotz Sicherheitsrisiko anwesend sein. Und das ist auch gut so:</p>
<p><span id="more-34"></span></p>
<div id="attachment_5447" class="wp-caption alignright" style="width: 223px"><a href="http://www.rundschau-hd.de/wp-content/uploads/2006/10/Pfaffe-Gott-lästernd.jpg"><img class="size-full wp-image-5447" title="Pfaffe, Gott lästernd" src="http://www.rundschau-hd.de/wp-content/uploads/2006/10/Pfaffe-Gott-lästernd.jpg" alt="" width="213" height="212" /></a><p class="wp-caption-text">Nein, das ist eine andere Karrikatur; jedoch haben wir auch hierzulande - gegen den (sog. Gotteslästerungsparagraphen) § 166 StGB noch lange nach der Aufklärung - für Meinungs- und Pressefreiheit gekämpft. Weil dem so ist, finden Sie am Artikel-Ende einen Link auf eine Rundschau-Seite, wo (unter anderem) die inkriminierten Karrikaturen auch anzusehen sind! Spere aude …</p></div>
<p>Wenn wir nämlich die unbeschränkte Toleranz sogar auf die Intoleranten ausdehnen, wenn wir nicht bereit sind, eine tolerante Gesellschaftsordnung gegen die Angriffe intoleranter Hassprediger zu verteidigen, dann werden wir, dann werden die Toleranten vernichtet werden. Und die Toleranz mit ihnen. Das ist ebenso eindeutig wie unerfreulich. Unerfreulich schon allein deshalb, weil wir so von Intoleranten um der Toleranz willen gezwungen werden, intolerant zu sein.</p>
<p>Natürlich wünschen wir nicht gesagt zu haben, man müsse unbedingt und auf jeden Fall intoleranten Menschen &#8211; wie das Fundamentalisten jedweder Coleur, egal ob Christen oder Islamisten, nun einmal per se sind &#8211; mit Intoleranz begegnen. Jedoch haben jene diese Einschränkung dann verspielt, denen man  mit rationalen Argumenten nicht mehr begegnenkann, und sie so (und wäre es durch die öffentliche Meinung) in Schranken gehalten werden können. Dann nämlich, d a n n muss ihnen entgegnet werden, wäre ihre Unterdrückung mehr als selbsterhaltend vernünftig.</p>
<p>Wir müssen uns das Recht nehmen dürfen, gewaltsamer Intoleranz &#8211; gesetzt den Fall, sie wäre anders nicht zu unterdrücken &#8211; mit (es gibt sie schließlich) konsequent angewendeten Gesetzen  zu begegnen; hatten wir nicht gerade wieder einmal das Missvergnügen, mitansehen zu müssen, dass Vertreter der Intoleranz die Ebene rationaler Diskussion (bewusst) verlassen ? Das sich von (oft dümmlichen, aber sachlich nachvollziehbaren) Karrikaturen distanzierende Gehabe ist so feige, wie die Entschuldigung des Papstes beim randalierenden islamischen Pöbel. Jenem wurde von islamischen Würdenträgern verboten, auf rationale Argumente &#8211; die sie ein Täuschungsmanöver nennen &#8211; zu hören; stattdessen wurde den auf der Straße herumpöbelnden „Gläubigen“ (mehr als deutlich durchschaubar)  Weisung gegeben, Argumente mit Fäusten und Pistolen, mit der Ermordung einer „Ungläubigen“ Nonne, mit dem Zerstören von „Andersgläubigen Gotteshäusern“, mit dem Verbrennen von Fahnen und Benedikt nachempfundenen Puppen (das sollte mal wer mit einer Mohammed Puppe tun) zu beantworten. Hören wir auf, dem  mit Toleranz oder feigen Entschuldigungen zu begegnen. Nehmen wir im Namen der Toleranz das Recht für uns in Anspruch, Unduldsame nicht zu dulden. Genau: Ihnen mit Intoleranz zu begegnen. Wir müssen geltend machen dürfen, daß sich Intoleranz predigende Bewegungen (gleich welcher Farbe, ob grün oder schwarz oder braun oder rot, evanglisch, katholisch oder islamisch) nicht mehr in den asylantisch abgesicherten Raum heiliger oder anderer fundamentalistischer Schriften zurückzuziehen in der Lage sind. Wer sich &#8211; nicht nur nach dem <a href="http://www.rundschau-hd.de/archives/3476/">Karikaturenstreit</a> Intoleranz predigend &#8211; auf eine Stufe mit der Aufforderung zu Mord und Totschlag, zu Raub, oder etwa zur Wiedereinführung des Sklavenhandels begibt, hat von uns auch so behandelt zu werden. Es sei aber zu guter Letzt noch Angela Merkel gedacht, die der Preisverleihung an Kurt Westergaard immerhin zumindest diese Würdigung gibt: So kurz nach ihrem Einspruch &#8220;gegen das pauschale Urteil von Thilo Sarrazin über die in Deutschland lebenden Muslime&#8221; kommt dieser symbolischen Handlung eine besondere dialektische Geltung zu: Hier halten wir uns &#8211; einerseits &#8211; von biologistischen Abqualifizierungen fern, dort feiern wir &#8211; andererseits &#8211; das so hart erworbene Recht auf freie und freche Meinungsäußerung. &#8230; So gefällt uns Richtlinienkompetenz.</p>
<p style="text-align: right;"><strong>Jürgen Gottschling</strong></p>
<p style="text-align: right;">
<h2>Richtlinienkompetenz? „Reden wir also Klartext“ &#8211; der Kanzlerin Rede</h2>
<p>Am 9. November 1989 referierte das Mitglied des Politbüros des Zentralkomitees der SED, Günter Schabowski, in einer Pressekonferenz über die Ergebnisse der Sitzung des Zentralkomitees. Anschließend stellte ein Journalist der italienischen Nachrichtenagentur Ansa eine Frage nach dem neuen Reisegesetz. Schabowski antwortete ausführlich und endete mit dem Satz: &#8220;Deshalb haben wir uns dazu entschlossen, heute eine Regelung zu treffen, die es jedem Bürger der DDR möglich macht, über Grenzübergangspunkte der DDR auszureisen.&#8221; Ein westdeutscher Reporter hakte nach und fragte, ab wann das neue Gesetz gelte. Es folgte ein Halbsatz &#8211; ich zitiere wieder Schabowski: &#8220;Das trifft nach meiner Kenntnis&#8230; ist das sofort, unverzüglich.&#8221; Die Folgen sind bekannt: Zehntausende strömten zu den Berliner Grenzübergängen. Kurz vor Mitternacht wurden sie geöffnet. Die Mauer war gefallen &#8211; eben unverzüglich.</p>
<p>Später jedoch stellte sich heraus, dass die Antwort Schabowskis ein Versehen war. Er hätte so noch gar nicht sprechen dürfen. Es sollte nicht unverzüglich sein, sondern erst am nächsten Tag in Kraft treten. Die Entscheidung hatte also gleichsam eine Sperrfrist. Das hatte Schabowski übersehen. Ein Versehen, das die Welt veränderte.</p>
<p>Die Wirkung der präzisen Frage zum richtigen Zeitpunkt, die Freiheit, sie stellen zu können, und zuerst und vor allem die Freiheit, über die Antwort zu berichten, und zwar ungekürzt, unverändert, unverzüglich &#8211; welch hohes Gut! Niemals dürfen wir dieses hohe Gut als selbstverständlich ansehen, auch bei Themen nicht, die nicht sofort die Welt verändern, sondern Fragen des Alltags berühren.</p>
<p><script type="text/javascript">// <![CDATA[
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<p>            checkSmartAdContent("");
// ]]&gt;</script>Umso wichtiger, dass sich Ihre Konferenz in diesem Jahr mit dem Thema &#8220;Pressefreiheit in Europa&#8221; beschäftigt. Keine Angst &#8211; meine Rede wird keine Sonntagsrede. Ich glaube, das wäre Zeitverschwendung und auch nicht angemessen, noch dazu in Anwesenheit des heutigen Preisträgers Kurt Westergaard, der für das Zeichnen und Veröffentlichen von Karikaturen seit 2005 um sein Leben bangen muss. Das Gegenteil soll also der Fall sein. Reden wir also Klartext.</p>
<p>Noch eine Sperrfrist eine, die mit zu einer Diskussion gehört, die die letzten zwei Wochen bestimmt hat: Der &#8220;Spiegel&#8221; und die &#8220;Bild&#8221;-Zeitung veröffentlichten als Vorabdrucke zeitgleich Ausschnitte aus dem Buch &#8220;Deutschland schafft sich ab&#8221;. Für Rezensionen durch Journalisten, die das Buch vor dem offiziellen Erscheinungstermin erhielten, habe, so heißt es, eine Sperrfrist von mehreren Tagen nach Erscheinen der Vorabauszüge in &#8220;Spiegel&#8221; und &#8220;Bild&#8221; gegolten. Die vorab gedruckten Buchauszüge jedenfalls lösten eine große öffentliche Diskussion aus.</p>
<p>In den Tagen nach den auszugsweisen Vorabdrucken schießt das Buch auf Platz 1 der Bestsellerlisten. Ungezählte Talkshows beschäftigen sich mit seinen Analysen und Thesen. Aussagen zum Beispiel von mir münden in eine Debatte, eine breite Debatte, um Artikel 5 unseres Grundgesetzes. Er lautet: &#8220;Jeder hat das Recht, seine Meinung in Wort, Schrift und Bild frei zu äußern und zu verbreiten und sich aus allgemein zugänglichen Quellen ungehindert zu unterrichten. Die Pressefreiheit und die Freiheit der Berichterstattung durch Rundfunk und Film werden gewährleistet. Eine Zensur findet nicht statt. Diese Rechte finden ihre Schranken in den Vorschriften der allgemeinen Gesetze, den gesetzlichen Bestimmungen zum Schutze der Jugend und in dem Recht der persönlichen Ehre. Kunst und Wissenschaft, Forschung und Lehre sind frei. Die Freiheit der Lehre entbindet nicht von der Treue zur Verfassung.&#8221; &#8211; So weit Artikel 5.</p>
<p>Er ist es wert, gerade bei einer solchen Tagung zum Thema &#8220;Freiheit und Pressefreiheit&#8221; in Gänze vorgetragen zu werden. Er ist das auch wert, weil er neben Artikel 1 zur Unantastbarkeit der Würde des Menschen, Artikel 2 zur freien Entfaltung der Persönlichkeit, Artikel 3 zur Gleichheit aller Menschen vor dem Gesetz und Artikel 4 zur Freiheit des Glaubens für mich zu den größten Schätzen unserer Gesellschaft gehört.</p>
<p>Die &#8220;Bild&#8221;-Zeitung machte letzten Samstag unter Bezug auf diese Debatte auf Seite 1 mit den Schlagzeilen auf: &#8220;Bild kämpft für Meinungsfreiheit. Das wird man ja wohl noch sagen dürfen&#8221;. Nebenbei: Wenn ich mir &#8220;Bild&#8221; hier gerade rauspicke, dann erstens nur stellvertretend für viele andere Medien mit ähnlicher oder gleicher Stoßrichtung, und zweitens weil ich überzeugt bin, dass &#8220;Bild&#8221; das aushalten kann.</p>
<p>Also weiter: Auf Seite 2 schrieb &#8220;Bild am Samstag&#8221; dann: &#8220;Neun unbequeme Meinungen und die Fakten. Diese Sätze muss man sagen dürfen, weil&#8230;.&#8221; Es geht um Sätze wie diese: &#8220;Ich will mich nicht dafür entschuldigen müssen, Deutscher zu sein; wer arbeitet, darf nicht der Dumme sein; auf den Schulhöfen muss Deutsch gesprochen werden; Kinderschänder gehören für immer weggesperrt.&#8221; Dem aufmerksamen Leser wird aufgefallen sein, dass Sätze zu biologistischen oder vererbungstheoretischen Fragen in dem Artikel zur Verteidigung der Meinungsfreiheit nicht auftauchten. Aber das sei nur am Rande bemerkt.</p>
<p>Ich weiß, Zeitungen drucken solche Seiten nicht aus dem hohlen Bauch heraus. Ich weiß, dass diese Seiten zu einem großen Teil das widerspiegeln, was die Redaktionen in großer Zahl an Zuschriften erreicht &#8211; wie gesagt, wahrlich nicht nur eine Zeitung, die &#8220;Bild&#8221;-Zeitung.</p>
<p>In allen Medien ging es schnell um die Frage, was man in Deutschland sagen darf und was nicht. Das Thema Sarrazin ist aber gerade kein Thema der Gefährdung der Meinungsfreiheit, sondern es geht darum, ob und gegebenenfalls welche Folgen zum Beispiel ein Buch für einen Autor in einer besonders wichtigen öffentlich-rechtlichen Institution haben kann oder nicht.</p>
<p>Meine Damen und Herren, es versteht sich von selbst, dass ich zu den rechtlichen Fragen dieses konkreten Falls hier keine Stellung nehme, und das ist auch für unser Thema gar nicht nötig. Denn wir können das aus eigenem Erleben diskutieren, auch aus dem Bereich der Medien zum Beispiel. Denn in der Unternehmenssatzung eines großen deutschen Verlags werden in fünf gesellschaftspolitische Unternehmensgrundsätze genannt, unter anderem zur Förderung der europäischen Einigung, zur Sicherung des Existenzrechts Israels oder zur Verteidigung der sozialen Marktwirtschaft, um drei von ihnen zu nennen. Ein Problem mit der Meinungsfreiheit? Natürlich nicht, vermute ich.</p>
<p>Der heutige Tag kann uns für unser Thema &#8220;Pressefreiheit in Europa&#8221; da bin ich sicher Orientierung geben. Bei dem Mann, den Sie heute auszeichnen, dem dänischen Zeichner und Karikaturisten Kurt Westergaard, geht es um die Meinungs- und Pressefreiheit. Bei ihm geht es darum, ob er in einer westlichen Gesellschaft mit ihren Werten seine Mohammed-Karikaturen in einer Zeitung veröffentlichen darf, ja oder nein, egal ob wir seine Karikaturen geschmackvoll finden oder nicht, ob wir sie für nötig und hilfreich halten oder eben nicht. Darf er das? Ja, er darf.</p>
<p>Er ist ein Zeichner, wie es in Europa viele gibt. Europa ist ein Ort, in dem ein Zeichner so etwas zeichnen darf. Das ist im Übrigen kein Widerspruch dazu, dass Europa auch ein Ort ist, in dem die Freiheit des Glaubens und der Religion, der Respekt vor Glaube und Religion ein hohes Gut ist. Wenn ein fundamentalistischer evangelikaler Pastor in Amerika am 11. September den Koran verbrennen will, so finde ich das deshalb kurz gesagt schlicht respektlos, sogar abstoßend und einfach falsch.</p>
