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	<title>Neue Rundschau</title>
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		<title>Alles für Alle? &#8211; Soll das Urheberrecht verändert werden. Und wenn ja &#8211; dann aber wie?</title>
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		<pubDate>Thu, 02 Feb 2012 18:11:36 +0000</pubDate>
		<dc:creator>admin</dc:creator>
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		<description><![CDATA[US-Behörden haben wegen des Vorwurfs der Internetpiraterie und gezielter Urheberrechtsverstöße die Datentausch-Plattform Megaupload.com dicht gemacht, die Chefs, unter anderem der deutsche Gründer Kim Schmitz, sitzen in Neuseeland in Haft. Als Rache legten Netzaktivisten Webseiten von FBI und US-Musikindustrie lahm. Der Streit ums Urheberrecht im Netz scheint eine Neverending Story. Markus Beckedahl, Vorsitzender des Digitalen Gesellschaft [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>US-Behörden haben wegen des Vorwurfs der Internetpiraterie und gezielter Urheberrechtsverstöße die Datentausch-Plattform Megaupload.com dicht gemacht, die Chefs, unter anderem der deutsche Gründer Kim Schmitz, sitzen in Neuseeland in Haft. Als Rache legten Netzaktivisten Webseiten von FBI und US-Musikindustrie lahm. Der Streit ums Urheberrecht im Netz scheint eine Neverending Story.<span id="more-7209"></span><br />
Markus Beckedahl, Vorsitzender des Digitalen Gesellschaft e.V., <a href="http://www.frisch-gebloggt.de/spezial/interview-mit-markus-beckedahl-von-netzpolitik-org/ ">erklärte</a> in einem Interview mit frisch-gebloggt.de: “Meiner Meinung nach ist das Urheberrecht nicht mehr zeitgemäß, es sollte verändert werden.” “Passende niedrigschwellige Geschäftsmodelle im Netz” würden fehlen, <a href="http://www.zeit.de/digital/internet/2012-01/interview-markus-beckedahl-acta-sopa/seite-2">erläutert </a>Beckedahl auf “Zeit Online”: “Der Musikbereich zeigt: Werden Angebote gemacht, die einfach zu nutzen sind und eine große inhaltliche Vielfalt bieten, dann beginnen die Nutzer auch, Musik zu kaufen. Das fehlt beispielsweise im E-Book-Bereich. Dort ist es mir bislang kaum möglich, ohne Kopierschutz und Gängelungen günstige Bücher zu kaufen. Die sind teilweise genau so teuer wie gedruckte Bücher, nur dass ich keine Freiheiten habe. Ich darf diese Bücher weder verleihen noch weiterverkaufen.” Im Filmbereich dasselbe Problem. Es gebe so gut wie kein Angebot. Aber ist so etwas wie eine Kulturflatrate -  eine Art Pauschalabgabe – eine Lösung?<br />
Medienmanager Dieter Gorny, der sich in der Vergangenheit für Netzsperren, die Speicherung von Vorratsdaten und eine harte Bestrafung von Urheberrechtsverletzungen im Internet einsetzte, <a href="http://blog.zdf.de/hyperland/2011/06/dieter-gorny-wir-muessen-reden/ ">fordert</a> auf Hyperland: “Wir müssen uns endlich mit allen Beteiligten darüber unterhalten, wie wir die Zukunft gestalten.” Die Debatte, was aus den Verwertern wird, spiele dabei keine zentrale Rolle, so Gorny. Die Diskussion um Urheberrecht müsse viel weiter gehen. “Es geht um die Zukunft des Inhaltes in einem neuen Medium.” Das Internet sei ein neues Medium, aber ein Medium ohne Inhalte sei nichts.  “Wir tun so, als wäre das Buch die Literatur, aber ohne Inhalt hätten wir nur leere Seiten.”<br />
Olaf Zimmermann, Geschäftsführer des Deutschen Kulturrats, <a href="http://ondemand-mp3.dradio.de/file/dradio/2012/01/02/drk_20120102_2308_f3a023b2.mp3">erklärt</a> im Interview mit dem Deutschlandfunk: “Es kann niemandem daran gelegen sein, das Urheberrecht so stark zu beschneiden, dass die kulturelle Vielfalt leidet. Weil wenn Künstler es sich nicht mehr leisten können […], dann werden sie die Künste dauerhaft auch nicht mehr produzieren können.”<br />
Mein, dein, unser? Die Diskussion ist in vollem Gange.</p>
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		<title>Macht kaputt, was Euch kaputt macht und so weiter &#8230;</title>
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		<pubDate>Thu, 02 Feb 2012 15:33:54 +0000</pubDate>
		<dc:creator>admin</dc:creator>
				<category><![CDATA[Allgemein]]></category>
		<category><![CDATA[Sapere aude]]></category>

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		<description><![CDATA[Über Demonstrationskultur Es hilft nix: Keinem Karikaturisten läßt sich verbieten, mit Europa beschriftete Kühe zu zeichnen, die auf „Steuerzahler“ heißenden Weiden stehen, oder, andersherum, Kühe, die „Steuerzahler“ genannt werden, während dann ein Melker als „EG-Haushalt“ firmieren muß. Mit keinem Argument lassen sie es sich abgewöhnen, „aufgespießt“ heißt es mal hier, oder ist da mit „spitzer [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Über Demonstrationskultur<span id="more-7204"></span><br />
Es hilft nix: Keinem Karikaturisten läßt sich verbieten, mit Europa beschriftete Kühe zu zeichnen, die auf „Steuerzahler“ heißenden Weiden stehen, oder, andersherum, Kühe, die „Steuerzahler“ genannt werden, während dann ein Melker als „EG-Haushalt“ firmieren muß.<br />
Mit keinem Argument lassen sie es sich abgewöhnen, „aufgespießt“ heißt es mal hier, oder ist da mit „spitzer Feder“ geschrieben, wiewohl die Benutzung einer gemeinschaftlich genutzten Schablone um einiges wahrscheinlicher ist, mit der sie einen zipfelbemützten teutschen Michel zeichnen, oder einen Kapitalisten mit Bowler-Hut. Ebensowenig läßt sich einem Demonstranten untersagen, Pappsärge mit den Aufschriften „Demokratie“, „Frieden“ oder „Sozialstaat“ mit sich herumzutragen; zum einen sind die jeweils dran seienden Artefakte meist bereits ins Alter gekommen, weil man sich aber so schön an sie und aneinander gewöhnt hat, werden sie immer mal wieder ans Licht geholt; andererseits ist eben in gar die meisten Protestschädel nicht einmal die simple Wahrheit hineinzutrichtern, daß die Zumutungen, die die gesellschaftliche Wirklichkeit bereithält, nicht mit ebenso scheußlichen ästhetischen Mitteln bekämpft werden können.<br />
Der Einsatz von Lautsprecherwagen, die in den 2000er Jahren noch immer „Ton Steine Scherben“s „Macht kaputt, was euch kaputt macht“ dröhnend einer Demonstration voranfahren, ist etwa ebenso nützlich und klug, wie das stereotype „Hopp, hopp, hopp, irgend etwas stop !“ Geblöke von Demonstranten, die sich, derweil sie es vorziehen, sich in der Masse zu blamieren, dann doch lieber gleich zur Love Parade gehen sollten. Aber dorten sind ja Sprüche wie diese nicht loszuwerden: „Jeder Mann und jede Frau, gegen den Sozialabbau“. Apropos Sozialabbau &#8211; da sind dann die Ärzte nicht weit: „Arzt und Patient, keine Kasse trennt“. Oder: „Die Kassen bauen manch Palais und sparen am Therapiebudget“. Gönnen wir uns einen Lichtblick: Als kürzlich Germanistikstudenten gegen Mittelstreichungen für die Unibibliothek auf die Straße gingen, hatten sie nicht nur &#8211; was Wunder &#8211; einen Pappsarg mit der Aufschrift „Germanistik“ dabei, sondern sie lasen &#8211; gleichsam zum eindrucksvollen Beweis, daß der Literatur existentielle Notwendigkeit sich immer aus der Literatur ableitet &#8211; ihre Lieblingstexte vor: Ein Gedicht von Erich Fried etwa, aber gleich einige von Heinz Erhard, damit &#8211; vielleicht &#8211; die Menschen wie du und ich gleich merken, daß Literatur und Lyrik auch etwas für Glotzengucker zu sein vermag. Mithin einen realen Stellen¬wert für die gesamte Menschheit habe. Sollten Germanisten doch auch mal sowas unter die Leute bringen, davon sind sie nämlich allemal auch betroffen: Käme Georg Büchner in die Akademie für Sprache und Dichtung, er erhielte statt des nach ihm benannten Preises die rote Karte: Du bist aus dem Spiel, Junge! Langhaariger Politextremist, Häuserzerstörer (Krieg den Palästen), Du vierundzwanzigjähriger Nicht-trocken-hinter-den Ohren.</p>
<p>Alsdann, schaun wir mal, was (wir) Piraten gegen das Anti-Counterfeiting Trade Agreement (ACTA) auf die Straße zu bringen in der Lage sind &#8211; aber, was genau ist das denn, <a href="http://www.youtube.com/watch?v=9LEhf7pP3Pw">ACTA ?</a></p>
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		<title>Proteste gegen das Anti-Counterfeiting Trade Agreement (ACTA)</title>
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		<pubDate>Thu, 02 Feb 2012 14:01:08 +0000</pubDate>
		<dc:creator>admin</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Von:          presse@piratenpartei-bw.de Betreff:     Die Piratenpartei Baden-Württemberg ruft zum Protest gegen ACTA auf Datum:     2. Februar 2012 09:41:05 MEZ An:             gottschling@rundschau-hd.de &#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212; Pressemitteilung der Piratenpartei, Landesverband Baden-Württemberg zur sofortigen Veröffentlichung: &#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212; Seit 2008 wurde trotz öffentlicher Proteste das Anti-Counterfeiting Trade Agreement (ACTA) im Geheimen verhandelt. Die Piratenpartei Baden-Württemberg fordert das EU-Parlament und [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Von:          presse@piratenpartei-bw.de<br />
Betreff:     Die Piratenpartei Baden-Württemberg ruft zum Protest gegen ACTA auf<br />
Datum:     2. Februar 2012 09:41:05 MEZ<br />
An:             gottschling@rundschau-hd.de<span id="more-7197"></span></p>
<p>&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;<br />
Pressemitteilung der Piratenpartei, Landesverband Baden-Württemberg zur<br />
sofortigen Veröffentlichung:<br />
&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;<br />
Seit 2008 wurde trotz öffentlicher Proteste das Anti-Counterfeiting Trade Agreement (ACTA) im Geheimen verhandelt. Die Piratenpartei Baden-Württemberg fordert das EU-Parlament und den Bundestag auf, diesen Vertrag abzulehnen. Um dieser Aufforderung Nachdruck zu verleihen, rufen wir zur Teilnahme an den internationalen Protesten gegen ACTA am 11.Februar 2012 auf. Denn auch im Ländle wird an diesem Tag in Freiburg [1], Mannheim [2], Stuttgart [3], Ulm [4] und vielen anderen Orten demonstriert. [5]</p>
<p>„ACTA ist ein Vertragswerk, das die Provider zur privat betriebenen Polizei macht. Es wird die medizinische Versorgung von vielen Menschen in Entwicklungsländern dramatisch verschlechtern und in Folge dessen für deren Tod verantwortlich sein. Es soll zudem ohne jede öffentliche Beteiligungsmöglichkeit verabschiedet werden.&#8221;, so Sven Krohlas, politischer Geschäftsführer der Piratenpartei Baden-Württemberg. „Hier werden Bürger- und Menschenrechte unter dem Schild des Kampfes gegen Produktpiraterie massiv angegriffen und das Leben vieler Menschen bedroht.&#8221;, kritisiert Krohlas weiter.</p>
<p>Bereits vor den Demonstrationen, zu denen wir bundesweit hundertausende Teilnehmer erwarten, kann die Onlinepetition zum Thema ACTA mitgezeichnet werden, die bereits von etwa 1,5 Millionen Menschen weltweit unterstützt wird. [6]</p>
<p>Quellen<br />
<a href="https://www.facebook.com/events/313894588647456/">[1] https://www.facebook.com/events/313894588647456/</a><br />
<a href="https://www.facebook.com/events/267555573314186/">[2] https://www.facebook.com/events/267555573314186/</a><br />
<a href="https://www.facebook.com/events/144489442335635/">[3] https://www.facebook.com/events/144489442335635/</a><br />
<a href="https://www.facebook.com/events/199865750111770/">[4] https://www.facebook.com/events/199865750111770/</a><br />