<p>In der Diskussion um die Veröffentlichung der sogenannten Mohammed-Karikaturen geht es also genau darum, ob wir in Europa mit unseren Werten Sie haben die von mir genannten ersten 5Artikel unseres Grundgesetzes sicher noch im Ohr aus Angst vor Gewalt und Massendemonstrationen davon absehen, die Zeichnungen dieses Karikaturisten zu veröffentlichen oder nicht, ob sie auch in anderen Zeitungen nachgedruckt werden oder nicht und, wenn nein, warum nicht.</p>
<p>Denen, die das seinerzeit aus welchen Gründen auch immer nicht gemacht haben, werfe ich nichts vor. Jeden Tag stehen Sie bei Ihrer Berichterstattung vor Abwägungsfragen, sie gehören zur Verantwortung der Medien in Ausübung ihrer Pressefreiheit ganz selbstverständlich dazu.</p>
<p>Ich kenne solche Abwägungsfragen auch selbst: Soll die deutsche Bundeskanzlerin die Hauptrede anlässlich dieser Veranstaltung halten? Soll sie den Dalai Lama empfangen? Soll sie Briefe, die sie zum Beispiel von &#8220;Reporter ohne Grenzen&#8221; bekommt, ernst nehmen und den neuen ukrainischen Präsidenten bei seinem ersten Besuch in Berlin auf die Einschränkungen der Pressefreiheit in seinem Land ansprechen oder damit besser bis zur zweiten Begegnung warten?</p>
<p>Wie also verhält es sich mit den Werten und den Interessen, den politischen wie wirtschaftlichen, die für unser Land wichtig sind &#8211; für Sie wie für mich? Ich habe für mich die genannten drei Fragen drei Mal mit Ja beantwortet, und zwar aus einem einzigen Grund, der mich seit Beginn meiner politischen Arbeit leitet: Deutsche Politik vertritt ihre Interessen wertegebunden, nach innen wie nach außen. Werte und Interessen gehören zusammen. Wer einen Gegensatz aufmacht, hat sich bereits aufs Glatteis führen lassen.</p>
<p>Also: Es sind Abwägungsprozesse. Aber die Arbeit eines Zeichners und die Folgen, die sie für ihn und seine Familie bis heute hat, sie sollten uns mahnen, stets sorgsam mit unseren Einordnungen umzugehen, wie hoch die Zahl von Zuschriften und die Heftigkeit einer Diskussion zu welchem Thema auch immer sein mögen. Das kann nicht das alleinige Entscheidungskriterium sein.</p>
<p>Ja, geben wir den Menschen eine Stimme &#8211; in politischen Parteien genauso wie in den Medien. Aber überzeugen wir sie gleichzeitig, dass es in unserem Land am wenigsten darum geht, was gesagt werden darf.</p>
<p>Richtige Entscheidungen, Taten statt Worte: Das dagegen führt zum Kern dessen, was notwendig ist, zum Beispiel damit Integration gelingt und nicht scheitert, damit Parallelgesellschaften verhindert und nicht auch noch gefördert werden, damit jugendliche Gewalt eingedämmt und nicht hingenommen wird, damit der Sozialstaat denen hilft, die ihn brauchen, und nicht denen, die ihn missbrauchen, und vieles mehr.</p>
<p>Hier hat die Politik in der Vergangenheit Versäumnisse zu verantworten, da hat sie in den letzten Jahren zum Teil bereits richtige Konsequenzen gezogen, und dort müssen in der Zukunft weitere folgen wahrscheinlich wie so oft in der Demokratie eher mühsam und mit Sicherheit häufig als Kompromiss, und der ist dann ein guter, wenn seine Vorteile die Nachteile überwiegen, und zwar stets nach dem schon benannten Grundsatz: Deutsche Politik vertritt ihre Interessen wertegebunden, nach innen wie nach außen.</p>
<p>Erstens: Freiheit ist nicht bindungslos. Das gilt für unser persönliches Leben, das gilt in der Politik, das gilt für die Verantwortung der Medien, das gilt für uns alle. Freiheit ist stets und für alle mit Verantwortung verbunden. Freiheit steht nie nur für sich. Sie ist eine Medaille mit zwei Seiten: Auf der einen Seite steht die Freiheit von etwas, auf der anderen Seite die Freiheit zu etwas.</p>
<p>Wenn wir also von Freiheit sprechen, dann sprechen wir tatsächlich immer auch von der Freiheit des anderen. Was uns in Deutschland wie Europa auszeichnet, das ist der Umgang mit unserer Vielfalt, unserer Freiheit und der Freiheit der anderen. Wir Deutsche und Europäer haben in unserer Geschichte gelernt, aus der Vielfalt das Meiste zu machen. Die Eigenschaft, die uns dazu befähigt, das ist die Toleranz.</p>
<p>Zweitens: Die Toleranz ist eine anspruchsvolle Tugend. Sie braucht das Herz und den Verstand. Aber sie ist nicht mit Standpunktlosigkeit und Beliebigkeit zu verwechseln. Sie hat niemals das geringste Verständnis für Intoleranz, für Gewalt von Links- und Rechtsextremismus oder für Gewalt im Namen einer Religion. Die Toleranz ist ihr eigener Totengräber, wenn sie sich nicht vor Intoleranz schützt. Religionsfreiheit meint eben nicht, dass im Zweifelsfall die Scharia über dem Grundgesetzt steht. Toleranz meint nicht Wegsehen oder das Messen mit zweierlei Maß. Und Respekt bedeutet nicht Unterwerfung.</p>
<p>Drittens: Freiheit in Verantwortung &#8211; das gilt auch für die Wirtschaft. Eine auf Freiheit beruhende soziale Marktwirtschaft bietet die Spielräume, damit Menschen verantwortlich handeln können. Die Lektion, die uns die Finanz- und Wirtschaftskrise schmerzhaft erteilt hat, muss überall ankommen. Seit Ludwig Erhard gilt, dass der Staat der Hüter der Ordnung unserer sozialen Marktwirtschaft ist.</p>
<p>Viertens: &#8220;Das Geheimnis der Freiheit ist der Mut.&#8221; Dieser Satz von Perikles ist heute noch genauso aktuell wie im 5. Jahrhundert vor Christus. Freiheit zu leben, erfordert Mut, und zwar jeden Tag aufs Neue, im Kleinen wie im Großen &#8211; wenn ein Jugendlicher nicht mehr mitmacht beim Mobbing eines Klassenkameraden und den Ausschluss aus der Gruppe riskiert, wenn ein Manager nicht mehr mitmacht bei unlauteren Unternehmenspraktiken und dafür seine Karriere riskiert, wenn man in einer Diktatur versucht, jeden Tag in den Spiegel schauen zu können; Joachim Gauck und ich wissen, wovon ich rede. Oder sagen wir es mit den Worten Wolf Biermanns, der einmal die sogenannten aufmüpfigen Angsthasen in Schutz genommen hat. Das sind für Biermann diejenigen, die in der DDR die Fenster geschlossen und die Vorhänge zugezogen haben, bevor sie sich die Platte eines vom Staat verpönten Musikers angehört hätten. So einer leiste auch schon Widerstand, so Biermann, und sei es nur der Widerstand gegen seine eigene Verzagtheit. &#8211; Ja, so ist es: Mut fängt mit der Überwindung der eigenen Verzagtheit an. Das hat jeder von uns mit Sicherheit schon erlebt, auch ohne in der DDR gelebt zu haben.</p>
<p>Fünftens: Die Freiheit wird durch die schier unbegrenzten Möglichkeiten der digitalen Revolution geradezu herausgefordert. Auch ich bin fasziniert von den Möglichkeiten des World Wide Web. Trotzdem werden Sie keine Fotos von meiner letzten Geburtstagsfeier im Internet finden &#8211; zumindest keine, die ich selbst eingestellt hätte.</p>
<p>Im Ernst: Es macht mir Sorgen, wie leichtfertig Menschen ihre Privatsphäre, den Hort individueller Freiheit, aufgeben und im Internet sensible persönliche Daten preisgeben. Gänzlich unverständlich ist mir das, wenn man bedenkt, wie erbittert wir in Deutschland über die Videoüberwachung öffentlicher Plätze oder eine Volkszählung streiten können. Politik und Medien müssen hier weiter Aufklärungs- und ja, ich sage Bildungsarbeit leisten, um in diesem Bereich zu einem verantwortungsvollen Umgang mit Freiheit zu kommen.</p>
<p>Sechstens: Auch unsere Außenpolitik ist wertegebunden. Ich sehe mit Sorge, dass Diktaturen und autokratische Staaten den Freiheits- und Toleranzbegriff missbrauchen. Denken wir zum Beispiel an die dritte Konferenz der Vereinten Nationen gegen den Rassismus im Jahre 2001. Diese Anti-Rassismus-Konferenz und ihre Nachfolgetreffen wurden leider von Abgesandten aus Diktaturen und autoritär regierten Ländern bestimmt, die den Gedanken dieser Konferenzen in ihr Gegenteil verkehrt haben.</p>
<p>In Zusammenhängen wie diesen wird oft gefragt: Ist es nicht eine kulturelle, westliche, europäische, christliche Anmaßung, dass wir unsere Werte und Freiheitsrechte für universal gültig halten? Meine Antwort ist eindeutig: Nein, es ist keine Anmaßung. Fast alle Staaten sind Mitglied der Vereinten Nationen und haben die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte anerkannt. Die großartigen 30Artikel der Menschenrechtserklärung machen deutlich: Wer diese Rechte bestreitet, hat nicht das Wohl der Menschen im Blick. Und kein kultureller Unterschied kann die Missachtung dieser Rechte rechtfertigen.</p>
<p>Ich bin im Übrigen überzeugt: Wenn wir selbstbewusst zu unseren Werten stehen, verschafft uns das weltweit mehr Respekt und Anerkennung, als wenn wir es nur verschämt tun.</p>
<p>Meine Damen und Herren, die Freiheit, ich habe es schon oft gesagt, ist für mich persönlich die glücklichste Erfahrung meines Lebens. Auch bald 21 Jahre nach dem überwältigenden Geschenk der Freiheit mit dem Fall der Mauer und 20 Jahre nach der Vollendung der Einheit Deutschlands gibt es noch immer nichts, das mich mehr begeistert, nichts, das mich mehr anspornt, nichts, das mich stärker mit positiven Gefühlen erfüllt als die Kraft der Freiheit.</p>
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		<title>Vor 20 Jahren erließ Khomeini seine berüchtigte Fatwa gegen Salman Rushdie</title>
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		<pubDate>Sat, 04 Sep 2010 12:00:08 +0000</pubDate>
		<dc:creator>admin</dc:creator>
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Das Wichtigste: Salman Rushdie hat den Mordauftrag überlebt, den Ayatollah Khomeini 1989 gab. Der unpassenderweise &#8220;Rushdie-Affäre&#8221; genannte Vorgang bezeichnet den Skandal des (bis heute nicht revidierten) Todesurteils, das der iranische Revolutionsführer per Fatwa über den britischen Schriftsteller verhängte, wegen dessen angeblich koran- und islamfeindlichem Roman &#8220;Satanische Verse&#8221;, der im Herbst zuvor erschienen war. Die Kulturgeschichte [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><a href="http://www.rundschau-hd.de/wp-content/uploads/2009/09/satanische-verse.jpg"><img class="alignright size-full wp-image-3551" title="satanische-verse" src="http://www.rundschau-hd.de/wp-content/uploads/2009/09/satanische-verse.jpg" alt="" width="150" height="150" /></a></p>
<p>Das Wichtigste: Salman Rushdie hat den Mordauftrag überlebt, den Ayatollah Khomeini 1989 gab. Der unpassenderweise &#8220;Rushdie-Affäre&#8221; genannte Vorgang bezeichnet den Skandal des (bis heute nicht revidierten) Todesurteils, das der iranische Revolutionsführer per Fatwa über den britischen Schriftsteller verhängte, wegen dessen angeblich koran- und islamfeindlichem Roman &#8220;Satanische Verse&#8221;, der im Herbst zuvor erschienen war. <span id="more-3549"></span>Die Kulturgeschichte kennt viele Anmaßungen religiöser Instanzen, Werke der Literatur und der Bildenden Kunst, auch Filme und Werbung wegen ihres vermeintlich oder tatsächlich blasphemischen Inhalts zu zensieren; Bücherverbrennungen und Repressalien gegen Schriftsteller sind Legion. Aber nie zuvor hatte sich staatlicher Terror gegen einen Romanautor in einem fremden Staat gerichtet, niemals auch war ein schlichtes Buch Auslöser einer schweren internationalen Krise gewesen.</p>
<p>Eine Fatwa ist genau genommen nur das wenig verbindliche Rechtsgutachten eines muslimischen Juristen. Dieses aber sollte den Apostaten weltweit dem Mob und Mörderbanden ausliefern. Für Eliot Weinberger war Rushdie der erste Vogelfreie im globalen Dorf -</p>
<p><a href="http://www.rundschau-hd.de/wp-content/uploads/2009/09/salmanrushdi.jpg"><img class="alignleft size-full wp-image-3555" title="salmanrushdi" src="http://www.rundschau-hd.de/wp-content/uploads/2009/09/salmanrushdi.jpg" alt="" width="280" height="309" /></a></p>
<p>&#8220;ein Mensch, für den es kein Exil mehr gibt&#8221;. Das eröffnete eine neue Ära internationaler Konflikte und führte vor, wie religiöse Antriebe (oder deren Instrumentalisierung) diese eskalieren lassen. Denn bei Religion geht es stets &#8220;ums Ganze&#8221;.</p>
<p>Es handelte sich keineswegs um einen &#8220;Clash&#8221; zwischen christlicher und islamischer Zivilisation, sondern um die ewige Konfrontation zwischen der Freiheit des Einzelnen und einer Diktatur, die sich im Fall des Iran theokratisch legitimiert fühlt und dabei weder Menschenrechte noch nationale Souveränität respektiert. Khomeinis Übergriff sorgte auch für Irritationen und Konflikte innerhalb der islamischen Welt, wobei nicht zu übersehen ist, dass Intoleranz dort generell verbreiteter ist und Freiheitsrechte systemisch weniger respektiert werden als in anderen Weltregionen.</p>
<p>Mit der ungewöhnlichen Kriegserklärung des Iran, der damals mit dem Rücken zur Wand stand, machten religiös eingefärbte Kulturkonflikte Schule. Die Morddrohung gegen Rushdie, die an Verlegern, Übersetzern und anderen Schriftstellern tatsächlich exekutiert wurde, ist niemals zurückgenommen, sondern zuletzt zur Erhebung Rushdies in den Ritterstand im Jahr 2007 erneuert worden. Aus diesem Anlass demonstrierten vor allem in Pakistan Tausende erneut gegen Rushdie, der wieder ein öffentliches, zum Teil recht glamouröses Leben führte und über die Jahre der Verfolgung hinweg weiterhin Romane und Essays vorlegte. Morddrohungen extremistischer Muslime zielten auf andere Autoren wie die aus Bangladesh stammende Taslima Nasrin; bei einem allevitischen Kulturfestival im türkischen Sivas legte 1993 der Mob Feuer in einem Hotel, 35 Menschen starben. Ausschreitungen anlässlich der 2005 in westlichen Blättern erschienenen &#8220;Mohamed-Karikaturen&#8221; trieben die gegen Rushdie begonnene Hexenjagd auf die Spitze. Es ist für autoritäre Regime der islamischen Hemisphäre kein Problem, reale Diskriminierung und gefühlte Minderwertigkeit der Massen auf einen fast beliebigen Beleidigungsakt &#8220;des Westens&#8221; zu lenken und damit von ihrer eigenen Unfähigkeit abzulenken.</p>
<p>Solche Vorkommnisse könnten wie gesagt als Belege für den &#8220;Clash of Civilizations&#8221; herangezogen werden oder ihn wie eine selbsterfüllende Prophezeiung wirken lassen. Aber die Konfliktlinien verliefen innerhalb von &#8220;Zivilisationen&#8221;: Im Westen zwischen denen, die Meinungs- und Kunstfreiheit höher bewerten als die Romane und Karikaturen unterstellte &#8220;Beleidigung religiöser Gefühle&#8221;, und denen, die das Blasphemieverbot für ein friedensstiftendes Mittel im interreligiösen Dialog halten. Schon seit den Siebzigerjahren hat sich die Linke, zu der sich Rushdie einmal rechnete, sehr zu ihrem Schaden in einen universalistischen und einen multikulturalistischen Flügel gespalten, und bei den Christen streiten sich Integristen, die den Islam bekämpfen, und Integralisten, die ihn in die Auseinandersetzung mit dem Atheismus und Säkularismus als Bündnispartner einbeziehen. In der islamischen Welt herrscht ebenfalls Streit &#8211; eine große Zahl der sunnitischen Juristen und Theologen lehnte die Fatwa ab. Und natürlich waren auch Muslime entsetzt über den Bannstrahl aus Ghom und Teheran.</p>
<p>Viele unterwerfen sich heute allerdings dem randalierenden Mob. Auch im freien Westen mangelt es oft entschieden an Zivilcourage. Manche westliche Schriftstellerkollegen und Kulturpolitiker konnten nicht zu einer Solidaritätsadresse an Rushdie verstehen und mäkelten lieber an seinem Schreib- und Lebensstil herum; westliche Diplomaten krochen stellenweise zu Kreuze, während Blasphemieverbote im Fahrwasser der Rushdie-Kritik wiederauflebten.</p>
<p>Vor kurzem noch sprach sich das Patriarchat der rumänisch-orthodoxen Kirche gegen die Übersetzung des Romans aus. Gemeinsam mit dem rumänischen Mufti und der iranischen Botschaft begrüßten die Orthodoxen das Gesetz, das in Rumänien &#8220;jegliche Handlungen religiöser Verunglimpfung und die öffentliche Beleidigung religiöser Symbole&#8221; unter Strafe stellt.</p>
<p>Und der Gipfel der Feigheit ist erreicht, als der Verlag Random House im vorauseilenden Gehorsam die Veröffentlichung des Romans &#8220;The Jewel of Medina&#8221; von Sherry Jones zurückzog, weil eine amerikanische Gutachterin darin beleidigende Inhalte witterte. Hinzu kommt, dass es keine Schlagzeilen mehr macht, wenn ein couragierter Verleger, der das Werk dennoch publiziert, unter Polizeischutz gestellt werden muss, wenn sich der (von uns aufgeweckte!) Mob dann pflichtgemäß beleidigt fühlt.</p>
<p>Die so genannte Rushdie-Affäre war gleichwohl nicht verlorene Zeit und Mühe. Rushdie lebt und schreibt, und nicht minder bedeutsam war, dass er den Muslimen im Westen demonstrierte, dass umfassende Religionsfreiheit einzig im Westen und im Rahmen einer freiheitlichen Demokratie zu garantieren (und auch dort immer neu zu erkämpfen) ist. Bedroht bleibt diese, weil mit der Internationalisierung der islamischen Revolution globale Differenzen zunehmend als religiöse, somit unteilbare Konflikte ausgedeutet werden. Die Autodafés im englischen Bradford haben in die Vorstädte vieler westlicher Demokratien übergegriffen, wo auch Einwandererkinder, die des Lesens fähig sind, an den radikalen Islamismus verloren gegangen sind.</p>
<p>Ihnen, wie in Rumänien, aber auch in den Niederlanden und hier zu Lande, mit kulturellem Relativismus und einer Verschärfung tot geglaubter Zensur- und Blasphemieparagraphen entgegenzukommen, bedeutet Kapitulation. Die wahren Gotteslästerer sitzen in den Hochburgen religiösen Dogmatismus&#8217; und Fanatismus&#8217;;</p>
<p><a href="http://www.rundschau-hd.de/wp-content/uploads/2009/09/khomeini.jpg"><img class="alignleft size-full wp-image-3557" title="khomeini" src="http://www.rundschau-hd.de/wp-content/uploads/2009/09/khomeini.jpg" alt="" width="250" height="157" /></a></p>
<p>ihnen <em>(im Bild Khomeni)</em> müssen freie Gesellschaften geradezu ein Blasphemiegebot entgegensetzen, auf dass die &#8220;Frommen&#8221; lernen, selbst obszöne und geschmacklose Religionskritik souverän auszuhalten. Die Wehleidigkeit und Gewaltanfälligkeit der islamistischen Internationale demonstrieren, wie schwach sie im Glauben ist; auch die türkisch geführte DITIB (Türkisch-islamische Union) fühlte sich durch den Vorschlag Günter Wallraffs brüskiert, die &#8220;Satanischen Verse&#8221; (in Wahrheit ein religionsoffenes und eher islamfreundliches Werk) in einer Moschee zu rezitieren.</p>
<p>Salman Rushdie meint übrigens, dass es noch etwas Wichtigeres gibt als das schiere Überleben eines Autors: Dass seine Werke gelesen und diskutiert werden. &#8220;Die Satanischen Verse&#8221; &#8211; ein großes Werk der Weltliteratur, das Weltgeschichte schrieb &#8211; gibt es als Taschenbuchausgabe für weniger als zehn Euro.</p>
<p style="text-align: right;"><strong>Jürgen Gottschling:</strong></p>
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		<title>Vorauseilende Unterwerfung als vorauseilender Gehorsam &#8211; und vorauseilender Angst …</title>
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		<pubDate>Sat, 04 Sep 2010 09:32:26 +0000</pubDate>
		<dc:creator>admin</dc:creator>
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		<description><![CDATA[20 Jahre Fatwa gegen den indisch-britischen Schriftsteller Salman Rushdie: Der Islamismus hat den Westen fester im Griff denn je – den linken Intellektuellen sei Dank.
Der Koran sagt die Wahrheit – sagt der Koran. Der Koran ist eine Erzählung – sagen die „Satanischen Verse“.
Sie verraten die Wahrheit. Sie versetzen den Mythos in das Setting eines Schelmenromans, [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p style="text-align: left;"><a href="http://www.rundschau-hd.de/wp-content/uploads/2009/06/stopthemullahs.jpg"><img class="alignleft size-full wp-image-3233" title="stopthemullahs" src="http://www.rundschau-hd.de/wp-content/uploads/2009/06/stopthemullahs.jpg" alt="" width="178" height="205" /></a>20 Jahre Fatwa gegen den indisch-britischen Schriftsteller Salman Rushdie: Der Islamismus hat den Westen fester im Griff denn je – den linken Intellektuellen sei Dank.<br />
Der Koran sagt die Wahrheit – sagt der Koran. Der Koran ist eine Erzählung – sagen die „Satanischen Verse“.</p>
<p style="text-align: left;">Sie verraten die Wahrheit. Sie versetzen den Mythos in das Setting eines Schelmenromans, in dem die Offenbarung sich immer wieder arrangiert mit den Widrigkeiten der Tagespolitik. Sie schreiben sich hinein in die historische Bedingtheit, erzählen, wie der Mythos fabriziert wurde. Der Roman wurde geschrieben auf dem Höhepunkt postmoderner Korrosion des Wahrheitsbegriffs. Man merkt es ihm  an, mit seinem Wust aus Wundern, Versionen und Visionen. <span id="more-3232"></span>Sein Anliegen aber ist ganz klar ein blasphemisches, zumindest aus der Sicht der Verwalter jener Wahrheit. Der Ajatollah Khomeini hat den Roman nicht gelesen, aber die Kampfansage, die in ihm steckt, hat er vernommen und konsequent gehandelt, als der Donnergott, als der er im Roman auch karikiert wird. Mit der Wucht seiner Reaktion hatte die Postmoderne allerdings nicht gerechnet.</p>
<p><strong>Gab es je eine friedlichere Ära als die achtziger Jahre?</strong></p>
<p>Ja, 1968 hatte man noch Anlauf zu einem Salto mortale der Weltgeschichte genommen, musste dann aber feststellen, dass man mit dem Hintern nur auf einen Lehrstuhl geplumpst war – inklusive Pensionsberechtigung. Es war ein heiteres Erwachen. Die Postmoderne war die luftige Rettungsinsel all jener, die von nun an nicht mehr an die „großen Erzählungen“ glauben wollten. 1966 hatte es noch ein bisschen wehgetan, als Michel Foucault den Streit zwischen Hegelianern und Marxisten als Sturm im Wasserglas abtat. Nun hatte man sich eingerichtet in ein Gespinst gleichschwebender Wahrheiten, verspiegelter Konstruktionen und ironischer Verweise. Die gerade noch so aufgeregten Theoretiker der Weltrevolution ordneten die bunte Welt in die Nippeskästchen der Systemtheorie, des Poststrukturalismus und der Gender Studies. Die Lage schien stabil. Nichts war ernst. Lange vor Francis Fukuyamas Thesen zum „Ende der Geschichte“ lebte man schon im posthistoire. Theoretiker der Simulation hatten Hochkonjunktur.</p>
<p>Sie müssen bis heute ihre blutigen Nasen verarzten! Drei Realitätssschocks, zuerst Aids, dann die Fatwa und der Mauerfall haben sie in den achtziger Jahren auf den Boden der Tatsachen zurückgeholt. Oder träumen sie noch?</p>
<p>Fatwa und Mauerfall – da gibt es übrigens Beziehungen. Beim Kommunismus wie beim Islam zeigte sich, dass die Postmoderne weniger amüsant ist, wenn sie ihre subversive Kraft an einem trotzig betonierten Wahrheitsanspruch erprobt. Die Dissidenten Osteuropas waren begreiflicherweise interessiert an der Idee, dass ihnen nur eine „große Erzählung“ gegenüberstand. Bei ihnen traf es ja auch zu. Sie sägten schon an der Legende von der realen Existenz, als die westlichen 68er, die sich für die Avantgarde hielten, noch an ein gewaltsam zu erreichendes Jenseits im Diesseits glaubten.</p>
<p>Es war ein fliegender Wechsel. Als der eine Totalitarismus mit leisem Rülpser kollabierte, erhob der andere schon sein bärtiges Haupt. Wer im Jahr 2009 nur an den Mauerfall erinnert, erzählt nur die halbe Geschichte. Mit dem Bannstrahl der Morddrohung gegen Rushdie zielte der Islamismus, der vielen zuvor als ein finsterer Folklorismus in weit entfernten Ländern erschienen war, direkt in den Westen, um ihn von nun an mitzuregieren.</p>
<p>Die westlichen Reaktionen waren ehrlich erschrocken. Autoren bekannten ihre Solidarität. „Ms. Torture“ – so wird Regierungschefin Thatcher in den „Satanischen Versen“ genannt – brachte den britischen Bürger mithilfe ihrer Geheimdienste in Sicherheit. Wie durch einen Zaubertrick war Rushdie über Jahre von der Bildfläche verschwunden. Und hätten nicht einige Organisationen wie „Article 19“ und engagierte Einzelpersonen in vielen Ländern dauerhaft Druck auf die westlichen Regierungen und den Iran ausgeübt, so lebte er noch heute im Versteck. Als Reformkräfte regierten, lieferte der Iran die nötigen Sicherheitsgarantien. Man möchte heute lieber nicht nachfragen.</p>
<p>Bald zeigte die Solidarität auch Grenzen. Die Medien etwa, an sich die Gralshüter jener Werte, die hier infrage standen, reagierten panisch. In Deutschland schlug Arno Widmann von der „taz“ vor, dass die überregionalen Zeitungen gemeinsam am selben Tag das erste Kapitel des Romans auf Seite eins abdruckten. So wäre der Druck auf mehrere Akteure verteilt worden. Frank Schirrmacher von der „FAZ“ war zunächst begeistert, die anderen Feuilletonchefs lavierten. Man verschanzte sich hinter den Geschäftsführern, die ihre Verantwortung fürs Personal beschworen. Die „taz“ war am Ende allein und wurde von Ulrich Greiner in der „Zeit“ noch angegriffen, weil sie Rushdies Urheberrechte gebrochen hätte. Und überhaupt: Da „orgelt eine abgeschmackte Mut-Rhetorik übers Land“. Die Akademie der Künste aber traute sich nicht, eine Lesung aus dem Roman zu organisieren. (Hallo, Klaus Staeck?)</p>