<a href="[5] http://maps.google.com/maps/ms?msid=212120558776447282985.0004b7b33e16f13c710c7&amp;msa=0&amp;ll=51.454007,15.424805&amp;spn=21.502982,67.631836">[5] http://maps.google.com/maps/ms?msid=212120558776447282985.0004b7b33e16f13c710c7&amp;msa=0&amp;ll=51.454007,15.424805&amp;spn=21.502982,67.631836</a><br />
<a href="http://www.avaaz.org/de/eu_save_the_internet_spread/">[6] http://www.avaaz.org/de/eu_save_the_internet_spread/</a></p>
<p>&nbsp;</p>
<p style="text-align: right;"><strong>Jürgen Gottschling von den Heidelberger Piraten &#8211; wir hören voneinander &#8211; im Gemeinderat!</strong></p>
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		</item>
		<item>
		<title>„Den Dalai Lama als gewaltlos zu bezeichnen, ist ein Witz“</title>
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		<pubDate>Tue, 31 Jan 2012 20:27:43 +0000</pubDate>
		<dc:creator>admin</dc:creator>
				<category><![CDATA[Allgemein]]></category>
		<category><![CDATA[Essay]]></category>
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		<description><![CDATA[Nach unserer Rezension des im Alibri Verlag erschienenen, hervorragend recherchierten Buches von Colin Goldner „Dalei Lama &#8211; Fall eines Gottkönigs“ hagelte es &#8211; oft anonyme &#8211; Proteste und teilweise unflätige Beschimpfungen deutschsprachiger Nachbeter. Bibliographische Angaben zu diesem Titel und den Link zu unerer Besprechung finden Sie am Ende dieses aktuellen Beitrags aus der FAZ: Wieder [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Nach unserer Rezension des im Alibri Verlag erschienenen, hervorragend recherchierten Buches von Colin Goldner „Dalei Lama &#8211; Fall eines Gottkönigs“ hagelte es &#8211; oft anonyme &#8211; Proteste und teilweise unflätige Beschimpfungen deutschsprachiger Nachbeter. Bibliographische Angaben zu diesem Titel und den Link zu unerer Besprechung finden Sie am Ende dieses aktuellen Beitrags aus der FAZ:<span id="more-7189"></span><br />
Wieder kommt es zu tödlichen Auseinandersetzungen zwischen Chinesen und Tibetern. Bei Protesten sind wohl mehrere Menschen ums Leben gekommen. Der Dalai Lama spricht schon länger von „Genozid“. Nun äußert sich der zuständige Minister für Tibet.<br />
Immer wieder kommt es in Tibet zu Selbstverbrennungen. Exiltibetischen Angaben zufolge waren es schon 15 Selbstverbrennungen in weniger als einem Jahr. Sie seien Ausdruck der Verzweiflung, sagt der Dalai Lama. Die Tibeter wollten dadurch auf die Unterdrückung in den Klöstern der Region aufmerksam machen.<br />
Zhu Weiqun kann bei solchen Aussagen nur den Kopf schütteln. „Das ist doch billige Propaganda“, sagt Zhu. „Wir respektieren und schützen die Religionsfreiheit.“ Mit „wir“ meint Zhu die chinesische Regierung in Peking. Denn Zhu Weiqun ist Vizeminister der Einheitsfront im Zentralkomitee der Kommunistischen Partei China und innerhalb der chinesischen Regierung zuständig für Tibet. Regelmäßig reist Zhu nach Tibet, erst vergangene Woche war er wieder dort und machte sich selbst ein Bild von der Lage.</p>
<p>An diesem nasskalten Tag ist Zhu jedoch nach Berlin gekommen. Mit im Gepäck hat er viele Zahlen und Statistiken, die allesamt seine Aussagen belegen sollen. Er lehnt sich zurück und zählt auf: Allein in den Jahren von 2006 bis 2010 habe die Regierung 137 Milliarden Yuan (umgerechnet knapp 17 Milliarden Euro) in Tibet investiert. Und im nächsten Fünfjahresplan von 2011 an seien gar Investitionen von 330 Milliarden Yuan geplant. „Das Bruttoinlandsprodukt, das Durchschnittseinkommen und die Lebenserwartung der Tibeter sind allesamt gestiegen.“ Wie könne der Dalai Lama da ernsthaft behaupten, die Lage in Tibet sei schlecht, die tibetische Bevölkerung würde gar aussterben. „Im Gegenteil. Die Bevölkerungszahl stieg seit der Befreiung 1951 von einer Million auf drei Millionen an.“ Den Einwand, dies seien vor allem zugezogene Han-Chinesen, lässt Zhu nicht gelten. In erster Linie handele es sich um Tibeter, aber natürlich auch um andere ethnische Gruppen wie Han oder Hui. So genau könne man das nicht trennen, schließlich lebten zehn verschiedene Ethnien in Tibet.</p>
<p><strong>Der Westen hänge an den Lippen des Dalai Lama</strong></p>
<p>Schon zu Beginn des Gesprächs mit dem chinesischen Vizeminister wird klar, neben allerlei Statistiken hat er vor allem eines dabei: Zeit. Immer wieder wird der chinesischen Regierung vorgeworfen, sich zu den Themen Tibet oder Dalai Lama nur widerwillig und äußerst einsilbig zu äußern. Zhu will das ändern. Es sei dringend notwendig, so Zhu, endlich einige Dinge richtig zu stellen. Der Westen hänge zu sehr an den Lippen des Dalai Lama. Dabei sei dessen Strategie doch sehr durchschaubar.<br />
Jahrzehntelang war der Dalai Lama politischer und geistiger Führer der Tibeter. In den 60er und 70er Jahren hat er immer wieder lautstark die Unabhängigkeit Tibets gefordert, doch seit 1988 spricht er von einer „Politik des Mittelwegs“. Das Wort „Unabhängigkeit“ ist aus seinen Reden verschwunden, sein Ziel ist nunmehr eine „kulturelle Autonomie“ für Tibet. Für Zhu ist das reine Wortspielerei, der Dalai Lama verfolge nach wie vor die Unabhängigkeit.</p>
<p>Zhu beugt sich über den Tisch, hebt die rechte Hand und zählt an den Finger auf: Erstens lehne es der Dalai Lama auch heute noch ab, dass Tibet ein Teil Chinas sei. Er behauptet, Tibet sei 1951 erobert worden. „Das entspricht nicht der historischen Wahrheit.“ Zweitens spreche der Dalai Lama immer von Groß-Tibet und meine damit alle Regionen, in denen Tibeter leben, also zum Beispiel auch die Provinz Qinghai. „Doch diese Region hat noch nie zu Tibet gehört. Das heutige Tibet umfasst 1,2 Millionen Quadratkilometer. Das Gebiet von dem der Dalai Lama spricht, beträgt 2,5 Millionen Quadratkilometer. Das ist ein Viertel Chinas.“ Drittens fordere der Dalai Lama, sämtliche Soldaten aus jenem Groß-Tibet abzuziehen, um eine „internationale Friedenszone“ einzurichten. Viertens: Würde es nach den Vorstellungen des Dalai Lama gehen, sollten alle anderen in Groß-Tibet lebenden Nationalitäten vertrieben werden. 7,5 Millionen Han-Chinesen wären davon betroffen. Und fünftens wolle der Dalai Lama, dass auf besagten 2,5 Millionen Quadratkilometern neben Militär und Außenpolitik alles unter seiner Kontrolle stehe. Nirgends dürfe sich die Zentralregierung einmischen.</p>
<p><strong>Der Dalai Lama hat „immer wieder Gewalt angewandt“</strong></p>
<p>„Und das nennt er dann Autonomie. Würde Deutschland eine solche Autonomie über ein Viertel des Landes je akzeptieren?“, fragt Zhu und lehnt sich zurück. Er verschränkt die Arme und schaut seinem Gegenüber tief in die Augen. „Sie sehen, die Autonomie des Dalai Lama ist in Wirklichkeit die Unabhängigkeit Tibets.“ Tibet sei schon immer ein fester Bestandteil Chinas gewesen. „Und das wird auch so bleiben“, stellt der Vizeminister klar.<br />
Im Westen ist der Dalai Lama Sympathieträger. Seine Veranstaltungen füllen ganze Stadien. Vor allem sein Eintreten für Gewaltfreiheit verleiht ihm in Zeiten globalen Terrorismus eine Art moralische Autorität. Doch für Zhu ist das eine Farce. „Seit der Dalai Lama sich mit Politik befasst, hat er immer wieder Gewalt angewandt.“ Ob in den 60er, Ende der 80er Jahre oder jüngst 2008, als es zu Plünderungen in Lhasa kam – diese Ereignisse seien allesamt mit Wissen des Dalai Lama organisiert worden. Manchmal sei sie sogar direkt von ihm angestiftet worden. „Den Dalai Lama als gewaltlose Person zu bezeichnen: Das ist ein Witz.“<br />
Der Vizeminister verweist auf die Selbstverbrennungen. „Der Dalai Lama hat gesagt, diese Menschen seien Helden. Er bewundere ihren Mut.“ Durch solche Aussagen würden die Menschen doch ermutigt, solche Gewalt gegen sich selbst anzuwenden. „Das hat nichts mit Gewaltfreiheit zu tun. Der Dalai Lama ist nicht nur kriminell, er versucht auch noch aus dem Buddhismus, einer Religion des Friedens und der Zurückhaltung, eine gewaltsame Religion zu machen“, stellt Zhu klar. „Was wir tun, was wir bekämpfen, ist gerecht. Und unsere Bemühungen werden vom Volk unterstützt. Das ist das Allerwichtigste.“<br />
Angesichts solch verhärteter Positionen erscheint es fast als Chance, dass der Dalai Lama vor einigen Monaten offiziell von seinen politischen Ämtern zurückgetreten ist. In diesem Moment muss Zhu schmunzeln. „Also da muss ich mich doch sehr wundern. Haben die westlichen Politiker, und auch die Medien, nicht bei jedem Empfang des Dalai Lama behauptet, es sei nichts Politisches?! Die chinesische Regierung solle sich nicht aufregen, schließlich sei der Dalai Lama lediglich das religiöse Oberhaupt der Tibeter?! Wie kann er dann jetzt von all seinen politischen Ämtern zurücktreten?“ Zhu scheint geradezu froh zu sein, dass dieser Punkt angesprochen wurde. Für ihn und die chinesische Regierung ist es wichtig, auf solche Unstimmigkeiten hinzuweisen.<br />
Zhu beugt sich herunter und kramt in seiner Aktentasche. Es dauert nur ein paar Momente, schon hält er ein mehrseitiges weißes Dokument in seinen Händen: die aktuelle „Verfassung“ der tibetischen Exilregierung um den Dalai Lama. „Hier steht: Der Dalai Lama ist der allerhöchste Führer und Lehrer der Tibeter. Er leitet die tibetische Nationalität bei dem moralischen Benehmen, der Religion und Kultur sowie der wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Entwicklung an. Er darf selbst oder durch einen „demokratisch gewählten Führer“ die „Tibet-Frage“ lösen. Er hat das Recht, mit internationalen Spitzenpolitikern und Persönlichkeiten aller Kreise zusammenzutreffen und weiterhin Vertreter der Ausland-Büros und Sonderbeauftragte der Exilregierung zu benennen.“ Zhu lässt die Worte einige Momente wirken. Dann fragt er: „Kann man angesichts solcher Aufgaben von einem Rücktritt von allen politischen Ämtern sprechen? Ich finde nicht.“</p>
<p><strong>Ein Land, zwei Systeme </strong></p>
<p>Offiziell hat der Dalai Lama den Harvard-Absolventen Lobsang Sangay als neuen politischen Führer der Tibeter benannt. Wenn schon nicht mit dem Dalai Lama, so könnte doch zumindest mit Lobsang Sangay eine Lösung erzielt werden. Und der scheint die Chance eines Neubeginns nutzen zu wollen. Geht es nach Sangay soll „Ein Land, zwei Systeme“ nach Hongkong und Macau nun auch für Tibet die Lösung sein. „Lobsang Sangay ist Jurist und daher kann man seinen Vorschlag nicht mit Unwissenheit erklären“, erwidert Zhu. „Er kennt die Umstände in Tibet sehr genau und wollte daher mit seinem Vorschlag nur die chinesische Regierung provozieren.“ Für die chinesische Regierung ist „Ein Land, zwei Systeme“ nicht auf Tibet übertragbar. Unter den tibetischen Bedingungen könne dieser Ansatz einfach nicht funktionieren, erklärt Zhu. „Hongkong, wie auch Macau, waren jahrelang von einer westlichen Macht besetzt. Beide waren von China getrennt. Tibet hingegen war nie von China getrennt, es war und wird immer fester Bestandteil des chinesischen Territoriums sein.“<br />
In Hongkong und Macau hätten sich die Menschen, die Kultur und die Wirtschaft durch den fremden Einfluss sehr stark verändert. Oder die wirtschaftliche Ordnung: Während in China Sozialismus herrschte, entstand in Hongkong ein kapitalistisches System britischen Vorbilds. „Um das wieder zusammenzuführen, haben wir den Ansatz Ein Land, zwei Kulturen entwickelt. Im Falle Tibets würde das bedeuten, dass wir wieder die Leibeigenschaft einführen würden. Das kann doch ernsthaft niemand wollen. Die Tibeter und wir wollen das jedenfalls nicht.“</p>