<p>Es ist nicht anders als auf einem Schulhof, wenn der Große den Kleinen verprügelt. Die Zuschauer suchen nach einer Rechtfertigung für ihre Passivität und finden sie, indem sie dem Opfer eine Mitschuld zuschreiben. Man munkelte auch über Rushdie. Die Demonstrationen in Pakistan, Indien und Großbritannien, die der Fatwa vorausgingen, seien eine gesteuerte Aktion gewesen, um den Roman ins Gespräch zu bringen. Rushdie hatte viele Neider. Er war gut, er war nicht weiß, und er hatte einen unerhörten Vorschuss bekommen. Nun war die Frage, ob er selbst für den Sicherheitsdienst bezahlen sollte. Obwohl die Feuilletons dem Thema bis heute ausweichen: Die Auseinandersetzung mit Islam und Islamismus, also eine der zentralen politischen Fragen der Gegenwart, ist im Kern ein kulturelles Thema. Die Fatwa funktioniert als Zensurakt und hat im Westen tiefe Spuren hinterlassen. Auch der Kommunismus manipulierte durch Geheimdienste und Korruption die Öffentlichkeit diesseits des Eisernen Vorhangs. Aber der Islamismus, obwohl als System viel informeller, übt auf die Köpfe der westlichen Kultur- und Medienschaffenden ein wesentlich effizienteres Regime aus. Rationalisiert wird die Angst mit dem Zauberwort „Respekt“. Das Spiel mit den Symbolen, Diskursen und Zwängen des Christentums ist in der westlichen Kultur längst eine Selbstverständlichkeit. Das Spiel mit den Symbolen des Islams aber versagt man sich seit der Fatwa aus „Respekt“.</p>
<p>Es ist eine riesige Tabuzone entstanden, die von interessierten Kräften, unter wohlwollender Begleitung westlicher Intellektueller, immer neu und immer dichter abgesteckt wird. Tariq Ramadan etwa, der gemäßigte Islamist aus Genf, erwarb sich seine ersten Meriten mit der Verhinderung einer Aufführung von Voltaires „Mahomet“. Hold lächelnde Kopftuchträgerinnen verteilten in Genf Flugblätter gegen das Stück. Die Stadt setzte es ab. „Sie nennen es Zensur, ich sehe darin Taktgefühl“, sagte Ramadan zum Dank.</p>
<p>Die Fälle vorauseilender Unterwerfung lassen sich seit der Fatwa kaum mehr zählen. Zwei Beispiele aus Berlin: Die Intendantin der Deutschen Oper Berlin, Kirsten Harms, sagte eine Aufführung des „Idomeneo“ ab, weil der Regisseur Hans Neuenfels ein bisschen provokativ mit Symbolen einiger Religionen – keineswegs nur des Islams! – spielte. Zwar hatte sich kein Fünkchen des Protests geregt, aber man hatte Harms dazu geraten. Peter-Klaus Schuster, Generaldirektor der Staatlichen Museen und Direktor der Nationalgalerie, verhinderte ohne Angabe von Gründen die Aufstellung des schwarzen, an die Kaaba erinnernden Kubus von Gregor Schneider vor dem Hamburger Bahnhof, nachdem schon die Biennale von Venedig gekniffen hatte. Die Öffentlichkeit hielt weitgehend still. Schneider konnte seinen Kubus dann in Hamburg aufstellen – und der Himmel ist nicht eingestürzt.</p>
<p>Es kann auch anders kommen, und zwar gerade, weil man es fürchtet, wie der britisch-indische Autor Kenan Malik in einem Essay zur Fatwa am Fall des Romans „Das Juwel von Medina“ von Sherry Jones beschreibt. Der amerikanische Randomhouse-Verlag zog diesen Roman über Aischa, die jüngste Frau Mohammeds, nach einem Gutachten der Islamwissenschaftlerin Denise Spellberg zurück. Martin Rynja, Chef des kleinen britischen Hauses Gibson brachte den Roman doch – und musste zusehen, wie seine Büros in Brand gesteckt wurden. Vor dem Kniefall des Randomhouse-Verlags war der Roman kein Thema. Der „Respekt“, schreibt Malik, schafft sich die Ungeheuer, die er befrieden will.</p>
<p>Drastisch versagten die westlichen Medien im Streit um die dänischen Mohammed-Karikaturen. CNN und BBC präsentierten die Zeichnungen nur hinter Verfremdungsrastern, wie Kinderpornografie oder ein islamistisches Snuff Video. Mit Ausnahme der „Welt“ mieden auch die deutschen Zeitungen einen deutlichen Abdruck der Zeichnungen. Im „Spiegel“ war die Seite aus „Jyllands-Posten“ zur Dokumentation in Passbildgröße abgedruckt. Wer die Karikaturen sehen wollte, musste sich im Internet auf die Suche machen. Und das obwohl sie nicht im mindesten den Islam beleidigen. Mit gespitzten Lippen verteidigten Chefredakteure und Verlagsleute das Recht der Zeichner auf ihre Meinung – und setzten gleich hinzu, dass es schlechte Zeichnungen seien, die den Aufruhr nicht lohnten.</p>
<p>Das aber ist nicht wahr. Die Zeichnungen sind selbstironische Variationen auf die Angst der Zeichner vor genau dem Ereignis, das dann eintraf. Sie sind eher besser als die durchschnittliche Tagesware auf den Meinungsseiten. Die Medien haben ihre eigenen Zeichner verraten. Die Zeichnungen sind übrigens auch viel harmloser als Rushdies „Satanische Verse“, die die Blasphemie nicht scheuen. Die Tabuzone ist seit der Fatwa also gewachsen.</p>
<p>Auf dem Höhepunkt des Karikaturenstreits kam die niederländische Politikerin Ayaan Hirsi Ali ausgerechnet nach Berlin, um hier in einer Rede das Recht der Zeichner zu verteidigen. Sie selbst stellte den Bezug zwischen den Totalitarismen her. Als Dissidentin des Islams knüpfte sie an die Dissidenz in den osteuropäischen Ländern an, die am Ende mit dem Mauerfall belohnt wurde. Die Geste wurde nicht verstanden. Ayaan Hirsi Ali ist es dann im Grunde schlimmer ergangen als Rushdie, der immerhin verteidigt und geschützt wurde. Im Jahr 2004 hatte der junge Extremist Mohammed Bouyeri dem Filmemacher Theo van Gogh, der mit ihr den Film „Submission“ gemacht hatte, mit einem Messer einen Zettel in die Brust gerammt: „Ich weiß, oh Ayaan Hirsi Ali, du wirst untergehen / Ich weiß, oh Fundamentalisten des Unglaubens, ihr werdet untergehen.“ Diese Vokabel kursierte dann. Autoren wie Ian Buruma und Timothy Garton Ash machten sie sich in einem halb bewussten, halb unbewussten Akt zu eigen. Sie stempelten die „Fundamentalistin der Aufklärung“ damit zum Pendant der Islamisten – Garton Ash hat diese Vokabel dann später zurückgezogen. Es bleibt die von ihren Gegnern betonte Nutzlosigkeit ihres Tuns: Hirsi Alis Unduldsamkeit treibe die Muslime erst in die Ecke. Ihr Abfall vom Glauben bewirke, dass sie nichts mehr repräsentiere und somit für die Integration der Muslime nichts mehr vermöge. Man solle sich an Tariq Ramadan halten. Irgendwann zog die niederländische Regierung den Personenschutz ab – zu teuer. Zaghafte Initiativen vereinzelter Intellektueller, sie unter den Schutz der EU zu stellen, verhallten ohne Echo. Hirsi Ali ging nach Amerika. Kassandra ist entsorgt. Gott ist groß.</p>
<p>Die europäische Linke weinte ihr keine Träne nach. Längst hatte man sie als nützliche Idiotin der Reaktion geoutet. Tatsächlich hatte Hirsi Ali in der Linken keine Heimat mehr gefunden – eine frappierende Parallele zu vielen Exdissidenten des Kommunismus. Auch Rushdie musste feststellen, dass er falsch lag. Er hatte in den „Satanischen Versen“ den Kampf gegen den Rassismus in Großbritannien, gegen den Hindu-Nationalismus in Indien und gegen den Islamismus als Teil eines linken Projekts gesehen. Er irrte sich doppelt: Der Islamismus hat eine universalistische Spitze, die ihn gefährlicher macht als bloße Xenophobie. Und die Linke kämpft lieber gegen die Dissidenten des Islams als gegen den Islamismus.</p>
<p>Umwertung aller Werte oder Entstellung zur Kenntlichkeit? Die Linke hat in der Auseinandersetzung mit dem Islamismus ihre Prinzipien aufgegeben. Sie stand für Loslösung von Sitte und Tradition, aber im Islam setzt sie sie im Namen von Multikulti wieder ins Recht. Sie ist stolz, die Frauenrechte erkämpft zu haben, aber im Islam toleriert sie Kopftücher, arrangierte Ehen und prügelnde Männer. Sie stand für Gleichheit der Rechte, nun plädiert sie für ein Recht auf Differenz – und damit für eine Differenz der Rechte. Sie proklamierte die Freiheit des Worts und gerät beim Islam in hüstelnde Verlegenheit. Sie unterstützte die Emanzipation der Schwulen und beschweigt das Tabu im Islam. Die fällige Selbstrelativierung des Westens nach der kolonialen Ära, die von postmodernen und strukturalistischen Ideen vorangetrieben wurde, führte zu Kulturrelativismus und Kriterienverlust.</p>
<p>Rushdies „Satanische Verse“ sagen, dass Aufklärung nicht ein Weg in staubtrockene Vernünftigkeit ist. Es ist ja ein Roman voller Rätsel und Wunder, überfrachtet mit Symbolen und postmodernem Brimborium, bunt wie ein Bus aus Pakistan. Es ist ein rasender, inspirierter, extrem ambitionierter Akt der Befreiung. Ein verschlungenes Schinkenbrot. Man erzittert heute vor seiner Unverschämtheit. Der Prophet heißt Mahound. Die zwölf Frauen Mohammeds werden gespiegelt in den zwölf Huren eines Bordells. Nicht allein Aufklärung, Blasphemie ist der Ausgang des Menschengeschlechts aus seiner selbst verschuldeten Unmündigkeit. Das Herz wird bei diesem Befreiungsakt bis zum Halse schlagen, aus Euphorie und Panik. Dieser Roman stellt fest, dass man sein Fahrrad ohne Stützräder fahren kann. Jenseits dieses Aktes wartet das Diesseits, er fordert Europa auf, sich seiner selbst zu erinnern. Aber Europa will nicht hören.<strong> </strong></p>
<p style="text-align: right;"><strong>Jürgen Gottschling<br />
</strong></p>
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		<title>Multikulturalismus als Rassismus des Antirassismus &#8211; Je mehr man vor dem Radikalismus der Bärtigen zurückweicht, desto schärfer wird ihr Ton. Appeasementpolitik macht sie nur hungriger. Die Hoffnung, dass Wohlwollen die Rohlinge entwaffnen wird, entbehrt jeder Grundlage!</title>
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		<pubDate>Sat, 04 Sep 2010 09:00:58 +0000</pubDate>
		<dc:creator>admin</dc:creator>
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		<description><![CDATA[&#8220;Was sollte man einem Menschen antworten, der einem sagt, er gehorche lieber Gott als den Menschen, und der sich infolgedessen sicher ist, den Himmel zu verdienen, wenn er einen erdrosselt?&#8221; (Voltaire)&#8221;Kolonialismus und Sklaverei haben im Westen ein Gefühl der Schuld hinterlassen, das dazu verführt, andere Kulturen einfach immer ganz wunderbar zu finden. Diese Haltung ist [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><img title="vorsicht.jpg" src="http://www.rundschau-hd.de/wp-content/uploads/2007/02/vorsicht.jpg" alt="vorsicht.jpg" align="left" /><em>&#8220;Was sollte man einem Menschen antworten, der einem sagt, er gehorche lieber Gott als den Menschen, und der sich infolgedessen sicher ist, den Himmel zu verdienen, wenn er einen erdrosselt?&#8221; (Voltaire)&#8221;Kolonialismus und Sklaverei haben im Westen ein Gefühl der Schuld hinterlassen, das dazu verführt, andere Kulturen einfach immer ganz wunderbar zu finden. Diese Haltung ist denkfaul, wenn nicht rassistisch.&#8221; (Ayaan Hirsi Ali)</em></p>
<p><span id="more-666"></span></p>
<p>Es läßt sich nicht leugnen: Die Feinde der Freiheit kommen zuerst aus den freien Gesellschaften, aus einem Teil jener aufgeklärten Eliten, die der übrigen Menschheit &#8211; ja sogar den eigenen Mitbürgern &#8211; den Genuss demokratischer Rechte verwehren, falls diese das Pech haben, einer anderen Religion oder Ethnie anzugehören als sie selbst.</p>
<p>Wer&#8217;s nicht glauben will, der lese zwei kürzlich erschienene Texte : das Buch des niederländisch-britischen Autors Ian Buruma über den in Amsterdam verübten Mord an Theo van Gogh (1) und die von dem englischen Journalisten und Universitätsprofessor Timothy Garton Ash verfaßte und in der New York Review of Books veröffentlichte Rezension desselben Buches (2).</p>
<p>Ian Burumas nach angelsächsischer Art geschriebene Reportage fasziniert insofern, als sie alle Protagonisten des Dramas, den Mörder wie sein Opfer scheinbar unparteiisch zu Wort kommen läßt. Allerdings kann er seinen Ärger über das Engagement Ayaan Hirsi Alis, einer niederländischen Abgeordneten somalischer Herkunft, nur schlecht verbergen. Ayaan Hirsi Ali war mit Theo van Gogh befreundet und steht selbst unter Morddrohung. Ihre Kritik am Koran bringt Buruma in Verlegenheit. Timothy Garton Ash argumentiert noch brutaler: Als Apostel des Multikulturalismus ist er der Meinung, Ayaan Hirsi Alis Haltung sei zugleich verantwortungslos und kontraproduktiv. Sein Urteil ist erbarmungslos: &#8220;Ayaan Hirsi Ali ist eine mutige, freimütige und leicht vereinfachende Fundamentalistin der Aufklärung.&#8221; (3) Als Beweis dafür dient ihm, daß diese junge Frau, die kein Blatt vor den Mund nimmt, in ihrer Jugend der Muslimbruderschaft in Ägypten angehört und lediglich ein Credo durch ein anderes ersetzt habe:</p>
<p><strong>Den Propheten-Fanatismus durch den Vernunfts-Fanatismus.</strong></p>