<p><strong>„Unsere Tür steht offen“</strong></p>
<p>Nicht nur die Idee „Ein Land, zwei Systeme“ lehnt die chinesische Regierung ab, sondern auch den Führungsanspruch von Lobsang Sangay. „Lobsang Sangay ist Anführer einer separatistischen politischen Gruppe ohne Legitimität. Wir wollen keinen Kontakt zu ihm, geschweige mit ihm verhandeln.“<br />
Leise öffnet sich die Tür und eine Angestellte der chinesischen Botschaft in Berlin gießt Tee nach, grüner Tee. Er dufte zart und hat eine beruhigende Wirkung. Das Gespräch mit Herrn Zhu verdeutlicht, dass die chinesische Regierung um mehr Verständnis werben will. Der Vorwurf, man würde den westlichen Medien nicht Rede und Antwort stehen, wird an diesem Tag eindeutig widerlegt.<br />
Doch ebenso treten immer wieder die verhärteten Fronten zwischen der chinesischen Regierung und der tibetischen Exilregierung offen zu Tage. Ist unter diesen Voraussetzungen überhaupt eine Lösung möglich? „Wir haben nie die Verhandlungen abgebrochen, das war die Gruppe um den Dalai Lama.“ Der Dalai Lama müsse lediglich seinen Separatismus aufgeben, Tibet als Teil von China betrachten und aufhören, von einem Groß-Tibet zu sprechen. „Unsere Tür steht nach wie vor offen.“</p>
<p><em>Colin Goldner Dalei Lama &#8211; Fall eines Gottkönigs. 733 Seiten, 40 Fotos, 34 €</em><br />
<em>ISBN  978-3-86569-021-0</em><br />
<em>Alibri Verlag, 2008</em><br />
<a href="http://www.rundschau-hd.de/archives/1551/"><em>Hier finden Sie die Besprechung in der Neuen Rundschau</em></a></p>
<p><strong>Aus dem Inhalt</strong><br />
Vorsätzliche Geschichtsfälschung * Religiöser Wahnwitz * Diktatur der Gelbmützen * Verbrechen an Kindern *  Braune Aura * Verdrehung von Fakten * Wahrsagen als Politik * Phallokratie der Lamas * Leere der Leere * Roter Teppich für Terroristen * Esoterischer Firlefanz * Magie und Wunderheilung * Zwischen Politik und Speichelschlürfen * Ozean der Weisheit * Everybodies Darling * Leben auf Kosten anderer * Buddhistischer Dschihad * Fäkalien und tote Hühner &#8211; und vieles mehr …</p>
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		<title>Das Natürliche als das Gemeinsame?</title>
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		<pubDate>Sun, 29 Jan 2012 15:42:22 +0000</pubDate>
		<dc:creator>admin</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Es ist nicht leicht zu verstehen, was uns und was die Anderen zu einem bestimmten Denken und Handeln getrieben hat? Politik erleben wir oft genug als handlungsbezogene Erforschung von Fremdheit, zumindest muß erstaunen dürfen, dass Ethnologen bei politischen Ereignissen nur selten und allenfalls in Ausnahmefällen zu Rate gezogen werden. Gesellschaftliche, kulturelle und religiöse Differenzen hingegen [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Es ist nicht leicht zu verstehen, was uns und was die Anderen zu einem bestimmten Denken und Handeln getrieben hat? Politik erleben wir oft genug als handlungsbezogene Erforschung von Fremdheit, zumindest muß erstaunen dürfen, dass Ethnologen bei politischen Ereignissen nur selten und allenfalls in Ausnahmefällen zu Rate gezogen werden.</p>
<p>Gesellschaftliche, kulturelle und religiöse Differenzen hingegen kommen oft als festgeschrieben und unüberbrückbar einher. Dann betonen wir vor allem die dramatischen Unterschiede zwischen unserer Kultur, unseren Werten und Idealen, und fremden Kulturen, wenn sie etwa auf dem Boden(satz) von Religion demütigende und tödliche Strafmaßnahmen zu legitimieren versuchen.<span id="more-7172"></span></p>
<p>Aber, sobald wir das Destruktionspotential auch in unserer Geschichte der Zivilisation erkennen und wir uns unserer selbstreflexiven, selbstkritischen Fähigkeiten besinnen, wächst &#8211; wieder &#8211; der Wunsch nach Dialog. Wie sollen, wie können wir verstehen, was uns und was die Anderen zu einem bestimmten Denken oder gar Handeln getrieben hat? Dass wir uns unterscheiden und uns wechselseitig als merkwürdig, ja als absonderlich vorkommen, ist das im Grunde nicht das viel Elementarere, wenn man so will: das Natürliche als das Gemeinsame?</p>
<p>Es ist also viel naheliegender, von der Erfahrung der Differenz in unserem persönlichen, sozialen und gesellschaftlichen Leben auszugehen und ihr etwas von ihrem Makel zu nehmen. Ist die Differenz – und damit auch das Fremde – uns vielleicht viel näher und (allem Anschein zum Trotz) vertrauter, als wir gemeinhin glauben?<br />
Wir können nicht anders, als das uns Vertraute erst einmal als das Eigene zu sehen. Was dem nicht entspricht, das ist das Fremde, das Ferne, das Unvertraute, sehr schnell auch das Unheimliche. Der Fremde ist der Inbegriff all dessen, was Angst macht. Auf ihn kann jeder in der eigenen Gesellschaft das umlenken, was er als Schattenseiten bei sich selbst nicht wahrnehmen möchte, vor allem die der menschlichen Natur eigene Unberechenbarkeit. An ihn heften wir alles in uns latent vorhandene Misstrauen, das wir auch gegen uns selbst hegen. Wir brauchen den Fremden, um uns selbst als normal, richtig und verlässlich zu empfinden.</p>
<p>An diesem Punkt löst sich der Künstler mit aller Entschiedenheit von der Allgemeinheit. Er erfährt sich als kreativ nicht im Abwehren, sondern in der Vergegenwärtigung des als fremd Erscheinenden. Jeder Museumsbesuch beweist es: Kunst entfaltet einen Großteil ihrer formenbildenden Kraft gerade in der Durchdringung dessen, was uns als eigen und was uns als fremd erscheint. Dies gilt auch für die Musik.</p>
<p>Solange es noch keine Tondokumente gab, war es schwierig, außereuropäische Musik kennenzulernen. Reisende konnten die Musik nicht wie Plastiken, Masken und Fetische mitbringen. Unabhängig von der Art der zumeist entwürdigenden, das Sakrale tief verletzenden In-Besitznahme war damit aber das Tor zu einer neuen Welt weit geöffnet.</p>
<p>Auf der Ebene der bildenden Kunst ereignete sich in den Jahren nach 1905 die überhaupt aufregendste Durchdringung europäischer und außereuropäischer Formen und Visionen. Die europäische Kunst, ob bei Picasso, Klee, Brancusi oder Georges Braque, hätte sich im 20. Jahrhundert nicht aus sich heraus erneuern können. Sie hat sich mit dem fremden Nektar und der visionären Vorstellungskraft, wie sie in der primitiven Skulptur zum Ausdruck kommt, vollgesogen. Sie hat die in der sogenannten Negerplastik verkörperte Kraft gespürt und in den eigenen Produktionsprozess übertragen. Dabei ist sie aneignend und kreativ zugleich verfahren.</p>
<p>Mit der Entdeckung vor allem afrikanischer und ozeanischer Masken und Plastiken durch Picasso und die Fauvisten und durch die Ausbildung des plastischen Sehens bei den Kubisten wurde die Stammeskunst oder art nègre zum wahlverwandten Vor-Bild in der Moderne. Während der Künstler in dieser Selbst- und Fremdbegegnung offen mit Brüchen und Zerreißproben umgeht – gerade hier in seinem Element ist –, leben wir außerhalb der künstlerischen Praxis zumeist in der Vorstellung, wir sollten in allem Homogenität anstreben.</p>
<p>In Wahrheit aber sind das Uneinheitliche, die Verschiedenartigkeit und Heterogenität auch unser Element, in dem wir uns immer schon vorfinden und durchaus auch wohlfühlen. Und dies auf allen Ebenen: kleinste Gruppen und Gemeinschaften bis zur Großform der Gesellschaft sind geprägt von extrem vielen divergierenden Verhaltensweisen, Haltungen, Positionen, Ritualen, Urteilen und Vorurteilen; viel stärker noch gilt dies für die großen Formen, die wir als Kontinente bezeichnen.</p>
<p>Man kann sich kaum eine gesellschaftlich und kulturell heterogenere Struktur als die des Kontinents Afrika vorstellen. Und doch tun wir so, als gäbe es ein Afrika.<br />
Aber auch auf der Ebene individuellen Lebens liebäugeln wir mit dem bloßen Konstrukt von Einheiten, sprechen von einem Ich und von Identität, wissend, dass jedes Ich unendlich viele Brechungen in sich birgt und Identität nur eine, wenn auch äußerst nützliche, Fiktion ist. Auch in persönlichen Beziehungen – von Freundschaften und Liebesgeschichten bis zur Ehe und Familie – mühen wir uns (oft genug widerwillig) ab an unseren Verschiedenartigkeiten. Dann aber müssen wir feststellen: Gerade im Erkennen und Anerkennen von Differenzen entwickeln wir uns weiter. In der Homogenität langweilen wir uns schnell; von einer Differenz aber fühlen wir uns belebt, inspiriert, angestachelt zu Aktivität und Kreativität. Ist so gesehen das Erleben der Differenz im Kern nicht künstlerisch?</p>
<p>Ein Komponist wie Luciano Berio (der zusammen mit Pierre Boulez im Mittelpunkt des letzten „Musikfestes Berlin“ stand) war ein Meister der Transformation, der sogar die von der modernen Musik sehr verschiedene traditionelle Volksmusik mit in die Verwandlung von Traditionen, Tönen und Texturen einbezog. Sie aufzugreifen hieß für ihn, den Traditionen und dem gelebten Leben, den individuellen Nöten, der Trauer, dem Schicksalhaften, der Liebe und der Freude, dem kollektiven Erleben und der Arbeit einen emotionalen Raum zu geben und nach einer untergründigen Einheit mit ganz anderen musikalischen Welten zu suchen. Eine Einheit, die aber in sich gebrochen und experimentell ist, sich auf die Probe, auch auf die Zerreißprobe stellt, sich mit der Differenz konfrontiert.</p>
<p>Beide, Berio und Boulez, sind als Musiker Ethnologen im elementaren Sinne des Erforschens anderer Kulturen und deren Besonderheit. Auch sie machen, ähnlich wie der Ethnologe, die Erfahrung, dass das Fremdartige uns nur aus der eigenen Perspektive fremd und „exotisch“ erscheint. Der Fremde ist aber ein alter ego eines jeden Menschen. Zumeist gehen wir von der Vorstellung aus, das Eigene habe per se, ohne eine Gegenfigur, eine Realität, bis wir wieder, oft genug erschrocken, feststellen müssen, wie viel Fremdheit in uns ist, angesichts so mancher Handlungen und bestürzender Traumszenarien.</p>
<p>Als Angehörige geographischer und gesellschaftlicher Formationen mit extrem vielen Ethnien und Religionen, heißen sie nun Afrika, Asien, Nord- und Südamerika oder Europa, sind wir eigentlich bestens historisch und in unserem kollektiven Gedächtnis auf den Umgang mit der Vielgestaltigkeit und Multikulturalität vorbereitet. Wir sind originär Künstler; also Transformer.</p>
<p>Vergessen wir, trotz aller Bedrohung durch das Fremde, nicht, dass die Spannung von eigen und fremd uns kreativ und schöpferisch macht, uns dem Visionären gegenüber öffnet. Dies erfahren wir auch im Alltag: Wir atmen doch, als politisch bewusste Bürger, geradezu auf, wenn die Politik fremd und störend erscheinende Anteile der Gesellschaft (zum Beispiel bestimmte Eigenheiten, Verhaltensweisen, Zeremonien und Kleidungstraditionen) nicht von vornherein auszulöschen versucht, sondern sich dem Prozess gegenseitiger Veränderungen und Wandlungen öffnet.</p>
<p>Nur so ist die Rede vom „Dialog der Kulturen“ ernst zu nehmen. Dass dabei Widerstände auf beiden Seiten auftreten, ist nicht zu umgehen. Derart hochgesteckte Ziele wie die Schaffung einer „Demokratischen Weltcharta“ oder einer „Weltzivilisation“ können ja überhaupt nur ins Auge gefasst werden, wenn man dem Faktum der Differenz eine von Grund auf positive Bedeutung verleiht.</p>
<p>In ihrem Wesen könnten sich alle Menschen – gleich welcher Profession – als Mit-Gestalter einer Welt fühlen, die uns durch ihre bis zum Platzen angespannten Destruktionspotentiale Sorgen bereitet, uns an Abgründe heranführt, uns in Katastrophen verstrickt, die uns oft genug überfordern. Dies ist aber unsere Welt. Und inmitten dieser Welt gestalten wir unablässig und öffnen uns den beglückenden Überschneidungen von künstlerischen Sprachen und Klangformen. Auch wenn die Politik mit einer Vielfalt von Systemen, Sprachen und Ausdrucksformen beschäftigt ist, die zumeist von schwer lösbaren Konflikten überschattet ist, so ist doch auch sie in ihrem Kern und ihrem Potential ein kreativer Akt. Sie ist eine in Handeln übersetzte Vielstimmigkeit und Vielgestaltigkeit, eine handlungsbezogene Erforschung von Fremdheit.</p>
<p>Umso erstaunlicher ist es, dass Ethnologen bei politischen Ereignissen nur in Ausnahmefällen zu Rate gezogen werden. Zur Zeit der Bundespräsidentschaft von Johannes Rau, Roman Herzog und Richard von Weizsäcker gab es zeitweilig das Projekt eines „Europäischen Parlaments der Kulturen“. Für die Beurteilung nationaler und internationaler Konflikte sollten mit Selbstverständlichkeit westliche Ethnologen und Ethnologen der jeweiligen betroffenen Gesellschaften zu Rate gezogen werden. Bislang gibt es noch kaum Erfahrungen oder gar Konzepte für die Kooperation von Innen-/Außenpolitik und Ethnologie.</p>
<p>Indem wir mit anderen Menschen (vor allem fremder Kulturen) in einen politischen Austausch treten, erfahren wir immer auch etwas über uns, etwas, das uns noch verschlossen war und darauf wartete, entdeckt und ins Leben gerufen zu werden. Und wieder schließt sich der Kreis zur Musik. Die andere Musik, die Bildende Kunst und Literatur – vor allem dann, wenn in ihnen viel Geschichte gespeichert ist – bringen uns in Kontakt mit dem noch nicht Verwirklichten, dem Unbewussten und Imaginären in uns.</p>
<p>Politik und Kunst sollten immer auch Reflexionen sein: über das Zusammenspiel im Ensemble; ein Austarieren der Dynamik zwischen den Innen- und Außenwelten der Teilnehmenden und des Gesamtkorpus, der übergeordneten Struktur.</p>
<p>Es scheint also möglich zu sein, die Politik und die Kunst – zum Beispiel die Musik, die erst einmal eine sehr praktische, konkrete Aktivität mit sozialen, teils religiösen Funktionen ist – miteinander in Beziehung zu setzen. Der große Unterschied aber ist: Musik hat grundsätzlich – anders als andere Aktivitäten – eine einzigartige, nur ihr eigene Kraft, uns zu „ergreifen“ (im Übrigen ein einzigartiges Wort, dass das Zusammenspiel von aktiven und passiven Anteilen zum Ausdruck bringt).</p>
<p>Komponisten haben die Möglichkeit, als Klang-Architekt Räumlichkeiten zu schaffen, in denen unsere Seele sich ausbreiten und in vielen Zeiten, Epochen und Stimmungen gleichzeitig sein kann. So breiten sich mit den Tönen alle Emotionen aus, gemäß einer Logik der Komposition und der Empfindungen. Wir fühlen dann, wo wir geschichtlich herkommen und wo wir hinwollen; wir fühlen uns wohl im Diversen und sich Überlagernden, im Synkretistischen.</p>
<p>Musik ist ein Geschenk an das Gehör und an die Seele. Wir können uns beim Hören so fühlen, wie wir uns selbst ständig erfahren: als uns vertraut und uns fremd.<br />
Der Mensch ist ein von Grund auf ethnologisches Wesen, das sich beständig in Bezug zum Fremden im Außen und im “inneren Afrika“, wie Sigmund Freud die Seele nannte, entwirft. Niemand möchte sich letztlich, davon dürfen wir überzeugt sein, allein durch das ihm Vertraute definieren. Jeder möchte ein kulturelles Wesen sein, das dank seiner schöpferischen, seiner gestaltenden Kraft Teil der Gesellschaft und eines die eigene Gesellschaft transzendierenden Ganzen, das wir “Welt“ nennen, ist.</p>
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		<title>Die Welt der Encyclopédie &#8211; &#8220;Bibel der Aufklärung&#8221;</title>
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		<pubDate>Sat, 28 Jan 2012 15:51:47 +0000</pubDate>
		<dc:creator>admin</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Mit Argusaugen beobachtete die deutsche Intelligenz vor 250 Jahren, was in Frankreich zum aufsehenerregendsten und größten Bucherfolg der Aufklärung werden sollte: das Erscheinen der Encyclopédie von Denis Diderot und Jean Le Rond d&#8217;Alembert. Die Weimarer Klassiker etwa erblickten in dieser Summe der französischen Aufklärung ein bloß sekundäres, ein wiederaufbereitetes Wissen, das die menschlichen Kenntnisse nicht [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Mit Argusaugen beobachtete die deutsche Intelligenz vor 250 Jahren, was in Frankreich zum aufsehenerregendsten und größten Bucherfolg der Aufklärung werden sollte: das Erscheinen der Encyclopédie von Denis Diderot und Jean Le Rond d&#8217;Alembert. Die Weimarer Klassiker etwa erblickten in dieser Summe der französischen Aufklärung ein bloß sekundäres, ein wiederaufbereitetes Wissen, das die menschlichen Kenntnisse nicht philosophisch begründet, sondern nur reproduziert, aufzählt. <span id="more-3326"></span></p>
<div id="attachment_7167" class="wp-caption alignright" style="width: 260px"><a href="http://www.rundschau-hd.de/wp-content/uploads/2012/01/diderot.jpg"><img class="size-full wp-image-7167" title="diderot" src="http://www.rundschau-hd.de/wp-content/uploads/2012/01/diderot.jpg" alt="" width="250" height="384" /></a><p class="wp-caption-text">Während Denis Diderot (1713-84) in seiner skeptischen Periode noch ausgerufen hatte: »O Gott, ich weiß nicht, ob du bist, aber ich will in meinen Gesinnungen und Taten so verfahren, als ob du mich denken und handeln sähest,« erklärt er später: Es gibt nur ein einziges großes Individuum, das Weltall. Das Gehirn, ja die ganze Welt ist ein sich selbst spielendes Klavier. Die Natur bedarf keines persönlichen Gottes, ebensowenig wie der Mensch einer anderen Unsterblichkeit als des Fortlebens im Nachruhm.</p></div>
<p>Der Hofprediger Johann Gottfried Herder monierte 1769:<br />
<em>&#8220;Jetzt macht man schon Encyklopädien: ein D&#8217;Alembert und Diderot selbst lassen sich dazu herunter: und eben dies Buch, was den Franzosen ihr Triumph ist, ist für mich das erste Zeichen zu ihrem Verfall. Sie haben nichts zu schreiben und machen also Abregés, Dictionaires, Histoires, Vocabulaires, Esprits, Encyklopedien, u.s.w. Die Originalwerke fallen weg&#8221;.</em></p>
<p>Ähnlich nörgelte Herders Weimarer Mitbürger Goethe in der Farbenlehre über die Kerntruppe der französischen Aufklärer, die &#8220;Enzyklopädisten&#8221;:</p>
<p><em>&#8220;Da ein Lexikon so wie ein Compendium einer Erfahrungswissenschaft eigentlich nur eine Sammlung des kursierenden Wahren und Falschen ist, so wird man auch von dieser Gesellschaft nichts weiter erwarten&#8221;.</em></p>
<p>Solche Urteile freilich wurden dem enzyklopädischen Monument der französischen Aufklärung in keiner Weise gerecht; offensichtlich tat man sich im zeitgenössischen Deutschland schwer mit dem französischen Modell einer vorbehaltlosen Aufklärung in Form eines enzyklopädischen Wörterbuchs. Zwar wurden auch im Deutschland des 18. Jahrhunderts Enzyklopädien geschrieben: Zwischen 1732 und 1754, also schon vor der französischen Enzyklopädie, erschien Johann Heinrich Zedlers 64-bändiges Grosses vollständiges Universal-Lexicon, und in den siebziger Jahren des 18. Jahrhunderts wurden gleich zwei Großprojekte initiiert: die Fragment gebliebene, sogenannte Deutsche Encyclopädie, die zwischen 1778 und 1807 in 23 Bänden erschien, und Johann Georg Krünitz&#8217; 247-bändige Oeconomisch-technische Encyclopädie, deren Fertigstellung nicht weniger als achtzig Jahre benötigte. Doch keines dieser deutschen Lexika, schon gar nicht die bürgerlichen Konversationslexika des 19. Jahrhunderts à la Brockhaus oder Meyer, keines hatte die moralische, politische und wissenschaftliche Sprengkraft der Enzyklopädie von Diderot und d&#8217;Alembert; keines ist so vorbehaltlos als universale Umsetzung des kritischen Programms der Aufklärung aufgetreten, und keines hatte eine so große wissenschaftliche und gesellschaftliche Wirkung.</p>
<p>Gerade diese Kompromisslosigkeit im Anspruch der Aufklärung aber ist es, die die französische Enzyklopädie 250 Jahre nach dem Erscheinen des ersten Bandes nunmehr auch in Deutschland feierlich erinnern läßt, mehr noch: ihr eine aktuelle Bedeutung verleiht. Kaum ein Forum könnte dazu geeigneter sein, als Hans Magnus Enzensbergers &#8220;Andere Bibliothek&#8221;. Unter dem Titel Die Welt der Encyclopédie wird hier die &#8220;Bibel der Aufklärung&#8221; für das 21. Jahrhundert wiederentdeckt. Offensichtlich geht es dabei weniger um die Form der Enzyklopädie, als vielmehr um ihr Programm: eben um die Aufklärung. Es ist, als sprängen vom alten, nicht gerade bescheidenen Anspruch der französischen Enzyklopädisten, mit einem Buch die Menschheit verbessern zu wollen, Funken in eine Gegenwart, der Wissen zur bloßen Information, Enzyklopädie zur Datenbank geworden ist. &#8220;Arche Noah in unserer Zeit der beliebig verfügbaren, verlinkten Information &#8211; Orakel auf unserem Weg durchs 21. Jahrhundert&#8221;, so beschwören die Herausgeber die Aktualität der Encyclopédie für unsere Gegenwart.</p>
<p><strong>Was aber ist diese &#8220;Welt der Encyclopédie&#8221;, und was kann sie uns heute bedeuten,</strong><strong> wenn wir sie nicht bloß ins Museum stellen wollen? </strong></p>
<div id="attachment_7178" class="wp-caption alignleft" style="width: 260px"><a href="http://www.rundschau-hd.de/wp-content/uploads/2012/01/aufgeklärt-aber-dann1.jpg"><img class="size-full wp-image-7178" title="aufgeklärt, aber dann" src="http://www.rundschau-hd.de/wp-content/uploads/2012/01/aufgeklärt-aber-dann1.jpg" alt="" width="250" height="199" /></a><p class="wp-caption-text">Nun also wären wir aufgeklärt: „Das Leben ist“, frei nach (jetzt sind wir schon ein Stück weiter als Kant) Ludwig Wittgenstein, „wie ein Messer ohne Klinge, dem der Griff fehlt“? Was aber, Clemens P. , fangen wir  damit  an …?</p></div>
<p>Auf die Frage, was denn die &#8220;Welt&#8221; oder der &#8220;Idee&#8221; der Encyclopédie sei, geben programmatische Texte von Diderot, aber auch ein Essay des amerikanischen Historikers Robert Darnton Auskunft. Die Encyclopédie tritt auf, so macht dieser deutlich, mit einem Skandalon; der öffentliche Aufschrei bei ihrer Publikation unterstreicht dies. Was aber war so skandalös an der Encyclopédie ? Die Provokation liegt in der Konzeption: Was 1745 von dem geschäftstüchtigen Verleger André-François Le Breton zunächst als bloße Übersetzung der englischen Cyclopedia (1728) des Quäkers Ephraim Chambers geplant war, entwickelte sich nach der Hinzuziehung von Diderot und dessen Freund, dem Mathematiker d&#8217;Alembert, bald zum Plan einer eigenständigen Enzyklopädie mit ganz neuen Voraussetzungen. Die beiden Herausgeber wollten das Wissen von älteren Hierarchien befreien und neu anordnen.</p>
<p><strong>Die schärfsten Spitzen dieses neuen Wissens richten sich gegen die Kirche, gegen alle Formen religiöser Gängelung überhaupt. </strong></p>