<p>Diese Art der Gleichsetzung ist nicht neu: Die Katholische Kirche gebrauchte sie im gesamten 19. Jahrhundert, um Reformen zu blockieren. Im unlängst in Frankreich ausgebrochenen Kopftuchstreit wurde sie von den Gegnern des Gesetzes ins Feld geführt. Im Fall Ayaan Hirsi Alis, die selbst beschnitten wurde und zwangsverheiratet werden sollte, die aus Afrika floh, um in den Niederlanden Asyl zu finden, ist diese Anschuldigung von vornherein falsch: Im Unterschied zu Mohammed Bouyeri, dem Mörder Theo van Goghs, hat sie niemals Mord gepredigt, um ihre Ideen durchzusetzen. In ihrer Autobiographie schreibt sie: &#8220;Der Koran ist Menschenwerk, nicht Gotteswerk. Darum müssen wir uns frei fühlen, ihn zu interpretieren und der modernen Zeit anzupassen, anstatt uns schmerzhaft zu verrenken, um wie die ersten Gläubigen in einer fernen und fürchterlichen Vergangenheit zu leben.&#8221; (4) Hier findet sich keine Spur von Sektierertum. Ihre einzigen Waffen sind die der Überzeugung, der Widerlegung, der Rede. Sie argumentiert mit Vernunft und nicht mit pathologischem Bekehrungseifer.</p>
<p>Die bloße Hoffnung, eines Tages die Tyrannei und den Aberglauben zu besiegen, kann doch wohl nicht als ungesunde Exaltiertheit gelten. Doch Ayaan Hirsi Ali wie auch andere aufbegehrende Musliminnen &#8211; Taslima Nasrin, Wafa Sultan, Irshad Manji, Seyran Ates, Necla Kelek &#8211; hat in den Augen unserer so wohlwollenden Professoren ein unverzeihliches Verbrechen begangen:</p>
<p>Sie nimmt die demokratischen Prinzipien ernst. Wenn sich der Schwache gegen den Starken zur Wehr setzt, ist es bekanntlich bequemer, über ersteren herzufallen als über letzteren. Dem Widerständler wird von den Feiglingen gern vorgeworfen, er fordere den Zorn des Mächtigen heraus.</p>
<p>Nicht ohne Perfidie bestreitet Ian Buruma Ayaan Hirsi Ali das Recht, sich auf Voltaire zu berufen: Dieser habe einer der mächtigsten Institutionen seiner Zeit, der Katholischen Kirche, die Stirn geboten, während sie sich damit begnüge, &#8220;eine verletzliche Minderheit im Herzen Europas&#8221; anzugreifen (5). Dabei vergißt er, daß der Islam keine Grenzen kennt. Die muslimischen Gemeinschaften der Alten Welt haben mehr als eine Milliarde Glaubensanhänger unterschiedlicher Strömungen im Rücken. Sie können zur Vorhut einer fundamentalistischen Offensive oder gerade im Gegenteil zum Beispiel einer vernünftigeren Religiosität werden. Das ist wahrlich keine Lappalie, sondern eine der größten Herausforderungen des 21. Jahrhunderts!</p>
<p>Nicht genug, daß Ayaan Hirsi Ali wie eine Einsiedlerin leben muß, umgeben von Leibwächtern, die sie davor bewahren, daß die Radikalen ihr Versprechen wahr machen und ihr den Hals durchschneiden. Sie muß auch noch &#8211; wie Robert Redeker, der französische Philosoph, den islamistische Webseiten mit dem Tod bedrohen &#8211; , den Spott der Lehnstuhlphilosophen und Oberlehrer über sich ergehen lassen. In Holland hat man sie, sogar von links, als Nazi beschimpft! (6) Demnach wären die Verteidiger der Freiheit also Faschisten, während die Fanatiker als Opfer dastehen! Hier schnappt ein altbekannter Mechanismus ein: Wer sich gegen die Barbarei auflehnt, wird selbst beschuldigt, ein Barbar zu sein.</p>
<p>Das Gleichheitszeichen kommt jedoch in der Politik wie auch in der Philosophie immer einer Abdankung gleich. Wenn denken heißt, seine eigenen Worte abzuwägen, um die Welt treffend zu benennen, also zu vergleichen, dann zeugt die Gleichsetzung vom Scheitern des Denkens:  &#8220;Bush ist gleich Bin Laden&#8221; oder zu sagen, Voltaire sei dasselbe wie Savonarola, heißt, sich mit und zweifelhaften Parallelen zufriedenzugeben. Die Aufklärung wäre dann nur eine weitere Religion &#8211; so verrückt und unnachgiebig wie der Katholizismus der Inquisition oder der radikale Islam. Im Fahrwasser von Heidegger hat eine ganze Denkschule von Gadamer bis Derrida den Anspruch der Aufklärung angefochten, ein neues Zeitalter einer sich selbst bewußten Geschichte zu verkörpern. Im Gegenteil: Dieser philosophischen und literarischen Episode sollen alle Leiden unserer Zeit entsprungen sein: Kapitalismus, Kolonialismus,Totalitarismus. Die Kritik der Vorurteile soll nur ein weiteres Vorurteil sein, womit bewiesen wäre, daß die Menschheit unfähig ist zur Selbsterkenntnis. Dem Wahn einiger Literaten, die mit Gott und der Offenbarung tabula rasa machen wollten, sei es zu verdanken, daß Europa später in die Finsternis hinabgetaucht sei. Durch eine scheußliche Dialektik habe die Erweckung der Vernunft Ungeheuer hervorgebracht (Horkheimer, Adorno).</p>
<p>Daß es tatsächlich einen Fanatismus der Moderne gegeben hat, davon zeugt die gesamte Geschichte des 20. Jahrhunderts. Es ist auch unbestreitbar, daß der Fortschrittsglaube die Gestalt einer Religion samt ihren Hohepriestern &#8211; von Saint Simon bis Auguste Comte über Victor Hugo &#8211; angenommen hatte. Die abscheulichen weltlichen Religionen des Nationalsozialismus und des Kommunismus standen den schlimmsten Gottesstaaten, deren radikale Negation sie &#8211; zumindest im zweiten Fall &#8211; sein wollten, mit ihren todbringenden Ritualen und Massenmorden in nichts nach.</p>
<p>Man hat im 20. Jahrhundert mehr gegen Gott getötet als in seinem Namen. Und doch wurden der Nationalsozialismus und nach ihm der Kommunismus von demokratischen Regierungen entthront, die ihre Inspiration aus der Aufklärung und der Philosophie der Menschenrechte bezogen und die auf Toleranz und Meinungsvielfalt beruhten. Die Romantik hat die Abstraktheit der Aufklärung, ihren Anspruch, einen neuen, von jeglichem religiösen Gefühl, von jeglichem Fleisch befreiten Menschen zu erschaffen, heilsam gemildert. Wir sind heute die Erben beider Bewegungen und wissen die Besonderheit einer nationalen, sprachlichen und kulturellen Verankerung mit der Universalität des Menschengeschlechts in Einklang zu bringen. Schon seit langem übt die Moderne Selbstkritik, stellt ihre eigenen Ideale unter Verdacht und verurteilt die Anbetung einer Vernunft, die blind für die eigene Maßlosigkeit ist. Kurz, bis zu einem gewissen Grad kennt sie ihre Grenzen.</p>
<p>Die Aufklärung hat sich als fähig erwiesen, auch ihre Irrtümer zu überdenken. Kritik an ihren zum Exzeß getriebenen Begriffen ist ein weiterer Beweis der Treue zu ihr. Ja, sie ist so sehr Bestandteil unseres zeitgenössischen geistigen Werkzeugs, daß selbst die von Gott besessenen Eiferer sich auf sie berufen, um ihre Botschaften zu verkünden. Ob wir wollen oder nicht, wir sind die Kinder dieses kontroversen Jahrhunderts, wir sind gezwungen, unsere Väter in der Sprache zu verdammen, die sie an uns weitergegeben haben.</p>
<p>Und weil die Aufklärung selbst ihre ärgsten Feinde besiegen konnte, besteht kein Zweifel, daß sie auch die islamistische Hydra niederringen wird. Vorausgesetzt sie glaubt an sich und ächtet nicht ausgerechnet die wenigen Reformer des Islam.</p>
<p>Wir besitzen heute zwei Vorstellungen von Freiheit: die eine stammt aus dem 18. Jahrhundert und beruht auf der Befreiung von Tradition und Autorität, die andere stammt aus der anti-imperialistischen Anthropologie und nimmt an, daß alle Kulturen die gleiche Würde besitzen und darum nicht nach unseren eigenen Kriterien beurteilt werden dürfen. Der Relativismus empfiehlt uns, unsere vorgeblichen Werte als die Glaubenssätze jenes Stammes anzusehen, der sich &#8220;der Westen&#8221; nennt. Auf diesen Auffassungen beruht der Multikulturalismus: Entstanden 1971 in Kanada, will er vor allem das friedliche Zusammenleben von Bevölkerungsgruppen unterschiedlicher ethnischer oder rassischer Herkunft auf ein und demselben Territorium gewährleisten. Für den Multikulturalismus verfügt jede menschliche Gruppe über eine Einzigartigkeit und Legitimität, die ihr Existenzrecht begründen und ihr Verhältnis zu den anderen definieren. Die Kriterien von Recht und Unrecht, von Verbrechen und Barbarei treten zurück vor dem absoluten Kriterium des Respekts vor dem Anderen. Es gibt keine ewige Wahrheit mehr, der Glaube an sie entspringt einem naiven Ethnozentrismus.</p>
<p>Wer schüchtern daran erinnert, daß Freiheit unteilbar ist, daß ein Menschenleben überall denselben Wert besitzt, daß die Amputation der Hand eines Diebes oder die Steinigung einer ehebrüchigen Frau nirgendwo geduldet werden können, wird im Namen der notwendigen Gleichheit der Kulturen zurechtgewiesen. Wie die anderen leben und leiden, wenn man sie erst einmal in das Ghetto ihrer Eigentümlichkeit eingepfercht hat, darum soll man sich nicht scheren? Man tröstet sich über die Last ihres Schicksals, indem man ihre unantastbare Andersartigkeit hervorhebt. Nun ist es allerdings eine Sache, die Überzeugungen und Riten von Mitbürgern fremder Herkunft anzuerkennen, und eine ganz andere, inselartigen Gemeinschaften den Segen zu geben, die jede Kontamination durch das Fremde abwehren und Schutzwälle zwischen sich und der übrigen Gesellschaft errichten. Wie kann man eine Andersartigkeit akzeptieren, die die Menschen ausgrenzt, statt sie aufzunehmen? Hier stößt man auf das Paradoxon des Multikulturalismus: Er gewährt allen Gemeinschaften die gleiche Behandlung, nicht aber den Menschen, aus denen sie sich bilden, denn er verweigert ihnen die Freiheit, sich von ihren eigenen Traditionen loszusagen. Statt dessen: Anerkennung der Gruppe, Unterdrückung des Individuums. Bevorzugung der Tradition gegen den Willen all jener, die Bräuche und Familie hinter sich lassen, weil sie zum Beispiel die Liebe nach ihrer eigenen Vorstellung leben wollen.</p>
<p>Man vergißt, daß es einen regelrechten Despotismus von Minderheiten gibt, die sich gegen die Assimilation sträuben, solange diese nicht mit einem Status der Exterritorialität und mit Sonderrechten verknüpft ist.</p>
<p>So macht man diese Minderheiten zu Nationen innerhalb der Nationen, die sich dann zum Beispiel zuerst als Muslime und dann erst als Engländer, Kanadier oder Holländer ansehen: Identität gewinnt die Oberhand über Staatsangehörigkeit. Schlimmer: Aus lauter Respekt vor Besonderheiten sperrt man die Individuen erneut in eine rassische oder ethnische Definition, stößt sie zurück in eine Abgrenzung, aus der man sie doch gerade herausholen wollte. Da haben wir den Schwarzen, den Araber, den Pakistani, den Muslim, Gefangene ihrer Geschichte auf Lebenszeit, in ihre Hautfarbe und ihren Glauben verbannt, ganz wie in der Kolonialzeit.</p>
<p>Man verweigert ihnen, was bisher unser Privileg gewesen ist: den Übergang von einer Welt in eine andere, von der Tradition zur Moderne, vom blinden Gehorsam zur Vernunftentscheidung. &#8220;Ich habe die Welt des Glaubens, der Beschneidung (7) und der Ehe für die der Vernunft und der sexuellen Befreiung verlassen. Ich habe diese Reise gemacht und jetzt weiß ich, daß eine dieser beiden Welten ganz einfach besser ist als die andere, nicht wegen ihrer hübschen blinkenden Dinge, sondern wegen ihrer Grundwerte&#8221;, schreibt Ayaan Hirsi Ali in ihrer Autobiographie (8).</p>
<p>Minderheitenschutz bedingt auch das Recht der Angehörigen dieser Minderheiten, sich ihnen ohne Risiko für die eigene Person zu entziehen &#8211; durch Gleichgültigkeit, Atheismus, Mischehe, durch das Vergessen von Klan- oder Familiensolidarität, oder durch das Schmieden eines eigenen Schicksals, das ihnen selbst gehört und nicht in der bloßen Wiederholung der elterlichen Muster besteht.</p>
<p>Mit Rücksicht auf die erlittenen Kränkungen erhebt man die ethnische, sexuelle, religiöse oder regionale Minderheit oft zu einer Art kleiner Nation, bei der auch der maßloseste Chauvinismus in aller Unschuld als Ausdruck einer legitimen Selbstliebe gehandelt wird. Statt die Freiheit als eine den Determinismus aufbrechende Kraft zu feiern, unterstützt man die Wiederholung von Vergangenheit und den Zwang, den die Gemeinschaft auf den Einzelnen ausübt. Randgruppen produzieren zuweilen eine Art von Gesinnungspolizei und fahnenschwenkendem Mikronationalismus, der in einigen Ländern Europas bedauerlicherweise auch noch staatlich gefördert wird. Die Erpressung zu ethnischer, religiöser oder rassischer Solidarität, die Verurteilung Abtrünniger als Verräter, &#8220;Türken vom Dienst&#8221; &#8220;Onkel Toms&#8221; und &#8220;Bountys&#8221; soll jedes Streben nach Autonomie brechen. Unter dem Anschein der Vielfalt schafft man ethnische oder religiöse Kerker, deren Insassen die Privilegien der Mehrheitsgesellschaft verwehrt bleiben.</p>