<p>Die Enzyklopädie enthält zudem auch deutliche Ansätze zu einem politischen Programm: Rousseau, Voltaire und Montesquieu plädierten für Pressefreiheit, Gewaltenteilung und konstitutionelle Monarchie; man sah in der Encyclopédie deshalb so etwas wie die ideelle &#8220;Kriegsmaschine der Französischen Revolution&#8221;. Und auch im ökonomischen Bereich war die Encyclopédie bahnbrechend: Führende Physiokraten wie Quesnay und Turgot forderten die Befreiung von Handel und Industrie aus den ständischen und staatlichen Bindungen. Unmittelbar augenfällig ist auch die Aufwertung des Handwerks, der Technik und der Industrie, die in älteren Enzyklopädien meist nur marginal behandelt wurden. Die berühmten elf Tafelbände der Encyclopédie dokumentieren dies auf eindrückliche Weise. Sogar enzyklopädieskeptische Zeitgenossen wie der jungen Goethe waren davon begeistert: In den Tafelbänden zu blättern sei gewesen,<br />
<em><br />
[…] als wenn man zwischen den unzähligen beweglichen Spulen und Webstühlen einer großen Fabrik hingeht, und vor lauter Schnarren und Raggeln, vor allem Aug&#8217; und Sinne verwirrenden Mechanismus, vor lauter Unbegreiflichkeit einer auf das mannigfaltigste in einander greifenden Anstalt, in Betrachtung dessen, was alles dazu gehört, um ein Stück Tuch zu fertigen, sich den eigenen Rock selbst verleidet fühlt, den man auf dem Leibe trägt.</em></p>
<p>Wie sich die Wahrnehmung ändert: was selbst Goethe begeisterte, wird in der jüngsten deutschen Übersetzung leider völlig ausgeblendet: Tausende von Seiten voller Maschinen und Werkzeuge scheinen nicht eine einzige Abbildung wert.</p>
<p>Unvergessen hingegen bleibt ihr befreiender Gestus gegen den absolutistischen Staat und gegen die Kirche. Die Jesuiten und Jansenisten heulten nicht erst auf, als im Juni 1751 der erste Band der Encyclopédie erschien. Der Brief über die Blinden zum Gebrauch für die Sehenden , der nicht nur vom Sehen, sondern auch von den Schwierigkeiten, ja Unmöglichkeiten eines Gottesbeweises handelt, brachte Diderot schon 1749 für drei Monate in das Gefängnis von Vincennes. Spätestens damit wurde klar, daß sich das Programm der Aufklärung nicht selbstverständlich und offen formulieren ließ. Die Enzyklopädie entwickelte deshalb eine Schreibkunst, die die gefährlichen Wahrheiten &#8211; ganz im Sinne von Leo Strauss&#8217; Persecution and the art of writing &#8211; an der Zensur vorbeimanövrieren sollte: die Technik der Verweise und versteckten Anspielungen. In seinem Artikel zum Begriff der &#8220;Enzyklopädie&#8221; gibt Diderot Auskunft über dieses Verfahren: zur Typologie der Querverweise zählt er die sogenannten &#8220;renvois satyriques&#8221;, satirische Anspielungen also, deren Zweck es sei, &#8220;das Lächerliche und das Schlechte&#8221; verdeckt bloßzustellen. So liefert etwa der Artikel &#8220;Eucharistie&#8221; eine scheinbar mustergültige Abhandlung über die heilige Kommunion, nur am Ende findet sich der merkwürdige Hinweis &#8220;siehe Menschenfresser&#8221;. Dass dies nicht etwa ein Versehen ist, sondern System hat, wird wiederum am Ende des Artikels &#8220;Menschenfresser&#8221; deutlich: er schließt mit dem Hinweis &#8220;siehe auch Eucharistie, Kommunion, Altar, etc.&#8221;</p>
<p>Das Erscheinen des ersten Bandes rief dennoch unweigerlich die staatliche und kirchliche Autorität auf den Plan, der König Ludwig XV setzt den Aufseher Malesherbes zur Überwachung der weiteren Publikation ein &#8211; ein Glücksfall, wie sich erweisen sollte, denn dieser warnte Diderot wiederholt vor der Durchsuchung durch seine eigenen Leute, versteckte gar heikle Papiere. Nach dem Erscheinen des zweiten Bandes Anfang 1752 spitzte sich die Lage zu: Die Encyclopédie wurde auf Befehl des Königs verboten, mit folgender Begründung:</p>
<p><em>&#8220;wegen mehrerer Maximen, die darauf abzielen, die königliche Autorität zu zerstören, den Geist der Ungläubigkeit und die Revolte zu befestigen und, mit dunklen und zweideutigen Begriffen, die Grundlagen des Irrtums, der Sittenverderbnis und des Unglaubens zu errichten&#8221;.</em></p>
<p>Malesherbes erreichte, daß die Arbeit dennoch fortgesetzt werden konnte. So entstand unter externen, aber auch internen Kämpfen das Organ der französischen Aufklärung, geschrieben von seiner intellektuellen Elite: Zu Diderots und d&#8217;Alemberts Mitarbeitern zählten u.a. Rousseau, Voltaire, Buffon, Marmontel, Montesquieu, Condorcet, d&#8217;Holbach, Turgot.</p>
<p>Nicht nur trotz, sondern auch wegen den Angriffen von staatlicher und kirchlicher Seite wurde die Encyclopédie zu einem der größten Erfolge des französischen Buchhandels: der Skandal wirkte als Werbung. Ursprünglich wollten die Verleger 1625 Exemplare drucken; im Jahr 1754 waren es 4255, und bis 1789 verdienten die Verleger mit den verschiedenen Auflagen in zunehmend kleineren und erschwinglicheren Formaten viele Millionen Livres. Mehr noch: Die Verleger brüsteten sich nicht nur, den größten Coup in der Geschichte des Buchhandels gelandet, sondern auch die Aufklärung verbreitet zu haben, so die Werbung für die kleinformatige Quartausgabe:</p>
<p><em>&#8220;Niemals hatte ein Unternehmen dieser Art und dieses Ausmaßes einen solchen Erfolg. Sollte es in dieser besten aller möglichen Welten an Aufklärung mangeln, so wird das gewiß nicht unsere Schuld sein&#8221;.</em></p>
<div id="attachment_7168" class="wp-caption alignleft" style="width: 260px"><a href="http://www.rundschau-hd.de/wp-content/uploads/2012/01/kant.jpg"><img class="size-full wp-image-7168" title="kant" src="http://www.rundschau-hd.de/wp-content/uploads/2012/01/kant.jpg" alt="" width="250" height="188" /></a><p class="wp-caption-text">Aufklärung ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit. Unmündigkeit ist das Unvermögen, sich seines Verstandes ohne Leitung eines anderen zu bedienen. Selbstverschuldet ist diese Unmündigkeit, wenn die Ursache derselben nicht am Mangel des Verstandes, sondern der Entschließung und des Mutes liegt, sich seiner ohne Leitung eines andern zu bedienen. Sapere aude! Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen! ist also der Wahlspruch der Aufklärung (und, nota bene der unsere). Immanuel Kant in: Berlinische Monatsschrift. Dezember-Heft 1784. </p></div>
<p>Eben diesen Anspruch der Aufklärung durch das Buch ist es, den Büchermacher wie Enzensberger aufgreifen. Denn die Aufklärung ist &#8211; wenn sie denn in Deutschland überhaupt stattgefunden hat &#8211; nicht etwa abgeschlossen, sondern ein stets weiterzuführendes Vorhaben. Daß ein Buch es befördert, war immer schon der pädagogische Optimismus der Enzyklopädisten. Wer französisch liest und mal eben 14.875.- Mark übrig hat, mag den kompletten Nachdruck der Encyclopédie in 35 Bänden erstehen &#8211; notabene beim Stuttgarter Verlag frommann-holzboog. Für eine erschwinglichere deutschsprachige Auswahl haben im Jubiläumsjahr gleich zwei Verlage gesorgt: Reclam Leipzig, der eine ältere Ausgabe von 1972 &#8211; leider reduziert &#8211; wieder aufgelegt hat, und die erwähnte Eichborn-Ausgabe in Enzensbergers &#8220;Anderer Bibliothek&#8221;. Während die Reclam-Auswahl eher konzeptlos einzelne jeweils stark verkürzte Artikel vorlegt, zielt die Eichborn-Ausgabe auch auf seine Aktualisierung für unser junges Jahrhundert, das sich als das der digitalisierten Information anschickt. Dem buchlosen Informationswissen vermag das enzyklopädische Buch der Bücher ein engagiertes Wissen entgegenzustellen. Der schöne, bordeaux-rote Leinenband des Eichborn-Verlags feiert aber nicht nur die alte Enzyklopädie im Medium des Buches, sondern auch ihre Qualität eines engagierten Wissens. Neben der Übersetzung einer Auswahl von Artikeln erprobt der Band ihre Aktualität förmlich dialogisch. Dieser Dialog mit der Enzyklopädie wird dadurch erreicht, daß &#8211; allerdings etwas willkürlich &#8211; neuere maximenartige Zitate in die Artikel eingestreut und einzelne signifikante Artikel für die Gegenwart weitergeschrieben werden. Christina von Braun etwa schickt Abbé Mallets &#8220;Adam&#8221; ein &#8220;Ach, Adam&#8221; nach; Alexander Kluge stellt dem Artikel &#8220;Guerre&#8221; des Chevalier de Jaucourt (einer der wichtigsten Mitarbeiter von Diderot) eine differenzierte Reflexion über den &#8220;Krieg&#8221; nach; Enzensberger ergänzt den &#8220;Luxus&#8221;; Lars Gustaffson das &#8220;Nichts&#8221;; Michael Krüger die &#8220;Seele&#8221;; Daniel Cohn-Bendit das &#8220;Vaterland&#8221;, um einige Beispiele zu nennen. Gewiß sind nicht alle dieser Aktualisierungen gleich gut gelungen und gewiß läßt sich über die Auswahl der übersetzten Artikel streiten &#8211; schmerzliche Lücken wird man bei dieser im Verhältnis zur Vorlage immer noch bescheidenen Auswahl leicht finden, man denke etwa an Voltaires Artikel &#8220;esprit&#8221;. Das Vorhaben aber, die Encyclopédie nicht bloß zu feiern, sondern auch ins 21. Jahrhundert fortzuschreiben, ist dem Band des Eichborn-Verlags zweifellos gelungen: das Feuer jenes Buches, das Welt verändern will, ist darin zu finden.</p>
<p><em>Ediert von Anette Selg und Rainer Wieland. Aus dem Französischen von Holger Fock, Theodor Lücke, Eva Moldenhauer und Sabine Müller. Eichborn, 496 S., EUR 77 Andreas Kilcher</em></p>
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		<title>Linke verfassungsfeindlich?</title>
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		<pubDate>Wed, 25 Jan 2012 14:05:49 +0000</pubDate>
		<dc:creator>admin</dc:creator>
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		<category><![CDATA[Zeitgeschehen]]></category>

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		<description><![CDATA[Ein Drittel der Linksfraktion im Bundestag wird vom Verfassungsschutz beobachtet, darunter auch Gesine Lötzsch. Während sich die Parteichefin wehrt, verteidigt Innenminister Friedrich die Überwachung, denn &#8211; sagt er &#8211; „die Linke ist in Teilen verfassungsfeindlich“. Die vom Verfassungsschutz beobachtete Linke-Chefin Gesine Lötzsch sieht sich nicht als verfassungsfeindlich an. Sie habe die Aufgabe, die Verfassung zu [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Ein Drittel der Linksfraktion im Bundestag wird vom Verfassungsschutz beobachtet, darunter auch Gesine Lötzsch. Während sich die Parteichefin wehrt, verteidigt Innenminister Friedrich die Überwachung, denn &#8211; sagt er &#8211; „die Linke ist in Teilen verfassungsfeindlich“.<span id="more-7155"></span></p>
<div id="attachment_7159" class="wp-caption alignright" style="width: 205px"><a href="http://www.rundschau-hd.de/wp-content/uploads/2012/01/Geheimdienstler.jpeg"><img class="size-full wp-image-7159" title="Geheimdienstler" src="http://www.rundschau-hd.de/wp-content/uploads/2012/01/Geheimdienstler.jpeg" alt="" width="195" height="259" /></a><p class="wp-caption-text">Gewählte Parlamentarier haben nicht bespitzelt zu werden. Basta!</p></div>
<p>Die vom Verfassungsschutz beobachtete Linke-Chefin Gesine Lötzsch sieht sich nicht als verfassungsfeindlich an. Sie habe die Aufgabe, die Verfassung zu verteidigen und die nehme sie auch sehr ernst. Das sagte Lötzsch im ZDF-Morgenmagazin. Zuvor war bekanntgeworden, dass der Verfassungsschutz 27 der 76 Bundestagsabgeordneten der Linken beobachtet.<br />
Bundesinnenminister Hans-Peter Friedrich (CSU) hält die aktuelle Debatte über die Beobachtung von Linke-Abgeordneten durch den Verfassungsschutz für unnötig. «Das wird jetzt alles hochgezogen, weil man offensichtlich einen günstigen Moment glaubt, wo man sich als die Partei der Linken einer Beobachtung durch den Verfassungsschutz entziehen kann. Aber das wird ihnen nicht gelingen», sagte Friedrich im Deutschlandfunk.<br />
Innerhalb der Linken gebe es Teile, die sich nicht von linksextremistischer Gewalt abgrenzten, einen marxistischen Staat errichten wollten oder sich nicht vom Unrechtsstaat der DDR distanzierten. «Es gibt Strukturen bei den Linken, die ganz klar darauf hinweisen, dass sie diesen Staat nicht wollen», so Friedrich. Das seien nicht einzelne Sympathiebekundungen, sondern «ein strukturelles Problem der Linken.»</p>
<p>Die Linke werde bereits seit mehr als 16 Jahren beobachtet. «Insofern ist die Aufregung, die jetzt da künstlich erzeugt wird, nicht verständlich», sagte Friedrich. Die Beobachtung der Partei sei notwendig, weil sie «in Teilen die Beseitigung unserer Ordnung anstrebt». Justizministerin Sabine Leutheusser-Schnarrenberger (FDP) kritisierte die Beobachtung der Parlamentarier hingegen als «unerträglich» &#8211; (wir) Heidelberger Piraten meinen das nota bene auch …<br />
<strong></strong></p>
<p><strong>Friedrich: Teile der Linken wollen marxistischen Staat errichten</strong></p>
<p>In Niedersachsen wird die Partei nicht nur beobachtet, sondern auch überwacht. Es werden also nicht nur Reden und Schriften ausgewertet, sondern auch geheimdienstliche Mittel eingesetzt. Niedersachsens Verfassungsschutz-Präsident Hans-Werner Wargel räumte den Einsatz von geheimdienstlichen Mitteln bei der Beobachtung ein. «Wir haben immer öffentlich gesagt, dass wir nicht nur mit offenen Mitteln beobachten», sagte Wargel dem Sender Radio Bremen.</p>
<p>Friedrich erklärte, auf Bundesebene gebe es nur eine Beobachtung. «Mir ist nicht bekannt, dass vonseiten des Bundesamtes für Verfassungsschutz gegen diese Anweisung verstoßen wird, sonst müsste ich da natürlich sofort einschreiten.» Was in den Ländern geschehe, müsse auch dort geklärt und verantwortet werden.</p>
<p><strong>Linke vermutet V-Leute in den eigenen Reihen</strong></p>
<p>Der Vorsitzende der Linksfraktion im Thüringer Landtag, Bodo Ramelow, bezweifelt, dass das Bundesamt für Verfassungsschutz zur Beobachtung der Linkspartei keine V-Leute oder verdeckte Ermittler einsetzt. Ramelow sagte der in Halle erscheinenden Mitteldeutschen Zeitung, ihm habe sich 2006 ein ihm seit längerem bekannter Mann mit den Worten vorgestellt, er sei als V-Mann tätig. Dieser Mann habe sich ihm offenbar aus Furcht offenbart, entdeckt zu werden.</p>
<p>Bundestags-Vizepräsidentin Petra Pau (Linke), die ebenfalls im Visier des Verfassungsschutzes ist, sieht eine Verunsicherung der Bürger. «Das große Problem bin doch nicht ich», sagte sie der Mitteldeutschen Zeitung. «Meine Arbeit ist öffentlich. Aber Bürgerinnen und Bürger sind stark verunsichert angesichts der Anliegen, die sie mir anvertraut haben.»</p>
<p>Pau bekam auf eigenes Drängen vor zwei Jahren drei Aktenordner vom Kölner Bundesamt ausgehändigt, aus denen sie drei Fakten entnehmen konnte: ihren Namen, das Geburtsdatum und die Wahl ins Bundestagspräsidium 2006. Alles andere sei geschwärzt gewesen «mit der Begründung, ich könne sonst Rückschlüsse auf die Arbeitsweise des Verfassungsschutzes ziehen», sagte Pau. «Seitdem klage ich gegen die Beobachtung und werde das jetzt auch noch einmal forcieren.»</p>
<p><strong>Aktuelle Stunde des Bundestages</strong></p>
<p>Heute nachmittag (Mittwoch, 25. 01. 12) befasst sich der Bundestag mit dem Thema. Im Plenum ist eine Aktuelle Stunde dazu geplant. Zudem kommt das Parlamentarische Kontrollgremium für die Geheimdienste zusammen. Auch in der geheim tagenden Runde dürfte die Überwachungspraxis des Bundesamtes für Verfassungsschutz, die seit Tagen parteiübergreifend für Empörung und Kritik sorgt, eine Rolle spielen. Für die Linkspartei wird Steffen Bockhan in dem Gremium vertreten sein, der selbst auf der Liste der beobachteten Abgeordneten steht.</p>
<p>Bundesinnenminister Hans-Peter Friedrich (CSU) hatte das Vorgehen des Verfassungsschutzes verteidigt. Die Behörde habe einen gesetzlichen Auftrag, Organisationen und Parteien zu beobachten, die womöglich verfassungsfeindlich seien.<br />
Der Parteichef der Linkspartei, Klaus Ernst, forderte das Innenministerium zu umfassender Aufklärung auf. Wenn dies nicht schnell genug und in voller Gänze erfolge, «dann behalten wir uns weitere Schritte der parlamentarischen Aufklärung vor. Dazu zählt ausdrücklich auch die Option, einen Geheimdienst-Untersuchungsausschuss einzurichten», sagte Ernst dem Hamburger Abendblatt. «Wir müssen die Demokratie vor den Geheimdiensten schützen», fügte er hinzu. Vor &#8211; meinen  w i r  zu guter letzt &#8211; sowohl als auch!</p>
<p><a href="http://derstandard.at/1326503604875/Beobachtung-Linker-durch-Geheimdienst-sorgt-fuer-Empoerung">derStandard schreibt dazu</a></p>
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		<title>Äthiopien gestern und heute &#8211; der aktuellen Situation wegen …</title>
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		<pubDate>Wed, 25 Jan 2012 13:21:23 +0000</pubDate>
		<dc:creator>admin</dc:creator>
				<category><![CDATA[Allgemein]]></category>
		<category><![CDATA[Politik]]></category>
		<category><![CDATA[Zeitgeschehen]]></category>

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		<description><![CDATA[… lesen Sie hier die Besprechung eines Buches, das man so bislang noch nie zu lesen bekommen hat: fakten- und facettenreich, basiert es sowohl auf persönlicher Erfahrung als auch konsequent durchgehaltener &#8211; im vorliegenden Fall primär historischer &#8211; Analyse. Die Rede ist von einem neuen Äthiopien-Buch &#8211; eines der wenigen in letzter Zeit auf dem [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>… lesen Sie hier die Besprechung eines Buches, das man so bislang noch nie zu lesen bekommen hat: fakten- und facettenreich, basiert es sowohl auf persönlicher Erfahrung als auch konsequent durchgehaltener &#8211; im vorliegenden Fall primär historischer &#8211; Analyse. Die Rede ist von einem neuen Äthiopien-Buch &#8211; eines der wenigen in letzter Zeit auf dem deutschen Buchmarkt &#8211; der Autorin Marie-Luise Kreuter und des Co-Autoren Rolf P. Schwiedrzik-Kreuter: „Äthiopien – von innen und außen, gestern und heute“. <span id="more-7150"></span></p>
<p>Wer sollte dieses Buch zur Hand nehmen? Diese Frage beantworten die Autoren zunächst selbst in der ausführlichen Einleitung, in der die 11 Kapitel resümierend dargestellt werden; es geht ihnen um eine „interessierte Leserschaft, die mehr über Äthiopien wissen will, als Reiseführer und Hochglanzbücher“ kund tun; wobei es ihnen darum geht, breitere und tiefer greifende Hintergründe zu diesem Schwerpunktland der deutschen Entwicklungszusammenarbeit aufzuzeigen, immerhin einem Land das mitunter als die „Wiege der Menschheit“ bezeichnet wird. Die Leser müssen sich bei der Lektüre nicht allzu sehr in fachwissenschaftliche Einzelaspekte verlieren, Interesse für Geschichte sollte aber schon mitgebracht werden.</p>
<p>Äthiopien &#8211; Wiege der Menschheit? Ja, in dem Sinne, als es neben Südafrika, Kenia, Tansania zu der (afrikanischen) Weltregion gehört, in der die sog. Hominisation stattgefunden haben soll. Das ist lange her, nämlich ca. 1,8 Mio. Jahre. Damit sind wir jedoch in einer Vorzeit, die nicht im Fokus des wegen seines integralen Blicks auf Historie und aktuelle Situation des Landes wie auch die spannende Darstellung der Fakten und Vorgänge verdienstvollen Buches steht, das sich auf eine Auswahlbibliographie von fast 130 Quellenwerken und über 1000 Verweise stützt.</p>
<p>Die Autorin lenkt den Blick des Lesers nach einer ausführlichen Darstellung der Geschichtsverständnisse in Äthiopien, die man am besten zweimal lesen sollte, auf einzelne historische Phasen, die ihr von Bedeutung erscheinen.  Die historische Exegese beginnt im Wesentlichen mit dem 14.Jahrhundert  der äthiopischen Kaiserzeit. Die weitere Entwicklung Äthiopiens wird dann in 8 Themenschwerpunkten  abgehandelt, bevor der Co-Autor die deutsche bzw. internationale Entwicklungszusammenarbeit mit dem „Partnerland“ aufgreift und einer resümierenden Bewertung unterzieht.</p>
<p>Im historischen Teil werden frühere Ereignisse und gesellschaftliche Konflikte des Landes teils in Bezug auf die Religionen, Ethnien und Geographie aufgegriffen, sodass die Leser den heutigen Vielvölkerstaat Äthiopien in seinen gesellschaftlichen und politischen Dimensionen besser einordnen können. Dass Äthiopien ein phasenweise rüde kolonisierendes  und  kolonisiertes Land war, wird dabei nicht außer acht gelassen.<br />
So beschäftigt sich ein Kapitel mit der italienischen Invasion gegen Ende des vorletzten Jahrhunderts und der damals zunächst  erfolgreichen Gegenwehr der Äthiopier (Schlacht von Adwa 1896) sowie mit dem italienisch-äthiopischen Krieg 1935/36 und dessen damaliger Rezeption in Deutschland.<br />
Es folgt eine Darstellung der Rolle des Judentums in Äthiopien („Beta Israel“), das bis heute Gegenstand kontroverser Forschung geblieben ist – z.B. in der Anerkennungsfrage oder was den tatsächlichen Ursprung der äthiopischen Juden angeht.<br />
Wegen ihrer  aktuellen Bedeutsamkeit ist auch die nachfolgende Abhandlung über das Verhältnis von Christentum und Islam in Äthiopien interessant, wobei der „Westen“, also Europa und insbesondere England, Frankreich, Italien und Portugal früher nicht gerade rühmliche Rollen gespielt haben, indem sie den Konflikt immer wieder verschärften. Erst mit der Revolution von 1974 konnten sich die Muslime des Landes wenigstens formal als befreite Menschen zu fühlen beginnen, sehen sich jedoch in neuerer Zeit dem „Generalverdacht“ des Fundamentalismus bzw. extremistischen Islamismus ausgesetzt.<br />
Die äthiopische Regierung übernahm &#8211; auch aus eigenem Interesse &#8211; eine aktive Rolle im geopolitisch bedeutsamen Kampf der USA (unterstützt von Europa) gegen die „Achse des Bösen“ und marschierte 2006 in Somalia ein. Schon zuvor war der „politische Frühling“ in Äthiopien nach den verlorenen Wahlen 2005 innenpoltisch durch über 200 Tote bei Demonstrationen, Massenverhaftungen von Oppositionellen und Prozesse erstickt  worden.<br />
„Geographisch“ geht es dann weiter mit einer Untersuchung der Funktion des Blauen Nils und seiner Nebenflüsse in Geschichte und Gegenwart. Während heute der Blaue Nil als eine Art „Hoffnungsträger“ für Wirtschaft und Wohlstand des durstigen Landes angesehen werde, sei er im Volksmythos früherer Zeiten stark in Konkurrenz zum Anrainer Ägypten gesehen worden, wobei auch die Kolonialmacht England eine gierige Rolle spielte (oktroyierte Wassernutzungsverträge). So wundert es nicht, dass der bedeutende Fluss – mythisch überhöht &#8211; zeitweise als „Verräter“ angesehen wurde, der sein Volk verdursten lässt.<br />
Der historische Teil endet mit der Geschichte einer einstmals großen Immigrantengruppe, den Armeniern, die seit Ende des 19. Jahrhunderts vermehrt ins Land strömten. Osmanen und Türken hatten den Armeniern über Jahrzehnte stark zugesetzt (bis hin zum Völkermord), sodass die vielfältigen Fluchtbewegungen der Armenier auch Äthiopien erreichten, bis es ab 1974 schließlich wieder zu Abwanderungen der armenischen Handwerker und Händler in der Folge der Militärherrschaft des Derg kam und nur eine kleine Gemeinde blieb.</p>