<p>Daß eine Ayaan Hirsi Ali mit den Sanktionen unserer Intellektuellen zu rechnen hat, ist also kaum überraschend. Nichts fehlt im Porträt, das Timothy Garton Ash von der jungen Frau entwirft, nicht einmal ein altbackener Machismo: Nur die Schönheit und der Glamour der niederländischen Abgeordneten erklären für Ash ihren Medienerfolg, nicht etwa die Triftigkeit ihrer Vorwürfe (9).</p>
<p>Daß der integristische Theologe Tariq Ramadan, dem er flammende Loblieder singt, seinen Ruf auch seinem playboyhaften Aussehen verdanken könnte, fällt Ash nicht ein. Stimmt schon: Ayaan Hirsi Ali durchkreuzt die gängigen Stereotypen der political correctness: Als Somalierin verkündet sie die Überlegenheit Europas über Afrika, als Frau ist sie weder verheiratet noch Mutter, als Muslimin kritisiert sie offen die Rückständigkeit des Korans. daß sie all diese Klischees mit Füßen tritt, macht sie zu einer echten Rebellin im Gegensatz zu den Talmirevolutionären, die unsere Gesellschaften wie am Fließband produzieren.</p>
<p>Was Ian Buruma und Timothy Garton Ash an ihr maßregeln, ist das Verrückte, Hochfahrende, Maßlose und Getriebene, ihr Enthusiasmus. Sie handeln dabei wie jene Inquisitoren, die in jeder etwas zu flamboyanten Frau die vom Satan bewohnte Hexe jagten. Bei der Lektüre ihrer durch und durch herablassenden Äußerungen versteht man, daß der Kampf gegen den muslimischen Fundamentalismus zuallererst auf symbolischer Ebene und zuallererst von Frauen gewonnen werden muß, weil sie der Dreh- und Angelpunkt der Familie und der sozialen Ordnung sind. Sie zu befreien, ihnen in allen Belangen die gleichen Rechte wie den Männern zu gewähren, ist die notwendige Bedingung für einen Fortschritt in den arabisch-muslimischen Gesellschaften. Übrigens: Jedesmal, wenn ein westlicher Staat Minderheitenrechte gesetzlich verankern wollte, waren es Angehörige dieser Minderheiten &#8211; meist Frauen -, die Widerspruch einlegten. Die großzügige Bereitschaft zu einem Entgegenkommen &#8211; etwa die Bestrebungen im kanadischen Staat Ontario, Muslime zumindest in Erb- oder Familienstreitigkeiten nach der Scharia richten zu lassen, oder auch der Vorschlag der ehemaligen Bundesverfassungsrichterin und Sozialdemokratin Jutta Limbach, im deutschen Grundgesetz ein Minderheiten-Statut zu schaffen, das zum Beispiel die Befreiung muslimischer Mädchen vom Sportunterricht erlaubt &#8211; wird wie ein Rückschritt und eine erneute Einkapselung erlebt (10).</p>
<p>Die Mystik des Respekts vorm Anderen, wie sie sich im Westen entwickelt, ist äußerst dubios: Denn Respekt bedeutet etymologisch gesehen &#8220;aus der Ferne betrachten&#8221;. Im 19. Jahrhundert empfand man die Eingeborenen als so fremd, daß es undenkbar war, ihnen das europäische Modell oder gar die französische Staatsbürgerschaft anzutragen. Damals wurde die Andersartigkeit als Minderwertigkeit gedacht, jetzt wird sie wie eine unüberwindbare Distanz erlebt. Auf die Spitze getrieben führt dieses Lob der Autarkie in sattsam bekannt Politikmodelle: Was war die südafrikanische Apartheid anderes als ein wörtlich genommener Respekt vor der Andersheit, bis hin zu dem Punkt, an dem der Andere so verschieden von mir ist, daß er nicht mehr das Recht hat, sich mir zu nähern?</p>
<p>So bremst man aus Sorge um das religiöse Gleichgewicht jede Reformregung innerhalb einer bestimmten Konfession, so sperrt man einen Teil dieser Bevölkerung in einen Minderheitenstatus. So erhält man auf subtile Weise unter dem Mäntelchen der Vielfalt die Segregation aufrecht. Womit bewiesen wäre, daß sich hinter dem Loblied auf die Schönheit aller Kulturen oft genug nur die sattsam bekannte Herablassung der einstigen Kolonialherren verbirgt.</p>
<p>Manche sagen: Der Islam ist erst im 7. Jahrhundert entstanden, er hat einen unvermeidlichen Rückstand. Oder, wie Tariq Ramadan behauptet: Die Masse der Gläubigen ist noch nicht reif genug, eine Praxis wie die Steinigung aufzugeben (er selbst ruft zu einem Moratorium für diese Art von Bestrafung auf, nicht zu deren Abschaffung) (11). Doch diese Auffassung verkennt die &#8220;Ungeduld der Freiheit&#8221; (Michel Foucault), die muslimische Eliten beim Anblick jener laizistischen Nationen ergreift, die sich von den Fesseln des Dogmas und rückständigen Sitten befreit haben.</p>
<p>Die Aufklärung gehört dem Menschengeschlecht und nicht nur einigen Privilegierten aus Europa und Nordamerika &#8211; die sich überdies herausnehmen, sie wie verwöhnte Gören mit Füßen zu treten und anderen vorzuenthalten.</p>
<p>Vielleicht ist der Multikulturalismus angelsächsischer Prägung nichts anderes als eine legale Apartheid, begleitet &#8211; wie so oft &#8211; vom rührseligen Gesäusel der Reichen, die den Armen erklären, daß Geld allein nicht glücklich macht. Wir tragen die Bürde der Freiheit, der Selbstverwirklichung, der Gleichberechtigung der Geschlechter, euch bleiben die Freuden des Archaischen, des Mißbrauchs nach Vorvätersitte, der arrangierten Heiraten, Kopftücher und Vielehen. Angehörige dieser Minderheiten werden unter Denkmalschutz gestellt. Wir sperren sie in ein Reservat, um sie vor dem Fanatismus der Aufklärung und den Kalamitäten des Fortschritts zu bewahren: All jenen, die uns unter dem Sammelnamen Muslime bekannt sind (Maghrebiner, Pakistani, Afrikaner) soll es verboten sein, den Glauben abzulegen, oder nur ab und zu zu glauben, auf Gott zu pfeifen oder sich ein Leben fernab von Koran und Stammesriten aufzubauen.</p>
<p><strong> Multikulturalismus ist ein Rassismus des Antirassismus.</strong></p>
<p>Er kettet die Menschen an ihre Wurzeln. Der Bürgermeister von Amsterdam, Job Cohen, einer der Stützpfeiler des niederländischen Staates, fordert beispielsweise, man solle &#8220;einige muslimisch-orthodoxe Gruppierungen, die bewußt die Frau diskriminieren&#8221;, akzeptieren, weil wir einen &#8220;neuen Klebstoff brauchen, um die Gesellschaft zusammenzuhalten&#8221;. Im Namen des gesellschaftlichen Zusammenhalts lädt man uns ein, jubelnd die Intoleranz zu beklatschen, mit der diese Gruppen unseren Gesetzen begegnen. Man preist folglich die Koexistenz kleiner, abgeschotteter Gesellschaftsgruppen, die jede für sich eine andere Norm befolgen. Wenn man das gemeinsame Kriterium für die Unterscheidung von Recht und Unrecht aufgibt, wird jede Vorstellung von einer nationalen Gemeinschaft untergraben. Ein französischer, britischer, holländischer Staatsbürger unterliegt zum Beispiel der strafrechtlichen Verfolgung, wenn er seine Ehefrau schlägt. Soll seine Tat ungeahndet bleiben, falls sich herausstellt, daß er Sunnit oder Schiit ist? Soll ihm sein Glaube das Recht verleihen, die gemeinschaftlichen Regeln zu brechen? Mit anderen Worten: Man verherrlicht beim Anderen, was man bei sich selbst immer gegeißelt hat: die Abschottung, den kulturellen Narzißmus, den eingefleischten Ethnozentrismus!</p>
<p>In dieser Toleranz liegt Verachtung, denn sie unterstellt, daß einige Gemeinschaften unfähig seien zur Moderne. Und was, wenn das Aufbegehren der britischen Muslime sich nicht nur der rückschrittlichen Sittenstrenge ihrer Anführer verdankt, sondern auch der dunklen Ahnung, daß die staatlichen Aufmerksamkeiten, die ihnen zuteil werden, nichts weiter sind als eine subtile Herablassung, die ihnen bedeuten soll, daß sie allzu zurückgeblieben sind für die moderne Ziviliation? Einige italienische Gemeinden wollen bekanntlich Strände für muslimische Frauen einrichten, damit sie baden können und dabei vor den Blicken der Männer geschützt sind. Schon in zwei Jahren könnte das erste &#8220;islamische Krankenhaus&#8221;, das in allen Punkten den Vorschriften des Korans folgt, in Rotterdam gebaut werden. Man fühlt sich zurückversetzt in die amerikanischen Südstaaten zur Zeit der Rassentrennung &#8211; doch diese Rassentrennung wird vom Who&#8217;s Who der fortschrittlichen Kräfte in Europa nach Kräften unterstützt!</p>
<p>Es gilt einen doppelten Kampf zu führen: Die Minderheiten müssen vor Diskriminierungen geschützt werden (zum Beispiel durch Vermittlung regionaler Sprachen und Kulturen oder durch die Anpassung des Schulkalenders an ihre religiösen Feste), die einzelne Person jedoch muß vor Einschüchterungsversuchen ihrer community geschützt werden.</p>
<p>Und noch ein letztes Argument gegen den Multikulturalismus angelsächsischer Prägung: Er funktioniert nicht. Die Regierungen haben es selbst zugegeben. Nicht genug damit, daß Großbritannien dem Dschihad jahrelang als Asylland gedient hat, mit den bekannten dramatischen Folgen. Nun muß Großbritannien auch noch eingestehen, daß sein auf Kommunitarismus und Separatismus gegründetes Sozialmodell versagt hat. Wie hat man nicht über den französischen Autoritarismus gespottet, als die Assemblee nationale den Frauen und jungen Mädchen das Tragen des Kopftuchs in Schulen und öffentlichen Gebäuden per Gesetz untersagte. Die Frankophobie Timothy Garton Ashs, der seinen Artikel in der New York Review of Books im Departement Seine Saint-Denis beginnen läßt, ist eines Neocons aus Washington würdig! Aber wie läßt sich dann erklären, daß politische Verantwortliche in Großbritannien, Holland und Deutschland unter dem Schock der immer weiteren Verbreitung von Burka und Hidschab ihrerseits erwägen, Gesetze dagegen zu erlassen? (12).</p>
<p>Die Fakten sind grausam. Sie widersprechen den Abwieglern, die Europa dem Islam anpassen wollen statt umgekehrt. Je mehr man vor dem Radikalismus der Bärtigen zurückweicht, desto schärfer wird ihr Ton. Appeasementpolitik macht sie nur hungriger. Die Hoffnung, daß Wohlwollen die Rohlinge entwaffnen wird, entbehrt jeder Grundlage. Auch in Frankreich gibt es Kollaborateure des Dschihadismus, bei den Linksradikalen wie auch bei den Rechten: anläßlich des Karikaturenstreits schlugen Abgeordnete der UMP einen Blasphemie-Paragrafen vor, der das Land glatt ins Ancien Regime zurückversetzt hätte.</p>
<p>Das moderne Frankreich hat sich im Kampf gegen die Hegemonialmacht der Katholischen Kirche herausgebildet, es wird sich zweihundert Jahre nach der Revolution nicht unter das Joch eines neuen Fanatismus begeben. Deshalb sind Bestrebungen eines islamischen Revanchismus insbesondere wahhabitischer Saudis, Muslimbruderschaften, Salafisten und von Al Qaida, die auf Europas Gesellschaften zugreifen und Andalusien zurückerobern wollen, als Kolonialismus zu bekämpfen. (13).</p>
<p>Wie sind Europa und Frankreich laizistisch geworden? Durch den unablässigen Kampf gegen die Kirche und ihren Anspruch, über die Geister zu herrschen, die Widerspenstigen zu bestrafen, Reformen zu blockieren, die Einzelnen, vor allem die ärmsten, im Schwitzkasten der Resignation und der Angst gefangen zu halten. Es war ein unerhört gewaltsames Ringen auf beiden Seiten, mitunter schrecklich und niederträchtig, doch es hatte einen unbestreitbaren Fortschritt zur Folge und erlaubte uns, 1905 das Gesetz über die Trennung von Kirche und Staat zu verabschieden.</p>
<p>Das französische Modell (das später von Mustafa Kemals Türkei nachgeahmt wurde) verdankt sich einem glücklichen Sieg über Obskurantimus und Bartholomäusnächte. Darin besteht seine Überlegenheit. Warum sollten wir dem Islam durchgehen lassen, was wir von Seiten der Kirche nicht mehr dulden? Der Laizismus, dessen Prinzipien übrigens in den Evangelien niedergelegt sind, beruht auf einer Handvoll einfacher Prinzipien: Religionsfreiheit, friedliches Nebeneinander der Religionen, Neutralität des öffentlichen Raumes, Einhalten des Gesellschaftsvertrages und schließlich auf der von allen gebilligten Gewißheit, daß die göttlichen Gesetze nicht über den staatlichen Gesetzen stehen, sondern anderswo wirken, in den Herzen der Gläubigen, in einem Raum privater Andacht.</p>
<p>Frankreich, so die deutsche Philosophin Hanna Arendt, hat seine Kolonisierten gleichermaßen als Brüder und Untertanen behandelt. Die Zeit der Kolonien ist glücklicherweise vorbei. Doch die auf dem Ideal der Gleichheit beruhende republikanische Assimilation setzt voraus, daß allen Menschen, unabhängig von Rasse, Geschlecht und Glauben, die gleichen Rechte zustehen. Dieses Ideal ist bei weitem noch nicht umgesetzt. Es steckt sogar in einer Krise, wie die Unruhen in den Banlieus im November 2005 gezeigt haben. Und doch scheint es mir ein besseres Modell zu sein als die Anbetung der Vielfalt. Gegen das Recht auf Vielfalt muß man unablässig das Recht auf Ähnlichkeit bekräftigen: Was uns verbindet, ist stärker als das, was uns trennt.</p>