<p>In einer so dichten Präsentation der „äthiopischen Landes- und Gesellschaftskunde“ darf am Ende nicht ein Blick auf das deutsch-äthiopische Verhältnis fehlen, an dem nach 1945 beide deutsche Staaten, BRD und DDR, partizipierten.  Nach einer Darstellung der ca. 100-jährigen bi- bzw. trilateralen Beziehungen stellt die Autorin fest: Nach Mengistu Haile Mariams Sturz in 1991 „wurde Äthiopien Schwerpunktland der deutschen Entwicklungs-zusammenarbeit des wiedervereinigten Deutschland. Auch hier lässt sich offiziell eine hervorragende Zusammenarbeit konstatieren, in den Niederungen des Alltags sieht das Bild etwas anders aus.“</p>
<p>Von diesen Niederungen kann der Co-Autor als langjähriger Mitarbeiter der früheren Entwicklungsorganisation GTZ (seit Januar 2011 GIZ) sichtlich bzw. hörbar ein Lied singen, war er doch über 7 Jahre lang in Äthiopien als EZ-Berater und Trainer aktiv und erlebte dabei alle Höhen und Tiefen solcher „Mühen der Ebene“. Zum Ausdruck bringt Schwiedrzik-Kreuter dies mittels einer komprimierten Auswertung von 33 Interviews  deutscher und äthiopischer Kollegen und Kolleginnen aus dem Arbeitsumfeld, wobei besonders die beiderseitigen interkulturellen Anstrengungen und Differenzen deutlich werden. Eine abschließende Wertung fokussiert das als Mammutprogramm titulierte Engineering Capacity Building Programme, für das der Autor bis 2007  im Einsatz war. Dabei geht er auch mit sich selbst und anderen in die Lehre: „“Wichtig wäre es, ein offenes Ohr zu behalten und mehr zuzuhören, sich mit vielen zu vernetzen, gegenseitiges Coaching und Dialogformen zu entwickeln, mit denen man das herausfinden kann, worauf es ankommt, was wirklich aussichtsreich ist und funktionieren könnte….“<br />
Sic! Auch in diesem Sinne ist das reich bebilderte Buch eine spannende und empfehlenswerte Lektüre.</p>
<p><em>„Äthiopien – von innen und außen, gestern und heute“. 428 S. 49 Farbabb. 220 mm Verlag/Jahr: BOOKS ON DEMAND 2010 ISBN: 3-8391-9534-9 (3839195349)  Neue ISBN: 978-3-8391-9534-5 (9783839195345) </em><br />
Rezension von Fritz A. Feder</p>
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		<title>… &#8220;über alles in der Welt&#8221;;  und über Presse &#8211; &#8220;und Recht und Freiheit&#8221;. Und &#8211; hoffentlich nicht mehr lange: Über Wulff und all das …</title>
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		<pubDate>Tue, 10 Jan 2012 02:46:36 +0000</pubDate>
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		<description><![CDATA[Es ist ein Teil der deutschen Tradition, ein Wort wie (und wäre das &#8220;nur&#8221; Presse-) Freiheit nicht für sich allein stehen zu lassen. Ruft da wer, egal was für eine  „Freiheit!“, schon gesellt ein anderer „Ordnung!“ dazu; wer da klug ist, redet gleich von „Freiheit und Verantwortung“ oder preist die Freiheit, warnt jedoch im gleichen [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Es ist ein Teil der deutschen Tradition, ein Wort wie (und wäre das &#8220;nur&#8221; Presse-) Freiheit nicht für sich allein stehen zu lassen. Ruft da wer, egal was für eine  „Freiheit!“, schon gesellt ein anderer „Ordnung!“ dazu; wer da klug ist, redet gleich von „Freiheit und Verantwortung“ oder preist die Freiheit, warnt jedoch im gleichen Atemzug vor ihrem Missbrauch wäre es auch nur, einen auf einen Anrufbeantworter draufgerotzten Text zu veröffentlichen).<span id="more-7133"></span></p>
<div id="attachment_7148" class="wp-caption alignright" style="width: 260px"><a href="http://www.rundschau-hd.de/wp-content/uploads/2012/01/präsidialer_kurzschluss2.jpg"><img class="size-full wp-image-7148" title="präsidialer_kurzschluss" src="http://www.rundschau-hd.de/wp-content/uploads/2012/01/präsidialer_kurzschluss2.jpg" alt="" width="250" height="360" /></a><p class="wp-caption-text">Vorsichtig, Herr Bundespräsident, gleich tuts einen Schlag - hören Sie auf damit … got</p></div>
<p>Diese Angst vor der Freiheit, der Verdacht, daß sie gar zu leicht zu Anarchie und Zügellosigkeit entarte, trifft merkwürdigerweise nur die friedsamen Anhänger des Rechtsstaates. Ihnen gilt die Obsorge unseres demokratischen Obrigkeitsstaates, der alles reglementiert, vom Autogurt bis zum Ladenschluß, Freiheit in Festreden großzügig austeilt, in der Praxis aber allenfalls häppchenweise.  Ein besonderer Argwohn der Machthaber hat &#8211; was Wunder &#8211; schon immer der Pressefreiheit gegolten, weil sie deren Wahrnehmungen am stärksten zu fürchten haben. In den Anfangsjahren der Bundesrepublik hatte das Bundesverfassungsgericht einiges dazu getan, die Presse- und Informationsfreiheit zu sichern. Inzwischen nähern wir uns einem Zustand, in dem die (wir) Journalisten als Stand von steuerlichem Entgegenkommen bis hin zum Zeugnisverweigerungsrecht privilegiert werden, aber &#8211; nicht nur aber auch dafür steht etwa der „Lauschangriff“ &#8211; außer Stand gesetzt werden könnten, ihrem kritischen Auftrag noch nachzugehen.   Gesetz gewährt Vertrauensvorschuß. Dass Kritik die Mächtigen stört, ist weder verwunderlich noch neu. Aus gutem Grund gibt es ein Recht auf Gegendarstellung, wird jemand durch eine Tatsachenbehauptung in seinen Rechten gekränkt, soll, muß er erwidern dürfen, ohne zuvor einen langwierig-umständlichen Prozeß führen zu müssen. Es wird ihm deshalb ein Vertrauensvorschuß vom Gesetz gewährt; er braucht nur die Gegenbehauptung zu dem über ihn Veröffentlichten in bestimmter Form aufzustellen, und diese muß gedruckt werden.  Als Behelf eines Einzelnen gegen die Medien der öffentlichen Meinung ist die Gegendarstellung ein geeignetes, ja manchmal notwendiges Mittel. In der Praxis ist sie längst zum Einfallstor von Interessen geworden, die unendlich mächtiger sind, als die Presse selbst. So ist es schon fast üblich geworden, daß falsche Gegendarstellungen durchgesetzt werden &#8211; einfach im Vertrauen darauf, daß der nachfolgende Prozeß sich hinziehe, bis der Augenblick der Gefahr vorüber, der Sachverhalt uninteressant geworden ist.</p>
<p>Es gibt freilich auch Politiker und Einflußinhaber, die ihr Privates entblößen, zum Blick hinter die Kulissen einladen, wenn sie sich Werbewirkung davon versprechen; mißlingt´s, ertönt ein Schrei von Ehrenschutz und Intimsphäre. Recht, aber Freiheit? Neue Rechtspraxis? Neuerdings treten Richter auf, die Berichte über beeidete Äußerungen verbieten wollen, wenn nicht das Presseorgan einen Wahrheitsbeweis für die Aussage antreten kann. Schon melden sich auch Rechtslehrer zu Wort, die die bloße Verwertung von Nachrichten untersagt wissen wollen, die „illegal“ zustande gekommen sind. Wenn dergleichen in diesem unserem Lande Rechtspraxis werden sollte, dann könnte in Deutschland nie ein Watergate enthüllt werden, dann hätte „Capital“ erst vor der IOS warnen dürfen, als Cornfeld bereits verhaftet war, und da hätten wir über Fürniß (wir sind gerade mal wieder in Heidelberg) erst schreiben dürfen, wenn dieser bereits wieder ganz nach Wiesloch zurückgekehrt sein wird. In anderen Ländern hüten sich die Gerichte, der Presse in den Arm zu fallen. Hingegen verhängen sie drakonische Strafen oder bewilligen hohen Schadenersatz, wenn jemandem Unrecht geschehen ist. Das ist allemal besser, als eine Einschränkung der Pressefreiheit. Die nämlich ist uns, wie jede Freiheit, teuer. So muß uns es deren Mißbrauch auch sein dürfen.  Und der Datenschutz? Wer heute über die Gefährdung der Privatsphäre &#8211; und auch das hat mit Pressefreiheit zu tun &#8211; durch Datenverarbeitung reden oder schreiben will, hat sich erst einmal zu entschuldigen. Er muß ein Bekenntnis nach etwa folgendem Muster ablegen: Ich bin gegen übertriebenen Datenschutz. Ich bin kein Maschinenstürmer. Ich will dem Fortschritt von Wissenschaft und Technik nicht im Wege stehen. Ich will den Staat nicht künstlich dumm machen und die Kriminalitätsbegrenzung nicht behindern. Ich erkläre deshalb, daß Datenschutz kein Täterschutz sein soll &#8230; Erst nach solchen Verbeugungen nach allen Seiten darf man dann, ohne krumm angesehen zu werden, zu reden beginnen.  Ach, wie doch das beruhigt: Eine Kontrolle sowohl der Presse wie die die Informationsnetze erfassende Kommunikation Fernsehen, Radio, Zeitung, Schreibmaschine, Computer und Rotationsdruck &#8211; , wird lückenhaft bleiben. Zur Erzeugung von Mißtrauen nämlich müßten Staat, Kirche und andere Institutionen das Prinzip der Begegnung  selbst zu fassen bekommen, jenen Funken, der Achilles in Bewegung setzte, wo Patroklos nichts zu erwarten wagte. Dieser rasende Eros dann überrascht die, die er erfaßt und läßt etablierten Machthabern, Kirchenoberen, Bundespräsidenten sowie Oberlehrern keine Ruhe.</p>
<p>Das hat, merkt <strong>Jürgen Gottschling </strong>fröhlichen Herzens an &#8211; einiges für sich. Dass nämlich gegen die „guten“ Sitten verstoßen und &#8211; wenn es der Wahrheitsfindung dient &#8211; für Ärger gesorgt werden darf. Und muß. Und dass die Neue Rundschau sich auch künftig als Hort nie erlahmender Subversion muß erweisen dürfen. Und dass er gehen müsse, das ihm zu erlauben, das sollten wir  uns und  auch unserem Bundespräsidenten erlauben. Aber, uns fragt ja keiner …</p>
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		<title>Ein in vino veritas &#8211; heute gewidmet dem, der mit der Wahrheit tanzt. Und, der -„die ihm noch eine Chance gibt“ &#8211; ehrenwerten Gesellschaft …</title>
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		<pubDate>Sun, 08 Jan 2012 15:24:04 +0000</pubDate>
		<dc:creator>admin</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Dass man den Worten der Menschen nicht trauen kann, dies Dilemma ist so alt wie die Sprache. Gleichermaßen aber unausrottbar wie die Lüge ist auch das Verlangen nach Wahrheit. Bei allen unzähligen Versuchen, Kontrollmöglichkeiten für sowohl die Verläßlichkeit von Aussagen, Erklärungen, Ehrenworten oder Schwüren zu entwickeln, stehen Publikum und Richter immer noch dort, wo auch [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Dass man den Worten der Menschen nicht trauen kann, dies Dilemma ist so alt wie die Sprache. Gleichermaßen aber unausrottbar wie die Lüge ist auch das Verlangen nach Wahrheit. Bei allen unzähligen Versuchen, Kontrollmöglichkeiten für sowohl die Verläßlichkeit von Aussagen, Erklärungen, Ehrenworten oder Schwüren zu entwickeln, stehen Publikum und Richter immer noch dort, wo auch die Geschichte des Betrugs begann: vor dem Fiasko, dem Zusammenbruch. Dies zu ändern, müßte man schon die Schöpfung verklagen, was immerhin ein kleiner Gott aus dem dritten oder vierten Glied jener Unsterblichen im Mythos der Antike bereits wagte: <span id="more-7127"></span>Schon Momos hat nach dem Zeugnis Lukians einen der höchsten Götter, Hephaistos, den Designer des homo sapiens, dafür getadelt, dass er den Menschen kein gläsernes Fenster in die Brust gesetzt hat: So nämlich hätte man ihnen ins Herz blicken und ihre Wünsche und Gedanken beobachten können, um so die Wahrheit ihrer Worte zu überprüfen.</p>
<p><strong>Wahrheit &amp; Evolution</strong><br />