<p>Die Standpunkte von Ian Buruma und Timothy Garton Ash liegen auf einer Linie mit jenen der amerikanischen und britischen Regierungen (selbst wenn sie in politischer Hinsicht mit ihnen uneins sind): Die Niederlage George W. Bushs und Tony Blairs in ihrem Krieg gegen den Terror ist auch darauf zurückzuführen, daß sie dem militärischen Kampf den Vorrang vor einem Kampf der Ideen gegeben haben. Die unverbesserliche Frömmelei dieser beiden Regierungsführer, ihre Mischung aus strategischer Protzerei und Blauäugigkeit hat sie daran gehindert, den Kampf da auszutragen, wo es nötig gewesen wäre: auf dem Terrain des Dogmas, der Interpretation der Schriften, einer neuen umfassenden Lektüre der religiösen Texte. (14)</p>
<p>Gestern noch verband sich der Kalte Krieg mit einem globalen Kampf gegen den Kommunismus, in dem das Aufeinanderprallen von Überzeugungen und der kulturelle Kampf, der über Kino, Musik und Literatur ausgetragen wurde, eine wichtige Rolle spielte. Heute beobachten wir nicht ohne Sorge, wie die britische Regierung im Kreis ihrer muslimischen &#8220;Berater&#8221; mit dem Motto kokettiert: Lieber Fundamentalismus als Terrorismus. Dabei sieht sie nicht, daß der eine der Zwillingsbruder des anderen ist, und daß der fundamentalistische Würgegriff Europas Muslime für immer einer möglichen Reform entfremden wird.</p>
<p>Darum ist das Engagement für einen aufgeklärten europäischen Islam von entscheidender Bedeutung: Europa kann ein leuchtendes Beispiel für eine Reform dieses Monotheismus werden, von dem man sich erhofft, daß er eines Tages für die Selbstkritik und die Gewissensprüfung gewonnen werden kann, so wie es das Zweite Vatikanische Konzil im Fall der Katholiken bewirkt hat. Allerdings sollte man sich nicht im Gesprächspartner irren und jene Fundamentalisten als Freunde der Toleranz hinstellen, die nicht mit offenen Karten spielen und sich der Linken und der Intelligentsia bedienen, um ihre Konfession vor der Bewährungsprobe des Laizismus zu bewahren (15).</p>
<p>Die Zeit ist reif für eine große Solidaritätsbewegung zugunsten aller Rebellen in der islamischen Welt, der Ungläubigen, der atheistischen Libertins, der Schismatiker, der Freiheitswächter, so wie wir einst die Dissidenten Osteuropas unterstützt haben. Europa sollte diesen abweichenden Stimmen Mut machen, ihnen finanzielle, moralische und politische Unterstützung zukommen lassen, ihnen eine Patenschaft anbieten, sie einladen und beschützen. Es gibt heute keine heiligere, ernsthaftere und für die Eintracht zukünftiger Generationen entscheidendere Aufgabe. Doch unser Kontinent geht mit selbstmörderischer Unwissenheit vor den Gottesverrückten in die Knie und knebelt oder verleumdet die freien Denker. Selig die Skeptiker, die Ungläubigen, die die tödliche Glut des Glaubens erkalten lassen!</p>
<p>Ist es nicht seltsam? 62 Jahre nach dem Ende des Dritten Reichs und 16 Jahre nach dem Fall der Berliner Mauer hat ein wichtiger Teil der europäischen Intellektuellen nichts besseres zu tun, als die Freunde der Demokratie anzuschwärzen. Sie wollen, daß wir nachgeben, zurückweichen, sie propagieren eine Aufklärung light. Dabei sind wir noch weit entfernt von den ungleich dramatischeren Umständen der dreißiger Jahre, als sich die besten Köpfe im Namen von Rasse, Klasse oder Revolution Berlin oder Moskau in die Arme warfen. Die heutige Gefahr ist diffuser, zersplitterter. Da gibt es nichts, was der übermächtigen Gefahr des Dritten Reiches ähnlich wäre. Selbst das Regime der Mullahs in Teheran ist ein Papiertiger, den ein Mindestmaß an Härte in die Knie zwingen würde. Und doch wimmelt es nur so von Priestern der Erschlaffung. Kant definierte die Aufklärung durch eine Devise: &#8220;Sapere aude! &#8211; Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen!&#8221; Eine Kultur des Muts &#8211; vielleicht ist es das, was unseren Seelsorgern fehlt. Sie sind die Symptome eines müden und von Selbstzweifeln geplagten Europas, das beim leisesten Alarm in Deckung geht. Hinter ihrer klebrigen Gutmenschenrhetorik spielt eine andere Musik: die der Kapitulation!</p>
<p>Der Autor, Pascal Bruckner, Jahrgang 1948, ist Romancier und Essayist. Er studierte unter anderem an der Sorbonne und der Ecole pratique des hautes etudes. Sein Doktorvater war Roland Barthes. Als Essayist gehört er zum Umkreis der &#8220;nouveaux philosophes&#8221;. Eines seiner bekanntesten Bücher sind die &#8220;Tränen des weißen Mannes&#8221; (Le Sanglot de l&#8217;homme blanc) von 1983, das &#8220;Tiermondisme&#8221;, einen Schuldkomplex der westlichen Welt gegenüber der &#8220;Dritten Welt&#8221; thematisiert. Sein Roman &#8220;Lunes de fiel&#8221; wurde von Roman Polanski verfilmt. Zuletzt erschien der Essay &#8220;La tyrannie de la penitence : Essai sur le masochisme occidental&#8221;.</p>
<p><strong>Fußnoten:</strong></p>
<p><em>(1) Ian Buruma: &#8220;Murder in Amsterdam: The Death of Theo Van Gogh and the Limits of Tolerance&#8221;, New York (Penguin Press) 2006</em></p>
<p><em>(2) &#8220;Islam in Europe&#8221; in: New York Review of Books, 5. Oktober 2006</em></p>
<p><em>(3) &#8220;Ayaan Hirsi Ali is now a brave, outspoken, slightly simplistic Enlightenment fundamentalist.&#8221; Auch Buruma spricht von &#8220;Enlightenment fundamentalists&#8221;, s. Seite 27 seines Buchs.</em></p>
<p><em>(4) Ayaan Hirsi Ali: &#8220;Mein Leben, meine Freiheit&#8221;, München (Piper) 2006</em></p>
<p><em>(5) Buruma, ebd., s. 179.</em></p>
<p><em>(6) Laut Ian Buruma vergleicht der bekannte holländische Autor Geert Mak Ayaan Hirsi Alis Film &#8220;Submission&#8221; mit dem antisemitischen Propagadafilm der Nazis &#8220;Jud Süß&#8221; (&#8220;Murder in Amsterdam&#8221;, Seite 240)</em></p>
<p><em>(7) Zur Information: 30.000 Frauen afrikanischer Herkunft wurden in Frankreich beschnitten und 30.000 junge Mädchen sind in den kommenden Jahren davon bedroht. Frankreich war lange Zeit das einzige Land, das die Beschneiderinnen strafrechtlich verfolgte. Das Gesetz vom 4. April 2006 hat die Maßnahmen weiter verschärft. Seit Oktober 2004 wird die chirurgische Wiederherstellung der Klitoris von den Krankenkassen übernommen.</em></p>
<p><em>(8) Ayaan Hirsi Ali, &#8220;Mein Leben&#8230;&#8221;</em></p>
<p><em>(9) Timothy Garton Ash, im bereits zitierten Artikel: &#8220;Ayaan Hirsi Ali ist für Journalisten einfach unwiderstehlich: eine große, auffallend schöne, exotische, mutige und freimütige Frau mit einer bemerkenswerten Lebensgeschichte, die in ständiger Bedrohung lebt und Gefahr läuft, wie auch van Gogh, ermordet zu werden. (&#8230;) Es ist gegenüber Frau Ali sicher nicht respektlos anzudeuten, daß ihre Geschichte und ihre Ansichten kein so großes Interesse hervorgerufen hätten, wäre sie klein, buckelig und schielend gewesen.&#8221;</em></p>
<p><em>(10) Jutta Limbach: &#8220;Making multiculturalism work&#8221;, in: signandsight.com</em></p>
<p><em>(11) Er hat diese Ansicht erneut vertreten, während dem auf einem französischen Sender ausgestrahlten Fernsehduell mit Nicolas Sarkozy vom 20. November 2003. Sein Bruder Hani Ramadan, der ebenfalls Schweizer Staatsbürger ist, findet diese Art der Bestrafung gerechtfertigt.</em></p>
<p><em>(12) Verschiedenen Umfragen zufolge fühlen sich 87 Prozent der britischen Muslimen vor allem als Muslime; in Frankreich sind es 46 Prozent. Die Mehrheit der Muslime sind also dem republikanischen Ideal verhaftet und stellen ihre religiösen Prinzipien hinter der Treue zur französischen Nation zurück.</em></p>
<p><em>(13) Hier zur Erinnerung Al Qaidas Verlautbarung vom 18. September 2001: &#8220;Wir werden das Kreuz zerschlagen. Ihr werdet nur zwischen dem Islam und dem Schwert wählen können.&#8221; Und im September 2006, nach der Regensburger Rede des Papstes Benedikt XVI. über Gewalt und Religion, schwenkten Demonstranten in Jerusalem und Nablus Spruchbänder mit der Aufschrift: &#8220;Rom zu erobern, ist die Lösung&#8221;. Scheich Yusuf al-Qaradawi, geistiger Führer der Muslimischen Bruderschaft und Mentor von Tarik Ramadan, der auf Al-Dschasira sein Unwesen treibt, hat in einer seiner berühmtesten Predigten erklärt, er sei sich sicher, daß &#8220;der Islam als siegreicher Eroberer nach Europa zurückkehren werde, nachdem er zweimal von dort vertrieben wurde. Dieses Mal wird die Eroberung nicht durch das Schwert erfolgen, sondern durch Predigt und Ideologie.&#8221; Nebenbei gibt al-Qaradawi grünes Licht für Selbstmordattentate.</em></p>
<p><em>(14) 2004 hat Tony Blair zur Weihnachtszeit zwei Arten von Grußkarten drucken lassen, von denen die eine Nichtchristen bestimmt war und Christi Geburt in keiner Weise erwähnte. Welch ein Paternalismus steckt hinter dieser schrecklich gutmeinenden Geste!</em></p>
<p><em>(15) Über Tarik Ramadans Doppelzüngigkeit und seinen tiefsitzenden Antisemitismus: Für den schlechten Ruf seines Großvaters Hassan al-Banna, Gründer der Muslimischen Bruderschaft in Ägypten, macht er die Machenschaften der zutiefst reaktionären &#8220;zionistischen Lobby&#8221; verantwortlich. Sehr zu empfehlen ist in diesem Zusammenhang das sehr gut recherchierte und überzeugende Buch von Caroline Fourest, &#8220;Frere Tariq&#8221; (Paris, Grasset, 2004). Die Autorin wurde nach der Veröffentlichung ihres Buches physisch bedroht, auf der Webseite der Freunde Ramadans, Ouma.com, einer Hetzjagd ausgesetzt und mußte einige Zeit lang unter Polizeischutz gestellt werden.</em></p>
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		<title>Voltaires fanatismuskritisches Hauptwerk &#8220;Mahomet&#8221; und Goethe</title>
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		<pubDate>Thu, 02 Sep 2010 11:00:40 +0000</pubDate>
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		<description><![CDATA[An Ermunterung und anteilnehmendem Interesse durch den damaligen Vorzeige-Herrscher der Aufklärung Friedrich den Großen an Voltaires Stück, das von einem Kameltreiber handelt, der vorgeblich Kontakt zu einem Erzengel hatte und sich fortan Prophet nannte, fehlte es wahrlich nicht:
Für den Westen geht es seit geraumer Zeit ans Eingemachte. Daß der Chefredakteur von „France Soir“ entlassen wurde, [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>An Ermunterung und anteilnehmendem Interesse durch den damaligen Vorzeige-Herrscher der Aufklärung Friedrich den Großen an Voltaires Stück, das von einem Kameltreiber handelt, der vorgeblich Kontakt zu einem Erzengel hatte und sich fortan Prophet nannte, fehlte es wahrlich nicht:<span id="more-181"></span></p>
<p>Für den Westen geht es seit geraumer Zeit ans Eingemachte. Daß der Chefredakteur von „France Soir“ entlassen wurde, weil er <a href="http://www.rundschau-hd.de/archives/51/">Kritik am muslimischen Religionsstifter</a> zu üben wagte, genauer: weil er Dokumente dieser Kritik zur Veröffentlichung freigab -, das wird von westlichen Journalisten mit Sorge gesehen und, zumal von dessen Kollegen zu Recht als ein Schlag ins Gesicht der französischen Identität betrachtet. Wer in (nicht nur) Frankreich auch nur über ein Minimum an literarischen Kenntnissen verfügt, denkt in dieser Angelegenheit sofort an Voltaires berühmte Tragödie „Mahomet“. Sie gilt auch heute noch als ein Schlüsseltext der europäischen Aufklärung. 1740 vollendet, 1742 uraufgeführt, in einem Akt maliziöser Diplomatie dem damaligen Papst Benedikt XIV. gewidmet, der sie gütigst entgegennahm, wurde das Stück schnell zu einem Politikum der geistigen Welt. In Deutschland hat sich kein Geringerer als Goethe für seine Verbreitung eingesetzt. Er selbst übertrug es 1802 ins Deutsche.</p>
<p><img id="image340" title="voltaire.jpg" src="http://www.rundschau-hd.de/wp-content/uploads/2006/11/voltaire.jpg" alt="voltaire.jpg" align="left" /></p>
<p><strong>Voltaire</strong> selber wiederum hat bei der Entstehung Ermunterung und anteilnehmendes Interesse durch den damaligen Vorzeige-Herrscher der Aufklärung Friedrich den Großen erfahren &#8211; so ist das Stück auch vielfältig mit der deutschen Geistesgeschichte verknüpft. Keinem anderen Gesprächspartner gegenüber hat sich der große Franzose so ausführlich über Sinn und Ziel seines fanatismuskritischen Hauptwerks ausgesprochen wie gegenüber dem Preußenkönig.</p>
<p><strong>Voltaire an „Ew. Majestät“</strong></p>