Der Tadel blieb in der Evolution ohne erkennbare Wirkung. Bis einige hundert Jahre, nachdem des kleinen Gottes Kritik zu Protokoll genommen war, sich ein Autor vor sein Publikum begab und versprach, so aufrichtig über sein Leben und über seine Fehler zu schreiben, auf dass ein jeder Leser würde in seinem Herzen lesen können. Der Literatur- und Gesellschaftsreformer  Jean-Jaques Rousseau war es, der Sprache und Menschen wieder an ihren Ursprung zurückführen wollte, um Heuchelei und Lüge aus der Welt zu vertreiben. Der Gedanke jedoch an eine technische Lösung durch Götter war so leicht nicht zu vertreiben. Noch in Ludwig Tiecks Roman &#8220;William Lovell&#8221; (1795/96) klagte der Titelheld darüber, dass es keine Teleskope gäbe, um &#8220;in das tiefe Firmament unserer Seele zu schauen&#8221;. Ein Jahrhundert später erfand der italienische Jurist und Schriftsteller  Paolo Montegazza in seinem futuristischen Roman &#8220;Das Jahr 3000&#8243; dieses Teleskop, das erlaubte, es zu tun: in die Herzen der Menschen zu schauen.</p>
<p><strong>Wahrheit &amp; Daumenschrauben</strong><br />
Zwar ist die physikalische Teleskopie seither entscheidend fortgeschritten, wir blicken Millionen Lichtjahre weit in den Weltraum und in die Vergangenheit, der Blick hingegen in die des Tiefe des Herzens &#8211; das bemerken wir wieder einmal mehr- , der Blick also in jene Hirnregionen, innerhalb welcher der Unterschied zwischen Wahrheit und Lüge vielleicht an kleinen Spannungsdifferenzen zu messen wäre, bleibt noch versperrt. Dabei haben doch Richter, Ingenieure, Chemiker, Journalisten und Physiologen nichts unversucht gelassen: Man hat Daumenschrauben angelegt, Lügendetektoren unter Strom gesetzt, Wahrheitsdrogen verabreicht, mit in vino veritates unter die Leser gebracht und hypnotisiert, um &#8220;in den Herzen zu lesen&#8221;. Psychoanalytiker brachten sogar das Unbewußte zum Sprechen &#8211; doch die Nervenbahnen und Synapsenschaltungen, die das Wahre und das Unwahre regulieren, arbeiten weiter im Verborgenen.</p>
<p><strong>Wahrheit &amp; Vertrauen</strong><br />
So haben wir dem Problem der Unerkennbarkeit des Betruges am Körper und in den Worten des Sprechenden durch den Einsatz einer uralten Maschine recht getan: durch das Vertrauen. Es wird doch nicht nur unser Verhältnis zu Politikern, sondern unser gesamtes Sozialverhalten durch eine Art treuherziger Vorleistung gesteuert, die eben nun mal Vertrauen genannt wird. Ohne Vertrauen, so erklären uns das Psychologen wie Gesellschaftswissenschaftler, könne überhaupt kein Sozialsystem funktionieren, nicht einmal die Straße würde man betreten, ohne die vertrauensvolle Sicherheit, Autos würden an einer roten Ampel auch wirklich halten …</p>
<p><strong>Wahrheit &amp; soziale Beziehungen</strong><br />
Es vergibt das Vertrauen aber seine Kredite nur solange, wie es nicht enttäuscht wird. Ein Verkehrsunfall kann mein Vertrauen in die Berechenbarkeit und Verläßlichkeit fremden Verhaltens gleichermaßen nachhaltig erschüttern, wie das Verhalten von Politikern. Bereits der Staatsphilosoph Thomas Hobbes  empfahl allen Herrschern (&#8220;Leviathan&#8221;), in ihren (eigenen) Herzen zu lesen und zu erkennen, wie sehr die in die Herzen geschriebenen Wahrheiten befleckt sind von Heuchelei und Lüge. Was aber ist Vertrauen? Es ist die mehr oder weniger bewußte Annahme, dass, was eine Person über sich selbst und ihre Absichten gesagt hat, nicht alledem zuwiderhandelte. Im Sinne also des Gottes Momos wäre Vertrauen die Erwartung, es spreche und handle ein jeder, als trüge er ein Fenster in der Brust. Sprechen und Handeln umfassen so allein das gesamte Spektrum sozialer Beziehungen.</p>
<p><strong>Wahrheit &amp; Fortschritt</strong><br />
Dazu, dass wir einem Politiker vertrauen, genügt(e) es häufig, dass er einer bestimmten Partei oder Konfession angehört. Ausfüllen aber können Politiker diese Funktion erst, nachdem wir sie mit jener magischen Kraft ausstatten, dass wir nämlich ihre Reden für wahr halten. Aber bitte, was ist das, die Wahrheit?<br />
Das fragte bereits Pilatus seinen Angeklagten Jesus; seine uralte und offenbar unerschütterliche philosophische Tradition versteht unter Wahrheit ein Abbildungsverhältnis zwischen der Wirklichkeit und der Sprache. Platon<br />
gab in seinem Dialog &#8220;Sophistes&#8221; die Definition: &#8220;Wahrheit ist die kundige Nachahmung, die richtige Rede vom Seienden&#8221;. Mehr als zweitausend Jahre später nahm sich Wittgenstein in seinem &#8220;Tractatus logico-philosophicus&#8221; des Themas an: &#8220;Der Satz ist ein Bild der Wirklichkeit&#8221; &#8211; diese beiden sehr ähnlichen Formulierungen müssen den Verdacht nähren dürfen, dass die Wissenschaft von der Wahrheit im Gang durch noch so viele Jahrhunderte keinen rechten Fortschritt gemacht habe.</p>
<p><strong>Wahrheit &amp; Philosophie</strong><br />
Es war eine der ersten großen abendländischen Kontroversen um die wahre Rede, die (vierhundert vor Chr.) Platon mit den Sophisten führte, die der Nachwelt als philosophische Debatte gilt; im Kern aber betraf dieser Konflikt bereits die Verteilung und Organisation der Staatsmacht. Platons Sokrates ließ keine Gelegenheit aus, den Sophisten &#8211; welche Rede zum käuflichen Gegenstand gemacht hatten &#8211; vorzuwerfen, sie verdürben und verführten die Jugend, indem sie rhetorische Trugbilder der Welt und der Wahrheit verbreiteten. In der platonischen und sokratischen Kritik  ist der Sophist ein Geschäftsmann, der bei seinen Zuhörern den Eindruck erweckt, seine Reden seien die Wahrheit und &#8220;nichts als die Wahrheit&#8221;, derweil Platon versprach, dass, habe sich der Staat erst einmal nach den Prinzipien der Gerechtigkeit aufgebaut, auch das Problem der Macht verschwinde. Solch ein Gemeinwesen wird nicht durch unzählige Gesetze regiert, sondern durch Vertrauen auf das Hergebrachte. Isokrates, ein Zeitgenosse Platons, hat dieses Staatskonzept auf die Formel gebracht: &#8220;Bürger, die richtig regiert werden, bedürfen nicht der haufenweise auf Säulen geschriebenen Gesetze, sondern sie tragen die Gerechtigkeit geschrieben in ihren Herzen.&#8221;</p>
<p><strong>Wahrheit &amp; Profitgier</strong><br />
Des Platons drei Elemente antisophistischer Kritik seien auch heute gültig wider den Betrug durch Mißbrauch der Sprache, gegen die das Wahrheitsstreben ruinierende  Profitgier und den Machtmißbrauch durch ein Übermaß an Vorschriften. Genau nämlich diese Vorwürfe kehren in den Revisionen der Macht und bei der Wiederaufbereitung des Wahren wieder. Zunächst im Kampf der christlichen Dogmatik gegen die jüdische Gesetzesdoktrin. Die vernichtende Kritik, die Jesus an den jüdischen Schriftgelehrten übte, zielte zugleich auf eine juristische wie sprachtheoretische Reform. Er warf ihnen vor, dass sie eine buchstäbliche Auslegung der alten Gesetzesbücher betrieben, statt ihren Geist zu erfassen. Matthäus und Lukas bezeugen, Jesus habe sie als Heuchler, als Blinde und Verrückte  beschimpft, denen  &#8211; weil sie das schriftliche Zeugnis der Wahrheit verfälscht haben &#8211; keine rechte Erkenntnis Gottes habe gelingen wollen und können.</p>
<p><strong>Wahrheit &amp; Schriftgelehrte</strong><br />
Auch den Pharisäern und Schriftgelehrten war ja bekanntlich der Vorwurf nicht erspart geblieben, dass sie nur um des materiellen Vorteils wegen ihre Ämter ausübten (Matth. 23 und Luk.11). Verfälschung der Wahrheit und Heuchelei und Lügen um des mammonal-finanziellen Interesses wegen, das waren schon damals die wesentlichen Anschuldigungen. Aber auch hier folgt die (sic) christliche Doktrin dem Vorbild der platonischen Polemik gegen die sophistische Legalität. So schrieb Paulus &#8211; der Justitiar unter den Aposteln &#8211; im Römerbrief, alle überlieferten Gesetze taugten nichts, denn entweder wären die Menschen gerecht oder nicht. Er begründete seine Beweisführung damit, dass auch die Heiden das Gesetz Gottes aus natürlichem Antrieb befolgten. Ihnen sei das Gesetz ins Herz geschrieben (Römer 2,15); mithin habe die aufwendige Gesetzesauslegung der Juden wenig bis gar keinen Wert. Vergessen wir nicht, dass es bei der christlichen Revision der alten jüdischen Gesetzeslehre vor allem um Politik und um Macht ging. Die christliche Eroberung erst Europas und dann &#8211; ja, genau &#8211; der ganzen Welt, hat diese Tendenz unbezweifelbar ins Licht gebracht. Wenn Weltpolitik damals wie heute und immerdar der christlichen Gesetzgebung im Namen Gottes geführt wurde, so geschah und geschieht das aus machttechnischen Notwendigkeiten: Wahrheit lockt Vertrauen aus der Reserve. Machiavelli hat das in seinen &#8220;Discorsi&#8221; in unbekümmerter Deutlichkeit ausgesprochen: &#8220;Es gab tatsächlich noch nie einen außergewöhnlichen Gesetzgeber in einem Volk, der sich nicht auf Gott berufen hätte, weil seine Gesetze sonst nicht angenommen worden wären&#8221;.</p>
<p><strong>Wahrheit &amp; Reformation:</strong><br />
<strong>Zurück in die Zukunft</strong><br />
Nach diesem Modell operierte auch Martin Luthers Reformation. In seiner Polemik gegen die römische Orthodoxie griff er just jene Formel auf, die bereits Jesus und Paulus gegen die jüdische Schriftverwaltung ins Feld geführt hatten. Die Lektüre seiner Reformationsschrift von 1520 &#8220;An den christlichen Adel deutscher Nation&#8221; läßt überdeutlich erkennen, dass es ihm nicht &#8211; nur &#8211; um eine Kirchenreform, sondern allemal um eine Gesellschaftsreform ging: &#8220;Der Papst, er ist ein Hirte &#8211; ja, wenn du Geld hast, und sonst nicht! Es ist ihnen nur um das verfluchte Geld zu tun und um sonst nichts. So rate ich, falls dieses Narrenwerk nicht abgeschafft wird, dass jeder fromme Christ seine Augen aufmache und sich nicht von den römischen Bullen, Siegeln und von der Heuchelei beirren lasse&#8221;.</p>
<p><strong>Wahrheit &amp; Politik</strong><br />
Bis heute zeigt die Geschichte der Wahrheit, dass die bisweilen sowohl Philosophen wie erst recht Politiker aus der Bahn werfende Macht nicht die einfache und banale Staatsmacht ist. Vielmehr haben wir es hier mit der Notwendigkeit zu tun, diese &#8220;Macht und die Herrlichkeit&#8221; mit Zyklen und Wiederaufbereitungen des Wahren zu bemänteln. So wird das von Politikern alleweil gern gespielte Spiel simulierter Wahrheiten irgendwann tatsächlich wahr. Und wer heute von Politikern Ehrlichkeit verlangt, darf nicht verdrängen, dass noch immer jede, in der Tat wirklich jede Wahrheit aus unzählbaren Wiederholungen auch von Lügen besteht. Das erleben wir immer mal wieder, derzeit gerade protagoniert diese Wahrheit als freilich widerwärtige Posse Christian Wulff von Merkels Gnaden …</p>
<p><strong>Wahrheit zu guter Letzt &#8211; die bundespräsidentiale:</strong><br />
Nennt man aber nicht gewöhnlich alle Mitglieder gesetzgebender Körperschaften ehrenwert? Was wäre da nun also neu? Meiner &#8211; das sei eingeräumt langen &#8211; Schreibe nun zu guter Letzt doch angenehm kurzer Sinn? Da habt Ihr ihn: Ein Bundespräsident, der. indem er die Wahrheit verschweigt, der Unwahrheit das Wort redet, muss zurücktreten. Da kann er noch so sehr und noch so viel den von ihm gefühlten Rückhalt in der Bevölkerung gespürt zu haben meinen. Ich jedenfalls -<strong> Jürgen Gottschling </strong>- kenne solche Bürger nicht“ &#8211; geben aber wir dem gläubigen Christen (siehe:  &#8220;Wulff im Schafspelz&#8221;) <a href="http://www.youtube.com/watch?v=qjyjn1AkXsg&amp;feature= ">dies wunderschöne Lied</a> aus dem evangelischen Kirchengesangbuch mit auf seinen steinigen &#8211; und, der Nachfolge wegen &#8211; dornenreichen Weg!</p>
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