<p>In seinem großen Brief an Friedrich II. vom Dezember 1740 hält er zunächst einmal fest: „Ew. Majestät wissen, welcher Geist mich beseelte, als ich dieses Werk verfaßte. Die Liebe zum Menschengeschlecht und das Grauen vor Fanatismus haben meine Feder geführt.“ Eine krude Handlung, die Vatermord und blutschänderischen Beischlaf als Folge übertriebener Gottesfürchtigkeit zeigt, sollte Voltaire zufolge auf ein allgemeines Problem hinweisen, keineswegs nur Kritik am muslimischen Fundamentalismus sein. „Bis zu den ältesten Verbrechern“ zurück, so Voltaires These, reiche das Verbrechen aus religiösem Fanatismus. Auch die französische, die zivilisierte Welt seiner Gegenwart sei von dieser Versuchung nicht gefeit: „In demselben Jahrhundert, in dem auf der einen Seite die Vernunft ihren Thron errichtet, sieht man auf der anderen Seite den absurdesten Fanatismus und Aberglauben seine Altäre bauen“, schreibt Voltaire an Friedrich.<br />
Mag die Quintessenz des Stückes auch auf die vielzitierte Formel zulaufen: „Der Geist der Milde zeugt Brüder, jener der Intoleranz aber Ungeheuer“ und also eine allgemeine Wahrheit aussprechen, im Kern ist das Stück natürlich doch eine Auseinandersetzung mit dem sehr speziellen Fanatismus muslimischer Prägung.</p>
<p><strong>Voltaires Mohammed-Bild: Vom Kamelhändler via Treffen mit Erzengel zum Propheten</strong></p>
<p>Was Voltaire von Mohammed hielt, den er sowahl aus der Biographie Boulainvilliers kannte wie auch aus einer englischen Übersetzung des Korans, läßt an Deutlichkeit nichts zu wünschen übrig:</p>
<p>„Ich gebe zu, daß wir ihn hochachten müßten, wenn er, als legitimer Herrscher geboren oder mit Zustimmung der Seinen an die Macht gelangt, Gesetze des Friedens erlassen hätte. Doch daß ein Kamelhändler in seinem Nest Aufruhr entfacht, daß er mit ein paar Koreischititen“ &#8211; Stammesmitglieder &#8211; „seine Brüder glauben machen will, daß er sich mit dem Erzengel Gabriel unterhielte; daß er sich damit brüstet, in den Himmel entrückt worden zu sein und dort einen Teil jenes unverdaulichen Buches empfangen zu haben, das bei jeder Seite den gesunden Menschenverstand erbeben läßt, daß er, um diesem Werke Respekt zu verschaffen, sein Vaterland mit Feuer und Eisen überzieht, daß er Väter erwürgt, Töchter fortschleift, daß er den Geschlagenen die freie Wahl zwischen Tod und seinem Glauben läßt: Das ist nun mit Sicherheit etwas, das kein Mensch entschuldigen kann, es sei denn, er ist als Türke in die Welt gekommen, es sei denn, der Aberglaube hat in ihm jedes natürliche Licht erstickt.“</p>
<p><strong>Sehen wir das mal differenzierter</strong></p>
<p>Mohammed, der „obskure Kamelhändler, auf dessen religiöse Lehren nur geistig minderbemittelte Türken hereinfallen“, das war natürlich auch für die Zeit Friedrichs des Großen und Ludwigs XV. starker Tobak, den wir heute differenzierter sehen. Aber in seiner Diagnostik der psychologischen Grundvoraussetzungen für Mohammeds großen Erfolg erwies sich der französische Aufklärer denn doch von einiger Weitsicht.</p>
<p>Der klassische Glaubenskrieger, so erklärte es Voltaire dem Preußenkönig, seien junge, ledige Männer um die zwanzig &#8211; wie die Hauptfigur Séide in seinem Stück. Doch: „Balthasar Gérard (der Attentäter Wilhelms von Oranien) „war zwanzig. Vier Spanier, die sich mit ihm verschworen hatten, den Prinzen zu töten, waren im selben Alter. Das Monstrum, das Heinrich III. mordete, zählte dreiundzwanzig Jahre. Poltrot, der den großen Herzog von Guise tötete, war fünfundzwanzig; das ist das Alter für Verführung und Raserei.“ Auch dies ist also kein Problem der muslimischen Welt allein.</p>
<p>In Voltaires „Mahomet“ werden anthropologische Konstanten verhandelt. Deshalb hat das Stück bis heute seine Gültigkeit bewahrt. Mag es unter anderem dazu dienen, personalpolitische Fehlentscheidungen in den französischen Medien rückgängig zu machen und Fundamentalisten jeder Coleur auf den Teppich zu holen.</p>
<p><strong>Jürgen Gottschling</strong></p>
<p><a id="p186" href="http://www.rundschau-hd.de/wp-content/uploads/2006/11/1agoethes-mahomet-1.pdf">Goethes Übertragung des Voltairschen Textes (PDF)</a><br />
<span style="color: #000000;"><em>J. W. v. Goethe: Mohamet &#8211; Trauerspiel in fünf Aufzügen, nach Voltaire</em></span></p>
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		<title>Thilo Sarrazin stellt richtige Fragen und bietet zudem die richtigen Antworten. Immer mal wieder: Der Geist, der  stets verNEINt wider die Wahrheit &#8211; Halali! …</title>
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		<pubDate>Wed, 01 Sep 2010 10:48:48 +0000</pubDate>
		<dc:creator>admin</dc:creator>
				<category><![CDATA[Abstimmung-Kontrovers]]></category>
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		<description><![CDATA[Thilo Sarrazins Buch ist ein Stoß mitten ins Herz der bundesdeutschen Political Correctness, ein Frontalangriff auf Deutschlands Multikulturalisten, xenophile Einäugige und Pauschalumarmer. Die vereinte Riege der Berufsempörer, Sozialromantiker und Beschwichtigungsapostel zerreißt ein Buch in der Luft, das sie nicht gelesen hat ……  (ausgenommen vielleicht jene stoßatmig erschnüffelten Passagen darin, die Sarrazin als Rassisten entlarven sollen [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Thilo Sarrazins Buch ist ein Stoß mitten ins Herz der bundesdeutschen Political Correctness, ein Frontalangriff auf Deutschlands Multikulturalisten, xenophile Einäugige und Pauschalumarmer. Die vereinte Riege der Berufsempörer, Sozialromantiker und Beschwichtigungsapostel zerreißt ein Buch in der Luft, das sie nicht gelesen hat …<span id="more-5427"></span>…  (ausgenommen vielleicht jene stoßatmig erschnüffelten Passagen darin, die Sarrazin als Rassisten entlarven sollen &#8211; wenige Zeilen in einem Buch von fast 500 Seiten). Da bläst eine schrille Kakofonie zum moralinsauren Halali! Wobei öffentliche Meinung und die der politischen Klasse selten so diamentral auseinander gelegen haben. Tatsächlich weist die ganze Lektüre den Autor als einen Kenner der Migrations- und Integrationsszene aus, der aus dem Vollen schöpft und dabei das Elend einer Immigrationspolitik entblößt, an der die Integration der muslimischen Minderheit bisher gescheitert ist.</p>
<p>Seine Gegner machen sich nun aber bezeichnenderweise nicht daran fest, was Thilo Sarrazin kritisiert, sondern wie er es getan hat. Zum Beispiel so: &#8220;Ich muss niemanden anerkennen, der vom Staat lebt, diesen Staat ablehnt, für die Ausbildung seiner Kinder nicht vernünftig sorgt und ständig neue kleine Kopftuchmädchen produziert.&#8221; Dieser empirisch leicht nachweisbare Tatbestand hätte auch weniger blumig ausgedrückt werden können. Und so hat sich denn schon im vorigen Jahr mancher Sarrazin-Sympathisant Formulierungen gewünscht, die Dauerverdrängern wie Christian Ströbele, Claudia Roth oder Renate Künast weniger zugearbeitet hätten.</p>
<p>Ähnliches auch diesmal wieder, anlässlich Thilo Sarrazins Kurztrip in die Welt der Gene von Juden und Basken, der mir, einst unter die NS-Rassengesetze gefallen, keinen Adrenalinstoß versetzte, den Kuschelpädagogen allerdings den willkommenen Vorwand liefert, die haarsträubenden Zustände in den muslimischen Parallelgesellschaften wie bisher unkommentiert zu lassen.</p>
<p>Das Thema aber, das Sarrazins Buch auf eine neue Ebene des nationalen Bewusstseins katapultiert hat, wird noch dann aktuell sein, wenn die Wogen einer artifiziellen Empörung längst verlaufen sind: das enorme Integrationsdefizit der muslimischen Minderheit in Deutschland!</p>
<p>Die Lehren über die Seiten hin: Es gibt keine Integration, ohne die Überwindung der Hemmnisse, die aus Sitten, Gebräuchen und Traditionen der muslimischen Minderheit selbst kommen!</p>
<p>&#8220;Der Kampf um die Integration der Muslime in Deutschland ist nicht verloren, aber er wird verloren gehen, wenn die Muslime diese Integration nicht auch als eigene Bringschuld begreifen. Wenn sie nicht Loyalität gegenüber diesem Land zeigen und nicht bereit sind zur Versöhnung ihrer Religion mit der Moderne.&#8221; Ja!</p>
<p>Doch schreibt das nicht Sarrazin, sondern Benjamin Idriz, ein islamischer Funktionär aus der bayerischen Provinz. Aber genau das ist es, was Sarrazin postuliert.</p>
<p>Er hat doch Recht, wenn er schreibt, große Teile der Migranten sind weder integrationsfähig noch -willig, und dass es legitim ist, darüber nachzudenken. Und was ist falsch daran, wenn er konstatiert, dass die Geburtenrate umso höher liegt, je niedriger die soziale Schicht ist? Und dass Nachdenken auch darüber nichts mit Rassismus zu tun hat?</p>
<p>Und er hat doch Recht, wenn er schreibt, dass sich die Migranten muslimischer Herkunft bei der Integration schwerer tun als andere Migrantengruppen. Und was ist falsch daran, wenn er die Wirklichkeit beschreibt, wie sie ist, und nicht, wie sie seit Jahren gefälscht wird &#8211; als eine multikulturelle Idylle mit kleinen Schönheitsfehlern, die durch sozialtherapeuthische Maßnahmen behoben werden könnten?</p>
<p>Ich lese Thilo Sarrazins &#8220;Deutschland schafft sich ab&#8221; wie eine Enzyklopädie des Migrations-Integrationskomplexes in seiner deutschen und europäischen Dimension, wie ein Lehrbuch, das der dritten und vierten Generation von Zugewanderten Hemmnisse aus dem Weg räumen könnte.</p>
<p>Dazu gehört eine furchtlose Sprache, und die spricht er.</p>
<p>Es bleibt die Ehre der Nation (und Sarrazin nimmt ihr nichts), jeden Eingewanderten, Fremden oder Ausländer gegen die Pest des Rassismus und seine Komplizen zu schützen. Gleichzeitig aber ist es bürgerliche Pflicht, sich gegen Tendenzen aus der muslimischen Minderheit zu wehren, die jenseits von Lippenbekenntnissen den freiheitlichen Errungenschaften der demokratischen Republik und ihrem Verfassungsstaat ablehnend bis feindlich gegenüberstehen.</p>
<p>Deshalb Schluss mit der deutschen Feigheit, Kritik an der Politik fundamentalistischer Verbandsfunktionäre oder gar am Islam selbst zu üben. Schluss vor allem mit dem niederträchtigsten aller niederträchtigen Totschlagargumente der Political Correctness: &#8220;Wer sich kritisch äußert, der macht die Sache der Nazis von heute.&#8221; Umgekehrt wird ein Schuh draus: Haben doch gerade die staatlichen und nichtstaatlichen Weichzeichner jene unerträglichen Zustände in der Migrantenszene geschaffen, auf die sich die wirklichen, die echten Rassisten berufen. Es sind diese professionellen Kreidefresser, die Deutschland in die Misere der gescheiterten Integration gesteuert haben, Repräsentanten jener total verfehlten Immigrationspolitik, die aus Furcht, ausländerfeindlich geschimpft zu werden, die berechtigten Eigennutzinteressen des Aufnahmelandes sträflich außer acht ließ.</p>
<p>Sarrazins Buch richtet das Auge auch auf den historischen Hintergrund: darauf, dass hier zwei Kulturkreise von höchst unterschiedlichem Entwicklungsstand zusammenstoßen: der judäo-christliche, der in den vergangenen fünfhundert Jahren mit Renaissance, Aufklärung, bürgerlichen Revolutionen und ihrer Fortschreibung einen gewaltigen Sprung nach vorn getan hat, während der andere, der muslimische Orbit nach kulturellen Höchstleistungen, die Europa nur beschämen konnten, seither auf verstörende Weise stagniert.</p>
<p>Es liegt im innersten Interesse der türkisch dominierten muslimischen Minderheit in Deutschland, sich von allen integrationsfeindlichen Kräften zu distanzieren und sie zu überwinden. Voraussetzung für eine Eingliederung, die diesen Namen verdient hat. Und da kann man manches von Sarrazin lernen.</p>
<p>Migration, Integration &#8211; sie sind längst zur Schicksalsfrage der deutschen Geschichte des 21. Jahrhunderts geworden. Ihr derzeitiger Sprecher jedenfalls heißt Thilo Sarrazin.</p>
<p style="text-align: left;">Postskriptum: Ich hätte mir Sarrazin gern öffentlich emotionaler gewünscht, und in den Debatten offensiver, mit mehr persönlicher Empathie für die ungezählten Menschen aus der türkisch dominierten muslimischen Minderheit, die höchst liebenswert sind, aber auf Grund kultureller Verschiedenheit dennoch ihre Probleme mit der Mehrheitsgesellschaft haben, wie umgekehrt diese mit ihnen. Wenn ich Kinder sehe aus muslimischem Milieu, dann ist mein erster, allererster Gedanke: Es soll ihnen gut gehen, heute und erst recht morgen, es soll ihnen, verdammt noch mal, gut gehen, Allah hin, Mohammed her! Dass Sarrazin solche Gedanken nicht geäußert hat, braucht ja nicht bedeuten, dass sie ihm fremd sind.</p>
<p style="text-align: left;">Thilo Sarrazin: Deutschland schafft sich ab. Wie wir unser Land aufs Spiel setzen. DVA, München. 463 S., 22,99 Euro.</p>
<p style="text-align: right;"><strong>Ralph Giordano</strong></p>
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